Philipps Universität Marburg
Fachbereich 09: Germanistik und Kunstwissenschaften
Institut für Kunstgeschichte
Analogien zwischen Geschlecht und Skulptur
bei Lynda Benglis
Philipp Blum
9. Semester Kunstgeschichte Magisternebenfach
Se.: Dinge und Undinge
Wintersemester 06/07
Analogien zwischen Geschlecht und Skulptur bei Lynda Benglis
2
Inhalt
1. Einleitung Seite 03
2. Neue Kunst und neues Denken Was ist ,,Postmoderne Kunst"? Seite 04
2.1 Zwischen Beliebigkeit und Pluralität Postmoderne oder postmodern Seite 05
2.2 Zuschreibung oder Gehalt Was ist postmoderne Kunst? Seite 06
3. Zwischen Skulptur und Malerei Lynda Benglis Seite 08
3.1 Reflexionen des Materials Farbe und Polyuritan Seite 09
3.2 Erschüttung der Form als Erschütterung der Form Seite 10
3.3 Sex/Genderaspekte in Benglis Kunst Seite 11
3.4 Kunstform Frau Benglis und Feminismus Seite 15
4. Theoretischer Zugang: Dekonstruktion nach Judith Butler Seite 16
4.1 Die Macht des Diskurses Foucaults Einfluss auf Butler Seite 17
4.2 Dekonstruktion des Geschlechts nach Judith Butler Seite 18
4.3 Analogien zwischen Geschlecht und Skulptur bei Benglis und Butler Seite 20
5. Fazit Seite 21
Literatur Seite 22
Internetquellen Seite 23
Analogien zwischen Geschlecht und Skulptur bei Lynda Benglis
3
1. Einleitung
In dieser Hausarbeit möchte ich mich mit den Wechselwirkungen zwischen
theoretischer Kunstreflexion und praktischer Kunstausübung am Beispiel von Lynda
Benglis ,,Polyurethanskulpturen"1 und einigen Vorformen dieser
auseinandersetzen. Ausgangsthese dieser Arbeit ist, dass sich Bedeutung in der
gegenwärtigen Kunst in erster Linie über einen reflexiven, theoretischen Zugang
erschließen lässt, weswegen ein naives Betrachten von Kunst heute solange es
an dem Erkennen objektiver Bedeutung orientiert ist scheitern muss, da solche
Prozesse einer Bedeutungskonstruktion, die auf eine Eindeutigkeit ferner einen
sinnfälligen Appell an eine außerästhetische Wirklichkeit des Kunstwerks der
Bedeutung abzielen, nicht länger aktuell sind. Schon der Versuch einer
unfassenden Einordnung der Kunst nach 1960, die oft mit dem Begriff postmodern
etikettiert wird, zeigt die Schwierigkeiten auf, die der Umgang mit
,,postmoderner Kunst" bereitet. Beschreibt der Begriff ,,postmodern" doch in
erster Linie eine geistesgeschichtliche Strömung soziologischer und
philosophischer Provenienz, die erst sekundär über die Semiotik zum Mittel der
Kunstreflexion geworden ist. Um Missverständnisse auszuräumen: Es wird hier kein
Zweifel an der Charakterisierung einer Kunst als postmodern geäußert; im
Gegenteil, eine solche Charakterisierung wird hier ausdrücklich bejaht:
einerseits, weil nicht nur die postmoderne Geisteshaltung, sondern auch die
Kunst nach 1960 im Allgemeinen wie auch das Werk Benglis′ im Speziellen das
Festhalten an Eindeutigkeiten negiert; andererseits, weil eine solche
Zuschreibung die Verschränkung theoretischer Perspektiven mit Kunstwerken und
deren Wechselwirkungen vorführt.
Während das gewohnte Bild einer Kunstepoche neben einer geistes- und/oder
gesellschaftsgeschichtlichen Strömung (es gibt keine barocke Philosophie, wohl
aber eine Philosophie im Zeitalter des Barock) bis zu den zahlreichen Ismen der
klassischen Avantgarden bestand hatte, die ihrerseits meist mit eigenem
theoretischen Manifest aufwarteten, zeigt sich für die darauf folgende Kunst
häufig eine Tendenz zur Verbundenheit von allgemein theoretisch philosophischen
Strömungen und den eigentlichen Kunstobjekten wie es eben in der Phrase von der
postmodernen Kunst2 zum Ausdruck kommt. Trotz aller Problematik und Unschärfe,
die sich mit dem Begriff der Postmoderne verbindet soll hier nicht auf seine
Anwendung verzichtet werden, nähere Angaben zur Orientierung und Anwendung
dieses Begriffs sowie die Motivation seiner Verwendung für diese Hausarbeit
sollen im folgenden Kapitel geklärt werden.
1 Die Identifikation von Benglis Polyurethanarbeiten als Skulptur ist hier
als eine vorläufige Hilfsbeschreibung aufzufassen, inwiefern sich Benglis
Arbeiten überhaupt in das klassische Gattungsgefüge aus Malerei, Skulptur und
Architektur integrieren lassen oder diese gewohnten Begrifflichkeiten nicht nur
im Zusammenhang ihres Schaffens obsolet werden wird im folgenden noch zu
besprechen sein.
2 Die Bezeichnung einer postmodernen Kunst soll keine Epochenzuschreibung
anzeigen, sondern dient hier vorläufig in erster Linie jene Kunst deren
Entstehung nach den klassischen Avantgarden erfolgte zu subsumieren.
Analogien zwischen Geschlecht und Skulptur bei Lynda Benglis
4
Einschränkend möchte ich bereits an dieser Stelle erklären, dass es hier
weder um eine makroperspektivische Analyse der gegenwärtigen Kunst, bzw. der der
jüngsten Vergangenheit gehen soll und noch viel weniger um den Wahnwitz eines
Versuchs allgemeingültige Schlüsse aus der Betrachtung einer einzelnen
Künstlerin zu ziehen. Es geht aber ferner auch nicht darum, in den Scheuklappen
einer werksimmanenten Analyse verhaftet zu bleiben. Natürlich ist ein solcher
Blick nicht sehr umfassend oder auch nur im Ansatz absolut und erhebt demnach
auch nicht den Anspruch den angedeuteten Themenkreisen in einer absoluten Gänze
gerecht zu werden. In dieser Konsequenz und unter Bezug auf das eingangs
gesagte, soll Folgendes dieser Arbeit als eine mögliche Betrachtung unter vielen
verstanden werden, allerdings ohne einer Beliebigkeit Vorschub zu leisten, die
der postmodernen Pluralität gerne zum Vorwurf gemacht wird. Im Einzelnen möchte
ich zunächst Lynda Benglis und eine Auswahl ihrer Arbeiten in Polyurethan
vorstellen und anschließend über die Gender Studies einen Bedeutung
konstruierenden, theoretischen Zugang zu erarbeiten, indem ich vertieft auf die
Theorie Judith Butlers eingehen werde. Zunächst erscheint es mir jedoch sinnvoll
den zeitlichen Rahmen in der die zu thematisierenden Arbeiten Lynda Benglis′
entstanden sind auch geistesgeschichtlich näher zu beschreiben.
2. Neue Kunst und neues Denken Was ist ,,Postmoderne Kunst"?
In diesem Kapitel möchte ich mich dem Gegenstand dieser Hausarbeit von zwei
Seiten nähern: In der Einleitung wie auch im Titel dieses Kapitels wurde der
nicht unumstrittene Begriff postmodern verwendet. Dieser Begriff erfreut
sich nun schon einige Weile einer gewissen Konjunktur in den Geistes- und
Sozialwissenschaften und hat auch ausgehend von der Literaturwissenschaft die
Kunstgeschichte nicht unberührt gelassen.3 Dabei muss bestätigt werden, dass die
klassifizierende Bezeichnung postmodern häufig analytisch unscharf und nicht
selten beliebig angewendet worden ist und mitunter angewendet wird.
Dementsprechend soll einer solchen Zuschreibung vorbeugend in einem ersten
folgenden Unterkapitel der
3 Vgl. Welsch, Wolfgang: Unsere postmoderne Moderne; Akademie
Verlag; 6. Auflage; Berlin, 2002; Seite 9
Analogien zwischen Geschlecht und Skulptur bei Lynda Benglis
5
Begriff, seine Anwendbarkeit auf das Gebiet der Kunstgeschichte und seine
konkrete Verwendung in dieser Arbeit vorgestellt werden. Darauf folgend möchte
ich noch einmal explizit den Anwendungsbereich des Begriffs in der bildenden
Kunst beschreiben und erste Entwicklungen der Kunst nach 1960 vorstellen, denen
dieser Begriff zugedacht worden ist.
2.1 Zwischen Beliebigkeit und Pluralität Postmoderne oder postmodern
Vorab drängt sich eine weitere Unterscheidung auf: zwischen einem diffusen
und einem präzisen Postmodernismus. Der diffuse ist der grassierende. Seine
Spielarten reichen von wissenschaftlichen Universal-Mixturen in
Lacan-Derrida-Tunke bis zu aufgedrehten Beliebigkeits-Szenarien chicer
Kulturmode.4
Dieses Zitat soll über die Problematik, die sich mit der Verwendung des Begriffs
postmodern ergibt, Auskunft geben. Tatsächlich ist nicht selten die Verwendung
des Begriffs Postmoderne mit einem Epochenanspruch verknüpft, doch wie Welsch
aber bereits eingangs seines Buches erklärt, und dieser Haltung schließe ich
mich an, übernimmt sich der Begriff mit diesem Anspruch zweifelsfrei. Nicht nur
wie es bei Welsch zu lesen ist wegen seiner Gehalte, die nicht einfach
jenseits der Moderne stehen5, sondern weil seine Gehalte selbst einer so
perspektivierenden Entität wie einer Epoche radikal entgegenstehen. Trotzdem ich
mich Welsch anschließe und mich in diesem Kapitel vorrangig auf ihn beziehen
werde, sei an dieser Stelle bereits verraten; es wird und soll ohne Derrida und
Lacan zumindest indirekt nicht gehen.
Zunächst allerdings nicht zuletzt um eben jener angesprochenen Diffusion
vorzubeugen erscheint es jedoch sinnvoll den Begriff der Postmoderne näher zu
beschreiben und zu präzisieren. Der Begriff postmodern wird als Reflexion der
Verfasstheit moderner (westlicher) Gesellschaften aufgefasst, und diese
Verfasstheit äußert sich in der Pluralität von Bedeutungen. Anstelle der einen
Wahrheit treten differente Betrachtungen Grenzen von Realität und Virtualität
erscheinen zunehmend weniger klar und verschwommen. Postmoderne ist in dieser
ersten Annäherung nicht als eine Erfindung, die diese Pluralität generiert,
sondern der Modus unter der diese reflektiert werden kann. Umso mehr erscheint
Postmoderne als Konzeption nicht der Verengung sondern als Potenzierung von
Bedeutung. Postmoderne soll in dieser Arbeit also nach Welsch als Verfassung
radikaler Pluralität verstanden werden.
4 Ebd. Seite 2. (Welsch bezieht sich in der Charakterisierung des diffusen
Postmodernismus eigener Angabe zu Folge auf den Artikel ,,Lacancan und
Derridada. Über die Frankolatrie in den Kulturwissenschaften" von Klaus
Laermann).
5 Vgl. ebd. Seite 1.
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Magister Artium Philipp Blum, 2007, Analogien zwischen Geschlecht und Skulptur bei Lynda Benglis, Munich, GRIN Publishing GmbH
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