Hans Jürgen Lichtenberg
CDU/CSU und Wiederbewaffnung
Die Sicherheits- und Wehrpolitik der Union
von ihrer Gründung 1945 bis zur Unterzeichnung des EVG-Vertrages 1952
3
INHALT
VORWORT
7
EINFÜHRUNG
1.
Bestandsaufnahme
8
2. Gegenstand, Eingrenzung und Zielsetzung
9
3.
Fragestellung
11
4. Quellenlage
13
TEIL I
SICHERHEIT- UND AUSSENPOLITISCHE STELLUNGNAHMEN
DER CDU/CSU VOR GRÜNDUNG DER BUNDESREPUBKLIK
1. Die Union - eine neue Partei in einem neuen Deutschland
1.1.
Der
historische
Hintergrund
15
1.2. Der politische Gestaltungswille
der
Parteigründer
18
1.3. Das grundsätzliche Verhältnis zum Militarismus und Soldatentum
1.3.1. Frühe Äußerungen zum allgemeinen Militarismusproblem und
zum Soldatentum
22
1.3.2.
Das
Kriegsverbrecherproblem
30
1.3.3. Das Bemühen um die Heimkehrer und deren Eingliederung in
die Nachkriegsgesellschaft
32
2. Sicherheitspolitische Aspekte in der Außenpolitik der Union
2.1. Die außen- und sicherheitspolitische
Ausgangslage
34
4
2.2. Der Adenauer/Kaiser - Konflikt
40
2.3. Die Entscheidung für den Westen
45
3. Die ersten Diskussionen um einen deutschen Wehrbeitrag
3.1. Ausländische Stimmen zu einer aktiven deutschen Beteiligung an der
Verteidigung des Westens als Ursache der Wehrbeitragsdiskussion
in Deutschland
51
3.2. Die Union in der Auseinandersetzung um Entmilitarisierung
und Wiederbewaffnung
3.2.1. Diskussionen im Parlamentarischen Rat
55
3.2.2. Stellungnahmen der CDU/CSU zum
Wehrbeitrag
63
TEIL II
SICHERHEITSPOLITISCHE ÜBERLEGUNGEN UND INITIATIVEN
DER UNION VON DER GRÜNDUNG DER BUNDESREPUBLIK
BIS ZUM AUSBRUCH DES KOREAKRIEGES
1. Das Sicherheitsbedürfnis der Bundesrepublik als Folge des
Kalten
Krieges
75
2. Wege zur Lösung des Sicherheitsproblems
2.1. Meinungen und Überlegungen bei den Westalliierten
2.1.1. Das Problem der Verteidigung Westeuropas
81
2.1.2. Die Frage einer westdeutschen
Wiederbewaffnung
84
2.2. Meinungen und Initiativen der CDU/CSU
2.2.1. Die Frage eines Wehrbeitrages
89
2.2.2. Das Bemühen um die Schaffung einer Bundespolizei
107
2.2.3. Das Verhalten der Parteibasis zum Sicherheitsproblem
114
3. Adenauers sicherheitspolitische Konzeption und Methode
116
5
TEIL III
CHRISTLICH-DEMOKRATISCHE SICHERHEITS- UND WEHRPOLITIK
VOM AUSBRUCH DES KOREAKRIEGES BIS ZUR UNTERZEICHNNG
DES EVG-VERTRAGES
1. Die Formierung der CDU/CSU - Sicherheitspolitik
1.1. Reaktionen auf den Ausbruch des Koreakrieges
1.1.1. In- und ausländische Stimmen und Folgerungen zur Lage
121
1.1.2. Reaktionen der Union
1.1.2.1. Adenauers Initiativen und
Forderungen
131
1.1.2.2.
Überlegungen
und
Stellungnahmen
156
1.2. Der Adenauer/Heinemann - Konflikt
1.2.1.
Der
Rücktritt
Heinemanns
170
1.2.2. Auswirkungen des Konfliktes innerhalb der Union
183
1.3. Vorstellungen der Union zum deutschen Wehrbeitrag im
Verhältnis zu denen der Westmächte
194
2. CDU/CSU und die Europäische Verteidigungsgemeinschaft
2.1.
Die
EVG
als
Grundsatzfrage
212
2.2. Das Streben nach Gleichberechtigung
221
2.3. Die Rehabilitierung des deutschen
Soldaten
230
3. Die Vorstellung der Union von einem demokratischen Wehrgefüge
3.1.
Primat
des
Zivilen
233
3.2.
Staatsbürger
in
Uniform
235
3.3.
Freiwilligen-
oder
Wehrpflichtigenarmee
238
4. Innenpolitische Probleme zur Wiederbewaffnung
4.1.
Die
Frage
der
Neutralisierung
241
4.2.
Wehrbeitrag
und
Wiedervereinigung
247
SCHLUSSBETRACHTUNG
255
6
QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS
1.
Akten
und
Archivmaterialien
259
2..
Gedruckte
Verhandlungsprotokolle
262
3.
Dokumentenveröffentlichungen
263
4.
Wichtige
Einzeldokumente
264
5.
Aufsätze
272
6.
Bücher
und
Broschüren
277
7. Zeitungen, Zeitschriften und Informations- sowie Nachrichtendienste
288
8.
Bibliographien
293
ANHANG
Dokument A: Referat anläßlich der Gründung der Kölner
CDP am 19.8.1945
295
Dokument B: Erklärung der evangelischen Delegierten auf dem
Landesparteitag der CDU/Rhld am 3.12.1950
in Duisburg
306
Dokument C: Brief Theo Blanks vom 16.10.1953 an Adenauer
308
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
311
7
VORWORT
Die Frage der deutschen Wiederbewaffnung steht im Mittelpunkt zahlreicher zeitge-
schichtlicher und politikwissenschaftlicher Arbeiten des In- und Auslandes. Dort wer-
den aber meist ausschließlich Probleme und Zusammenhänge untersucht, die sich nach
Gründung der Bundesrepublik Deutschland aus differierenden Interessenlagen im inter-
nationalen Bereich zwischen (west-)deutschen Vertretern und (West-)Alliierten
und/oder im innenpolitischen Bereich zwischen Regierung und parlamentarischer Op-
position ergaben. Die spezifische Haltung der deutschen politischen Parteien unmittel-
bar nach dem Krieg zum Soldatentum und ihre hieraus resultierende spätere Sicherheits-
und Wehrpolitik, welche primäre Ursache für jene erwähnten differierenden Interessen-
lagen waren, sind bisher jedoch kaum erforscht. In besonderem Maße gilt diese Feststel-
lung für die CDU/CSU. So mag die nachfolgende Untersuchung für den Zeitraum 1945
- 1952 einen Beitrag zur Erforschung der CDU/CSU-Haltung zum Soldatentum und ih-
rer Sicherheits- und Wehrpolitik leisten.
8
EINFÜHRUNG
1. Bestandsaufnahme
In den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches betrieben die meist
noch dezentralisiert agierenden Parteien, so auch die CDU/CSU, eine eifrige Pro-
grammdiskussion. Hierbei spielte in Anbetracht des gerade verlorenen Krieges die Au-
seinandersetzung über positives oder negatives Soldatentum im allgemeinen und über
die Soldaten der ehemaligen Wehrmacht im besonderen eine nicht unwesentliche Rolle.
Nicht zuletzt haben die massiven alliierten Reeducation-Maßnahmen mit ihrer pauscha-
len Verurteilung des deutschen Militärs dazu beigetragen, daß sich derartige Diskus-
sionen bis in die westdeutsche Konsolidierungsphase der Jahre 1947 bis 1949 fortsetz-
ten.
Sicherheitspolitische Überlegungen, welche während der ersten Nachkriegsjahre von
den politischen Parteien kaum angestellt worden waren, gewannen mit zunehmender
Verschärfung des Ost/West-Konfliktes auch in der Union an politischem Gewicht. Als
nach Gründung der Bundesrepublik die CDU/CSU tragende Regierungspartei geworden
war und sie sich schließlich für einen deutschen Wehrbeitrag zur Verteidigung des Wes-
tens entschied, hat die Union zur organisatorischen Durchführung ihrer sicherheitspoli-
tischen Konzeption neue wehrpolitische Vorstellungen entwickelt.
Angesichts der Brisanz, die das Problem einer deutschen Wiederbewaffnung besaß, ist
es erstaunlich, daß die damalige Haltung dieser Partei zur Sicherheits- und Wehrfrage
sowie ihr damit zusammenhängendes Verhältnis zum Soldatentum noch nicht zum Ge-
genstand einer zeitgeschichtlichen oder politikwissenschaftlichen Untersuchung ge-
macht worden ist. Die in der Regel wenig problemorientierten, chronologischen Ab-
handlungen zur Geschichte und Politik der Unionsparteien erwähnen diesen Gegenstand
nur beiläufig und meist als Thema der Außenpolitik
1
.
1
Barzel, R. Die deutschen Parteien. Geldern 1952; Bergsträsser, L.
Geschichte der politischen Parteien in Deutschland, München 1952; Bertsch, H. CDU/CSU demaskiert. Ber-
lin 1961; CDU. Geschichte, Idee, Programm, Statut. Hrsg. Bundesgeschäftsstelle der CDU. Bonn 1967;
Deuerlein, E. CDU/CSU - 1945-1957. Köln 1957; Gross, J. Die CDU. Bonn 1957; Heidenheimer, A. J. Ade-
nauer and the CDU. The rise of the leader and the integration of the Party. Den Haag 1960; Narr, W.D.
CDU-SPD. Programm und Praxis seit 1945. Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1967; Pütz, H. Die CDU. Ent-
wicklung, Aufbau und Politik. Bonn 1971; Tormin, W. Geschichte der deutschen Parteien seit 1848. Stutt-
gart/Berlin/Köln/Mainz 1968
9
Auch die wichtigsten Arbeiten zum deutschen Wehrbeitrag
2
beziehen in ihre Untersu-
chungen die Regierungspartei nicht oder wie bei Arnulf Baring nur den Parteivorsitzen-
den als Bundeskanzler mit ein.
Über die Haltung der Parteien in der Bundesrepublik zu Wehr- und Sicherheitsfragen
liegen spezifische Studien von der SPD und der FDP vor
3
hier allerdings erst mit dem
Jahre 1949 beginnend. Für den Zeitraum von 1945-1949 wird innerhalb dieser Arbeit
zum ersten Mal der Versuch unternommen, von der programmatischen Basis einer Par-
tei ausgehend, die entsprechenden frühen politischen Aktivitäten zu schildern, ohne die
ihre späteren sicherheits- und wehrpolitischen Überlegungen nicht denkbar gewesen
wären.
2. Gegenstand, Eingrenzung und Zielsetzung
Die vorliegende Untersuchung hat die vielfältigen innerparteilichen Interaktionen zum
Gegenstand, die Einfluß auf Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse nahmen, wel-
che die Haltung der Union zum Soldatentum und ihre Sicherheits- und Wehrpolitik be-
stimmten. Auf innenpolitische und internationale Zusammenhänge und Verhandlungen
wird oftmals Bezug genommen. Im Rahmen der Arbeit gilt die CDU/CSU als eine Par-
tei, das heißt, als die Union, so wie sie von den Parteigründern auch gedacht war
4
. Hier-
bei ist dem Verfasser bekannt, welche verfassungsrechtlichen Differenzen und gesell-
schaftspolitischen Unterschiede es in der Vergangenheit zwischen CDU und CSU gege-
ben hat und immer noch gibt. In sicherheits- und außenpolitischen Fragen bestanden je-
doch niemals wesentliche Unterschiede.
Die Eingrenzung der Untersuchung auf die Jahre von 1945 bis 1952 wird durch zwei
historische Geschehnisse vorgenommen und begründet: die bedingungslose Kapitulati-
on der deutschen Wehrmacht und die Unterzeichnung des Vertrages zur Bildung der
2
Die wichtigsten Arbeiten sind:
Baring, A. Außenpolitik in Adenauers Kanzlerdemokratie. München/Wien 1969; Schubert v., K. Wiederbe-
waffnung und Westintegration. Stuttgart 1970; Der deutsche Soldat in der Armee von morgen. Hrsg. Institut
für Staatslehre und Politik e.V. Mainz 1954; Tönnies, N. Der Weg zu den Waffen. Die Geschichte der deut-
schen Wiederbewaffnung 1949-1961. Köln 1961; Wettig, G. Entmilitarisierung und Wiederbewaffnung in
Deutschland. 1943-1955. München 1967
3
Löwke, U. F. Für den Fall, daß ... SPD und Wehrfrage. 1949 - 1955. Hannover 1969; Wagner, D. FDP und
Wiederbewaffnung. Die wehrpolitische Orientierung der Liberalen in der Bundesrepublik Deutschland 1949
1955. Boppard 1978
4
Der langjährige CSU-Vorsitzende Josef Müller ging auf dem Landesparteitag der CSU am 23.10.1955 in
München auf deren Gründungsphase ein und erklärte zur unterschiedlichen Benennung der Unionsparteien
u.a.: ,,Die Wahrheit ist, daß dieser Unterschied mindestens auch dadurch zustande kam, daß wir zu jener Zeit
weder schreiben noch telefonieren konnten. Es gab praktisch nur die freundschaftliche Verständigung über
10
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft sowie des Deutschland-Vertrages im Mai
1952. Während dieser Zeit zwischen vollständiger Entwaffnung und formeller Wieder-
bewaffnung wurden maßgeblich von der Union außen- und sicherheitspolitische Prozes-
se eingeleitet und zu Ende geführt, welche für die politische Entwicklung Westdeutsch-
lands sowie für das wiedervereinigte Deutschland bis auf den heutigen Tag bestimmend
geblieben sind. Beginnend mit der Bejahung ,,pflichtbewußten Soldatentums"
5
über die
Hinwendung zum Westen sowie mit der Verabschiedung eines Grundgesetzes, das eine
Wiederbewaffnung nicht ausschloß, schuf die Partei die Voraussetzungen für die späte-
re Beteiligung an der EVG, gegen die sie wiederum die Souveränität des westdeutschen
Staates aushandelte. Wenn auch durch französische Ablehnung der EVG-Vertrag nicht
in Kraft trat und der reale deutsche Wehrbeitrag sich dadurch verzögerte, war dennoch
die grundsätzliche Entscheidung für eine Wiederaufrüstung im Mai 1952 gefallen. Da-
mit ging ebenfalls für die CDU/CSU ein wichtiger Willensbildungsprozeß zu Ende. Der
damals bezogene sicherheits- und wehrpolitische Standpunkt, welcher sich aus den ver-
schiedensten Wünschen und Wertvorstellungen in den Jahren von 1945 bis 1952 her-
ausgebildet hatte, blieb bis zur endgültigen Aufstellung deutscher Streitkräfte die pro-
grammatische Basis der Partei. Die innerparteiliche Diskussion belegt vielfältig die
These Raymond Arons, wonach Sicherheit ein Grundproblem aller Politik ist
6
. Mit be-
ginnendem Ost/ West-Konflikt verpflocht sich in der Partei bald die Umwandlung des
Bemühens von zu gewährender Sicherheit für die westlichen Nachbarn vor Deutschland
in Bestrebungen nach zu gewährender Sicherheit für Westdeutschland mit einer Reihe
weiterer politischer Fragen. Hierbei sind als Hauptprobleme neben der östlichen Bedro-
hung das Verhältnis zum Westen, die europäischen Einigungsbemühungen, die Bereit-
schaft zur Gestellung eines aktiven Beitrages zur westlichen Verteidigung sowie die in-
nerparteiliche und innerdeutsche Auseinandersetzung um einen solchen Wehrbeitrag zu
nennen. Sie bilden gleichfalls die übergeordneten Orientierungspunkte der Untersu-
chung. Andererseits ergaben sich innerhalb dieser Themenbereiche eine Reihe von Ein-
zelproblemen. So stellte die Union nicht nur die Umerziehungs- und Entmilitarisie-
rungspolitik der Besatzungsmächte in Frage, sondern forderte auch die Rehabilitierung
der deutschen Soldaten. Weiter wurden die unterschiedlichen Beurteilungen eines deut-
schen Wehrbeitrages durch die Alliierten erkannt und von der Partei - verständlicher-
weise primär vom Bundeskanzler - versucht, dies durch interne oder öffentliche Ein-
Mittelspersonen, denen ein amerikanisches Verkehrsmittel zur Verfügung stand." Zitiert nach: Deuerlein, E.
a.a.O. S. 59
5
Vgl. Hermes, A. Weg und Ziel. Rede auf der Gründungskundgebung der CDU am 22.7.1945 in Berlin, in:
HSAD/RWV 26-220. S. 30
6
Vgl. Aron, R. Frieden und Krieg. Frankfurt/M. 1963. S. 92
11
flußnahme im Sinne ihrer Politik auszunutzen. Zur Verbesserung der ,,Inneren Sicher-
heit" erörterte man in der CDU/CSU die Aufstellung von Polizeitruppen und leitete
Maßnahmen zur Gewährleistung einer ausreichenden sozialen Sicherheit ein. Im Rah-
men der Bereitschaft, einen Verteidigungsbeitrag zu leisten, spielte die Forderung nach
militärischer und politischer Gleichberechtigung mit den Partnerstaaten eine wesentli-
che Rolle. Form und demokratische Erziehung des zukünftigen deutschen Soldaten,
Neutralisierung und Wiedervereinigung stellten zusätzliche Probleme dar.
Die Auseinandersetzung um die sicherheitspolitische Richtung und die hiernach zu er-
greifenden Maßnahmen lösten nicht nur in der Bevölkerung, sondern besonders auch in
der Partei einen Meinungs- und Entscheidungsbildungsprozeß aus, welcher weit über
den eigentlichen Diskussionsgegenstand und Anlaß hinausging. In dem Zusammenhang
traten bei den einzelnen Gruppierungen und Akteuren innerhalb der CDU/CSU auch
kritische Standpunkte im Verhältnis zur Parteiführung, Uneinigkeit über die Prioritäten-
rangfolge, Differenzen über Durchführungsmaßnahmen und dergleichen sichtbar her-
vor. Unter Berücksichtigung dieser verschiedenartigen Motivationen der politisch Han-
delnden beabsichtigt der Verfasser, das Thema möglichst vollständig und chronologisch
abzuhandeln. Entsprechend wurden vereinzelte Teilabschnitte miteinbezogen, über die
bereits Forschungsergebnisse vorlagen.
3. Fragestellung
Die Fragestellung konzentriert sich auf alle mit der Haltung der Union zum Soldatentum
und mit ihrer Sicherheits- und Wehrpolitik zusammenhängenden Äußerungen, Prob-
lemkreise und Zielvorstellungen. So ergeben sich themabezogene Fragen nach dem po-
litischen Herkommen und Gestaltungswillen der Parteigründer sowie nach Lösungs-
möglichkeiten anstehender gesellschaftspolitischer Nachkriegsprobleme. Fragen sind
auch nach den Initiativen, Reaktionen und Konzeptionen zu stellen, welche von der U-
nion in Anbetracht des im In- und Ausland immer deutlicher konstatierten Ost/West-
Konfliktes eingeleitet beziehungsweise ausgearbeitet wurden.
Weiter ergibt sich die Frage nach dem Stellenwert eines möglichen deutschen Verteidi-
gungsbeitrages in der Rangordnung der politischen Ziele der Partei beziehungsweise ih-
rer Führungspersönlichkeiten. Ferner ist nach den Veränderungen in dieser Rangfolge
zu fragen, welche sich unter dem Einfluß von Ereignissen, wie dem Ausbruch des Ko-
12
reakrieges, ergaben. Auch muß die Frage gestellt werden, in welcher Weise der Wehr-
beitrag langfristig in politische Planungen aufgenommen wurde und ob er das angemes-
sene Mittel gewesen ist, nicht nur um Sicherheit, sondern auch um entscheidende Sta-
tusverbesserungen für den westdeutschen Staat zu erreichen. Es stellt sich weiter die
Frage, was die Union unternahm, um zukünftig jedes Übergewicht militärischen gegen-
über politischen Denkens innerhalb neuer Streitkräfte von vornherein zu verhindern.
Fragen nach dem Verhalten der Partei in der innerdeutschen Auseinandersetzung um
den Wehrbeitrag und nach den Konsequenzen, die ein solcher für die Wiedervereini-
gung haben würde, schließen sich an. Ein ganzes Bündel von Fragen ergibt sich schließ-
lich aus dem Verhältnis zwischen der überragenden Persönlichkeit Adenauers auf der
einen und der Partei auf der anderen Seite. Hierbei sind Fragen nach den wechselseiti-
gen Beziehungen und Beeinflussungen im Hinblick auf die zu fällenden Entscheidungen
zu stellen. Ferner bleibt zu fragen, ob der Bundeskanzler ein ,,demokratischer Diktator"
gewesen ist, wie Charles Wighton meint, der Partei und Parlamentsfraktion autoritär re-
giert hat
7
, oder ob man mit derartigen Äußerungen die Geschehnisse zu sehr simplifi-
ziert, wie Jürgen Domes zumindest für einen späteren Zeitraum nachzuweisen glaubt
8
.
Endlich muß bei allen Fragen die besondere Situation des besetzten Deutschlands be-
achtet werden. Daher ist in dem Zusammenhang auch nach den Beschränkungen der
Entscheidungsfreiheit durch die Konstellationen der internationalen Politik und nach
den jedem politisch handelnden Westdeutschen durch den Besatzungsstatus gezogenen
Grenzen zu fragen. Andererseits beabsichtigt die vorliegende Untersuchung nicht, auf
alle Fragen endgültige Antworten zu geben. Vielmehr möchte der Verfasser auch auf
noch offene Fragen hinweisen.
Weiter werden ebenfalls - nach ihrer mehr oder weniger großen Wahrscheinlichkeit dif-
ferenzierte - Vermutungen vorgetragen, die sich auf Grund des heutigen Quellenstandes
noch nicht endgültig bestätigen lassen. Der Verfasser ist sich dabei im klaren, daß er
7
Vgl. Wighton, Ch. Adenauer. Democratic Dictator. London 1963. S. 15 - Weniger extrem, aber ähnlich äu-
ßern sich auch Dittberner und Strobel. Nach Dittberner majorisierte Adenauer zusammen mit dem Bundes-
vorstand die Partei, und nach Robert Strobel tat er das gleiche mit Hilfe des Fraktionsvorsitzenden bei der
Bundestagsfraktion. Zur gleichen Thematik schrieb Osterfeld: ,,Die Richtlinien bestimmte er, da gab es kei-
nen Zweifel. ,,Um zu führen", meinte er, ,,muß man vor allem den eigenen Willen klar zu erkennen geben..."
Er regierte nicht diktatorisch, aber fest. ,,So er erschien, wuchs ihm die Führung zu", sagte Dehler noch Jahre
nach dem bitteren Bruch." Und Schwarz merkt an, daß Adenauer bis 1948 alle anderen Persönlichkeiten in
der CDU/CSU überflügelt hat. - Vgl. hierzu: Dittberner, J. Die Bundesparteitage der CDU und der SPD von
1946 bis 1968. Eine Untersuchung von Parteitagen. FU-Dissertation. Berlin 1969. S. 75 Strobel, R. Adenauer
und der Weg Deutschlands. Luzern/Frankfurt/M. 1965. S. 134 Osterfeld, H. Konrad Adenauer. Ein Charak-
terbild. Bonn 1973. S. 95. Schwarz, H. P. Vom Reich zur Bundesrepublik. Deutschland im Widerstreit der
außenpolitischen Konzeption. 1945-1949. Neuwied 1966. S. 22 f
8
Domes, J. Mehrheitsfraktion und Bundesregierung. Aspekte des Verhältnisses der Fraktion der CDU/ CSU
im 2. und 3. Deutschen Bundestag zum Kabinett Adenauer. Köln/Opladen 1964. S. 162
13
auch dort, wo er im einzelnen auf sicherem Grunde fußt, gegebenenfalls nur Teile eines
Gesamtkomplexes behandeln konnte, die vielleicht auf Grund später zugänglichen Ma-
terials in größeren Zusammenhängen erscheinen werden. Diese möglichen Unzuläng-
lichkeiten des vorliegenden Ergebnisses liegen in den vielfältigen Einschränkungen
zeitgeschichtlichen Arbeitens begründet, dem jener Überblick fehlt, wie er sich nach
gewissen Zeitabständen durch Veröffentlichung des gesamten verfügbaren Quellenma-
terials einzustellen pflegt.
4. Quellenlage
Als Quellen der Untersuchung sind alle themabezogenen Mittel der Publikation und der
Überlieferung zu betrachten.
Dazu zählen zunächst die veröffentlichten offiziellen Dokumente, Stellungnahmen, Mit-
teilungen, Berichte und andere Veröffentlichungen, sowohl klassisch-historische Quel-
len wie Akten, Memoiren, Tagebücher und dergleichen als auch alle Medien der Publi-
zistik. Eine große Anzahl von publizistischen Quellen wurde vollständig durchgesehen,
soweit sie den Untersuchungszeitraum bzw. entsprechende Teilzeiträume betrafen. Wei-
ter wurden sachlich gegliederte Presseauswertungen des Presse- und Informationsamtes
der Bundesregierung, des Bundestages und anderer Archive benutzt. Wie vor ihm ande-
re
9
, so hat der Verfasser beim häufigen Umgang mit publizistischen Unterlagen die Er-
fahrung gemacht, daß diese in der Regel sowohl von hoher Verläßlichkeit sind - wie
sich mit Hilfe von später veröffentlichtem oder unpubliziertem Kontrollmaterial viel-
fach nachweisen läßt -, als auch in ihrer besonderen Art wesentliche Bestandteile der
Politik darstellen, die sich aus anderen Quellen kaum ergeben.
Neben diesem publizierten wurde in erheblichem Maße nichtveröffentlichtes und viel-
fach aus den verschiedenen Gründen auch noch nicht allgemein zugängliches Material
verwandt. Dank der großzügigen Genehmigungen von Frau Elfriede Kaiser-Nebgen,
Herrn Oberdirektor a.D. Hermann Pünder, Herrn Theodor Blank jun., den Verantwortli-
chen in den früheren CDU - Geschäftsstellen des Bundes in Bonn, der des Rheinlandes
in Köln sowie der CSU - Landesgeschäftsstelle in München erhielt der Verfasser Zu-
gang zu den Nachlässen Jakob Kaisers, Hermann Pünders, Theodor Blanks und eine
Anzahl ehemaliger rheinischer CDU-Politiker sowie zu den unten aufgeführten Akten
9
Vgl. hierzu. Wettig, G. a.a.0. S. 15
14
der CDU/CSU aus dem Untersuchungszeitraum. Auch wenn die Erkenntnis, welche der
Verfasser aus der Fülle dieses Quellenmaterials zog, wegen der thematischen Enge nur
einen begrenzten Niederschlag in der vorliegenden Arbeit finden konnte, war sie trotz-
dem zum besseren Verständnis der damaligen parteiinternen und zeitgeschichtlichen
Zusammenhänge nützlich.
Dank ist auch dem Bundesministerium der Verteidigung zu sagen, mit dessen Geneh-
migung Einsicht in Akten des ,,Amtes Blank" genommen werden konnte. Diese Akten,
die vom Militärarchiv des Bundesarchivs in Freiburg verwaltet werden, enthalten insbe-
sondere Material über die mit den Alliierten geführten Verhandlungen in Bonn und Pa-
ris sowie über Schriftverkehr und Pläne innerhalb des Amtes, aber auch Sammlungen
von Meinungsäußerungen zum Wehrbeitrag von Institutionen, Verbänden und Einzel-
persönlichkeiten. Wenn jene Akten auch teilweise noch den Geheimhaltungsvorschrif-
ten unterliegen und im Rahmen der Untersuchung deshalb meist nur als Hintergrundma-
terial Verwendung finden durften, so war deren Kenntnis dennoch wertvoll. Mehrfach
ließ sich doch erst hierdurch ein abschließendes Urteil über das finden, was tatsächlich
geschah und wie es geschehen ist.
Über das eigentliche Quellenstudium hinaus hatte der Verfasser die Gelegenheit, mit ei-
nigen politischen Akteuren der damaligen Zeit informelle Gespräche über das Untersu-
chungsthema zu führen. Hieraus ergaben sich gewisse Details, die aus den Quellen nicht
ersichtlich waren.
15
I. Teil
SICHERHEITS- UND AUSSENPOLITISCHE STELLUNGNAHMEN DER
CDU/CSU VOR GRÜNDUNG DER BUNDESREPUBLIK
1. Die Union
10
- eine neue Partei in einem neuen Deutschland
1.1. Der historische Hintergrund
Das deutsche Volk erlebte im Frühjahr 1945 einen Tiefpunkt seiner Geschichte. ,,Der
nationalsozialistische Staat brach so vollständig zusammen, wie nur ein Staat zusam-
menbrechen kann ."
11
Am 9. Mai 1945 hatten in Berlin-Karlshorst Generalfeldmarschall
Keitel, Generaladmiral von Friedeburg und Generaloberst Stumpff eine Urkunde unter-
zeichnet, deren Absatz 1 wie folgt lautet: ,,Wir, die hier Unterzeichneten, die wir im
Auftrage des Oberkommandos der Deutschen Wehrmacht handeln, übergeben hiermit
bedingungslos dem Obersten Befehlshaber der alliierten Expeditionsstreitkräfte und
gleichzeitig dem Oberkommando der Roten Armee alle gegenwärtig unter deutschem
Befehl stehenden Streitkräfte zu Lande, zu Wasser und in der Luft."
12
Hatte sich mit der Unterzeichnung dieser Urkunde die Wehrmacht den Siegermächten
bedingungslos ergeben, so erfolgte einen knappen Monat später die einseitige Über-
nahme der politischen Macht in Deutschland durch die Alliierten
13
. In der entsprechen-
den Erklärung heißt es u.a. : ,,Es gibt in Deutschland keine zentrale Regierung oder Be-
10
Zum Begriff ,,Union" siehe: Deuerlein, E. CDU/CSU 1945 - 1957. Köln 1957. S. 62 ff
11
Vgl. Tormin, W. Geschichte der deutschen Parteien seit 1848. Stuttgart / Berlin / Köln / Mainz 1968. S.
225
12
Zitiert nach: Konferenzen und Verträge. Vertrags-Ploetz. Ein Handbuch geschichtlich bedeutsamer Zu-
sammenkünfte und Vereinbarungen. Teil II. Bd. 4. Würzburg 1959. S. 257. S. a.: Jahn, H. E. Für und gegen
den Wehrbeitrag. Köln 1957
S. 43. S.a.: Gerstenmaier, E. Reden und Aufsätze. Stuttgart 1956. S. 293. S.a.: Bundesparteitag der CDU
1954. Hrsg. CDU-Bundesgeschäftsstelle. Bonn 1954. S. 48
13
Die offizielle Bezeichnung der Erklärung vom 5. Juni 1945 anläßlich der Übernahme der Regierungsgewalt
durch die Alliierten in Deutschland lautete:
Erklärung in Anbetracht der Niederlage Deutschlands und der Übernahme der obersten Regierungsgewalt
hinsichtlich Deutschlands durch die Regierungen des Vereinigten Königreichs, der Vereinigten Staaten von
Amerika und der Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken und durch die Provisorische Regierung der
Französischen Republik.
16
hörde, die fähig wäre, die Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Ordnung, für
die Verwaltung des Landes und für die Ausführung der Forderungen der siegreichen
Mächte zu übernehmen."
14
Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt, war damit vol-
lends dem Willen und Wollen der Alliierten unterworfen, und es schien für unabsehbare
Zeit seiner staatlichen Souveränität beraubt zu bleiben.
Die in Potsdam endgültig beschlossene Entmilitarisierung
15
wurde bis zur ,,letzten Pat-
rone" durchgeführt
16
, und die heimkehrenden Reste der einst über 12 Millionen Solda-
ten starken Wehrmacht
17
fanden sich in den durch Kriegseinwirkung zerstörten und
vielfach von Flüchtlingen überfüllten Städten kaum noch zurecht. Im geschlagenen
Deutschland herrschte unbeschreibliche Not
18
. ,,Brot und Kartoffeln für den Mittags-
tisch, Holz zum Heizen, ein Dach über dem Kopf, durch das es nicht regnete - danach
standen die Gedanken der Wuppertaler nach dem Zusammenbruch und Waffenstillstand
... Den wenigsten Deutschen stand in jenen Tagen der Sinn danach, politisch aktiv zu
werden"
19
.
In der Tat, wie hier im Bergischen Land so galt damals die erste Sorge der Menschen
überall in Deutschland nicht der Politik, sondern der Erhaltung des nackten Lebens
20
.
Trotzdem sammelten sich schon bald nach dem Einmarsch der Alliierten ,,auf örtlicher
Ebene die ersten Gruppen, aus denen später die Parteien hervorgingen."
21
Während einige Parteien wie beispielsweise die SPD bei ihrer Gründung an die Weima-
rer Tradition anknüpften, entstand die CDU/CSU als neue Partei ohne direkten Vorgän-
ger unter den Parteien des Kaiserreiches oder der Weimarer Republik
22
. Neu war diese
14
Zitiert nach: Jahn, H. E. a.a.O. S. 14. S.a.: Kaack, H. Geschichte und Struktur des deutschen Parteiensys-
tems. Opladen 1971. S. 155
15
Die Entmilitarisierung wurde früh zum Leitgedanken der Anti-Hitler - Koalition der Alliierten. Im Grunde
schon in der ,,Atlantik-Charta" vom 14. August 1941 gefordert, setzte sich auf den späteren Konferenzen in
Teheran (Nov 1943), Jalta (Febr. 1945) und Potsdam (Juli/ August 1945) neben Roosevelt besonders Stalin
dafür ein. Es ging den Sowjets hierbei auch immer um die gleichzeitige industrielle Entwaffnung. Vgl. Ober-
mann, E. Verteidigung der Freiheit. Stuttgart 1966. S. 371 f. S.a.: Obermann, E. Verteidigung. Stuttgart 1970.
S. 213 ff. S.a.: Wettig, G. Entmilitarisierung und Wiederbewaffnung in Deutschland. 143 155. München
1967. S. 28
16
Jahn, H. a.a.O. S. 11
17
Ebenda, S. 11
18
Allein in Köln lebten von ca. 750 000 Einwohnern der Vorkriegszeit nur noch 40 000 in Kellern und not-
dürftig ausgebesserten Häusern. Vgl. Lilge, H. (Hrsg). Deutschland 1945-1963. Hannover 1967. S. 3
19
CDU Wuppertal, 20 Jahre. Hrsg. Kreisverband der CDU Wuppertal. Wuppertal 1966. S. 5
20
Tormin, W. a.a.0. S. 225
21
Ebenda, S. 226
22
Vgl. Barzel, R. Die deutschen Parteien. Geldern 1952. S. l03 ff. Ferner zur Geschichte der CDU; Narr,
W.D. CDU-SPD. Programm und Praxis seit 1945--Stuttgart /Berlin /Köln / Mainz 1966. S. 73 ff. - S.a.:
Tormin, W. a.a.O. S. 230 ff. S.a.: Kaack, H. a.a.0. S. 170 ff. S.a.: Kaack, H. Die Parteien in der Verfassungs-
wirklichkeit der Bundesrepublik. Bonn 1964 . S. 31 f. S.a.: Flechtheim, Ossip K. (Hrsg). Die Parteien in der
Bundesrepublik Deutschland. Hamburg-1973. S. 153ff. S.a: Deuer1ein, E. CDU/CSU. 1945 - 1957. Köln
1957. S.a.: Wieck, H. G. Die Entstehung der CDU und die Wiederbegründung des Zentrums nach 1945.
Düsseldorf 1953
17
Partei im doppelten .Sinne. So umfaßte sie zum ersten Mal in der deutschen Parteienge-
schichte Katholiken und Protestanten. ,,Ihre Wurzeln reichen in die Verfolgungszeit zu-
rück; damals zeigte und bewährte sich in den Gefängnissen Adolf Hitlers, in den Pfarr-
und Gemeindehäusern, in den Familien, in den Luftschutzkellern überraschend eine
christliche Gemeinschaft; schon damals stellten sich viele vor, daß diese neue Gemein-
schaft nach der Befreiung die Grundlage eines gemeinsamen politischen Handelns sein
werde. So wurde es 1943, 1944 empfunden, und so geschah es 1945"
23
Andererseits
wollte sie, als Union, die aus einer ,,Gegenposition zum Nationalsozialismus"
24
entstan-
den war, eine ,,Volksbewegung"
25
. sein, die alle ,,Stände und Interessen"
26
umfassen
sollte. Keinesfalls verstand man sich als bürgerliche Sammelpartei
27
, was aber nicht
ausschloß, daß auch manche konservativen und rechtsliberalen Bürger der Union beitra-
ten und sie de facto schließlich doch zu einer ,,großen bürgerlichen Sammelpartei"
28
werden ließen. Im Grunde gleichzeitig, aber unabhängig voneinander, entwickelte sich
die Union ,,in verschiedenen Aktionsräumen"
29
im besetzten Deutschland. Trotzdem
zeigte sich schon bald eine gemeinsame politische Grundeinstellung, wie das 1. Reichs-
treffen der Partei Ende 1945 in Bad Godesberg verdeutlichte.
30
Zwar führte diese Zu-
sammenkunft zunächst noch nicht zum organisatorischen Zusammenschluß
31
, der da-
mals erzielte Beschluß einer Ächtung des Krieges war aber zweifellos für die Zukunft
der Partei von grundsätzlicher Bedeutung. So wird dort festgestellt: ,,Eine aller sittlichen
Bindungen bare, der Idee der Gewalt verhaftete Politik hat Deutschland in den Abgrund
23
Dirks, W. Die christliche Demokratie in der deutschen Bundesrepublik, in: Frankfurter Hefte. Jg. 8, 1953
(671-680), zitiert nach: Flechtheim, O. K. a.a.O. S. 103
24
So Simpfendörfer in Goslar. Zitiert nach: 1. Parteitag der CDU. Hrsg. CDUD. Bonn 1950.
S. 47
25
Vgl. Narr, W - D. a.a.O. S. 74
26
Vgl. Arnold, Kar1. Rede am 3.12.1950 in Duisburg. Hrsg. CDU/Rhld. S. 7 (MS)
27
Im anläßlich der Gründung der Kölner CDP am 19. August 1945 im Kolpinghaus gehaltenen Referat (MS),
siehe: Anhang, Dokument A, heißt es u.a. auf S. 5: ,,Wir sind keine bürgerliche Sammelpartei."
28
Vgl. Kaack, H. Geschichte... S. 159
29
Vgl. Ebenda, S. 170
30
Vgl. Schwering, L. Frühgeschichte der CDU. Recklinghausen 1963. S. 150-167. S.a. allgemein: Wieck, H. G.
a.a.O. Die Entschließung Nr. I auf dem Reichstreffen vom 14.12. 16.12.1945 stellte u.a. fest: ,,In allen Teilen
Deutschlands ist ohne gegenseitige Fühlungnahme und Verbindung eine politische Bewegung entstanden, die
ein neues demokratisches Deutschland aufbauen will unter stärkstem Einsatz der christlichen Lebenskräfte
im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben unseres Volkes." Zitiert nach: Deuerlein, E. a.a.O. S.
41 f
31
Das Godesberger CDU-Treffen Ende 1945 führte zwar nicht zu einer ganz Deutschland oder auch nur zu
einer die drei Westzonen umfassenden einheitlichen Organisation der Partei, hatte aber immerhin die Bildung
eines Zonenverbindungsausschuß der CDU/CSU mit Sitz in Frankfurt/M zur Folge. Auch die im Februar
1947 in Königsstein/Ts durchgeführte CDU/CSU Tagung schuf nur eine Arbeitsgemeinschaft der
CDU/CSU Deutschlands, die allerdings schon im Sinne einer überregional organisierten Union wirkte. Erst
seit dem 1.Parteitag der CDU, der am 20. Oktober 1950 in Goslar stattfand, besteht eine einheitliche Bundes-
führung und -organisation, allerdings mit der Einschränkung, daß in Bayern aus Gründen eines starken baye-
rischen Traditionsbewußtseins die selbstständige Schwesterpartei CSU weiterbestand. Vgl. hierzu. Deuerlein,
E. a.a.O. S.54 ff. S.a.: Pütz, H. Die CDU. Bonn 1971. S. 18 f
18
gestürzt. Das erneuerte Deutschland bekennt sich bedingungslos zum Frieden und zum
Recht"
32
.
1.2. Der politische Gestaltungswille der Parteigründer
Von Anfang an bezeichnete sich die Union als Weltanschauungspartei, die weder reak-
tionär noch revolutionär, sondern ,,im besten Wortsinne fortschrittlich" einen Fortschritt
auf dem Wege der Evolution erstreben
33
und das politische Leben aus den geistigen
Grundlagen, die das abendländische Christentum im Laufe von Jahrhunderten geschaf-
fen hat, neu gestalten möchte.
34
,,Nach den Erfahrungen der Vergangenheit sieht sie in den christlichen Grundsätzen die
einzige Garantie für die Befreiung des Menschen aus der Versklavung durch den mo-
dernen Staat. Christentum ist keine Privatsache. Es erhebt den Anspruch, das gesamte
öffentliche Leben mit seinen Grundsätzen zu erfüllen"
35
.
Diese skizzierte ethische Basis der CDU/CSU-Politik spricht aus allen frühen program-
matischen Aussagen der Partei, beispielsweise aus dem Kölner Programmentwurf vom
Juni 1945
36
oder aus den Leitsätzen der CDU in Rheinland und Westfalen vom Septem-
ber 1945, die als Präambel sogar ein politisches ,,Glaubensbekenntnis" enthalten, in
dem es heißt: ,,Gott ist der Herr der Geschichte und der Völker, Christus die Kraft und
das Gesetz unseres Lebens. Die deutsche Politik unter der Herrschaft des Nationalsozia-
lismus hat diese Wahrheit geleugnet und mißachtet. Das deutsche Volk ist deshalb in
die Katastrophe getrieben worden. Rettung und Aufstieg hängen ab von der Wirksam-
keit der christlichen Lebenskräfte im Volke. Deshalb bekennen wir uns zum demokrati-
schen Staat, der christlich, deutsch und sozial ist"
37
.
Es ist also festzuhalten, daß die Parteigründer die Union als Weltanschauungspartei ver-
standen wissen wollten. Herbei ist es unwichtig, ob sie eine solche ist oder gewesen
ist.
38
Wichtig ist aber die Tatsache, dass die frühen politischen Zielsetzungen der
32
Zitiert nach CDU/CSU von A bis Z. Hrsg. Parteivorstand SPD. Bonn 1950. S. 89
33
Vgl. Referat gehalten bei Gründung der Kölner CDP im Kolpinghaus am 19.8.1945. S. 5 (MS), siehe: An-
hang-Dokument A
34
Vgl. Barzel, R. a.a.O. S. 105
35
Politisches ABC. Hrsg. Zonensekretariat der CDU. Köln 1950. S. 81
36
Vgl. 20 Jahre CDU. Hrsg. CDU/Rhld. Oberhausen/Düsseldorf 1965. S. 28 ff
37
Vgl. Ebenda, S. 32. Hinsichtlich der ethischen Motive der CDU - Gründer s.a.: Pütz, H. a.a.O. S. 21-30
38
,,Die Frage, ob die CDU eine Weltanschauungspartei war oder ist, wird in der Literatur teilweise verneint,
aber doch überwiegend bejaht." Zitiert nach: Pütz, H. a.a.O. S. 21
19
CDU/CSU
39
durch die ethischen Motive ihrer Gründer geprägt worden sind. Zwar ist
diese Dominanz der ethischen Motivation später nicht zuletzt durch die erforderliche
pragmatische Politik einer Regierungspartei immer mehr in den Hintergrund getreten
40
,
hat aber mindestens bis zu Beginn der fünfziger Jahre großen Einfluß auf alle politi-
schen Entscheidungen der Union gehabt. Diese Kenntnis des programmatisch-ethischen
Hintergrundes ist notwendig, um das spätere innen- und außenpolitische Vorgehen der
Partei in den Fragen der Wiederbewaffnung und der Westintegration richtig einordnen
zu können. Sicherlich findet sich in keinem ihrer frühen örtlichen und überörtlichen
Programmaussagen ein Hinweis auf eine Bereitschaft, die ihrer Meinung nach aus
christlichen Traditionen des Abendlandes herrührenden
41
, wiedergewonnenen demokra-
tischen Freiheiten notfalls auch durch Gewaltanwendung zu verteidigen; dennoch ist -
zumindest in Ansätzen - ein latenter Widerstandswille gegen jede Art von Totalitaris-
mus spürbar
42
. Die Tatsache, warum sich diese Geisteshaltung in der Partei nicht inten-
siver artikulierte, liegt wahrscheinlich darin begründet, daß einerseits kurz nach dem
Krieg eine akute Bedrohung der demokratischen Freiheiten von den meisten Parteimit-
gliedern nicht gesehen wurde und andererseits jede praktische Durchführung in dem
viergeteilten Land unmöglich bzw. nicht notwendig erschien, da jene Freiheiten in den
Westzonen von den Besatzungsmächten garantiert wurden. In dem Zusammenhang mag
darauf hingewiesen werden, daß trotz verschiedener Distanzierungen vom nationalsozi-
alistischen Militarismus, was ausführlich noch später zu untersuchen bleibt, eigentliches
pazifistisches Gedankengut kaum Eingang in die Union gefunden hat
43
. Dies ist ver-
39
Wenn die Entwicklung der CSU aus regionalen und teilweise personellen Gründen im Verhältnis zu der der
CDU inzwischen unterschiedlich verlaufen ist, so gilt doch für den in dieser Arbeit untersuchten Zeitraum,
daß gravierende programmatische Unterschiede zwischen den beiden Teilen der Union nicht auftraten. Dies
gilt besonders für den Bereich der Westintegration und des Wehrbeitrages.
40
Pütz, H. a.a.0. S. 76
41
Vgl. Adenauer-Rede in Goslar, in: 1. Parteitag der CDU. Bonn 1950. S. 12
42
.So heißt es z.B. im Grundsatzprogramm der CSU in Bayern von 1946--Hrsg. CSU - Landesgeschäftsstelle
München in Absatz 1, Ziff. 2: ,,Wir bekennen uns zum demokratischen Staat. Wir bekämpfen jede Art von
Diktatur eines einzelnen, einer Partei oder einer Klasse." S.a.: Die 30 Punkte der Union. Richtlinien der CSU
in Bayern zu Überwindung der inneren und äußeren Not unseres Volkes. Verantwortlich Dr. Josef Müller.
München 1946. S. 3: ,,Wir bekennen uns zur Würde und zur Freiheit der menschlichen Persönlichkeit ... an
den unveräußerlichen Menschenrechten, die uns von Gott verliehen sind, findet die Macht des Staates ihre
Grenzen. Wachsam und ohne Furcht wollen wir die Freiheit verteidigen, unbekümmert darum, ob es einzelne
oder Organisationen sind, die sie bedrohen."
43
Der von W. D. Narr geäußerten These, für alle in der CDU habe das Wort von Theophil Wurms gegolten,
der äußerte, er sei aus dem 2. Weltkrieg als Pazifist hervorgegangen. (Vgl. Narr, W. D. a.a.0. S. 77), kann nach
dem Quellenstudium so generell nicht zugestimmt werden, wenn auch - besonders in Hessen - Ansätze hier-
zu vorhanden waren. Sicherlich war man sich allgemein einig in der Ablehnung des Krieges als Mittel der Po-
litik. Diese Aussagen wurden aber meist in Verbindung mit der verbrecherischen nationalsozialistischen
Kriegstreiberei direkt oder indirekt erörtert, wie beispielsweise im Gründungsaufruf der Berliner CDU vom
26. Juni 1945, in dem es heißt: ,,Auf den Trümmern unserer Häuser, unserer Dörfer und Städte gedenken wir
in menschlicher und christlicher Verbundenheit der gleichen Opfer der Völker um uns, und wir geloben, alles
bis zum letzten auszutilgen, was diese ungeheueren Blutopfer und dieses namenlose Elend verschuldet hat
und nichts zu unterlassen, was die Menschheit künftig vor einer solchen Katastrophe bewahrt." S.a.: 20 Jahre
20
ständlich, da das Führungspersonal der einzelnen Regionalgründungen sich aus Mitglie-
dern ehemaliger Parteien rekrutierte, die schon während der Weimarer Zeit einem
Wehrgedanken positiv gegenüberstanden, da das Führungspersonal der einzelnen Regi-
onalgründungen sich aus Mitgliedern ehemaliger Parteien rekrutierte, die schon wäh-
rend der Weimarer Zeit einem Wehrgedanken positiv gegenüberstanden
44
. Beispiels-
weise waren das in Berlin die aus dem Zentrum stammenden Andreas Hermes, Jakob
Kaiser und Heinrich Krone und die ehemaligen Mitglieder der DDP Ernst Lemmer,
Ferdinand Friedensburg und Otto Nuschke. Im Rheinland kam die Mehrheit der Betei-
ligten aus dem Zentrum wie Konrad Adenauer und Leo Schwering, während die Übri-
gen - meist Protestanten - aus den verschiedensten Parteien von den Deutschnationalen -
wie Robert Lehr - bis zur Staatspartei (DDP) den Weg zur Union fanden. In Nord-
deutschland ergab sich eine völlig andere Situation. Hier wurde die CDU von einer
Gruppe meist aus früheren Rechtsparteien stammenden Personen um den Reichsminis-
ter a.D. Hans Schlange-Schöningen (DNVP, dann Landvolkpartei) gegründet, nachdem
man den Gedanken aufgegeben hatte, eine konservativ-demokratische Rechtspartei zu
konstituieren.
45
Diese wenigen Beispiele unterstreichen deutlich die Heterogenität der CDU-Gründer,
von der allgemein gesagt werden kann, daß ,,von denjenigen Mitgliedern, die vor 1933
politisch gebunden waren; die meisten dem Zentrum angehörten, während sich die Üb-
rigen ziemlich gleichmäßig auf alle anderen bürgerlichen Parteien (einschließlich
NSDAP) verteilten. Kommunisten waren selten, der Anteil früherer Sozialdemokraten
gering."
46
So ist nicht verwunderlich, daß trotz der gleichen ethischen Ausgangsbasis die Vorstel-
lung darüber, wie ein Staat- bzw. eine Gesellschaft zu schaffen sei, in dem bzw. in der
das gesamte öffentliche Leben nach christlichen Grundsätzen sich gestalten würde
47
,
unterschiedlich war. Auf dem bereits erwähnten Reichstreffen vom Dezember 1945 ei-
nigte man sich schließlich darauf, den Aufbau des neuen Deutschlands unter dem Leit-
CDU. a.a.0. S. 38 und Flechtheim, Ossip, K. (Hrsg.). Dokumente zur parteipolitischen Entwicklung in
Deutschland seit 1945. Bd.2. Programmatik der deutschen Parteien. Berlin 1963. S. 9
Es ist also zu vermuten, daß hiermit wohl in erster Linie gemeint war, nie mehr von deutschem Boden aus ei-
nen Angriffskrieg zu führen, was durch die Ansiedlung fast aller derartigen Aussagen im außenpolitischen
Teil der Programme unterstrichen wird. Eine Befürwortung eventueller Gewaltanwendung als Verteidi-
gungsmaßnahme hieraus zu folgern, wäre jedoch spekulativ, da - wie dargelegt - zu jener Zeit kaum eine Ver-
anlassung hierzu zu bestehen schien. Allerdings bedeutet dies aber auch nicht, daß die Bereitschaft einer Be-
fürwortung nicht latent vorhanden war. Im Gegenteil, dies ist sogar sehr wahrscheinlich. So heißt es u.a. in
einem Artikel des Union-Presse- und Informationsdienstes Nr. 7 v.18.7.1946: ,,Auch die christliche Moral bil-
ligt die Wehrhaftigkeit, wenn sie zur Abwehr eines rechtswidrigen Angriffskrieges eingesetzt wird."
44
Vgl. Tormin, W. a.a.0. S. 127-218. (Eine kurz gefaßte Programmatik der Weimarer Parteien).
45
Vgl. Tormin, W. a.a.0. S. 230-234
46
Ebenda. S. 234
47
Vgl. Anm. 26
21
satz eines ,,Sozialismus christlicher Verantwortung"
48
durchzuführen. Im Grunde blieb
dies aber nur eine bloße Forderung, weil einmal jede Zentralorganisation der Partei fehl-
te und zum anderen gerade wegen dieses Mangels die verschiedenen Regionalgründun-
gen angespornt wurden, sich um die endgültige Führung der Partei besonders auch auf
programmatischem Gebiet zu bemühen. Simplifizierend überspitzt, aber vielleicht gera-
de deshalb treffend, wird die Situation der Union in jenen Tagen durch einen französi-
schem Beobachter charakterisiert, wonach sie sozialistisch und radikal in Berlin, kleri-
kal und konservativ in Köln, kapitalistisch und reaktionär in Hamburg und gegenrevolu-
tionär und partikularistisch in München sei.
49
Aus der Not der Zeit herrührend war in
den Anfangsjahren die alltägliche politische Praxis der neuen Partei geprägt von der
Diskussion um wirtschaftliche und soziale Fragen.
50
Grundsatzfragen auf dem Gebiet
der Sicherheitspolitik wurden mangels jeder Durchsetzungsmöglichkeit bzw. Veranlas-
sung, kaum angesprochen und wenn, so beschränkte man sich auf deklamatorische Aus-
sagen, die sich in der Ächtung des Krieges und jeder Vorbereitung dazu artikulierten.
So heißt es in den ,,Frankfurter Leitsätzen" der CDU Hessen vom September 1945:
,,Wir bekennen uns zur Ächtung des Krieges. Er ist kein erlaubtes Mittel der Politik."
51
Und ergänzend dazu in den ,,CDU-Mitteilungen" der CDU-Hessen: ,,Die Deutschen
müssen die Anwendung von Gewalt in der Politik ein für allemal und für immer verwer-
fen."
52
Aber auch die rheinische Partei legte in ihren Programmschriften vom Juni und
September 1945 fest, ,,daß die Politik der Gewalt und des Krieges nicht nur eine Ver-
sündigung am eigenen Vaterland, sondern auch ein Verbrechen an der Menschheit
ist."
53
Aus allem ist zuschließen, dass das politische Wollen der Parteigründer von der Schaf-
fung einer vom Christentum beeinflußten neuen Ordnung beherrscht war, wobei hier
48
Vgl. Kaack, H. Die Parteien... a.a.O. S. 33
49
Zitiert nach Kaack, H. Die Parteien... a.a.0. S. 33 aus: ,,L' Ordre", Paris v. 21.9.1946 nach:
SOPADE, Querschnitt, Bd. 1, April 1947, BI. 41. S.a.: Kaack, H. Geschichte... a.a.0. S. 172
50
Als exemplarisches Dokument jener Zeit mögen die Mitteilungen Nr. 4 der CDU/Rhld v. 1.9.1946 dienen
(HSAD/RWN 26-426), deren sogenannte Monatsschau sich mit folgenden Themen befaßte: ,,Adenauer ver-
kündet in Essen die Leitsätze der CDU für Wirtschafts- und Sozialpolitik - 300 Kalorien mehr - Die Getrei-
deernte 1946 - Welternährungskonferenz in Stockholm - Fischen aus den Meeren - Haben wir Kali in Ü-
berfluß ? - Womit werden wir uns kleiden? - Tuberkulose und Hirnhautentzündung - Um die Zukunft der
deutschen Wirtschaftsgestaltung".
Oder Adenauer auf einer Wahlkundgebung in Hamburg: ,,Unser Volk verhungert im wahrsten Sinne des
Wortes. Die geringen Erhöhungen an Nahrungsmittel, die jetzt in den Großstädten gegeben werden und
auch für September in Aussicht gestellt werden, können wenig daran ändern." Zitiert nach: Aachener Nach-
richten v. 16.8.1946.
51
Frankfurter Leitsätze der CDU. Frankfurt/M 1945, in: BA-NL. Dr. Pünder. Bd. 475. S. 118. S.a.: Flecht-
heim, Ossip K. (Hrsg.). Dokumente a.a.0. S. 36-45
52
Zitiert nach: CDU/CSU von A bis Z. a.a.0. S. 90 aus: CDU-Mitteilungen der CDU-Hessen. Jg. 2. Nr. 26.
Hierin hatte der spätere Bundestagsabgeordnete Paul Bausch 13 Thesen - u.a. auch o.a. Zitat - abgedruckt.
53
Vgl. 20 Jahre CDU. a.a.0. S. 31 und 35
22
Substantiv und Adjektiv gleichrangig zu werten sind.
54
Dieses evolutionäre Gestal-
tungswollen
55
mit sozialer Tendenz basierte im Grunde auf konservativen Gestaltungs-
trägern besonders im Rheinland, Norddeutschland und Bayern, deren politische Vorstel-
lungen geprägt waren von Ideen bürgerlicher Parteien der Weimarer Republik. Dieses
bürgerliche Element war nicht nur für die Ablehnung eines generellen Pazifismus ent-
scheidend, wobei die Verurteilung von Gewaltanwendung in den zwischenstaatlichen
Beziehungen kein Gegenargument sein kann
56
, sondern muß auch als der auslösende
Faktor einer Rehabilitierung der ehemaligen Soldaten gelten, was nachfolgend zu unter-
suchen sein wird.
1.3. Das grundsätzliche Verhältnis zum Militarismus und Soldatentum
1.3.1. Frühe Äußerungen zum allgemeinen Militarismusproblem und zum
Soldatentum im besonderen
Wie schon erwähnt, hatten die Alliierten in Jalta auch über die Entmilitarisierung
Deutschlands entschieden. Im gemeinsamen Schlußbericht der Konferenz verkündeten
sie: ,,Es ist unser unbeugsamer Wille, den deutschen Militarismus und Nationalsozia-
lismus zu zerstören und dafür Sorge zu tragen, daß Deutschland nie wieder im Stande
ist den Weltfrieden zu stören. Wir sind entschlossen, alle deutschen Streitkräfte zu ent-
waffnen und aufzulösen; den deutschen Generalstab, der wiederholt die Wiederauffri-
schung des deutschen Militarismus zu Wege gebracht hat, für alle Zeiten zu zerschla-
gen; sämtliche deutschen militärischen Einrichtungen zu entfernen und zu zerstören"
57
.
Diese Entscheidung setzten die Verbündeten mit Direktiven in die Tat um, die sie dem
von ihnen in Potsdam institutionalisierten ,,Alliierten Kontrollrat" gaben. Hier wurde
schließlich Ende 1946 auch beschlossen, durch welche Maßnahmen die Zonenbefehls-
haber den deutschen Militarismus zu liquidieren hatten. Grundlegend war die Proklama-
tion Nr. 2 v. 20.9.1945, in der festgelegt wurde, daß alle militärischen Dienststellen,
Einrichtungen und Verbände "vollständig und endgültig" aufzulösen seien, desgleichen
alle militärischen Organisationen. Ferner sollte die Pflege jeder denkbaren Form solda-
tischer Tradition verboten sein
58
. Gemäß Gesetz Nr.34 vom 30.8.1946 bezüglich der
54
Vgl. Narr, W. D. a.a.0. S. 76
55
Vgl. Referat bei Gründung der Kölner CDP. a.a.0. S. 5
56
Anm. 33 und 34
57
Amtsblatt des Kontrollrates in Deutschland. Ergänzungsblatt Nr. 1. Berlin 1945. S. 4 f
58
Ebenda. Nr. 1. S. 8 ff
23
Auflösung der Wehrmacht erklärte der Kontrollrat sogar alle in der Proklamation Nr. 2
aufgeführten militärischen Einrichtungen für ungesetzlich. ,,Wer irgendeine Bestim-
mung dieses Gesetzes verletzt(e) oder zu verletzen sucht(e), setzt(e) sich strafrechtlicher
Verfolgung durch ein Gericht der Militärregierung und denjenigen Strafen, einschließ-
lich der Todesstrafe, aus, die das Gericht verhängt(e)."
59
Vor Erlaß dieses Gesetzes war
schon jede militärische Ausbildung verboten worden und genauso wenig durften militä-
rische Bauten errichtet werden
60
.
Hinsichtlich des Sportwesens wurde bestimmt, daß es einzuschränken und zu entmilita-
risieren sei. Waffen und Munition jeden Typs und Kalibers einschließlich aller Jagdwaf-
fen waren abzuliefern und militärische Museen und Denkmäler zu beseitigen. Militäri-
sche Literatur sollte beschlagnahmt und eingezogen werden.
61
Gleichzeitig mit dem Er-
laß jener Befehle, Direktiven und Gesetze begann für die Menschen in Deutschland ein
Umerziehungsprozeß, bei dem kurzerhand deutsches Soldatentum mit dem Nationalso-
zialismus gleichgesetzt wurde. ,,Dabei hätte auf alliierter Seite spätestens am 20.7.1944,
als die Widerstandsgruppe im Oberkommando der Wehrmacht und im Oberkommando
des Heeres sich zum Handeln entschloß, erkannt werden müssen, daß soldatischer Auf-
fassung in Deutschland die nationalsozialistische Gewaltherrschaft wesensfremd war."
62
So aber wurden die ehemaligen Soldaten in ihrer Gesamtheit diffamiert und ihrer mate-
riellen Lebensgrundlagen beraubt. ,,Millionen Soldaten wurden nach dem Waffenstill-
stand in Ost und West rechtswidrig in Gefangenschaft festgehalten - eine Maßnahme,
die dem Hitler-Regime mit Recht als verbrecherisch vorgeworfen war - oder erwarteten
ihre Aburteilung in Gefängnissen. In Nürnberg und an anderen Orten wurden Befehls-
haber und andere Militärpersonen in zahlreichen Verfahren durch alliierte Militärgerich-
te verurteilt."
63
Nach dieser Situationsschilderung stellt sich die Frage nach dem grundsätzlichen Ver-
hältnis der Union zum Militarismus und Soldatentum in den ersten Nachkriegsjahren.
59
Ebenda. Nr. 10 vom 31.8.1946. S. 172 f
60
Vgl. Ebenda. Nr. 2. Gesetz Nr. 8 vom 30.11.1945 bezüglich. der Ausschaltung und des Verbots der militä-
rischen Ausbildung. S. 33. S.a.: Ebenda. Nr. 6. Gesetz Nr. 23 vom 10.4.1946 bezüglich des Verbots militäri-
scher Bauten in Deutschland. S. 136
61
Vgl. Ebenda. Nr. 3. Direktive Nr. 23 vom 17.12.1945 bezüglich der Beschränkung und Entmilitarisierung
des Sportwesens in Deutschlands. S. 49. S.a.: Ebenda. Nr. 6. Befehl Nr. 2 vom 7.1.1946 bezüglich der Einzie-
hung und Ablieferung von Waffen und Munition. S. 130. S.a.: Ebenda. Nr. 7. Direktive Nr. 30 vom
13.5.1946 bezüglich der Beseitigung deutscher Denkmäler und Museen militärischen und nationalsozialisti-
schen Charakters. S. 154. S.a.: Ebenda. Nr 7. Befehl Nr. 4 vom 13.5.1946 bezüglich der Einziehung von Li-
teratur und Werken nationalsozialistischen und militärischen Charakters. S. 151 f
62
Deutschland heute. Hrsg. PIAB. Wiesbaden 1959. S. 277
63
Ebenda. S. 277
24
Wie schon kurz erwähnt, lehnte die Partei jede Art von Militarismus
64
, meist in Verbin-
dung mit dem Nationalsozialismus ab, was Konrad Adenauer, selbst alles andere als ein
Militarist, der niemals eine Uniform getragen hatte und das Militär nicht besonders lieb-
te
65
, zu der simplifizierenden These veranlaßte: ,,Die Erfinder des Nationalsozialismus,
waren militärische Kreise, waren hohe Militärs"
66
. Zweifellos treffender liest man in
den ,,Kölner Leitsätzen" vom Juni 1945, die als vorläufiger Entwurf zu einem Pro-
gramm galten
67
: ,,Mit dem Größenwahnsinn des Nationalsozialismus verband sich die
ehrgeizige Herrschsucht des Militarismus und der großkapitalistischen Rüstungsmagna-
ten ... Darum fort mit der Diktatur und Tyrannei, Herrenmenschentum und Militaris-
mus!" In einem Leserbrief vom 14. Juni 1946 an das ,,Neue Deutschland" präzisierte
Adenauer seine These, als er schrieb: ,,Ich habe ... erklärt, daß der Militarismus den Na-
tionalsozialismus ins Leben gerufen habe und daß die Wirtschaft ihn erst unterstützt ha-
be, als er gewissermaßen die Approbation des Militarismus, insbesondere der Reichs-
wehr gefunden habe... Ich bin weiter der Auffassung, daß man den Kampf gegen den
Militarismus nicht zugunsten des Kampfes gegen Trusts und Konzerne oder Großkapital
zurückstellen sollte. Das Großkapital ist zur Zeit in Deutschland erledigt, der militaristi-
sche Gedanke aber noch keineswegs"
68
Weniger pessimistisch beurteilte der 1. Vorsit-
zende der Kölner CDU Johannes Albers die Lage mit der Feststellung: ,,Die militaristi-
schen und schwerindustriellen Kreise von der Bühne des politischen Lebens abgetreten,
keiner Reaktion wird es gelingen, sie wieder an die Macht zu bringen.
69
All diese Aussagen sind im Grunde sehr allgemein gehalten und entsprechen dem dama-
ligen Zeitgeist, der nach Gründen für die unvorstellbaren Verbrechen des vergangenen
Krieges forschte und die Ursache dafür nicht nur in Hitlers Nationalsozialismus, son-
dern verallgemeinernd auch in jeder Art militärischen Denkens bei Soldaten und Zivilis-
ten gefunden zu haben glaubte. Diese unreflektierte Auffassung, die fast analog zu der
der alliierten Sieger stand, kulminierte in den ,,Frankfurter Leitsätzen" der CDU, in de-
nen es heißt: ,,Mit besonderem Nachdruck bekennen wir uns zu einer inneren Läuterung
unseres politischen Bewußtseins von militaristischen Traditionen und nationalistischen
64
Vgl. Flechtheim, Ossip K. Dokumente a.a.0. Bd. 2. S. 47. Dokument 95. Aufruf der CDU Südwürttem-
berg-Hohenzollern v. 23.6.1946. Vgl. Ebenda. ,,Frankfurter Leitsätze" S. 36-45. S.a.: Grundsatzprogramm der
CSU in Bayern. a.a.0. S. 1. ,,Wir lehnen den Militarismus ...ab" und S. 4. ,,Wir bekämpfen Nationalismus und
Militarismus". S.a.: CSU-Pressedienst. Ende Mai 1946 (MS), in: Mappe Pressespiegel 1946/47 (AL/CSU)
,,Die Union lehnt daher jede Art von Reaktion, ... sowie alle militaristischen ...Umtriebe auf das schärfste ab."
S.a.: 20 Jahre CDU. a.a.0. S. 28-39
65
Vgl. v. Eckart, F. Ein unordentliches Leben - Lebenserinnerungen. Düsseldorf/Wien 1967. S. 264
66
Adenauer, K. Rede des 1. Vorsitzenden der CDU für die britische Zone in der Aula der Kölner Universität
am 24.3.1946, in: Schriftenreihe der CDU/Rhld. H. 8. Köln 1946. S. 17
67
Vgl. Schwering, L. Entstehung der CDU. Köln 1946. S. 32. S.a.: 20 Jahre CDU, a.a.0. S. 28-31
68
Flechtheim, Qssip K. Die Parteien. a.a.0. S. 156
25
Vorstellungen. Wir müssen nicht nur die Nazi-Lehre von der Überlegenheit der germa-
nischen Rasse überwinden, sondern auch die älteren Vorstellungen von der sogenannten
,,Größe und Herrlichkeit" des Soldatentums und von der angeblichen Berufung
Deutschlands zur politischen Vorherrschaft in Europa oder gar zur Weltherrschaft. Die-
se Wahnideen haben immer wieder den Nährboden für eine verantwortungslose Kriegs-
politik abgegeben und zu Katastrophen geführt ... Nicht der Soldat ist der erste Mann
im Staat, sondern der Zivilist, der seine Pflicht tut. Wir wissen, daß es einer tiefgehen-
den Umerziehung unseres Volkes bedarf, um hier Wandel zu schaffen. Dennoch wollen
wir diesen Wandel im Glauben an die edlen Kräfte unseres Volkes herbeiführen, vor al-
lem durch die Erziehung unserer Kinder. Selbstverständlich wollen wir, daß aus dem
Leben der Gemeinschaft jede Art von militärischer oder vormilitärischer Erziehung
ausgeschlossen bleibe. So wird eines Tages an die Stelle eines engstirnigen Nationalis-
mus und Militarismus ein geklärtes Nationalbewußtsein getreten sein, ... in dem neben
einer natürlichen Vaterlandsliebe noch genug Platz ist für ein echtes Weltbürgertum."
70
Dennoch, trotz der beträchtlich generalisierenden Tendenz jener Aussagen, erscheint es
wichtig festzuhalten, daß in der CDU/CSU der Militarismus als ,,volks- und staatsfeind-
licher Umtrieb"
71
sowie dessen Mitschuld am Krieg deutlich erkannt wurde und man in
diese Schuld nicht nur ,,aktive Nationalsozialisten und aktive Militaristen", sondern ,,in-
sbesondere auch gewisse Wirtschaftsführer"
72
mit einschloß. Auf diese letztere Er-
kenntnis gründete sich auch die Forderung, die ,,neuen Industrien nie wieder zur Basis
von Aufrüstung und Kriegsindustrie" werden zu lassen.
73
Differenzierter und zutreffen-
der beurteilte der Berliner CDU-Vorsitzende Andreas Hermes das Versagen großer Tei-
le des deutschen Volkes gegenüber dem Nationalsozialismus. Versagt haben nach seiner
Meinung weite Kreise von Besitz und Bildung, neben führenden Männern der Wirt-
schaft auch Richter ,,in schmählicher Preisgabe ihres hohen Berufsethos". Besonders
streng urteilte er über hohe Militärs, indem er feststellte: ,,Über alle Maßen groß ist die
Schuld hoher Generäle, die in unbegreiflicher Verblendung jenem gewissenlosen Aben-
teurer Gefolgschaft leisteten und pflichtvergessen auch dann noch bei seiner Fahne
blieben, als sie über die sichere Niederlage nicht mehr im Zweifel sein konnten. So ha-
69
Albers, J. Die Aufgabe der CDU im Leben des deutschen Volkes, in: Schriftenreihe der CDU/Rhld. H. 2.
Köln o.J. S. 5. (HSAD/RWV 26-878)
70
Flechtheim, Ossip K. Dokumente ...a.a.O. Bd. 2. S. 36-45. S.a.: BA-NL Pünder. Bd. 475. S. 119
71
Vgl. CDU-Pressedienst. Ende Mai 1946. Die Grundsätze der CSU in Bayern. München 1946, in: AL/CSU.
Mappe: Pressespiegel 1946/1947. S.a.: Zitierung Dr. Horlachers (CSU) im Leitartikel ,,Quo vadis CSU?"
durch Hans Kapfinger, in: ,,Passauer Neue Presse" v. 14.6.1946
72
Vgl. Rundfunkrede K. Adenauers zum CDU-Programm am 6.3.1946, in: Flechtheim, Ossip K. Dokumente
...a.a.O. S. 10
73
Vgl. Die dreißig Punkte der Union. a.a.0. S. 10
26
ben sie, die berufenen Hüter sauberer soldatischer Tradition, in Wahrheit ihre Soldaten-
pflicht und Ehre vergessen und mitgewirkt, das deutsche Volk in den tiefen Abgrund zu
stürzen. In ihrer Hand hätte es gelegen, als aufrechte Männer mutig dem Massenmörder
die beschmutzte Waffe aus der Hand zu schlagen. Sie allein hatten die Macht dazu.
Stattdessen sahen sie untätig zu, wie Millionen der besten deutschen Jugend sinnlos auf
den Schlachtfeldern verbluteten und ließen sich noch die Brust mit Orden behängen.
Gegen die große Zahl dieser Versager konnte die kleine Schar jener mutigen und
pflichtbewußten Generäle und Offiziere nicht aufkommen, die entschlossen und ver-
antwortungsfreudig ihr Leben einsetzten, um den Versuch zu machen, mit der deutschen
Heimat auch die Ehre des deutschen Soldaten zu retten. Sie sind als wahre Märtyrer ge-
storben, und wenn längst die Namen so vieler Dekorierter vergessen sein werden, wird
das deutsche Volk in Dankbarkeit und Verehrung ihrer gedenken ... Sie sind zugleich
aber auch Garant eines neuen Deutschlands der Wahrheit, der Freiheit, des Rechtes und
des Friedens."
74
Die Hermes-Rede und ihre Resonanz innerhalb der Partei sind wichtig
für die Beurteilung des grundsätzlichen Verhältnisses der ,,frühen Union" zum Solda-
tentum. Nicht nur, weil hier die militärischen Kreise präziser als in anderen programma-
tischen Aussagen
75
beschrieben werden, sondern insbesondere, weil hierzu zwar indi-
rekt, dafür aber deutlich genug eine im Grunde positive Haltung zum ,,pflichtbewußten
Soldatentum" sichtbar wird. Hermes und später Albers verdeutlichten als erste, daß im
Gegensatz zu anderen allgemein gehaltenen Parteierklärungen, insbesondere aber zur
Auffassung der Alliierten, Nationalsozialismus und Militarismus nichts mit der ,,saube-
ren soldatischen Tradition" in Deutschland gemein haben. In dem Zusammenhang sei
erwähnt, daß der Ausdruck ,,Militarismus" überhaupt im Berliner ,,Aufruf an das Deut-
sche Volk"
76
nicht vorkommt, und die Rede Andreas Hermes' zweifellos als Ergänzung
dieses programmatischen Aufrufs zu verstehen ist.
77
Stellt man hieran anknüpfend die
Frage, ob der Militarismus-Begriff absichtlich nicht im Berliner Aufruf Verwendung
fand, so ist das im Nachhinein immer schwer feststellbar. Die differenzierten Ausfüh-
rungen Hermes zu dieser Thematik lassen jedoch eine solche Deutung als wahrschein-
lich erscheinen. Als weitere Untermauerung dieser These kommt hinzu, daß auch in den
74
Hermes, A. Weg und Ziel. Rede auf der Gründungskundgebung am 22.7.1945 in Berlin, in: HSAD/RWV
26-220. S. 30. S.a.: Albers, J. Die Aufgabe der CDU im Leben des deutschen Volkes. Schriftenreihe der
CDU/Rhld. H. 2. Köln o.J., in: HSAD/RWV 26-878. S. 6. Albers schließt sich Hermes' Auffassung durch
Zitieren großer Abschnitte aus dessen Rede in seiner Schrift an.
75
Im Untertitel wird diese auf der Gründungsversammlung in Berlin gehaltene Rede als ,,Programmatische
Rede" bezeichnet. In der Tat ist die Tendenz, wie einige Formulierungen unterstreichen, mit dem program-
matischen Aufruf der CDU Berlin an das ,,Deutsche Volk" vom 26.6.1945 identisch. Vgl. HSAD/RWV 26-
220. S. 30 Siehe auch Anmerkung 67.
76
Vgl. Flechtheim, Ossip K. Die Parteien. a.a.0. S. 153-156. S.a.: 20 Jahre CDU, a.a.0. S. 36-39. S.a.: Pütz, H.
a.a.0. S. 79-83
27
Leitsätzen der CDU in Rheinland und Westfalen vom September 1945,
78
einer Fort-
schreibung der ,,Kölner Leitsätze"
79
vom Juni 1945, genauso wie in den späteren Pro-
grammen der CDU der britischen Zone von Neheim-Hüsten am 1.3.1946
80
und von Ah-
len am 3.2.1947
81
jener Begriff nicht mehr auftaucht. Bei der bayerischen CSU wird in
deren Grundsatzprogramn von 1946 der Kampf gegen den Militarismus zwar gleich
zweimal betont
82
, in den ,,10 Punkten" der CSU vom 31.12.1945
83
wie in den ,,30 Punk-
ten" der Partei von 1946
84
fehlt jedoch wiederum eine entsprechende Aussage. Ebenso
bleibt in der programmatischen Rede Josef Müllers auf der Landesversammlung am
17.5.1946 in München
85
die Ablehnung des Militarismus unerwähnt. Noch deutlicher
läßt sich eine solche Tendenz des ,,Unerwähntlassens" aus den innerparteilichen, ver-
traulichen Veröffentlichungen ablesen. Nirgendwo findet sich dort eine kommentarlose
Verwendung des Militarismus-Begriffes
86
Man kann also unterstellen, daß der Milita-
rismus-Begriff nach einer kurzen Erörterung während der Gründungsphase der
CDU/CSU hiernach bei den stärksten Regional-Parteien der Union absichtlich in der öf-
fentlichen Diskussion möglichst unerwähnt blieb. In dem Zusammenhang ist interes-
sant, daß augenscheinlich mit Beginn der Wahlkämpfe um die Mandate der Kreis- und
Landtage die Militarismus-Diskussion wiederum einsetzte und entsprechende Definitio-
nen sich häuften.
87
So stellte Adenauer schon im März 1946, also vor den Kreistags-
77
Vgl. Anm. 66
78
Vgl. 20 Jahre CDU. a.a.0. S. 31-35
79
Vgl. Anm. 58
80
Vgl. Schwering, L. Die Frühgeschichte der CDU. Recklinghausen 1963. S. 223 f - Zur grundsätzlichen
Tendenz des Programms von Neheim-Hüsten siehe auch: Pütz, H. a.a.0. S.87 ff
81
Vgl. Flechtheim, Ossip K. Die Parteien. a.a.0. S. 157-162
82
Vgl. Grundsatzprogramm der CSU. a.a.0. Im Kapitel I ,,Staatliche Ordnung" lehnt die Partei jeden ,,Milita-
rismus und Zentralismus" ab und im Kapitel VI ,,Zwischenstaatliche Ordnung" bekämpft sie ,,Nationalismus
und Militarismus."
83
Die zehn Punkte der CSU von 1945. Hrsg. Landesleitung der CSU. München. Neuauflage Oktober 1971
84
Die 30 Punkte der CSU. a.a.0.
85
Vgl. Müller, J. Unser Weg. Rückblick und Ausblick. Rede auf der Landesversammlung der CSU in Mün-
chen am 17.5.1946. Erschienen als Sonderbeilage Nr. 2 des Union-Dienstes, Nr. 7. Hrsg. Landesleitung der
CSU. München. - Diese Rede hat programmatischen Charakter und fordert das spätere Grundsatzprogramm.
86
Die vertraulichen Rednerdienste der CSU in Bayern wurden von März 1946 bis August 1947 sowie die ver-
traulichen Informationsbriefe der CSU in Bayern (Union-Dienst. Hrsg. Landesleitung der CSU München) für
1946 ganz und für 1947 bis Oktober einschließlich im AL/CSU durchgesehen. Beim Union-Dienst wird in
diesem Zeitraum mit Ausnahme von Heimkehrerproblemen kein weiteres für diese Untersuchung relevantes
Sachgebiet berührt. Im Rednerdienst Nr. 6 vom Juli 1946 wird einmal eine Militarismus-Definition angeführt,
auf die weiter unten noch eingegangen wird, ansonsten ist hier nur noch der Rednerdienst Nr.10 vom No-
vember 1946 interessant, in dem unter dem Stichwort ,,Programmsätze" aufgeführt wird, für was bzw. gegen
was die Union kämpft. Im Gegensatz zum Grundsatzprogramm von 1946 fehlt hier unter der Rubrik ,,ge-
gen" sowohl ,,Militarismus" als auch ,,Nationalismus". Sehr wohl wird aber der ,,Zentralismus" aufgeführt.
87
Allerdings blieb diese neuerliche Militarismus-Erörterung in der Wahlkampfführung nur ein Randproblem,
wie folgende Quellen belegen: Vgl. AL/CSU. Mappe: Union-Dienst. Nach Union-Dienst Nr. 9 vom 3.10.46
sollte der Wahlkampf über den Volksentscheid mit dem der Landtagswahl in Bayern einheitlich geführt und
aufeinander abgestimmt werden. Dafür standen folgende Bild/Text-Plakate zur Verfügung: ,,Wir arbeiten";
,,Schluß mit dem Krieg auch im inneren"; ,,Gleicher Staat für alle"; ,,Ihr arbeitet Bauern"; ,,Gegen Verskla-
vung der Arbeit"; ,,Neubürger"; ,,Frauen arbeitet mit" und ,,Wir rufen die Jugend". Flugblätter erschienen zu
folgenden Themen: ,,Bayrische Frauen"; ,,Gebt uns die Heimat wieder"; ,,Bayrische Bauern und Landwirte";
28
wahlen vom April 1946 in der amerikanischen Zone fest: ,,Aktiver Militarist ist nicht
der Soldat, gleichgültig welchen Ranges, ob Offizier oder nicht, der in anständiger Wei-
se seine Pflicht erfüllt und nichts anderes getan hat; er darf deswegen keine Zurückset-
zung erfahren! Wenn man harmlose Mitläufer und Soldaten, die glaubten, ihre Pflicht
zu erfüllen, deswegen zurückstößt, so züchtet man geradezu einen verstiegenen und ex-
tremen Nationalismus."
88
Und nachdem die Wahlbeteiligung bei jenen Kreistagswahlen
verhältnismäßig gering ausfiel, glaubte der Presse- und Informationsdienst der Union
eine der Ursachen nicht zuletzt darin zu sehen, daß ,,der Weg des Soldaten zu den de-
mokratischen Parteien ihm gleichfalls oft durch innerpolitische Äußerungen" verschlos-
sen würde. So hätte man schon von ehemaligen Berufssoldaten hören können, daß sie
bei Bewerbungen und Arbeitssuche mit den Worten ,,Auch so ein Militarist" noch wei-
ter zurückgesetzt würden, als sie das Leben sowieso schon gesetzt hätte.
89
Zweifellos ist
in derartiger Erkenntnis auch die Ursache zu sehen, warum die Partei nun sowohl über
die innerparteilichen Rednerdienste
90
als auch über ihren Pressedienst der Öffentlichkeit
ihre Interpretation von Militarismus und Soldatentum darzulegen wünschte, Einem lan-
gen Grundsatzartikel unter dem Thema ,,Militarismus-Soldatentum" schickte die Redak-
tion des Presse- und Informationsdienstes. der Union dementsprechend folgende erklä-
rende Einleitung voraus: ,,Immer wieder tönt uns aus Presse und Rundfunk sowie aus
politischen Kundgebungen das Wort Militarismus entgegen. Ein umstrittenes Wort, des-
sen richtige Deutung uns sehr wesentlich erscheint. Einer unserer . Mitarbeiter hat ver-
sucht, den Unterschied Militarismus und Soldatentum zu ergründen."
91
In diesem Arti-
kel hieß es dann unter anderem weiter: ,,Viele wissen heute nicht, was mit dem Wort
Militarismus gemeint ist. Dabei geht aber dieses Wort das gesamte deutsche Volk und
unter ihm besonders alle ehemaligen Soldaten an. Militarist können dabei alle Dienst-
grade der ehemaligen Wehrmacht - gleichgültig ob Berufssoldaten oder Reservisten - ,
ja. sogar Zivilisten sein ... Zu allen großen Nöten der Gegenwart kommt für den heim-
kehrenden bzw. heimgekehrten Soldaten also noch die Frage hinzu, ob er sich als Mili-
tarist wird verantworten müssen oder nicht Der Soldat kann nicht schlechthin ,,Milita-
,,Arbeiter und Angestellte"; ,,Bayrische Jugend! Kameraden!". - Das Problem Militarismus wurde in keinem
Flugblatt angesprochen!
88
Flechtheim, Ossip K. Dokumente. a.a.0. Bd. 6. S. 5 u. 6
89
Vgl. Union. Presse- und Informationsdienst. Nr. 7 vom 18.6.1946. S. 1
90
Vgl. Rednerdienst Nr. 6 vom Juli 1946. Hrsg. Landesleitung der CSU. München, in: AL/CSU. Unter 5.
,,Fragen an die Union" und ihre Beantwortung lautet die 8. Frage: ,,Die Union nimmt gegen den Militarismus
Stellung, ohne dieses Wort zu definieren; worin besteht der Unterschied zwischen deutschen, amerikanischen,
englischen und russischen Generalstäblern und Soldaten? Antwort: Der Kampf gegen den Militarismus rich-
tet sich nicht gegen diejenigen, die als Soldaten ihre Pflicht getan haben, sondern gegen die Verherrlichung
des Krieges und gegen jede Politik die auf den Krieg abzielt oder seine Möglichkeit skrupellos in Kauf
nimmt".
91
Vgl. Union Presse- und Informationsdienst. Nr. 7 vom 18.7.1946. S. 1
29
rist" sein. Niemand wird auf die Idee kommen, die deutschen Männer, die seit 1813
zum Kampfe gegen den Eroberer Napoleon aufriefen und schon vorher diesen Kampf
vorbereiteten, als ,,Militaristen" zu bezeichnen ... Wäre das Gegenteil richtig, müßte der
gleiche Begriff des ,,Militaristen" für unsere ehemaligen Gegner gelten". Und um
schließlich jede Fehldeutung der Unionsmeinung über Militarismus und Soldatentum in
der Öffentlichkeit auszuschließen, formuliert der Pressedienst: ,,Militarist ist derjenige,
der mit Wissen und Wollen oder fahrlässig gutes Soldatentum zu schlechten, d.h.
rechtswidrigen politischen oder eigensüchtigen Zwecken im Krieg und Frieden miss-
braucht."
92
Der Artikel endet schließlich mit der Feststellung, daß Militarismus und Soldatentum
zwei ganz verschiedene Dinge sind, was den Schluß zuläßt, daß sich die Union - zumin-
dest indirekt - zum ,,guten Soldatentum" bekennt.
93
Abschließend stellt sich die Frage,
warum die Forderung zum Kampf gegen den Militarismus zunächst in verschiedenen
Programmaussagen erhoben, später in den wichtigen Regionalverbänden fast totge-
schwiegen und schließlich wiederum durch eine Anzahl von Verlautbarungen präzise
definiert wird ?
94
Die Gründe hierfür sind vielfältiger Art. So floß zweifellos in den ers-
ten Monaten nach dem 9. Mai 1945 ein undifferenzierter, ,,plakativer Anti-
Militarismus"
95
wie in viele Äußerungen von anderen Deutschen, so auch in die Aussa-
gen der CDU/CSU ein, sei es nun, um sich die Gunst der Sieger zu sichern, die ,,den so-
genannten soldatischen Geist in Deutschland mit Stumpf und Stiel ausrotten"
96
wollten
oder sei es, um nicht hinter den Aussagen der anderen ,,antifaschistischen" Parteien zu-
rückzustehen. Vielleicht aber auch nur als ,,eine unvermeidbare Folge des verlorenen
Krieges."
97
Bald muß man sich jedoch innerhalb der Partei darüber einig geworden sein,
daß jene wenig reflektierte, pauschale Anwendung der Militaristenbezeichnung für alle
heimkehrenden Soldaten aus Gerechtigkeitsgründen nicht haltbar war. Hierdurch würde
das Zurückdrängen des Militarismusbegriffes in den politischen Aussagen erklärbar. Als
schließlich dann die ersten Wahlen Anzeichen von Enttäuschung und Desinteresse bei
vielen ehemaligen Soldaten signalisierten, gab die Union ihr Schweigen wiederum auf,
um ihr zwar differenziertes, im Grunde aber positives Verhältnis zum ,,guten Soldaten-
tum" der Öffentlichkeit darzulegen. Dabei spielte sicherlich die Überlegung eine Rolle,
möglichst zu verhindern, daß beim Aufbau des zu schaffenden neuen demokratischen
92
Ebenda. S. 1 ff
93
Ebenda. S. 3
94
Vgl. Jungwähler-Flugblatt der CDU-Kreispartei Rhein-Wupper von 1946. Ziff. 4. ,,Ohne euch Heimkehrer
geht's nicht!"
95
Vgl. Bölling, K. Die zweite Republik. 15 Jahre Politik in Deutschland. Köln 1963. S. 76
96
Vgl. Ebenda
97
Vgl. Ebenda
30
Staates keine noch so kleine Bevölkerungsgruppe abseits stünde, die ein potentielles
Reservoir für die Gegner der Demokratie darstellen könnte. Andererseits werden aber
zweifellos auch wahltaktische Gründe eine Rolle gespielt haben; denn die Partei, welche
die Masse der ehemaligen Soldaten vom Vorwurf freisprach, Kriegsverlängerung be-
trieben und dadurch Kriegsverbrechen begangen zu haben, durfte sich logischerweise
der Sympathie jener Betroffenen bewußt sein.
98
1.3.2. Das Kriegsverbrecherproblem
Eng verknüpft mit der Militarismusdiskussion sah man in der CDU/CSU das Kriegsver-
brecherproblem. Folglich wurde zwischen ,,Militarist" und ,,Kriegsverbrecher" nicht un-
terschieden und beide Begriffe zur Bezeichnung beider Personenkreise benutzt. Dieses
wird besonders bei der Erläuterung jener schon erwähnten Militarismusdefinition im
Presse- und Informationsdienst der Partei deutlich. ,,Mißbrauch guten Soldatentums zu
rechtswidrigen Zwecken" betrieben hiernach sowohl Zivilisten wie Soldaten die ,,in der
Hauptsache in den Spitzen der politischen und eingeweihten militärischen Führung zu
suchen seien."
99
Als ,,krasseste Fälle" des Mißbrauchs wurden ,,die Führer eines den
Völkerrechtsgrundsätzen widersprechenden Angriffskrieges" genannt, wobei schon das
,,Vorbereiten auf einen rechtswidrigen Angriffskrieg militaristisches Tun"
100
darstellte,
das ,,seinen Führer zu einem Verbrecher an der Menschheit" stemple.
101
In diesem
Punkte machte sich die Union den nicht unumstrittenen Rechtsgrundsatz der Sieger-
mächte zu eigen, die in Nürnberg neben Kriegsverbrechern auch Verbrechen gegen die
Menschlichkeit ahndeten.
102
Zu jener aus Meinungsverschiedenheiten über die Grund-
sätze des internationalen Strafrechts herrührenden Kritik am Nürnberger Prozeß gegen
die ,,Hauptkriegsverbrecher"
103
bemerkte Adenauer: ,,Die Alliierten sind nach ihrer fei-
98
Vgl. Sevenich, M. Die Union als Gottesarbeit im Dienst am Kreuz. Hrsg. CDU/Rhld. Schriftenreihe. Heft
4. Köln 1946. S.14. Hier führt Maria Sevenich u.a. aus: ,,Sie (ehemalige Soldaten) rennen sich in irgendwelche
Verbitterung hinein, weil sie die rechte Antwort heute nicht finden. Es gilt nun, daß wir diesen Männern
klarmachen, daß dieses Deutschland, das sie geliebt und für das sie gestritten haben, wieder ein besseres wer-
den soll. Es geht nicht, wie das die Kommunisten bei uns wiederholt gemacht haben, indem sie sagten, das
sind Kriegsverbrecher, um die man sich nicht kümmern darf, sie haben den Krieg verlängert..." Vgl. auch: Pe-
ters, Josef. CDU. Ihr Wesen und Wollen - Programmentwurf von 1946 - Ziff. 6, Grundsätzliches (2) - (MS),
in: NL. J. Peters, HSAD/RWN 37. ,,Wenn man harmlose Mitläufer und Soldaten, die im guten Sinne ver-
meinten ihre Pflicht zu tun, zurückstößt, züchtet man einen neuen Extremnationalismus. Diese werden einen
dauernden Unruheherd im Volke bilden." - J. Peters war der erste Geschäftsführer der CDU Paderborn. S.a.:
Anm. 79 und 80
99
Union. Presse- und Informationsdienst. Nr. 7 v.18.7.1946. S. 2
100
Ebenda. S. 2
101
Ebenda. S. 1
102
Vgl. Brockhaus Enzyklopädie. Wiesbaden 1970. Stichwort Kriegsverbrechen
103
Ebenda
31
erlichen Erklärung in den Kampf gezogen, um das Recht zu schützen. Sie haben in
Nürnberg Urteile gefällt gegen diejenigen, die gegen anerkannte Grundsätze des Völ-
kerrechts gehandelt haben. Wir bejahen den Rechtsgedanken auch in den Beziehungen
der Völker zueinander ..."
104
Konsequent forderte also die CDU in ihrem Programm für
die britische Zone die ,,Bestrafung der für den Krieg Verantwortlichen."
105
Weiteren
Mißbrauch guten Soldatentums würde nach Unionsmeinung derjenige treiben, ,,der im
Laufe der Kriegsführung entgegen den Gepflogenheiten des Land-, See- und Luftkrie-
ges raubt, stiehlt, plündert, vergewaltigt, brandschatzt, zerstört, mißhandelt, tötet, Greu-
ellügen ersinnt und verbreitet oder solches befiehlt, duldet, sowie derjenige, der in of-
fensichtlich erkennbarer Situation sinnlose Opfer an Gut und Leben verlangt. Der Vor-
wurf trifft auch denjenigen, der durch üblen Drill zum Kadavergehorsam (blinder Ge-
horsam) erzieht oder solchen Gehorsam verlangt, obwohl er weiß oder wissen muß, daß
auch nach deutschen Rechtsgrundsätzen kein soldatischer Befehl bindend ist, der ein
Verbrechen oder ein Vergehen zum Gegenstand hat".
106
Sehr deutlich wies die Partei
aber auch darauf hin, daß es eine Kollektivschuld - beispielsweise für den gesamten
,,Soldatenstand" - nicht geben könne. Schuld sei immer persönlichkeitsgebunden und
nur derjenige schuldig, der vorsätzlich oder fahrlässig handele. Niemand - außer den
damaligen politischen Machthabern - habe 1939 in Deutschland genau gewußt, daß es
sich bei dem begonnenen Krieg um einen Angriffskrieg handele. Das deutsche Volk sei
durch eine Fülle von Propagandamaterial getäuscht worden und für den einzelnen habe
kaum Zeit und Möglichkeit zur Nachprüfung jener Propagandabehauptungen bestanden.
Und zur Unterstreichung dieser ,,Entschuldigungsthese" fragt der Union-Pressedienst:
,,Gab oder gibt es nicht auch für den Mißtrauischen und politischen anders Gesonnenen
eine in allen Kulturstaaten geltende staatsbürgerliche Pflicht, den Gesetzen eines Landes
zu gehorchen? Welches Land gibt dem einzelnen Staatsbürger das Recht, von sich aus
nachzuprüfen, ob ein Krieg zu Recht geführt wird oder nicht, um von dem Ergebnis sei-
ner Nachprüfung es abhängig zu machen, ob er Wehrdienst leisten will oder nicht?"
107
Es bleibt folglich festzuhalten, daß die CDU/CSU deutlich unterschied zwischen dem
Soldaten, der im traditionellen Sinne seine Pflicht für Volk und Vaterland tat und damit
schuldfrei - zumindest im juristischen Sinne - geblieben ist, und demjenigen Mitbürger,
104
Zonensekretariat der CDU der brit. Zone. (Hrsg.). 1. Parteitag der CDU für die britischen Zone am 14.
und 15. August 1947 in Recklinghausen. Köln 1947. S. 12
105
Vgl. Zonensekretariat der CDU der brit. Zone (Hrsg.). Die CDU in der brit. Zone. Jahrbuch 1948. Köln
1948. S. 11
106
Union. Presse- und Informationsdienst. Nr. 7 v. 18.7.1946. S. 2
107
Ebenda. S. 2
32
der vorsätzlich oder fahrlässig Kriegsverbrechen oder Verbrechen an der Menschheit
beging und deshalb bestraft werden mußte. Sicherlich entstand eine derartige Betrach-
tungsweise einerseits aus dem rechtsstaatlichen Denken und Handlungswollen der Par-
tei, andererseits aber auch aus dem Wissen, daß ohne eine Lösung dieses Problems der
Aufbau eines neuen Deutschlands kaum möglich sein würde, da man hierzu das gesam-
te Volk einschließlich großer Teile der ehemaligen Soldaten benötigte. Die Lösung des
Kriegsverbrecherproblems war für die Partei also auch aus taktischen staatspolitischen
Gründen eine Notwendigkeit.
1.3.3. Das Bemühen um die Heimkehrer und deren Eingliederung in die Nachkriegsge-
sellschaft
Mit der Lösung des Kriegsverbrecherproblems ergab sich eine Differenzierungsmög-
lichkeit hinsichtlich der Soldaten und damit eine Integrationschance ohne Diskriminie-
rung für den bei weitem größten Teil der Heimkehrer. So stellt dann auch die Union in
der Entschließung Nr. 9 auf der Berliner Tagung im Sommer 1946 zur "Heimkehrerfür-
sorge" fest: ,,Die Heimkehrer aber gilt es, mit offenen Armen in der Heimat aufzuneh-
men, ihnen jede nur mögliche Hilfe zu gewähren ... Jeder Heimkehrer ist ohne Unter-
schied als gleichberechtigter Deutscher zu empfangen, es sei denn, er hat sich eines
Verbrechens schuldig gemacht."
108
Auf die Frage, warum gerade so gegenüber den
Heimkehrern zu verfahren sei, hatte Maria Sevenich schon Ende 1945 geantwortet:
,,Diese Soldaten sind in den Kampf gegangen, nicht um Hitler zu verteidigen, sondern
um die deutsche Heimat zu schützen. Das war die Liebe zu Volk und Heimat. Sie waren
Soldat und konnten nicht anders, genau wie es uns verhindert war, den Terror zu bre-
chen. Die Tragik des deutschen Soldaten ist es gewesen, das Vaterland zu verteidigen
und damit Hitler den Rücken zu decken."
109
Deutlich wurde also erkannt, daß ,,der innerdeutsche Friede"
110
im Interesse des neu zu
schaffenden Staatswesens liegen würde. Zur Erreichung dieses Zieles wollte man viel
Geduld und den Willen aufbringen, die anstehenden ,,Probleme in Ruhe, Liebe und Ge-
rechtigkeit zu lösen".
111
Dieser Erkenntnis folgend, forderte die Partei die gleichen
Rechte und Pflichten, wie sie jeder Staatsbürger besaß, auch für die ehemaligen Solda-
108
Wege in die neue Zeit. Nr. 5. Berliner Tagung der Union 15.-17. Juni 1946. Die Entschließungen. Hrsg.
Union Verlag. Berlin 1946, in: HSAD/RWV 26-859
109
Sevenich, M. a.a.0. S. 14
110
Union. Presse u. Informationsdienst. Nr. 7 v. 18.7.46. S. 3
111
Ebenda
33
ten und rief diese zur generellen Mitarbeit im neuen Deutschland auf .
112
In einem
Jungwähler-Flugblatt hieß es hierzu bildhaft: ,,Wir werden euch nicht mit dem Holz-
hammer vor den Kopf schlagen, wie ihr aus gewissen Erfahrungen vielleicht befürchten
mögt, sondern wir werden euch ermutigen, mit derselben Tapferkeit, Sauberkeit, Kame-
radschaftlichkeit und Disziplin an die Aufgaben des Friedens zu gehen."
113
Aber nicht nur allgemein, sondern auch in Detailfragen bemühte sich die Union um die
Eingliederung der Heimkehrer. In der wohl richtigen Erkenntnis, daß, wenn die Masse
der ehemaligen Soldaten materiell ihr Auskommen hätte, sie kaum Lust verspüren wür-
de, staatspolitische gefährliche Aktivitäten zu entwickeln, setzte man sich verstärkt für
die finanziellen Belange der Heimkehrer ein. So forderte die Partei u.a. eine Renten-
Besserstellung der Kriegsversehrten gegenüber den Angehörigen der Sozialversiche-
rung
114
und setzte sich für den Eintritt von Heimkehrern mit Heeresfachschulabschluß
in den öffentlichen Dienst ein.
115
Derartiges Bemühen um die Eingliederung der Heimkehrer - besonders der Berufssolda-
ten - als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft hat zweifellos dazu beigetragen,
daß staatsgefährdende Aktivitäten - eventuell nur aus reinem Selbsterhaltungstrieb initi-
iert - beim Aufbau der Bundesrepublik unterblieben. Der Union kommt deshalb ein ge-
wisser Verdienst zu, die Problematik der Heimkehrerfrage früh erkannt und durch ihre
Unterscheidungsthese von Militarismus und Soldatentum mitgeholfen zu haben, diese
zu lösen.
112
Vgl. Ebenda
113
Jungwählerflugblatt der CDU-Kreispartei Rhein-Wupper von 1946. Ziff. 4, in: HSAD/RWN 71/8 - NL.
K. Brauda,
114
Vgl. Reden des 1. Vorsitzenden der CDU für die britisch besetzte Zone Dr. K. Adenauer und
M. Sevenich auf der Zonentagung der Jungen Generation der CDU in Recklinghausen (4.-7. August 1946).
Hrsg. CDU. Schriftenreihe der Jungen Union. o.J. S. 6. - In seiner Rede bedauerte Adenauer, daß die Kriegs-
versehrten finanziell nicht besser gestellt werden könnten als die Angehörigen der Sozialversicherung. Ent-
sprechende CDU-Anträge im Zonenbeirat seien mit der Begründung abgelehnt worden, daß man den Milita-
rismus mit Stumpf und Stiel ausrotten wolle und deswegen eine Besserstellung der Kriegsversehrten und der
Kriegshinterbliebenen nicht zulassen könne.
115
Im vertraulichen Rednerdienst der CSU in Bayern. Nr. 10 vom l0.11.1946 - Hrsg. CSU-Landesleitung.
München - lautet die Frage 12: ,,Gedenkt die Union nach ihren Parteigrundsätzen politisch unbelasteten Be-
rufssoldaten, soweit diese ein Abschlußzeugnis einer Heeresfachschule vorlegen können, das sie nach den
bisher geltenden Bestimmungen zum Eintritt in die verschiedenen Laufbahnen bei den Reichsbehörden be-
rechtigte, bzw. solche, die in der Heeresverwaltung bereits tätig waren, eine Anstellung im öffentlichen Dienst
durch Errichtung einer Vormerkungsstelle in Bayern zu ermöglichen?"
Antwort: ,,Die Union betrachtet es als Forderung der Gerechtigkeit, daß auch Berufssoldaten gegenüber an-
deren Deutschen nicht benachteiligt werden sollen, soweit sie sich nicht durch politische Aktivität oder in
Ausnützung ihrer militärischen Vorgesetztenstellung belastet haben." - Vgl. Schwarz, H. P. Vom Reich zur
Bundesrepublik. Neuwied/ Berlin 1966. S. 18
34
2. Sicherheitspolitische Aspekte der frühen Außenpolitik der Union
2.1. Die außen- und sicherheitspolitische Ausgangslage
Fragen wir nach der außen- und sicherheitspolitischen Ausgangslage, welche sich für
die Partei nach dem Kriege darbot, so ist vorweg einmal zu klären, ob sich zu jener Zeit
überhaupt Möglichkeiten ergaben, Außen- bzw. Sicherheitspolitik zu betreiben.
Normalerweise wird mit Außenpolitik der Inbegriff der Handlungen eines staatlichen
Willensbildungskörpers im Kräftefeld der internationalen Politik bezeichnet
116
und un-
ter Sicherheitspolitik das Bestreben desselben verstanden, sich vor Gefahren - primär
von außen - zu schützen. Einen Willensbildungskörper gab es aber nicht mehr und folg-
lich für Parteien auch keine klassische Möglichkeit, am staatlichen Willensbildungspro-
zeß zu partizipieren. Aus diesem Grunde war man genötigt, andere neuartige Wege zu
beschreiten, die, wenn sie schon diesen Mangel nicht ausglichen, ihn doch mindern hal-
fen. In dem Zusammenhang sei auf die spätere, erfolgreiche Interview-Diplomatie Ade-
nauers hingewiesen, welche geschickt die zwischen den Beziehungen Deutschlands und
der Außenwelt geschalteten Militärregierungen zu übergehen versuchte. Ähnlich, wenn
auch in wesentlich bescheidenerem Umfang können jene ersten außen- bzw. sicher-
heitspolitischen Programmaussagen der Parteien gedeutet werden. Bei einem solchen
Wertungsversuch sollte man aber nicht vergessen, daß damals jeder Versuch, die Positi-
on Deutschlands im internationalen Kräftefeld neu zu bestimmen, von den Gegebenhei-
ten der Viermächte-Besatzung auszugehen hatte und folglich oft enge Begrenzungen
fand. "Dementsprechend war auch der politische Willensbildungsprozeß sehr stark
durch regionale, bestenfalls zonale Momente bestimmt.
117
wie sie in der Union im spä-
teren Adenauer-Kaiser Konflikt deutlich wurden. Dennoch, nach einer Analyse der in
der Tat verschiedenartigen Ausgangssituationen in den starken Regionalzentren der Par-
tei Köln, Berlin und München unter gleichzeitiger Berücksichtigung des in Bad Godes-
berg beschlossenen zentralen Verbindungsgremiums der Union
118
, wird man zu dem
116
Vgl. Schwarz, H. P. Vom Reich zur Bundesrepublik. Neuwied/ Berlin 1966. S. 18
117
Ebenda
118
Die erste Bestandsaufnahme der Unions-Gründung in Deutschland erfolgte im ,,1. Reichstreffen der
Christlich-Demokratischen Union" vom 14. bis 16.12. 1945 in Bad Godesberg. Zwar führte diese Zusam-
menkunft noch nicht zu einer alle Zonen umfassenden Organisation der Partei, beschloß aber immerhin die
Bildung eines Zonenverbindungsausschusses der CDU/CSU mit Sitz in Frankfurt/M. Auch auf der im Feb-
ruar 1947 mit 41 Delegierten aus allen Ländern beschickten CDU/CSU-Tagung in Königstein, konnte noch
keine überzonale Organisation geschaffen werden. Die aus dieser Begegnung hervorgehende ,,Arbeitsgemein-
schaft CDU/CSU Deutschlands" arbeitete jedoch schon ,,im Sinne einer überregional geordneten und geein-
ten Union." So nahm sie zu allen aktuellen Fragen Stellung und hatte folgende Ausschüsse: Verfassungsauss-
35
Schluß kommen müssen, daß zu jener Zeit nicht nur in gewissen Grenzen Außenpolitik,
sondern, allerdings noch wesentlich eingeschränkter, auch Sicherheitspolitik möglich
war und betrieben wurde. Jener vereinzelt nach Kriegsende geäußerten Meinung, es
werde lange keine Außenpolitik mehr geben
119
, und jener in der Literatur vertretenen
Auffassung, die westdeutschen Parteien hätten erst im Sommer 1949 begonnen, sich der
Außenpolitik zu bemächtigen
120
, kann in dieser Absolutheit nicht zugestimmt werden.
Andererseits ist mit Recht gesagt worden, man könne sich die Anfänge deutscher Au-
ßenpolitik nicht bescheiden genug vorstellen.
121
Hierzu heißt es 1946 im Programm von
Neheim-Hüsten: ,,Außenpolitik wird Deutschland vorerst nur im beschränkten Umfange
treiben können."
122
Eine Aussage, die durch Adenauer mehrfach unterstrichen wurde.
123
Trotz aller ungünstigen Voraussetzungen glaubte aber die Union als unmittelbare Folge
des Zusammenbruchs Hitler-Deutschlands und als Reaktion auf dessen Gewalt und
Kriegspolitik, sofort mit der Neugestaltung der Beziehungen Deutschlands zu anderen
Völkern beginnen zu sollen. Sie sah hierin eine ihrer außenpolitischen Hauptaufgaben.
So finden sich in den frühen Programmen zwar allgemein gehaltene, aber darum nicht
weniger überzeugend klingende Absagen an jede Form und Äußerung der Gewalt und
des Krieges.
124
,,Deutschland muß führend sein in der Verwirklichung der Sehnsucht der
Völker nach einem ewigen Frieden", heißt es in den Kölner Leitsätzen vom Juni 1945
125
und in den Frankfurter Leitsätzen vom September 1945 steht: ,,Wir bekennen uns zur
Ächtung des Krieges."
126
Ferner, um in der Welt neues Vertrauen zu erwerben, wird in
chuß, Außenpolitischer Ausschuß, Wirtschafts- und Sozialausschuß, Kulturausschuß, Jugendausschuß und
Organisationsausschuß. Auch der von der Arbeitsgemeinschaft beauftragte ,,Fünfer-Ausschuß" trug in dieser
Zeit wesentlich zum geschlossenen Auftreten der Union in der Öffentlichkeit bei und ermöglichte die Bil-
dung einer einheitlichen politischen Meinung. Wenn auch die ,,Arbeitsgemeinschaft CDU/CSU Deutsch-
lands" noch keine Partei im eigentlichen Sinne war, so war sie doch bereits ein umfassender Aktionskörper.
Die Arbeitsgemeinschaft errichtete in Frankfurt/M ein Generalsekretariat, das als Vorläufer der später einge-
richteten CDU-Bundesgeschäftsstelle angesehen werden kann. Vgl. Pütz, H. a.a.0. S. 18 f . S.a.: Deuerlein,
E. CDU/CSU. a.a.0. S. 60. S.a.: Adenauer, K. Erinnerungen 1949-53. Stuttgart 1965. S. 5
119
Vgl. Rede Dr. Leo Schwering vom 1. Juni 1945. Ein Ruf zur Sammlung des deutschen Volkes. (MS) S. 8,
in: HSAD/RNV 26-753. ,,Eine aktive Außenpolitik wird es lange nicht mehr geben. Wir müssen uns be-
gnügen, unseren unbedingten Friedenswillen, die Rückkehr zur Achtung der Verträge zu beteuern, denn das
ist alles, was im Augenblick geschehen kann."
120
Vgl. Cornides, W. Die Weltmächte und Deutschland. Geschichte der jüngsten Vergangenheit 1945-55.
Tübingen/Stuttgart 1957. S. 2o8
121
Baring, A. Außenpolitik in Adenauers Kanzlerdemokratie. München/Wien 1969. S. 62
122
Flechtheim, Ossip K. Dokumente. Bd. 2. a.a.0. S. 53 ,,Aufruf und Parteiprogramm von Neheim-Hüsten v.
1.3.1946."
123
Adenauer in einer Rundfunkrede am 6.3.1946. Vgl. Flechtheim, Ossip K. Dokumente Bd. 6 a.a.0. S. 7 und
in einer .Rede in der Kölner Universität am 24.3.1946. Vgl. Schriftenreihe der CDU/Rhld. H. 8. Köln 1946.
S. 22
124
Vgl. Flechtheim, Ossip K. Dokumente, Bd. 2. a.a.0. S. 9. Vgl. hierzu auch: Dokument Nr. 94. Aufruf an
das Deutsche Volk. Berlin, 26.6.1946; Dokument Nr. 95a. Kölner Leitsätze vom Juni 1945. Vorläufiger Ent-
wurf zu einem Programm, sowie 95b. Leitsätze der CDP in Rheinland und Westfalen. 2. Fassung der Kölner
Leitsätze vom September 1945; Dokument Nr. 96. Frankfurter Leitsätze vom September 1945; Dokument
Nr. 97. Aufruf der CDU-Württemberg-Hohenzollern vom 6.1.1946. S.a.: 20 Jahre CDU. a.a.0. S. 28-39
125
Ebenda. Dokument 95a
126
Ebenda. Dokument 96
36
Absichtserklärungen darauf hingewiesen, daß zukünftig die Achtung fremden Volks-
tums und die treue Innehaltung von Verträgen als Grundlage deutscher Außenpolitik be-
trachtet würde.
127
Auffallend in diesem Zusammenhang ist, daß man es allerdings in der zweiten Fassung
der Kölner Leitsätze vom September 1945 in Ergänzung zur 1. Fassung vom Juni 1945
schon für notwendig hielt, neben der Achtung fremden Volkstums auch die Sicherung
des eigenen zu fordern.
128
Zweifellos eine der ersten sicherheitspolitischen Aussagen der Partei, initiiert wohl
nicht zuletzt durch die von den Sowjets durchgeführte Vertreibung der Bevölkerung aus
den deutschen Ostgebieten und durch Berichte, daß die westlichen Alliierten sich darauf
vorbereiten würden, Deutschland mindestens zehn, vielleicht aber auch zwanzig Jahre
und länger unter militärischer Kontrolle zu halten.
129
Frühzeitig manifestierte die Partei auch schon jenes Postulat - was später bei der Dis-
kussion um den Wehrbeitrag von großer Bedeutung werden sollte daß es das Ziel deut-
scher Außenpolitik sei, an der friedlichen Zusammenarbeit der Völker in der Vereini-
gung der Nationen gleichberechtigt teilzunehmen.
130
So bekennt beispielsweise das
Grundsatzprogramm der CSU von 1946: ,,Wir treten ein für den Frieden unter den Völ-
kern und die Gleichberechtigung der Nationen."
131
Hierbei ging man davon aus, daß
das auf dem Fundament des Christentums und der abendländischen Kultur aufzubauen-
de Deutschland
132
mitwirken müßte ,,an der Erfüllung der Völkersehnsucht nach einem
dauernden Frieden."
133
Die damit angesprochene Basis der ,,christlichen und abendlän-
dischen Lebenswerte"
134
wird in fast allen frühen Programmen betont
135
und - klammert
127
Ebenda. Dokumente 95a und 95b. S.a.: Entschließung Nr. 4 der 1. CSU-Landesversammlung in München
vom 17.5.1946, in: Der Allgäuer. Nr. 40 vom 21.5.1946. S. 1 ,,Die Union setzt alles daran, das verlorenge-
gangene Vertrauen des Auslandes zum deutschen Volke wieder herzustellen."
128
Ebenda. Dokument 95b. Ziff. 24
129
Vgl. Lilge, H. (Hrsg.). Deutschland 1945-63. a.a.0. S. 30. S.a.: Bölling, K. Die 2. Republik. 15 Jahre
Politik in Deutschland. Köln 1963. S. 79
130
Vgl. Flechtheim, Ossip K. Dokumente. Bd. 2. a.a.0. S. 3 ,,Aufruf und Parteiprogramm von Neheim-
Hüsten v.1.3.46." S.a.: Deuerlein, E. CDU/CSU. a.a.0. S. 72
131
Grundsatzprogramm der CSU in Bayern. Hrsg. Landesgeschäftsstelle der CSU. München 1946. Abschnitt
VI, Ziff. 1. Hierzu s.a.: Geschichte und Wesen der CDU. Hrsg. Zonenausschuß der CDU. Köln o.J. S. 7, in:
HSAD/RWV 26-854. ,,In erster Linie steht der Wunsch der Union, daß Deutschland so rasch als möglich als
gleichverpflichtetes und gleichberechtigtes Mitglied in einer west-europäischen Staaten-Förderation Aufnah-
me finden möge."
132
Vgl. Flechtheim, Ossip K. Dokumente. Bd. 2. a.a.0. Dokument Nr. 95a. Ziff. 20
133
Vgl. Ebenda. Dokument Nr. 95b. Ziff. 24. S.a.: 20 Jahre CDU. a.a.0. S. 35
134
Vgl. Präambel der Kölner Leitsätze der CDU, in: Flechtheim, Ossip K. Dokumente. Bd. 2. a.a.0. Doku-
ment Nr. 95a. S.a.: 20 Jahre CDU. a.a.0. S. 28
135
Vgl. u.a. Berliner Gründungsaufruf an das Deutsche Volk. ,,...kann eine Ordnung in demokratischer Frei-
heit nur entstehen, wenn wir uns auf die kulturgestaltenden, sittlichen und geistigen Kräfte des Christentums
besinnen...", in: 20 Jahre CDU. a.a.0. S. 36; Die 30 Punkte der Union. a.a.0. S. 15. ,,Wir glauben, daß ein
friedlicher und freiheitlicher deutscher Bundesstaat sich wieder ehrenvoll einordnen wird in die abendländi-
sche Staaten- und Kulturgemeinschaft."
37
man die Sonderstellung der Berliner CDU aus - damit zur Grundlage für eine sich zum
Westen hin orientierende Außen- und Sicherheitspolitik.
Als Exponent dieser Politik galt bald Konrad Adenauer, der schon frühzeitig anläßlich
der ersten Programmdiskussionen in der Union einen ,,Christlichen Sozialismus" nicht
zuletzt deshalb ablehnte, weil nach seiner Ansicht die Hauptgefahr aus dem Osten drohe
und der Begriff so immer innen- und außenpolitische Verwirrung schaffen könnte.
136
,,Ich bitte Sie und die anderen Herren", schrieb er am 21.8.1945 an den damaligen Mün-
chener Oberbürgermeister Dr. Scharnagl -, sich ,,doch immer wieder bei der Überlegung
(ob christliche Sammelpartei oder nicht) zu vergegenwärtigen, daß allein diese geplante
Zusammenfassung aller auf christlicher und demokratischer Grundlage stehenden Kräf-
te uns vor aus dem Osten drohenden Gefahren schützen kann."
137
In einem weiteren Brief vom 31. Oktober 1945 an den damaligen Oberbürgermeister
von Duisburg Weitz bemühte sich Adenauer, seine These von der Gefahr aus dem Osten
für die demokratische Entwicklung Deutschlands zu begründen, als er schrieb: ,,Ruß-
land hat in Händen: die östliche Hälfte Deutschlands, Polen, den Balkan, anscheinend
Ungarn, einen Teil Österreichs. Rußland entzieht sich immer mehr der Zusammenarbeit
mit den anderen Großmächten und schaltet in den von ihm besetzten Gebieten völlig
nach eigenem Gutdünken. In dem von ihm beherrschten Ländern herrschen schon jetzt
ganz andere wirtschaftliche und politische Grundsätze als im übrigen Teil Europas.
Damit ist die Trennung in Osteuropa, das russische Gebiet und Westeuropa eine Tatsa-
che ... Der nicht von Rußland besetzte Teil Deutschlands ist ein integrierender Teil
Westeuropas. Wenn er krank bleibt, wird das von schwersten Folgen für ganz Westeu-
ropa ... sein. Es liegt im eigensten Interesse nicht nur des nicht von Rußland besetzten
Teiles Deutschlands, sondern auch von England und Frankreich, Westeuropa unter ihrer
Führung zusammenzuschließen, den nicht russisch besetzten Teil Deutschlands poli-
tisch und wirtschaftlich zu beruhigen und wieder gesund zu machen ... Dem Verlangen
Frankreichs und Belgiens nach Sicherheit kann auf die Dauer nur durch wirtschaftliche
Verpflechtung von Westdeutschland, Frankreich, Belgien, Luxemburg, Holland wirk-
lich Genüge geschehen. Wenn England sich entschließen würde, auch an dieser wirt-
schaftlichen Verpflechtung teilzunehmen, so würde man dem doch so wünschenswerten
Endziele, Union der westeuropäischen Staaten, ein sehr großes Stück näherkommen."
138
136
Zitiert nach: Narr, W. D. a.a.0. S. 99. Vgl. auch: Schwarz, H. P. a.a.0. S. 439
137
Wieck, H. G. Die Entstehung der CDU und die Wiederbegründung des Zentrums im Jahre 1945. Düssel-
dorf 1953. S. 62. S.a.: Bölling, K. a.a.0. S. 126
138
Adenauer, K. Erinnerung. a.a.0. S. 39 f. Vgl. v. Weymar, P. Konrad Adenauer. Autorisierte Biographie.
München 1955. S. 356. Vgl. a. Osterheld, H. Konrad Adenauer. Ein Charakterbild. Bonn 1973. S. 70
38
Es ist erstaunlich, mit welcher Kompromißlosigkeit und Selbstsicherheit Adenauer in
der völlig ungeklärten Situation der frühen Nachkriegszeit eine derartig - wie sich später
zeigte - zutreffende Konstellationsanalyse anstellte und hieraus seine politischen Kon-
sequenzen ableitete. Außenpolitik wurde von ihm also auch als eine Politik betrachtet,
die dazu beitragen sollte, das Erreichte - die Befreiung von einem totalitären System
und die Chance eines parlamentarisch-demokratischen Neubeginns - zu sichern. Seine
nüchterne Lagebeurteilung in Verbindung mit den Erfahrungen eines langen Lebens und
,,seine tiefe Abneigung gegen den atheistischen Bolschewismus"
139
ließen ihn zu jenen
Schlußfolgerungen kommen, die die gesamte spätere Außenpolitik der Union und ab
1949 der Bundesrepublik entscheidend beeinflußten.
Man hat behauptet, Adenauers Hinwendung zu Westeuropa - besonders zu Frankreich -
liege unter anderem in seiner engen Beziehung zur rheinischen Heimat begründet, wie
sie offenkundig würde in seiner geographischen Definition des christlichen Abendlan-
des, dessen Herz er zwischen Loire und Weser anzusiedeln pflegte.
140
Dieses mag rich-
tig sein, kann aber wohl kaum als entscheidende Ausgangsbasis für eine europäische In-
tegrationspolitik der Union angesehen werden. Wie wäre es sonst verständlich, daß - mit
Ausnahme der Berliner - 1945/46 die verschiedenen Regionalparteien unabhängig von-
einander zu gleichen Ergebnissen kamen? So forderte beispielsweise auch die bayrische
CSU in ihrem Grundsatzprogramm eine europäische Konföderation zur gemeinsamen
Wahrung und Weiterführung der christlich-abendländischen Kultur, die der wirksamen
Befriedigung Europas dienen und als Beitrag zum dauerhaften Frieden in der Welt ver-
standen werden sollte.
141
In Erkenntnis dieser Notwendigkeit waren es ebenfalls die
Bayern, die wie die CDU der britischen Zone unter Adenauer für eine europäische Wirt-
schafts- und Währungsunion eintraten, welche dem Ziele dienen sollte, das Vertrauen
der Völker zueinander zu fördern.
142
Zweifellos hatten derartige Absichtserklärungen auch einen sicherheitspolitischen Cha-
rakter, sicherheitspolitisch sogar im doppelten Sinne, da mit einer solchen Politik nicht
nur für Deutschland ein gewisses Maß an Sicherheit erreicht wurde, indem man sich als
Wehrloser einem starken Europa anschloß, sondern hiermit auch zum Ausdruck brachte,
dem Sicherheitsdenken der Nachbarn Deutschlands Rechnung tragen zu wollen. Ade-
nauer wies auf diesen zweiten Aspekt immer wieder hin, wie vor der Jungen Union in
Recklinghausen, als er im August 1946 erklärte: ,,Wir wollen aber keinen Krieg mehr,
weder für unsere Kinder noch für unsere Kindeskinder ... Es gibt Lösungen des Sicher-
139
Bölling, K. a.a.0. S. 126
140
Vgl. Rheinischer Merkur vom 21.2.1948. S.a.: Schwarz, H. P. a.a.0. S. 435
141
Grundsatzprogramm der CSU in Bayern. a.a.0. Abschnitt VI, Ziffer 2
39
heitsverlangens, die konstruktiver Natur sind und die wir mitmachen können und mit-
machen dürfen und die trotzdem den westlichen Nachbarn Deutschlands und auch Eng-
land die Sicherheit geben, auf die sie ihren berechtigten Anspruch haben."
143
In dem Zusammenhang ist daran zu erinnern, daß die Alliierten - insbesondere Frank-
reich - nicht nur im Osten, sondern auch im Westen die Abtrennung deutscher Gebiete
planten, wobei primär der Wunsch nach Sicherheit vor Deutschland eine wichtige Rolle
spielte.
144
Deutsche Politik, die sich bemühte, derartige Abtrennungen zu verhindern,
wie es die Union mit ihrer Forderung nach einem vereinten Europa tat, welches zwangs-
läufig wechselseitige Sicherheit gewähren würde, ist also im Rahmen oben angeführter
Definition von Sicherheitspolitik zumindest eine Art dieser Politik. Deshalb wäre es un-
richtig - besonders für die frühe Nachkriegszeit - zu folgern, das politische Eintreten der
Mehrheit in der Union für eine europäische Integration hätte seine ausschließliche Ursa-
che in der Ablehnung des sowjetischen Totalitarismus gehabt. Allerdings ist jene Ab-
lehnung aber ein Grund dafür, daß die CDU/CSU ihre Integrationspolitik zu einer west-
europäischen nuancierte, worauf ausführlich noch einzugehen sein wird.
Die außen- und sicherheitspolitische Ausgangslage der Partei kann also - grob zusam-
mengefaßt - als ein Bemühen um neues Vertrauen im Ausland und um das Gewinnen
wechselseitiger Sicherheit für Deutschland und seine Nachbarn im Rahmen einer west-
europäischen Integration verstanden werden. Nicht zuletzt war es eine unterschiedliche
sicherheitspolitische Beurteilung dieser Ausgangslage, welche innerhalb der Union
schließlich zum Adenauer/ Kaiser-Konflikt führte.
142
Ebenda. Abschnitt VI, Ziffer 3. S.a.: Kaack, H. Geschichte... a.a.0. S. 173
143
Reden des 1.Vorsitzenden der CDU für die britisch besetzte Zone Dr. K. Adenauer und Maria Sevenichs
auf der Zonentagung der Jungen Generation der CDU in Recklinghausen am 4.-7. August 1946. Hrsg. CDU.
Schriftenreihe der Jungen Union. H. 1. o.J. S. 12, in: HSAD/RWN - 71
144
U.a. auf der Konferenz der vier alliierten Außenminister vom 25. April bis 19. Mai 1946 in Paris erhob
Frankreich Einspruch gegen die Bildung einer deutschen Zentralverwaltung. Stattdessen schlug es vor, erst
einmal das Ruhrgebiet einer internationalen Kontrolle und Besetzung zu unterwerfen, das Rheinland von der
Pfalz bis einschließlich Köln durch französische Truppen, nördlich davon durch belgische, holländische und
angelsächsische Streitkräfte ständig besetzt zu halten und die Saarbergwerke bis zu einer endgültigen Ent-
scheidung, Frankreich zu überlassen. - Vgl. Lilge, H. (Hrsg.). Deutschland 1945- 1963. a.a.0. S. 30 f . S.a.: A-
denauer, K. Erinnerungen. a.a.0. S. 40. S.a.: Kaack, H. Geschichte. a.a.0. S. 156. S.a.: Prittie, T. Konrad Ade-
nauer. Vier Epochen deutscher Geschichte. Stuttgart 1971. S. 168
40
2.2. Der Adenauer/Kaiser-Konflikt
Adenauers außenpolitische Vorstellungen
145
standen denen Kaisers diametral entgegen.
Während Adenauer sich schon frühzeitig zunächst intern und später öffentlich für eine
West-Orientierung Deutschlands aussprach und vor allem eine deutsch-französische
Verständigung aus beiderseitigen Sicherheitsgründen propagierte, setzte Kaiser sich für
eine Politik der Blockfreiheit ein, wobei Deutschland die Rolle einer Brücke zwischen
Ost und West zukommen sollte.
146
Kaiser verstand hierunter die Suche nach einem eigenen deutschen Weg. Deutschland
dürfe weder ausschließlich nach Osten noch ausschließlich nach Westen schauen. Nur
die Mitte zwischen beiden Auffassungen könne für das Reich in der Zukunft fruchtbar
werden.
147
Im Zusammenhang wurde deutlich, dass damit vor allem versucht werden
sollte, jede kriegerische Auseinandersetzung zwischen den Weltmächten zu vermeiden.
Dies wird durch jenen leidenschaftlichen Appell auf dem Parteitag der Ost-CDU von
1946 unterstrichen, in dem Kaiser feststellte: ,,Für einen Frevel aber sehe ich es an,
wenn da und dort von der Möglichkeit eines Krieges zwischen Ost und West geredet
wird ... Deshalb laßt uns dem Frieden dienen, dem Frieden und dem friedlichen Aus-
gleich zwischen Ost und West, an den wir glauben müssen, um Deutschland zu retten!
Ich stehe zu meiner Erkenntnis der Aufgabe von Berlin, von Deutschland: Wir haben
Brücke zu sein zwischen Ost und West um Deutschlands, um Europas Willen."
148
Diese Brückentheorie bliebe ohne den Hinweis unverständlich, daß hierunter eine Ver-
bindung von strukturpolitisch-gesellschaftspolitischen und außenpolitischen Kompo-
nenten zu verstehen waren. So wollten deren Vertreter Deutschland nicht gegenüber den
Einflüssen der Großmächte abschirmen, sondern diese sollten von einem kräftigen deut-
schen Staat kraft eigener Interessenlage umgesetzt werden. Das wiederum war nur dann
möglich, wenn es sich beim zu schaffenden Deutschland um einen Staat handelte, der
145
Vgl. Adenauers Reden aus dem Jahre 1946, in: AB/CDU. Ordner: Dr. Adenauer 1. Hiervon sind beson-
ders nennenswert: Rundfunkrede vom 6.3.46, Rede in der Kölner Universität vom 24.3.46; Rede am 4.10.46
in Aachen und die Rede vom 17.12.46 in Lippstadt. S.a.: Adenauer, K. Erinnerungen. a.a.0. S. 40 ff. S.a.:
Schwarz, H.P. a.a.0. S. 421 ff
146
Vgl. Schwarz, H.P. a.a.0. S. 299 ff . S.a.: Kaack, H. Geschichte. a.a.0. S.177 f . S.a.: Lemmer, E. Manches
war doch anders. Erinnerungen eines deutschen Demokraten. Frankfurt/M
1961. S. 295 ff. S.a.: Prittie, T. Konrad Adenauer. Vier Epochen deutscher Geschichte. Stuttgart 1971. S. 153
ff
147
Vgl. Neue Zeitung vom 24.9.1946
148
Zitiert aus: CDU/CSU von A bis Z. a.a.0. S. 91
41
eine spannungsvolle Koexistenz der Ideen und politischen Ordnungskonzeptionen in
seinem Inneren gewährleisten konnte.
149
Diese Politik der Neutralität und des Arrangierens mit der Sowjetunion fand nicht nur in
Berlin, sondern auch in der CDU-Hessen und auf dem Arbeitnehmerflügel der rheini-
schen Partei Anhänger. Der spätere hessische Bundestagsabgeordnete Paul Bausch be-
kannte damals: ,,Deutschland darf keine Schachfigur im Spiel der Großmächte werden.
Es kann weder der Vorposten der Angelsachsen gegen Rußland noch die Vorpostenstel-
lung Rußlands gegen die angelsächsische Welt werden. Deutschland muß seinen Weg
völlig selbständig suchen. Es muß um seine Selbständigkeit kämpfen nicht mit der Ge-
walt, sondern mit den Mitteln des Geistes."
150
Und der nordrhein-westfälische Minister-
präsident Karl Arnold sagte auf einer Tagung der Sozialausschüsse der CDU/CSU im
Februar 1947: ,,Deutschland hat tief erkannt, daß seine Aufgabe nicht in der Eroberung
und Restaurierung militärischer Machtvorstellungen besteht, sondern daß es in Erfül-
lung seiner Mission eine unbewaffnete und geistige Mittlerrolle in Europa zu überneh-
men hat. Deshalb kann es für Deutschland weder heute noch in Zukunft irgendeine
Blockpolitik geben. Wir machen daher keine englische, amerikanische, russische oder
französische Politik, wir können nur eine deutsche Aufgabe für Europa erfüllen und be-
strebt sein, mit allen Mächten ein gutes und friedliches Verhältnis zu schaffen."
151
Selbst der Westfale Dr. Holzapfel brachte als Vorsitzender des außenpolitischen Aus-
schusses der britischen Zone noch Mitte März 1947 auf einer Vorstandssitzung der Ar-
beitsgemeinschaft der CDU/CSU Deutschlands zum Ausdruck, daß es keine einseitige
Orientierung geben dürfe.
152
Im Grunde aber blieben die Vertreter einer Politik der Blockfreiheit innerhalb der Union
eine Minderheit. Schon einen guten Monat vor jener nun zu behandelnden Vorstandssit-
zung der Arbeitsgemeinschaft hatte Kaiser in der Programmdiskussion der Gesamtpartei
zurückstecken müssen. Anfang Februar 1947 war in Königstein im Taunus diese Ar-
beitsgemeinschaft der CDU/CSU gebildet worden. Während der Vorstand
153
im Verlau-
fe des Treffens noch zu der Auffassung gelangte, die Union dürfe auf keinen Fall unter
den Einfluß oder in den Interessenbereich einer der auswärtigen Mächte geraten und sie
149
Vgl. Schwarz, H.P. a.a.0. S. 311
150
CDU-Mitteilungen der CDU Hessen. Jg. 2. Nr. 26, zitiert aus: CDU/CSU von A bis Z. a.a.0. S. 90
151
Zitiert aus: CDU/CSU von A bis Z. a.a.0. S. 91
152
Vgl. Protokoll der 1. Sitzung des Vorstandes der Arbeitsgemeinschaft der CDU/CSU Deutschlands in
Berlin vom 13.-15.3.1947, in: BA-Kaiser-NL. Bd. 83. S. 2 und S. 3. Adenauer fehlte auf dieser Vorstandssit-
zung wegen einer Grippe und ließ sich von Dörpinghaus und Dr. Holzapfel entschuldigen.
153
Bei jenem Treffen am 5. und 6.2.1947 in Königsstein/ Taunus wurde einstimmig die Wahl des folgenden
vorläufigen Vorstandes der Arbeitsgemeinschaft beschlossen: Dr. Konrad Adenauer (Köln), Dr. Friedrich
Holzapfel (Herford), Prof. Dr. Hickmann (Dresden), Jakob Kaiser (Berlin), Dr. Erich Köhler (Wiesbaden),
42
sähe ihre Aufgabe seit ihrer Entstehung darin, Ausgleich und Brücke zwischen Ost und
West zu schaffen und außerhalb des Mächtekampfes rein deutsche Interessen zu vertre-
ten
154
, lautete schließlich die endgültig angenommene Erklärung zur Außenpolitik: ,,Die
Arbeitsgemeinschaft der CDU/CSU begrüßt es, daß die Mächte den Übergang der Waf-
fenruhe zu einem Friedenszustand vorbereiten. Sie bekennt sich zur Unteilbarkeit des
Friedens, und sie hofft auf die Schaffung einer dauerhaften Weltordnung, in der ein
freies und friedliches Zusammenleben aller Völker gewährleistet ist. Die Union betrach-
tet die von der Organisation der Vereinten Nationen verkörperten Grundsätze als die
sittliche Norm des künftigen Weltfriedens. Nur in ihrem Rahmen kann sich jene echte
Gemeinschaft der europäischen Völker entfalten, die Deutschland in seiner Lage zwi-
schen Ost und West erstrebt... In selbstverständlichem Bekenntnis zur organisch ge-
gliederten Einheit Deutschlands lehnen wir jede separatistische Tendenz ab ... ."
155
Eine
solche Erklärung mute als Niederlage Kaisers verstanden werden. Hierin war keine Re-
de mehr von der Ausgleichs- und Brückenfunktion Deutschlands. Zwar wurde auch eine
Westorientierung konkret nicht angesprochen, dennoch sah man den Inhalt als Sieg A-
denauers an, da mit keinem Wort festgelegt wurde, daß mit jener angesprochenen "Ent-
faltung der echten Gemeinschaft der europäischen Völker im Rahmen der vereinten Na-
tionen" eine eventuelle Westorientierung nicht gemeint sei. Dieser Eindruck wurde auch
nicht durch den in der Erklärung enthaltenen Hinweis auf die Ost-West-Lage Deutsch-
lands geschmälert. So war es doch Adenauer selber, der schon Anfang 1946 mehrfach -
aus welchen Gründen auch immer die Vereinigten Staaten von Europa, unter Mithilfe
der UNO im Rahmen einer großeuropäischen Lösung einschließlich der europäischen
Sowjetrepubliken gefordert hatte.
156
Folglich konnte er sich ohne Gesichtsverlust mit
jenem im Grunde wenig relevanten Satz über die Ost-West-Lage Deutschlands einver-
standen erklären.
Ernst Lemmer (Berlin), Dr. Josef Müller (München), Ulrich Steiner (Laucheim, Württemberg). Vgl. Rheini-
sche Post vom 8.2.1947.
154
Vgl. Bericht über eine Sitzung des nach der Gründung der Arbeitsgemeinschaft der CDU/CSU gebildeten
Vorstandes. S. 3 f, in: BA-Kaiser-NL. Bd. 58
155
Lemmer, E. a.a.0. S. 288. S.a.: Rheinische Post vom 8.2.1947
156
In der Tat hielt Adenauer damals eine großeuropäische Lösung für denkbar, wobei allerdings eine westli-
che Vormachtstellung in diesem Staatengebilde als Voraussetzung galt. So schrieb er in einem grundsätzlichen
Brief vom 8.4.1946 an Prof. Noack: ,,Eine konstruktive Lösung erblicke ich allein in der Gründung der Ver-
einigten Staaten von Europa unter Führung von England und Frankreich. Zu diesen Vereinigten Staaten von
Europa muß auch Deutschland gehören! ... Bis zur Gründung der Vereinigten Staaten von Europa, die durch
die UNO herbeigeführt werden müßte, kann m.E. dem Verlangen der westlichen Nachbarn Deutschlands
nach Sicherheit völlige Genüge geschehen, ohne eine Zerreißung Deutschlands." Zitiert aus: CDU/CSU von
A bis Z. a.a.0. S. 91. S.a.: Westfalen-Zeitung. Nr.18 vom 18.5.1946. Hier hieß es: ,,Der Vorsitzende der
Christlich Demokratischen Union, Dr. Adenauer, forderte in einer Rede, die er in Düsseldorf hielt, die mög-
lichst schnelle Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa, denen auch die europäischen Sowjetrepubliken
angehören könnten."
43
Eine weitere Niederlage mußte Kaiser in der Frage des ,,Schwerpunktes Deutschlands"
hinnehmen. Während er leidenschaftlich für Berlin eintrat, lehnte Adenauer Berlin ,,we-
gen seines Preußentums" als geographischen und geistigen Mittelpunkt für die CDU ab.
Seiner Meinung nach sollte die deutsche Hauptstadt eher im Südwesten liegen als im
weit östlich gelegenen Berlin, dort nämlich, wo die Fenster Deutschlands nach Westen
weit geöffnet seien. Würde Berlin wieder Hauptstadt, so würde man damit auch wieder
ein neues Preußen schaffen und das Mißtrauen im Ausland unauslöschbar werden.
157
Die Delegierten in Königsstein entschieden schließlich mit knapper Mehrheit gegen
Berlin und für Frankfurt als Zentralsitz der CDU.
158
Es ist also zu folgern, daß Adenauer selbst in seine Gedankengänge um die ,,Schwer-
punktwahl" des künftigen Deutschlands - zumindest in der öffentlichen Diskussion -
primär sicherheitspolitische Bedenken der Nachbarn Deutschlands einbezog, die seinem
Ziel, der europäischen Integration, hätten hinderlich sein können. Kaiser hingegen wür-
de wohl kaum ähnliche Überlegungen angestellt haben. Entsprechend seiner politischen
Generallinie wurde von ihm jede europäische Einigungspolitik mißtrauisch betrachtet.
In einigen Fällen wandte er sich sogar scharf gegen Adenauers Westeuropapläne. So
bemerkte er beispielsweise: ,,Meine Freunde, es ist schmerzlich, wenn man Willensäu-
ßerungen deutscher Menschen hört, die sich einseitig nach Westen orientieren möchten,
die von einer Art Vereinigter Staaten von Europa träumen Nur politische Krähwinkelei
kann Gedanken nachgehen, wie den eben angedeuteten. Wo immer sie uns begegnen,
sind sie mit aller Leidenschaft zu bekämpfen."
159
Andererseits bekannte Kaiser sich je-
doch zur europäischen ,,Schicksalsgemeinschaft", welche zum einen als ,,Brotgemein-
schaft" der europäischen Menschen zukünftig kaum zu entbehren sei und zum anderen
um der ,,Kultur des Abendlandes" willen. Er ließ dabei aber nie das ,,Schicksal Deutsch-
lands" außer acht, das es zunächst zu meistern gelte.
160
Auffallend ist, daß in keinem bekannten Vorschlag Kaisers ein konkreter Hinweis dar-
über zu finden ist, wie er die berechtigten Sicherheitsinteressen Frankreichs und Polens
zu befriedigen gedachte. Jene von dieser Basis ausgehende Europakonzeption Adenau-
ers, die eine dauerhafte Lösung des französischen Sicherheitswunsches voraussetzte,
konnte oder wollte Kaiser so nicht sehen.
157
Vgl. Prittie, T. a.a.0. S.157 f. S.a.: Tüngel, R. Adenauers neue Hauptstadt, in: Die Zeit, Nr 43 vom
12.12.1946. - Adenauers Ruf nach einer westlicher gelegenen Hauptstadt war kein vereinzelter. Auch bei der
SPD gab es zu jener Zeit Vertreter solcher Pläne, wie z.B. Carlo Schmid.
158
Vgl. Ebenda. S. 160
159
Kaiser, J. Rede. Berlin steht für Deutschland, in: Neue Zeit. Nr. 230 vom 1.10.1946
160
Vgl. Deutschland und die Union. Die Berliner Tagung 1946. Reden und Aussprache. Berlin 1946. S. 18
44
Seine Weigerung, sich mit dem französischen Sicherheitsbedürfnis auseinander zu set-
zen, hatte nicht nur kleinliche Schikanen von Seiten der französischen Militärregierung
zur Folge
161
, sondern führte auch im Kontrollrat zu einer scharfen Äußerung General
Koenigs, worin Kaisers Initiative für eine ,,Nationale Repräsentanz" als ,,ungehörig"
und ,,illegal" abgelehnt wurde.
162
,,Verglichen mit den Adenauerschen Stellungnahmen
zu den angesprochenen Fragen fehlte (bei Kaiser) durchgehend dessen auch noch im
Nein positive europäische Tendenz."
163
Es ist folglich unwahrscheinlich, daß Kaisers
,,Brücken-Politik" die westlichen Nachbarn Deutschlands sicherheitsmäßig zufrieden
gestellt haben würde. Diese Unsicherheit hätte aber wiederumeine verstärkte Unterstüt-
zung der West- und süddeutschen partikularistischen oder gar separatistischen Bewe-
gungen besonders durch Frankreich zur Folge gehabt, was zu einer permanenten Ge-
fährdung der deutschen Einheit und der Grenzen im Westen geführt haben würde.
164
Was Kaisers sicherheitspolitisches Denken gegenüber dem Osten betrifft, so sah er sehr
wohl den totalitären Charakter des Kommunismus und der Sowjetunion. Er glaubte aber
den Versicherungen sowjetischer Diplomaten, vor allem dem Botschafter Semjonow,
der den bürgerlichen Führern der Ostzone des öfteren erklärte, Rußland beabsichtigte
keine Sowjetisierung Deutschlands und sei im Gegenteil an einem starken Deutschland
interessiert.
165
Überhaupt spielte in dieser Frage bei Kaiser, im Gegensatz zum nüchtern
die jeweilige Lage beurteilenden Adenauer, gewisses Wunschdenken eine nicht uner-
hebliche Rolle. Dieses wird deutlich, als er kurz vor der Londoner Konferenz im No-
vember 1947 schrieb: ,,Wir können einstweilen nicht daran glauben, daß weltpolitische
Gegensätze der alliierten Mächte ... zu Lasten des deutschen Volkes gehen sollen,"
166
Oder, wenn Kaiser anläßlich der Stalin-Äußerung, er glaube nicht an die Kriegsgefahr,
erklärt: ,,Für uns ist dieser Gedanken lebensnotwendig. Denn nur über den endgültigen
Frieden finden wir ins Leben zurück. Von ihm erwarten wir aber auch die Lösung men-
schlicher Fragen, die heute unser Volk noch schmerzlich aufwühlen."
167
Kaisers Politik scheiterte schließlich an der Fehleinschätzung des sowjetischen Totalita-
rismus. Er erkannte dies später selber klar, als er feststellte: ,,Ich gehöre zu den Män-
161
So versuchte die französische Militärregierung bei einer Tagung der CDU/CSU-Arbeitsgemeinschaft in
Koblenz im September 1947, Kaiser zur Abreise zu zwingen. Vgl. Neue Zeitung vom 30.9.1947.
162
Vgl. Amtsblatt des Kontrollrates 1947. Nr.14. S. 265 f
163
Schwarz, H.P. a.a.0. S. 319
164
Vgl. Anm. 135
165
Vgl. Schwarz, H.P. a.a.0. S. 317 f
166
Vgl. ,,Der Dritte Versuch", in: Neue Zeit vom 5.11.1947
167
Jakob Kaiser bei einer Rede in Berlin. Zitiert aus: Die Union. Nr. 88 vom 9.10.1946
45
nern, die in der Verständigungsbereitschaft mit den Vertretern des Kommunismus bis an
die Grenze des Möglichen gegangen sind ... Aber die Zusammenarbeit mußte in dem
Augenblick aufhören, als offenbar wurde, daß man uns zu einer Gefolgspartei der SED
herabdrücken wollte ... Ich kann mich bei allem Drum und Dran .... nicht des Verglei-
ches mit dem 1. Mai 1933 erwehren ... Wer sich darüber noch nicht klar war, dem wird
das Geschehen in Prag die Binde von den Augen gerissen haben. Es ist erschütternd,
wie Prag auf viele gewirkt hat, die immer noch ein Stück Glauben an Verständigungs-
möglichkeit mit den Kommunisten bewahrt hatten." Und im Hinblick auf sein Haupt-
ziel, der Wiederherstellung der deutschen Einheit fuhr er fort: ,,Der Wille zur Wieder-
vereinigung Deutschlands hat uns, die Union Berlins und der Ostzone, stets vorbehaltlos
beherrscht. Wir wollen die Einheit Deutschlands. Aber nicht die Einheit in volksdemo-
kratischer Gleichschaltung, sondern auf demokratischer Basis, die für Freiheit und Men-
schenwürde ein stabiles Fundament ist."
168
Innerhalb der CDU/CSU führte das politische Scheitern der Neutralisten zur Stärkung
der außen- und sicherheitspolitischen Auffassung Adenauers.
169
Kaisers Fehlschlag war
für viele, und nicht nur in der Union, ein Testfall und eine Art Alibi. Wem, wenn nicht
ihm, dem Rußland mit Sympathie gegenüberstehenden Vertreter einer Blockfreiheit
Deutschlands hätte es sonst gelingen können, die Sowjets davon abzubringen, ganz
Deutschland oder zumindest ihre Besatzungszone zu sowjetisieren. Somit war den Mög-
lichkeiten einer solchen Politik das Urteil gesprochen.
170
Adenauer hatte also offensichtlich recht, sowohl in seinen Bemühungen um wechselsei-
tige Sicherheit im Westen als auch mit seinen Vorstellungen von einem geeinten West-
europa zum Schutz der demokratischen Freiheiten gegenüber dem Osten.
2.3. Die Entscheidung für den Westen
Es wurde schon festgestellt, daß der sowjetische Totalitarismus einen wesentlichen
Grund für die nach Westeuropa orientierte Integrationspolitik der Union darstellte. Kai-
sers Mißerfolg unterstrich noch einmal diese These. Allerdings schon vor dessen end-
gültigem Scheitern hatte die Mehrheit in der Union sich gegen die Neutralisten und für
Westeuropa entschieden.
168
Vgl. Programmatische Erklärung Kaisers. Zitiert aus: Der Tagesspiegel. Berlin. Nr. 57 v. 7.3.1948
169
Vgl. Heidenheimer, A.J. Adenauer and the CDU. The rise of the leader and the integration of the party.
Den Haag 1960. S. 61-83
170
Vgl. Schwarz, H.P. a.a.0. S. 343
46
Hier stellt sich die Frage, welches die Ursache für die Ablehnung des sowjetischen To-
talitarismus war und warum schließlich ein Zusammengehen mit den Sowjets ausge-
schlossen wurde?
In dem Zusammenhang erscheint es sinnvoll, das grundsätzliche Verhältnis der Union
zum Kommunismus zu skizzieren.
So wurde schon darauf hingewiesen, daß die personelle Struktur der CDU/CSU sich aus
Männern und Frauen zusammensetzte, die in der Regel gemäßigten Parteien der Wei-
marer Zeit entstammten. Folglich war es nur konsequent, wenn sie ihren damals aufge-
nommenen Kampf gegen jede radikal-politische Richtung nach den grausamen Erfah-
rungen mit dem totalitären Nationalsozialismus nun verstärkt fortsetzten. Es verwunder-
te darum nicht, daß beispielsweise sehr früh bei Gründung der Kölner Partei am 19. Au-
gust 1945 in einem programmatischen Referat festgestellt wurde: ,,Auf jeden Fall haben
wir in den kommenden Jahren mit dem Kollektivismus als Hauptgegner zu ringen. Wir
täuschen uns nicht darüber: Es wird ein Kampf auf Leben und Tod sein. Wie immer
man Programm und Forderung der Kommunisten beurteilen mag, wir sehen sich dort
eine ebenso totale Staatsmacht bilden, wie wir es im Hitlerstaate gewohnt waren. Wir
wollen aber weder einen weißen noch roten Totalismus! Der kollektivistische Staat ist
uns genauso feindlich, wie es der chauvinistisch-nationalistische gewesen ist.
Auch der Kollektivismus muß notwendig wieder mit Furcht und Terror arbeiten, denn
ohne die Vergewaltigung der natürlichen Menschennatur ist dieses System nicht zu hal-
ten. Und sehr weiten Kreisen steckt glücklicherweise ein eben vergangener Terror von
rechts noch tief in den Gliedern, so daß sie vermutlich für Warnungen in dieser Rich-
tung Verständnis zeigen werden."
171
Damit wird deutlich, daß zumindest in der von
Köln beeinflußten starken rheinischen Partei in der Frage der Ablehnung des Kommu-
nismus eine gewisse Vorentscheidung schon zu einer Zeit getroffen wurde, als Adenau-
er noch gar kein Parteimitglied war.
172
Hieraus ist wiederum zu schließen, daß die in der
Union später verstärkt zum Ausdruck kommende tiefe Ablehnung des Kommunismus
als staats- und gesellschaftsformende Weltanschauung keinesfalls nur auf dem Adenau-
erschen Einfluß beruhte, sondern zweifellos in der Gesamtpartei verwurzelt gewesen ist.
Allerdings war wohl Adenauer einer der ersten in der CDU/CSU, der die Ablehnung des
Kommunismus fast deckungsgleich auf die kommunistische Siegermacht Sowjetunion
übertrug. Als weiterer nicht zu unterschätzender Faktor gegen ein Zusammengehen mit
Rußland galt - besonders bei Adenauer - jenes rational kaum erklärbare sogenannte ,,a-
171
Referat, gehalten bei Gründung der Kölner CDP am 19.8.1945 im Konferenzzimmer des Kolpinghauses.
(MS), in: Privatbesitz d. Verfassers - Dokument A
172
Adenauer trat der CDU erst im Herbst 1945 bei. Vgl. Lilge, H. Hrsg. Deutschland 1945-1963. S.19
47
siatische Element"
173
der sowjetischen Politik. Dies bedeutete, daß in den Augen der
Partei die Sowjetunion vielfach als eine fremde unheimliche Macht betrachtet wurde,
,,die von ganz anderem Geiste und von ganz anderer Denkungsart ist als wir abendlän-
dischen Europäer."
174
Diese aus einem verständlichen Anti-Kommunismus und aus einer weniger verständli-
chen Furcht vor dem ,,Asiatischen" resultierenden Gründe ließen Adenauer und andere
Unionspolitiker schließlich zu der Überzeugung kommen, daß die Sowjetunion danach
streben würde, die ,,Kontrolle über ganz Deutschland zu erhalten, um das übrige Europa
in den Griff zu bekommen."
175
Als exemplarisch für die mißtrauische Beurteilung der
sowjetischen Politik durch die Union mag jene Äußerung Adenauers vom Dezember
1946 dienen. ,,Ich stehe der russischen Politik mit größtem Mißtrauen gegenüber",
meinte er damals und fuhr fort: ,,Ich bin der Ansicht, daß die russische Politik die plan-
mäßigste gewesen ist von allen Mächten. Rußland geht ganz offenbar darauf hinaus,
ganz Europa in die größte Unruhe und wirtschaftliche Depression zu stürzen, in der
Hoffnung, dadurch seinen Machtbereich über Deutschland, Frankreich und die kleinen
Länder bis an das Meer und dann England ausdehnen zu können. Und lediglich aus die-
sem Grunde hat es wohl auch darauf bestanden, daß die 12 bis 13 Millionen Menschen
vertrieben worden sind aus ihrer Heimat. Man hat sie hineingepreßt in diese übervölker-
ten Gebiete, damit sie hier Keime und Herde der Unzufriedenheit und des weiteren Nie-
dergangs bilden würden, Ich betone also nochmals: Ich glaube, wir im Westen müssen
der russischen Politik mit dem größten Mißtrauen gegenüberstehen... ."
176
Trotz jener begründeten Abneigung der Union gegenüber dem Kommunismus und Sow-
jetrußland kann nicht ausgeschlossen werden, daß unter den gegebenen Umständen eine
gemäßigtere Politik der Sowjets gegenüber Deutschland eine allzu frühe Westbindung
der Gesamtpartei verhindert hätte, denn bei entsprechenden Voraussetzungen hätte die
Auseinandersetzung zwischen Adenauer und Kaiser genauso gut einen anderen Verlauf
nehmen können. So aber fanden sich die Ansichten Adenauers und seiner Anhänger
durch die bald allen sichtbar werdende Gewaltpolitik der Sowjets bestätigt. Hierbei
wurde der von ihm prognostizierte expansivtotalitäre Charakter des Sowjetkommunis-
mus deutlich, als die Sowjetunion in den von ihr besetzten Ländern die demokratischen
173
Vgl. Schwarz, H.P. a.a.0. S. 464
174
Wortprotokoll des Referats vor dem Vorstand der CDU in der britischen Besatzungszone in Lippstadt am
17.12.1946, in: AB/CDU
175
Vgl. Strauß, F. J. Entwurf für Europa. Stuttgart 1966. S. 57
176
Wortprotokoll des Referates vor dem Vorstand der CDU in der britischen Besatzungszone in Lippstadt
am 17.12.46 (MS), in: AB/CDU
48
Rechte unterdrückte und gewaltsam kommunistische Regierungen einsetzte. Dabei kam
es in den Randzonen ihres Einflußbereiches sogar zu offenen Auseinandersetzungen. In
Deutschland hatten die Sowjets von Anfang an jede wirksame Tätigkeit des Alliierten
Kontrollrates zu verhindern gewußt. Es liegt nicht im Wesen vorliegender Arbeit, an
dieser Stelle die verschiedenartigen Gründe für ein solches Verhalten zu erörtern oder
die damalige sowjetische Deutschlandpolitik differenziert zu schildern, es mag aber
festgehalten werden, daß der sowjetische Militärgouverneur im März 1948 den Kon-
trollrat endgültig verließ und die Sowjets Ende Juni desselben Jahres alle Land- und
Wasserverbindungen nach West-Berlin unterbrachen. Mit Beginn der Berliner Blockade
hatte die Kooperation der Siegermächte in Deutschland fast vollständig aufgehört. Die
beiden Landesteile wurden de facto den sich nun antagonistisch gegenüberstehenden
Machtblöcken zugeordnet. Die Frage, ob nach dieser Zuordnung eine freie westdeutsche
Entscheidung für die Sowjets oder für eine Neutralisierung Deutschlands überhaupt
noch möglich gewesen wäre, mag an dieser Stelle offen bleiben. Ziemlich sicher ist je-
doch, daß die extreme Ost-West-Polarisierung der Union als endgültige Bestätigung der
Richtigkeit ihres eingeschlagenen Weges einer Westbindung galt. Während dieser
Nachkriegsphase wollte man in der Partei wohl auch gar keine anderen Wege mehr su-
chen. Es hatte nämlich bei den Westalliierten - besonders bei Amerika - eine Entwick-
lung sich abzuzeichnen begonnen, die den Vorstellungen der CDU/CSU entgegenzu-
kommen versprach.
So war für die Vereinigten Staaten der Bruch des Kriegsbündnisses mit der Sowjetuni-
on relativ unerwartet gekommen. Wahrscheinlich zu gern und zu lange hatten einige
führende amerikanische Politiker an jene dort seit 1944 propagierte These von einer po-
litisch, wirtschaftlich und geistig zusammenwirkenden zukünftigen ,,One World" ge-
glaubt.
177
Nur langsam kam man deshalb zu einer Neueinschätzung der sowjetischen Absichten,
reagierte dann aber auf die Expansionsbestrebungen der Sowjets hart und konsequent
wie die Verkündigung der ,,Truman-Doktrin"
178
zeigte. Dieser Kurswechsel basierte u.a.
auf einer Analyse George Kennans vom Februar 1946, die bei ihrer Veröffentlichung im
177
Die These von der ,,Einen Welt" vertrat ab 1944 der ehemalige amerikanische Präsidentschaftskandidat
Wendell Willkie. Präsident Roosevelt griff sie auf und propagierte sie. Vgl. Gerstenmaier, E. Reden und Auf-
sätze. Stuttgart 1956. S. 2-94 S.a.: Gerstenmaier-Rede, in: 5. Bundesparteitag der CDU in Köln. Bonn 1954. S.
48. S.a.: Deuerlein, E. Deutschland nach dem z. Weltkrieg. 1945-1955. Konstanz 1964. S.130
178
Hierunter war das vom Präsidenten der Vereinigten Staaten Harry S. Truman in einer Rede vor dem Kon-
greß am 12.3.1947 entwickelte Programm einer Militär- und Wirtschaftshilfe für Griechenland und die Türkei
zu verstehen. Die in diesem konkreten Fall erfolgreiche Politik beabsichtigte, alle freien Völker zu unterstüt-
zen, die sich Unterjochungsversuchen durch bewaffnete Minderheiten oder auswärtigen Druck widersetzten.
S.a.: AdG 1946/47. S. 1038 F
49
Juli 1947 einen nicht zu unterschätzenden Eindruck in der westlichen Welt hinterließ.
179
Nach Kennan arbeitete die Sowjetunion auf eine Schädigung und Zerstörung des gegne-
rischen Blocks hin und war nicht länger mehr zu einer Zusammenarbeit mit Amerika
bereit. Der Verlauf der Moskauer Außenministerkonferenz im Frühjahr 1947 unterstrich
nicht nur diese These, sondern machte auch noch einmal offenkundig, daß Rußland
ganz Deutschland unter seinen Einfluß zu bringen beabsichtigte.
180
Allerdings schon im
September 1946 hatte sich mit der Stuttgarter Rede von Außenminister Byrnes eine
Wende in der amerikanischen Deutschlandpolitik angekündigt. Befreit vom Militaris-
mus, sagte der Minister, solle dem deutschen Volk Gelegenheit gegeben werden, seine
großen Kräfte und Fähigkeiten den Werken des Friedens zuzuwenden.
181
Mit diesem
Angebot an die Deutschen ergab sich nach Lage der Dinge die erste Chance für eine
allmähliche Aufhebung der Isolation Westdeutschlands. Kurze Zeit nach der Rede von
James Byrnes skizzierte Churchill in Zürich das Bild von ,,einer Art Vereinigter Staaten
von Europa", wobei er auf die Notwendigkeit einer Partnerschaft zwischen Frankreich
und Deutschland hinwies.
182
Vorher, im August 1945, hatte de Gaulle schon festgestellt,
daß Deutsche und Franzosen eingedenk, daß sie Europäer seien - einen Strich unter die
Vergangenheit machen und zusammenarbeiten müßten.
183
Diese Verlautbarungen konnten von der Union zweifellos als Erfolg ihres Zusammenar-
beitsangebotes an die Besatzungsmächte
184
und als Unterstreichung ihres programmati-
schen Ausgangspunktes
185
verstanden werden. Besonders Adenauer mußte sich mit sei-
ner Forderung, daß "auch der Besiegte das Recht auf Leben behält"
186
durch Byrnes und
bei seinem Streben nach einer westeuropäischen Zusammenarbeit durch Churchill und
de Gaulle bestätigt fühlen. Derartige Einsichten beeinflußten neben bestimmten wirt-
schaftlichen Vorteilen
187
die Entscheidung für das westliche Lager. Als entscheidend für
die endgültige Westbindung müssen aber sowohl die schon erwähnten wechselseitigen
179
Vgl. Kennan, G. The Sources of Soviet Conduct, in: Foreign Affairs. Bd. 25. Nr. 4 vom Juli 1947 (566-
582)
180
Vgl. Schwarz, H.P. a.a.0. S. 120
181
Vgl. Hohlfeld, J. (Hrsg.).Dokumente der deutschen Politik und Geschichte von 1848 bis zur Gegenwart.
Bd. VI. Berlin 0.J. S.130 ff. S.a.: Byrnes-Rede, in: EA. Dezember 1946
182
Vgl. New York Times v. 20.9.1946
183
General de Gaulle bei einer Rede in Saarbrücken. Vgl. Adenauer, K . Erinnerungen. 1945 -1953. a.a.0. S.
41
184
Vgl. Müller, J. Rede auf der Landesversammlung der CSU in München am 17.5.1946, in: Union-Dienst.
Nr. 7. Sonderbeilage Nr. 2. Hier vermerkt das Protokoll ,,Lebhafter Beifall" nach dem Satz: ,,Vorläufig ob-
liegt es uns dafür zu sorgen, daß die Zusammenarbeit zwischen der Besatzungsmacht und uns eine gute ist."
185
Hierbei sei an die Kölner Leitsätze erinnert: ,,Was uns in dieser Stunde der Not allein noch retten kann, ist
eine ehrliche Besinnung auf die christlichen und abendländischen Lebenswerte, die einst das deutsche Volk
beherrschten und es groß und angesehen machten unter den Völkern Europas." Vgl. 20 Jahre CDU. a.a.0. S.
28
186
.Vgl. Adenauer, K. Rede vom 24.3.1946. a.a.0. S. 22
187
Vgl. Schwarz, H.P. a.a.0. S. 598
50
Sicherheitsbestrebungen im Westen, als auch besonders die ständig wachsende Bedro-
hung der ,,christlichen und abendländischen Lebenswerte" durch die ,,asiatische" Sow-
jetunion
188
angesehen werden. Hierbei war deutlich geworden, ,,daß rechtsstaatliche
Verhältnisse, Demokratie, Mehrparteiensystem nur im Schutze der angelsächsischen
Mächte entwickelt werden konnten, während Rußland nicht mehr als die Einparteien-
diktatur seiner Parteigänger zu bieten hatte."
189
Als Schlüssel für diese Sicherheitspoli-
tik diente der Union die Europaidee, deren Motivierung in Verbindung mit jeweiligen
Akzentverschiebungen im Laufe der Jahre allerdings wechselte. Galt es in den ersten
beiden Nachkriegsjahren separatistischen Bestrebungen im Westen zu begegnen, wurde
das Sicherheitsdenken der Nachbarn als wesentliches Argument für die Schaffung der
Vereinigten Staaten von Europa hervorgehoben. Später, als die östliche Bedrohung of-
fenbar wurde, verlagerte sich der Akzent auf die gemeinsame Verteidigung Westeuro-
pas gegen die Sowjets.
190
Sieht man von einigen vereinfachenden Formulierungen einmal ab, so kann abschlie-
ßend Adenauers retrospektiver Beurteilung der Problemstellung zugestimmt werden,
wenn er zur damaligen Situation zusammenfassend schreibt: "Wir befanden uns durch
unsere geographische Lage zwischen zwei Machtblöcken, die völlig gegensätzliche Le-
bensideale verfochten. Wir mußten entweder zur einen oder zur anderen Seite, wenn wir
nicht zerrieben werden sollten. Eine neutrale Haltung zwischen den beiden Mächte-
gruppen hielt ich für unser Volk für unrealistisch ... Sowjetrußland zeigte eindeutig,
daß es vorerst nicht gewillt war, das ihm überlassene deutsche Gebiet wieder frei-
zugeben, und daß es darüber hinaus bestrebt war, auch den anderen Teil Deutschlands
allmählich an sich zu ziehen. Es gab für uns nur einen Weg, unsere politische Freiheit,
unsere persönliche Freiheit, unsere Sicherheit, unsere in vielen Jahrhunderten entwi-
ckelte Lebensform, die die christlichhumanistische Weltanschauung zur Grundlage hat,
zu retten: fester Anschluß an die Völker und Länder, die in ihrem Wesen die gleichen
Ansichten über Staat, Person, Freiheit und Eigentum hatten wie wir. Wir mußten hart
und entschlossen Widerstand leisten gegenüber jedem weiteren Druck vom Osten her.
Unsere Aufgabe war, das Mißtrauen, das überall in den westlichen Ländern gegen uns
Deutsche bestand, zu zerstreuen. Grundvoraussetzung hierfür war meines Erachtens ein
188
,,Europa", sagte Adenauer Mitte 1947 vor Studenten der TH Aachen, ,,steht in Gefahr, ein Anhängsel von
Asien zu werden, und die Führung in der Geschichte und in der kulturellen Entwicklung zu verlieren." Vgl.
Kölner Rundschau vom 16.5.1947. S.a.: Schwarz, H.P. a.a.0. S. 452. Hinsichtlich der Einschätzung der Sow-
jetunion als existentieller und ideologischer Gegner Deutschlands aus der Sicht der Union siehe auch: Bandu-
let, B. Adenauer zwischen Ost und West. München 1970. S. 80 ff
189
Schwarz, H.P. a.a.0. S. 690. S.a. hierzu: Osterfeld, H. Konrad Adenauer. Ein Charakterbild. Bonn 1973. S.
71 ff
190
Vgl. Schwarz, H.P. a.a.0. S. 453
51
klares Bekenntnis zum Westen, stetig und ohne Schwanken. Unsere außenpolitische
Haltung mußte klar, folgerichtig und offen sein."
191
3. Die ersten Diskussionen um einen deutschen Wehrbeitrag
3.1.Ausländische Stimmen zu einer aktiven deutschen Beteiligung an der Verteidigung
des Westens als Ursache der Wehrbeitragsdiskussion in Deutschland
Zum Verständnis der 1948/49 geführten, innerdeutschen Diskussion um einen Wehrbei-
trag, besonders aber zur besseren Einordnung der Auseinandersetzung über Entmilitari-
sierung und Wiederbewaffnung innerhalb der CDU/CSU, erscheint eine einführende
Schilderung der Meinung des westlichen Auslandes zu dieser Frage unumgänglich. Un-
ter dem Eindruck ständig wachsender Ost-West-Spannung konstituierten sich nach dem
Scheitern der Londoner Außenministerkonferenz vom Dezember 1947 die westeuropäi-
schen Mächte im Frühjahr 1948 in Brüssel zur ,,West-Union". Im Herbst des gleichen
Jahres kam man ferner überein, einen permanenten militärischen Planungsstab des
Brüsseler Paktes in Fontainebleau zu bilden, wohin die Vereinigten Staaten und Kanada
Beobachter entsandten. Von Seiten der westalliierten Regierungen war man damals je-
doch noch bemüht, jene militärische Obereinkunft in der Öffentlichkeit als Schutzmaß-
nahme gegen eine zukünftig eventuell wieder möglich werdende deutsche Angriffspoli-
tik darzustellen. Diese diplomatisch taktische Begründung wurde allerdings im Ausland
wie auch in Deutschland als solche durchschaut.
192
,,Die Militärplaner von Fontainebleau konnten, als sie mit ihrer Arbeit begannen, nicht
entfernt mit den Truppen rechnen, deren sie bedurften, um eine Verteidigung auf dem
westeuropäischen Festland vorzubereiten. Die rund 8 Divisionen, über welche die
Mächte des Brüsseler Paktes und die Vereinigten Staaten in Europa verfügten, reichten
keinesfalls aus, um die 25 sowjetischen Elitedivisionen in der deutschen Sowjetzone
und Nordostösterreich und die als unmittelbar folgende zweite Welle angenommenen 60
bis 80 Divisionen in Osteuropa zurückzuschlagen - von später zu mobilisierenden geg-
nerischen Verbänden ganz abgesehen."
193
Nach diesem Kräftevergleich erscheint es mi-
191
Vgl. Adenauer, K. Erinnerungen.1945-1953. a.a.0. S. 96 f
192
Am Tage der Unterzeichnung schrieb die damals britisch kontrollierte ,,Die Welt2: ,,Die Erwähnung einer
deutschen Aggression in der Präambel des Paktes erfolgte nur aus technischen Gründen mit Rücksicht auf
die Bestimmungen der UNO-Satzungen." Zitiert nach: Cornides, W./Volle, W. Atlantikpakt und EVG, in:
EA 1952. S. 5020
193
Wettig, G. Entmilitarisierung und Wiederbewaffnung in Deutschland. 1943-1955. München 1967. S. 230
52
litärisch folgerichtig, wenn Montgomery als Befehlshaber der Pakt-Streitkräfte schließ-
lich im Januar 1949 Außenminister Bevin darlegte, daß die westeuropäischen Staaten
ohne Westdeutschland nie hoffen könnten, der sowjetischen Armee ausreichende Streit-
kräfte entgegenzustellen.
194
Im Jahre 1947, also wesentlich früher, hatten schon ameri-
kanische Generale die Möglichkeit der Aufstellung einer westdeutschen Armee erör-
tert
195
, und auch General de Gaulle plädierte im Sommer 1948 für neue deutsche Trup-
penverbände unter französischem Oberbefehl.
196
Folglich bleibt festzuhalten, daß zu einer Zeit als die Bundesrepublik noch gar nicht ge-
gründet war, sich schon Militärs aller westlichen Besatzungsmächte für eine westdeut-
sche Wiederbewaffnung eingesetzt haben.
Im Verlauf des Jahres 1948 waren auch die ersten öffentlichen Stimmen im Ausland
über eine mögliche deutsche Beteiligung an der Verteidigung Westeuropas zu verneh-
men. Pflicht zuletzt das schroffe sowjetische Vorgehen - mit Verhängung der Berliner
Blockade - ließ bei vielen westlichen Ausländern die Überlegung entstehen, durch eine
sofortige deutsche Aufrüstung im Falle einer sowjetischen Aggression eine erfolgver-
sprechende Verteidigungsmöglichkeit zu besitzen. Als einer der ersten vertrat der briti-
sche Militärschriftsteller B. Liddell Hart diese Auffassung. Die amerikanische Atom-
bombe, so führte er im Juli 1948 aus, könne nur den sowjetischen Endsieg, nicht aber
die Eroberung und Zerstörung Westeuropas durch die Sowjets verhindern. Daher benö-
tige man eine westeuropäische Defensivmacht, die aber ohne deutsche Truppen nie hin-
reichende militärische Stärke erlangen würde.
197
Ansonsten war es primär die amerika-
nische Presse, die dieses Thema aufgriff. In Frankreich befürwortete besonders die Zei-
tung ,,Le Monde" eine deutsche Wiederaufrüstung, während in England die ,,Daily
Mail" und der ,,Observer" einen deutschen Wehrbeitrag in Erwägung zogen. Die Lon-
doner ,,Times" hingegen vertrat den Standpunkt, daß es für die Inangriffnahme einer
Wiederbewaffnung Deutschlands noch zu früh sei. Von wenigen Ausnahmen abgesehen
setzte sich zu jener Zeit besonders auch die Schweizer Presse allgemein für eine deut-
sche Wiederbewaffnung ein.
198
194
Vgl. Montgomery, B. Memoiren. S. 573. Zitiert nach: Wettig, G. a.a.0. S. 231
195
Vgl. Martin, L. The American Decision to Rearm Germany, in: Stein, H. American Civil-Military Deci-
sions. Birmingham/Alabama. S. 646. Siehe hierzu auch: Wettig, G. a.a.0. S.229. Dormann, M. Demokratische
Militärpolitik. Freiburg/ i.Br. 1970. S. 154. McGeehan, R. The German Rearmament Question. Chicago 1971.
S. 37
196
Vgl. BA/MA 2-2/69. S. 4
197
Vgl. Hart, B.L., in: Picture Post v. 24.7.1948. Zitiert aus: Wettig, G. a.a.0. S. 235
198
Vgl. Auswertung ausländischer Pressestimmen, in: BA/MA 2-2/69. S. 3
53
Wichtig ist aber in diesem Zusammenhang die Feststellung, daß vor Herbst 195o kein
offizieller Regierungsvertreter und mit Ausnahme Churchills
199
auch kein Oppositions-
führer der Westmächte eine deutsche Wiederbewaffnung befürwortet hat.
200
So erklärte
beispielsweise der amerikanische Heeresminister Kenneth C. Royall am 14.12.1948 an-
läßlich einer Europareise, die Schaffung eines deutschen Heeres werde nicht in Erwä-
gung gezogen, jedoch stehe die Bildung einer Polizeitruppe für einen westdeutschen
Bundesstaat zur Diskussion. Ähnlich deutlich äußerte sich Ende Dezember 1948 auch
der britische Militärgouverneur General Robertson zur Wehrfrage, als er die Gerüchte
über eine Wiederbewaffnung Westdeutschlands als ,,dumm und unbegründet" bezeich-
nete und im Gegensatz zu US-Minister Royall darauf hinwies, daß die Militärregierung
weiterhin der Auffassung wäre, die künftige deutsche Polizei klein zu halten und nur auf
örtlicher Ebene aufzubauen.
201
Besonders aber Frankreich betrachtete die Aussichten
auf eine deutsche Wiederaufrüstung von Anfang an mit großem Mißtrauen. Noch am
Tage der Übergabe des Petersberger Abkommens im November 1949 - also zu einem
verhältnismäßig späten Zeitpunkt - sprach sich die französische Nationalversammlung
heftig gegen die Remilitarisierung Deutschlands aus.
202
In Deutschland fand die Erörterung dieser Fragen durch das westliche Ausland zunächst
keinen großen Widerhall. Vielleicht war man aber kurz nach der Währungsreform in der
deutschen Öffentlichkeit noch zu sehr mit den Problemen des wirtschaftlichen Wieder-
aufbaues beschäftigt, um deren volle Bedeutung zu erkennen. Allerdings bestand auch
eine ,,große, tief ins Unterbewußtsein reichende Scheu, an das Problem der Wiederbe-
waffnung zu rühren."
203
Erst im November 1948, als der Kalte Krieg mit der andauernden Blockade Berlins ei-
nem ersten Höhepunkt zusteuerte, kam aus Deutschland selbst der erste Anstoß zu einer
Auseinandersetzung mit dem Problem der Landesverteidigung.
204
Als erste deutsche
Zeitungen sprachen sich vor allem der der CDU nahestehende ,,Rheinische Merkur" und
die ,,Schwäbische Post"
205
für eine Wiederaufrüstung aus. Gleichzeitig aber mit diesen
vereinzelten Befürwortern eines deutschen Wehrbeitrages wandten sich Ende des Jahres
199
m Sommer 1949 sprach W. Churchill sich inoffiziell für eine deutsche Wiederaufrüstung aus und am
16.3.5o befürwortete er offiziell im Unterhaus die Wiederbewaffnung Westdeutschlands. Vgl. BA/MA 2-
2/69. S. 6 und 22
200
Vgl. Ebenda. S. 152 f . S.a.: Dormann, M. a.a.0. S. 153. S.a.: Cornides, W. / Volle, H. Atlantikpakt. a.a.0. S.
5024. S.a.: Wettig, G. a.a.0. S. 341 ff. S.a.: Kopp, F. Chronik der Wiederbewaffnung in Deutschland. Köln
1958. S. 54 S.a.: Obermann, E. Verteidigung ... a.a.0. S. 383. S.a.: McGeehan, R. a.a.0. S. 16
201
Vgl. Kopp, F. a.a.0. S.40. S.a.: BA/MA 2-2/69. S. 5 f
202
Vgl. BA/MA 2-2/69. S. 7
203
Vgl. Cornides W. / Volle H. Atlantikpakt... a.a.0. S. 5021
204
Vgl. Ebenda. S. 5021
54
1948 - insbesondere unter dem Eindruck der Äußerungen Eugen Kogons
206
- die meis-
ten deutschen Zeitungen dagegen. Zweifellos entsprachen diese Stimmen der damaligen
Meinung der deutschen Öffentlichkeit. Im Grunde ist auch verständlich, daß man unter
dem noch frischen Eindruck der Schrecken des letzten Krieges, der pazifistischen Pro-
paganda der Alliierten in der Nachkriegszeit und der Verurteilung und Diffamierung
deutscher Soldaten durch ,,sogenannte Kriegsverbrechertribunale" jedem Gedanken ei-
ner Wiederbewaffnung äußerst ablehnend gegenüberstand.
207
Zusammenfassend. ist also festzustellen, daß die Frage der deutschen Wiederbewaff-
nung zuerst ,,außerhalb Deutschlands aufgeworfen" und ,,von außen an Deutschland he-
rangetragen" worden ist
208
. Geplant und propagiert wurde sie im wesentlichen von alli-
ierten Militärs wie auch von ausländischen, besonders amerikanischen Wirtschaftskrei-
sen im Gegensatz zur offiziellen Auffassung der jeweiligen Regierungen.
209
Besonderes
Gewicht hatten dabei die Befürwortungen solcher Persönlichkeiten wie General de
Gaulles und Winston Churchills. Die hierbei entwickelten Vorstellungen waren aber
keineswegs deutschfreundlich. So beabsichtigte man nur, die deutschen Möglichkeiten
für sich auszunutzen, ohne Deutschland selbst besondere Zugeständnisse machen zu
müssen. Man dachte dabei daran, einzelne Deutsche für die alliierten Streitkräfte anzu-
werben, deutsche Arbeitsbataillone aufzustellen oder kleine deutsche Einheiten inner-
halb alliierter Verbände einzusetzen.
210
Die im Spätherbst 1948 in der deutschen Öffent-
205
Vgl. BA/MA 2-2/69. S. 4
206
Dr. Eugen Kogon berichtete am 24.11.1948 vor Pressevertretern in Frankfurt über den Kongreß der Eu-
ropäischen Förderalisten in Rom, an dem er kurz nach seiner Rückkehr von einem mehrwöchigen Besuch in
den USA teilgenommen hatte und auf dem u.a. auch die Frage einer möglichen Einbeziehung Westdeutsch-
lands in das westliche Verteidigungssystem angeschnitten worden war. Kogon erklärte hierbei, die deutsche
Öffentlichkeit sei leider über die Zusammenhänge zwischen den Bestrebungen um ein förderalistisches West-
europa und seine Remilitarisierung unter Einschluß Deutschlands kaum unterrichtet. Die Tatsache, daß bei
seinem vorhergegangenen Besuch in Washington einige Planer des Pentagons sich ihm gegenüber offen zur
Frage der westdeutschen Wiederbewaffnung geäußert hatten, glaubte Kogon so verstehen zu müssen, daß
über den Aufbau einer deutschen Armee bereits entschieden sei, während es sich in Wirklichkeit nur um inof-
fizielle Überlegungen einzelner Personen handelte. Folglich führte er weiter aus: Eine neue deutsche Armee
sei in den Westzonen im Entstehen begriffen. Es gehe aber nicht an, daß die deutschen Politiker dieser Tatsa-
che ahnungslos gegenüberständen. Vgl. hierzu: Wettig, G. a.a.0. S. 237. S.a.: Wortlaut der wichtigsten Resolu-
tionen des Europäischen Förderalisten Kongreßes, in: EA 1949. S.1985-1988. S.a.: Cornides, W. / Volle, H.
Atlantikpakt... a.a.0. S. 5021
207
Vgl. BA/MA 2-2/69. S. 4
208
Vgl. hierzu Interview des französischen Hohen Kommissars Francois-Poncet mit dem französischen
Rundfunk. Zitiert nach: Informationsdienst der Bundesregierung. Nr. 90 v. 4.1.1950
209
Vgl. BA/MA 2-2/69. S. 10
210
Vgl. Buchheim, H. Adenauers Deutschlandpolitik, in: Morsey, R. Konrad Adenauer. Ziele und Wege.
Mainz 1972. S. 91. S.a.: Wettig, G. a.a.0. S. 230 ff. S.a.: McGeehan, R. a.a.0. S. 43 - McGeehan stellt hier u.a.
fest: "What the United States demanded was a military contribution which would really have amounted to the
modern equivalent of cannon-fodder."
55
lichkeit einsetzende Diskussion um einen Wehrbeitrag hatte mit wenigen Ausnahmen
eine ablehnende Tendenz.
211
3.2. Die Union in der Auseinandersetzung um Entmilitarisierung und
Wiederbewaffnung
3.2.1. Diskussionen im Parlamentarischen Rat
Als die West-Alliierten sich 1948 über den Aufbau eines deutschen Teilstaates einigten,
vertraten sie entsprechend ihrer damaligen offiziellen Auffassung den Standpunkt, daß
dieses Staatsgebilde keine Streitkräfte besitzen sollte. So behielten sie sich im Frankfur-
ter Dokument Nr. 3 vom 1. Juli 1948 ausdrücklich die Zuständigkeit für alle mit der
deutschen Entwaffnung zusammenhängenden Fragen gegenüber der zukünftigen deut-
schen Regierung vor.
212
Aus diesem Grunde hätten eigentlich alle militärischen Verfas-
sungsprobleme bei der Beratung des Grundgesetzes durch den Parlamentarischen Rat
ausgeschlossen werden müssen. Andererseits sahen sich seine Mitglieder in der prakti-
schen Arbeit bald mit Fragen konfrontiert, die mit der militärischen Sicherheit zusam-
menhingen.
Schon im Unterausschuß I des Herrenchiemseer Verfassungskonvents stand ein Artikel
zur Debatte, der die Obertragung nationaler Hoheitsrechte auf zwischenstaatliche Insti-
tutionen vorsah. Hiermit sollte die europäische Ausrichtung und der Verzicht auf die na-
tionalistische Vergangenheit des zukünftigen deutschen Staates unterstrichen werden. In
dem Zusammenhang wurde auch die Frage einer kollektiven Sicherheit diskutiert, durch
die dem entmilitarisierten deutschen Volk ein Schutz gewährleistet werden könnte. So
wurde darauf hingewiesen, daß man den deutschen Verzicht auf das Recht der Selbst-
verteidigung in einen Anspruch auf anderweitige Sicherheitsgarantien wenden müsse.
Neben dem parteilosen Theo Kordt vertrat besonders der bekannte Sozialdemokrat Car-
lo Schmid diesen Standpunkt. Schmid war auch der Meinung, daß in Zukunft derjenige
stärker sein werde, der bewußt auf Gewalt verzichte und setzte sich deshalb für ein all-
gemeines Sicherheitssystem supranationalen Charakters ein, das die Unterwerfung unter
die Beschlüsse seiner Organe von allen Staaten erzwingen könne. Hierbei wurde an eine
globale Sicherheitsorganisation nach Art der Vereinten Nationen gedacht, die, wenn
211
Vgl. BA/MA 2-2/69. S. 10
56
Deutschland sein Recht auf Selbstverteidigung preisgäbe, als Gegenleistung ein System
kollektiver Sicherheit garantieren müsse. Dieses besonders von dem SPD-Abgeordneten
Baade geforderte Junktim zwischen Entmilitarisierung und Schutz durch eine internati-
onale Friedensorganisation wurde aber nicht in das Grundgesetz aufgenommen. Wahr-
scheinlich scheuten die Volksvertreter in Herrenchiemsee Mißverständnisse von Seiten
der Alliierten und sahen deshalb von einer Ziffer "Wehrverfassung" in ihrem Grundge-
setzentwurf ab.
213
In dem Zusammenhang ist aber auch - insbesondere bei Unionsvertre-
ter - die Möglichkeit nicht auszuschließen, daß die erwähnten ,,Mißverständnisse" zwar
einerseits in der Tat befürchtet wurden, andererseits aber als ein vorzügliches Mittel
zum Zweck dienen konnten, um die der damaligen internationalen Realität kaum ent-
sprechenden Vorstellungen der SPD-Vertreter zu Fall zu bringen und um gleichzeitig
einen Weg offen zu halten, eigene, damals noch nicht opportune Überlegungen später
durchsetzen zu können. Als Teil-Indiz für diese These mag die kurze Zeit später vor
Parteifreunden im Parlamentarischen Rat geäußerte Auffassung Adenauers gelten, daß
ein Staat auf Dauer ohne die Verfügung über eigene Machtmittel kaum diesen Namen
verdiene. ,,Man wird nicht sagen können, daß Adenauer damals mit besonderer Begeis-
terung an die Möglichkeit und Notwendigkeit einer westdeutschen Streitmacht gedacht
hätte, und es ist bekannt, daß er militärische Einflüsse auf die Politik und die Politiker
immer abgelehnt, ja verabscheut hat. Seine Auffassung war so nüchtern wie eindeutig:
Die Bundesrepublik mußte von Anfang an versuchen, zu einer - wie auch immer be-
schaffenen - bewaffneten Macht zu kommen, die zunächst freilich nur höchst beschei-
den sein konnte."
214
In seinen Erinnerungen weist Adenauer darauf hin, daß es für die
Vereinigten Staaten lebensnotwendig war, ein starkes Westeuropa zu schaffen, wozu
Deutschland als unentbehrlich galt. Folglich hätten die Alliierten den wichtigen Bun-
desgenossen Deutschland auf Dauer auch wohl kaum unter Besatzungsrecht belassen
und ihm die Gleichberechtigung als Staat vorenthalten können, da ohne Freiheit und
Gleichberechtigung das deutsche Volk kein vollkommener Partner der Völker sein wer-
de, deren Interessen den deutschen gleichgerichtet seien.
215
Es ist also davon auszuge-
hen, daß Adenauers Strategie zum Durchsetzen seiner Vorstellungen gegenüber den Al-
212
Vgl. Documents an the Creation of the German Federal Constitution. Prepared by the Civil Administra-
tion Division Office of Military Government for Germany (US). Berlin 1.9.1949. S. 42-49. S.a.: Wettig, G.
a.a.0. S. 234
213
Vgl. Protokoll des Verfassungskonvents von Herrenchiemsee. Unterausschuß I vom 18.8.1948 (Auszug),
in: Der Kampf um den Wehrbeitrag. Bd. 2. München 1953. (38-41). S.a.: Wettig, G. a.a.0. S. 238 f. S.a.: Carlo
Schmid, in: Die Welt v. 14.12.1948. S.a.: Schuster, H. Staat ohne Sicherheit, in: SZ. Nr. 87 v. 9.10.1948
214
Baring, A. Außenpolitik in Adenauers Kanzlerdemokratie. München/Wien 1969. S. 68. S.a.: PIAB (Hrsg.).
Protokoll des Pressetees Adenauers für die Auslandspresse v. 24.1.1952. Während dieses Pressetees hat Ade-
nauer mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß er bereits 1948 die sich anbahnende Entwicklung in großen
Zügen vorrausgesehen habe.
57
liierten damals schon feststand und entsprechend seinem Einfluß innerhalb der Union
besonders bei der CDU
216
- Anhänger gefunden hat. Folglich ist es wahrscheinlich,
selbst wenn man wegen fehlender Quellen die endgültige Bestätigung schuldig bleiben
muß und eine wenig verpflichtende Verfahrensabsprache zwischen den Unionsvertre-
tern unterstellt, daß unausgesprochene Intentionen das Handeln der Union hinsichtlich
der Herrenchiemseer Beschlüsse in der Sicherheitsfrage mit beeinflußt haben. Wie sehr
die CDU bemüht war, sicherheitspolitische Komponenten im Parlamentarischen Rat
verfassungsrechtlich durchzusetzen, belegt der Antrag, den der CDU-Abgeordnete Wal-
ter Strauß am 22. September 1948 im Zuständigkeitsausschuß stellte. Strauß forderte,
eine Bundeskompetenz für den Schutz des Bundes nach außen festzulegen. Hierbei be-
tonte er, daß es zwar keine Landesverteidigung geben werde, man aber für das Auftau-
chen einer ,,Reihe von Fragen" vorsorgen müsse. Erläuternd fügte Strauß hinzu: Er sel-
ber habe zunächst ,,die allerschwersten Bedenken" dagegen gehabt, die auswärtigen
Angelegenheiten so, wie es die Ansicht der Mehrheit sei, zur Sache des Bundes zu er-
klären, weil diese faktisch auf eine nicht abzusehende Zeit von den Militärgouverneuren
wahrgenommen würden. Wolle man jedoch trotzdem im Widerspruch zu den Gegeben-
heiten eine außenpolitische Kompetenz des Bundes postulieren, so müsse man als ,,Kor-
relat" zu deren Wahrnehmung durch die Besatzungsmacht verlangen, daß diese auch
,,unseren Schutz nach außen übernehme." ,,Zur Unterstützung dieses Verlangens möchte
ich vorschlagen, den Schutz des Bundes nach außen unter den auswärtigen Angelegen-
heiten aufzuführen, damit klar wird: Wenn ihr, die Besatzungsmächte, unsere auswärti-
gen Angelegenheiten führt, habt ihr gleichzeitig für den Schutz des Bundes nach außen
zu sorgen."
217
Der CSU-Abgeordnete Kleindienst wandte ein, die vorgeschlagene Fassung lasse "nicht
ohne weiteres den Zweck und die Absicht erkennen, ,,und so werde man möglicherwei-
se etwas anderes hinter ihr vermuten." Im übrigen überzeuge ihn die vorgetragene Ar-
gumentation nicht. ,,Die Zuweisung des Schutzes unseres Gebietes an die Besatzungs-
mächte können wir verfassungsmäßig nicht festlegen. Das ist eine Aufgabe unserer
auswärtigen Politik gegenüber den Besatzungsmächten. Diese Politik muß sie überzeu-
gen. Die Verfassung wird sie nicht überzeugen."
218
Strauß entgegnete hierauf, der Arti-
kel sei ,,vielleicht ein Ersatz für die nicht mögliche Landesverteidigung" und er schaffe
215
Vgl. Adenauer, K. Erinnerungen.1945-1953. a.a.0. S. 245
216
Von einer einheitlichen, für alle Parteimitglieder verpflichtenden Verfassungskonzeption kann allerdings
innerhalb der Union erst nach Zusammentritt des Parlamentarischen Rates gesprochen werden. Vgl. Volker,
Otto. Das Staatsverständnis des Parlamentarischen Rates. Bonn 1971. S. 22 ff
217
Vgl. Parlamentarischer Rat. Protokoll der 2. Sitzung des Ausschusses für Zuständigkeitsbegrenzung v.
22.9.1948. S. 3 ff. S.a.: Wettig, G. a.a.O. S. 239 f
218
Vgl. Ebenda
58
auch die Zuständigkeit des Bundes zum Abschluß von völkerrechtlichen Verträgen, von
Staatsverträgen über den Schutz usw."... ,,Später könnte es vielleicht weggestrichen
werden. In dem Entwurf sollten die Militärregierungen es lesen." Auf den Einwand ein-
gehend, ob dies nicht die außenpolitische Kompetenz bereits enthalte, fuhr Strauß fort,
daß das zwar der Fall sei, doch solle ,,jedermann mit der Nase darauf gestoßen wer-
den."
219
Im Gegensatz zu der in der weiteren Diskussion gegen diesen Vorschlag geäu-
ßerten Befürchtung, dessen Motive könnten im Ausland mißdeutet werden, befürworte-
te der CDU-Abgeordnete Blomeyer die neue Fassung. Er unterstrich hierbei, daß sie
,,eine möglichst glückliche Lösung der Bedingungen des Besatzungsstatuts" verheiße,
indem sie ,,die völkerrechtliche Konsequenz aus der jetzigen Situation klar ausspre-
che."
220
Als schließlich Walter Strauß einige Tage später in der 8. Sitzung des Zuständigkeits-
ausschusses noch einmal auf seinen Vorschlag zurückkam und die Bundeszuständigkeit
für eine - die Landesverteidigung substituierende - Gesetzgebung zum Schutze der deut-
schen Staatsangehörigen und des deutschen Gebietes forderte, glaubten viele Auss-
chußmitglieder, in erster Linie die der SPD, daß hier in verdeckter Form spätere militä-
rische Maßnahmen vorbereitet werden sollten.
221
So ist es nicht verwunderlich, wenn
Strauß und seine Unionskollegen sich in dieser Frage nicht durchsetzen konnten.
Schließlich wurde der Vorschlag des Redaktionsausschusses: ,,Der Bund hat die aus-
schließliche Gesetzgebung über die auswärtigen Angelegenheiten einschließlich der Si-
cherung des Bundes" auf Antrag des SPD-Abgeordneten Katz auch im Hauptausschuß
dahingehend abgeändert, daß die Worte ,,einschließlich der Sicherung des Bundes" ge-
strichen wurden. Als Begründung führte Katz an, ,,Sicherung des Bundes" sei ein unkla-
rer Begriff.
222
Ziemlich sicher ist, daß mit der Ablehnung dieser verfassungsrechtlichen
Ausgangsposition für eine Eventualaufrüstung mit Walter Strauß auch Adenauer, der
die gleiche Meinung vertrat, eine Abstimmungsniederlage hinnehmen mußte. So ist be-
kannt, daß er als Präsident des Parlamentarischen Rates ,,nachdrücklich" dafür eingetre-
ten war, den ,,Schutz des Bundes nach außen" unter den Zuständigkeiten des Bundes zu
erwähnen.
223
Ferner hatte Adenauer bei der Diskussion über diesen Punkt innerhalb der
219
Vgl. Ebenda
220
Vgl. Ebenda
221
Vgl. Ebenda. 8. Sitzung am 6.10.1948. S. 21-27
222
Vgl. Parlamentarischer Rat. Verhandlungen des Hauptausschusses. Bonn 1948/49. S. 78. S.a.: Wettig, G.
a.a.0. S. 240
223
Vgl. Parlamentarischer Rat. Protokoll der B. Sitzung des Ausschusses für Zuständigkeitsabgrenzung
vom 6.10.1948. S. 21 f - Während der Sitzung erwähnte der CSU-Abgeordnete Laforet, Adenauer habe dies
erklärt.
59
CDU-Fraktion, seine Parteifreunde zu einer Zustimmung zu veranlassen gesucht und
dies mit der Feststellung begründet, man werde in wenigen Jahren wieder eine deutsche
Armee haben.
224
Es ist also anzunehmen, daß es sich beim Strauß-Antrag im Zuständig-
keitsausschuß keinesfalls um einen Alleingang, sondern um eine konzertierte Aktion
zumindest der CDU-Fraktion innerhalb der Union handelte. Dies würde wiederum zur
Folgehaben, daß nicht nur Adenauer, sondern auch schon die CDU-Vertreter im Parla-
mentarischen Rat - Ende 1948 - eine spätere Aufrüstung nicht mehr ausgeschlossen ha-
ben.
Im übrigen machte Adenauer bald deutlich, wie er sich den angestrebten Schutz des zu-
künftigen Weststaates vorstelle und warum dieser notwendig sei. So erklärte er Ende
November 1948 vor Pressevertretern, ,,eine moderne Polizeimacht sei eine Notwendig-
keit, wenn der zukünftige Deutsche Bund in der Lage sein soll, seine Aufgaben zu erfül-
len. Von einer Remilitarisierung könne jedoch keine Rede sein. In diesem Zusammen-
hang sei es aber beachtlich, daß die französische Zeitung ,,Figaro" ausgesprochen habe,
die internationale Lage erfordere es, Westdeutschland, nicht ohne Schutz zu lassen ...
."
225
Interessant hierbei ist, die deutlich erkennbar werdende Doppelstrategie Adenauers in
der Wehrfrage, die mit dem Wachsen seines Einflusses innerhalb der Partei, auch mehr
und mehr die der Union werden sollte. In der Öffentlichkeit, die damals - wie schon er-
wähnt - einer Wiederaufrüstung überwiegend negativ gegenüberstand, glaubte Adenau-
er wohl aus Opportunitätsgründen, seine Absicht, die Schaffung einer neuen deutschen
Armee anzustreben, verschleiert darlegen zu müssen. Folglich sprach er nicht von einer
Armee, sondern von einer Polizeimacht, was zweifellos auch im Hinblick auf das Aus-
land psychologisch geschickt war, und lehnte im gleichen Atemzug jede Remilitarisie-
rung ab. Andererseits setzte er sich aber hinter den verschlossenen Türen der CDU-
Fraktion energisch für die Verabschiedung einer die übliche Wehrverfassung substituie-
rende Gesetzgebung ein, wobei er von Anfang an die baldige Aufstellung einer deut-
schen Armee aus sicherheits- und machtpolitischen Gründen im Auge hatte. Obwohl ei-
nerseits Adenauer die Öffentlichkeit über seine Bestrebungen, eine neue deutsche
Schutzmacht zu schaffen, nur unvollständig informierte, sprach er andererseits mit der
öffentlichen Verneinung jeder Remilitarisierung wohl kaum die Unwahrheit, wenn man
hierbei die bekannte Definition des Militarismusbegriffes der Union voraussetzt und un-
224
Vgl. Wettig, G. a.a.0. S. 241. S.a.: Anm. 205
225
Vgl. Dementis und Remilitarisierung, in: Hamburger Allgemeine Zeitung v. 29.11.1948
60
terstellt, was wahrscheinlich ist, daß Adenauer davon ausging.
226
Wird nämlich unter
,,Remilitarisierung" die Wiedereinführung einer Überbetonung militärischer Formen
und des militärischen Machtprinzips im öffentlichen Leben sowie die Ausbreitung mili-
tärisch-autoritärer Ordnungsformen im zivilen Bereich verstanden, wie dies bis 1945 in
Deutschland üblich gewesen ist, so kann mit Recht behauptet werden, daß im westli-
chen Teil Deutschlands eine Remilitarisierung nicht vorgesehen war und bis zum heuti-
gen Tage auch nicht stattgefunden hat. Allerdings hat Adenauer - soweit bekannt - seine
dialektische Interpretation des Remilitarisierungsbegriffes öffentlich nicht dargelegt. Im
Grunde ist dies verständlich, diente doch dessen Fehldeutung, er lehne eine Wiederbe-
waffnung ab, besonders im Ausland der von ihm betriebenen Doppelstrategie. Augen-
fällig sichtbar wird dieses taktische Vorgehen der Union auch bei der Beratung weiterer
für die Sicherheitsfrage wichtiger Artikel. Als am 19. November während der 1. Lesung
im Hauptausschuß eine Formulierung des Grundsatzausschusses behandelt wurde, wo-
nach ,,Handlungen, die mit der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusam-
menleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Krieges vorzubereiten"
für verfassungswidrig erklärt werden sollten, setzte sich der CDU-Abgeordnete Hein-
rich von Brentano dafür ein, die Fassung des Redaktionsausschusses zu übernehmen.
Von Brentano führte dazu aus: ,,Der Redaktionsausschuß war der Auffassung, daß man
das Wort ,,Krieg" durch das Wort ,,Angriffskrieg" ersetzen sollte. Denn verboten ist der
Angriffskrieg, während ein Verteidigungskrieg wohl nicht verboten sein dürfte."
227
Als
der Hauptausschußvorsitzende Carlo Schmid hierauf Einspruch erhob und, von seiner
Konzeption eines Weltsicherheitssystems ausgehend, Deutschland ,,schlechthin" jede
Kriegsvorbereitung zu untersagen wünschte, da letzten Endes ,,der Unterschied zwi-
schen Angriffskrieg und Verteidigungskrieg zu einer Flause geworden"
228
sei, entgegne-
te von Brentano: ,,In den internationalen Urteilen ist der Begriff des Angriffkrieges doch
sehr klar umrissen worden, und es ist ein sehr klarer Gegensatz zwischen Krieg und
Angriffskrieg geschaffen worden. Der Angriffskrieg ist in Nürnberg unter Strafe gestellt
worden."
229
Auch der CDU-Abgeordnete Hermann Kaufmann vertrat den Standpunkt,
man müsse ,,irgendwo die verfassungsmäßige Möglichkeit haben, den einfachen Schutz
des Bundes einzubauen", da ,,wir ja in der Welt und nicht in irgendwelchem Idealzu-
226
Aus den zur Verfügung stehenden Unterlagen geht hervor, daß Adenauer sich mehrfach gegen eine ,,Re-
militarisierung" Deutschlands ausgesprochen hat. Ähnliche Stellungnahmen von ihm unter Verwendung der
Begriffe ,,Wiederbewaffnung" oder ,,Wiederaufrüstung" konnten in den Quellen für diesen Zeitraum nicht
gefunden werden. Es ist deshalb wahrscheinlich, daß Adenauer, der bekanntermaßen eine volkstümliche,
fremdwortarme Ausdrucksweise bevorzugte, das Fremdwort ,,Remilitarisierung" in dem Zusammenhang
nicht ohne Absicht benutzte.
227
Parlamentarischer Rat. Verhandlungen des Hauptausschußes. Bonn 1948/49. S. 71
228
Ebenda. S. 72
229
Ebenda
61
stand leben." Gleichzeitig stimme er jedoch in dem Punkte mit Carlo Schmid überein,
daß der Krieg als Mittel der Auseinandersetzung zu verurteilen sei.
230
Nachdem die U-
nion während der ersten Lesung im Hauptausschuß die Annahme folgender Fassung
nicht verhindern konnte: ,,Handlungen, die in der Absicht vorgenommen werden, das
friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Krie-
ges vorzubereiten, sind verfassungswidrig"
231
, beantragte der CDU-Vertreter Dr. Lehr
während der 2. Lesung am 5. Januar 1949, hierin die Worte ,,insbesondere die Führung
eines Krieges vorzubereiten" zu streichen, da die Vorbereitung eines Krieges zu den
Handlungen gehöre, die das friedliche Zusammenleben der Völker stören. Daher müsse
das nicht noch einmal besonders erwähnt werden.
232
Dieser Antrag stieß aber auf hefti-
gen Widerspruch von Seiten des SPD-Abgeordneten Dr. Eberhard und löste eine pole-
mische Attacke des KPD-Vertreters Renner aus, mit der dieser versuchte, Dr. Lehr radi-
kaler Tendenzen zu bezichtigen. So sagte Renner, Dr. Lehr habe sich damals als Vor-
kämpfer Hitlers seine Sporen verdient und mache ,,jetzt den Vorkämpfer für die in Bil-
dung befindliche neue Ära, die neue Epoche der Kriegsaufrüstung."
233
Der KPD-
Angriff traf die Unionsvertreter insofern empfindlich, weil das Konzept der Doppelstra-
tegie nur dann zum Ziel führen konnte, wenn es gelang, in der Öffentlichkeit nach und
nach im Laufe der ständig wachsenden östlichen Bedrohung Verständnis für lebensnot-
wendige Verteidigungsmaßnahmen zu erzielen. Dieser Zeitpunkt war zur Jahreswende
1948/49 sicherlich noch nicht erreicht und ein weiteres Beharren auf dem Antrag hätte
zweifellos unerwünschte Verdächtigungen nach sich gezogen, deshalb nutzte Dr. Lehr
einige vermittelnde Ausführungen des Ausschußvorsitzenden Schmid, um ohne Ge-
sichtsverlust seinen Antrag zurückzuziehen.
234
Als schließlich während der 3. Lesung
am 9. Februar 1949 die CDU/CSU-Fraktion aus sprachlichen Gründen zu diesem, dem
späteren Artikel 26, Absatz 1 einen Abänderungsantrag einbrachte, stellte der FDP-
Abgeordnete Dr. Thomas Dehler den Zusatzantrag, das Wort ,,Krieges" durch ,,An-
griffskrieges" zu ersetzen, da kein Volk ein Recht habe, sich der Pflicht zu seiner Ver-
teidigung zu entziehen. Beide Anträge wurden mit Mehrheit angenommen, womit die
Union die mehrmonatige Diskussion um diese Grundsatzfrage für sich entscheiden
konnte.
235
Am 19. November hatte sich der Hauptausschuß auch mit der Frage befaßt,
ob die Herstellung von Kriegswaffen zu untersagen sei. In dem Zusammenhang befür-
230
Ebenda
231
Ebenda. S. 347
232
Ebenda
233
Ebenda
234
Ebenda. S. 347 f
235
Ebenda. S. 626
62
wortete der Redaktionsausschuß eine weniger umfassende Version. Hiernach sollte das
Verbot durch die Klausel ,,außer mit Genehmigung der Bundesregierung" eingeschränkt
werden. Als Sprecher des Redaktionsausschusses wies von Brentano darauf hin, daß
anderenfalls nicht einmal Polizeirevolver erlaubt sein könnten. Diese überzeugende Be-
gründung hatte die Annahme der vorgeschlagenen Abänderung zur Folge.
236
Mit den Stimmen der Union, aber gegen die des späteren Bundespräsidenten und FDP-
Abgeordneten Theodor Heuß, wurde im Hauptausschuß auch ein Antrag des Ausschuß-
vorsitzenden Carlo Schmid verabschiedet, das Recht der Kriegsdienstverweigerung aus
Gewissensgründen in das Grundgesetz aufzunehmen.
237
Die schon erwähnte von Adenauer in die Diskussion gebrachte Bundespolizei, als des-
sen Voraussetzung eine zentrale Polizeikompetenz hätte geschaffen werden müssen,
ließ sich nicht durchsetzen, weil diese einmal nicht im Interesse der Besatzungsmächte
lag und zum anderen auch den Widerstand der föderalistischen Gruppen - insbesondere
der CSU - hervorrief.
238
Wie sehr bei den Abgeordneten aller Fraktionen mit Ausnahme der Kommunisten ein
internationales Sicherheitssystem gewünscht wurde, kommt im Artikel 24, Absatz 2
zum Ausdruck, der im Hauptausschuß bei nur einer Gegenstimme angenommen wurde
und der lautet: ,,Der Bund kann sich zur Wahrung des Friedens einem System gegensei-
tiger kollektiver Sicherheit einordnen; er wird hierbei in die Beschränkung seiner Ho-
heitsrechte einwilligen, die eine friedliche und dauerhafte Ordnung in Europa und zwi-
schen den Völkern der Welt herbeiführen und sichern." Interessant in diesem Zusam-
menhang und symptomatisch für das spätere Bestreben der Union um deutsche Gleich-
berechtigung innerhalb der EVG ist hierbei die Forderung des CSU-Abgeordneten Dr.
Schwalber, die Gegenseitigkeit bei Beschränkung der Hoheitsrechte zu betonen. Mit
diesem Artikel wurde die verfassungsrechtliche Voraussetzung für die spätere EVG ge-
schaffen.
Zusammenfassend bleibt also festzustellen, daß die Union trotz kleiner Differenzen in
Detailfragen im Gegensatz zur SPD während der Sitzungen im Parlamentarischen Rat
darauf bedacht gewesen ist, verfassungsrechtliche Schranken zu verhindern, die eine
spätere Wiederbewaffnung der Bundesrepublik erschwert oder gar ausgeschlossen hät-
ten.
236
Ebenda. S. 73. S.a.: Wettig, G. a.a.0. S. 241 f
237
Ebenda. S. 545 f. S.a.: Wettig, G. a.a.0. S. 242
238
Vgl. Parlamentarischer Rat. Protokoll der 5.Sitzung des Ausschußes für Zuständigkeitsbegrenzung v.
29.9.1948. S. 3-18
63
So hielt sie unter anderem unbeirrt an ihrer Vorstellung fest, daß Verteidigungskriege
erlaubt sein müßten und setzte dies endlich auch durch. Es kann folglich gesagt werden,
daß die Union - voran Konrad Adenauer - eine spätere Aufrüstung nicht nur nicht aus-
schloß, sondern alles getan hat, um diese verfassungsrechtlich zu erleichtern. Als
schließlich am 8. Mai 1949 der Parlamentarische Rat in Bonn das Grundgesetz für die
Bundesrepublik Deutschland verabschiedete, sah es zwar keine militärischen Dienste
oder Einrichtungen vor, die Unionsvertreter hatten aber erreicht, daß diese auch nicht
ausgeschlossen wurden.
3.2.2. Stellungnahmen der CDU/CSU zum Wehrbeitrag
Wie schon erwähnt, hatte mit Verschärfung des Kalten Krieges zwischen den Sowjets
und den West-Alliierten im Herbst 1948 die Diskussion um einen deutschen Wehrbei-
trag zur Verteidigung des Westens in Deutschland begonnen. Parallel zu den Beratun-
gen im Parlamentarischen Rat wurde die Diskussion um die Wiederbewaffnung auch
innerhalb der Partei geführt. Wahrscheinlich schon im Sommer des gleichen Jahres war
Adenauer durch Otto Lenz, der wie der Ministerpräsident von Württemberg-
Hohenzollern, Gebhard Müller, dem Laupheimer Kreis
239
angehörte, auf die sicher-
heitspolitischen Vorstellungen des ehemaligen Stabschefs Rommels, General Hans
Speidel, hingewiesen worden, die dieser dort vorgetragen hatte.
240
Nach Speidel war die
Möglichkeit nicht auszuschließen, daß das militärische Vakuum in Westdeutschland ei-
nen mächtigen Nachbarn reizen könnte, Offensivpläne zu entwerfen. In Anbetracht der
politischen Gesamtlage erschien Speidel eine Neutralität als undurchführbar; an der
Wirksamkeit eines eventuellen bewaffneten Schutzes durch die Vereinten Nationen
hegte er Zweifel. Eine Möglichkeit sah Speidel aber in einer Garantie der westdeutschen
Grenzen durch die Besatzungsmächte. Aus diesem Grunde sollten die deutschen Stellen
bei den West-Alliierten eine rechtliche Sicherheitszusage fordern und darauf dringen,
daß die westliche Verteidigung ernstlich vorbereitet werde.
241
Mitte November 1948 er-
hielt Adenauer Kenntnis von zwei Denkschriften Speidels. Hierin wurde schwerpunkt-
mäßig die Sicherheitsfrage Westdeutschlands erneut behandelt, wobei die Verantwort-
239
Der Laupheimer oder Heiligenberger Kreis war von Max Prinz zu Fürstenberg gegründet worden: Ihm
gehörten unter anderem der Ministerpräsident von Württemberg-Hohenzollern Gebhard Müller (CDU), Otto
Lenz (CDU), der württembergisch-hohenzollernsche Minister Carlo Schmid (SPD), der württembergisch-
badische Minister Theodor Heuß (FDP), der württembergisch-hohenzollernsche Staatssekretär Theodor E-
schenburg, der Historiker Hans Rothfels sowie die Publizisten Benno Reiffenberg und Friederich Sieburg an.
240
Vgl. Wettig, G. a.a.0. S. 244
241
Ebenda
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