Inhalt
1. Evolution in der Soziologie 3
2. Evolution bei Durkheim 4
2.1 Integration, Arbeitsteilung und Moral 5
3. Von Durkheim zu Luhmann 8
4. Evolution in Luhmanns Systemtheorie 10
4.1 Variation, Selektion und Restabilisierung in der Zeit 10
4.2 Stabilität 14
4.3 Variation von Kommunikation 15
5. Integration und Konflikt bei Durkheim und Luhmann 17
6. Schlussbemerkung 19
2
1. Evolution in der Soziologie
Die Aufgabe der Soziologie ist die Beschreibung menschlicher Gesellschaften und der Phänomene, die sich in ihnen beobachten lassen. Nun existieren aber bei empirischer Betrachtung sowohl verschiedene Gesellschaftstypen zur gleichen Zeit 1 als auch haben die heute existierenden Gesellschaften im Laufe der Geschichte Wandlungen vollzogen, über welche sie zu ihrer heutigen Gestalt gelangt sind. Um zu erklären, auf welche Art und Weise dies geschieht, haben Soziologen verschiedene Konzepte erarbeitet.
Die vorliegende Arbeit widmet sich zwei Vertretern dieser Zunft - Emile Durkheim und Niklas Luhmann -, welche im Abstand von nahezu einem Jahrhundert, ihre Überlegungen zur Evolution von Gesellschaften formuliert haben. Unter den soziologischen Theorien, welche sich mit Wandel von Gesellschaft befassen, finden sich solche, welche mit Hilfe von „Phasenmodellen der geschichtlichen Entwicklung“ (Luhmann 1998: 422) einen „Fortschritt“ in der Wandlung von Gesellschaften zu beschreiben suchen. 2 Dieser Fortschritt zeichnet sich aus durch die zugrunde liegende Behauptung, die Wandlung vollziehe sich hierarchisch zu einem „Höheren“. Anlehnung finden diese Theorien in der Darwins 3 , Evolutionstheorie Charles welche „allmählich fortschreitende
Veränderungen in Struktur und Verhalten von Lebwesen“ auf der Basis von Variation und Selektion beschreibt, „so dass die Nachfahren andersartig als die Vorfahren werden.“ (Fuchs-Heinritz et al. 1994: 188) Ist es in der Biologie die Struktur von
1 So existieren beispielsweise Inselvölker (z.B. die Negritos auf den Andamanen), welche primitive
Gesellschaftsstrukturen aufweisen neben den so genannten „zivilisierten“ Gesellschaften z.B.
Europas. Hierauf sei hingewiesen, auch wenn Luhmann sagt, die moderne Gesellschaft sei ein
„einziges globales System“, welches „keine ‚einfachen’ Gesellschaften in sich oder neben sich
duldet.“ (Luhmann 1998: 447)
2 von Luhmann bezeichnet als „Entwicklungstheorien“ ebd.
3 *1809, +1882. „Charles Darwin entwickelte die erste Theorie eines natürlichen Prinzips für
Evolution, dem der natürlichen Selektion. Sie erklärt die langsame Aufspaltung der Organismen in
viele verschiedene Arten als Folge von Anpassungen an den Lebensraum. Von dieser Theorie
leiten sich heutzutage alle modernen Evolutionstheorien ab.“
(http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Darwin) Das Stichwort „Survival of the fittest“, welches ganz
selbstverständlich mit Darwin verknüpft wird, stammt jedoch (höchstwahrscheinlich) nicht
ursprünglich von C.D., sondern von Alfred Russel Wallace und wurde von Darwin erst in einer
späteren Ausgabe seines Buches „The Origin of the species“ als Alternative zum Begriff der
„Natural Selection“ angeboten.
3
Lebewesen, die interessiert, so sind es in der Soziologie die (wandelbaren) Strukturen von Gesellschaft(en).
Seit Herbert Spencer 4 ist der Begriff der sozialen Differenzierung 5 integraler Bestandteil der Beschreibung sozialer Evolution. Er bezeichnet den Prozess der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit durch Herausbildung sozialer Rollen, in welchen spezifische Fertigkeiten und Leistungen als unterschiedlich verbindliche Handlungserwartungen institutionalisiert werden (vgl. Fuchs-Heinritz et al. 1994: 143).
2. Evolution bei Durkheim
Diesem Phänomen widmet sich Emile Durkheim in seinem 1893 erschienenen Werk „De la division du travail social“, in welchem er die seines Erachtens herausragende Rolle der sozialen Arbeitsteilung bei der Ausdifferenzierung von Gesellschaften -und damit bei der Evolution von Gesellschaften - beschreibt. Differenzierung wird hinsichtlich ihres Prinzips unterschieden; d.h. Durkheims Interesse liegt darauf, welche Form von Differenzierung in Gesellschaften vorliegt. Hierbei verwendet er die Spencer’sche Unterscheidung von vormodernen und modernen Gesellschaften, wobei erste als segmentär differenzierte und letztgenannte als funktional differenzierte Gesellschaften bezeichnet werden. Der Begriff der segmentären Differenzierung bezeichnet eine Form, in der die ausdifferenzierten Teile in Aufbau und Funktion gleich sind (aber voneinander unabhängig) - wohingegen das Prinzip der funktionalen Differenzierung von einer (in Hinblick auf das Ganze) ergänzenden (und damit interdependenten) Verteilung der Aufgaben auf die unterschiedlichen Teile ausgeht.
Schon Spencer hatte die Vorstellung, dass sich Gesellschaften evolutionär "from incoherent homogenity to coherent heterogenity" entwickeln. Moderne Gesellschaften zeichnen sich gegenüber vormodernen Gesellschaften durch einen größeren Grad gesellschaftlicher Differenzierung aus. Der kontinuierlich ablaufende Differenzierungsprozess führt - in der Durkheimschen Theorie - an einem
4 (*1820, +1903)
5 Evolution besteht nach Spencer aus 2 Prozessen: Integration (Massenzunahme, Bevölkerungs-
wachstum) und Differenzierung (Andersverteilung von Materie).
4
bestimmten Punkt zum Wechsel des Gesellschaftstyps, also von der Form der segmentären - hin zur funktionalen Differenzierung.
2.1 Integration, Arbeitsteilung und Moral
Integration in der segmentär differenzierten Gesellschaft 6 erfolgt durch „mechanische Solidarität“: Die Mitglieder der Gesellschaft teilen die gleiche Lebensweise, geprägt durch ein gemeinsames Weltbild, welches auf den gleichen Normen und Werten aufbaut. Vermittelt werden diese durch die Religion 7 und Traditionen. Es herrscht Konformitätsdruck, welcher u.a. im Prinzip des vorherrschenden Rechtssystems zum Ausdruck kommt; dieses ist das Strafrecht. Abweichendes Verhalten wird bestraft. In der funktional differenzierten (höheren) Gesellschaft hingegen erfolgt Integration über „organische Solidarität“. Da es in der funktional differenzierten Gesellschaft durch die Herausbildung differenzierter Rollen zu einer Pluralität nebeneinander existierender Deutungsmuster, Normen und Interessen kommt, ist hinsichtlich kognitiver und normativer Orientierung keine Gemeinsamkeit mehr gegeben. Integration kann also nicht mehr kulturell erfolgen. Worüber aber dann? Hier kommt Durkheim zum Zuge, indem er die Arbeitsteilung selbst für Integration sorgen lässt: In der funktional differenzierten Gesellschaft sind die einzelnen Akteure hinsichtlich ihres Überlebens aufeinander angewiesen und erkennen nun (laut Durkheim) diese Abhängigkeit. Quasi aus einem rationalen Egoismus liegt ihnen das Wohlergehen ihrer Mitmenschen am Herzen, denn es ist in der arbeitsteiligen Interdependenz gleichsam ihr eigenes Wohlergehen. Hierbei wird aber von Durkheim ein Restbestand an mechanischer Solidarität nicht völlig ausgeschlossen. Diese wirke noch immer über die Kultur (Sprache, Musik, ethnische und/oder nationale Zugehörigkeit etc.) 8 . Der Staat sorgt für Ordnung im Sinne einer (den spezialisierten
6 „Als Beispiel [für segmentär differenzierte Gesellschaften] erwähnt Durkheim die in Nordamerika
beheimateten Indianerstämme und die Aboriginies von Australien. Diese relativ primitiven
Gemeinschaften sind wenig arbeitsteilig, wenn dann nur innerhalb der eigenen Sippe, eine direkte
Abhängigkeit zu anderen Sippen besteht also nicht.“ (Marten 2002)
7 Es bedarf zum Zusammenhalt einer segmentären Gesellschaft „eines Etwas, das die Herzen aller
gleichermaßen beherrscht. Dieses Etwas ist der Glaube. Nichts wirkt mächtiger auf die Seele als
dieser. Ein Glaube ist das Werk unseres Geistes, aber es steht uns nicht frei, ihn willkürlich zu
ändern. Er ist unsere Schöpfung, aber das wissen wir nicht. Er ist menschlich, doch wir halten ihn
für göttlich.“ (Tyrell 1985: 200)
8 Es gibt noch immer Träger gleicher Rollen: die „Berufsgruppen". Diese entsprechen einer einfachen
Gesellschaft, die durch mechanische Solidarität integriert wird. Ausschlaggebend ist hier aber nicht
5
Teilen) übergeordneten Instanz. Der vorherrschende Rechtstyp ist das Privatrecht, "in dem Individuen als einander gleichberechtigte Partner miteinander Verträge abschließen, die beiden Seiten entsprechend deren jeweils andersartiger Interessenlage Nutzen bringen." (Schimank 1996: 36) So wie auch schon die mechanische Solidarität (das „soziale Band“) hat die Arbeitsteilung bei Durkheim einen unbedingt moralischen Charakter. (vgl. Tyrell 1985: 191) 9 Diese dürfe sich aber nicht darauf beschränken, Steigerung von Wohlstand hervorzubringen (also rein ökonomischer Natur sein). Denn zum einen finde sich Arbeitsteilung auch in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, zum anderen sei die Arbeitsteilung deswegen moralisch, weil sie eine Domestikationsrolle der „immer entartungsbereiten menschlichen Natur“ (ebd.: 190) erfüllt. Sie kontrolliert aus gegebenem Anlass die Individuen, indem sie ihnen Normen auferlegt und damit den Egoismus bei der Verfolgung ihrer Interessen zügelt.
Der Grad der Komplexität einer Gesellschaft - und damit der Grad der funktionalen Differenzierung - ist für Durkheim proportional zur Integration des Individuums in die Gesellschaft. Je mehr der Mensch sich im Rahmen funktionaler Differenzierung individuiere, desto stärker sei seine Abhängigkeit gegenüber den anderen Menschen. Umso mehr die segmentäre Form der Differenzierung zurückweicht, desto stärker kann die Arbeitsteilung auf den Plan treten und für fortschreitende funktionale Differenzierung sorgen. „[…] Die segmentäre Organisation [ist] für die Arbeitsteilung ein unüberwindliches Hindernis, das wenigstens zum Teil verschwunden sein muß, damit die Arbeitsteilung erscheinen kann. Diese kann nur in dem Maß auftauchen, wie die segmentäre Organisation sich verflüchtigt.“ (Durkheim 1988: 314)
Voraussetzung für Arbeitsteilung - und damit für soziale Differenzierung - sei, so Durkheim, eine gewisse Dichte der Gesellschaft, welche sich allerdings ab einer gewissen Größe (Volumen) und Komplexität selbst einstelle. Diese Dichte ist zum
mehr ein gemeinsames Weltbild, sondern eine gemeinsame Interessenlage. Berufsgruppen
bündeln die Interessen ihrer Mitglieder und besitzen gegenüber diesen ein gewisses Maß an
Verpflichtungsfähigkeit. (vgl. Schimank 1996)
9 Auch sind die beiden Solidaritätsformen als funktional gleich anzusehen, befriedigen sie doch die
gleichen Bedürfnisse nach Zusammenhalt. Und da die eine (ihr moralischer Gehalt) aus der
anderen Form abzuleiten sei, sind beide moralischen Charakters. (vgl. Tyrell 1985: 207)
6
Arbeit zitieren:
M. A. Alexander Stoll, 2005, Der Begriff der Evolution bei Emile Durkheim und Niklas Luhmann, München, GRIN Verlag GmbH
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