Alexander Stoll, SoSe 2005, WiSe 2005/06, TU-Berlin - Theorien der Medien
Inhalt Seite
1. Einleitung - Medientheorie vs. Theorie der Gesellschaft 3
1.1 Grundbegriffe der Luhmannschen Systemtheorie 4
a) Systeme 4
b) Kommunikation 6
c) Strukturelle Kopplung 7
2. Medien 8
2.1 Medium und Form (Ding) 8
2.2 Sinn 10
2.3 Sprache 10
2.4 Schrift 11
2.5 Buchdruck - Massenmedium Nr.1 13
2.6 Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien 16
2.7 Elektronische Medien 21
2.8 Massenmedien 26
2.8.1 Nachrichten und Berichte 30
2.8.2 Werbung 32
2.8.3 Unterhaltung 33
2.8.4 Überschneidungen der Bereiche 34
3. Die Medientheorie Herbert Marshall McLuhans 36
3.1 "The medium is the massage" 36
3.2 Definition von Medien 37
3.3 Mediengenealogie 38
3.4 Heiße und kalte Medien 40
4. Luhmann McLuhan - Verknüpfungsmöglichkeiten und deren Konsequenzen 42
Literatur 46
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1. Einleitung - Medientheorie vs. Theorie der Gesellschaft
Diese Arbeit steht im Zusammenhang der Seminare „Theorien der Medien“ Teil I und II, gehalten an der TU-Berlin 2005/2006 von Prof. Dr. xxx. Im ersten Teil des Seminars wurden allgemein verschiedene Medientheorien angesprochen, im zweiten Teil diese dann anhand ausgewählter Autoren illustriert.
Die „Medientheorie“ Niklas Luhmanns stellt in diesem Kontext eine Besonderheit dar, da sie nicht als Medientheorie im eigentlichen Sinne entworfen wurde, sondern als ein Bestandteil der Luhmannschen Systemtheorie zu betrachten ist, welche den Bereich der (Massen-)Medien erst relativ spät antizipierte. Diese mit dem Systembegriff operierende Theorie der Gesellschaft beansprucht universelle Geltung ohne jedoch Anspruch darauf zu erheben, die einzig richtige Theorie anzubieten. (vgl. Leschke 2003:215). D.h. sie will Erklärungsleistungen für alle Gesellschaftsbereiche erbringen können. Sie ist mit anderen medientheoretischen Modellen (wie etwa Einzelmedienontologien oder generellen Medienontologien) nicht kompatibel; jedoch lassen sich die medientheoretischen Erkenntnisse der Systemtheorie mühelos mit anderen systemtheoretischen Erklärungsleistungen außerhalb des Bereichs der Medien verknüpfen. Luhmanns Systemtheorie ist nicht historisch ausgerichtet (wie etwa Kittlers 'Medienarchäologie' oder McLuhans technikdeterministische Auffassung von Geschichte [Mediengenealogie]). Luhmann verwehrt sich gegen die seines Erachtens irrige Annahme, man könne die "Einheit der Gesellschaftsgeschichte [...] als Unterscheidung von Epochen rekonstruieren." (Niklas Luhmannim Folgenden NL - 1998:422) Sein Evolutionsbegriff (auf Gesellschaft angewandt) verwendet ein zirkulär operierendes Unterscheidungsschema von Variation /Selektion / Restabilisierung, das keine Kausalerklärungen für gesellschaftliche Entwicklung zulässt. (vgl. NL 1998:570ff.) Nichtsdestotrotz nutzt Luhmann oft eine historische Perspektive, "um aus geschichtlichem Material herauszuziehen, was eventuell für einen Vergleich historischer Gesellschaften mit der modernen Gesellschaft interessant sein könnte.“ (NL 2005:13) Weiterhin ist Luhmanns Systemtheorie antihumanistisch im Gegensatz zu handlungstheoretischen Konzepten.
Es gibt verschiedene Ansätze, unterschiedliche Medientheorien zu klassifizieren. In der Systematik von Leschke (2001) ist Luhmanns Beitrag zur Medientheorie als "Generelle (generalisierende) Medientheorie" zu bezeichnen bzw. in der Systematik nach Liebrand et al. (2005) hingegen einfach und einleuchtend als "Systemtheoretische Medientheorie".
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Bevor die Einzelheiten der von Luhmann entworfenen Theorie der Massenmedien als gesellschaftliches Funktionssystem näher betrachtet werden können, sollen zunächst einige Grundbegriffe der Systemtheorie 1 erläutert werden.
Ziel der Arbeit ist es, Funktion und Eigenschaften von Medien in der Luhmannschen Systemtheorie darzulegen (2.), einen kurzen Überblick über Marshall McLuhans Medienkonzeption zu geben (3.), um anschließend Harald Wassers (2005, 2006) Versuch einer Verbindung der beiden Konzepte vorzustellen (4.).
1.1 Grundbegriffe der Luhmannschen Systemtheorie
a) Systeme
Grundannahme der Systemtheorie ist schlicht und einfach: Es gibt Systeme. So formuliert Luhmann (1984:30): "Die folgenden Überlegungen gehen davon aus, daß es Systeme gibt." Dies ist natürlich nicht zu beweisen (durch wen auch?) - scheint aber als nichthinterfragbare Letztbegründung notwendig.
Systeme sind für Luhmann Einheiten in Differenz zu ihrer Umwelt, die a) operativ geschlossen und
b) selbstreferentiell sind. Operationen können demnach nur im System stattfinden und sich nur auf Elemente des Systems beziehen. Ein System behandelt alles nur aufgrund der systeminternen Logik und Struktur.
Beginn der 80er Jahre adaptiert (und modifiziert) Luhmann den Begriff der Autopoiesis (auch Autopoiese) von H. Maturana und F. Varela ('autopoietische Wende'). Dieser Begriff setzt sich aus den altgriechischen Wörtern für "selbst" (ατός) und "machen" (ποιέω) zusammen und bezeichnet die Reproduktion von Systemen aus eigenen Elementen. In jeder Operation eines autopoietisch operierenden Systems wird - mithilfe der Unterscheidung Selbstreferenz/ Fremdreferenz - seine Differenz zur Umwelt erneut bestimmt und über diese Grenzziehung das System selbst definiert. 2
Das heißt, Systeme konstituieren durch ihr Operieren einen eigenen, systemspezifischen Regelkreis und beziehen sich in ihrem Operieren immer nur auf Elemente ihrer Selbst. Das bedeutet aber eben gerade nicht, dass Systeme völlig autark von ihrer Umwelt existieren könnten
- vielmehr können sie nur existieren, weil es eine Umwelt gibt, von der sie sich unterscheiden können und die sie ständig irritiert, ihnen quasi Material für Operationen liefert. (vgl. z.B. NL 1984:31)
1 Im Folgenden wird der Begriff ‚Systemtheorie’ ausschließlich für das von Niklas Luhmann entworfene
Theoriemodell verwandt, auch wenn eine Vielzahl unterschiedlicher, zum Teil konkurrierender
Systemdefinitionen und -begriffe in der Literatur existieren.
2 Ausführlicher zur Unterscheidung von System und Umwelt siehe NL 1998:60ff.
4
Systeme sind demnach material-energetisch offen oder auch kognitiv offen. Es kommen Irritationen in Form von ‚Rauschen’ aus der Umwelt, die aber ursprünglich nicht als Input zu betrachten sind, sondern erst durch das System über Anwendung der eigenen Begriffe und Unterscheidungen (Codes, Programme) zu Elementen des Systems werden. Systeme behandeln alles aufgrund eines systemspezifischen, binären Codes der Unterscheidung. Programme regeln, wie der entsprechende Code gehandhabt wird. Bei einem Programm handelt es sich demnach um eine "Zusatzsemantik von Kriterien, die festlegen, unter welchen Bedingungen die Zuteilung des positiven bzw. negativen Wertes richtig erfolgt." (NL 1998:362)
Die Annahme autopoetisch operierender Systeme bedingt auch die Tatsache, dass Systemtheorie keinen historischen Zugriff auf Gesellschaft liefern kann, denn:
o Wenn Systeme immer nur auf systeminterne Zustände und Operationen rekurrieren, muss es immer etwas geben, was schon vorher gewesen ist, damit das System darauf zugreifen kann. Es kann kein Ende geben, da jede Operation im Hinblick auf weitere Operationen vollzogen wird.
o Und nur ein Beobachter kann - ein Konstrukt von Vorher/Nachher zugrundelegend - einen Anfang und ein Ende feststellen, d.h. nur wenn das System hinreichend komplex ist, um „sich selbst in der Zeitdimension beschreiben zu können“, kann es nachträglich einen Anfang bestimmen - und dies nur als systeminternes Konstrukt. (vgl. hierzu NL 1998:440f) Der Begriff des Beobachters wird von Luhmann in Anlehnung an Bateson verwendet, um eine Instanz zu bezeichnen, welche mithilfe der Unterscheidung System/Umwelt die Operationen eines Systems beobachtet. Diese Instanz muss nicht notwendigerweise ein psychisches System sein. "Beobachten heißt einfach [...]: Unterscheiden und Bezeichnen." (NL 1998:69) Um Unterscheidungen treffen zu können, muss das zu Unterscheidende bezeichnet werden. Unterscheidungen sind für Luhmann zweiseitige Formen, wobei er auf George Spencer Browns „Laws of Form“ rekurriert. Die Beobachtung durch den Beobachter kann wiederum durch einen anderen Beobachter beobachtet werden. Dies bezeichnet Luhmann als Beobachtung zweiter Ordnung.
Luhmann definiert verschiedene Formen von Systemen:
1. Mechanische Systeme (Maschinen) - welche sich als einzige Systemart allopoetisch verhalten; d.h. sie produzieren etwas von sich selbst verschiedenes. Bsp.: Eine Kaffeemaschine produziert Kaffee und keine Kaffeemaschinenteile. Darüber hinaus steuert sie sich nicht selbst sondern wird von außen gesteuert.
5
2. Biologische Systeme (Organismen, Organische Systeme) - diese operieren autopoeitisch im Sinne Maturanas: Organismen reproduzieren sich selbst aus eigenen Elementen. 3
3. Psychische Systeme (Bewusstseine) - diese können nichts als denken, d.h. ihre Elemente sind sich aneinanderreihende Gedanken. Jeder Folgegedanke ergibt sich aus den vorhergehenden Gedanken. Damit operieren sie autopoietisch.
4. Soziale Systeme (Kommunikationssysteme, die Gesellschaft und ihre Funktionssysteme)operieren autopoietisch. Ihre Elemente sind sich aneinanderreihende Kommunikationen und nicht etwa Menschen. "Die Gesellschaft besteht nicht aus Menschen, sie besteht aus Kommunikation zwischen Menschen." (NL 1981, zitiert nach Fahle 2004). Nur Kommunikation kann kommunizieren! Soziale Systeme setzen in ihrer Umwelt mindestens zwei psychische Systeme voraus (vgl. Kneer/Nassehi 1994:81). Bei Kommunikation unter Anwesenden kann auch von Interaktionssystemen gesprochen werden (vgl. ebd.:82 sowie NL 1998:814).
b) Kommunikation
Der einzige Daseinszweck von Kommunikationssystemen - und damit auch von Gesellschaftliegt für Luhmann in ihrer Selbsterhaltung - also dem Generieren von anschlussfähigen Kommunikationen, um den Regelkreis der Autopoiesis nicht abbrechen zu lassen. Denn Kommunikation selbst ist zweckfrei: „Die Kommunikation hat keinen eigenen Zweck, keine immanente Entelechie. Sie geschieht, oder geschieht nicht. Das ist alles, was man dazu sagen kann.“ (NL 2001:102)
Der Mensch findet in der Luhmannschen Systemtheorie seinen Platz lediglich als Konstrukt (als Konvention), bestehend aus psychischem, biologischem und sozialem System. Dieses Konstrukt dient der Komplexitätsbewältigung, da es nicht möglich ist, in jeder Kommunikation die komplexen Zustände der an der Kommunikation beteiligten Systeme zu erfassen bzw. mitzukommunizieren. Das Konstrukt ‚Mensch’ ermöglicht es, Kommunikationen Personen zuzurechnen 4 und steigert dadurch die Wahrscheinlichkeit von Kommunikation. Denn:
„Kommunikation ist unwahrscheinlich. Sie ist unwahrscheinlich, obwohl wir sie jeden Tag erleben, praktizieren und ohne sie nicht leben würden.“ (NL 2001:78)
3 Man mag einwerfen, dass Nahrung wohl kein Element des Organismus sei und daher an der
autopoietischen Operationsweise von biologischen Systemen zweifeln. Allerdings ist jedes Stück Kuchen,
sobald es in den Organismus gelangt, alsbald nur noch als Ansammlung von Molekülketten zu
betrachten, welche vom Organismus hinsichtlich ihrer Verwertbarkeit unterschieden - und somit zu
Elementen des Systems selbst werden.
4 „Die Konvention ist erforderlich, denn die Kommunikation muß ihre Operationen auf Adressaten
zurechnen, die für weitere Kommunikation in Anspruch genommen werden.“ (NL 2001:111)
6
Die Gründe dafür liegen a) in der Unwahrscheinlichkeit des Verstehens von kommuniziertem Sinn, b) in der Unwahrscheinlichkeit des Erreichens von Empfängern und c) in der Unwahrscheinlichkeit des Erfolges von Kommunikation - also ihrer empfängerseitigen Annahme. (vgl. ebd.) Das unwahrscheinliche Zustandekommen von Kommunikation geht für Luhmann auf drei verschiedene Selektionen zurück: Zuerst muss ein Bewusstsein(-ssystem) aus der Menge der ihm zur Verfügung stehenden Informationen 5 (Sinneseindrücke, Wissen) eine auswählen - es könnte jede andere oder auch keine auswählen. Dies bedeutet nichts anderes als Kontingenz der Selektion; denn jede Selektion ist auch anders möglich. 6
Im nächsten Schritt muss sich das Bewusstsein dafür entscheiden, eben jene Information auch zur Mitteilung machen zu wollen - und auf welchem Wege (mündlich, schriftlich etc.). Wird nun diese Mitteilung tatsächlich unter Zuhilfenahme des Biologischen Systems (Körper) und eines Mediums (z.B. Sprache) artikuliert, so ist damit noch lange nicht gewährleistet, dass der Empfänger (ein anderes Bewusstseinssystem) die Mitteilung als Mitteilung (und damit als different zur Information!) versteht. Der Akt der Interpretation, also des Verstehens, ist hinsichtlich seiner Selektionen ebenso kontingent wie die Selektion der mitzuteilenden Information. Es handelt sich also um doppelte Kontingenz, welche Verstehen (und damit Kommunikation) extrem unwahrscheinlich macht. 7 Eben jenes Verstehen stellt für Luhmann eine aktive (die dritte) Selektion dar: „Kommunikation kommt […] nur zustande, wenn zunächst einmal eine Differenz von Mitteilung und Information verstanden wird. Das unterscheidet sie von bloßer Wahrnehmung des Verhaltens anderer.“ (NL 2001:97) Und nicht zuletzt kann ein Empfänger den Sinn einer Information sehr wohl verstehen und die an ihn gerichtete Kommunikation trotzdem ablehnen.
Erst die Synthese aller drei dieser Selektionen lässt Kommunikation entstehen. Damit ist ausgeschlossen, "dass Kommunikation als das Resultat des Handelns eines Individuums aufgefasst wird." (Kneer/Nassehi 1994:82) Zu beachten ist, dass es sich bei Information, Mitteilung und Verstehen nicht um Input (oder Output) psychischer Systeme in das (oder aus dem) Kommunikationssystem handelt. Ein Kommunikationssystem erfährt die Beiträge anderer Systeme in seiner Umwelt lediglich als Irritationen, die vom System interpretiert werden und damit den Sinn
5 Luhmanns Informationsdefinition geht auf Gregory Bateson zurück, als Unterschied, der einen
Unterschied macht. (vgl. Bateson, G. (2002) [1979]: Geist und Natur. Frankfurt a. M.)
6 Kontingenz ist ein in der Philosophie und in der Soziologie, (insbes. Systemtheorie) gebräuchlicher
Begriff, um die prinzipielle Offenheit und Ungewissheit menschlicher Lebenserfahrungen zu bezeichnen.
Die soziale Welt wird als eine unter vielen möglichen wahrgenommen, die weder zufällig noch notwendig
ist. Selbst die Wahrnehmung der Welt ist kontingent, beruht auf Unterscheidungen und Konstruktionen,
welche auch anders sein und gemacht werden könnten. Erkenntnistheoretisch betrachtet ist Kontingenz
das (seinerseits kontingente) Wissen darüber, dass jedes Wissen relativ ist. Absolutes Wissen ist
prinzipiell unmöglich. (vgl. Wikipedia-Artikel „Kontingenz“)
7 Auch wenn z.B. Esposito mit Recht anmerkt, dass doppelte Kontingenz in Reinform so gut wie nie
vorkommt, da Konditionierung und kulturelle Programmierung die Beliebigkeit stark eingrenzen. Und das
ist ein Glücksfall, denn: "Die reine Form der doppelten Kontingenz wäre Paralyse." (Esposito 1998)
7
einer Information erst zugewiesen bekommen (vgl. ebd. sowie NL 1998:71f.). So wird aus dem durch die Welt bereitgestellten Potential an "virtuelle[r] Information" (NL 1998:46) - aus einer Menge potentieller Überraschungen - durch das System Information produziert. Denn: "Information ist eine überraschende Selektion aus mehreren Möglichkeiten." (NL 1998:71)
c) Strukturelle Kopplung
Wir haben es also mit einem menschenleeren und trotzdem kommunizierenden Gesellschaftssystem zu tun. Die Frage, wie Bewusstsein an Kommunikation beteiligt ist (denn es ist ja ein operativ geschlossenes System), beantwortet Luhmann mit der strukturellen Kopplung von Bewusstseinssystem und sozialem System. Strukturelle Kopplung liegt vor, wenn sich zwei Systeme gegenseitig einen Teil ihrer Struktur (ihrer Komplexität) zur Verfügung stellen - dies bedeutet jedoch keinen operativen Kontakt der operativ geschlossenen Systeme. Ein Spezialfall der strukturellen Kopplung ist die Interpenetration 8 : Sie besteht, wenn eine strukturelle Kopplung die Existenzgrundlage der beteiligten Systeme darstellt, sie also ohne die gegenseitige Inanspruchnahme nicht existieren könnten. Dieser Fall ist gegeben in der Beziehung zwischen Bewusstseinssystem und sozialem System, welche über Sprache gekoppelt sind und die ohne einander nicht existieren könnten: „Ohne Kommunikation gibt es keine menschlichen Beziehungen, ja kein menschliches Leben.“ (NL 2001:76)
2. Medien
Luhmann begreift Gesellschaft und ihre Evolution nicht als Resultat veränderter Produktionsweisen (Marx) oder Herrschaftsformen (Weber) sondern als Veränderung gesellschaftlicher Kommunikationsweisen und Kommunikationsmedien (vgl. Bohn 2005). Verändern sich die Bedingungen, unter denen Kommunikationen auftreten (können) - und diese Bedingungen sind angelegt in den der Gesellschaft zur Verfügung stehenden Medien 9 - verändern sich damit höchstwahrscheinlich auch die Formen und Praktiken, in denen Kommunikationen sich manifestieren. Daher mündet Luhmanns Kommunikationstheorie letztendlich in eine Medientheorie. Diese versucht allerdings nicht, Probleme in der Kommunikation zu lokalisieren, um sie ggf. zu lösen, vielmehr werden die beobachtbaren kommunikativen Formen und Praktiken einer Gesellschaft als Lösungen von gesellschaftlichen Problemen behandelt, die ihrerseits wieder Probleme aufwerfen können, für welche die Gesellschaft Lösungen zu entwickeln hat (usf.).
8 Vgl. zu Interpenetration NL 1998:108 oder ausführlich 1984:286ff.
9 Dies ist ein Ansatzpunkt für Wasser (2005), um einen an McLuhan angelehnten Medienbegriff in die
Luhmannsche Theorie autopoietischer Systeme zu integrieren. Siehe Abschnitt 4.
8
Luhmanns Medienbegriff geht im wesentlichen auf zwei sehr heterogene Ideen zurück: Zum einen die Idee der symbolisch generalisierten Tauschmedien von Talcott Parsons (Abschnitt 2.4), zum Anderen die aus Fritz Heiders Attributionstheorie stammende Idee der Wahrnehmungsmedien, welche mit der Unterscheidung von Medium und Form operiert (Abschnitt 2.1). Eine allgemeine Definition jenseits von Heider liefert Luhmann, indem er „sämtliche Einrichtungen […], die der Umformung unwahrscheinlicher in wahrscheinliche Kommunikation dienen […]“ als Medien bezeichnet (NL 2001:81).
2.1 Medium und Form (Ding)
Luhmann bedient sich einer Idee hinsichtlich der Beschaffenheit von (Wahrnehmungs-) Medien, die Fritz Heider bereits 1926 veröffentlichte, welche jedoch lange Zeit keine Beachtung fand. Auf den ersten Blick scheint sie systemtheoretischen Ansprüchen an die Beschreibung von Medien zu genügen; hieran gibt es jedoch auch Zweifel (vgl. Wasser 2005).
Heider ersetzt die bis dahin geläufige Unterscheidung von Medium und Inhalt durch die von Medium und Form. Dies sieht z.B. Ellrich (1997) als positiv an, da Heider so erreiche, dass mit dem Medienbegriff auch Staffelungsprozesse und Funktionswechsel beschrieben werden könnten, wie es vorher nicht möglich war: "die Form kann als Medium für eine neue Form dienen und diese Form wiederum als Medium für weitere Formen etc." 10 (Ellrich 1997:205) Auch könnten auf diese Art verschiedene Ebenen von Medien besser beschrieben werden, die sonst im diffusen oder unsichtbaren Bereich bleiben müssten: Denn Medien bestehen nach der Medium/Form-Differenz aus lose gekoppelten Elementen und sind daher selbst nicht wahrnehmbar. Nur die Form ist beobachtbar und besteht aus ausgewählten, interdependenten, fest gekoppelten Elementen. Medien bieten demnach das Material an, aus denen die unterschiedlichsten Formen entstehen können. In der Formenbildung werden die Elemente des Mediums fixiert, jedoch dabei nicht verbraucht. Damit sind Medien zeitlich gesehen stabil und wiederverwendbar, Formen jedoch temporär angelegt und im Gegensatz zum Alltagsverständnis des Wortes instabil. Nur eine relative Stabilität ist für Formen erreichbar, indem sie der Speicherung im gesellschaftlichen Gedächtnis zugeführt werden. Formen, die nicht wiederholt angewandt werden, gehen verloren. Die Medium/Form-Differenz korrespondiert nach Luhmann mit der System/Umwelt-Differenz insofern, als sie eine asymmetrische Unterscheidung mit zwei Seiten 11 ist: Die andere Seite der Form wird als Ausgeschlossenes eingeschlossen. Diese Paradoxie ist nach der verwendeten
10 Auch hier findet sich eine Ähnlichkeit zu McLuhan, der - mit einem anderen/breiteren Medienbegriff
operierend, unter dem Inhalt eines Mediums immer ein weiteres Medium versteht. Vgl. Wasser (2005).
11 Die Form in der Definition als zweiseitig gegeben geht auf George-Spencer Brown zurück (Laws of Form,
New York 1979), der sie aber spezifisch mathematisch verwandte. Luhmanns Anliegen ist es, daraus
eine allgemeine Theorie der Formen zu entwickeln. Insgesamt scheint Luhmanns Formbegriff lediglich
durch G.S. Brown inspiriert, nicht aber eins zu eins übernommen. (vgl. Wasser 2005:13)
9
Medium-Definition unvermeidbar 12 und beschreibt das Phänomen des Re-Entry: die "Wiederholung einer Unterscheidung innerhalb einer Unterscheidung" (Krause 2001) Problematisch ist allerdings die Tatsache, dass Luhmann durch die Adaption des Heiderschen Medienkonzeptes zwei verschiedene Form-Begriffe analog zu verwenden scheint. Zum einen ist es die Form als Einheit einer Unterscheidung nach Spencer Brown, zum anderen die Form als Produkt der festen Kopplung von Elementen eines medialen Substrats nach Heider: "Medium in diesem Sinne ist jeder lose gekoppelte Zusammenhang von Elementen, der für Formung verfügbar ist, und Form ist die rigide Kopplung eben dieser Elemente, die sich durchsetzt, weil das Medium keinen Widerstand leistet." (NL 1990:53)
Wasser (2005) macht auf diese Problematik aufmerksam: Wenn die Form einerseits - nach Spencer Brown - aus zwei Seiten besteht, dann könnte man als Elemente - die ja andererseits durch die Heidermedien gefordert werden - höchstens die beiden Seiten heranziehen, womit aber dann wiederum nicht klar wäre, welchem medialen Substrat sie entstammen sollten (vgl. ebd.: 10ff). Dies ist ein Anzeichen für Nicht-Konsistenz in der sonst begrifflich so trennscharf operierenden Systemtheorie. Es handelt sich bei dieser Konzeption von Medien eindeutig um ein teilchentheoretisches und nicht um ein systemtheoretisches Modell. Dem Autor ist jedenfalls keine Aussage Luhmanns bekannt, in der diese Doppelbelegung des Begriffes der Form aufgelöst würde.
2.2 Sinn
Die Medium/Form-Differenz ebenso wie die System/Umwelt-Differenz verweisen demnach innerhalb ihrer Definition auf sich selbst, sind also rekursiv und anscheinend paradox. Die Paradoxie liegt im Nicht-Vorhandensein von Letztbegründungen oder "fundierende[n] Ursprünge[n]" (NL 1998:47) Laut Luhmann können sinnhafte Identitäten aber nur rekursiv erzeugt werden (vgl. ebd.), was daran liegt, dass das Universalmedium Sinn (vgl. ebd.:51) sich durch die immer benötigte Figur des Re-Entry selbst konstituiert. So wird Sinn denn auch von Luhmann als "Produkt der Operationen, die Sinn benutzen" (ebd. 44) bezeichnet. Sinn ist in der Welt nicht ursprünglich gegeben sondern wird in der Autopoiesis von Systemen erst hergestellt, und dies auch immer nur momenthaft in der einzelnen Operation selbst. Damit ist Gesellschaft - als autopoietisches, Kommunikationen prozessierendes System - ein "sinnkonstituierendes System" (ebd.:50)
Alle Medien verwenden in sich das Medium Sinn und müssen dies tun, um überhaupt ihre Leistung erfüllen zu können. Ohne den Rückbezug auf Sinn würden auch alle anderen Medien nicht
12 "Diese Unterscheidung kommt insofern in sich selber vor, als auf beiden Seiten lose bzw. strikt gekoppelte Elemente vorausgesetzt sind, die ihrerseits nur als Formen erkennbar sind, also eine weitere
Unterscheidung von Medium und Form voraussetzen." (NL 1998:59) "Jede Seite der Form ist die andere
Seite der anderen Seite." (ebd.: 60)
10
funktionieren, denn Sinn "ist nach wie vor unvermeidliche Form des Erlebens und Handelns. Ohne Sinn würde die Gesellschaft, würde jedes Sozialsystem schlicht aufhören zu existieren." (NL 1984:587)
2.3 Sprache
Das (Kommunikations-)Medium Sprache dient - wie alle Medien - dazu, Kommunikation wahrscheinlicher zu machen. Oder in der Logik der Unterscheidung von Medium und Form: "die operative Verwendung der Differenz von medialem Substrat und Form." (NL 1998:195) Sprache verwendet das grundlegende Medium Sinn (s.o.), mit welchem auch Bewusstseinssysteme operieren. Sie hat die Funktion - mittels symbolischer Generalisierungendas „[…] Verstehen von Kommunikation über das vorausliegende Wahrnehmen hinaus […]“ zu steigern (ebd.).
Eine Besonderheit sprachlicher Kommunikation liegt in ihrer Fähigkeit zur Negation, also der ihr zugrunde liegenden Ja/Nein-Codierung. Diese ermöglicht es, Kommunikation abzulehnen, verneinende Kommunikation zu produzieren, etwas nicht zu bezeichnen oder etwas so zu bezeichnen, dass es unbestimmt bleibt. Außerhalb der Welt der Kommunikation ist nichts Negatives also auch nichts Unbestimmtes. Das „Nichts“ oder „Nichtsein“ als notwendige Implikation der Beobachtung des „Seins“ findet nirgendwo in der Welt seine Repräsentation. Es ist nicht. (vgl. hierzu NL 1998:893ff.)
Innerhalb der Kommunikation jedoch existiert mit der Möglichkeit zur Verneinung eine Verdoppelung der Aussagemöglichkeiten. Alles was bejaht werden kann, kann auch verneint werden. Dieser Umstand ist für Luhmann der ausschlaggebende Faktor dafür, dass sich überhaupt Sozialsysteme bilden können. Denn erst die Möglichkeit zur Verneinung macht Unterscheidungen möglich. Die Struktur der Sprache ist damit gleichzeitig „eine Bedingung und Folgeeinrichtung […] der autopoietischen Autonomie“ (NL1998:223) des sozialen Systems Gesellschaft, oder wie es Bohn (2005) formuliert: Sprache existiert koextensiv 13 mit Gesellschaft. „Die Sprachcodierung ist die Muse der Gesellschaft. Ohne ihre Doppelung aller Zeichen, die Identitäten fixieren, hätte die Evolution keine Gesellschaft bilden können, und wir finden deshalb auch keine einzige, der dieses Erfordernis fehlt.“ (NL 1998:225)
2.4 Schrift
„Mit Schrift beginnt die Telekommunikation, die kommunikative Erreichbarkeit der in Raum und Zeit Abwesenden.“ (NL 1998:257)
13 "Begriffe von gleichem Umfang, aber verschiedenem Inhalt heißen koextensiv." (Lopez, ohne Jahr) Zur
Unterscheidung von Umfang und Inhalt siehe ebenfalls Lopez.
11
Schrift ist der Lage, Sinn zeitlich zu fixieren. Dieser Umstand kommt der Gesellschaft zugute, da er die Menge der möglichen anschlussfähigen Kommunikationen immens steigert. In der mündlichen Kommunikation überleben nur solche Sinnzumutungen, die unmittelbar in der Interaktion (unter Anwesenden) angenommen und wiederverwendet werden. Die schriftliche Fixierung des Sinns hingegen birgt die Möglichkeit, in der Vergangenheit bereits Abgelehntes erneut aufzugreifen und unter Umständen zu einem späteren Zeitpunkt wieder zu kommunizieren. Schrift dient damit als Erweiterung der Kapazität des gesellschaftlichen Gedächtnisses.
Ebenfalls steigert Schrift (wenn nicht gerade in Stein gemeißelt) die räumliche Reichweite von Kommunikationen. Die demnach sowohl zeitliche als auch räumliche Entkopplung von Mitteilung und Verstehen in einer Kommunikation erzeugt zwar einerseits ein Problem: Zum Vollverstehen der Mitteilung ist ein Mitverstehen des Kontextes notwendig, in dem die Selektion der Mitteilung stattfand. (vgl. NL 1998:275)
Andererseits bietet die Verwendung von Schrift gerade deswegen auch Ansätze für sprachliche Neuentwicklungen, muss sie sich doch - aus den Zwängen der Interaktion unter Anwesenden gelöst - „deutlicher und allein aus dem Text heraus explizieren“ (1998:465), was „zu Verbalformen neuen Typs“ führt „und vor allem zur Bildung von Begriffen mit […] unübersehbaren Folgewirkungen.“ (ebd.) Außerhalb der direkten Interaktion fehlen Hintergrundinformationen der Kommunikation (der Text ist weniger eindeutig als das Wort unter Anwesenden), die sich in der schriftlichen Fixierung als Freiheitsgrade der Interpretation niederschlagen. Und eben jene Freiheitsgrade steigern die Menge potentiell anschlussfähiger Kommunikationen. Damit steigt im Übergang von mündlich zu schriftlich kommunizierenden Gesellschaften ihr evolutionäres Potential; denn die Verfügbarkeit von mehr Anschlussmöglichkeiten bedeutet die Möglichkeit zur Steigerung von (Struktur-)Komplexität. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung des Gesellschaftssystems, denn seine dynamische Stabilität nimmt zu:
„Kommunikation ist und bleibt ein zeitpunktgebundenes Ereignis, daran ändert sich nichts. Ein Kommunikationssystem kann nur dynamische Stabilität erreichen, das heißt: nur Stabilität dank der Fortsetzung durch immer andere Kommunikationen.“ (NL 1998:266) Hier stößt man auf ein für die Luhmannsche Theorie typisches Paradox: Die „Unsicherheit in Bezug auf das Verständnis des gemeinten Sinnes“ (NL 1998:269), welche durch die Freiheiten der Schrift entsteht (also größere Komplexität = unwahrscheinlichere Kommunikation), wird mittels der durch Schrift entstehenden komplexen Strukturen (Semantiken) abgesichert. Reduktion von Komplexität durch Komplexität!
12
Schrift ist nach Luhmanns Definition ein Verbreitungsmedium 14 - das erste, denn es erweitert den Kreis der Adressaten und damit „die Reichweite sozialer Redundanz“ (NL 1998:202). Mit zunehmender Anzahl an Lesekundigen ist bald nicht mehr vorhersagbar, wer welchen Text gelesen hat und damit eine bestimmte Information besitzt. Damit steigt die Zahl potentiell redundanter Informationen, denn eine bereits bekannte Information hat keinen Informationswert mehr. Dies ist eine Tatsache, die bei der Betrachtung des Funktionssystems der Massenmedien immense Wichtigkeit erlang. "Redundanz erübrigt Information." (ebd.) Die so gesteigerte Reichweite sozialer Redundanz kommt für das Operieren des autopoietischen Systems einem Verlust an Informationen gleich. Das (Gesellschafts-)System ist, um sein Operieren fortsetzen zu können, auf laufend neue Informationen angewiesen. Ohne Information findet keine Selektion statt, also auch auf keinen Fall Kommunikation. Diesen Informationsbedarf befriedigt das Gesellschaftssystem laut Luhmann über das Funktionssystem der Massenmedien. Erst die schriftliche Fixierung von Sinn macht Selbstbeschreibungen von Gesellschaft möglich 15 : "Unter Selbstbeobachtung soll [...] immer nur eine im System auf das System gerichtete Operation verstanden werden und unter Selbstbeschreibung die Anfertigung eines entsprechenden Textes." (NL 1998:887)
Die Selbstbeschreibung von Gesellschaft ist Grundlage für gesellschaftliche Evolution; denn Evolution eines aus Kommunikationen bestehenden Gesellschaftssystems ist zu verstehen als Evolution von Semantiken und kommunikativen Strukturen. Indem ein Gesellschaftssystem sich selbst beschreibt, ändert es das zu Beschreibende allein schon durch die Beschreibung selbst; denn sie ist Teil des beschriebenen Gegenstandes. D.h., für einen weiteren Beobachter ist die bereits vorliegende Beschreibung bei kommenden Beschreibungen mit zu berücksichtigen (und ggf. zu korrigieren). In dieser Reflexivität liegt die Möglichkeit, bestehende Semantiken mit der Zeit zu verändern.
Beschreibung kann aus der Position eines operativen Konstruktivismus (welche Luhmann vertritt) nur in Form einer (unvollständigen) 16 Konstruktion vorliegen. Denn kognitive Systeme haben keinen erkenntnisunabhängigen Zugang zur Realität - zu ihrer Umwelt und zu sich selbst 17 . Die
14 Im Gegensatz zu Wahrnehmungsmedien wie z.B. Licht und Schall (vgl. NL 1998:201) sowie reinen
Kommunikationsmedien wie Sprache. Luhmann schreibt zwar: "Die Verbreitung [der Information] kann
mündlich erfolgen, in Interaktion unter Anwesenden", bezeichnet Sprache jedoch nicht explizit als
Verbreitungsmedium. Dies ist wohl der Tatsache geschuldet, dass der Empfängerkreis von Sprache ein
zeitlich und räumlich sehr begrenzter ist und sie keine große soziale Redundanz erzeugt.
15 ...und notwendig! Die raum-zeitliche Entkoppelung von Mitteilung und Verstehen führt zu einem
Referenzproblem: "Denn wenn der Leser liest, was geschrieben ist, ist der Schreiber längst mit anderem
beschäftigt oder gar gestorben." (NL 1998:883)
16 "Keine Thematisierung von Gesellschaft erreicht [...] eine volle Welttransparenz." (NL 1998:882)
17 Das System "[...] ist für sich selbst intransparent, und zwar ebenso intransparent wie die Umwelt." (NL
1998:884)
13
Existenz einer solchen wird vom operativen Konstruktivismus ja nicht bestritten - ohne eine Umwelt "[...] hätte ja auch der Begriff der Systemgrenze, der voraussetzt, dass es eine andere Seite gibt, keinen Sinn." (NL 1996:18) Nur sind die Resultate von Beobachtungen Eigenleistungen des operierenden (unterscheidenden) Systems selbst, welches keine Erkenntnis über sein eigenes Konstruktionsprinzip erlangen kann. Dieses ist sein "Blinder Fleck". Es bleibt also nur übrig, Realität zu konstruieren und ggf. andere Beobachter beim Beobachten zu beobachten (vgl. ebd.).
2.5 Buchdruck - Massenmedium Nr.1
Noch wichtiger als die Verwendung von Schrift allein ist für Luhmann allerdings die Erfindung des Buchdrucks, mit dem eine massenhafte Herstellung schriftlicher Kommunikationsmittel (Bücher, Zeitungen) möglich wurde.
Will man den Buchdruck als Medium definieren - oder zumindest dessen materielle Erzeugnisse, so scheint bereits an dieser Stelle die Kompatibilität mit Heiders Medienmodell nicht mehr gegeben. Denn es scheint nahezu unmöglich, die lose gekoppelten Elemente sinnvoll zu definieren, aus welchen das Medium Buchdruck bestehen sollte - und welche es durch feste Kopplung in Formen verwandelt. Ein Buch als Form zu betrachten, welches beispielsweise als Elemente Seiten enthält, wäre nicht sehr befriedigend.
Der Buchdruck ist nach Luhmann mehr oder minder direkt verantwortlich für mehrere auftretende Effekte: Gegenüber der fehlerbehafteten handschriftlichen Vervielfältigung ist nunmehr die Authentizität der Kopie gewährleistet. Des Weiteren steigt die Zahl der potentiellen Empfänger einer Kommunikation; denn die Kunst des Lesens wird zunehmend unabhängiger von sozialem Status. Waren es vormals hauptsächlich Kleriker oder Adlige, die lesen und schreiben konnten, sind es nun immer mehr einfache Bürger - ja die Entstehung eines sich selbst als solches verstehenden Bürgertums und einer sich daraus entwickelnden bürgerlichen Öffentlichkeit wurde gerade durch den Buchdruck erst ermöglicht! Der sinkende Preis von Druckerzeugnissen macht diese erschwinglich und führt damit dazu, dass das Lesenlernen selbst lohnender wird. Das Buch als Quelle von Wissen wird zum Lehrer und macht so Lernen und Wissenserwerb zu einem individuell gestaltbaren Vorgang, der seitens der Druckerzeuger genährt wird: "[...] der Buchdruck [läßt] jetzt die Fixierung von Texten als lohnend erscheinen, die Wissen übermitteln, das früher mündlich tradiert wurde. Das betrifft vor allem handwerkliche Technologien." (NL 1998:297) Nachdem die handschriftlichen Wissensbestände nach und nach der Druckpresse zugeführt werden, wird nun erstmals die Komplexität (und teilweise Fehlerhaftigkeit) des bereits vorliegenden
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Materials sichtbar. Dies macht ein Sortieren, Korrigieren und vor allem Vergleichen von Texten notwendig und möglich.
Mit zunehmender Menge an gedruckten Publikationen entsteht ein Bedarf, die Komplexität des vorhandenen Wissens zwecks besserer Handhabe zu reduzieren. Hierfür werden Ordnungssysteme angelegt (Verzeichnisse, Kataloge, Indexe etc.), welche ihrerseits wieder hinsichtlich ihrer Strukturen Komplexität ausbilden. Auch hier liegt also wieder die Paradoxie der Reduktion von Komplexität durch Komplexität vor, welche schon beim Medium Sprache auftauchte und charakteristisch zu sein scheint für komplexe Kommunikationen ermöglichende Medien. 18 Das vergleichende Lesen von Texten wird immer mehr zur Quelle der fortschreitenden Individualisierung von Meinungen und damit Keimzelle bürgerlicher Öffentlichkeit und öffentlicher Meinung. Der Adressatenkreis von Pamphleten ist bald immer weniger ein Spezialpublikum als mehr die Öffentlichkeit selbst. Diese erlangt in geradezu sprichwörtlicher Hinsicht über (vormals hierarchisch geordnetes Herrschafts-)Wissen immer mehr Macht; die Ordnung und Verteilung von Wissen in der Gesellschaft wird heterarchisiert.
Die Religion verliert durch diesen Vorgang an Autorität bezüglich ihrer angebotenen Deutung von Welt. Der aufklärerische Gedanke der Annahme eines Vernunftinteresses setzt sich (im 18. Jahrhundert) immer weiter durch und ist dem bereits existenten, theoriegeleiteten, sich weiter ausdifferenzierenden Funktionssystem der Wissenschaft mehr als dienlich. Dieses erlangt in der Folge immer mehr Deutungshoheit über die Welt und steht mit seinen empirischen Methoden in scharfer Konkurrenz zu den theologischen Letztbegründungen der Religion. Eine weitere Folge des Buchdrucks ist die Standardisierung großräumig verwendbarer Nationalsprachen und deren Regeln, bis hin zu "den Lächerlichkeiten einer vollständigen Dudenisierung der Schriftsprache, über deren Änderung dann nur noch Experten entscheiden können." (NL 1998:298) Latein als einzige grenzübergreifende - aber Eliten vorbehaltene -Sprache der Wissenstradierung wird abgelöst. Regionale Dialekte im Mündlichen bleiben erhalten und behindern bisweilen auch heute noch transregionale Kommunikation, die gemeinsame Schriftsprache jedoch wird überregional verstanden.
Alles in allem sieht Luhmann in den vielen Auswirkungen des Buchdrucks größtenteils noch Folgen der Verschriftlichung, welche ihr eigentliches Potential erst durch den Wegfall von Beschränkungen voll entfalten konnten, denen die Schrift allein noch unterlag. Die Verwendung von Schrift allein konnte noch als bloße Aufzeichnung verstanden und der Primat der mündlichen
18 Debatin (1998) spricht hinsichtlich dieses Phänomens von einer "Komplexitätsparadoxie, die sich aus dem mit jeder Komplexitätssteigerung verbundenen Transparenzverlust ergibt, welcher dann
Komplexitätsreduktionen erfordert, die ihrerseits in anderen Bereichen zu neuerlicher
Komplexitätssteigerung und Intransparenzen führen." Bohn (2005) formuliert den gleichen Sachverhalt
als "Gesetz der wechselseitigen Ermöglichung und Belastung". Luhmann formuliert ganz pauschal: "Nur
Komplexität kann Komplexität reduzieren" (NL 1984:49)
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Kommunikation beibehalten werden. Erst der Buchdruck lässt Schrift zum eigentlichen Verbreitungsmedium avancieren und erweitert ihre oben bereits erwähnte Funktion als gesellschaftliches Gedächtnis.
Zeitungen und Zeitschriften sowie Bücher werden mit dem etablierten Buchdruck in großen Mengen gedruckt und der Kreis der Empfänger schriftlicher Kommunikation unübersehbar. Eine Kontrolle über Annahme oder Ablehnung der offerierten Sinnzumutungen ist nicht mehr möglich. In der Interaktion unter Anwesenden herrschten noch genug Pressionen, um die Artikulation von höchstwahrscheinlich auf Ablehnung stoßenden Äußerungen größtenteils zu unterdrücken. Mit der Überwindung der Mündlichkeit als vorrangiges Kommunikationsmedium entsteht jedoch "Komplexität in größeren räumlichen und zeitlichen Dimensionen und doch in derselben Gesellschaft" (NL 1998:204), so dass Kommunikation sich zunehmend auf noch unbekannte Situationen einstellen muss. Die Selektionen innerhalb der Kommunikation werden tendenziell noch beliebiger als sie dies schon sind, womit natürlich die Wahrscheinlichkeit erfolgreicher Kommunikation erst einmal ganz erheblich sinkt. Mit anderen Worten: Es geht um die Unwahrscheinlichkeit bestimmter Verknüpfungen von Selektion und Motivation. Denn Kommunikation muss - in Anbetracht der unüberschaubaren Menge an möglichen Motivationen, die eine Selektion bedingen können (doppelte Kontingenz der Selektionen von Ego und Alter)irgendwie gewährleisten, dass die Bedingungen positiver Selektionen einigermaßen überschaubar gehalten werden. Sonst können sie in Kommunikationsofferten nicht 'eingeplant' werden, womit die Annahmewahrscheinlichkeit gegen Null tendierte.
Abhilfe schafft sich die Gesellschaft ("wenn Evolution ihr hilft" ebd.) neben paralleler Systemdifferenzierung (Funktionssysteme) über die Ausbildung von symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien (= Erfolgsmedien, Steuerungsmedien). Die Institutionalisierung solcher Erfolgsmedien 19 hebt die Schwelle der Nichtakzeptanz von Kommunikation auch "im Falle von 'unbequemen' Kommunikationen" (ebd.) wie etwa Abgabezumutungen. Ihre Leistung liegt in der "Ermöglichung einer hochunwahrscheinlichen Kombination von Selektion und Motivation." (NL 1998:320)
2.6 Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien
Die zweite Grundlage der Luhmannschen Medientheorie liegt in der Adaption und Modifikation des Begriffes der "symbolisch generalisierten Tauschmedien" aus der Theorie Talcott Parsons. Damit
19 Luhmann nennt: Wahrheit, Liebe, Macht/Recht und Eigentum/Geld (vgl. NL 1998:331) sowie an anderer
Stelle noch die Kunst (ebd.:351) und mit eingeschränkter Geltung: Werte (ebd.:340). Gelegentlich wird
Sport als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium erwähnt - jedoch nicht von Luhmann
selbst. Demzufolge wird Sport hier vernachlässigt. Zu einem gesellschaftlichen Funktionssystem des
Sports sei verwiesen auf z.B. Schimank 1988
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bleibt Luhmann leider nicht konsistent hinsichtlich der Übernahme der Heidermedien in seine Theorie. Die im Folgenden beschriebenen "Erfolgsmedien" stellen eine Art Spezialmedien dar, die sich (ebenso wie elektronische und Massenmedien) nicht mit der Medium/Form-Differenz von Heider beschreiben lassen.
Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien haben die Funktion, die Annahme einer Kommunikation erwartbar zu machen in Fällen, in denen die Ablehnung wahrscheinlich ist (vgl. NL 1998:316). Sie entstehen laut Luhmann erst dann, wenn sich ein Gesellschaftssystem Schrift als hauptsächlich verwendetes Medium zu Nutze macht (also mit dem Buchdruck) - und lösen praktischer Weise gleichzeitig die Probleme, welche auf diesem Wege für die Wahrscheinlichkeit von Kommunikation entstehen.
Der auch der Schrift innewohnende Ja/Nein-Code der Sprache generiert grundsätzlich erst einmal die gleichen Chancen für Annahme als auch Ablehnung eines Sinnvorschlages, "sich verständlich zu machen" (ebd.). Jedoch hat eine bereits angenommene Sinnzumutung größere Chancen, wiederholt verwendet zu werden, da sich die Kommunikation des Erfolges 'erinnern' kann (man bedenke die zeitliche Stabilisierung von Sinn durch Schriftlichkeit). Diese Überlegung führt Luhmann zu dem Schluss, dass Ablehnungen eher zur Entstehung von Institutionen der Konfliktbewältigung, Annahmen jedoch zu einer positiven Semantik akzeptierten Sinnes führen und diese durch Wiederverwendung, Verdichtung und Abstraktion weiter spezifizieren. Diese positiven Semantiken - symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien - bilden abstrakt gesprochen ein "funktionales Äquivalent zur Moral" (ebd.:317). Denn sie lösen das oben erwähnte "Spezialproblem einer unwahrscheinlich gewordenen Verknüpfung von Selektion und Motivation." (ebd.:332) Damit wird gesellschaftlicher Zusammenhalt (hier: Aufrechterhaltung von Kommunikation) nicht mehr wie bei Durkheim und Parsons über Normen erreicht sondern eben über jene symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien. Wobei dies nicht zu verstehen ist, als würden Normen durch Medien ersetzt. (vgl. ebd:316) Es wird eben nur die von der Theorie zugewiesene Funktion an anderer Stelle erfüllt.
Nun sind die verschiedenen symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien zwar abstrakt als funktional äquivalent zu betrachten, jedoch sind sie sehr wohl differenziert, was ihre Anwendungskontexte anbelangt. Diese unterscheiden sich hinsichtlich der Zurechnung von Selektionen, welche in einer systemorientierten Gesellschaftstheorie natürlich nur ein soziales Konstrukt sein kann (vgl. das Konstrukt Mensch/Person). Zurechnung kann nur durch einen Beobachter erfolgen - rechnet dieser eine erfolgte Selektion dem System selbst (z.B. Bewußtseinssystem Alter) zu, "wollen wir von Handlung sprechen, wird sie der Umwelt zugerechnet, von Erleben." (ebd.:335) Demnach unterscheiden sich die symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien danach, ob sie Ego und Alter je als erlebend oder als handelnd
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voraussetzen 20 . Zur Veranschaulichung, welche symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien in welchen Anwendungskontexten Geltung erlangen, verwendet Luhmann folgende Tabelle:
Grundsätzlich sind in jeder Kommunikation natürlich sowohl Alter als auch Ego immer gleichermaßen Erlebende und Handelnde mit dem (problematischen) Resultat der doppelten Kontingenz von Motivation und Selektion (vgl. 1998:332ff). Jede Selektion (bzw. das seligierende System) innerhalb einer Kommunikation hat zu berücksichtigen, dass sie mit anderen - konformen oder gegenläufigen - Selektionen zu rechnen hat. Jene müssen zugerechnet werden, - man muß "klarstellen, wo die Verantwortung für die Selektion liegt, deren Konditionierung dann motivieren soll." (ebd.:333) Diese Zurechnung ermöglicht für einen Beobachter - trotz der Zirkularität von Kommunikation - die Konstruktion einer (momentanen) Kommunikations-richtung: "Die Kommunikation läuft von Alter zu Ego" (ebd.:336) - nicht jedoch umgekehrt! 21 Nun ergeben sich für die Kommunikationspartner vier verschiedene Konstellationen der Zurechnung von Selektionen, wie sie in der obenstehenden Tabelle dargestellt sind:
I Alter kommuniziert sein Erleben (Ae) und initiiert dadurch ein entsprechendes Erleben von Ego (Ee). Die Selektion der zur Mitteilung gemachten Information kann also keinem der beiden zugeordnet werden; es handelt sich beiderseits um externe Zuschreibung der Selektion. Das symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium Wahrheit setzt externe Selektion voraus (vgl. ebd.: 339), denn: "Der Wahrheitsgehalt einer Aussage kann [...] nicht auf den Willen oder das Interesse eines der Beteiligten zurückgeführt werden, denn das hieße, dass er für die anderen nicht verbindlich ist." (ebd.) Die Herausbildung dieses Mediums zeichnet verantwortlich für die Ausdifferenzierung des gesellschaftlichen Funktionssystems der Wissenschaft, welches
20 "Internale und externale Zurechnung" sind Termini, die den gleichen Umstand beschreiben. vgl. ebd.:334
21 Luhmann vertritt eben keine handlungstheoretisches Konzept und konstruiert den
Kommunikationsprozess vom Beobachter - vom Verstehen her. Und der Akt des Verstehens liegt auf
Seiten Alters, welcher damit erstmalig in der Kommunikationssituation über Zustandekommen von
Kommunikation entscheidet.
18
mit dem Code wahr/unwahr operiert. 22 Ebenfalls externe Selektion auf beiden Seiten setzten Werte voraus; sie gewährleisten in kommunikativen Situationen eine Orientierung des Handelns, die von anderen nicht in Frage gestellt werden kann. (vgl. ebd.: 341) Im Falle der Wahrheit hat man es mit Behauptungen zu tun, die jedoch bezweifelt und überprüft werden können. Werte hingegen werden in Kommunikationen nicht behauptet sondern unterstellt. Sie werden in der Kommunikation im seltensten Fall konkret angesprochen; auf sie wird meist nur angespielt. Eine direkte 'Markierung' von Werten wird vermieden, da sonst die Möglichkeit von Widerspruch ausgedrückt - und dieser damit provoziert würde. Dadurch machen Werte sich gewissermaßen unbezweifelbar. "Wenn das nicht mehr überzeugt, müssen sie aufgegeben werden." (ebd.:343) Ihnen fehlt jedoch verglichen mit anderen Medien eine Zentralcodierung (wie wahr/unwahr, recht/unrecht) und damit zusammenhängend auch die Fähigkeit, ein eigenes Funktionssystem auszubilden. Sie besitzen nur einen geringen Direktionswert für Handlungen und sind aus diesen Gründen kein voll funktionsfähiges Kommunikationsmedium. (vgl. ebd.:344)
II "Während Werte zu schwach binden, bindet Liebe zu stark." (NL 1998:344) Wenn Luhmann von Liebe spricht, meint er die romantische Liebe, welche in ihrem heutigen Verständnis erst seit ungefähr 200 Jahren existiert und welche für ihn die Keimzelle des Funktionssystems (Intimbeziehung) darstellt. Hier liegt bezüglich der Familie
Selektionszuschreibungen der umgekehrte Fall wie bei 1. vor:
Das eigene Handeln (Eh) wird gestaltet unter Berücksichtigung des Erlebens dieses Handelns durch das Gegenüber (Ae). Dies scheint zunächst eine Selbstverständlichkeit, die jeder in der Gestaltung der eigenen alltäglichen Handlungen selbst vollzieht (insbesondere wenn er/sie sich beobachtet fühlt) und nichts Ungewöhnliches dabei findet. Nun wird der Akt des "Sich-Hineinversetzens" in das Erleben des Anderen aber immer schwieriger (der Erfolg also unwahrscheinlicher), je individualisierter persönliche Weltanschauungen, Meinungen und daraus resultierende Handlungsmotive werden.
Mit Einsetzen der Moderne fallen Klassenschranken; herkömmliche Sozialgefüge und Rollenkonstellationen - welche einst Orientierung für das Erleben des eigenen Handelns durch Andere geben konnten - verlieren an Bedeutung, und neue, immer mehr individualisierte Erlebenskontexte treten auf. In Luhmannschen Begrifflichkeiten: Die Gesellschaft beginnt, sich funktional auszudifferenzieren.
In einer solchen Gesellschaft ist es dann sehr unwahrscheinlich, "für eine eigene Weltsicht Zustimmung" zu finden (ebd.: 345). Dies gewährleistet die Liebe -zumindest im begrenzten Rahmen der Zweierbeziehung. Sie setzt voraus, dass -unter Berufung auf die der Beziehung
22 Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien leiten eine "Autokatalyse von Funktionssystemen" ein.
(ebd.: 331)
19
zugrunde liegenden Liebe -, die Handelnden in der Kommunikation alle möglichen Idiosynkrasien berücksichtigen. Die Handlung, welche bestätigt, dass die Andersartigkeit des Partners anerkannt und ohne Bestreben nach Änderung hingenommen (nicht jedoch zwangsläufig genossen) wird, avanciert zum Liebesbeweis. 23 Bei aller möglichen Differenz: Der (optimalerweise nicht allzu oft auf die Probe gestellte) Konsens ist die gegenseitige Liebe. III Alter handelt (Ah) und Ego erlebt (Ee). "Man sieht dass der Nachbar seinen Rasen mäht. Warum nicht?" (ebd.:347) Diese augenscheinliche Trivialität mag so weit noch mit dem Gedanken "Leben und Leben lassen" abgehandelt werden. Ein Problem entsteht allerdings, wenn der Nachbar (Alter) nicht seinen eigenen Rasen mäht sondern ungefragt den von Ego (oder auch nur die dorfgemeinschaftliche Allmende) - und anschließend das gemähte Gras womöglich gewinnbringend als Bergwiesenheu an die nächste Zoohandlung verkauft, ohne Ego daran teilhaben zu lassen. Allgemein gesprochen: Bezieht sich das Handeln Alters auf knappe Ressourcen, an deren Verfügung sowohl Alter als auch Ego Interesse haben, ist eine Regelung der Verhältnisse vonnöten, nämlich die der Eigentumsverhältnisse. Ein Begriff von Eigentum ist in der gesellschaftlichen Evolution schon früh entstanden. Die komplette Monetarisierung desselben allerdings erst eine Entwicklung, die Luhmann auf die Notwendigkeit von "Zeichen für unausgeglichene Leistungsverhältnisse, zunächst wohl in Haushaltswirtschaften" (ebd.:348) zurückführt.
Geld als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium stellt sicher, dass der Erlebende akzeptiert, dass der Handelnde mit seinem Geld machen kann, was er möchte. Aber noch mehr: Geld universalisiert Eigentum. Jedem Besitz wird ein Geldwert zugeordnet, selbst der Arbeitskraft. War ein Interesse an 100 Morgen Land vor der Erfindung des Geldes nicht vorhanden - da man es vielleicht gar nicht hätte bewirtschaften können - wird das Interesse an dem Geldwert desselben Landes durchaus nachvollziehbar: Geld kann man immer gebrauchen, denn es lässt sich in unterschiedlichen Bedarfslagen verwenden. Dies jedoch nur, solange davon ausgegangen werden kann, dass die Verwendbarkeit des Geldes auch in fernerer Zukunft noch gegeben ist. Irgendwann ist also die Autopoiesis des ausdifferenzierten Funktionssystems Wirtschaft der einzige Garant für die Verwendbarkeit von Geld. Wertgarantiertes Geld motiviert dazu, extrem spezifische Selektionen anderer erlebend
23 Wohingegen die sprachliche Liebeserklärung zwar die Kommunikation bindet (vgl. ebd.: 347),
hinsichtlich ihrer Beweiskraft allerdings schwächelt. Denn Aufrichtigkeit ist nicht kommunizierbar: "Denn
wenn man nicht sagen kann, dass man nicht meint, was man sagt, weil man dann nicht wissen kann,
dass andere nicht wissen können, was gemeint ist, wenn man sagt, dass man nicht meint, was man sagt,
kann man auch nicht sagen, dass man meint, was man sagt, weil dies dann entweder eine überflüssige
und verdächtige Verdopplung ist oder die Negation einer ohnehin inkommunikablen Negation." (NL
1998:311)
20
hinzunehmen (vgl. ebd.:350) und leistet damit einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Steigerung der Wahrscheinlichkeit von Kommunikation.
Ein weiteres symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium dieser Handlungszurechnung findet sich nach Luhmann in der Kunst. Diese hat für ihn die Funktion der "Reaktivierung ausgeschalteter Possibilitäten" (ebd.:352), also der Darstellung von Möglichkeitsräumen, die durch die bestehende Strukturierung von gängiger Realitätskonstruktion ausgeblendet werden. Kunst lässt die Welt in der Welt erscheinen auf eine Art, in der Unsichtbares durch Aufbrechen von "Normalverweisungen" sichtbar wird (ebd.:353). In Bezug auf die Handlungszuschreibung lässt sich formulieren: Der Künstler handelt und bringt den Zuschauer dadurch zu einem bestimmten Erleben. Ob die Kunst zur Annahme ihrer Selektionsofferte motivieren kann ist davon abhängig, ob das einzelne Kunstwerk einsichtig machen kann, dass es so ist, wie es sein muss. In diesem Sinne wird 'Originalität' gefordert, die sich nicht über den Vergleich zur Natur sondern zu anderen Kunstwerken definiert. IV Ah Eh Macht/Recht
Des Einsatzes des symbolisch generalisierten Kommunikationsmediums Macht bedarf es in dem Fall, dass "das Handeln Alters in einer Entscheidung über das Handeln Egos besteht, deren Befolgung verlangt wird." (ebd.:355) Auf beiden Seiten wird Handlung zugerechnet. Die Alternative zur Befolgung der Handlungsvorschrift liegt in gegebenenfalls zu verhängenden Sanktionen, welche weder für Ego noch für Alter wünschenswert wären. Das Machtverhältnis kann sich umkehren, in dem Moment, wo Ego beginnt, die "Vermeidungsalternative" (ebd.: 356) zu bevorzugen, womit Alter gezwungen wird, die Sanktion zu verhängen, ohne jedoch sein ursprüngliches Ziel - das gewünschte Verhalten Egos - erreicht zu haben. Das Recht ergänzt die Macht in Form einer Zweitcodierung, indem sie regelt, wann wer Macht legitim anwenden darf. Einerseits können Privatleute zur Durchsetzung ihrer vereinbarten Verträge die staatlichen Machtstrukturen in Anspruch nehmen, indem sie sich auf Recht berufen. Andererseits kann das politische System, welches durch Macht/Ohnmacht codiert ist, nur dann von seiner Macht Gebrauch machen, wenn es gleichwohl im Recht ist, dies zu tun. Ebenfalls kann es Recht (legitim) nur dann ändern, wenn es sich der Methoden bedient, die im Recht eigens dafür angelegt wurden. Diese Errungenschaft moderner Gesellschaften ist allgemein als Rechtsstaatlichkeit bekannt. Macht steigert, sofern sie anerkannt wird, die Menge anschlussfähiger Kommunikationen. Denn sie ermöglicht es, Kommunikationen zu akzeptieren, deren Akzeptanz außerhalb des Machtkontextes im Bereich extremer Unwahrscheinlichkeit liegen würde.
2.7 Elektronische Medien
21
Die vergangenen zwei Jahrhunderte haben mit der technischen Nutzung von Elektrizität verschiedene elektronische Kommunikationsmittel hervorgebracht, angefangen beim
Morsetelegraphen 24 über Telefon 25 und -fax 26 , nicht zu vergessen Radio 27 und Fernsehen 28 , bis hin zum Computer, der alle Medien integrierenden, digitalen Metamaschine 29 , welche allerdings erst über Vernetzung vom Mittel der Informationsverarbeitung zum Mittel der Kommunikation wird. All diese Medien stellen weder schriftliche noch mündliche Kommunikation in Frage, sondern eröffnen ihnen zusätzliche Anwendungsmöglichkeiten; nach Luhmann kommt es zu einer "eigendynamischen Explosion von Kommunikationsmöglichkeiten." (NL 1998:302) Diesem Vorteil steht nachteilig gegenüber, dass sich Gesellschaft als Kommunikationssystem immer mehr abhängig macht von Technologie - bzw. von den "technologisch bedingten strukturellen Kopplungen" (ebd.) mit Gegebenheiten der Systemumwelt, als welche technische Infrastrukturen zu betrachten sind. 30
Machte Schrift bereits die Kommunikation räumlich getrennter Personen möglich, geht Telekommunikation noch einen Schritt darüber hinaus: Sie ermöglicht synchrone Kommunikation 31 zwischen nicht Anwesenden. Die darüber hinaus verfügbare elektronische Speicherung von Mitteilungen (Mailbox, Anrufbeantworter) erleichtern das Zustandekommen von Kommunikation bzw. machen es zumindest nicht unwahrscheinlicher als bei schriftlicher Kommunikation. Die Übertragungsdauer von Mitteilungen (nicht Informationen!) jedoch tendiert nun endlich gegen null. Die verwendete Technik ist für Luhmann an der Kommunikation nicht beteiligt! "Das technische Netz des Energieflusses verhält sich völlig neutral zur Kommunikation [...]." (NL 1998:302) Damit steht Luhmanns These in krassem Gegensatz zu McLuhans Parole "The medium is the message". Festzuhalten ist, dass Luhmann sich nur sehr knapp zu elektronischen Medien auslässt: Sieht man von den teilweise auch elektronisch arbeitenden Massenmedien ab, welche von Luhmann nicht nur mit einer eigenständigen Publikation bedacht werden (NL 1996), sondern in seiner Theorie
24 Samuel Morse, 1833
25 1876
26 1970er
27 Nikolai Tesla, 1890er
28 Kenjiro Takayanagi, 1926
29 vgl. Ellrich (1997:204) spricht auch vom Computer als "Universalmaschine"
30 Man stelle sich die Auswirkungen eines globalen Crashs sämtlicher elektronischer Kommuni-kations-
Infrastrukturen auf das Welt-Wirtschaftssystem vor! Die (im Nachhinein als unbegründet erwiesene)
Angst vor dem "Millenium-Bug" lässt die Folgen eines solchen Kollapses erahnen.
31 Von größeren Signallaufzeiten bei längeren Übertragungsstrecken und den sich daraus u.U. ergebenden
Verzögerungseffekten sei hier abgesehen. Und selbst diese werden durch steigende Bandbreiten in der
Telekommunikation immer weniger relevant: Forscher am Fraunhofer-Institut für Nachrichtentechnik des
Heinrich-Hertz-Instituts Berlin haben unlängst 2,56 Terabit (2 560 000 000 000 Bit) in einer Sekunde über
eine Glasfaserleitung von 160km Länge übertragen. Das entspricht ungefähr 60DVDs.
22
auch den Status eines eigenen, gesellschaftlichen Funktionssystems zugesprochen bekommen, so finden sich lediglich 10 Seiten 32 , auf denen Telefon, Kino, Fernsehen und der Computer abgehandelt werden. Eine detaillierte Auseinandersetzung mit den Qualitäten und Ausprägungen computervermittelter Kommunikation erfolgt durch Luhmann demnach nicht. Das empirische Material, welches Luhmann für die Analyse der über das Fernsehen vermittelten Kommunikation zur Verfügung stand, lieferten ihm die Fernseher in Hotelzimmern, wenn er sich auf Reisen befand. Er selbst besaß keinen Fernseher und auch keinen Computer. Um auf diese Weise auch die Welt des Internet zu begreifen, hätte es wahrscheinlich ein langes Leben mit sehr vielen vernetzten Hotelzimmern erfordert.
So äußert sich Luhmann nur in Form einiger eher vagen Vermutungen, was es mit der Welt der CMC 33 auf sich haben könnte. Er weist aber wohl zu Recht darauf hin, dass eine jetzige Prognose über die Auswirkungen von CMC auf Kommunikation und Gesellschaft sehr schwierig sein dürfte, handelt es sich doch um eine vergleichsweise sehr junge Form der Kommunikation, deren Tragweite für die Gesellschaft noch überhaupt nicht abzusehen ist. 34 Auch wenn Luhmann keine Antwort liefert, so sieht er doch immerhin Analysebedarf: "Die interessantere Frage ist, wie es sich auf die gesellschaftliche Kommunikation auswirkt wenn sie durch computervermitteltes Wissen beeinflußt wird." (NL 1998:304) Denn die Art und Weise, wie Wissen generiert und weiterverbreitet wird, ändert sich durch das Internet 35 radikal. Dies betrifft sowohl die Zugänglichkeit von Informationen als auch deren Status als "wahr" oder "unwahr" 36 , denn die Entkoppelung von Autorenschaft und Text wird in den "[...] weltweit operierende[n] konnexionistische[n] Netzwerke[n] des Sammelns, Auswertens und Wiederzugänglichmachens von Daten [...]" (ebd.) auf die Spitze getrieben.
Dass das Internet unendlich viel Raum für soziologische Fragestellungen eröffnet scheint relativ offensichtlich. Ob diese allerdings mittels der Systemtheorie in adäquater Weise beantwortet werden können, scheint zumindest momentan mehr als fraglich. Denn der von Luhmann entwickelte Medienbegriff ist nicht trennscharf genug, um mit ihm Phänomene der
32 zumindest in "Die Gesellschaft der Gesellschaft" (NL 1998:202-212). In "Die Realität der Massenmedien"
kommt das Wort 'Computer' genau zwei Mal vor, davon einmal in zusammengesetzter Form als
'Computertechnik' (NL 1996: 26; 118).
33 Computer mediated Communication
34 Man bedenke, wie lange Schrift und Buchdruck Zeit hatten, ihre Effekte auf Gesellschaft wirken zu
lassen. vgl. hierzu NLs Äußerungen in seiner Vorlesung "Theorie der Gesellschaft" (Tondokument, NL
1993)
35 Unter dem Begriff "Internet" werden hier alle Dienste verstanden, die durch die globale Vernetzung von
Rechnern (und Netzwerken) zugänglich sind, so z.B. USENET, TELNET, E-MAIL, CHATS (z.B. IRC,
ICQ, AIM, YAHOO, SKYPE, GOOGLE-TALK), Datentransfer via FTP oder über das HTTP zugängliche
Webseiten sowie Spiele im Online-Mehrspielermodus mit oder ohne GUI und mehr.
36 Man beachte z.B. die Diskussion um die Glaubhaftigkeit von Wikipedia-Artikeln im Vergleich zu
traditionellen Nachschlagewerken wir der Encyclopädia Britannica.
23
technikvermittelten 37 Kommunikation souverän handhaben zu können. Allein die Frage: "Ist das Internet ein Medium?" müsste aus Luhmannscher Sicht mit gewisser Konsequenz bejaht werden (Buchdruck und Telefon sollen ja auch welche sein).
Nur, ist es ein Medium oder ein Verbund von vielen; was sind seine Formen, was seine Elemente; in welcher Weise ist es von der verwendeten Technik zu unterscheiden und vor allem: Ist es im (Gesellschafts-) System (vielleicht sogar als Teilsystem der Massenmedien?) oder außerhalb des Systems zu verorten - und falls beides nicht gelingen mag - ist es gar selbst ein (autopoietisches Funktions-) System? Der letztgenannten Frage widmet sich z.B. Huber (ohne Jahr), jedoch ohne gänzlich befriedigende Ergebnisse: So sei das Internet selbst zwar keinesfalls als autopoietisch operierendes System zu betrachten, möglicherweise aber das USENET als Bestandteil des Internet. Vielleicht lässt sich diese Frage nach einer Überarbeitung des Luhmannschen Medienbegriffes einfacher beantworten.
Luhmann selbst hat sich zumindest zu der Frage geäußert, ob das Internet ein Massenmedium sei und diese verneint: "Das Internet mit seinen Kommunikationsmöglichkeiten ist auch, wenn es massenhaft als Medium genutzt wird, kein Massenmedium, denn es ist ja gerade keine einseitige technische Kommunikation, sondern kann individuell genutzt werden." (N.L. 1997) Damit differenziert Luhmann - es sei ihm ob seiner mangelnden Kenntnisse des Internet nachgesehen - natürlich nicht zwischen den vielfältigen Diensten/Anwendungsmöglichkeiten des Internet, welches sehr wohl Massenkommunikation im Sinne einer einseitigen, one-to-many orientierten Kommunikation einschließt! Diese notwendige Unterscheidung der äußerst verschiedenen Dienste im Netzverbund 'Internet' trifft jedoch Kluba (2002) und kommt zu dem Schluss, dass zumindest Teile des WWW (WorldWideWeb ≠ Internet!) als Bestandteil des Systems der Massenmedien bezeichnet werden können: So sind Online-Präsenzen von Zeitungen und Fernseh- sowie Radiostationen hinsichtlich ihrer strukturellen Einbettung leicht verständlich dem System der Massenmedien zuzuordnen. Ihre Inhalte unterliegen dem Code und den Programmen (und organisatorischen Strukturen wie z.B. Redaktionen) des Massenmediensystems.
Private Webseiten allerdings weisen in der Regel keinerlei organisatorische Struktur auf und sind daher laut Kluba nicht dem System der Massenmedien zuzuordnen. Das WWW zeichnet sich für ihn durch Offenheit für die Mitteilungen sämtlicher sozialer wie auch psychischer Systeme aus, die sich seiner als Medium 38 bedienen können.
37 Natürlich findet nach Luhmann keinerlei Vermittlung von Kommunikation statt! Übermittelt werden
höchstens Mitteilungen (in Differenz zur Information). Es ist jedoch schwer, diese Tatsache auf
sprachlicher Ebene ständig zu beachten.
38 Kluba (2002) bezeichnet das WWW (und auch das Internet) als Medium und bezieht sich dabei auf die
Luhmannsche Definition der Einrichtung zur Steigerung der Wahrscheinlichkeit von Kommunikation. Als
Heider-Medium lässt sich das WWW wohl kaum beschreiben.
24
Das technische Artefakt Computer selbst, welches ja die Grundbedingung der Existenz des Internet darstellt, ist hinsichtlich seiner medialen Qualitäten schon aus systemtheoretischer Perspektive beleuchtet worden, wenn auch nicht unbedingt ausreichend bzw. endgültig. So hat Esposito (1993) darauf aufmerksam gemacht, dass der Computer sowohl Medium als auch Maschine sei, und dies immer gleichzeitig. Kennzeichen einer Maschine sei die Nichtidentität von Input und Output, wohingegen ein Medium einen Output produzieren soll, der möglichst genau dem Input entspricht, diesen also nicht verändert!
Demnach weist der Computer eine Dualität auf, ist quasi ein Hybrid aus Maschine und Medium, da er immer Maschine bleiben wird, gleichzeitig aber als technisches Hilfsmittel der Kommunikation dienen kann:
"Der Computer könnte man sagen ist Medium und Maschine zugleich und in Bezug auf dieselben Objekte: Er verändert und verbreitet sie." (Esposito 1993:336) Allerdings wird der Absolutheit dieser Annahme hier widersprochen:
Esposito scheint nicht ausreichend zu unterscheiden zwischen dem nicht vernetzten Einzelplatzrechner und dem Rechner innerhalb eines Netzes - bzw. sie trennt nicht klar genug zwischen der Verwendung des Computers als datenverarbeitende Maschine einerseits (Input ungleich Output) und als Hilfsmittel der Kommunikation andererseits - oder auch als reines Speichermedium (Input möglichst gleich Output). Denn es ist ein eklatanter Unterschied, ob ich a) einen Text schreibe, der genau so wie er eingegeben wird auch wieder abrufbar sein soll; ob ich b) der Software SPSS 39 Daten überlasse, welche durch Kombination und mathematische Verarbeitung in andere (zusätzliche, neue) Informationen transformiert werden; ob ich c) einen Text in die Form einer E-Mail oder einer Chat-Nachricht bringe, welcher beim Gegenüber möglichst unverändert ankommen soll - oder ob ich d) gar die Rechenkapazität meines vernetzten Computers einem Programm wie SETI 40 zur Verfügung stelle, welches Daten empfängt, verarbeitet - und in verarbeiteter Form wieder sendet. All dies sind Beispiele für Anwendungsmöglichkeiten des Computers, wobei die Nutzung seines Potentials als Medium entweder gar nicht erfolgt (a und b), zum primären Zweck erhoben wird (c) oder in Gleichrangigkeit zum maschinellen Aspekt des Computers steht (d) - bzw. bliebe hier noch die Frage, ob Computer in der Lage sind, miteinander zu kommunizieren, was im Luhmannschen Sinne eigentlich ausgeschlossen werden müsste (s.u.). In den Fällen a) und b) spricht Esposito von der 'privaten Nutzung eines Kommunikationsmediums' (vgl. Esposito 1998); hier aber wird vielmehr die These
39 "SPSS bezeichnet sowohl eine Softwarefirma, die Statistik- und Analyse-Software entwickelt und
vertreibt, als auch deren wichtigstes Produkt." Wikipedia
40 Das SETI-Institut (Search for Extraterrestrial Intelligence) ist auf der Suche nach intelligentem
außerirdischem Leben. Daten von Radioteleskopen werden in kleine Päckchen zerteilt, an einzelne PC-Besitzer verschickt, dort im Hintergrund anderer Anwendungen analysiert und die Analyseergebnisse
zurückgesandt.
25
vertreten, dass in diesem Fall lediglich eine Maschine benutzt wird (im Endeffekt nicht mehr als ein besserer Taschenrechner), deren u.U. vorhandene mediale Fähigkeiten in diesem Moment völlig irrelevant sind!
Weiterhin würden - so Esposito - durch ständige, nutzungsabhängige Neuverknüpfungen im Hypertext des WWW (Linken) Outputs produziert, die mit dem ursprünglichen Input kaum noch in Einklang gebracht werden könnten. Sicherlich ist hier die Abkoppelung des Textes vom Kontext der Textproduktion auf die Spitze getrieben, doch auch ein herkömmlicher analoger Zettelkasten wie der Niklas Luhmanns birgt im Prinzip die gleichen Mechanismen, nur auf langsamere, umständlichere, analoge Weise. Daher wird hier dieser Aussage zumindest mit Skepsis begegnet. 41
Ausgeschlossen werden muss auch unbedingt der Computer selbst als möglicher Kommunikationspartner, auch wenn Esposito (1993:340) diesen als nicht-triviale Maschine im Sinne von Foersters (in Anlehnung an Turing) beschreibt. Kommunikation im Luhmannschen Verständnis kommt erst zustande, wenn ein System die Differenz aus Information und Mitteilung wahrnimmt, also Verstehen stattfindet. Ein Computer kennt keine Mitteilungen sondern nur Informationen - darüberhinaus kann er keine Differenz von Mitteilung und Information feststellen, da er sich dazu einer vorliegenden (doppelten) Kontingenz bewusst sein müsste - diese liegt aber (erstens) eben gerade nicht vor. Zweitens kann ein Computer auch kein Bewusstsein besitzen, und er ist (deswegen) auch nicht fähig, sich selbst von anderem zu unterscheiden. Da nun aber der Computer eine derart komplizierte Maschine ist (kompliziert - aber nicht unbedingt komplex), dass dem durchschnittlichen User aus fehlender Fachkenntnis die absolute Determiniertheit seiner Operationen verborgen bleibt, erscheint der Computer oft als irgendwie an der Kommunikation beteiligt. Die Prozesse, welche vom Input zum Output führen sind zwar allesamt berechenbar, jedoch nicht unmittelbar nachzuvollziehen. Daher nimmt der Computer in der Alltagswahrnehmung oft die Rolle eines Kommunikationspartners an, der er im systemtheoretischen Verständnis keineswegs sein kann. Esposito führt, um diesem Phänomen gerecht zu werden den Begriff der "virtuellen Kontingenz" ein (vgl. Esposito 1993, 1998): "Doppelte Kontingenz gibt es im Verhältnis zur Maschine nicht, aber die Maschine produziert eine fingierte Kontingenz, indem sie auf die kontingenten Reaktionen des Benutzers reagiert." (Esposito 1998) Der Computer und seine weltweite Vernetzung in Form des Internet bleibt aus sowohl medientheoretischer sowie systemtheoretischer Sicht spannend, kann aber hier nicht weiter analysiert werden, insbesondere, da ja zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht einmal geklärt scheint, in welcher Form er unter welcher Definition als Medium zu betrachten ist.
41 Esposito selbst verweist in einem Interview (1998) darauf, das 'Neue' an den 'Neuen Medien' sei im
allgemeinen Überbewertet: "Ich denke, kein Leser ist je so passiv gewesen, und keiner hat je ein Telefon-
oder ein Wörterbuch von Anfang bis Ende gelesen. Jeder Leser eines Buches war und ist mindestens so
frei, wie es die heutigen Benutzer von Hypertexten sind."
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2.8 Massenmedien
„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“ (NL 1996:9)
Mit diesem absolut formulierten und provokanten Satz beginnt Niklas Luhmann seine Abhandlung über "Die Realität der Massenmedien". Provokant deshalb, weil er die erschreckende Frage danach aufwirft, ob denn all das, was wir (konstruierten) Menschen außerhalb der Massenmedien wahrnehmen, nun gar nicht mehr zähle, bloß weil wir gelegentlich Zeitung lesen oder den Fernseher einschalten.
Glücklicherweise kann man mit einem anderen Zitat Luhmanns aufwarten, welches die Absolutheit der obigen Aussage beruhigend relativiert: „[…] natürlich bleibt ausgenommen, dass ich weiß, ob ich meine Blumen begossen habe oder nicht. Das kann ich ja nicht im Fernsehen oder in den Zeitungen lesen. Also, es gibt so eine Nahwelt, die sich verfranst mit dem, was man dann über die Massenmedien kennt.“ (NL auf Radio Bremen 1997)
Was Luhmann ausdrücken möchte, ist wohl eher die Tatsache, dass Massenmedien in der heutigen, komplexen weil funktional differenzierten (Welt-)Gesellschaft 42 als Produzent von Schemata zur Realitätskonstruktion dienen (müssen) - und demnach als Instrument der Selbstbeobachtung und -beschreibung von Gesellschaft.
Eine Beschreibung der hochkomplex gewordenen Weltgesellschaft stellt für jedes kognitive System eine völlige Überforderung dar, so dass diese Aufgabe irgendwo anders erfüllt werden muss, um Stabilität in einer globalen, stark differenzierten und spezialisierten Gesellschaft zu garantieren, ja um Existenz des Systems überhaupt zu gewährleisten. Denn eine Unterscheidung des komplexen Gesellschaftssystems von seiner Umwelt stellt die Definition des Systems dar, und diese Unterscheidung kann nur mit Hilfe von Selbstbeobachtungen erfolgen. Die Aufgabe der Selbstbeobachtung in der modernen Gesellschaft kommt dem Funktionssystem der Massenmedien zu.
Massenmedien werden von Luhmann definiert als "alle Einrichtungen der Gesellschaft, die sich zur Verbreitung technischer Mittel der Vervielfältigung bedienen." (NL 1996:10) Explizit werden die Druckpresse sowie photographische oder elektronische Kopierverfahren als auch Funk erwähnt. Diese - von Niels Werber (1997) als 'sparsam' bezeichnete Aufzählung (Kabel und Satelliten z.B. fehlen) - zeigt an, dass für Luhmann nicht die verwendeten Techniken entscheidend sind sondern ausschließlich das Fehlen von Interaktion unter Anwesenden. Das Kino wird demnach zum Massenmedium, das Theater jedoch mangels technischer Vermittlung nicht (natürlich könnte man
42 "Die Bestimmung der Gesellschaft als das umfassende Sozialsystem hat zur Konsequenz, daß es für alle
anschlußfähige Kommunikation nur ein einziges Gesellschaftssystem geben kann." (NL 1998:145)
Mehrere Gesellschaftssysteme könnten nach Luhmann nur existieren, wenn kommunikative Kontakte
(die ja operative Kontakte darstellten) zwischen ihnen unmöglich wären. vgl. auch NL 1998:78 sowie
1984:557
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zusätzlich diskutieren, ob im Theater unabhängig von nicht verwendeter Technik von Interaktion zu sprechen ist oder nicht). Eine Anwendung des Modells der Heidermedien erfolgt interessanterweise nicht. Gleichzeitig ist es das erste Mal, dass in der Luhmannschen Medienlandschaft Medien in den Status eines Systems erhoben werden. (Massen-)Medien sind in der modernen Gesellschaft allgegenwärtig: "Medien beobachten scheinbar alles und überall, sie beobachten, dass sie beobachten und wie sie beobachten, und sie beobachten sich gegenseitig beim Beobachten." (Schmidt 1998:68) Eine kulturkritische Position ginge ob dieser Allgegenwart grundsätzlich von Manipulation aus: "Ein unmanipuliertes Schreiben, Filmen und Senden gibt es nicht. Die Frage ist daher nicht, ob die Medien manipuliert werden oder nicht, sondern wer sie manipuliert" (Enzensberger 2004 [1970]:271) Luhmanns Perspektive auf die Massenmedien jedoch fragt nicht danach, ob und inwiefern das System der Massenmedien eine wie auch immer geartete Realität manipuliert oder ‚verzerrt’; seine Fragestellung lautet: Welche Gesellschaft entsteht, wenn sie sich selbst ständig auf diese Weise beobachtet?
Der Code, anhand dessen das System Massenmedien operiert, also unterscheidet, ist nach Luhmann Information/Nicht-Information. Da jede publizierte Information automatisch zu Nicht-Information wird (s.o.), muss das System selbst Informationen generieren, um die für autopoietische Operationen (Kommunikationen) notwendigen Informationen jederzeit zu gewährleisten. Hierin liegt eine gewisse Selbstbezüglichkeit: Natürlich greift das System Irritationen aus der Umwelt - also anderen Systemen wie Wirtschaft und Politik - auf und macht diese über die Anwendung des eigenen Codes zu Elementen seiner selbst (zu Kommunikationen innerhalb des Systems der Massenmedien). Zusätzlich wird jedoch auch immer wieder an bereits erfolgte Kommunikationen angeknüpft: Einzelne Nachrichten werden zu Berichten zusammengefasst; Äußerungen von Personen innerhalb der Massenmedien werden erneut aufgegriffen und von anderen Personen kommentiert usw.
Luhmann begibt sich in die Rolle eines Beobachters zweiter Ordnung: Er beobachtet, wie Massenmedien Realität beobachten. Dabei kommt es zu einer Verdoppelung von Realität. Die erste Ebene ist die operative Ebene des Systems der Massenmedien: "Es wird gedruckt und gefunkt. Es wird gelesen. Sendungen werden empfangen." (NL 1998:12f) Wobei das Mitteilungshandeln allein (drucken, funken, senden) noch keine Kommunikation darstellt; diese kommt erst zustande, wenn jemand "sieht, hört, liest - und soweit versteht, daß eine weitere Kommunikation anschließen kann." (NL1996:14).
Die zweite Ebene der Realität liegt in dem, was für die Massenmedien oder durch sie für andere als Realität erscheint. (vgl. ebd.) Um sich dieser zu nähern, ist es eben notwendig, das Beobachten der Massenmedien wiederum zu beobachten. Hierbei kann aufgrund der Flut an
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Kommunikationen nicht jede einzelne auf Wahrheitsgehalt überprüft werden - der Manipulationsverdacht bleibt latent vorhanden und kann letztendlich nie gänzlich ausgeräumt werden. Die einzige Möglichkeit einer 'Überprüfung' bleibt der Vergleich der eigenen Konstruktion mit der der Massenmedien (vgl. ebd.:20). Manipulationsvorwürfe sind für Luhmann folgenlose Privatmeinungen. Diese können vom System zwar thematisiert werden, aber lediglich so, wie auch alle anderen Irritationen zu Informationen verarbeitet werden. Der Konstruktionsmodus selbst ist bedingt durch die operative Schließung des Systems und liegt in seinen Strukturen, seinem Code und seinen Programmen begründet.
An der Realitätskonstruktion können trotz operativer Geschlossenheit durchaus andere Systeme beteiligt sein - jedoch nur mittelbar: So hat z.B. das amerikanische Militär 43 durch erfolgreiche Zensur also Auswahl der Informationen, an der Konstruktion des Bildes vom letzten Golfkrieg entscheidend mitgewirkt. Das heißt keinesfalls, dass die Umwelt des Massenmediensystems in der Lage wäre, in die Operationen des Systems einzugreifen; jedoch können die Massenmedien lediglich die Irritationen als Informationen verarbeiten, die ihm auch zugefügt werden. Eine vollständige Nachrichtensperre des Militärs hätte in den Massenmedien diese ebenso zur Information gemacht, wie es die tatsächlich erfolgte Informationspolitik wurde. Die Entscheidung des Militärs, nur bestimmte Vertreter der Medien nur ausgewählte Schauplätze und Geschehnisse zeigen zu lassen, wirkte sich demnach auf die dem Massenmediensystem potentiell zur Verfügung stehenden Irritationen aus, nicht jedoch darauf, wie diese vom System operativ gehandhabt wurden.
Kennzeichen von Massenmedien ist für Luhmann zum einen die große Zahl an Kommunikationsofferten und zum anderen der zum Zeitpunkt der Produktion noch unbestimmte Adressatenkreis sowie die bereits erwähnte Zwischenschaltung von Technik, welche eine Interaktion unter Anwesenden ausschließt. Nach Luhmann bewirkt erst die maschinelle Herstellung eines Mitteilungen enthaltenden Produktes die Ausdifferenzierung des Systems der Massenmedien. Am Anfang dessen stand der Buchdruck. Durch das große, nicht näher definerte (disperse) Publikum und die Masse der Kommunikationsofferten kommt es zu einem Überschuss an Kommunikationsmöglichkeiten und damit zu Kontingenz. Diese wiederum führt zu Selektionszwang.
Luhmann nennt zwei grundlegende Selektoren: 1. Die Sendebereitschaft eines Senders und 2. das Einschaltinteresse der potentiellen Empfänger.
43 Es gibt Bestrebungen, das Militär als gesellschaftliches Funktionssystem einzuführen. Meist wird es
jedoch als Teil des Politischen Systems gehandelt.
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Da letztgenannte unbestimmt sind, kann der Sender lediglich Vermutungen über die empfängerseitige Akzeptanz der angebotenen Inhalte anstellen. So müssen die Massenmedien ihre Produkte so gestalten, wie sie vermutlich vom Publikum akzeptiert, also gelesen, gesehen, gehört werden. Dies resultiert einerseits in Standardisierung, andererseits jedoch auch in Differenzierung der massenmedialen Kommunikationsofferten. Folgt man Luhmann, so kommt die auf solche Art standardisierte Kommunikation bei Nichtakzeptanz durch einen Teil der Empfänger nicht gleich zum Erliegen, da sie nicht in direkte Interaktion und deren Zwänge eingebunden ist. Die Kommunikation sucht sich ihre Empfänger, d.h. die einzelne Person kann sich aus dem Kommunikationsangebot auswählen, was sie aus irgendwelchen Gründen aufnehmen zu müssen glaubt. Erfolg oder Misserfolg von Kommunikation kann jedoch nur noch quantitativ ermittelt werden über Auflagen und Einschaltquoten, nicht jedoch über rückläufige Kommunikation, bzw. findet diese nur in begrenztem Umfang statt in Form von z.B. Leserbriefen oder Anrufen. Die Sicherstellung von Anschlusskommunikation (das 'im Gespräch bleiben') ist die wichtigste Aufgabenstellung des Systems an sich selbst. Die systeminterne Kommunikation wird sich daher damit befassen, welche Chance bestimmte Inhalte haben könnten, beim Publikum auf Interesse zu stoßen, um das Funktionieren (die Funktion) des Systems sicherzustellen. Funktionen sind also auf der selbstreferentiellen Seite des Systems zu verorten, Themen hingegen auf Seite der Fremdreferenz; sie dienen der Kopplung des Systems an andere gesellschaftliche Bereiche. Über die Reproduktion der Systemgrenze anhand der Unterscheidung Selbstreferenz/Fremdreferenz wird die weitere Existenz des Systems gewährleistet.
Damit ist das selbstgesteckte Ziel der Massenmedien keineswegs, der Menschheit die Welt zu zeigen und zu erklären, auch wenn es sich selbst so beschreibt. Es geht lediglich darum, Anschlusskommunikation herzustellen und die Reproduktion der System-Umwelt-Differenz zu sichern.
Die System-Umwelt Differenz bzw. Unterscheidung ist nicht gleichzusetzen mit der Unterscheidung Information/Nicht-Information, mit welcher der Systemcode operiert. Die Code-Differenz stellt eine 'innere Grenze' dar und steht laut Luhmann orthogonal zur System-Umwelt-Differenz (vgl. NL 1996:36). In der oben bereits erwähnten Veraltung des Systems durch Vernichtung von Informationen sieht Luhmann einen Entstehungsgrund für das Vergangenheits-Zukunfts-Schema unserer modernen Gesellschaft. Massenmedien erzeugen Unruhe und Irritierbarkeit in der Gesellschaft; so sehr, dass Irritationen bzw. Überraschungen erwartbar werden, was zum Selbsterhalt des Systems beiträgt (vgl. weiter oben 'dynamische Stabilität'). Prinzipiell ist jeder Sachverhalt für ein Aufgreifen durch das System der Massenmedien geeignet und kann als Information behandelt werden - selbst die Kennzeichnung eines Sachverhaltes als Nichtinformation. Somit ist sogar Nichtinformation Information, was der Sammlung an Paradoxien
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in der Systemtheorie eine weitere hinzufügt. Jedoch ist nicht völlig kontingent, was als Information gebracht werden und damit überraschen kann: Die vorangegangenen Kommunikationen strukturieren den Möglichkeitsraum der folgenden.
Luhmann nennt verschiedene Möglichkeitsräume, die im Alltagssprachgebrauch wohl als Rubriken oder Ressorts bezeichnet würden: So z.B. Feuilleton, Sport, (Innen-/Außen-) Politik. Für Luhmann existiert demnach eine doppelstufige Selektion: zum einen die Selektion des Ressorts (Möglichkeitsraumes), zum anderen die Selektion der einzelnen Information. (vgl. NL 1996:38) Weiterhin macht Luhmann drei Programmbereiche ausfindig, die je eigene Eigenschaften mit sich bringen: Unterhaltung, Nachrichten und Berichte sowie Werbung. Diese Programmbereiche sind jedoch nicht als Subsysteme zu betrachten; sie arbeiten alle mit dem Code Information/Nicht-Information.
2.8.1 Nachrichten und Berichte
Der Programmbereich Nachrichten und Berichte zeigt von allen dreien am deutlichsten die Behandlung von Informationen als Neuigkeiten. "In diesem Bereich verbreiten die Massenmedien Ignoranz in der Form von Tatsachen, die ständig erneuert werden müssen, damit man es nicht merkt." (NL 1996:53)
Tägliche Nachrichten mit einem gewissen Überraschungswert gehören in der modernen Gesellschaft zur Normalität. Luhmann weist darauf hin, dass dies eigentlich in den Bereich extremer Unwahrscheinlichkeit fällt und daher die Gründung eines Medienunternehmens (zumindest im 16. Jahrhundert) ein immenses Risiko darstellte, da man ja nicht wissen kann, ob nächste Woche überhaupt genug passiert, was man berichten könnte. Der Bereich Nachrichten und Berichte hat am stärksten den latent immer vorhandenen Manipulationsverdacht auszuräumen, damit Glaubwürdigkeit in Bezug auf die angebotene Realitätskonstruktion gewährleistet ist. Falschmeldungen (ob beabsichtigt oder nicht) sind nie auszuschließen, dürfen jedoch nicht zur Regel werden, da ansonsten die Annahmebereitschaft der potentiellen Rezipienten eklatant sinken würde. Das eigentliche Problem liegt für Luhmann aber nicht in möglicherweise vorkommenden Falschmeldungen sondern in der Selektivität der Berichterstattung, welche durch Programme geregelt ist und dafür sorgen soll, dass die Annahmebereitschaft eben gerade nicht sinkt. Luhmann nennt folgende zehn Selektoren, die darüber entscheiden, ob eine Information publiziert wird oder nicht:
1. "Die Information muß neu sein." (ebd.: 58) Wiederholungen interessieren nicht. Katastrophen sind immer einmalig; Sport und Börse produzieren grundsätzlich Neues. 2. Konflikte werden bevorzugt! Sie enthalten eine gewisse Unsicherheit und damit Informationsbedarf für die Zukunft. (vgl. ebd.:59)
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3. Quantitäten werden bevorzugt: Zahlenwerte sind immer neu, da sie sich von anderen Zahlen unterscheiden. Hierbei ist nicht unbedingt wichtig, ob der Rezipient mit der Zahl (Arbeitslose, Bruttosozialprodukt, Unfallopfer, Rentenbeiträge) überhaupt etwas anfangen kann. Hauptsache sie ist neu und damit different zu einer anderen Zahl. (vgl. ebd.) 4. Lokaler Bezug. Die nähere Umgebung ist für Menschen immer interessanter als Nachrichten aus entfernten Teilen der Welt. In Kleinstädten ist der berühmte Hundebiss bereits informativ, in einer Großstadt müsste schon ein Hund ein Baby fressen, damit dies publiziert würde. (vgl. ebd. 60f.)
5. Normverstöße sind interessanter als die Einhaltung der Norm. Ein korrekt gekleideter Herr in der Fußgängerzone wird keine Aufmerksamkeit erregen, ein nackter sehr wohl. Da am Normverstoß die Norm eigentlich erst sichtbar wird, kann über Normverstöße ein Gefühl der gemeinsamen Betroffenheit erzeugt werden. (vgl. ebd: 61ff.)
6. Normverstöße wirken umso interessanter, wenn ihnen moralische Wertungen beigemischt werden können. Luhmann sieht hierin die Funktion der Reproduktion gesellschaftlicher Moralvorstellungen, welche anhand von 'Skandalen' transportiert werden. Es kommt nach Luhmann beim Rezipienten jedoch nicht zu einer direkten Identifikation mit der moralischen oder unmoralischen Seite einer Handlung; dieser bleibt Beobachter. (vgl. ebd.: 64f.) 7. Zurechnung auf Personen: Medien bevorzugen Zurechnungen auf Handelnde, so daß auch (un-)moralische Handlungen Personen zugeschrieben werden können. Komplexe Kontexte werden dabei ausgeblendet. (vgl. ebd.: 65f.)
8. Aktualität und Rekursivität: Meldungen müssen aktuell sein, was zu einer Konzentration auf Einzelereignisse führt. Zu einem späteren Zeitpunkt kann auf die bereits gemeldeten Nachrichten ein Rückbezug erfolgen, indem z.B. ein narrativer Kontext konstruiert wird. Die bezüglich ihres Informationswertes bereits verbrauchte Nachricht wird dabei als Schlüsselereignis herangezogen. So kann die aktuelle Nachricht über eine Massencaramboulage des vergangenen Tages noch Monate später aufgegriffen werden in Form eines aktuellen Berichts über gestiegene Unfallzahlen in der 'letzten Zeit'. 9. Äußerung von Meinungen: Die Massenmedien erzeugen auch selbst Nachrichten, indem sie sich in sich selbst spiegeln. Ereignisse außerhalb des Systems der Massenmedien werden in ihm thematisiert und die Äußerungen von (prominenten) Personen zu diesen Themen werden wiederum zum Thema. Diese rekursive Schleife kann relativ lange anhalten, bis sich das vermutete Interesse erschöpft hat oder das Thema durch ein anderes verdrängt wird. 10. Routinen: Zusätzlich zu den genannten Faktoren der Selektivität wirken Routinen in der Auswahl und Aufbereitung von Nachrichten, die sich aus einem organisationellen Kontext ergeben. So sind z.B. verfügbare Zeit (beim Radio oder Fernsehen) oder verfügbarer Platz
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(auf einer Zeitungs-Seite) denkbar banale aber ausgesprochen wirksame Selektoren bei der Nachrichtenauswahl. Wenn dieser Faktor institutionalisiert wird, kann das interessante Blüten treiben. Ein Beispiel: Anzeigenredaktion und Textredaktion sind in nahezu allen Tageszeitungen voneinander getrennt. Beim Korrekturlesen erhalten die Lektoren Exemplare, in denen die Anzeigen nur als Kästchen ohne Inhalt abgebildet sind. So ist der Kontext, in dem eine Anzeige erscheint, für den Lektor nicht ersichtlich, und es können Peinlichkeiten entstehen wie der Slogan eines Energieversorgers "Wir sorgen schon heute für das Gas von morgen!" direkt unter einem Artikel über ein Konzentrationslager. 44 Die genannten Selektoren wirken bei der Produktion von Tagesnachrichten, deren Neuigkeitswert aus der gleichmäßig fließenden Zeit erwächst. Berichte hingegen schöpfen ihren Nachrichten/Neuigkeitswert aus dem vermuteten Wissensstand des Publikums oder Teile dessen. (vgl. ebd.:72) Luhmann weist auf eine zunehmende Vermischung der beiden Nachrichtenformate hin, deren Grund er in der elektronischen Speicherbarkeit von Informationen sieht. Diese können dadurch sehr einfach erneut abgerufen und rekontextuiert werden, um sie in die Form von Berichten zu bringen.
Nachrichten und Berichte stellen eine strukturelle Kopplung mit dem Bereich der Politik ein
2.8.2 Werbung
Werbung wird von Luhmann als ein rätselhaftes Phänomen bezeichnet und das entsprechende Unterkapitel mit folgendem Zitat eingeleitet:
"Wie können gut situierte Mitglieder der Gesellschaft so dumm sein, viel Geld für Werbung auszugeben, um sich ihren Glauben an die Dummheit anderer zu bestätigen?" (NL 1996:85) Werbung deklariert klar ihre Motive. Sie versucht, zu beeinflussen und setzt voraus, dass dies allgemein bekannt ist. Allerdings verschleiert sie dabei oft ihre Mittel, mit denen sie Beeinflussung zu erreichen sucht. Waren in den 50er und 60er Jahren noch die informative Beschreibung des Produktes und seines Preises (in Relation zur überragenden Leistung) beobachtbare Taktik der Werbung, so ist es heute anders bestellt. Es wird subtiler geworben, psychologische Kenntnisse werden herangezogen, um die allzu kritische, kognitive Ebene zu umschiffen, ohne dass dies offen zutage tritt. So wird mit dem schönen Schein gearbeitet, der dem Zuschauer einen Zusammenhang zwischen Produkt und Lebensstil suggerieren soll. Erfolg im Berufs-und Liebesleben, Schönheit, Lässigkeit, Coolness, Schläue, Freiheit usw. sind Attribute, die jeder gerne auf sich beziehen möchte und die in die Rollen der Personen in der Werbung eingeflochten werden. Auf einmal sollen neue Autos in der Lage sein, komplette Leben zu verändern. Wer beim
44 So geschehen im Januar 2006 in der “Landeszeitung für die Lüneburger Heide” unter einem Artikel mit
dem Titel “Von Lüneburg nach Auschwitz”.
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falschen Elektronikmarkt kauft ist "blöd" - und das Ausgeben von Geld beim Kauf eines ja ach so billigen Produktes wird ob seinens Preises durch die Werbung gar zum "Sparen" umgedeutet. Hierbei ist die Erinnerung des Produktes, seines Namens, des dazugehörigen Slogans und des Images der angestrebte Erfolg von Werbung. Maximiert wird dieser, kommt es zu einer Übertragung des Slogans oder Produktnamens in die Alltagssprachlichkeit: So ist der Werbespruch "Persil bleibt Persil" für die Entstehung des Wortes "Persilschein" verantwortlich. Ebenso sind Slogans wie: "Willst du viel, spül mit Pril", "SPIEGEL-Leser wissen mehr", "BILD Dir Deine Meinung", "Waschmaschinen leben länger mit Calgon", "die längste Praline der Welt" u.v.m. mittlerweile derart gängig, dass sie problemlos in Alltagskommunikation eingeflochten werden können. Selbst ein in Ostdeutschland meist 'Zellstoff' genanntes Papierttaschentuch avancierte im kapitalistischen Westen schnell zum 'Tempo'. Das ständige Erinnern dieser Slogans und Produktnamen bzw. -eigenschaften leistet einen nicht unerheblichen Beitrag zur Konstruktion von Welt.
Weiterhin sieht Luhmann in Werbung die Funktion der Generierung von Geschmack. War in vormodernen Gesellschaften Geschmack an soziale Schichtung gekoppelt, so ist dies in der modernen Gesellschaft weniger der Fall, bzw. ist hier durch die Möglichkeit raschen Aufstiegs und ungeregelter Heiratspraxis in der Oberschicht ein Nachholbedarf vorhanden. (vgl. ebd.: 89) Anders ausgedrückt: Werbung versorgt den Konsumenten mit Selektionssicherheit und stabilisiert damit das Verhältnis von Redundanz und Varietät in der Alltagskultur. Der Programmbereich der Werbung repräsentiert die strukturelle Kopplung zwischen System der Massenmedien und Wirtschaftssystem, indem er seine Themen (Produktbeschreibungen) aus diesem bezieht.
2.8.3 Unterhaltung
Dem Programmbereich der Unterhaltung schreibt Luhmann neben der grundsätzlichen Aufgabe der Realitätskonstruktion auch die Funktion zu, als Komponente der Freizeitkultur "überflüssige Zeit zu vernichten." (NL 1996:96)
In ihr wird offen eine fiktive Realität konstruiert, welche neben der realen Realität existiert und an der man sich für die Dauer des Zuschauens zumindest passiv beteiligen kann. Luhmann sieht Unterhaltung als eine Sonderform des (Sozial-)Spiels an. Der Unterschied zum Spiel ist, dass es zur Teilhabe keiner besonderer Regeln bedarf, bis auf die, sich auf die angebotene Realitätskonstruktion einzulassen. In Spielen nehmen die Beteiligten bestimmte Rollen ein und haben mit diesen verknüpfte Aufgaben unter Beachtung von Spielregeln zu erfüllen. Währenddessen verschwindet die 'reale Realität' nicht sondern existiert parallel zur Realität des Spieles. Ebenso ist es bei der Unterhaltung, welche jedoch kein Sozialverhalten zu koordinieren
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hat und daher eben gerade keine Spielregeln benötigt. Benötigt werden jedoch Informationen - im Sinne eines Unterschiedes, der einen Unterschied macht (vgl. ebd.:100) -, welche in rekursiver Vernetzung mit anderen Informationen eine "eigene Plausibilität" (ebd.:101) erzeugen, welche die ebenfalls selbsterzeugte Ungewissheit bezüglich des Handlungsfortganges auflösen. Innerhalb der fiktiven Realität müssen genug Elemente vorhanden sein, die den Zuschauern aus der 'realen Realität' bekannt sind, damit sie dem fiktiven Handlungsgeschehen folgen können. Gleichzeitig jedoch muss Unterscheidbarkeit der beiden Realitätsebenen gewährleistet sein. Dieses 'Unterscheidenkönnen' musste sich nach Luhmann historisch erst entwickeln, so dass in frühen Theateraufführungen das Publikum darauf hingewisen werden musste, dass den Akteuren auf der Bühne kein tatsächliches Leid geschieht. Erst in einer Kultur, die mit dem "Unterschied von Anschein und Wirklichkeit" rechnet (vgl. ebd:103) kann dann Unterhaltung in der beschriebenen Form funktionieren. Der frühe moderne Roman "Robinson Crusoe" (Daniel Defoe), besteht noch aus Elementen, die man sonst dem Bereich Nachrichten und Berichte zuordnen würde. Erst mit dem Buchdruck war der Weg frei für eine völlig neue Präsentation von Realität: Es erfolgte der Übergang von der Behauptung von Tatsachen (Nachrichten) zur offen fiktionalen Erzählung mit ausreichend wiedererkennbaren Elementen aus der "realen Realität". Unterhaltung hat nur dann Erfolg, wenn sie in hohem Maße auf vorhandenes Wissen Bezug nimmt und darauf ihre Fiktion aufbaut. Dem Zuschauer wird die Beobachterrolle überlassen, ohne dass er sich selbst diese fiktive Realität zumuten muss. Selbst moderne Talkshows, in denen relativ offenkundig Personen nur vorgeben, über ihre eigene Realität zu sprechen, in Wahrheit jedoch für ihre fiktive Erzählung bezahlt werden, scheinen vom Publikum anstandslos akzeptiert zu werden. Solange der 'Betrug' nicht zu offensichtlich wird ist das Publikum geneigt, in der dargebotenen Realität Anknüpfungspunkte an ihre eigene zu finden.
Die eigentliche Wirkung von Unterhaltung liegt aber nicht in der reinen Analogiebildung in Aufforderung zur Nachahmung sondern im Lernprozess des Beobachtens des eigenen Beobachtens, welches durch die Unterscheidung Fiktion/Realität geübt wird. Diese Reflektion bietet die Möglichkeit zur Selbstverortung in der Welt und der eigenen Identifizierung als Individuum.
Unterhaltung ist für Luhmann der Bereich, in dem die Massenmedien eine strukturelle Kopplung mit dem Funktionssystem der Kunst eingehen, wobei die Unterhaltung die Kunst jedoch trivialisiere.
2.8.4 Überschneidungen der Bereiche
Betrachtet man das tatsächlich gebotene Fernsehprogramm, so wird man feststellen, dass eine immer stärkere Durchmischung der einzelnen Programmbereiche stattfindet: So gibt es z.B. Werbungen, die die Form von Nachrichten nachahmen, ebenso wie Nachrichtensendungen, die
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einen gewissen Unterhaltungswert haben (z.B. das Magazin Polylux, Stichwort: Infotainment). Weiterhin ist beispielsweise im Sport, welcher hauptsächlich der Unterhaltung zuzuordnen ist, eine starke Durchmischung mit Werbung zu beobachten. Luhmann jedoch geht davon aus, dass Rezipienten prinzipiell die verschiedenen Programmbereiche unterscheiden können
Insgesamt bestehe die Funktion der drei Programmbereiche darin, Vorraussetzungen für Anschlusskommunikation zu schaffen, die nicht eigens mitkommuniziert werden müssen. Somit konstruiert das Massenmediensystem über Informiertsein, Kultiviertsein und vermittelte Werte eine Hintergrundrealität, von der man sich mit jedoch eigenen Meinungen und Interpretationen bis hin zu Provokationen abheben kann. Die Funktion der Ausdifferenziertheit der drei Programmbereiche sieht Luhmann darin, dass psychische Systeme ihre spezifische Komplexität (Individualmotive) für den Aufbau der Komplexität das Mediensystems (der Programmbereiche) zur Verfügung stellen. Umgekehrt baut das Mediensystem die Komplexität psychischer Systeme aus - und zwar durch "Charakterisierung", durch Entwicklung und Konstruktion differenzierter Motivlagen. Das heisst: Nachrichten und Berichte setzen Individuen als kognitiv interessierte, zur Kenntnis nehmende Beobachter voraus, bei Werbung werden wiederum Individuen als nutzenkalkulierende Wesen vorausgesetzt, und Unterhaltung geht von Individuen mit Bedarf für Verdrängung, für Unbewusstheit, für Latenz aus.
Massenmedien erfüllen die Funktion eines gesellschaftlichen Gedächtnisses, welches Individuen zu zielgerichtetem Handeln benötigen und welches Verstehen ermöglicht, ohne dass grundlegende Dinge in der Realitätskonstruktion ständig neu verhandelt werden müssen. Massenmedien erzeugen demnach eine gesellschaftsweit akzeptierte, allen Individuen bekannte Gegenwart.
In der durch Massenmedien erzeugten Konstruktion liegt durch oben genannte Selektionsfaktoren allerdings eine Tendenz zur Darstellung von Konflikt und Diskontinuität vor; Kontinuität und Konsens werden ausgeblendet. Dies jedoch, so Luhmann, sei gerade notwendig, da Dissens und Diskontinuität im Gegensatz zu ihrem Gegenteil Anschlusskommunikation erwartbar machen! Und dies allein ist der Anspruch des Systems an sich selbst.
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3. Die Medientheorie Marshall McLuhans
Im Folgenden werden kurz die Hauptthesen von Marshall McLuhan bezüglich der Eigenschaften von Medien beschrieben.
McLuhan wurde und wird seit dem Erscheinen seines Buches "The Medium is the massage" (1967) viel zitiert und in der amerikanischen und kanadischen Welt teilweise zum Propheten stilisiert. Im deutschsprachigen Raum jedoch, der von den marxistisch inspirierten Kulturkritikern um Enzensberger beherrscht wurde, erfolgte die Auseinandersetzung mit McLuhans Werk nicht selten in Form harscher Kritik, bis in den 80er Jahren durch eine gewisse Distanz McLuhan auch in Deutschland als bedeutender Medientheoretiker anerkannt wurde.
Seitens der Frankfurter Schule wurde ihm Unwissenschaftlichkeit vorgeworfen. Enzensberger bezeichnete ihn als ahnungslos und apolitisch, er verramsche den Klassenkampf und sei zu keiner Theoriebildung fähig. (vgl. Enzensberger 1970:177f.)
Dies verwundert nicht, sofern man in Betracht zieht, dass die kulturkritische Position in seinen Äußerungen einen politischen Gegner sehen musste, der offenkundig ohne politisches Bewusstsein (oder mit politischer Ignoranz) keinerlei kritische Position gegenüber dem Kapitalismus einnahm. Doch auch, wenn McLuhan kein Marxist war, so war er ganz genauso wenig ein begeisterter Anhänger des Kapitalismus. Seine Theoriebildung ist schlicht von einem unpolitischen Standpunkt aus erfolgt.
McLuhan hegte eine gewisse Begeisterung für vorindustrielle Gesellschaften wie Mittelalter und Antike, da diese seines Erachtens durch ausgewogenen Mediengebrauch weniger eingleisige Weltwahrnehmung mit sich brachten. Insbesondere jedoch McLuhans überschätzend optimistische Einschätzung des Potentials elektronischer Medien wie des Fernsehens hinsichtlich aktiver politischer Partizipation konnte aus kulturkritischer Perspektive nur mit großer Skepsis bzw. Ablehnung betrachtet werden.
3.1 "The medium is the massage"
Wer zum ersten Mal McLuhans Buch mit obenstehendem Titel in der Hand hält, wird sich über die offenkundig 'falsche' Schreibweise des Wortes 'message' (Botschaft) wundern, welche die Bedeutung des Satzes ändert: "Das Medium ist Massage". Dies ist allerdings beiweitem nicht als Schreibfehler zu interpretieren, sondern ist absichtlicher Ausdruck eines McLuhanschen Grundgedankens: Medien haben einen 'massierenden' Einfluss auf den Menschen, da sie auf jeden Teil von ihm einwirken. Jede Ebene des gesellschaftlichen Gefüges, sei es die persönliche, politische, ökonomische, ästhetische, psychologische, moralische, ethische oder eben soziale Ebene wird von der Wirkung der Medien berührt und strukturiert. Medien sind demnach gleichsam als Umwelten des Menschen zu betrachten; nach McLuhan liest der Leser einer Zeitung diese
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weniger, als dass er in sie hineinsteigt, wie in ein warmes Bad. Medien umgeben uns wie eine zweite Haut und sind daher bei jeder Analyse sozialer und kultureller Wandlungen unbedingt einzubeziehen.
Für McLuhan ist das Wesentliche eines Mediums in seiner Form zu suchen und nicht in einem wie auch immer gearteten Inhalt. Es gilt nicht, irgendeine inhaltliche Botschaft zu entschlüsseln, sondern die aus dem Medium heraus entstehende Wirkung zu analysieren. Veränderungen in der Medienlandschaft gelten für ihn als wesentliche Ursache sozialer Veränderungen, damit räumt er Medien eine enorme Macht gegenüber dem Menschen ein. "Denn die "Botschaft" jedes Mediums oder jeder Technik ist die Veränderung des Maßstabs, Tempos oder Schemas, die es der Situation des Menschen bringt." (McL 1968:14) Anders als Luhmann, der zwischen technischen Errungenschaften - so auch der Erfindung technischer Medien - und sozialen Veränderungen keine zwingenden sondern nur potentielle Kausalzusammenhänge sieht, ist bei McLuhan ein Technikdeterminismus zu beobachten: Medien verändern Wahrnehmungs-und Sozialzusammenhänge zwangsläufig und in eine durch die Eigenschaften des Mediums vorprogrammierte Richtung.
Medientechnologien sind als Ausweitungen bzw. Amputationen des menschlichen Körpers zu betrachten, die das menschliche Handeln optimieren bzw. ersetzen. Jede Ausweitung (Auslagerung) hat letztendlich Amputation des entsprechenden Körperteils zur Folge, welche vom Menschen jedoch nicht wahrgenommen wird, da aufgrund eines Schockzustandes (einer Betäubung oder Narkose) der funktionelle Zusammenhang seiner Sinne gestört ist und ihm die Wahrnehmung und damit Erkenntnis verwehrt bleibt. Der Mensch ist nicht Herr der Lage, erkennt sich in seiner Technik nicht wieder und ist den Wirkungen dieser machtlos ausgeliefert.
3.2 Definition von Medien
McLuhans Medienbegriff ist ausgesprochen breit; seiner Definition zufolge beinhaltet fast jeder artifizielle Gegenstand mediale Eigenschaften. Demnach ist erstaunlich vieles Medium, was man sonst kaum als solches eingeordnet hätte:
Ebenso wie bei Luhmanns Heidermedien zählen Licht und Elektrizität (letztgenannte in Form vernetzter Elektronik als Ausweitung des Zentralnervensystems), sowie Sprache und Schrift zu ihnen (das Buch als Ausweitung des Auges bzw. des Gedächtnisses), darüber hinaus jedoch auch Kleidung (als Ausweitung der Haut), Möbel wie der Stuhl (als Ausweitung des Gesäßes), Uhren, Waffen und das Rad (als Fußersatz) - damit nach sich ziehend auch Transportmittel wie Fahrrad, Auto und Eisenbahn. All diese Techniken, Werkzeuge und Umgebungen haben großen Einfluss auf den Menschen und dessen sinnliche Wahrnehmung und sind aus diesem Grunde für McLuhan Medien. Leschke (2003:246f.) sieht in diesem extrem breit angelegten Medienbegriff das Risiko der Unschärfe, da man auf diese Art nahezu "jede relevante historische Technologie" unter medialen Aspekten zu behandeln hat und damit Medienwissenschaft zu einer Universaltheorie
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avancieren würde, welche jegliche Form sozialer Entwicklung als medial verursacht behandeln müsste.
Der Inhalt eines Mediums ist für McLuhan immer ein zeitlich vorangehendes Medium. So beinhalte der Film das Buch, das Buch die Schrift, die Schrift die Sprache, und diese letztendlich enthält den Denkvorgang (bei Luhmann: Sinn).
Das Licht fungiert als Letztmedium, indem es nach McLuhan keine anderen Medien enthält - und damit gänzlich inhaltslos ist: "Elektrisches Licht ist reine Information. Es ist gewissermaßen ein Medium ohne Botschaft, wenn es nicht gerade dazu verwendet wird, einen Werbetext Buchstabe für Buchstabe auszustrahlen" (McL 1968: 14).
3.3 Mediengenalogie
Da für McLuhan gesellschaftliche Entwicklung und die Erfindung bzw. Nutzung von Medien kausal eng zusammenhängen, entwickelt er eine Mediengenealogie, in der folgende Phasen in der historischen Entwicklung von Medien (und damit Gesellschaft) genannt werden: Das Zeitalter vor dem Buchdruck. Dieses ist gekennzeichnet durch Mündlichkeit (Oralität) und Schriftlichkeit (Literalität). Eine weitergehende Unterscheidung bezeichnet a) das Zeitalter der oralen Stammeskultur: In dieser sieht McLuhan eine größere Kreativität als im (post-)modernen Denken, da Scholastik und Rhetorik als Erkenntnisformen in ihrer Ausdrucksweise unvollständig sind und daher den Rezipienten in Form des Mit- und Nachdenkens, des Nachverfolgens mosaikartig anknüpfender Ideen und Assoziationen einbeziehen. Diese Offenheit des Ausdrucks und der Interpretation, welche in sich eine größere Nähe zur Gesamtheit an möglichen Wahrnehmungen und Bedeutungen zulässt, sieht McLuhan in der modernen Gesellschaft nur durch die Kunst vertreten. Das dominierende Wahrnehmnungsorgan der oralen Stammeskultur ist das Gehör, welches aufgrund der ständigen Überbeanspruchung durch akustische Reize einer "Tyrannei" unterliegt. Die Erfindung der phonetischen Schrift leitet b) das Zeitalter der literalen Manuskriptkultur (seit der Spätantike) ein, in welchem das 'Scriptorium' entstand: Eine meist in Klöstern befindliche Schreibstube, in denen theologische aber auch profane Texte handschriftlich dupliziert wurden. In diesem Zeitalter sieht McLuhan eine gewisse Ausgewogenheit der Wahrnehmungsformen, da die Manuskripkultur zwischen Oralität und Schriftlichkeit stehend das Einfühlungsvermögen für die Beteiligung aller Sinne förderte (vgl.Kloock/Spahr 2000:61). Die handschriftlich gefertigten Bücher wurden meist vorgelesen, was einer Übersetzung des Schriftlichen in akustische Äquivalente entspricht, bei der Betonungen, die nicht dem Dokument zu entnehmen waren, dem Text erst durch den Vorleser beigefügt wurden. Wissen und Wissenschaften hatten eine 'offenere', unabgeschlossenere Struktur, was der Tatsache geschuldet ist, dass Autorenschaft selten gekennzeichnet wurde und beim Kopieren von Werken oftmals 'weiter'geschrieben wurde, also Interpretationen und weiterführende Gedanken des Kopierenden einfließen konnten.
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Daran anschließend definiert McLuhan c) das Zeitalter Gutenbergs (die Gutenberg-Galaxis), welches mit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern einsetzt (1450). Das Gutenberg-Zeitalter wird auch als Phase der „Explosion“ bezeichnet, was sich auf die Ausweitung des Menschen in den Raum bezieht. Das System der Scriptorien wurde mit Einführung des Buchdrucks abgelöst. Wie auch Luhmann sieht McLuhan große gesellschaftliche Umbrüche damit verbunden: Bücher machten Wissen für größere Teile der Bevölkerung zugänglich, was zunehmenden Meinungsstreit und öffentliche Willensbildung beförderte. Eine allgemeine Alphabetisierungswelle löste das Vorlesen zugunsten des stillen Lesens ab; Bildung wurde allgemein leichter zugänglich. Indem das Buch zum primären Medium avancierte, veränderte sich neben dem Lesen nach McLuhan vor allem auch das Denken: Das mittelalterliche Denken war geprägt von Bildern und Metaphern, wohingegen nun die wissenschaftliche Methodik sich durchsetzte, welche komplexe Inhalte und Vorgänge nunmehr linear, in Schriftform darstellte und damit aufspaltete. Uniformität, Kontinuität und Literalität sind typographische Grundsätze, welche die komplexen Formen der althergebrachten, oralen Feudalgesellschaft überlagerten bzw. ersetzten. In der Methode des Aufspaltens und Zerlegens, welche zu einem Atomismus führe, sieht McLuhan nicht nur die Mechanisierung des industriellen Zeitalters vorprogrammiert, sondern auch einen Reduktionismus der Wissenschaften sowie die Entstehung nationalistischer Ideen begründet.
Ebenso wie Luhmann sieht McLuhan die Verbreitung von Druckwerken verantwortlich zeichnend für das Entstehen einheitlicher Nationalsprachen. Für ihn ist das dominierende Wahrnehmungsorgan des Gutenberg-Zeitalters das Auge, welches eine Herrschaft über alle anderen Sinne erlangt, womit eine Gleichrangigkeit der Sinne nicht mehr gegeben ist. Es handelt sich um eine Reduktion des potentiell Wahrzunehmenden auf nur einen Sinn und nur eine Strukturform: Linearität. In seinem Werk "The medium is the massage" versucht McLuhan die Linearität des Mediums Buch im Medium selbst aufzubrechen oder zumindest zu veranschaulichen:
Collagen aus Fotos, Karikaturen, Zeichnungen und Zitaten, teilweise in Spiegelschrift, folgen auf nicht nummerierten Seiten mosaikartig aufeinander.
Das Zeitalter Marconis schließlich (d), dessen Beginn durch die Erfindung der drahtlosen Telegrafie durch Guglielmo Marconi (1894) gekennzeichnet wird, bringt den Übergang zum Elektronischen Zeitalter / Zeitalter der Elektrizität (e):
"[...] es ist bezeichnenderweise das Zeitalter, in dem wir uns des Unbewussten bewusst sind. Mit unserem systematisch betäubten Zentralnervensystem wird die Aufgabe des bewussten Erfassens und Ordnens auf das physische Leben des Menschen übertragen, so dass er zum erstenmal die Ausweitung seines natürlichen Körpers bewusst erlebt. Offenbar hätte es vor dem Zeitalter der
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Elektrizität, das uns die Möglichkeit eines augenblicklichen Erfassens des Gesamtfeldes gab, nicht kommen können" (McL 1968:56f.).
So wie die Linearität der Buchkultur und das daraus resultierende Weltbild von McLuhan als gesellschaftliche Negativentwicklung gesehen werden, so steht er dem Anbruch des
elektronischen Zeitalters äußerst optimistisch gegenüber. Es ist für ihn die Ära des Netzwerkes, in dem die elektronische Vernetzung der existierenden Gesellschaften diese „zu einem einzigen globalen Stamm“ zusammenführe. Die Welt wird zum globalen Dorf (global village): "Im Zeitalter der Elektrizität wird die ganze Menschheit zu unserer eigenen Haut." (McL 1968:57) Die elektronischen Informations-Netzwerke sind für ihn Auslagerungen des Zentralnervensystems (ZNS): Der Organismus trägt nunmehr "[...] sein Gehirn außerhalb des Schädels und seine Nerven außerhalb der Haut“ (McL 1968:68) Es ist „nur mehr ein Schritt zur Übertragung unseres Bewußtseins auch auf die Welt der Computer.“ (ebd.:72) Das Fernsehen und die Netzwerktechnologie erlaube die aktive politische Teilhabe aller Menschen. In der Ökonomie sei nunmehr die Zeit des Lernens und des Wissens angebrochen, und alle Formen von Reichtum seien das Ergebnis von Informationsbewegungen. Ja der Mensch selbst wird zur Information: "Im gegenwärtigen Zeitalter der Elektrizität erleben wir, wie wir immer mehr in die Form der Information verwandelt werden und einer technischen Erweiterung des Bewußtseins entgegengehen.“ (ebd.:68) Die letzte Konsequenz hieraus sei die Verschmelzung der Menschheit zu einem einzigen globalen Bewußtsein (vgl. ebd.:72). Man beachte, dass zu Zeiten McLuhans (er starb Ende 1980) die bis zum heutigen Tage noch nicht abgeschlossene Entwicklung der globalen Vernetzung mittels Computertechnik noch nicht abzusehen war! Die seit einigen Jahren in Hinsicht auf das Internet stattfindende Diskussion über das Internet als globales Gehirn (z.B. Debatin 1999 oder auch Pöppel 1999) scheint McLuhans Gedanken zumindest in dieser Hinsicht zu stützen. Anschluß an McLuhans Theorie sucht Manuel Castells, der das von McLuhan definierte Elektronische Zeitalter als McLuhan-Galaxis bezeichnet, in der sich andere Medien am Leitmedium Fernsehen orientieren und welches in die Internet-Galaxis mündet. (vgl. Castells 1996: Das Informationszeitalter)
3.4 Heiße und kalte Medien
McLuhan unterscheidet zwischen heißen und kalten Medien, wobei sich die unterstellte 'Temperatur' auf die vom Rezipienten benötigte Aufmerksamkeit bzw. die Menge der notwendigen Eigeninterpretation des medialen Inhalts bezieht.
Ein heißes Medium erweitert einen einzigen Sinn. Es zeichnet sich aus durch eine hohe Informationsmenge und großen Detailreichtum. Dem Rezipienten wird lediglich eine geringe Aufmerksamkeitsspanne abgefordert. Demzufolge sind Medien, die sich durch "low involvement" kennzeichnen, heiße Medien. Zu den heißen Medien zählt McLuhan z.B. die Fotografie, den
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Kinofilm, den Hörfunk, aber auch das phonetische Alphabet oder das Buch. Das Kino stellt für McLuhan eine Erweiterung des Buches und der Fotografie dar. Beide bestehen aus einer Aneinanderreihung von Einzelbildern oder Seiten, die dem Zuschauer sehr detailliert und intensiv Handlungen, Träume und Illusionen darbieten, wobei nach McLuhan ein hohes Manipulationspotential der Gefühle und des Handelns des Zuschauers gegeben ist. Aufgrund der linearen Abfolge und der 'psychologischen Isolierung' des Zuschauers sind Buch und Leinwand für McLuhan vergleichbar.
Ein kaltes Medium ist für McLuhan ein Medium, das durch ein "high involvement" des Rezipienten gekennzeichnet ist. Es fordert aktive Ergänzung und Vervollständigung durch diesen. Zu den kalten Medien zählen damit alle Kommunikationsmedien, z.B. das Telefon, E-Mail, Internet usw. Aber auch Cartoons, Karikaturen, das Fernsehen und die Sprache sind nach McLuhan kalte Medien. Bereits beim Fernsehen (nach McLuhan kalt) scheint diese Typologie nicht ganz einleuchtend, argumentiert McLuhan doch dahingehend, das Fernsehbild bestehe im Gegensatz zum Kinofilm aus lückenhaften Darstellungen, aus einem mosaikartigen Maschennetz aus hellen und dunklen Punkten (vgl. McL 1968:351). Erklärend mag hier die Tatsache wirken, dass McLuhan wahrscheinlich von einem Schwarzweiss-Fernseher ausging. Fernsehen unterscheidet sich nach McLuhan vom Kinofilm auch durch die Form des verwendetetn Lichtes: Durchlicht anstelle von Ausfsicht. Dieses ließe beim Zuschauer ein eher plastisches Profil beim Aufnehmen der Bilder entstehen, hervorgerufen durch die nicht verarbeitbare Vielzahl an Punkten, die gleichzeitig auf die Netzhaut des Auges treffen. Das sogenannte Fernsehmosaik rege sämtliche Sinne des Menschen an, der gesamte Körper sei involviert, was McLuhan verantwortlich sieht für die große Beliebtheit dieses Mediums. Der Zuschauer genieße es, etwas vorgelebt zu bekommen, womit er sich mit seiner gesamten Person identifizieren könne.
Insgesamt jedoch scheint die Unterscheidung "heiß" und "kalt", welche McLuhan von den damals populären Musikrichtungen des "Hot Jazz" bzw. "Cool Jazz" entlehnte, nicht durchgehend geeignet zu sein, Medien zu klassifizieren.
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4. Luhmann&McLuhan - Verknüpfungsmöglichkeiten und deren Konsequenzen Die Schwierigkeiten in der Luhmannschen Konzeption des Medienbegriffs wurden weiter oben bereits erläutert. Aus dieser Problematik jedoch abzuleiten, mit systemtheoretischen Ansätzen könne man auf keinen Fall in sich konsistente Medientheorie betreiben, griffe zu kurz. So versucht Wasser (2006) das 'Unmögliche', indem er einen interessanten Anlauf unternimmt, McLuhans Medienbegriff in die Theorie sozialer Systeme zu integrieren. Hierbei geht Wasser davon aus, dass es in der Luhmannschen Systemtheorie basale Elemente gäbe, die für das logische Funktionieren der Theorie unabkömmlich seien; jedoch darüberhinaus auch kontingente Elemente, die durchaus anders konzipiert werden könnten, ohne das Konzept autopoietisch operierender Systeme verlassen oder gar zerstören zu müssen. So sieht er z.B. die These der binären Codierung von (Funktions-)Systemen, die Zwei-Seiten-Form sowie das Konzept der Heidermedien als innerhalb der Systemtheorie durch Anderes austauschbar an. (vgl. Wasser 2006:4f.)
Wasser definiert konventionelle Medientheorien (in Abgrenzung zu Luhmann) als solche, die von einer prozessualen Trias aus Subjekten, Medien und Objekten ausgehen, derart dass Subjekte Medien nutzen, um Objekte (Produkte) zu erzeugen. Bei Luhmann finden sich - in der Absicht, kein handlungstheoretisches Konzept aufzubauen - keine Subjekte (vgl. Abschnitt 1.1b ). Das Modell der Heidermedien - so wie es Luhmann adaptiert - verlangt nicht nach Subjekten, die Produkte herstellen, nicht einmal die Formen im Medium werden von Subjekten hergestellt! Bei Luhmann scheinen die Formen dem Medium auf sonderbare Weise innezuwohnen, ohne dass sie von außen hergestellt werden. Er lässt die "Formen allein aus dem Potential der Medien entspringen" (ebd.:14) Wasser verfolgt die Logik des Beobachtens, mit der Luhmann operiert und stellt Inkonsistenzen fest: Nach Spencer-Brown sind Formen Ausgangspunkt nicht Resultat von Beobachtungen, welche erst durch die Beobachtung in zwei Seiten gespalten (unterschieden) werden, wobei eine Seite bezeichnet wird und die andere unbestimmt bleibt. Das heisst: Spencer-Brownsche Formen sind latent; sobald die bezeichnete Seite zwecks weiterer Unterscheidung beobachtet wird, "kippt diese Seite um und wird erneut zur Form" (ebd.:13) Luhmann aber bezeichnet Medien ebenfalls als latent und zwar derart, dass sie sich nur an ihren Formen erkennen lassen. Wenn und aber diese Formen ebenfalls latent sind, wie können sie dann beobachtet werden, ohne in zwei Seiten zu zerfallen? Weiterhin: Wenn Formen durch jede Beobachtung sofort in zwei Seiten zerfallen, können sie nur in Differenz zum Beobachter stehen, was einer Unterscheidung System/Form gleichkäme, nicht aber in Differenz zum Medium. Eine dritte Unzulänglichkeit der Heidermedien in Luhmannscher Konzeption liegt in ihrem unterstellten Teilchencharakter: Formen können nicht in Elemente aufgespalten werden, weil Formen als Einheiten begriffen werden müssen, die erst durch Beobachtung in genau zwei Seiten zerfallen. Und noch mehr: Wo innerhalb der Systemtheorie sonst so viel Wert darauf gelegt wird, zu
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erklären, wie Systeme ihre Elemente selbst bilden, bleibt innerhalb der Heidermedien völlig unklar, wie Medien ihre Elemente bilden können sollten - es sei denn im System der Massenmedien, dessen Elemente aus Kommunikationen bestehen (müssen), wo allerdings Luhmann auch kein Heidermodell zur Anwendung bringt. Das hieße dann einfach tautologisch und recht sinnentleert zu formulieren: "Medien bestehen aus denjenigen Elementen, aus denen sie bestehen." (Wasser 2005:25)
Dies führt Wasser zur Überlegung, die Form der Heidermedien könne nicht Form im Sinne von Spencer-Brown sein, was ihn wiederum zur Feststellung bringt, dass Heidermedien mit Systemtheorie inkompatibel seien.
Der Punkt, an dem Wasser den Medienbegriff McLuhans in die Systemtheorie Luhmanns einzuführen sucht, setzt an einer Gemeinsamkeit der beiden Konzeptionen an: Sowohl McLuhans Medienkonzept als auch die Systemtheorie lehnen die Werkzeugmetapher in Bezug auf Medien ab und brechen damit mit konventionellen Medientheorien. Dabei scheint diese so plausibel! Selbst den Computer könnte man, auf (fast) einem Heidermodell aufsetzend beschreiben als Werkzeug zur Formenbildung im Medium der Elektrizität. Nur leider wäre damit wieder die oben beschriebene Form- und Beobachtungsproblematik berührt.
Behandelt man Medien als etwas Nutzbares, ist man auf dem besten Wege in Richtung einer handlungstheoretischen Zweck-Nutzer-Produktorientierung (vgl. Wasser 2006:29), welche ja insbesondere Luhmann gerade nicht vertreten wollte. Auch McLuhan insistierte darauf, dass Medien unabhängig vom Handlungskontext als Medien zu betrachten seien, so dass etwa die Pistole (bei McLuhan Medium) auch dann noch Medium (und Pistole) bleibt, wenn sie gerade dazu benutzt wird, einen Nagel in die Wand zu schlagen.
Wasser behauptet, dass gerade die Werkzeugmetapher, welche davon ausgeht, "Medien seien Werkzeuge, die überschaubare Wirkungen entfalten und die entsprechend verantwortungsvoll oder eben verantwortungslos eingesetzt werden können" (ebd.:28) dazu beitrage, viel bedeutendere Funktionen zu verschleiern. Eben jene Verschleierung, welche Probleme des Mediengebrauchs und die Verantwortung dafür ausblendet, scheint notwendig, damit neue Medien überhaupt Einzug in gesellschaftliche Zusammenhänge halten können. So wies Luhmann darauf hin, dass Schrift und Buchdruck nur unter dieser Art Latenzschutz evoluieren konnten, indem sie sich im Schutze des Erstgebrauchs als reine Memoriertechniken tarnten. Die eigentlichen Funktionen von Medien lägen - so Wasser konform mit Luhmann und McLuhanin ihrem Strukturierungspotential. So strukturieren Medien z.B. das Verhältnis von Raum und Zeit, wie anhand der Schrift bereits ausgeführt. Allgemein formuliert: "Aus Sicht der McLuhan Medien, aber in systemtheoretischer Formulierung, müssen wir annehmen, dass die vorrangige Funktion der Medien, darin besteht, Prozesse in Strukturen zu überführen." (ebd.: 31)
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Wasser bezeichnet dann im Folgenden die Transformation von Prozessen in Strukturen als "Formatierung".
"Medien sind keine Techniken, Techniken sind keine Medien." (ebd.:41) Demnach macht es für Wasser (und McLuhan) auch keinen Sinn, von technischen Medien zu sprechen, wohingegen er aber den Begriff "medialer Technologien" für sinnvoll erachtet, sofern es sich um Technologien handelt, die in einem "besonders engen Zusammenhang mit Medien stehen" (ebd.) Der entscheidende Unterscheid zwischen Technik und Medium ist für McLuhan (nach Wasser) der folgende: Techniken/Technologien sind auf werkzeuggemäße (offenkundige) Funktionen hin konstruierte Produkte, wohingegen Medien ihre Funktionen hinter dieser Simplifizierung verbergen, um weit bedeutendere Strukturmodifikationen leisten zu können. (vgl. ebd.:42)
Wasser möchte das nachholen, was Luhmann ob des nicht kompatiblen Heidermodells von Medien nicht konnte: nämlich Massenmedien als System und als Medien beschreiben. Hierfür ist es notwendig, die Unterscheidung Technologie/Medium zu beachten, die einer Unterscheidung der Perspektiven Funktionieren/Funktion gleichkommt. In dem Moment, wo gefragt wird, wie Medien funktionieren, richtet sich der Blick auf Technik - die Frage nach der Funktion hingegen enthüllt das Medium in der Technik bzw. deren mediale Eigenschaften (Strukturleistungen). Bei der Entstehung neuer Medien gibt es nach Wasser erst eine Einführungsphase, in der Medien ganz im Sinne von Technik als Mittel zum Zweck gesehen werden, welches allerdings größere Nebenwirkungen mit sich bringt, die ggf. auch zu bekämpfen seien. Die anschließende Konsolidierungsphase kehrt oftmals die ursprüngliche Abwehrhaltung um, indem die 'Nebenwirkungen' nunmehr positiv umgedeutet werden, allerdings oft in Abgrenzung zu einem mittlerweile bereits aufgetretenen noch neueren Medium (so z.B. Buch vs. Fernsehen). Letztere beschreibt Wasser dann als Kreuzmedien, die als funktional äquivalent zu bestehenden Medien erscheinen und diese wiederum zu verdrängen suchten (Fernsehen verdränge das Buch, Internet das Fernsehen), also wiederum eine Abwehr- bzw. Immunreaktion auslösen. So lässt sich der Spieß gegen die Kulturkritiker aus McLuhanscher Perspektive umdrehen, indem ihnen wiederum Un(medien)wissenschaftlichkeit vorgeworfen werden kann: Denn in der Kultur-Kritik kritisieren sie gar nicht das Medium, sondern lediglich "die ihm über die Werkzeugmetapher zugerechneten Inhalte" (ebd.: 46)
Medien in diesem Sinne können keine Formen formen (wie es die Heidermedien vorgeben zu können), sie formen Strukturen und sind zugleich selbst Strukturbestandteil. Der Zusammenhang zwischen Strukturen und Prozessen ist folgendermaßen gegeben: "Strukturen sind geformt, insofern sie formatierten Prozessen entsprechen." (ebd.:50) Jede Formatierung ist als eine Reformatierung bereits bestehender formatierter Prozesse zu begreifen, also als Strukturmodifikation. Hierin liegt auch begründet, dass die Beschreibung eines Mediums immer die Beschreibung anderer, verschachtelter Medien einschließt. Evolutionstheoretisch betrachtet führt
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dies dazu, dass die Entwicklung von Medien (nicht deren Inhalte) die Richtung der Entwicklung von Gesellschaft dominiert und gleichzeitig die Entstehung neuer Medien katalysiert und motiviert (vgl. ebd.: 53). Aus dieser Logik kann es keine Mediennutzer sondern nur Techniknutzer geben, da das mediale an den Medien nicht das ist, was sie mit sich machen lassen, sondern, was sie mit dem Menschen machen. Diese Abstraktion ist auf sprachlicher Ebene jedoch ebenso unbequem wie der Verzicht Luhmanns auf Subjekte in Gesellschaft und jede Übertragungsmetapher innerhalb von Kommunikation.
Medien existieren nicht unabhängig von Beobachtungen, da ihre Beobachtung den Einsatz von Medien einschließt (bereits hier kommt die eben erwähnte sprachliche Problematik zum Zuge). "Kein Medium - keine Beobachtung" (ebd.:55) Jeglicher Medieneinsatz kann das zu Beobachtende nur den Unterscheidungen aussetzen, welche im Medium strukturell auch angelegt sind. Die Entstehung von Medien ist für Wasser ebenso unwahrscheinlich wie die Kommunikation für Luhmann. Medien transformieren daher die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation in Wahrscheinlichkeit, indem sie die Unwahrscheinlichkeit durch ihre eigene Unwahrscheinlichkeit abfangen und damit gleichzeitig auch die Wahrscheinlichkeit der Entstehung weiterer Medien erhöhen. Die eigene Strukturleistung von Medien ist eben jene Erhöhung der Wahrscheinlichkeit von Prozessen (Operationen). Struktur wird demnach definiert als "seligierend wie stabilisierend wirkende prozessuale Ermöglichungen weiterer Operationen". (ebd.:59)
Auf diese Art lassen sich bestimmte Techniken als mit medialen Eigenschaften versehen begreifen, wie sie oben dargelegt wurden. Der Anschluss an die Systemtheorie scheint gelungen, denn die grundlegende Logik autopoietisch operierender Systeme wird durch kein teilchentheoretisches Modell mehr gestört. Vielleicht sollte jedoch der so gewonnene Medienbegriff im Sinne der Luhmannschen Definition von Einrichtungen zur Wahrscheinlichkeitssteigerung von Kommunikation eingeschränkt oder irgendwie anders konkretisiert werden. Denn auch wenn z.B. das Rad und die darauf basierenden Techniken der Fortbewegung die Erreichbarkeit von Empfängern steigern und den Raum entgrenzen, bringen sie doch keine so gewaltige Steigerungsleistung von kommunikativen Möglichkeiten mit sich wie Sprache oder Schrift. Es scheint auch immer noch nicht ganz klar, welche Technologie mediale Eigenschaften besitzt und welche nicht.
Ein Vorschlag in Anlehnung an die von Wasser vorgeschlagene Formatierungsmetapher wäre es, die Formatierung als Formatierung des Möglichkeitsraumes von Kommunikation durch die verwendete Technik zu begreifen. Denn das, was letztendlich Kommunikationsprozesse formatiert - also in Strukturen zwängt, sind die technischen Gegebenheiten einer medialen Technik: Der Fernseher ist beschränkt auf Optik und Akustik, Geruch und Temperatur z.B. können nicht übertragen werden, ebenso fehlt der Rückkanal. Dies alles ist bedingt in der technischen Konzeption des Fernsehers und wirkt sich formatierend auf die über den Fernseher ablaufenden
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Kommunikationen aus. Ein Hammer - bei McLuhan ein Medium - besitzt (McLuhan widersprechend) erst in dem Moment mediale Eigenschaften, wo mit ihm gedroht wird. Das Medium, auf welches er sich in diesem Moment strukturierend auswirkt ist das symbolisch generalisierte Kommunikationsmittel Macht.
Demnach wäre die abschließende Definition eines Mediums die folgende: Medien sind alle Einrichtungen, die zur Steigerung der Wahrscheinlichkeit von Kommunikation dienen. Darüber hinaus gibt es bestimmte Techniken und Technologien mit medialen Eigenschaften, welche sich formatierend auf Medienpotentiale auswirken. Diese sollen als mediale Technologien bezeichnet werden.
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Arbeit zitieren:
M. A. Alexander Stoll, 2006, Gesellschaftliche Funktion und Eigenschaften von Medien in der Systemtheorie Niklas Luhmanns - mögliche Verknüpfungen mit dem Medienbegriff Marshall McLuhans?, München, GRIN Verlag GmbH
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