Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG 2
2. BEGRIFFSKLÄRUNGEN UND ANSÄTZE 2
2. 1. ETHNIZITÄT 3
2. 2. KULTUR UND KULTURALISMUS 3
3. HINFÜHRUNG ZUM DISKURS UM DEN BAU DER MOSCHEE IN KÖLN-NEUFELD 5
3. 1. KULTUR UND ETHNIZITÄT BEI MUSLIMEN IN DEUTSCHLAND 5
3. ANALYSE DES DISKURSES UM DEN BAU DER MOSCHEE IN KÖLN-EHRENFELD 7
3. 1. DAS PROJEKT „DITIB ZENTRALMOSCHEE“ 7
3. 2. DIE PARTEIEN 8
3. 3. DER DISKURS 9
4. FAZIT AUSBLICK 13
QUELLENVERZEICHNIS 17
1
1. Einleitung
„Die Integration ist gescheitert.“ 1 Mit diesem Resümee macht der Schriftsteller Ralph Giordano seit dem letzten Jahr auf sich aufmerksam. Der Satz fällt im Streit um den Bau der DI-TIB Zentralmoschee in Köln-Neufeld, der am 28. August dieses Jahres endgültig genehmigt wurde. Im diesem Streit geht es um mehr als um den Bau eines Gebetshauses. Der Streit zeigt die polarisierte Meinung einer breiten Gesellschaft gegenüber der Integration von türkischen Muslimen und offenbart die Sprengkraft der Debatte. Es geht tatsächlich um das Bild des Fremden in Deutschland und um die Frage, wie die deutsche Kultur mit diesem umgehen soll. Giordano zeichnet ein Bild apokalyptischen Ausmaßes. Er spricht vom Koran als einer „Lektüre des Schreckens“ und schreibt in einem offenen Brief an den Dialogbeauftragten der türkisch-muslimischen Gemeinde: „Die Stunde der Deeskalation ist gekommen - für beide Seiten.“ 2 Hinter der Polemik verstecken sich Ängste und Vorurteile, die auch in weiten Teilen der Öffentlichkeit vorhanden sind.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Analyse einiger Argumente, die im öffentlichen Streit verwendet werden - auch hinsichtlich der wissenschaftlichen Bedeutung der zentralen Begriffen Ethnizität und Kultur. Eine ganzheitliche Darstellung des Konflikts kann auf-grund der Komplexität des Stoffes nicht geleistet werden. Deshalb ist das Augenmerk auf einzelne Aspekte gerichtet.
2. Begriffsklärungen und Ansätze
Im Folgenden soll in der nötigen Knappheit ein kleiner Überblick über die wissenschaftliche Bedeutung und Verwendung der Begriffe Ethnizität und Kultur gegeben werden. Dieser Abschnitt soll nur als kurzer Überblick dienen und beansprucht keinesfalls eine ganzheitliche Erörterung der Begriffe, die an anderer Stelle ausgiebig geführt wird. 3 Bei der Verwendung dieser Begriffe innerhalb der vorliegenden Arbeit soll darauf geachtet werden, eine wissenschaftliche Auffassung von einem alltäglichen Gebrauch zu differenzieren und die Unterschiede knapp darzustellen. Diese Vorgehensweise erleichtert das Verständnis der zentralen Elemente des öffentlichen Diskurses.
1 Streit im Turm, „Neubau einer Zentralmoschee“, 16.05.2007,
2 Giordano, R., „Der Brief im Wortlaut“, 16.08.2007, in: ksta.de, < http://www.ksta.de/html/artikel/1187242646812.shtml> (29.08.08).
3 Vgl. u. A. die im Quellenverzeichnis angegebenen Abhandlungen von Hermann Bausinger und Friedrich Heckmann.
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2. 1. Ethnizität
Ethnizität ist nach Max Weber „geglaubte Gemeinsamkeit“. 4 Sie bezieht sich auf das „Gewachsene“ und das „Natürliche“ und nicht auf das „Gemachte“. 5 Es ist zu beachten, dass Ethnizität an sich keine naturgegebene Größe ist, sondern eine Konstruktion darstellt, die nach Köstlin „wichtige Funktionen“ erfüllt und „erhebliche Wirkungen“ entfaltet. 6 Die Funktionen liegen klar in der Möglichkeit der Betrachtung größerer Gruppen hinsichtlich bestimmter Merkmale und Gemeinsamkeiten, nach Geertz etwa Herkunft und Sprache, regionale Bezüge, Religion und Lebensweise. 7 Nach Heckmann bietet sich für eine solche Betrachtung der Begriff Ethnizität an. 8 Die angesprochenen erheblichen Wirkungen zeigen sich deutlich in der später dargestellten Diskussion in der Öffentlichkeit. 9 Nach Barth ist ein weiteres Prinzip von essentieller Bedeutung für den Begriff. Nicht Gemeinsamkeiten seien das eigentlich Ausschlaggebende, sondern die „Grenzziehung und Aufrechterhaltung der Grenze“. 10
Auf die konkrete Anwendung des Begriffs auf die türkischen Muslime in Deutschland wird an späterer Stelle noch eingegangen.
2. 2. Kultur und Kulturalismus
Den Hauptunterschied zwischen Ethnizität und Kultur besteht - im Groben - zwischen der Tatsache, dass sich Ethnizität auf menschliche Gemeinschaften bezieht, Kultur hingegen auf die verschiedenen Lebensweisen von Menschen ausgerichtet ist. Vorerst sollen kurz einige Definitionen wiedergegeben werden, um Missverständnissen bezüglich des Kulturbegriffs vorzubeugen. Taylor bezeichnet Kultur 1871 als das „komplexe Ganze, das Wissen, Glauben, Kunst, Moral, Recht, Sitte, Brauch und alle anderen Fähigkeiten und Gewohnheiten ... die der Mensch als Mitglied einer Gesellschaft erworben hat.“ 11 Bemängelt wird an dieser Definition, dass die nicht das Wesentliche abstrahiert, dennoch bietet sie einen Einblick in die Vielseitig- 4 Bausinger,H., „Ethnizität - Placebo mit Nebenwirkungen“, in: Köstlin, K., Nikitsch, H., (Hrsg.), Ethnographisches Wissen - zu einer Kulturtechnik der Moderne, Wien 1999, S. 31-41, hier S. 36.
5 Ebd. S. 35.
6 Ebd. S. 38.
7 Ebd. S. 37.
8 Heckmann, F., Ethnische Minderheiten, Volk und Nation - Soziologie inter-ethnischer Beziehungen, Stuttgart 1999, S. 30f.
9 Ethnizität birgt wie Kultur das Potential des Missbrauchs für ideologische Argumentationen und darf daher nicht unbedacht angewandt werden.
10 Ebd. S. 37: „Der wichtigste Punkt der Analyse ist aus unserer Sicht die ethnische Grenze, die die Gruppe definiert, nicht der kulturelle Stoff, der die Gruppe kennzeichnet“ (zit. nach Barth 1969).
11 Harris, M., Kulturanthropologie - Ein Lehrbuch, Frankfurt/ Main, New York 1989, S. 20.
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keit des Begriffs. 12 Geertz spricht unter anderem von einem „System, mit dessen Hilfe die Menschen ihr Wissen vom Leben und ihre Einstellungen zum Leben mitteilen, erhalten und weiterentwickeln.“ 13 Augenmerk sei auf den Begriff weiterentwickeln gelegt. Kultur ist kein starres System, sondern flexibel und veränderbar. Dieser Aspekt wird in der alltäglichen Verwendung des Begriffs Kultur häufig übergangen. Ein fester, starrer Kulturbegriff kann missbraucht werden, um ideologische Argumente zu unterstreichen; Kultur ist aber kein unveränderliches Merkmal des Menschen. Werden gesellschaftliche Phänomene mit ethnologischen Begrifflichkeiten - die häufig nur als vereinfachte Schlagwörter benutzt werden - erklärt und gerechtfertigt, ergibt sich das Problem der Kulturalisierung. 14 Im öffentlichen Diskurs, der an späterer Stelle noch exemplarisch erörtert wird, ist diese Vorgehensweise durchaus üblich, was negative Auswirkungen auf die inhaltliche Dimension nach sich zieht.
Als Ergänzung sei hier noch der Begriff Migration angesprochen. Dieser Begriff, der oft verwendet wird, verweist „über die bloße Ortsveränderung hinaus [auf] den Wechsel der Gruppenzugehörigkeit“. 15 Da aber viele der ausländischen Mitbürger, die in der Alltagssprache als Migranten bezeichnet werden, weder einen Ortswechsel planen, noch einen solchen erlebt haben, kann von ihnen auch nicht als Migranten gesprochen werden. Hier setzt der Begriff Migrationshintergrund ein, der terminologisch präziser, aber ebenfalls nur schwer zu greifen ist. Er deutet an, dass sich der Begriff „nicht nur auf die Betrachtung der Zuwanderer - d.h. die eigentlichen Migranten - beziehen soll, sondern auch bestimmte ihrer in Deutschland ge-borenen Nachkommen einschließen muss.“ 16 Hier fällt der Terminus „bestimmte“ ins Auge, der auf eine mögliche Unschärfe hinweist. Das Bundesamt für Statistik liefert weiter folgende Definition:
„Zu den Menschen mit Migrationshintergrund zählen ,alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche geborenen mit zumindest einem zugewanderten
oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil’.“ 17
12 Beer, B., „Ethnos, Ethnie und Kultur“, in: Beer, B., Fischer, H., (Hrsg.), Ethnologie - Einführung und Überblick, Berlin 2006, S. 53-72, hier S. 62.
13 Geertz, C., Dichte Beschreibung - Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt/ Main 1983, S. 46.
14 Haller, D., Dtv-Atlas Ethnologie, München 2005, S. 17.
15 Ebd., S. 133.
16 Bundesamt für Statistik, „Bevölkerung und Erwerbstätigkeit“, 11.03.2008, < https://www-ec.destatis.de/csp/shop/sfg/bpm.html.cms.cBroker.cls?cmspath=struktur,Warenkorb.csp> (26.08.08), S. 5.
17 Ebd. S. 6.
4
Diese Definition umfasst für das Jahr 2006 über 15 Mio. Menschen in Deutschland. 18 Aus diesem Grund sei auf eine gewisse Unschärfe des Begriffs im Allgemeinen hingewiesen. Er kann jedoch nicht immer vermieden werden; wird in dieser Arbeit von Migranten oder von Menschen mit Migrationshintergrund gesprochen, so sind die türkischen Muslime gemeint, die in der Darstellung von Bedeutung sind.
3. Hinführung zum Diskurs um den Bau der Moschee in Köln-Neufeld
In den folgenden Abschnitten sollen die Begriffe Kultur und Ethnizität auf die muslimischen Türken in Deutschland hin untersucht werden, um Grundsteine für die Analyse des später dargestellten Diskurses um den Bau der Moschee in Köln-Neufeld zu legen.
3. 1. Kultur und Ethnizität bei Muslimen in Deutschland
Nach Heckmann bilden „Gruppen von Menschen, die Gemeinsamkeiten von Kultur besitzen, geschichtliche und aktuelle Erfahrungen miteinander teilen (...) [und] Vorstellungen über eine gemeinsame Herkunft haben“ ein „bestimmtes Identitäts- und Solidarbewußtsein“ aus. 19 Folgt man diesem Grundverständnis von Ethnizität, kann man die muslimische Bevölkerung in Deutschland durchaus als eigene Ethnie betrachten. Hermann Bausinger spricht von Ethnizität als „Möglichkeit der Reduktion“ und als „moderne Größe“. 20 Gerade durch die Uneinheitlichkeit einer bestimmten Gruppe mache es Sinn, von Ethnizität zu sprechen; die „kompensative Setzung“ von Ethnizität macht Aussagen von und über größere Gruppen überhaupt möglich. 21 Dieses hier nur kurz dargestellte Vorverständnis ist wichtig, um Unschärfen und Vorurteile zu vermeiden, es wird aber sowohl im alltäglichen als auch im wissenschaftlichen Bereich immer wieder ohne eigene Definition vorausgesetzt. 22 Dass die Muslime in Deutschland keine wirklich homogene Gruppe bilden wird durch das Vorverständnis des Begriffs Ethnizität und aufgrund der unterschiedlichen Herkunft deutlich und muss nicht weiter ausgeführt werden. Auch der Islam bildet mit seinen zahlreichen Ausprägungen keine einheitliche Größe und wird von unterschiedlichen Menschen unterschiedlich gelebt. 23 Diese Tatsache wird im öffentlichen Diskurs aber oft zu Gunsten einer vereinfachenden Sichtweise vernachlässigt. 24
18 Ebd. S. 32.
19 Heckmann, Ethnische Minderheiten, S. 30.
20 Bausinger, „Ethnizität“, S. 38.
21 Ebd.
22 Vgl. ebd., S. 33f.
23 Vgl. Bihl, W., „Der christlich-islamische Dialog“, in: Brezovszky, Multikulturalität, S. 171-182, hier S: 171: „Der Islam ist in den sunnitischen Bereich (mit vier Rechtsschulen), den schiitischen (mit vielen Untergruppen und Sonderformen) und den charidschitischen Bereich geteilt.“; vgl. ferner: Reichmuth, S., „Sunniten“, in: Elger, R., (Hrsg.), Kleines Islam-Lexikon - Geschichte, Alltag, Kultur, Bonn 2006, S. 304: „Zum sunnit. Islam gehören
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Arbeit zitieren:
Christoph Mayr, 2008, Der Diskurs um den Bau der Moschee in Köln-Neufeld, München, GRIN Verlag GmbH
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