5.5.1. Was bedeutet genetische Beratung 21
6. Die Grenzen der menschlichen Entscheidungsfähigkeit 22
7. Abschliessende Bemerkungen 23 8. Literaturverzeichnis 25
Abstract
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Reflexivität der Ärzteschaft anhand des Textes von Hitzler, Ronal und Pfadenauer, Michaela (1999), Reflexive Mediziner? Die Definition professioneller Kompetenz als standespolitisches Problem am Übergang zu einer „anderen“ Moderne.
In einem ersten Teil der Seminararbeit werden zum besseren Verständnis die verschiedenen Praxisfelder und die Möglichkeiten der Genetik erläutert. Ferner wird auf die in der Genforschung produzierte Wissensexplosion und die damit sich ergebenden Probleme für die Ärzteschaft eingegangen. Daraus ergibt sich die Forderung nach einem neuen Arzt-Patienten Verhältnis. Der Begriff der Reflexivität wird eingeführt und am Beispiel der Humangenetik und der pränatalen Diagnostik erläutert. Ferner wird auf das Problem des Paternalismus eingegangen und die N otwendigkeit von umfassenden genetischen Beratungsgesprächen angesprochen. Die Arbeit schliesst mit einem Kapitel über die Grenzen der menschlichen Entscheidungsfähigkeit.
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1. Einleitung
Zwei Gruppen stehen sich mit ihren Ansichten zur Zeit in der öffentlichen Diskussion um das Thema Genetik gegenüber. Auf der einen Seite die Verfechter, die im medizintechnischen Fortschritt eine Befreiung gegenüber den Zwängen der Natur sehen, auf der anderen die Gegner, die eine Unterwerfung des Menschen der Maschine voraussagen (Beck-Gernsheim, 1999, 7). Beck-Gernsheim sieht in beiden Positionen nicht die optimale Lösung, sondern schlägt eine dritte Möglichkeit vor: die Verzahnung von Chancen und Risiken des Fortschritts.
Diese Seminararbeit geht darauf ein, inwiefern die erzielten technologischen Fortschritte zwar Probleme lösen können, gleichzeitig jedoch neue Konflikte erzeugen. Am Beispiel der Humangenetik, dessen Diskurs momentan öffentlich von grösstem Interesse ist, werden die Dilemmata des medizinischen Fortschritts aufgezeigt. Daran schliesst die Ausleuchtung der Notwendigkeit einer neuen Reflexivität der Ärzteschaft an. Die Umgestaltung der Ärzte-Patienten Interaktion wird erläutert sowie gesellschaftliche Folgen der technischen Errungenschaften dargelegt. Welche neuen Dimensionen von Entscheidungen sind dadurch entstanden und wer ist betroffen? Im Fall der pränatalen Diagnostik zum Beispiel, gewinnt die Humangenetik im Lebenslauf und der Lebensplanung der Menschen immer mehr Bedeutung, da die Voraussage von potentiellen Krankheiten mit der Entzifferung der menschlichen Gene nun im Bereich des Möglichen liegt. Daraus ergeben sich wiederum neue Probleme, die die Menschen im Extremfall vor Entscheidungen stellt, die zu fällen faktisch nahezu unmöglich sind (Beck-Gernsheim, 1999, 11). Da die Folgen allfälliger Diagnosen unbestimmbare Risiken und unerträgliche Belastungen auf die Opfer ausüben können, muss die Arzt-Patienten Interaktion auf eine neue Ebene gestellt werden. Das Interesse gilt jedoch nicht nur den Patienten, auch Ärzte haben teilweise mit den eigenen Folgen des Erfolgs zu kämpfen. Die Ärzteschaft selbst ist Entscheidungen gegenübergestellt, die sie nur schwer fällen können, da es die absolut richtige Antwort im Umfeld der Genetik unter Umständen nicht m ehr gibt. Das Beispiel der pränatalen Diagnostik liefert ein bewegendes Bild dessen, mit welchen Fragen Ärzte und Patienten sich auseinandersetzen müssen. Meistens entscheidet die pränatale Diagnostik über Leben oder Tod eines Föten (Hepp, 1994, 265) und somit bilden sich Verhaltensweisen des Ausweichens, des Umgehens bei beiden betroffenen Gruppen heraus. Wiederum sticht die Notwendigkeit einer neuen Reflexivität der Mediziner heraus. Da viele davon mit der Wissensexplosion, die Beck-Gernsheim (1999) mit e iner exponentiellen Kurve
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beschreibt, nicht zurecht kommen und keine Zeit verbleibt, sich mit den technischen Fortschritten auseinander zu setzen.
Zusammenfassend wird der Diskurs in der Arbeit somit als erstes auf die Humangenetik, deren Erfolge, deren Möglichkeiten und Chancen gelenkt. Ferner wird gleichzeitig auf die gesellschaftlichen Konsequenzen der neuen Möglichkeiten eingegangen. Diese werden, wie oben beschrieben, am hervorragenden Beispiel der Humangenetik ausgeleuchtet. In einem zweiten Schritt wird auf die neu aufgeworfenen Probleme durch die hervorgerufenen Dilemmata des technischen Fortschritts eingegangen und mit dem Konzept der „neuen“ Reflexivität der Mediziner sowie der nötigen Interaktion zwischen Ärzteschaft und Patienten eingegangen. Durch den sich ergebenden Druck auf die Gesellschaft, auf Grund der neuen technischen und medizinischen Möglichkeiten, wird auf einen dritten und letzten Punkt, die Eugenik, eingegangen. Da das menschliche Genom entziffert, die Bauteile des Lebens somit klar ersichtlich und theoretisch experimentell reproduzierbar geworden sind, drängt sich die Frage nach dem perfekten Menschen auf. Die Möglichkeit, Defekte der Erbsubstanz eines Menschen zu erkennen und zu entfernen und somit nur gesunde und quasi vollkommene Menschen zu schaffen liegt auf der Hand. Seine „biologische Ausstattung wird entscheidungsoffen, wird planbar, machbar, korrigierbar. Damit stellt sich unabweisbar die Frage nach dem Bauplan: Was darf bleiben, wie es ist? Was bedarf Korrektur? Welche Defekte sind tolerierbar, welche nicht? Und nicht zuletzt, wer soll darüber entscheiden?“ (Beck-Gernsheim, 1999, 17f.). Vermessen wäre es, Antworten auf die eben gestellten Fragen geben zu wollen. Aufgezeigt hingegen wird, die sich langsam ergebende „leise Revolution“ (Beck-Gernsheim, 1999, 18) in der Folge der stattfindenden Technikschübe.
2. Erkenntnisinteresse und theoretische Einbettung
Das Erkenntnisinteresse wird massgebend durch die Aktualität des Themas und dessen Brisanz gefördert. Alle Personen die mit Humangenetik zu tun haben, seien dies Wissenschaftler, Ärzte, Patienten, Beobachter oder Kommentatoren, sind sich darüber einig, dass die Genetik enorme Einflüsse und Konsequenzen auf die Gesellschaft mit sich bringt (Cunningham-Burley / Kerr, 1999, 674). Diese grossen zu erwartenden Veränderungen in der Medizin und deren Betrachtungsweise von Krankheit und Gesundheit des Menschen, waren ausschlaggebend für die Auswahl des Themas. Die
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sich verändernden Umstände mit allen mit sich bringenden Vor- und Nachteilen sind hochinteressant darzustellen und von grosser Aktualität. Die theoretische Einbettung wird professionssoziologisch vorgenommen, bezugnehmend auf die Texte von Hitzler (1999) und Webster (2002), die sich mit der Reflexivität der Mediziner beschäftigen. Ferner wird der Vertrauensverlust der Patienten gegenüber der Ärzteschaft angesprochen, welcher sich aus den heutzutage grösseren Informationsmöglichkeiten der Patienten ergibt. Dadurch entsteht der von Webster (2002) benannte „Experten-Patient“, d er massgeblich dazu beiträgt, ob neuen Technologien zum Durchbruch verholfen wird oder nicht. Das daraus resultierende Problem ist, dass die Verbreitung des medizinischen Wissens nach und nach die Autorität der Ärzte in Frage stellt. Da mit den neuen Technologien nicht nur sichere Heilungschancen entwickelt werden, sondern immer grössere Risiken daraus entstehen, fordern die Patienten eine steigende Anzahl an Informationen seitens der Ärzte. Da diese sich in der vorhandenen Wissensexplosion jedoch selbst nur schlecht zurechtfinden, sinkt das moralische Vertrauen in die Ärzte und als Konsequenz davon, werden deren Entscheide und Ratschläge immer häufiger abgelehnt oder zumindest bezweifelt. Hübner (1989), meint dazu, dass „wo Wissen nicht aufgenommen, nicht verstanden und infolgedessen nicht verarbeitet werden kann“ (Hübner, 1989, 152), eine Überforderung entsteht.
3. Praxisfelder der Genetik
Um einen genaueren Überblick dessen zu erhalten, mit welchen Problemen der moderne Mediziner sich auseinandersetzen muss, komme ich nicht darum herum, einen kurzen Überblick auf die verschiedenen Praxisfelder der Genetik zu liefern. Die Genomanalyse, pränatale Diagnostik sowie ein kurzer Ausflug in die Eugenik wird in den nächsten Kapiteln ausgeleuchtet. Diese drei Gegenstandsbereiche sind selbstverständlich nicht die einzigen drei. Sie sind jedoch meines Erachtens massgeblich daran beteiligt, die moderne Medizin von Grund auf neu zu gestalten und die Ärzteschaft dazu zu bewegen eine reflexive Vorgehensweise zu erlernen. Die folgenden Kapitel sollen weder einen Diskurs über Reflexivität noch über Ethik anregen. Sie sollen lediglich dazu dienen, die zentralen Punkte dem Leser näher zu bringen und dafür ein Verständnis zu schaffen. Auf den moralischen und gesellschaftlichen Druck der auf Ärzte wie auf Patienten ausgeübt wird und dessen
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Auswirkung auf die Interaktion zwischen den beiden Gruppen wird in späteren Kapiteln eingegangen.
3.1. Die pränatale Diagnostik
Wahrscheinlich war es schon immer ein Wunsch vieler, die Eigenschaften künftiger Kinder schon vor ihrer Geburt zu erfahren. Bis in die jüngste Vergangenheit war dies jedoch nicht möglich. Dank den Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte (Bayertz, 1987, 16) aufgrund der Verfeinerungen humangenetischer Techniken ist es gelungen, ein breites Spektrum von Methoden und Techniken zur Vorhersage bestimmter - vor allem klinischer - Merkmale von zukünftigen Kindern zu entwickeln. Streng genommen stellen diese Techniken der medizinischen Prognostik zwar keine Eingriffe in das Leben per se dar, doch „sind sie ein integraler Bestandteil der technischen Kontrolle der menschlichen Reproduktion“ (Bayertz, 1987, 16). Der grundsätzliche Vorteil eines solchen „Eingriffs“ besteht darin, dass mögliche zukünftige Krankheiten, oder Krankheitsdispositionen frühzeitig erkannt und somit geeignete Massnahmen für ein prospektives Handeln ergriffen werden können. Die Zahl der diagnostizierbaren Krankheiten erhöht sich ständig und es ist leicht vorstellbar, dass mit der weiteren Entwicklung noch zahlreiche „weitere genetisch (mit-)determinierende Eigenschaften oder Dispositionen pränatal erkennbar werden“ (Bayertz, 1987, 16). Eine Handlung wird dann nötig, wenn effektiv eine Krankheit festgestellt wird. Die pränatale Diagnostik wird grundsätzlich bei allen Frauen durchgeführt, speziell jedoch bei schwangeren die über 35 Jahre alt sind, da deren Kinder ein erhöhtes Risiko auf das Down-Syndrom haben. Die am häufigsten angewandten Methoden sind die Ultraschalluntersuchung sowie die Fruchtwasserpunktion (Bayertz, 1987, 17). Ferner gibt es die Möglichkeit der Trophoblastenpunktion, die den Vorteil hat, schon in früherem Stadium Defekte des Fötus zu erkennen und somit eine mögliche Abtreibung schon in der 10. Woche durchgeführt werden kann und nicht erst ab der 18.
3.2. Die Genomanalyse
Es ist naheliegend, wenn man pränatal Krankheiten oder Krankheitsdispositionen erkennen kann, diese auch heilen will. Zur Zeit ist das nicht mit allen möglich. Aber mit
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der Beendigung der Entschlüsselung des menschlichen Genoms, haben sich neue Horizonte eröffnet. Die Gene sind entziffert und man hat herausgefunden für was jedes einzelne Gen im Körper zuständig ist, welche Funktion es erfüllt, oder erfüllen sollte. Die Genomanalyse führt somit zu Schlagwörtern wie „der g läserne Mensch“, „menschliche Gene à la carte“ oder „Aussonderung von Behinderten“ (Süssmuth, 1989, 3). Diese Schlagwörter rufen zu Recht negative Assoziationen hervor, die aber keineswegs in Panikmache enden dürfen.
Allerdings gibt es Grenzen, die man nicht überschreiten darf. Eine solche Grenze stellt die Eugenik dar, die im nächsten Abschnitt kurz beschrieben wird.
3.3. Die Eugenik
Gedanken zur Menschenzüchtigung gibt es schon seit jeher. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entsteht unter dem Namen Eugenik „eine Wissenschaftliche Disziplin, die mit dem Anspruch auftritt, die Möglichkeiten einer rationalen Steuerung der menschlichen Fortpflanzung systematisch zu erforschen und den Züchtigungsgedanken damit aus den Beschränkungen utopischer Projektmacherei herauszuführen“ (Bayertz, 1987, 43). Mit der Einführung des Begriffs Eugenik und dessen Aufnahme ins Repertoire der anerkannten Wissenschaften, kehrt man von utopischen Zielen - zum Beispiel jenes der Nachempfindung Spartas als die perfekte Gesellschaft - ab. Vielmehr wird sie mit ihren breit angelegten Bemühungen um die Popularisierung und einer politischen Realisierung mehr und mehr zu einer „wissenschaftlichen, sozialen und politischen Bewegung“ (Bayertz, 1987, 43).
Die ersten Gehversuche mit der modernen Eugenik wurden Mitte des 19. Jahrhunderts gemacht, als man sich vor einer Entartung der menschlichen Rasse fürchtete (Bayertz, 1987, 44). Die Bewegung fand zahlreiche und auch populäre Anhänger, darunter sogar Darwin, der im Normalfall relativ zurückhaltend war mit der Anwendung seiner weitsichtigen Theorien auf den Menschen. Ich zitiere eine Passage aus Darwins Buch „Die Abstammung des Menschen“ aus dem Jahre 1871, in dem es heisst: „Unter den Wilden werden die an Körper und Geist Schwachen bald eliminiert; die Überlebenden sind gewöhnlich von kräftigster Gesundheit. Wir zivilisierten Menschen dagegen tun alles mögliche, um diese Ausscheidung zu verhindern. Wir bauen Heime für Idioten, Krüppel und
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Arbeit zitieren:
Dario Bernardi, 2003, Die Reflexivität der Ärzte im Hinblick auf neue medizinische Verfahren mit speziellem Augenmerk auf die Humangenetik, deren Möglichkeiten, Chancen und Risiken, München, GRIN Verlag GmbH
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