Inhalt
1. Einleitung 3
2. Elemente einer identifikatorisch-affektiven Rezeptionshaltung 4
2.1. Anlegung als monologischer Briefroman 4
2.2. Vorwort erster Teil 5
2.3. Sprache und Satzbau Werthers 6
2.4. Leseverhalten Werthers 8
2.5. Neue Thematik und fehlende ästhetische Distanz 9
3. Elemente einer intellektuell-distanzierten Rezeptionshaltung 11
3.1. Vorwort zweiter Teil 11
3.2. Entwurf eines Modells der distanzierten Identifikation in den ersten Briefen 13
3.3. Herausgeber 14
3.4. Leseverhalten Werthers 16
3.5. Das Motiv der Krankheit 17
4. Resümee und kurzer Ausblick auf die 2 Fassung 19
5. Literaturverzeichnis 21
2
1. Einleitung
Die erste Fassung von Goethes Die Leiden des jungen Werthers erschien im Herbst 1774 und
wurde schlagartig zu einem großen Erfolg. „Die Wirkung dieses Büchleins war groß, ja
ungeheuer“ 1 , wie Goethe selbst bemerkte, jedoch war er mit dem Großteil der
zeitgenössischen Rezeption unzufrieden, da „von seinen Bewunderern, vorrangig der
jugendlichen Leserschaft, […] die Werther-Gestalt rasch vereinnahmt und bedenkenlos zum
Identifikationsobjekt gemacht [wurde]“ 2 . Genau das Gegenteil aber wollte Goethe mit der
Niederschrift der Werther-Geschichte erreichen: dass sich die an Hypochondrie leidende
Sturm und Drang-Generation – wie auch er selbst – durch die literarische Beschreibung der
Krankheit von selbiger distanziert und dadurch geheilt wird 3 . „Wie ich mich nun aber dadurch
erleichtert und aufgeklärt fühlte, die Wirklichkeit in Poesie verwandelt zu haben, so
verwirrten sich meine Freunde daran, indem sie glaubten, man müsse die Poesie in
Wirklichkeit verwandeln“ 4 , und so musste Goethe erkennen, „daß Autoren und Publikum
durch eine ungeheuere Kluft getrennt sind“ 5 .
Nach einer Einteilung von Monika Moravetz favorisiert jeder Briefroman entweder eine
identifikatorisch-affektive Wirkungsintention, bei der sich der Leser in das fiktive
Romangeschehen einfühlt und sich damit identifiziert, oder eine intellektuell-distanzierte
Wirkungsintention, die den Leser zur Reflexion und distanzierten Betrachtung der Handlung
anregt. 6 Hierbei stehen dem impliziten Autor verschiedene Textstrategien zur Verfügung, mit
denen er die Rezeption der Leser in die von ihm bevorzuge Richtung lenken kann. Dazu
gehören beispielsweise die Ausgestaltung der Mehrstimmigkeit im Roman entweder im Sinne
von Polyperspektivität oder von Auffächerung einer einheitlichen Position, die Ausgestaltung
von Identifikationsangeboten, die kompositorische Anordnung der Briefe oder die Funktion
des Herausgebers.
1 Goethe, Johann Wolfgang von: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Hrsg. von der deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Historisch-kritische Ausgabe bearbeitet von Siegfried Scheibe. Bd.
1: Text. Berlin: Akademie-Verlag 1970. S. 485.
2 Bunzel, Wolfgang: Rück-Wirkung: Goethes literarische Reaktion auf die Rezeption seines Romans Die Leiden des jungen Werthers. Eine historische Fallstudie als Baustein zu einer künftigen Theorie der Autor/Leser-Kommunikation. In: Spuren, Signaturen, Spiegelungen. Zur Goethe-Rezeption in Europa. Hrsg. von Bernhard Beutler und Anke Bosse. Köln/Weimar/Wien: Böhlau 2000. S. 129-167.
3 vgl.: Martin, Ariane: Die kranke Jugend. J.M.R. Lenz und Goethes Werther in der Rezeption des Sturm und Drang bis zum Naturalismus. Würzburg: Königshausen & Neumann GmbH 2002. S. 64f.
4 Goethe, J. W. v.: Dichtung und Wahrheit. S. 484.
5 Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Bd. IX. Mit Anmerkungen versehen von Erich Trunz, Textkritisch durchgesehen von Lieselotte Blumenthal. Hamburg: Christian Wegner Verlag 1955. S. 593. 6 vgl. für diesen Abschnitt:
Moravetz, Monika: Formen der Rezeptionslenkung im Briefroman des 18. Jahrhunderts. Richardsons Clarissa, Rousseaus Nouvelle Héloise und Laclos’ Liaisons Dangereuses. Tübingen: Gunter Narr Verlag 1990. S. 1-6, 25-43.
3
Wie ist es nun zu erklären, dass Publikum und Autor in Bezug auf Die Leiden des jungen Werthers ein verschiedenartiges Verständnis des Romans hatten? Die Differenzen zwischen der empirisch belegten zeitgenössischen und der von Goethe erwarteten Rezeption können sich damit begründen lassen, dass es in diesem Text sowohl Signale gibt, die bei den Lesern eine identifikatorisch-affektive Rezeptionshaltung gefördert haben, aber auch Elemente, die eine eher intellektuell-distanzierte Lektürehaltung – wie sie im Sinne Goethes gewesen wäre – nahe gelegt hätten. Hinweise auf die unterschiedlichen Wirkungsintentionen sollen im Folgenden aufgezeigt und ihre Wirkung beim Leser erklärt werden.
2. Elemente einer identifikatorisch-affektiven Rezeptionshaltung
2.1. Anlegung als monologischer Briefroman
Goethe hat Die Leiden des jungen Werthers als monologischen Briefroman angelegt. Anders als im polylogischen Briefroman, in dem sich mehrere Personen schriftlich äußern und dabei verschiedene Perspektiven vertreten können, was den Leser dazu auffordert, die verschiedenen Positionen gegeneinander abzugrenzen und sich nicht auf eine Perspektive festzulegen, stammen die wiedergegebenen Briefe im vorliegenden Fall ausschließlich von Werther selbst, wodurch sich der Blick des Lesers auf ihn konzentriert und eine Identifikation mit der Hauptfigur gefördert wird. 7 „Nolens volens übernehmen wir Werthers Sehweise, fühlen uns im Mit-fühlen, erkennen uns in ihm“ 8 . Auch Herausgeberanmerkungen und -
bericht, der ohnehin erst spät einsetzt, durchbrechen diesen Blickwinkel nicht nachdrücklich. „Der Leser kann viel tiefer in seine Seele eindringen, als es ihm bei den anderen Charakteren möglich ist“ 9 , die stets nur durch Dritte (Werther, Herausgeber) beschrieben oder
charakterisiert werden, sich aber nie selbst zu Wort melden und so etwas über ihr Seelen- oder Gefühlsleben aussagen könnten. Bei Werther hingegen konzentriert sich die Darstellung größtenteils auf sein inneres Erleben, seine Leidenschaft, seine Gefühlsausbrüche. Sie stehen für ihn im Mittelpunkt des Daseins, äußere Handlung indessen wird nur selten geschildert. Der tiefe Einblick in das Gefühls- und Seelenleben Werthers, dem sich der Rezipient kaum entziehen kann, sowie das Miterleben seiner Leidenschaft fördern das Einfühlen in die Hauptperson und damit die Identifikation mit selbiger.
Reiss, Hans: Goethes Romane. Bern/München: Francke Verlag 1963. S. 15-71.
Waniek, Erdmann: Werther lesen und Werther als Leser. In: Goethe Yearbook 1 (1982). S. 51-85. 8 Waniek, E.: Werther lesen und Werther als Leser. S. 54.
9 Reiss, H.: Goethes Romane. S. 17.
4
Die Briefe Werthers kommen Tagebucheinträgen nahe. Die Folge oft unzusammenhängender, kurzer und eben tagebuchähnlicher Aufzeichnungen ist ein Zeichen für die Spontaneität des Aufschreibens, Werther gibt sein Erleben zeitnah und mit all den damit verbundenen Gefühlen und Leidenschaften wieder. Durch diese Unmittelbarkeit des schriftlichen Fixierens ohne vorherige Ordnung oder Reflexion des Geschehenen, was auch durch Werthers eigene Aussage gestützt wird, er sei „kein guter Historienschreiber“ 10 , wird die Distanz zwischen Erlebtem und Fixiertem verkürzt 11 . Der Leser hat den Eindruck, dem Geschehen selbst in
diesem Moment beizuwohnen, er erlebt alle Leidenschaft Werthers im Augenblick des Empfindens mit, was eine Identifikation mit der Figur Werther abermals fördert. Diese Lebensnähe des Buches förderte im Rahmen der Nachahmung Werthers auch den so genannten Wertherkult, der sich beispielsweise in Wallfahrten zu seinem Grab oder dem Tragen der im Buch beschriebenen Werthermode niederschlug.
Der eigentliche Adressat der meisten Briefe Werthers, sein Freund Wilhelm, „bleibt […] eine blasse Chiffre, und so drängt das Fehlen eines als fiktive Gestalt faßbaren Empfängers den Leser umsomehr in die Rolle des Gegenübers“ 12 . Antwortbriefe fehlen, und so tritt der Leser
in die Position des antwortenden Freundes und wird durch diese Intentionalität direkt in das Romangeschehen mit einbezogen. Werther in den Antwortbriefen allerdings zu widersprechen, ist dem Rezipienten kaum möglich, schließlich nimmt er oftmals mögliche Einwände oder Kritik an seinen Aussagen vorweg und entkräftet sie dadurch von Beginn an 13 .
2.2. Vorwort erster Teil
Eine einfühlende, identifikatorische Rezeptionshaltung wird in den ersten beiden Sätzen des Herausgebervorwortes der ersten Wertherfassung entworfen und vom Leser gefordert: 14
Was ich von der Geschichte des armen Werthers nur habe auffinden können, habe ich mit Fleiß gesammlet, und leg es euch hier vor, und weis, daß ihr mir’s danken werdet. Ihr könnt seinem Geist und seinem Charakter 10 Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werthers. Leipzig 1774. Mit einem Kommentar von Wilhelm Große. (Suhrkamp BasisBibliothek 5). Frankfurt am Main: Suhrkamp 1998. S. 19. (Brief vom 16. Juny) 11 vgl.: Vosskamp, Wilhelm: Dialogische Vergegenwärtigung beim Schreiben und Lesen. Zur Poetik des Briefromans im 18. Jahrhundert. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 45 (1971). S. 80-116.
12 Waniek, E.: Werther lesen und Werther als Leser. S. 56.
13 vgl. exemplarisch die Briefe vom 8. August (Goethe, J. W. v.: Die Leiden des jungen Werthers. S. 45f) oder 11. Juni (S. 79).
14 vgl. für dieses Kapitel:
Waniek, E.: Werther lesen und Werther als Leser. S. 51-85.
5
eure Bewunderung und Liebe, und seinem Schicksaale eure Thränen nicht versagen. 15
Der Herausgeber suggeriert dem Leser gleich zu Beginn des Romans sein Einverständnis mit der Sammlung der nachfolgenden Briefe, denn er „weis, daß ihr mir’s danken werdet“ 16 . Die
Legitimation zur Veröffentlichung wird gewissermaßen vom zustimmenden Publikum gegeben, Motivation seiner Tätigkeit ist für den Herausgeber die Anerkennung der Leserschaft. Durch das Vorwort wird der Leserschaft darüber hinaus von vornherein eine Übereinstimmung von Lesererwartung und Herausgeberintention vorgegeben, Widerspruch wird in diesem Punkt von Anfang an erschwert. Warum auch sollte der Leser Einwände erheben? Schließlich wird „das mitfühlende Erleben als Positivum postuliert“ 17 , der Zweck
des Romans, dem Leser mitleidende Empfindsamkeit nahe zu bringen, als ein zu befürwortender dargestellt, auch wenn er „nicht auf aufklärerischer oder pietistischer Grundlage nutzbringende Unterweisung im rechten Leben oder Erbauung verspricht“ 18 . So
werden dem Leser gleich zu Beginn das Einfühlen in die Hauptfigur und das Geschehen als etwas Positives vorgestellt, was eine identifikatorisch-affektive Lesehaltung bei den Zeitgenossen sicherlich förderte.
Diese Rezeptionshaltung wird auch im zweiten Satz des Vorwortes weiter untermauert. Dort wird zunächst zwischen Werthers ‚Geist’/‚Charakter’ und seinem ‚Schicksaale’ unterschieden. Hierbei wird vom Leser die ganze Bandbreite seiner Gefühle gefordert, die er der Hauptfigur gar nicht erst versagen kann: positive Empfindungen wie ‚Bewunderung’ und ‚Liebe’ für die Person Werther, aber auch das negative Gefühl der Trauer angesichts seines Schicksals, verbunden mit ‚Thränen’. Damit sollen zwei Absichten erfüllt werden: „Zum einen wird die Distanz zwischen Leser und Charakter/Geschichte auf ein Minimum reduziert, zum andern wird Einfühlung als Mittel der Belehrung zur Identifikation […] hochgeschraubt“ 19 .
2.3. Sprache und Satzbau Werthers
Die Leiden des jungen Werthers sind geprägt von der äußerst lebendigen und gefühlsbestimmten Sprache der Hauptfigur Werther, die den Leser direkt in das Geschehen 15 Goehte, J. W. v.: Die Leiden des jungen Werthers. S. 7.
16 Goethe, J. W. v.: Die Leiden des jungen Werthers. S. 7.
17 Waniek, E.: Werther lesen und Werther als Leser. S. 53.
18 Waniek, E.: Werther lesen und Werther als Leser. S. 53.
19 Waniek, E.: Werther lesen und Werther als Leser. S. 54.
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Quote paper:
Julia Hohm, 2006, Elemente einer identifikatorisch-affektiven und intellektuell-distanzierten Rezeptionshaltung in "Die Leiden des jungen Werther", Munich, GRIN Publishing GmbH
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