Inhalt:
I. Einführung: Zum Hintergrund dieser Arbeit 3
II. Zur Entwicklung männlicher und weiblicher Gehirne 4
III. Mögliche Ursachen von Bildungsbenachteiligung qua Geschlecht:
Geschlecht in pädagogischen Feldern 6
III.1. Jungen und Mädchen in der Familie 6
III.2. Jungen und Mädchen in Kindertageseinrichtungen 7
III.3. Schulleben: Lehrer innen 9
III.5. Interaktionen und soziales Verhalten in der Schule 13
IV. Lösungsansätze: Von der Familie bis zum Abschluss 15
V. Schlussfolgerungen 17
LITERATUR 19
2
I. Einführung: Zum Hintergrund dieser Arbeit
Im Jahr 2000 veröffentlichten der Stern unter dem Aufmacher „Jungs - das schwache Geschlecht“ 1 und zwei Jahre später der Spiegel mit dem Titel „Schlaue Mädchen, dumme Jungen“ 2 als die ersten beiden großen Wochenzeitschriften Artikel mit der These, dass Jungen in der Schule von den Mädchen überholt würden. Diese These wird seither in den Medien stetig reproduziert, auch der Bundestag beschäftigte sich mit der „Verbesserung der Zukunftsperspektiven von Jungen“ 3 , wie eine Kleine Anfrage der CDU-Fraktion im Jahre 2004 lautete. Erst vor einigen Monaten veröffentlichte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) dann endlich eine längere Expertise zur Frage der „Bildungs(miss)erfolge von Jungen“ 4 , welche vor allem schon vorhandene Literatur, wie die PISA-, LAU- und IGLU-Studien, aber auch Fachliteratur aus den Gender Studies und erziehungswissenschaftlichen Bereichen analysierte. In der Tat schienen einige Befürchtungen in dieser Studie belegt zu werden, zum Beispiel, dass Jungen bei gleichem Notendurchschnitt seltener eine Gymnasialempfehlung erhielten und dass sie bei gleichen Leistungen schlechter benotet werden; eine regelrechte „Welle“ der Empörung schickte sich an. In feministischen Blogs mehrten sich die Anschuldigungen, der Feminismus habe sein „Ziel“ erreicht: Die Jungen seien unterdrückt.
Doch auch die Sekundäranalyse des BMBF lässt viele Fragen, vor allem nach den Ursachen, erst recht aber nach den möglichen Lösungen der von Autor Budde skizzierten Benachteiligungen, offen. Budde lässt aber keinen Zweifel daran, dass nicht nur die Jungen, sondern auch die Mädchen qua Geschlecht von Erziehenden
1 Stern Nr. 24/2000 in: Rose/Schmauch 2005.
2 Spiegel Nr. 21/2002 in: ebd.
3 Deutscher Bundestag, Drucksache 15/3516 (29.06.2004)
4 Budde / BMBF 2008
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wie Lehrer_innen, aber auch Eltern und Erzieher_innen in der Leistungserwartung unterschiedlich eingestuft werden, unabhängig von ihrem tatsächlichen Können. So werden Mädchen beispielsweise in den Fächern Mathematik, Physik und Informatik von Lehrer_innen als weniger talentiert eingestuft 5 . Nach der Schule ergreifen Jungen dann wie selbstverständlich karriere- und prestige-orientierte Berufe, sie überholen die Mädchen trotz deren besseren Abschlüssen. 6
Auch wenn die Medien das Thema erst „neu entdeckt“ haben wollen, in der Literatur wird es seit über einem Jahrzehnt thematisiert. Diese Arbeit beschäftigt sich mit verschiedenen Veröffentlichungen von Wissenschaftler_innen und Autor_innen, die sich in den vergangenen 15 Jahren mit der Frage nach Geschlecht und Erziehung auseinandergesetzt haben und wird die von ihnen angeführten möglichen Ursachen von Bildungsbenachteiligung qua Geschlecht, sowie ein knappe Zusammenstellung ihrer Lösungsansätze liefern. Da sowohl in der öffentlichen Debatte, als auch in der jüngeren wissenschaftlichen Literatur die Jungenfrage eine größere Bedeutung zugestanden bekommen hat, auch aufgrund der Tatsache, dass Mädchen- und Frauenbildung schon seit den 70ern thematisiert wurde, die Jungen- und Männerbildung aber ein Schattendasein gefristet hat, wird sich meine Arbeit überproportional mit den Problemen der Jungen in Kindertagesstätten und Schule beschäftigen und manchmal nur knapp die der Mädchen abhandeln. Dieser Schwerpunkt ist aus oben genanntem Grund durchaus gewollt. Dennoch möchte ich darauf hinweisen, dass es unsinnig ist, die Frage nach der Benachteiligung von Jungen getrennt von der Frage nach der Benachteiligung von Mädchen zu betrachten, sondern als Kern-Problem die Frage nach den nach wie vor vorhandenen Geschlechtsrollenzuweisungen auf allen Ebenen der Kindererziehung zu sehen ist.
II. Zur Entwicklung männlicher und weiblicher Gehirne
Um die möglichen Ursachen einer Bildungsbenachteiligung von Jungen und Mädchen zu ergründen, ist ein kleiner Exkurs in die aktuellen neurowissenschaftlichen Erkenntnisse nötig. Denn die Frage, ob Jungen und
5 ebd.
6 Budde in: Zeitschrift für Frauenforschung und Geschlechterstudien, Heft 1/2008 (S. 69-81)
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Mädchen unterschiedlich denken und lernen, und wenn ja: ob von Anfang an, oder erst durch unterschiedliche Sozialisation und Erziehung, spielt eine entscheidende Rolle bei der Suche nach Lösungsansätzen. Die aktuelle Neurobiologie geht mittlerweile davon aus, dass die Gehirne von Mädchen und Jungen sich bereits im Mutterleib unterschiedlich entwickeln. Als Grund dafür wird die starke Ausschüttung des Hormons Testosterons bei Jungen und der Hormone Östrogen und Progesteron bei Mädchen schon als Föten genannt. 7 Dies habe zur Folge, dass Jungen bereits vorgeburtlich eine stärker differenzierte rechte Gehirnhälfte haben, die später für das räumliche Denken verantwortlich ist; Mädchen haben währenddessen ein weniger lateralisiertes Gehirn, so nutzen sie später beim Sprechenlernen eher beide Gehirnhälften, als Jungen. Diese Erkenntnisse werden von der amerikanischen Neurowissenschaftlerin und Psychologin Louann Brizendine unterstützt 8 . Neurobiologe Gerald Hüther kommt daher zur Schlussfolgerung, dass Jungen und Mädchen unterschiedliche Bedürfnisse an ihre Umgebung hätten. Männliche Gehirne seien von Anfang weniger stabil und konstitutionell schwächer, als die der Mädchen. Jungen kämen daher im Durchschnitt etwas empfindlicher zur Welt, als Mädchen. Zudem hätten sie größere Schwierigkeiten bei der Aneignung neuronal komplexer Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster. 9 Dennoch betont auch Hüther: „Weder die genetischen Programme, noch die sich entwickelnden Gehirne von Männern und Frauen „wissen“, wie ein männliches bzw. weibliches Gehirn herauszubilden ist. In viel stärkerem Maß als bisher angenommen strukturieren sich das Gehirn von Männern und Frauen anhand der sich für beide Geschlechter ergebenden unterschiedlichen ‚Nutzungsbedingungen’“. Hüther hebt damit das soziale Umfeld der Kinder als starken Einflussfaktor hervor und dass dieses ausschlaggebend für die spätere Entwicklung des Gehirnes sei. Dennoch betont er, dass Jungen mehr Liebe und Halt-bietende Orientierungsangebote benötigten, als Mädchen. Die Gehirne von Mädchen und Jungen sind also von Anbeginn ein wenig verschieden, doch wichtiger für ihre Entwicklung, so glaubt auch die moderne
7 Hüther 2008
8 Brizendine 2007
9 Hüther 2008
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Neurowissenschaft, ist die tatsächliche Nutzung, sind die Reize und Anregungen aus der Umgebung der Kinder. Es wird zu klären sein, wie die (Lern-) Umgebungen von Kindern diesem Anspruch nachkommen bzw. indem sie ihm nicht nachkommen zu einem Bildungsmisserfolg führen können.
III. Mögliche Ursachen von Bildungsbenachteiligung qua Geschlecht: Geschlecht in pädagogischen Feldern
III.1. Jungen und Mädchen in der Familie
Hannelore Faulstich-Wieland führte im Jahr 1992 eine Befragung zu den Erziehungszielen für Mädchen und Jungen durch, für die 3001 Frauen im Alter von 16 bis 59 Jahren interviewt wurden 10 . Die fünf wichtigsten Erziehungsziele für Mädchen, die in dieser Studie genannt wurden waren: „Zärtlichkeit, Selbständiges Denken, Aufgeschlossenheit, Hilfsbereitschaft und Haushaltsführung“, in dieser Reihenfolge. Jedes von ihnen erhielt jeweils über 60% Zustimmung. Für Jungen ergaben sich folgende Ziele: „Selbständiges Denken, Durchsetzungsvermögen, Ehrgeiz, Flexibilität und Wissensdurst.“ Auch hier stimmten über 60% der befragten diesen Kriterien zu. Hingegen strebten bei Jungen nur unter 20% „Handarbeiten, Haushaltsführung und Bescheidenheit“ an, bei den Mädchen entsprach dies den Zielen „Handwerkliches Können, Technikverständnis, Bescheidenheit“. Im Vergleich mit den Jungen gaben die befragten Frauen die Ziele „Zivilcourage, Konfliktfähigkeit, politisches Interesse“ als weniger wichtig für Mädchen an.
Faulstich-Wieland interpretierte hieraus, dass die Erziehung der Mädchen im Gegensatz zur Jungenerziehung weniger auf die Befähigung zur Auseinandersetzung ausgerichtet sei. Zwar ist diese Befragung schon über 15 Jahre alt, doch die Ergebnisse aktuellerer Studien belegen, dass Jungen und Mädchen bis heute unterschiedlich erzogen werden. Die Expertise des BMBF, „Bildungsmisserfolge von Jungen“ 11 , zitiert eine Studie von Valtin, Wagner und Schwippert (2006), der zufolge Jungen von ihren Eltern weniger Leseförderung
10 Faulstich-Wieland 1995; S. 98-103
11 Budde / BMBF 2008, S. 16/17
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Arbeit zitieren:
Katrin Rönicke, 2008, Bildungsbenachteiligung qua Geschlecht, München, GRIN Verlag GmbH
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