I
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis I
1 „Leben und Zugrundegehen“ 1
2 Allgemeine Überlegungen zur Todesthematik im Werk von Anna Seghers 8
3 Werkanalyse 13
3.1 Frühwerk - Die Flucht aus dem gewöhnlichen Leben. 14
3.1.1 Grubetsch - „Gewöhnliche Tode“ 18
3.1.1.1 Anna. 20
3.1.1.2 Grubetsch 24
3.1.2 Aufstand der Fischer von St. Barbara - Selbstverwirklichung im
Moment des Todes. 29
3.1.2.1 Kedennek 33
3.1.2.2 Andreas Bruyn. 36
3.1.2.3 Marie. 38
3.1.3 Die Gefährten - Tod als Märtyrer 41
3.1.3.1 Märtyrer 44
3.2 Exilwerk - „Der eiserne Bestand“ 48
3.2.1 Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok - Tod und Freiheit 51
3.2.2 Das siebte Kreuz - Der Tod als Prüfstein humaner Werte. 57
3.2.2.1 Bachmann und Wallau. 60
3.3 Spätwerk - Die Suche nach der Identität 66
3.3.1 Der Prophet - Selbstbehauptung im Tod. 69
3.3.2 Überfahrt - Tod durch Identitätsverlust 73
4 Die zukunftsweisende Funktion des Todesmotivs im Werk von Anna
Seghers 79
Literaturverzeichnis II
1 „Leben und Zugrundegehen“ 1
„Nur in Zeiten, in denen gar nichts mehr möglich ist, geht das Leben wie ein Schatten dahin. Doch in den Zeiten, in denen das Ganze möglich wird, steckt schlechthin alles Leben und Zugrundegehen.“ 2
Wie kann man von diesen Zeilen auf Anna Seghers’ Verständnis von Leben und Tod schließen?
Zunächst einmal sind hier zwei verschiedene Formen des Daseins beschrieben: In Zeiten, die keine Hoffnung auf eine Entwicklung oder Besserung zulassen, in denen das Leben des Einzelnen derart eingeschränkt und in seiner persönlichen Entfaltung durch äußere Zwänge behindert wird, siecht das Leben bedeutungslos „wie ein Schatten dahin“ 3 . In Zeiten, die jedoch Raum für Veränderung bieten, nimmt das Leben des Einzelnen die unterschiedlichsten Formen an. Aus der Gewissheit, dass in solchen Zeiten gänzlich alles möglich wirddie persönliche Verwirklichung eines erfüllten Lebens gleichermaßen wie ein absolutes Scheitern - resultiert ein starkes Lebensgefühl, durch welches das Dasein einen Sinn erhält.
Wirft man einen Blick auf das Leben und Werk von Anna Seghers als einer Autorin mit sozialistischem Hintergrund, stößt man unwiderruflich auf den Gedanken an Revolution und sozialen Kampf, den sie hinter der Formulierung „Zeiten, in denen das Ganze möglich wird“ 4 , verbirgt. Im Laufe dieser Arbeit wird das eingangs angeführte Zitat erneut aufgegriffen, um dann genauer auf den hier dargestellten Bedeutungszusammenhang zwischen Leben und Tod eingehen zu können.
Die Thematik des Todes im Werk von Anna Seghers fand innerhalb der Seg-hers-Forschung bisher kaum Beachtung. Konkret äußert sich nur Friedrich Alb-
1 Seghers, Anna: Das siebte Kreuz. Roman aus Hitlerdeutschland. Hrsg. v. Helen Fehervary und Bernhard Spies. Berlin: Aufbau-Verlag, 2000 (Anna Seghers. Werkausgabe; Das erzählerische Werk 1 /4), S. 369.
2 Ebd.
3 Ebd.
4 Ebd.
recht in seinem Aufsatz „Zur Todesproblematik bei Anna Seghers“ 5 zu diesem Aspekt ihrer Werke. Ob es sich um den Tod eines kommunistischen Revolutionärs, eines einfachen Bauern gegen seine Unterdrücker oder um das Sterben eines antifaschistischen Widerstandskämpfer handelt - meist ist der Tod in den Werken von Anna Seghers untrennbar mit dem Schicksal ihrer Figuren ver-bunden. Angesichts dieser Häufigkeit müsste das mangelnde Interesse an der Todesthematik im Werk von Anna Seghers verwundern. Albrecht erklärt dies damit, dass der Tod schließlich „zu den Grundtatsachen menschlicher Existenz“ gehöre und somit „eine Erzählerin, die sich derart entschieden immer wieder in die Brennpunkte der Kämpfe unseres Jahrhunderts - und frühere[r] dazu - begibt“ 6 , dem Sujet Tod zwangsläufig immer wieder begegne. Beschäftigt man sich aber mit dem Gesamtwerk von Anna Seghers, fällt nicht nur die Vielzahl der beschriebenen Todesszenen auf, sondern vor allem die Hingabe, mit der sie sich der Gestaltung dieser Momente widmet. Auch Christiane Zehl Romero misst dem Todesmotiv, zumindest in den frühen Erzählungen von Anna Seghers, eine zentrale Rolle in deren Werk bei, wenn sie darauf hinweist, dass „das Todesmotiv im Werk vielfältigere Dimensionen annahm“ und „nie verschwand.“. 7 Leider ist es nicht möglich auf Autorenkommentare zurückzugreifen, die Aufschluss darüber geben würden, worin für Anna Seghers die eigentliche Bedeutung des Todes lag. Betrachtet man die Werke in ihrer Gesamtheit, sind jedoch klare Gemeinsamkeiten in der Gestaltung der Sterbemomente zu erkennen, die einige Grundüberlegungen von Anna Seghers hinsichtlich der Behandlung dieses Themas deutlich machen. Die besondere Sorgfalt der Autorin bei der literarischen Gestaltung des Todes rechtfertigt eine genaue Untersuchung der Frage, welche Haltung zum Tod sich wirklich hinter den Werken verbirgt.
Ziel dieser Untersuchung ist es somit nicht nur, die Sterbemomente in ihrer Vielschichtigkeit und Häufigkeit zu betonen, sondern vor allem zu hinterfragen, was Anna Seghers in der Gestaltung des Todes immer wieder zum Aus- 5 Albrecht, Friedrich: Zwischen den Grenzpfählen der Wirklichkeit. Zur Todesproblematik bei Anna Seghers. In: Friedrich Albrecht: Bemühungen. Arbeiten zum Werk von Anna Seghers 1965 - 2004. Bern: Lang-Verlag, 2005, S. 233 - 260.
6 Albrecht: Zur Todesproblematik, S. 233.
7 Zehl Romero, Christiane: Anna Seghers. Eine Biographie 1900-1947. Berlin: Aufbau- Verlag, 2000, S. 68f.
druck bringt. Dabei spielt ihr politisches Interesse eine gleichermaßen große Rolle, wie die ständig wechselnden Lebensumstände der Autorin. Die im Folgenden untersuchten literarischen Werke weisen zwar keine autobiographische Prägung auf, die einen uneingeschränkten Rückschluss von literarischer Fiktion auf ihre Person möglich werden ließe. Wie diese Untersuchung jedoch nachweisen wird, gewähren die Todesmomente in Anna Seghers’ Werken zweifelsfrei immer wieder Einblicke in ihre persönlichen Gedanken. Es ist somit anzunehmen, dass eigene Erfahrungen und Überlegungen in ihre Werke miteinflossen und daher ein biographischer Hintergrund in die Interpretation ihrer Werke und der darin auftretenden Tode miteinbezogen werden kann. 8 Christa Wolf charakterisierte Anna Seghers einmal mit den Worten: „Anna Seghers: Deutsche, Jüdin, Kommunistin, Schriftstellerin, Frau, Mutter.“ 9 Vor allem ihr kommunistischer Standpunkt war es, der ihr Erleben zeitgeschichtlicher Realität vorrangig prägte. Ihre Mitgliedschaft in KPD und Bund für proletarisch- revolutionäre Schriftsteller wie auch ihr Dasein als Ehefrau eines später kurzzeitig im Konzentrationslager internierten ungarischen Kommunisten ließen Anna Seghers ihre Epoche von einem marxistisch orientierten Weltbild aus betrachten. Diese Arbeit geht daher davon aus, dass ihre Auffassung von Leben und Tod entscheidend von ihrer Anhängerschaft der kommunistischen Partei Deutschlands und ihrer sozialistischen Überzeugung geprägt wurde. Will man die Bedeutung des Todes im Werk von Anna Seghers erfassen, ist es in Anbetracht ihres kommunistischen Hintergrundes unerlässlich, die marxistische Todesdeutung in diese Untersuchung miteinzubeziehen und zu überprüfen, inwieweit Anna Seghers’ Darstellungen diesem Bild entsprechen. Daneben wurde ihr Weltbild durch ein starkes Interesse an den Philosophen Karl Jasper, Sören Kierkegaard sowie Edmund Husserl geprägt. 10 Anhand der Werkanalyse wird sich zeigen, dass sich vor allem in dem Todesbegriff ihrer
8 Vgl. Spies, Bernhard: Wo kommen die Geschichten her? Wirklichkeitserfahrung, gesellschaftliche Zielvorstellungen und die Ästhetik des Erzählens bei Anna Seghers. In: Argonautenschiff 10 (2001), S. 129-144 zum „inneren Motivkomplex der Anna Seghers“.
9 Wolf, Christa: Gesichter der Anna Seghers. Zu einem Bildband. In: Christa Wolf. Anna Seghers. Das dicht besetzte Leben. Briefe, Gespräche und Essays. Hrsg. v. Angela Drescher. Berlin: Aufbau-Verlag, 2003, S. 166 - 173, hier S. 168.
10 Vgl. Suhl, Nicole: Anna Seghers: Grubetsch und Aufstand der Fischer von St. Barbara. Literarische Konstrukte im Spannungsfeld von Phänomenologie und Existenzphilosophie. Frankfurt a.M. (u.a.): Lang-Verlag, 2002 (Hamburger Beiträge zur Germanistik; Bd.36, zugleich phil. Diss. Hamburg 2001), S. 20-32 zum Bestand der Privatbibliothek von Anna Seghers. Siehe auch Zehl Romero: Anna Seghers. 1900-1947, S. 105.
Frühwerke die Kerngedanken ihrer früheren Dozenten Karl Jaspers und Sören Kierkegaards wiederfinden. Da Anna Seghers den Tod jedoch nie zu dem eigentlichen Thema ihrer Werke gemacht hat, verfolgte sie auch nie das Ziel einer Problematisierung des Todes vor dem Hintergrund der philosophischen Frage nach seinem Sinn.
Neben den genannten persönlichen und politischen Komponenten, die in die Interpretation des Todesthemas innerhalb dieser Arbeit miteinbezogen werden, spielt der zeitgeschichtliche Hintergrund des Schaffens von Anna Seghers eine wichtige Rolle. In einem durch zwei Weltkriege, das Aufkommen von Massenvernichtungswaffen und der sozialistischen Revolution gezeichneten Jahr-hundert sah sich der Mensch mit der Frage konfrontiert, welchen Wert dem Leben des Einzelnen in Zeiten des Massenmordes noch beigemessen werden kann. Da Anna Seghers in ihren Werken immer wieder Fragen und Probleme ihrer Zeit aufgriff, weisen auch die Todesdarstellungen zeitgeschichtliche Bezüge auf. Weil sich das Zeitverständnis von Anna Seghers vor allem in dem von ihr entworfenen Menschenbild äußert und sich dieses mit den Veränderungen der Realität weiterentwickelte, 11 geht die Untersuchung der Todesbedeutung in ihren Werken eng mit der Darstellung ihres humanistischen Konzepts einher.
Neben der Frage, welche politischen, persönlichen oder zeitgeschichtlichen Beweggründe Anna Seghers dazu veranlasst haben könnten, sich so häufig mit dem Tod in ihren Werken zu befassen, gilt es zu überprüfen, ob sie sich innerhalb der Todesproblematik an literarischen Vorbildern orientiert oder an zeitgenössische Todesrezeptionen angelehnt hat.
Um sich diesen Grundgedanken zu nähern, ist es hilfreich, einen kurzen Überblick darüber zu geben, wie dieses Thema im Spiegel der zeitgenössischen Literatur behandelt wurde, um zu hinterfragen, inwiefern sich die Darstellung des Todes bei Anna Seghers innerhalb dieser Todesrezeptionen einordnen lässt. Viele Autoren des 20. Jahrhunderts versuchten, über die Behandlung des Todesthemas die krisenüberschatteten Ereignisse ihrer Zeit aufzugreifen. Bereits geschilderte Erfahrungen, wie die des Ersten und Zweiten Weltkrieges und dem damit aufkommenden Tod durch Massenvernichtungswaffen, lassen die
11 Vgl. Batt, Kurt: Anna Seghers. Versuch über Entwicklung und Werke. Frankfurt a. M.: Röderberg-Verlag, 1973.
literarischen Todesdarstellungen dieser Zeit oftmals illusionslos und grausam erscheinen. Den von den Autoren des 20. Jahrhundert oftmals aufgegriffenen Darstellungen eines grausamen Todes auf dem Schlachtfeld, des leidvollen Sterbens im Lazarett oder eines quälenden Hungertodes liegt immer eine möglichst wirklichkeitsgetreue Beschreibung zugrunde. Thomas Anz spricht von „der klinisch-wissenschaftlichen Kälte des Sterbemilieus“ 12 , mit welcher der Tod im 20. Jahrhundert zum Thema innerhalb der Literatur gemacht worden sei. Durch die als Folge der Urbanisierung geschaffene Anonymität des Lebens in den Großstädten tritt der Tod im Laufe des 20. Jahrhunderts dann in einer neuen Rolle in den Blickpunkt der Literatur: „Der Tod als Befreier der Menschen, die keinen anderen Ausweg aus dem Dasein in einer inhumanen Gesellschaft sehen.“ 13 In Ansätzen ist dieser Gedanke auch im Werk von Anna Seghers zu erkennen, wenn sie den Tod eines Menschen als dessen Befreiung aus dem gewöhnlichen Alltag beschreibt. Jedoch liegt dieser Darstellungsform des Todes eher ihre Auseinandersetzung mit der Frage zugrunde, wann es dem Einzelnen innerhalb der Gemeinschaft möglich ist, seine Individualität zu bewahren. Oftmals gelingt es ihren Figuren erst im Moment des Todes, das gewöhnliche Leben, welches sich nie von den anderen Lebensläufen dieser Zeit unterschied, endlich individuell werden zu lassen. Eine nähere Anlehnung an zeitgenössische Todesrezeptionen ist im Werk von Anna Seghers nicht erkennbar. Ihre Ausführungen haben nichts gemein mit den wirklichkeitsgetreuen Sterbeszenen, die im Realismus oder Naturalismus zum Tragen kommen. 14 Obwohl ihre Figuren meist einen gewaltsamen Tod sterben, erleben sie ihn nicht als einen Moment der Schmerzen, Niederlagen und Desillusionierung, sondern als einen Augenblick der Stärke und Selbstverwirklichung. Ihre vielmehr ästhetischen Todeskonzeptionen lassen Anna
12 Anz, Thomas: Der schöne und der häßliche Tod. Klassische und moderne Normen literarischer Diskurse über den Tod. In: Klassik und Moderne. Die Weimarer Klassik als historisches Ereignis und Herausforderung im kulturgeschichtlichen Prozeß. Hrsg. v. Karl Richter und Jörg Schönert. Stuttgart: Metzler-Verlag, 1983, S. 409-432, hier S. 423.
13 Daemmrich, Horst S. und Ingrid: Tod. In: Themen und Motive in der Literatur. Ein Handbuch. Tübingen: Francke-Verlag, 1987, S. 314-318, hier S. 316.
14 Vgl. auch Joist, Alexander: Auf der Suche nach dem Sinn des Todes. Todesdeutungen in der Lyrik der Gegenwart. In: Theologie und Literatur. Hrsg. v. Karl-Josef Kuschel und Georg Langenhorst. Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag, 2004 (Theologie und Literatur; Bd. 18). S. 29-37 zu damals typischen Darstellungen des Kriegstodes innerhalb der expres- sionistischen Lyrik, welche im Kontext des Ersten Weltkrieges aufkamen.
Seghers nicht in der besagten Tradition ihrer Schriftstellerkollegen erscheinen. 15
Innerhalb der Interpretation des Todes bei Anna Seghers hilft damit weder der Blick auf zeitgenössische Todesrezeptionen weiter, noch sind merkliche Bezüge zu literarischen Todesbildern älterer Werke zu erkennen. Obwohl Anna Seghers die Bedeutung großer literarischer Vorbilder für ihr eigenes Schaffen immer wieder hervorhob 16 , weisen ihre Todesdarstellungen allenfalls Parallelen zur klassischen und romantischen Literatur auf, wenn diese innerhalb des Todesphänomens eine Selbstverwirklichung des Menschen zum Ausdruck bringt. 17 Im Laufe der literarischen Moderne entstandenen „Todesbilder von desillusionierender Hässlichkeit“ 18 , wie sie dem Leser etwa in den „Buddenbrooks“ von Thomas Mann begegnen. Hier wird der „hässliche Tod“ 19 gegenüber einem Leben in Würde und Ästhetik hervorgehoben. Eine solche Todesdarstellung unterscheidet sich stark von der bei Anna Seghers betonten Ästhetik des Todes. Auch ein Blick auf Rilkes „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, durch den die literarische Auseinandersetzung mit dem Tod maßgeblich vorangetrieben wurde, lässt zwar den gemeinsamen Gedanken einer durch den Tod gewonnenen Identität erkennen, weist jedoch sonst keine merkliche Ähnlichkeit zu Anna Seghers’ Todesbildern auf. 20 Auf einen Autor, dessen Werke sie, wie sie eigens betonte, nachhaltig prägten, soll jedoch verwie- 15 Vgl. Ariès, Philippe: Geschichte des Todes. München und Wien: Carl Hanser-Verlag, 1980, S. 397f. zur Ästhetisierung des Todes.
16 Vgl. Anna Seghers. Eine Biographie in Bildern. Hrsg. v. Frank Wagner (u.a.). Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag, 1994, S. 50: „Das Tagebuch von Tolstoi hatte ich ziemlich genau gelesen. Von deutschen Autoren machten besonders Eindruck auf mich: Büchner, die Novellen von Kleist, die Prosa von Heine, Volksmärchen usw.“.
17 Vgl. Schneider, Christian Immo: Das Todesproblem bei Hermann Hesse. Marburg: Elwert-Verlag, 1973 (Marburger Beiträge zur Germanistik; Bd. 38), S. 15 zur Auslegung des Todes im klassisch-ethischen Humanitätsgedanken.
18 Vgl. Anz: Der schöne und der häßliche Tod. In: Klassik und Moderne, S. 422: Er stellt die Gegenüberstellung des schönen und des hässlichen Todes als ein Grundcharakteristikum des Beginns der literarischen Moderne dar.
19 Zur Bedeutung des Todes bei Thomas Mann, siehe Grote, Katja: Der Tod in der Literatur der Jahrhundertwende. Der Wandel der Todesthematik in den Werken Arthur Schnitzlers, Thomas Manns und Rainer Maria Rilkes. Frankfurt a.M. (u.a.): Europäischer Verlag der Wissenschaften, 1996, S. 83-110 am Beispiel seines Romans “Die Buddenbrocks“.
20 Vgl. Anz: Der schöne und der häßliche Tod. In: Klassik und Moderne, S. 423: Rilkes Bemühung lag darin, dem „anonymen und technisierten Sterben in der veränderten Welt einer Großstadt- und Massengesellschaft“ seine Individualität zurückzuverleihen. Die Bedeutung des Sterbens in einer Welt der Massenexistenz liegt für Rilke darin, dass jeder Mensch seinen eigenen Tod stirbt und damit erst hier wirkliche Identität gewinnt.
sen werden: den russischen Autor Fjodor Michajlowitsch Dostojewskij. 21 Er beschreibt den Tod als Moment, in welchem das Individuum der Monotonie des Alltags entflieht und zu sich selbst kommt. 22 Vergleicht man das Werk von Anna Seghers mit dem Werk Dostojewskijs, stellt man fest, dass sich beide mit der Frage auseinandergesetzt haben, in welcher Beziehung der Tod zum gewöhnlichen Leben und dem Erreichen von Individualität steht. 23 Die im Rahmen dieser Arbeit gewonnenen Ergebnisse bauen auf einigen Grundüberlegungen zum Todesthema bei Anna Seghers auf, die der Werkanalyse thesenartig vorausgeschickt werden. Die eigentlichen Deutungsansätze des Todes im Werk von Anna Seghers werden somit in Kapitel 2 dieser Arbeit nochmals explizit formuliert. Kapitel 3 dieser Arbeit, das sich der Werkanalyse widmet, baut auf den im vorangegangenen Kapitel aufgestellten Thesen auf und wird diese anhand der einzelnen Werke beweisen. Mit der Deutung des Todes anhand der Werke werden auch die humanistischen Konzepte in ihren Entwicklungen voneinander abgegrenzt und analysiert. Da der Tod stets im Zusammenhang mit dem ganzen Lebens einer Figur betrachtet werden muss, wird die Analyse des von Anna Seghers entworfenen Menschenbildes einen nicht unerheblichen Teil der Untersuchung ausmachen. Dennoch muss betont werden, dass der Fokus innerhalb der Interpretation der Werke eindeutig auf der Todesproblematik liegt und damit nicht alle bedeutungsanalytischen Aspekte eines Werkes erfasst werden. Im letzten Kaptitel soll zu einem abschließenden Urteil bezüglich der Frage nach der Bedeutung des Todes im Gesamtwerk von Anna Seghers gelangt werden.
21 Vgl. Seghers, Anna: Woher sie kommen, wohin sie gehen. Über den Ursprung und die Weiterentwicklung einiger Romangestalten Dostojewskijs, besonders über ihre Beziehungen zu Gestalten Schillers. In: Anna Seghers. Woher sie kommen, wohin sie gehen. Essays aus vier Jahrzehnten. Hrsg. v. Manfred Behn. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand-Verlag, 1980, S. 207-255.
22 Vgl. Freynik, Thomas: Die Todesproblematik im Schaffen von F.M. Dostojewskij. Hamburg: Kovac-Verlag, 2000 (Schriftenreihe Poetica; Bd. 47), S. 102.
23 Vgl. Freynik: Die Todesproblematik im Schaffen von F.M. Dostojewskij, S. 99-104 zum Thema „Tod und Individualität“.
2 Allgemeine Überlegungen zur Todesthematik im Werk von Anna Seghers
Um der Untersuchung des Todesthemas anhand der Werke einen Ausgangspunkt zu verschaffen, sollen innerhalb dieses Kapitels die Grundüberlegungen, von denen die vorliegende Arbeit ausgeht, thesenartig vorgestellt werden. Zunächst befasst sich diese Arbeit mit der grundlegenden Behauptung, dass die Momente des Todes im Werk von Anna Seghers eine wichtige Rolle für die Gesamtauslegung des jeweiligen Romans spielen. Die über das Todesbewusstsein einer Figur zum Ausdruck gebrachten Gefühle unterstreichen häufig die Aussage eines ganzen Romans.
Darüber hinaus wird die Interpretationen des Todes in den verschiedenen Werken nachweisen, dass Anna Seghers in den Todesdarstellungen ihrer Werke immer wieder Inhalte beschreibt, die auch ihr Gesamtwerk und dessen übergreifende Aussage zur Grundlage hat. Im Verlauf der Arbeit sollen diese von Anna Seghers in der Todesthematik immer wieder aufgegriffenen Inhalte benannt werden:
Die von Anna Seghers entworfenen Todeskonzeptionen weisen deutliche Bezüge zu dem marxistisch orientierten Weltbild der Autorin auf. Der Marxismus begreift den Menschen in seiner Existenz nicht als Individuum, sondern als Gattungswesen. 24 Für die marxistische Todesauffassung heißt dies, dass der Tod für das Individuum keine Bedeutung hat, da die menschliche Gattung als solche weiter besteht. Nach der marxistischen Lehre glaubt der Mensch zwar weder an Gott noch an ein Leben nach dem Tod, 25 „dennoch aber stirbt dieser Materialist, als wäre die ganze Ewigkeit sein“ 26 . Ernst Bloch begründet dies im sozialen Bewusstsein, innerhalb dessen der Tod eine neue Bedeutung erhalte: den Opfertod. Der Kommunist habe damit „schon vorher auf-
24 Vgl. Condrau, Gion: Der Mensch und sein Tod. Certa moriendi condicio. 2. überarbeitete Auflage. Zürich: Kreuz-Verlag, 1991, S. 203.
25 Vgl. Rommel, Kurt: Religion und Kirche im sozialistischen Staat der DDR. Diss. Kiel 1975, S. 13: „Der Materialismus ist eine philosophische Lehre, derzufolge die Materie der Grund und die Substanz aller Wirklichkeit ist“.
26 Bloch, Ernst: Verschwinden des letalen Nichts im sozialistischen Bewusstsein. In: Der Tod in der Moderne. Hrsg. v. Hans Ebeling. Frankfurt a.M.: Syndikat-Verlag, 1984 (Taschen- bücher Syndikat, EVA; Bd. 36), S. 102-105, hier S. 103.
gehört, sein Ich so wichtig zu nehmen, er hatte Klassenbewusstsein“. 27 Der Sinn des Todes liegt hier im Sterben für die kommunistische Sache selbst. Dieses Bewusstsein, oder wie Ernst Bloch es bezeichnet „der rot-atheistische Todesmut“ 28 , verleiht dem sterbenden Kommunisten eine außerordentliche Kraft, die ihn über sein eigenes Ende hinweg sehen lässt. Auch Anna Seghers beschreibt in ihren Werken immer wieder eine innere Kraft des Menschen 29 , die den Sterbenden über die eigentlichen Qualen oder Ängste hinweghebt und ihn in Stärke der eigenen Überzeugungen sterben lässt. Vor diesem Hintergrund einer sozialistischen Überzeugung, für die der Sterbende sein Leben opfert, erklärt sich auch die große Häufigkeit des Märtyrer-Todes kämpfender Revolutionäre in ihrem Gesamtwerk.
Trotz des marxistisch geprägten Weltbildes von Anna Seghers weisen die Todesdarstellungen in ihren Werken weitere Aspekte auf, die mit ihrem marxistischen Gedankengut alleine nicht erklärt werden können. Wie sich an-hand der Werkanalyse aufzeigen lässt, sind die Todesdarstellungen bei Anna Seghers entgegen der sozialistischen Todesauffassung unmittelbar mit dem Aspekt einer Individualisierung verbunden. Oftmals werden im Tod ihrer Figuren Sehnsüchte sichtbar, die ein Leben lang ungenutzt verkümmerten. Da das Bewusstsein zu sterben „der Selbstbeurteilung eine erweiterte Perspektive“ verleiht, „die das vergangene Leben in ein unerwartetes Licht stellt“ 30 , nutzt Anna Seghers den Todesmoment, um dem Leser das Innere der Figur zu offenbaren. Es kann davon ausgegangen werden, dass dieser Grundzug ihrer Todesdarstellungen auch dem Einfluss der Werke Dostojewskijs zu verdanken ist. So erklärt sich die Todesproblematik bei Dostojewskij, ähnlich wie bei Anna Seghers, in der durch den Tod entstehenden Selbstfindung des Menschen, der nunmehr endlich „der Monotonie und Nivellierung der Lebensläufe“ 31 entkommt und das gewöhnliche Leben zur Individualität führt. Wie sich anhand der Werke aufzeigen lässt, setzt sich Anna Seghers stark mit der im Verhalten des Individuums zur Gemeinschaft liegenden Problematik auseinander. Spätes-
27 Bloch: Verschwinden des letalen Nichts im sozialen Bewusstsein. In: Der Tod in der Moderne, S. 103.
28 Ebd.
29 Seghers: Das siebte Kreuz, S. 10: „die einzige Kraft [...], die plötzlich ins Maaslose wachsen kann, ins Unberechenbare“.
30 Daemmrich: Themen und Motive in der Literatur, S. 314.
31 Freynik: Die Todesproblematik im Schaffen von F.M. Dostojewskij, S. 102.
tens im Todesmoment, als dem persönlichsten aller Momente, tritt der innere Zwiespalt vieler ihrer Figuren, die zwischen dem Wunsch nach Individualität und dem Leben in der Gemeinschaft hin und hergerissen sind, deutlich hervor. Auch diese Thematik findet sich tief verankert im Werk Dostojewskijs wieder und macht eine Anlehnung von Anna Seghers an sein Werk sehr wahrscheinlich. 32 Ein wesentlicher Inhalt, den Anna Seghers innerhalb der Todesproblematik immer wieder aufgreift, liegt damit in dem Verhältnis des Individuums zur Gemeinschaft. Der Tod offenbart den Wunsch ihrer Figuren nach der Individualisierung eines oftmals monoton verlaufenen Lebens, innerhalb dessen durch die erforderliche Anpassung an die Gemeinschaft kein Raum für eine Selbstverwirklichung vorhanden war.
Des Weiteren geht diese Untersuchung davon aus, dass sich bestimmte Überlegungen von Anna Seghers zum Thema Leben und Tod in ihrem Interesse für Philosophie begründen. 33 Die bereits geschilderten Grundzüge der Todesproblematik in ihrem Werk erinnern stark an den Umgang der Existenzphilosophie mit dem Thema Tod: 34 Der existenzialistische Ansatz 35 basiert auf dem Glauben, dass eine Gewissheit der eigenen Existenz nur über bestimmte Erfahrungen zu erreichen ist. Solche Erfahrungen werden in der Existenzphilosophie „Grenzsituationen“ 36 genannt. Karl Jaspers zufolge ist das Wissen vom Tod eine solche Grenzsituation. 37 Nur sofern der Mensch die bestehende Kluft erkennt, die zwischen dem Sein und den Dingen liegt, auf die er sich bezieht 38
32 Zum Zwiespalt im Menschen bei Dostojewskij vgl. Anna Seghers: Woher sie kommen, wohin sie gehen, S. 227f.
33 Vgl. Suhl: Grubetsch und Aufstand der Fischer von St. Barbara, S. 20-32 zum Bestand von Anna Seghers’ Privatbibliothek. Ihr Interesse galt vor allem den Philosophen Edmund Husserl, Sören Kierkegaard und Karl Jaspers.
34 Es sei auf die Untersuchung von Nicole Suhl verwiesen, welche die existenzphilosophischen Grundzüge bei Anna Seghers anhand zweier Werke konkret erläutert: Siehe dazu Suhl, Nicole: Anna Seghers: Grubetsch und Aufstand der Fischer von St. Barbara. Literarische Konstrukte im Spannungsfeld von Phänomenologie und Existenzphilosophie. Frankfurt a.M. (u.a.): Lang Verlag, 2002 (Hamburger Beiträge zur Germanistik; Bd. 36, zugleich phil. Diss. Hamburg 2001).
35 Vgl. Jaspers, Karl: Philosophie II. Existenzerhellung. Berlin/Göttingen/Heidelberg: Springer-Verlag, 1956, S. 220-229.
36 Zu einzelnen „Grenzsituationen“ vgl. Jaspers, Karl: Psychologie der Weltanschauungen. 4. Aufl. Berlin, Göttingen, Heidelberg: Springer-Verlag, 1954, S. 256-280 und speziell zum Tod als Grenzerfahrung: S. 259-270.
37 Vgl. Jaspers, Karl: Tod. In: Der Tod in der Moderne. Hrsg. v. Hans Ebeling. Frankfurt a.M.: Syndikat-Verlag, 1984 (Taschenbücher Syndikat, EVA; Bd. 36), S. 63-70, hier S. 63.
38 Vgl. Suhl: Grubetsch und Aufstand der Fischer von St. Barbara, S. 147: Sie spricht in die- sem Zusammenhang von existenziellen Antinomien und nennt als Beispiele: Kampf (und
und er den Widerspruch der eignen Existenz zum Ganzen akzeptiert, kann er zu einem wahren Existenzbewusstsein gelangen. 39 Nur durch die Erkenntnis der bestehenden Widersprüchlichkeit zwischen der begrenzten eigenen Existenz und dem unendlichen Ganzen kann der Mensch zu einer illusionslosen Sicht als Basis seiner Handlungsentscheidung gelangen. Der Mensch muss sich demnach seiner eigenen Begrenztheit erst bewusst werden, damit er sich zur ihr verhalten kann. Die Begrenztheit seines Daseins kann der Mensch zwar nicht überwinden - er kann sie nur als Grundlage seines Bestehens begreifen und als solche akzeptieren, sofern er existenzialistische Entscheidungen trifft. Gleichermaßen wie nach dem Ansatz der Existenzphilosophie das Scheitern also als Grundbedingung menschlicher Existenz zu verstehen ist, bindet Anna Seghers in ihren Werken den Tod als festen Bestandteil des gelebten Lebens mit ein. Meist erfährt das Leben der Figuren sogar erst im Todesmoment die entscheidende Aussagekraft. So vermerkte auch Friedrich Albrecht in Bezug auf Anna Seghers und ihre Figuren, „in der Art ihres Sterbens meinte sie die Wahrheit ihres Lebens am tiefsten erkennen zu können“ 40 . So wird der bevorstehende Tod und das dadurch hervorgerufene Bewusstsein für die Figuren bei Anna Seghers zu einer Vollendung des Schicksals. In diesem Sinne führt der Tod oder die Konfrontation mit dem Tod die Figuren im Werk von Anna Seghers zu einem Bewusstwerden der eigenen Existenz. Der nun benannte Grundzug einer Individualisierung des Menschen in seinem Todesmoment ist um ein wesentliches Element ihres gesamten epischen Schaffens erweiterbar: Anna Seghers reduziert das im Tod sichtbar werdende Innere eines Menschen auf einen ,festen menschlichen Bestand’ an Grundeigenschaften, wie einem natürlichen Gefühl für Recht und Unrecht, sozialer Verantwortung und einer Widerstandskraft gegen menschliche Unterdrückung. Die Realität zeigte ihr, wie schwer es ist, diesen menschlichen Bestand auch im Tod oder in unmittelbarer Konfrontation mit diesem zu bewahren. Die Schwierigkeit eines jeden Menschen, seinen inneren Wesensmerkmale nicht zu
gegenseitige Hilfe), Tod (und Leben), Zufall (und Sinn) sowie Schuld (und Entsündigungsbewusstsein). Zur antinomischen Struktur der Welt, Vgl. Jaspers: Psychologie der Weltanschauungen, S. 232-247.
39 Vgl. Condrau: Der Mensch und sein Tod, S. 209: Der Mensch gewinne sein “Selbst“, „wenn er sich als die Synthese von Endlichkeit und Unendlichkeit, Zeitlichem und Ewigem, Freiheit und Notwendigkeit realisiert“.
40 Albrecht: Zur Todesproblematik bei Anna Seghers, S. 239.
verraten, obwohl es äußere Umstände verlangen würden, hebt sie in ihren Werken immer wieder im Moment des Todes einer Figur hervor. Der Tod wird damit zum Bewährungsakt der Menschlichkeit. Neben Menschen, die dieser Bewährung nicht standhalten und ihren ,inneren Kern’ verraten, beschreibt Anna Seghers in ihren Werken immer wieder Menschen, die ihren inneren Überzeugungen und ihrem Wesenskern bis in den Tod hinein treu bleiben. Indem Anna Seghers diese beiden Möglichkeiten, vor denen jeder Mensch steht, in ihren Werken immer wieder in Kontrast zu-einander stellt, ist innerhalb der Todesthematik folgende Auseinandersetzung zu erkennen: Verliert eine Figur ihren inneren Wesenskern, ist sie fortan nichts als eine leblose Hülle. Die Figur stirbt in diesem Sinne einen Tod, der bereits im Leben beginnt. Bleibt eine Figur jedoch ihrem Innersten bis in den Tod hinein treu, überkommt diese ein Gefühl der Gewissheit einer „Kraft [...], die plötzlich ins Masslose wachsen kann, ins Unberechenbare“ 41 . Daneben lassen die Werke von Anna Seghers, wie sie eigens bekundete, auf ihre persönliche Sicht blicken 42 und erlauben damit, ihre Wirklichkeitsrezeption auch in dem von ihr entworfenen Menschenbild zu suchen. Wie die Werkanalyse zeigen wird, laufen innerhalb der Entwicklung ihres entworfenen Menschenbildes und den darin beschriebenen Todesszenen erkennbare Parallelen zu ihrer eigenen Weltsicht, die sich innerhalb ihres Lebens durch oft drastische Veränderungen weiterentwickelte. Innerhalb der Deutung des Todes wird damit davon ausgegangen, dass in der Todeskonzeption oftmals Parallelen zur biographischen Situation von Anna Seghers erkennbar sind. Als sozialistischer Schriftstellerin, die auch während der Ereignisse des zweiten Weltkriegs und den nachfolgenden Entwicklungen den Glauben an ihr Heimatland nicht verlor 43 , unterliegt das Todesthema folgendem in ihrem Geschichtsbewusstsein verankerten Grundgedanken: Die sichere Zuversicht auf
41 Seghers: Das siebte Kreuz, S. 10.
42 Seghers in einem Gespräch mit Christa Wolf (1959): „Was die biographischen Fragen angelangt: Die Erlebnisse und die Anschauungen eines Schriftstellers, glaube ich, werden am allerklarsten aus seinem Werk, auch ohne spezielle Biographie.“ In: Christa Wolf spricht mit Anna Seghers. In: Anna Seghers. Über Kunstwerk und Wirklichkeit. Bd. II: Erlebnis und Gestaltung. Hrsg. v. Sigrid Bock. Berlin: Akademie-Verlag, 1971 , S. 35-44, hier S. 36.
43 Vgl. Seghers, Anna: Vaterlandsliebe. Rede auf dem I. Internationalen Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur. (Paris 1935) In: Anna Seghers. Willkommen, Zukunft! Reden, Essays und Aufsätze über Kunst und Wirklichkeit. Berlin: Akademie-Verlag, 1975, S. 177 - 179.
eine „Entwicklung, vor welcher jeder Moment des sozialen Kampfes in Triumph oder Niederlage nur eine Etappe des Weges ist, der sein Ziel nicht verfehlen kann“ 44 . Der körperliche Tod eines Einzelnen, der für die soziale Gerechtigkeit gestorben ist, kann niemals eine Niederlage sein und wird von Anna Seghers daher auch nicht als Ende, sondern als weiterer Meilenstein auf dem Weg zu einer besseren Welt beschrieben.
3 Werkanalyse
Um die Bedeutung des Todes in Anna Seghers’ Gesamtwerk zu erfassen, wurden jeweils Werke aus ihrem Früh-, Exil- und Spätwerk zur Interpretation ausgewählt. Die getroffene Auswahl der Werke unterlag dem Anspruch an möglichst unterschiedlichen Werken, innerhalb des Todesthemas gleiche Bedeutungsinhalte nachzuweisen. Jeder der drei Phasen ihres Schaffens wird in dieser Arbeit ein einleitendes Kapitel gewidmet, durch welches der zeitgeschichtliche und persönliche Hintergrund von Anna Seghers und den in dieser Zeit entstandenen Werken näher beschrieben werden soll. Obwohl in diesen Kapiteln somit weniger konkret auf das Todesthema als auf die Autorin selbst eingegangen wird, erweist sich diese Vorgehensweise als zweckmäßig, wenn man davon ausgeht, dass die Todesproblematik in ihren Werken vor dem Hinter-grund zeitgeschichtlicher und persönlicher Ereignisse der Autorin erschlossen wird. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass die aufgeführten Thesen, von denen die vorliegende Untersuchung ausgeht, nicht immer differenziert vonei-nander behandelt werden können. Die Annahmen zur Behandlung des Todesthemas in den zugrunde liegenden Werken bauen meist aufeinander auf. Es kann somit nicht Anspruch der Werkanalyse sein, die genannten Thesen jeweils alle an einem Werk nachzuweisen. Vielmehr soll nachgewiesen werden, dass die einzelnen Inhalte, die Anna Seghers über das Todesthema zum Ausdruck bringt, stets die in ihrem Gesamtwerk vertretenen Grundzüge ihrer Lebensauffassung unterstützen. Den verschiedenen Todesdarstellungen liegen
44 Rilla, Paul: Die Erzählerin Anna Seghers. In: Die Dichter des sozialistischen Humanismus. Hrsg. v. Helmut Kaiser. München: Dobbeck-Verlag, 1960 (Wissen der Gegenwart; Bd.7), S. 81.
immer wieder ähnliche Inhalte zugrunde, mit denen sich Anna Seghers ein Leben lang beschäftigte.
Die bereits in Kapitel 2 aufgeführten Grundmerkmale der Todesdarstellungen werden nun an den einzelnen Werken erläutert. Schließlich wird die Analyse der einzelnen Todesdarstellungen in ihrem Vergleich eine für das Gesamtwerk von Anna Seghers sinntragende Bedeutung aufweisen, welche im letzten Kapitel dieser Arbeit in der abschließenden Gesamtbeurteilung des Todesthemas zum Tragen kommt.
3.1 Frühwerk - Die Flucht aus dem gewöhnlichen Leben
Um die ausgewählten Werke der frühen Schaffensperiode von Anna Seghers auf die Bedeutung der darin auftretenden menschlichen Sterbeweisen zu untersuchen, ist es hilfreich zu erläutern, vor welchem persönlichen und geschichtlichen Hintergrund sich ihr Frühwerk gestaltet. Innerhalb dieses Kapitels sollen daher wesentliche für das Frühwerk bedeutende Aspekte ihrer persönlichen Entwicklung vorgestellt werden. Denn erst durch die Kenntnis der in dieser Lebensphase gewonnenen Ansichten und Überzeugungen wird eine Analyse ihrer Figurengestaltung und der damit verbundenen Todesthematik nachvollziehbar.
Die Forschung begreift unter dem Frühwerk von Anna Seghers die Jahre zwischen 1926 und 1932. Um den biographischen Hintergrund dieser Jahre näher zu beleuchten, soll hier mit dem Jahr 1920 begonnen werden. In diesem Jahr verließ Anna Seghers, damals noch unter ihrem Namen Netty Reiling bekannt, ihre Heimatstadt Mainz und zog nach Heidelberg, um dort ihr akademisches Studium zu beginnen. Die Wahl ihrer Studienfächer reichte von Geschichte und Kunstgeschichte über die Sprachwissenschaft bis hin zur Sinologie. Ihre Abwendung vom bürgerlichen Leben hin zur Sozialistin vollzog sich in einem Prozess, der sich, wenn man ihr Gesamtwerk betrachtet, über ihren kompletten Lebensweg erstreckte. Der Grundstock für diese Entwicklung wurde jedoch in den Jahren ihres Studiums gelegt. Während sie sich in ihrer Schulzeit noch mit
Autoren der Klassik beschäftigte 45 , entwickelte sie nun ein Interesse an vorwiegend französischen und russischen Autoren des Realismus, wobei hier besonders die Werke Dostojewskijs auf sie einwirkten. 46 Seine Romane ließen sie nachdenken über die „eigenen blässlich-kleinbürgerlichen Sippen, die zu keinem starken Gefühl, zu keinem Gefühlsausbruch fähig waren“ 47 . Die Züge seiner Figuren, welche von innerer Zerrissenheit, von Versuchungen und dem unbändigen Wunsch nach Freiheit geplagt waren, finden sich auch in den Figuren bei Anna Seghers wieder. 48 Da Dostojewskij „aus der düsteren Wirklichkeit, aus unbeachteten Menschen, wahre, verborgene Dramen an den Tag“ 49 brachte, wurde auch ihr eigener Blick auf die gesellschaftlichen Gegensätze ihrer Zeit gelenkt. Damit gewann Anna Seghers ihr Geschichtsverständnis nicht über die theoretisch-ideologischen Schriften von Marx und Engels, sondern über andere Literatur, deren Wirkung sie folgendermaßen beschrieb: „Eine Wirklichkeit ist uns aus den Büchern gekommen, die wir im Leben noch nicht gekannt haben. Für uns war es eine erregende, eine revolutionäre Wirklichkeit. Ich spreche jetzt nicht von der politischen Revolution, die ja nah war, zeitlich nah war damals, sondern ich spreche von einem revolutionären Herauswühlen, in Bewegung gehen des menschlichen Schicksals, etwas durch und durch Unkleinbürgerliches.“ 50
Im Spiegel der Forschung wird in diesem Zusammenhang oftmals von einer „Desillusionierung“ 51 gesprochen, die Anna Seghers erfuhr, indem sie sich von den humanistischen bürgerlichen Idealen abwandte und nun mit der harten Wirklichkeit ihrer Zeit und ihrer Gesellschaft konfrontiert war. In einem Brief an Lukács äußerte sie: „Was hatten wir denn für ,Spiegel’ im Krieg und kurz
45 Vgl. Albrecht, Friedrich: Die Erzählerin Anna Seghers. 1926-1932. 2. Aufl. Berlin: Rütten & Loening-Verlag, 1975 (Neue Beiträge zur Literaturwissenschaft; Bd. 25), S. 15: „Die Mutter pflegte ihr Gedichte und Partien aus Goethes Faust vorzulesen; in der Schulzeit beeindruckten sie die Dramen Schillers (Don Carlos, Wilhelm Tell) und die Dichtungen Heinrich Heines, außerdem Werke von Lessing, Hölderlin, Büchner, Keller und die Märchen der Gebrüder Grimm)“.
46 Vgl. Seghers: Woher sie kommen, wohin sie gehen, S. 208: „Später, als Studentin, als ich meine Umwelt zu begreifen begann, Liebe und Leid und viele Erscheinungen der Gesellschaft, Elend und Hunger und Kämpfe um ein besseres Leben, las ich mit Leidenschaft mehrere Romane von Dostojewski.“.
47 Seghers: Woher sie kommen, wohin sie gehen. S. 209 f.
48 Vgl. Seghers: Woher sie kommen, wohin sie gehen, S. 224.
49 Seghers: Woher sie kommen, wohin sie gehen, S. 210.
50 Seghers: „Christa Wolf spricht mit Anna Seghers“. In: Kunstwerk und Wirklichkeit II, S. 37.
51 Albrecht: Die Erzählerin Anna Seghers, S. 16.
nach dem Krieg, als wir aufwuchsen? Sie spiegelten entweder eine vergangene Welt fremder Grunderlebnisse [...] oder sie spiegelten die Gesellschaft verzerrt, als Vexierspiegel.“ 52 Ihr neues Zeitverständnis wurde in den Jahren ihres Studiums jedoch nicht nur durch die Beschäftigung mit realistischer Literatur geschärft 53 , sondern vor allem durch die Bekanntschaft mit revolutionären Studenten, die vor den politischen Missständen in ihren Ländern geflüchtet waren. Die Berichte dieser ausländischen, politisch aktiven Studenten eröffneten Anna Seghers politisch-weltanschauliche Einsichten, die wohl im starken Kontrast zu ihren bisherigen bürgerlichen Lebensinhalten standen 54 und in ihrem Begreifen der sozialistischen revolutionären Bewegung einen starken Eindruck hinterließen: „Und seine Zeugen, erschöpft von dem Erlebten, doch ungebrochen und kühn, uns überlegen an Erfahrungen, auch an Opferbereitschaft im großen und Hilfsbereitschaft im kleinen, waren für uns wirkliche, nicht beschriebene Helden“ 55 . Unter den emigrierten Studenten befand sich auch der ungarische Jude und Kommunist László Radványi, den Anna Seghers 1925 heiratete. Durch ihn trat sie in Kontakt mit der zeitgenössischen kommunistischen Bewegung und wurde mit den Ideen des Marxismus vertraut gemacht. Drei Jahre später wurde sie Mitglied der KPD. Ob es für Anna Seghers einen unmittelbaren Anlass gab, in die KPD einzutreten, ist zwar aufgrund der diesbezüglich nicht vorhandenen eigenen biographischen Kommentare nicht feststellbar - ihr Bekennen zum Kommunismus ist jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach auf das Zusammenspiel der genannten Veränderungen und neuer Einflüsse in ihrem Leben zurückzuführen. In Deutschland waren zudem die Auswirkungen der russischen Oktoberrevolution in Form von Aufständen und kommunistischen Unruhen zu spüren. All dies führte dazu, dass Anna Seghers in dieser Zeit einen schärferen Blick auf ihr soziales Umfeld gewann. So bemerkte sie mit der Zeit,
52 Aus einem Briefwechsel zwischen Anna Seghers und Georg Lukács. (Februar 1939) In: Anna Seghers. Woher sie kommen wohin sie gehen. Essays aus vier Jahrzehnten. Hrsg. v. Manfred Behn. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand-Verlag, 1980, S. 40-45, hier S. 42.
53 Vgl. Seghers, Anna: Eine Biographie in Bildern, S. 50: „Das Tagebuch von Tolstoi hatte ich ziemlich genau gelesen. Von deutschen Autoren machten besonders Eindruck auf mich: Büchner, die Novellen von Kleist, die Prosa von Heine, Volksmärchen usw.“.
54 Seghers, Anna: Wiedersehen mit den Gefährten. In: Über Kunstwerk und Wirklichkeit II, S. 18-19, hier S. 19: „Wir horchten erregt ihren Berichten, die damals vielen in Deutsch-land wie Greuelmärchen erschienen oder wie Vorkommnisse, die unvorstellbar in Mitteleuropa waren.“.
55 Ebd.
„dass es Menschen gab, die schlechter als andere gekleidet waren, dass es Menschen mit schlechten Schuhen gab. Ich scheute mich, bessere Schuhe zu tragen als diese. Ich sah mit erschrockenen Augen, wie man durch die Stadt einen Gefesselten führte...“ 56
Sie gewann ein großes Interesse für die sozialen Probleme ihrer Zeit, welches jedoch nicht mit einem politisch-ideologischen Bewusstsein zu verwechseln ist. Ihr Verständnis für Politik beschränkte sich nach eigener Aussage auf die Erkenntnis, „dass es ein Oben und Unten, ein Hoch und Niedrig gibt“ 57 . Anna Seghers bewegte sich jedoch nicht nur im politischen Milieu, sondern erhielt in ihren Studienjahren auch philosophische Kenntnisse. An ihrer Universität lehrten eine Reihe bekannter Soziologen und Philosophen. So ist durchaus davon auszugehen, dass bestimmte philosophische Grundgedanken, wie die ihres wohl berühmtesten Dozenten Karl Jaspers, Eingang in ihr Denken fanden. Insbesondere an ihrem Frühwerk „Grubetsch“ wird sich in der Analyse zeigen, dass Anna Seghers die von Jasper vertretenen Ideen zur Existenzphilosophie in ihr Werk mit einbezog. 58 Somit wird die Rolle des Todes insbesondere in den frühen Werken im Zusammenhang mit der Existenzphilosophie zu untersuchen sein.
Der Versuch, einen Blick auf Anna Seghers´ frühe Entwicklung und ihre in dieser Lebensphase enthaltenen Anschauungen zu werfen, folgte dem Zweck, den Zugang zu ihren Werken zu erleichtern, in denen sie diese Eindrücke gestaltete und bewältigte. Die Entwicklung zur sozialistischen Schriftstellerin nahm ihren Anfang in der bloßen „gefühlsmäßige[n] Parteinahme für die Unterdrückten und eine Ahnung sozialgeschichtlicher Zusammenhänge“ 59 und veranlasste sie dazu, sich in ihren Werken fortan dem Alltagsleben der unteren Schichten zu widmen. Auch wenn es nicht ihre eigenen Erfahrungen sind, die sich in den folgenden Werken spiegeln, so war es doch ihre persönliche „Hoffnung, aus dem Gefangensein in einer als sinnentleert empfundenen krisenhaften Welt ausbrechen und ein ganz anderes, ein menschenfreundliches Leben
56 Seghers, Anna: Gespräch mit Wilhelm Girnus. In: Anna Seghers. Eine Biographie in Bildern. Hrsg. v. Frank Wagner (u.a.). Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag, 1994, S. 29.
57 Ebd.
58 Vgl. Suhl: Grubetsch und Aufstand der Fischer von St. Barbara, S. 99-286. Siehe auch Spies, Bernhard: Rezensionen. Anna Seghers. Einflüsse von Phänomenologie und Existenzialismus? In: Exil 22 (2003), S. 84-86.
59 Batt: Anna Seghers, S. 23.
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Staatsexamen Ricarda Groß, 2009, Die Bedeutung des Todes im Werk von Anna Seghers, München, GRIN Verlag GmbH
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