1. Einleitung
Seitdem sich die Wirtschaft, die Politik und die Medien zu den globalen Akteuren entwickelt haben, spielt das Thema der Welt als eine grenzenlose eine immer wichtigere Rolle in den öffentlichen Debatten. Globalisierung steht vor allem dafür, dass Grenzen fallen. Mit diesem Thema möchte ich mich im Folgenden intensiver auseinandersetzen.
In meiner Arbeit möchte ich mich mit der Entgrenzungskrise des Nationalstaats als Folge der Globalisierung beschäftigen.
Die Zusammenfassung des Textes „Grenzregimes im Zeitalter globaler Netzwerke“ von Stefan Kaufmann soll eine Überleitung zum nachfolgenden Thema markieren. Anfangs möchte ich die allgemeinen Ursachen und Folgen der Globalisierung erläutern. Der Schwerpunkt meiner Arbeit soll darin liegen, die Auswirkung der Globalisierung auf das politische Handeln zu untersuchen. Stellen globale Prozesse das traditionelle Staats- und Regierungsverständnis in Frage? Ich möchte zeigen welche Prozesse zur Auflösung der traditionellen politischen Räume geführt haben können. Kann sich Nationalstaat gegenüber globalen Herausforderungen behaupten?
2. „Grenzregimes im Zeitalter globaler Netzwerke“
Die folgende Kurzzusammenfassung des Textes von Stefan Kaufmann soll als ein Einstieg in das Thema dienen. Da mich dieser Text dazu angeregt hat mich mit der Entgrenzungskrise des Nationalstaates auseinanderzusetzen.
Stefan Kaufmann berichtet über "Grenzregimes im Zeitalter globaler Netzwerke". Seiner Darstellung liegt folgende Überzeugung zugrunde: "Netzwerke unterminieren die soziale Prägekraft des politisch-juridischen Staatsgebildes, der nationalen Grenzziehung. Wo einst der (National-)Staat als Handlungsrahmen, als Souverän, als alleiniger Akteur oder zentraler Bezugspunkt diente, treten jetzt inter- und transnationale oder auch regionale Relationen, Institutionen und Organisationen, öffentlicher und privater Natur, ein". 1 Die heutige Definition der Gesellschaft ist die so genannte „Netzwerkgesellschaft“, 2 alle sind miteinander verknüpft, es gibt Milliarden von Schaltwegen. Netzwerke heben die Prägkraft unserer bisher
1 „Grenzregimes im Zeitalter globaler Netzwerke“ In: Berking, Helmuth; 2007 „Die Macht des Lokalen“;
Campus Verlag; Frankfurt/New York
2 Die Netzwerkgesellschaft ist ein von Manuel Castells geprägter Begriff. Castells meint damit die Superstruktur
der gobalen Gesellschaft, deren Beziehungsgeflecht aus Macht, Technik, Information und Kapital als Netzwerk
charakterisiert werden kann. Der Netzwerkbegriff ist ein Schlüsselbegriff, der durch informations- und
kommunikationstechnische Verbindungs- und Schaltungswegen charakterisiert wird. (Vergleiche hierzu
Castells, 2003)
2
bekannten geographischen Staatsgrenzen auf, eine neue Gesellschaft entwickelt sich. Jeder Einzelne ist betroffen, auch private Grenzen heben sich auf. Dies führt nach Kaufmann zum Verlust der eigenen Identität und Privatsphäre.
Weiterhin schreibt Kaufmann über die asymmetrische Bedrohungsszenarien und die Rolle der Grenzsicherung. Grenzenübergreifende Verbrecher, Terrorgruppen, Drogen- und Waffenhändler können schwer kontrollierbar operieren, sie bilden in vielen Nationen Sicherheitslücken, die ein großes Sicherheitsrisiko bergen. Das Verhältnis zwischen Angreifern und Verteidigern ist asymmetrisch. Angreifer sind klar im Vorteil, sie können punktuell zuschlagen. Wobei Verteidiger minimal besetzt sind und immer auf neuere Situationen reagieren müssen.
Nach Stefan Kaufmann ist die topographische Grenze zum Schutz nicht mehr ausreichend. Militärische Kräfte müssen Staatsgrenzen übergreifend kooperieren.
3. Globalisierung
3.1 Definition
Die Vielschichtigkeit des Begriffes der „Globalisierung“ macht es schwer den Begriff zu fassen und einheitlich zu definieren.
Das Wort „Globalisierung“ wird mit den verschiedensten Bedeutungen versehen. Die Schwierigkeit beginnt damit, dass der Terminus sowohl einen Zustand als auch einen Prozess bezeichnen soll. Oft werden die Folgen der Globalisierung zu Bestandteilen der Definition gemacht. 3
Der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stieglitz sieht den Begriff als engere Verflechtung von Ländern und Völkern der Welt, die durch enorme Senkung der Transport- und Kommunikationskosten herbeigeführt wurde und die Beseitigung künstlicher Schranken für den ungehinderten, grenzüberschreitenden Strom von Dienstleistungen, Gütern, Kapital, Wissen und (in geringem Grad) Menschen entstehen lässt. 4
Als eine weitere Definition des Globalisierungsprozesses kann die empirisch feststellbare Ausdehnung, Dichte und Stabilität wechselseitiger regionaler und globaler Beziehungsnetzwerke (…) auf wirtschaftlicher, kultureller, ökologischer und politischer Ebene gelten. 5
3 Friedrichs.J: „Globalisierung- Begriff und grundlegende Annahmen“ In: Aus Politik und Zeitgeschichte.
Beilage zur Zeitung DAS PARLAMENT. B33-34/1997, S.3
4 Stiglitz, J.E. 2003; „Die Schatten der Globalisierung“, Bonn, Goldmann
5 Varwick J.: „Globalisierung“ In: Woycke W. (Hg.); 1998: „Handwörterbuch Internationale Politik“; Opladen
3
Allen Definitionsversuchen ist gemein, dass die Vorstellung von geschlossenen und abgegrenzten Räumen von Nationalstaaten zu leben und zu handeln, der Vergangenheit angehört.
3.2 Ursachen
Im Folgenden möchte ich einige wichtige Gründe für die Globalisierung nennen: Die Schaffung und der Ausbau von weltweiten Kommunikations- und Informationssystemen sowie sich eine immer verbessernde Infrastruktur erlauben es Informationen preisgünstig, schnell und unkompliziert zu beschaffen und Waren schnell und sicher an ihren Bestimmungsort zu bringen. Distanzen, die früher große Hindernisse waren, werden relativiert 6 .
Die Möglichkeit der Kapitalbeschaffung wird immer besser durch die globale Integration der Finanzmärkte. Zusammen mit der Entwicklung der weltweiten Kommunikationssysteme (Online Banking) führen Lockerungen und Aufhebungen von Regulierungen dazu, dass Kapital auch in Bereichen eingesetzt werden kann, wo es früher schwer oder gar nicht hingekommen wäre. Internationale Geldgeber sind auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten und sind nicht mehr auf bestimmte Regionen und Länder angewiesen. 7
Politische Bemühungen verschiedener Länder wirtschaftliche Zusammenschlüsse zu verwirklichen, führte zu dem Abbau von Handelbarrieren und politischen Uneinigkeiten. Als Beispiel möchte ich die EU nennen, die durch die Abschaffung von Zöllen, Einheit der Währung und Öffnung der Grenzen die internationale Beziehung zwischen den EU-Staaten erheblich erleichtern will. 8
Der Zusammenbruch des Ostblocks und der dazugehörigen Länder das marktwirtschaftliche System möglichst schnell einzuführen, führte dazu, dass durch Privatisierung der dortigen Unternehmen ausländisches Kapital angelockt wurde und Investitionen aus dem Ausland verstärkt wurden. 9 Auch das politische Umdenken in Lateinamerika von einer nach Innengerichteten zu einer weltoffenen Denkweise trägt seinen Teil zur Globalisierung bei.
6 Vergleiche Oppenländer, K.H. „Die Globalisierung der Märkte“; S.11
7 Oppenländer, K.H. „Die Globalisierung der Märkte“; S.10
8 Oppenländer, K.H. „Die Globalisierung der Märkte“; S.11
9 Oppenländer, K.H. „Die Globalisierung der Märkte“; S.11
4
3.3 Folgen
Zentraler Befund bei der ökonomischen Globalisierung ist die Ablösung von Staatsräumen durch Wirtschaftsräume. Globalisierung steht für das Zusammenwachsen von Produktmärkten über nationale Grenzen hinweg. Weltweit bildet sich damit ein neues Muster von Wettbewerb und Kooperation heraus, d.h. es findet ein struktureller Wandel der Weltwirtschaft statt. Alle Globalisierungsvorgänge haben die Folge einer qualitativen Veränderung bestehender Strukturen. Letztendlich werden alle Bereiche davon betroffen sein. 10
„Die Globalisierung verändert Handel, Finanzen, Arbeit, Umwelt, Sozialsysteme, Kommunikation, Lebenswelten, Gesellschaftsform und die Tiefenstruktur nationaler Gesellschaften- und nicht zuletzt auch die Handelsspielräume von Staaten.“ 11 Die globale Welt verknüpft alles mit allem. Das bedeutet unter anderem auch, dass lokale Verwerfungen rasch weltweite Folgen haben können. Turbulenzen auf asiatischen oder amerikanischen Märkten lassen Europa nicht unberührt.
Mit der Globalisierung internationalisieren sich auch Fehlentwicklungen wie Arbeitslosigkeit, Armut, Kriminalität, Drogen und Umweltzerstörung.
Weiterhin möchte ich mich allerdings mit der Folge der Globalisierung auseinandersetzen, dass Grenzen an Bedeutung verloren haben bzw. sich ihr Charakter verändert hat. Mit der Entgrenzung wird der Nationalstaat als oberste Analyse-Einheit modernen politischen Denkens und Handelns in Frage gestellt. Erforderlich werden zusätzliche Mechanismen politischer Steuerung, die als transnationales Regieren (oder global governance) bezeichnet werden.
Grenzen sind in weiten Bereichen durchlässig geworden, z.B. in den virtuellen elektronischen Räumen, sind sie gar nicht mehr bemerkbar. Der Cyberspace ist ein neuartiger Gefahrenraum, Daten können kopiert und missbraucht werden, Kommunikationen können mitgelesen undmitgehört werden, Netze und Knotenpunkte können gezielt lahm gelegtwerden.
10 Vergleiche Kursthemen Sozialwissenschaften „Globalisierung“; 2005; Cornelsen Verlag, Berlin
11 Messner und Nuscheler (1996)
5
4. Demokratie, Nationalstaaten und die Auflösung traditioneller politischer Räume
Im Folgenden möchte ich der Frage nachgehen, ob die traditionellen, auf den Nationalstaat zugeschnittenen Modelle überhaupt in der Lage sind die transnationalen, grenzüberschreitenden Prozesse zu kontrollieren oder zu steuern.
4.1 Traditionelles Regierungsverständnis
Der deutsche Jurist, Nationalökonom und Mitbegründer der Soziologie Max Weber definierte „Staat“ als „diejenige menschliche Gemeinschaft, die innerhalb eines bestimmten Gebietes das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit mit Erfolg für sich beansprucht.“ 12 Die vier Bedingungen Territorialität, Souveränität, Legitimität und Effektivität kennzeichnen das traditionelle Verständnis vom Regieren.
Mit Territorialität ist gemeint, dass sich die Handlungszusammenhänge im Wesentlichen mit den Grenzen der Regelungsinstitutionen, den Nationalstaaten deckt. Parallel dazu sorgte die Institution der Souveränität dafür, dass für jeden Staat nur eine Regierung befugt war, allgemeinverbindliche Regelungen zu erlassen. Dies bedeutet, dass keine andere Regierung berechtigt ist, in fremde Regierungsaktivitäten einzugreifen. Die Gestaltung der politischen Ordnung eines Staatsverbandes bleibt dessen innere Angelegenheit.
Modernes Regieren soll demokratisch legitimiert sein. Dies bedeutet, dass sich die von den Regelsetzung Betroffenen am Regelungsprozess beteiligen können z.B. in Form von öffentlicher Stellungsnahme. Die Ziele des Regierens müssen sich an den Interessen der Allgemeinheit orientieren.
Mit Effektivität ist gemeint, dass modernes Regieren effektiv sein soll, das heißt, Verregelungen problematischer Handlungszusammenhänge müssen die Ziele, die sie formulieren auch erreichen. 13
4.2 Die Auflösung traditionell politischer Räume
Zur üblichen Vorstellung von Demokratie gehört eine klare Abgrenzung in geographischem und sozialem Sinn, die einen gemeinsamen politischen Raum begründet. Alle Probleme und
12 Max Weber, 1904
13 Vergleiche Brozus, L. /Zürn, M.:Globalisierung- Herausforderunng des Regeierens. In: Informationen zur
politischen Bildung. Heft 263: Globalisierung. Herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung.
Bonn, 1999, S.61
6
Konflikte sind in Bezug auf den unverändert bleibenden politischen Raum definiert. Einflussnahmen können nur von den zum politischem Raum gehörenden Menschen kommen. Politische Entscheidungen, Gesetze und Verordnungen gelten für alle und enden an den Grenzen des definierten politischen Raums.
Die unumkehrbare Auflösung des gemeinsamen politischen Raums vollzieht sich in drei Teilprozessen: 14
Menschen und Organisationen sind heutzutage in einer besseren Lage, sich einer unbequemen Politik zu entziehen und sich den politischen Raum auszusuchen, dem sie angehören wollen, dies gilt z.B. für internationale Konzerne. Bei global handelnden Wirtschaftsorganisationen ist die Politik einzelner Nationen zunehmend machtlos. Die Akteure wechseln zwischen den politischen Räumen hin und her und können sie sogar gegeneinander ausspielen. Unter Drohung des Exports von Kapital und Arbeit wird die Politik verstärkt entdemokratisiert. Sozialpolitik, Umweltpolitik und Subventionsvergabe werden immer weniger auf demokratisch kontrollierter Weise innerhalb des gemeinsamen politischen Raums reguliert.
Heutzutage gibt es vermehrt Probleme, die sich nicht mehr innerhalb einzelner Staatsgebiete politisch bearbeiten lassen. Das deutlichste Beispiel ist die Umweltproblematik und die Friedenssicherung. Diese Probleme, die von herausragender Bedeutung sind, sind nur im konstruktiven Dialog der Staatengemeinschaft zu einem befriedigenden Resultat führen können. Die Verschmutzung, Zerstörung und Veränderung der Umwelt ist ein globales Thema. „Sichtbar werden die Folgen aber immer noch auf lokaler Ebene und ebenso oft werden sie als solche verstanden und behandelt.“ 15
Ähnliches gilt für politische Problemlagen, die den Arbeitsmarkt, die Sozialpolitik oder die Geldpolitik betreffen. 16
Ein weiteres Beispiel sind die mit der wachsenden informationstechnischen Vernetzung der Welt zusammenhängende Fragen, wie der Fusionskontrolle, des Jugendschutzes, der Abwehr politischer Agitation oder des Urheberrechts.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass viel von der ursprünglichen Geschlossenheit politischer Räume verloren gegangen sind. 17
14 Schulze, G.: „Die Wahrnehmungsblockade- Vom Verlust der Spürbarkeit der Demokratie“, S.42-44 in:
Weidenfeld,W. (Hg): „Demokratie am Wendepunkt“; Berlin, 1996, S.33-51
15 Rademaker, Maike;2001: „Das Parlament“ Nr.3-4,19
16 Vergleiche Martin, H.-P. und Schuhmann, H.: „Die Globalisierungsfalle, der Angriff auf Demokratie und
Wohlstand“; Reinbeck bei Hamburg, 1996, S72ff
17 Maull,H.W.:2000:“Welche Akteure beeinflussen die Weltpolitik?“; Bonn
7
„Die Vorstellung von nationalstaatlichen Verantwortungsgemeinschaften, die ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen und demokratisch über sich selbst bestimmen, passt nicht mehr in diese neue politische Wirklichkeit. Wir befinden uns Mitten im Übergang von einer ursprünglich scharf segmentierten Struktur nationalstaatlicher politischer Räume in eine verwirkende, diffuse Struktur ohne klare Untergliederung“ 18
5. Entgrenzungskrise des Nationalstaats
5.1 Entgrenzung
Das Wort Entgrenzung ist im Duden nicht zu finden, es stellt eine Wortkreation aus Ent- und -Grenzen dar.
Das deutsche Wort Grenze ist laut dem Duden aus dem westslawischen entlehnt (polnisch und russisch: granica). Inhaltlich ist damit zum Einem ein Geländestreifen der politische Gebilde (Länder, Staaten) trennt gemeint, zum Andren meint es eine Trennungslinie zwischen Gebieten, die im Besitz verschiedener Eigentümer sind. 19 Das Wort Ent drückt in Verbindung mit einem Verb aus, das etwas wieder rückgängig gemacht werden soll (z.b. entbürokratisieren). Die Verbindung Ent-Grenzen kann damit nur bedeuten, dass einmal gültige Grenzen keine oder immer weniger Geltung zukommt.
Im Folgenden möchte ich daher näher auf die verlorene Bedeutung von Grenzen eingehen und fragen, ob der Nationalstaat als abgegrenzter Raum unverzichtbar ist.
5.2 Ist der Nationalstaat unverzichtbar?
In der Zeit vom 16.Jahrhundert bis in die Gegenwart erwies sich der Nationalstaat als überlegene politische Organisationsform, die einst mächtigen Stadtstaaten des Mittelalters als auch Großreiche besiegte oder verdrängte. 20
Der Durchbruch des modernen Nationalstaates erfolgte in Europa und führte zur wirtschaftlichen und politischen Durchdringung und Unterwerfung der fast gesamten restlichen Welt. Staaten und Regionen der nichteuropäischen Welt wurden durch die Durchdringung ihrer Gesellschaften, Kulturen und Wirtschaften teilweise in zeitlich
18 Schulze, G.: „Die Wahrnehmungsblockade- Vom Verlust der Spürbarkeit der Demokratie“, S.44 in:
Weidenfeld,W. (Hg): „Demokratie am Wendepunkt“; Berlin, 1996,
19 Vergleiche „Das moderne Lexikon“;1971; Bertelsmann Lexikon-Verlag; Gütersloh, Berlin, München, Wien
20 Schulze,H.: „Staat und Nation in der europäischen Geschichte“ 2. Aufl., München 2004
8
nachhinkende Prozesse der Nationalstaatswerdung gedrängt. Diese Prozesse sind in der so genannten „Dritten Welt“ bis heute nicht abgeschlossen. 21
Gereifte und gefestigte Nationalstaaten geraten heutzutage aus einer anderen Richtung unter Druck. Moderne Transport- und Kommunikationstechnologien führen zu Prozessen der Globalisierung nationaler Volkswirtschaften und Gesellschaften. Sie verlagern die Möglichkeiten soziale Problemlösungskapazitäten zu steigern immer mehr in den Bereich der internationalen Beziehung herein.
Der Nationalstaat kann diesen Entwicklungen nur durch die Kooperation mit anderen Staaten entgegenwirken. Das bedeutet, dass er im Rahmen seiner Kooperations- und Steuerungsbemühungen auf Aspekte seiner Souveränität verzichten muss, um Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen und die Chancen der Beeinflussung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklungen im eigenen Land zu verbessern.
Im Gegensatz zu den Globalisierungstendenzen sind auch Tendenzen der Dezentralisierung und der Vergesellschaftung des Staates zu beobachten. Ein Ergebnis dieser Entwicklung ist nach vielen Auffassen eine Krise des Nationalstaates. Der amerikanische Soziologe Daniel Bell sagte: „Der Nationalstaat ist für die kleinen Probleme zu groß und für die großen Probleme zu klein geworden.“ 22
Dies bedeutet eine Veränderung der Funktionen und Rollen des Staates. „Der Staat bleibt als wichtigste Bezugsgröße sozialer Autorität und Identifikation und damit auch als Quelle politischer Legitimität ohne Alternative und gewinnt als aktiver, gestaltender Mittler zwischen binnengesellschaftlichen Anforderungen und externen Handlungsbeschränkungen bzw. umgekehrt zwischen den Gestaltungschancen der internationalen Beziehungen und den Notwendigkeiten nationalstaatlicher Anpassungsprozesse zur Nutzung dieser Potenziale neue Bedeutung. Effektive internationale Kooperation endet stets zu Hause: Ohne wirksame nationale Unterstützung kann internationale Zusammenarbeit nicht gedeihen.“ 23
Es ist noch mal hervorzuheben, dass sich die internationale Politik im Wandel befindet. Die Nationalstatten sind nur ein Beispiel für international tätige Akteure. In jüngster Zeit sind durch Folgen globaler Prozesse wichtige andere Akteursgruppen entstanden, die auf unterschiedlichen Ebenen agieren und die Strukturen in der internationalen Politik verändern.
21 Vergleiche Wendorff, Rudolf: „Dritte Welt und westliche Zivilisation - Grundprobleme der
Entwicklungspolitik“, Wiesbaden 1984
22 Bell, 1987, zitiert nach Giddens 1995, S.86
23 Maull,H.W.:2000:“Welche Akteure beeinflussen die Weltpolitik?“; Bonn, S.373
9
Immer mehr Probleme sind globaler Natur und daher auf nationaler Ebene nicht mehr zu lösen.
6. Schlussbemerkung
Unter Globalisierung versteht man den Prozess der zunehmenden internationalen Verflechtung in allen Bereichen (Wirtschaft, Politik, Kultur, Umwelt, Kommunikation etc.). Diese Intensivierung der globalen Beziehungen geschieht auf der Ebene von Individuen, Gesellschaften, Institutionen und Staaten.
Aus den Folgen der wirtschaftlichen Globalisierung entstehen Probleme, die gemessen an den nationalen Möglichkeiten nicht ohne eine globale Kooperation gelöst werden können. Eine Folge der globalen Produktion ist die z.B. vermehrte Umweltbelastung. Ein Staat kann Umweltprobleme nicht allein lösen, dafür bedarf es einer globalpolitischen Struktur, die die Staatengemeinschaft hinsichtlich einer Verbesserung der Umweltsituation verpflichtet. Die globalisierte Welt bringt auch globale sicherheitspolitische Probleme mit sich, denn Verbrecher stammen meist aus verschiedenen Teilen der Welt und können nicht ohne weiteres klassifiziert werden. Ohne eine polizeiliche Zusammenarbeit mit anderen Staaten ist es nahezu unmöglich geworden, Verbrecher effizient zu fassen und präventive Maßnahmen zu ergreifen.
Anfangs habe ich mir die Frage gestellt, ob globale Prozesse das traditionelle Staats- und Regierungsverständnis in Frage stellen. Sind die traditionellen, auf den Nationalstaat zugeschnittenen Politikmodelle überhaupt in der Lage diese Prozesse zu kontrollieren oder zu steuern?
Der Nationalstaat ist vielleicht wirklich zu klein, um sich allein gegenüber globalen Herausforderungen zu behaupten. Dies bedeutet aber kein Absterben des Staates sondern eine Veränderung der Funktionen und Rollen des Staates. Der Nationalstaat bleibt die wichtigste Bezugsgröße sozialer Autorität, Identifikation und politischer Legitimität.
10
7. Literaturverzeichnis
• Castells, Manuel 2001: „Bausteine einer Theorie der Netzwerkgesellschaft“ in: Berliner
Journal für Soziologie 11: 423-43
• Joas, Hans und Wolfgang Knöbl 2004: „Modernitätskrise? Neue Diagnosen“ (Ulrich Beck,
Zygmunt Bauman, Robert Bellah und die Debatte zwischen Liberalen und Kommunitaristen);
S. 639-686
• Schroer, Markus 2006: „Räume, Orte, Grenzen : Auf dem Weg zu einer Soziologie des
Raums“; Suhrkamp, Frankfurt am Main
• Kaufmann, Stefan 2007: „Grenzregimes im Zeitalter globaler Netzwerke“ in: „Die Macht des
Lokalen in einer Welt ohne Grenzen“, Campus Verlag, Frankfurt/New York; 2007
• Faßler, Manfred; 2001 „Netzwerke. Einführung in Netzstrukturen, Netzkulturen und
verteilte Gesellschaftlichkeit“; Wilhelm Fink Verlag; München
• Laireiter, Anton; 1993; „Soziales Netzwerk und soziale Unterstützung: Konzepte,
Methoden, Befunde“; Verlag Hans Huber; Bern
• Friedrichs.J: „Globalisierung- Begriff und grundlegende Annahmen“ In: Aus Politik und
Zeitgeschichte. Beilage zur Zeitung Das Parlament. B33-34/1997, S.3
• Stiglitz, J.E. 2003; „Die Schatten der Globalisierung“, Bonn, Goldmann
• Varwick J.: „Globalisierung“ In: Woycke W. (Hg.); 1998: „Handwörterbuch
Internationale Politik“; Opladen
• Maull,H.W.:2000:“Welche Akteure beeinflussen die Weltpolitik?“; Bonn
• Schulze,H.;2004:„Staat und Nation in der europäischen Geschichte“ 2. Aufl., München
• Wendorff, Rudolph;1984: „Dritte Welt und westliche Zivilisation- Grundprobleme der
Entwicklungspolitik“; Wiesbaden
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Arbeit zitieren:
Katharina Fangmeier, 2008, Die Entgrenzungskrise des Nationalstaates als Folge der Globalisierung, München, GRIN Verlag GmbH
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