Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
5
II. Historiographische Darstellung
7
1. Südfrankreich im 12. Jahrhundert 7
1.1 Geographische und politische Lage 7
1.2 Die wichtigsten Akteure 9
2. Der Kreuzzug gegen die Katharer 10
2.1 Das III. Laterankonzil und seine Folgen 10
2.2 Die Kreuzzugspolitik unter Papst Innozenz III. bis 1215 12
2.3 Der Albigenserkreuzzug ab 1209 14
2.3.1 Béziers 14
2.3.2 Carcassonne 15
2.3.3 Der Aufstieg Simons von Montfort 17
2.4 Peter II. von Aragón und seine Rolle während des Albigenser-
kreuzzuges 20
2.4.1 Die Schlacht von Muret 23
2.5 Das IV. Laterankonzil 24
2.5.1 Die Konsequenzen der Konzilsbestimmungen, der Tod
Simons von Montfort und dessen Auswirkungen auf das Kreuz-
zugsunternehmen 27
2.6 Die Albigenserpolitik des kapetingischen Königtums 29
2.7 Das Ende des Territorialkriegs 31
2.7.1 Der Friedensvertrag von Paris 31
2.7.2 Das Konzil von Toulouse 34
2.8 Der Fall Montségurs als Ende der Katharerverfolgung 35
III. Die „literarische“ Darstellung der Katharerverfolgung
37
1. Einleitung 37
1.1 Das sirventes 37
2. Roger-Raimund Trencavel, Béziers und Carcassonne 39
3. Peter II. von Aragón und sein Tod 45
4. Die Rückeroberungskampagne Raimunds VII. 49
4.1 Beaucaire 49
4.2 Die 2. Belagerung von Toulouse 1217 53
4.3 Avignon 54
5. Der Friedensvertrag 56
5.1 Okzitanische Reaktion auf den Friedensvertrag von Paris 56
5.2 Kampf gegen den Friedensvertrag 58
6. Darstellung der Inquisition 60
IV. Schlussbetrachtung
62
V. Literaturverzeichnis
64
1. Quellen 64
2. Sekundärliteratur 65
I. Einleitung
Wenn man sich diesen Vers der Troubadoure Tomier und Palaizi vor Augen führt, so fällt es einem nicht schwer, diesen mit den Ereignissen des Kreuzzuges gegen die Albigenser zu verbinden. Die hier vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit einzelnen Ereignissen aus dieser Zeit, wobei genauer präzisiert werden muss: Es muss zu Beginn darauf hingewiesen werden, dass diese Arbeit keinen vollständigen Verlauf des Albigenserkreuzzuges präsentiert, sondern ihren Schwerpunkt vielmehr auf die Beschreibung einzelner Geschehnisse legt. Die Arbeit besteht aus zwei grösseren Teilen, da zum einen eine auf zeitgenössischer Geschichtsschreibung beruhende und zum anderen eine auf lyrischen Quellen beruhende Darstellung Gegenstand der Untersuchung ist. Was den ersten Teil betrifft, so habe ich als Grundlage die Historia von Peter von Vaux de Cernay, die Canso de la Crozada von Wilhelm von Tudela und seinem anonymen Fortsetzer sowie die Chronika des Wilhelm von Puylaurens. Hierbei muss erwähnt werden, dass die zeitgenössischen Darstellungen sehr verschieden und alles andere als neutral sind. Während Vaux de Cernay aus der Sicht der Kirche und der Nordfranzosen einen extrem religiösen Standpunkt vertritt, so finden wir bei Tudela und Puylaurens zwar auch einen religiösen, jedoch einen gemässigteren, südfranzösischen Standpunkt vor. Was den anonymen Fortsetzer der Canso betrifft, so stellt dieser das Gegenstück zu Vaux de Cernay dar, da er bei seinen Beschreibungen einen radikalen südfranzösischen Standpunkt vertritt, welcher konsequent das Handeln der Kreuzfahrer in Frage stellt. Der zweite Teil bezieht sich ebenfalls zum Teil auf die selben Ereignisse und zum Teil auf andere Ereignisse. Doch anders als bei Abschnitt II stehen diese nicht im Vordergrund. Vielmehr wurden sie als Gelegenheit genutzt, seine Meinung auf ein bestimmtes Ereignis beziehend zu formulieren und zu verbreiten.
1 Tomier e Palaizi, Si co‘l flacs molins torneia, ed. FRANK, S. 72-74; Übersetzung: Ich finde so viele Sachen zu sagen, dass ich nicht weiss, mit welcher ich mich beschäftigen soll. Aber jeder sollte nachdenken und das Schicksal von Toulouse betrachten! (siehe Kap. 4. 2)
Das, was oben als Schicksal der Stadt Toulouse, welche hier für das gesamte Languedoc und seine Bevölkerung steht, beschrieben wurde, soll im Verlauf des ersten Teils dargestellt werden, so dass sich hier eine lückenhaft dargestellte Zeitspanne von mehr als 60 Jahren ergibt (1179 - 1244). Der zweite Teil hinterfragt nicht die Entstehung einzelner Ereignisse, sondern zeigt auf, wie diese in der zeitgenössischen, „schönen“ Literatur verarbeitet wurden. Die hierbei ausschliesslich verwendeten sirventes sind Bestandteil der Arbeit, da die Untersuchung sehr nah an den Quellen stattfindet. Aus diesem Grund habe ich Übersetzungen aus dem Altprovenzalischen von mehreren sirventes angefertigt, wenn mehr als nur ein Vers heranzogen wird. Betrachtet man die Anzahl der hier verwendeten Quellen und Forschungsliteratur, so stellt man fest, dass die Quellenlage sehr schlecht ist. Ein Grossteil der Sekundärliteratur bezieht sich ebenfalls auf die hier verwendeten, historiographischen Darstellungen und machen diese somit zum Hauptkern ihrer Untersuchungen. Aus diesem Grund unterscheiden sich die hier verwendeten Werke von ROQUEBERT, OBERSTE, LAMBERT etc. in ihren Untersuchungen kaum. Nicht nur aus diesem Grund stieß ich selten auf inhaltliche Differenzen und Diskussionen. Was in diesem Zusammenhang die Verwendung der literarischen Quellen der Troubadoure betrifft, so wird diese in der Sekundärliteratur meistens auf ein Minimum reduziert oder gar außer Acht gelassen.
Auf Diskussionen, ob das Vorgehen gegen den südfranzösischen Adel als Kreuzzug oder als Territorialkrieg angesehen werden muss, gehe ich während der Arbeit nicht ein, da sie bewusst nicht Gegenstand dieser Arbeit sein sollten. Sie spiegeln sich lediglich des Öfteren in den Interpretationen einzelner Textabschnitte wieder, so dass dies in der Schlussfolgerung nochmals aufgegriffen wird. Des Weiteren soll im Schlussteil nochmals auf den Unterschied der historisch-literarischen Quellen eingegangen werden, indem eine Antwort auf die Frage, inwiefern sich die in den beiden Hauptteilen vorgestellten Darstellungen unterscheiden, gegeben wird.
6
II. Historiographische Darstellung
1. Südfrankreich im 12. Jahrhundert
1. 1 Geographische und politische Lage
Bevor wir uns den religiös motivierten Konfliktfeldern zuwenden, sollten zuerst die sozialen und politischen Differenzen, welche nicht zuletzt auch aus der komplizierten, geographischen Aufteilung des Languedoc resultierten, erläutert werden.
Im Mittelpunkt des betrachteten Gebietes befinden sich die Grafschaft Toulouse und ihre Lehen, angrenzende Gebiete des Königreiches Aragón und seine Lehen und in weiterem Sinne jene Gebiete, denen die Grafen von Toulouse selbst lehenspflichtig waren. Durch diese jeweiligen Lehnshoheiten werden demnach indirekt die französische und englische Krone sowie der deutsche Kaiser in den Konflikt einbezogen. 2 OBERSTE betont jedoch, dass solche Lehnspflichten nichts Ungewöhnliches waren und die faktische Einheit der Grafschaft Toulouse zumindest nicht bis 1159 beeinträchtigt wurde. 3 Heinrich II. fiel 1159 in das Languedoc ein, um seinen Machtbereich von Aquitanien aus zu vergrößern. Aber nicht nur Heinrich II. bedrohte die Grafschaft von Toulouse, sondern auch das Königreich Aragón, welches eine Expansion nach Osten anstrebte. Größeres Unheil für den Grafen von Toulouse, Raimund V., konnte nur durch die Unterstützung des französischen Königs abgewendet werden, da jener eine englische Expansion auf dem Festland nicht dulden konnte. Ein Interessenkonflikt mehrerer Parteien war entstanden, welcher die Herrschaft Raimunds V. bedrohte. 4 Das Bekämpfen dieser Bedrohung spiegelte sich zum Beispiel eindeutig in der strategisch wichtigen Heiratspolitik der tolosanischen Grafen wieder: Während Raimund V. Prinzessin Konstanze von
2 Das benachbarte Herzogtum Aquitanien ging durch die Heirat Eleonores mit dem späteren englischen König, Heinrich II., dem französischen Königtum verloren. Es entstand die prekäre Situation, dass der englische König in Bezug auf Aquitanien formal ein Vasall des französischen Königs war.
Die Grafschaft hatte aber nicht nur Lehnspflichten gegenüber der französischen Krone (seit 1141), sondern auch wegen der Grafschaften Gévaudan und Rouer gegenüber des Königreiches Aragón. Die Markgrafschaft Provence war jedoch dem deutschen Kaiser lehnspflichtig. Vgl. OBERSTE, Der „Kreuzzug“ gegen die Albigenser, S. 24 ff. Vgl. auch Karte auf S. 9.
3 OBERSTE, S. 26.
7
Frankreich, Schwester von König Ludwig VII., heiratete, vermählte sich deren gemeinsamer Sohn, Raimund VI., zuerst mit Johanna von England und dann mit Eleonore von Aragón. 5 Diese politischen Konstruktionen zeigen eindeutig auf, in welcher hohen Position sich der tolosanische Adel befand: Herrscher über ein überaus strategisch wichtig gelegenes Territorium und daraus resultierend ein begehrtes Geschlecht, was die Heiratspolitik betraf. Während demnach genügend Gründe für territoriale Streitigkeiten im Languedoc vorhanden waren, sollte man unbedingt einen weiteren Aspekt betrachten, welcher ein Vorgehen gegen die Grafschaft Toulouse von Seiten der katholischen Kirche zu erklären vermag. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts breiteten sich verschiedene religiöse Bewegungen aus, von welchen der Katharismus 6 die bedeutendste war. 7 Zentrale Elemente der als ketzerisch eingestuften Gruppe waren der Glaube an zwei Götter, „den guten Gott der geistigen Welt und den satanischen Gott, der die materielle Welt erschaffen hatte, die die Seelen gefangen hielt“ 8 , Beachtung des Speiseverbots für Zeugungsprodukte wie Fleisch, Milch, Eier, Käse etc., sexuelle Enthaltsamkeit, Ablehnung der Trinität und der Institution der Kirche. 9 Bevor sich diese Arbeit dem historischen Geschehen widmet, sollten unbedingt die Protagonisten, allen voran die Herrscher über die Gebiete im Languedoc, vorgestellt werden, da sie ständiger Bestandteil dieser Arbeit sind.
4 Ebenda.
5 Ders. S. 24.
6 Katharismus: eine zuerst in Deutschland, dann in Italien üblich gewordene Fremdbezeichnung für die Ausbreitung der häretischen Gruppierung; geichzusetzen mit der aus Frankreich stammenden Bezeichnung ‚Albigenser’, benannt nach der Stadt Albi; siehe hierzu: ROTTENWÖHRER, s.v. ‚Katharer’, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 8, Sp. 1064-1068.
7 Vgl. LAMBERT, Ketzerei im Mittelalter, S. 165.
8 RILEY-SMITH, Die Kreuzzüge, S. 76.
9 Vgl. ebenda; VAUX-DE-CERNAY, Historia Albigensis, S. 10-13.
8
Die politische Machtverteilung im Languedoc vor 1209; entnommen aus: GRIFFE, Maurice, Les Cathares, Chronologie de 1022 à 1321, S. 3.
1. 2 Die wichtigsten Akteure
Wie eben erwähnt bildet die Grafschaft Toulouse das Zentrum unserer Betrachtung. Es ist offensichtlich, dass die bereits genannten Königreiche Aragón, Frankreich und England, alle aus ähnlichen Gründen motiviert, eine enges Verhältnis zu der Grafschaft anstrebten, um ihre eigenen Interessen zu verwirklichen. Hierbei dürfen die Interessen des Papstes und seiner Legaten, die Häresie im Languedoc zu vernichten, nicht außer Betracht gelassen werden. Im Folgenden sollen nun die wichtigsten Akteure, auf welche wir in der Arbeit stoßen werden, zeitlich eingeordnet und der Übersicht halber aufgelistet werden.werden.
Toulouse: Raimund V. († 1194) Aragón: Peter II. († 1213)
Frankreich: Ludwig VII. († 1180) Papsttum: Alexander III. († 1181)
England: Heinrich II. († 1189)
Béziers-Carcassonne: Roger II. Trencavel († 1194)
2. Der Kreuzzug gegen die Katharer
2. 1 Das III. Laterankonzil und seine Folgen
Seit dem Dritten Laterankonzil 1179 wurde zur Bekämpfung der Albigenser aufgerufen. Auf Anraten des Heinrich von Clairvaux 10 sollte über alle Ketzer und all jene, die Umgang mit ihnen haben, das Anathem 11 verhängt werden. So kam es dann auch dazu, dass Alexander III. mit dem 27. Kanon verkünden ließ, dass „sie (die Katharer) und alle, die sie verteidigen oder aufnehmen, dem Anathem unterliegen. Wir verbieten unter Androhung des Anathems, sie im eigenen Haus oder Land zu beherbergen, zu begünstigen oder mit ihnen Handel zu treiben“ 12
10 Dies wird zum einen deutlich durch den Ausruf des Heinrichs von Clairvaux selbst gezeigt: „[...] Häresien und Verbrechen haben sich wie zwei Ströme über es (das Land) ergossen, dergestalt, dass es am Leibe vieler Menschen durch ein unreines Leben beschmutzt ist, bei anderen durch Unglauben zerfetzt [...]“ in: FOREVILLE, Lateran I-IV, Geschichte der ökumenischen Konzilien, Bd. 6, S. 168. Vgl. ROSCHER, Papst Innozenz III. und die Kreuzzüge, S. 216.
11 Anathem: in feierlicher Form ausgesprochener Kirchenbann; vgl. W. DOSKOCILl, s. v. Anathema, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 1, Sp. 494 f.
12 WOHLMUTH (Hg.), Dekrete der ökumenischen Konzilien, Bd. 2, C 27, S. 224.
10
Interessant bei diesem Dekret ist jedoch nicht nur die allgemeine Bestrafung der Häretiker - dies wurde auch schon bei dem Konzil von Tours 1163 von Papst Alexander III. initiiert 13 -, sondern die Pflicht Aller, „sich solcher Bedrohung entgegenzustellen und das christliche Volk mit Waffen vor ihnen zu schützen. Ihre Güter werden eingezogen, und dem Fürsten steht es frei, solche Menschen der Sklaverei zu unterwerfen. Wer in aufrechtiger Buße stirbt, zweifle nicht daran, Nachlass der Sünden und die Frucht des ewigen Lohns zu erhalten. “ 14
Es ist deutlich zu erkennen, dass die Kirche nun mit Mitteln vorging, welche einem Kreuzzug 15 schon sehr nahe kamen: die Aussicht auf einen Sündenerlass und auf kirchlichen Schutz, wie es ebenfalls den Pilgern ins Heilige Land zustand, unterstreichen diesen Gedanken und lassen annehmen, dass das Vorgehen der Kirche gegen die Katharer erstmals eine deutlich gewaltsame Form anzunehmen schien. Mit der Durchführung des Kampfes gegen die Ketzer wurde Heinrich von Clairvaux, welcher zuvor schon zum Kardinal von Albano ernannte worden war, als päpstlicher Legat beauftragt. 1181 zog er kurzweilig mit einem Heer in das Languedoc, wobei sich sein Feldzug hauptsächlich gegen den Vizegrafen von Béziers und Carcassonne, Raimund-Roger Trencavel, richtete. Die Erfolge blieben bis auf wenige Ausnahmen aus. Diese zeigen aber deutlich, dass es ein Vorgehen gegen die Katharer seitens der katholischen Kirche gab, aber die Entschiedenheit und die Mittel gegen diese noch lange nicht dem entsprachen, was wir im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch erfahren werden. Von dem Chronisten Wilhelm von PUYLAURENS erfahren wir, dass „cardinalis quidam missus a Romano Pontifice obsedit et coegit sibi reddere hereticos qui ibi erant. E quibus duo qui erant precipui ad fidem catholicam sunt conversi.“ 16 Wie man sehen kann wird das Bekehren zweier Häretiker als Erfolg gewertet. Dies zeigt zum einen, dass der Schwerpunkt darin bestand, Ketzer zur Buße zu bewegen und sie zum “rechten Glauben” zurückzuführen, und zum anderen, dass die Vorgehensweise der päpstlichen Institution nicht dem 27. Kanon des III. Laterankonzils entsprach.
13 FOREVILLE, S.148.
14 WOHLMUTH, S. 225.
15 Hierbei folge ich den Kreuzzugsdefintionen von ERDMANN, Carl, Die Entstehung des Kreuzzugsgedanken, Stuttgart 1965.
16 WILHELM VON PUYLAURENS, Chronika, Kap. 2.
11
2. 2 Die Kreuzzugspolitik unter Papst Innozenz III. bis 1215
Mit Innozenz III., welcher das Pontifikat 1198 übernahm, sollte sich die Ketzerbekämpfung ändern. Dies zeigte sich an seiner Bulle Vergentis in senium vom 25. März 1199. Sie hatte zum Ziel, die Förderer der Häresie einzuschüchtern und fügsam zu machen. Zentrales Element dieser Bulle ist das Verhängen der Infamie 17 . Zur Verwirklichung der Bulle wurde im Jahre 1200 Kardinal Johannes von St. Paulus beauftragt und ab 1203 zusätzlich Pierre de Castelnau und Arnaud Amaury. 18 Während sich aber im Grossen und Ganzen die ersten sechs Jahre seines Pontifikats kaum von dem seines Vorgängers unterschieden, zumindest was den Erfolg im Languedoc betrifft, änderte sich dies jedoch mit der Bitte an den französischen König Philippe Auguste, als Lehnsherr in das Geschehen einzugreifen und seine ketzerischen Vasallen zu entmachten. 19 Die Bitte konnte von Philippe Auguste nicht berücksichtigt werden, da ihm der Krieg mit der englischen Krone wichtiger erschien. ROSCHER merkt an, dass ein energischeres Verhalten erst 1207 zu verzeichnen war, als sich das Vorgehen des Papstes mehr und mehr gegen den Grafen Raimund VI. von Toulouse konzentrierte, wobei man an dieser Stelle noch nicht von einem Kreuzzug sprechen könne. 20 Raimund VI. wurde im selben Jahr exkommuniziert. Ihm gelang es nicht, der ständig auferlegten Aufgabe gerecht zu werden, die Katharer zu verdrängen. LAMBERT verweist darauf; dass „das Katharertum in bestimmten Familien und Gebieten fest verankert war, und Raimund die Mittel und die entsprechende Autorität fehlte, um dies zu ändern, selbst wenn er gewollt hätte.“ 21
Zu Beginn des darauffolgenden Jahres wurde der päpstliche Legat Peter von Castelnau ermordet, nachdem er Verhandlungen mit dem Grafen von Toulouse geführt hatte: ein Ereignis, welches die Kirche mit Raimund VI. verband, was man sehr deutlich an der Beurteilung des Pierre des Vaux-de-Cernay erkennen kann:
17 Infamie: allgemeine Sühnstrafe, gekennzeichnet durch den Verlust bürgerl. Rechte und der pers. Gottesdienstsperre; MAY, s. v. Infamie, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 5, Sp. 667.
18 LAMBERT, S. 106 ff.
19 ROSCHER, Papst Innocenz III. und die Kreuzzüge, S. 222.
Eine solche Bitte adressierte Innozenz III. sowohl 1204 als auch 1205 an den französischen König, welchem gemäss des 27. Kanon des III. Laterankonzils somit ein Gesamtsündenerlass versprochen wurde.
20 Ders. S. 223 f.
21 LAMBERT, S. 108.
12
„Gegen ihn (Pierre de Castelnau) stachelte der Teufel seinen Diener, den Grafen von Toulouse, auf. Dieser hatte sich wegen vieler und schwerer Vergehen, die er gegen die Kirche und Gott begangen hatte, oft die Strafe der Kirche zugezogen. [...] Am anderen Morgen in der Frühe [...] schleuderte einer der Gefolgsleute des genannten Satans seine Lanze und verletzte hinten zwischen den Rippen den zuvor erwähnten Pierre.“ 22
VAUX-DE-CERNAY ging sogar soweit, den Tod des Pierre de Castelnau als ein Martyrium zu bezeichnen. 23 Der Papst seinerseits bekräftigte die Exkommunikation Raimunds und appellierte nochmals an den französischen König, in das Geschehen einzugreifen. Dieser lehnte abermals ab, so dass sich Innozenz gezwungen sah, seine Legaten aufzufordern, einen Kreuzzug gegen die Albigenser auszurufen. 24 An dieser Stelle können wir festhalten, dass erstmals der Kreuzzugsgedanke 25 auf das Gebiet des Languedocs konkretisiert wurde und der Graf von Toulouse fortschreitend in Bedrängnis geriet. 26 Der Oktober 1208 stellt demnach einen Wendepunkt der Ketzerbekämpfung dar, wie wir auch deutlich an folgendem Zitat erkennen können: „Um die gläubigen Völker williger zur Ausrottung der häretischen Pest zu machen, sandte der Herr Papst für die Allgemeinheit bestimmte Schreiben [...]. Er ließ sie wissen, dass allen, [...], alle ihre Sünden vergeben würden. Sobald dieser Ablass in Frankreich verkündet worden war, bewaffnete sich eine große Menge Gläubiger mit dem Kreuz.“ 27
Nicht ganz so dramatisch aber trotzdem beeindruckt schildert TUDELA in der von ihm begonnenen Canso de la Crozada dieses Ereignis. Er hebt hervor, dass er niemals eine so große Ansammlung von Menschen gesehen hat, welche gemeinsam gegen die Häretiker vorgehen wollten. 28
Raimund gelang es, diese Bedrohung abzuwehren, indem er am 18. Juni 1209 in St. Gilles mit den Legaten zur Aufhebung seines Kirchenbanns erschien. Zugleich
22 Historia S. 19 f.
23 Ebenda
24 LAMBERT, S. 110.
25 Eine Diskussion über den Kreuzzugsgedanken folgt am Ende dieses Abschnitts.
26 Vgl. ROSCHER, S. 214-230. Roscher diskutiert ausführlich, dass zuvor stattgefundene Versuche, gegen die Katharer vorzugehen, die noch nicht als Kreuzzug bzw. Anfänge eines Kreuzzuges gedeutet werden können, da die Hauptelemente eines Kreuzzuges fehlten. Trotzdem weist er daraufhin, dass bis zu diesem Zeitpunkt noch kein offizieller Aufruf erfolgte.
27 Historia, S. 30.
28 Canso, Kap. 8.
13
gelobte er Besserung und nahm die ihm vorgelegten Bedingungen an. 29 Durch diese Unterwerfung gelang es Raimund VI., die sich vorbereitenden Kreuzfahrer abzuwehren und das Geschehen auf seinen Neffen, Raimund-Roger Trencavel, Vizegraf von Béziers und zugleich Lehnsmann von ihm und König Peter II. von Aragón, zu lenken. Raimund leistete am 22. Juni 1209 einen Treueid gegenüber den Kreuzfahrern und wurde somit selbst Teilnehmer an dem Kreuzzug, den er zuvor zu verhindern versuchte.
2. 3 Der Albigenserkreuzzug ab 1209
Trotz der Unterwerfung Raimunds VI. versammelten sich die Kreuzfahrer in Lyon und zogen in die Gebiete des Vizegrafen von Béziers, da dieser sich weigerte, sich mit Raimund zusammen zu unterwerfen. Diese Feindschaft mag auch ein Grund für die Teilnahme Raimunds am Kreuzzug gewesen sein, da er sich dadurch seines Rivalen entledigen konnte. 30 Unter der Führung des Abtes von Cîteaux, Arnaud Amauri, begann der Kreuzzug am 24. Juni 1209 in Lyon, wo sich viele Angehörige des nordfranzösischen Adels und Klerus‘ versammelten, u.a. der Erzbischof von Sens, die Bischöfe von Clermont und Nevers sowie die Grafen von Montfort, Saint-Pol und Bar-sur-Seine. 31
2. 3. 1 Béziers
VAUX-DE-CERNAY beschreibt in genugtuender Weise, wie schnell und überaus brutal die Stadt Béziers von den Kreuzfahrern eingenommen wurde, da sich die Bewohner der Stadt nicht bereit erklärten, die unter Verdacht stehenden Häretiker herauszugeben. „Die unverzüglich Eindringenden töteten fast alle, von den Jüngsten bis zu den Ältesten, und steckten anschliessend die Stadt in Brand.“ 32 Es ist anzunehmen, dass nicht nur als Häretiker bekannte Stadtbewohner gefordert wurden, sondern auch solche, welche über Reichtum und Einfluss verfügten, da der Antrieb
29 Ders., Kap. 9; Historia, S. 32 f. Es ist interessant zu sehen, wie sehr sich an dieser Stelle die Quellen in ihren Beschreibungen unterscheiden. Während Tudela die Unterwerfung Raimunds nur kurz erwähnt, schmückt Vaux-de-Cernay diesen Sieg des Papstes um so mehr aus.
30 Canso, Kap. 10; Historia, S. 33; vgl. LAMBERT, S. 110; ROSCHER, S. 233; OBERSTE, S. 59.
31 Historia, S. 36.
32 Ders. S. 41.
14
Arbeit zitieren:
M. A. Christoph Hollergschwandner, 2005, Der Albigenserkreuzzug im Spiegel der "schönen" Literatur des 13. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag GmbH
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