Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Philosophische Grundlagen zur kritischen Auseinandersetzung mit inverser
Ethnographie 3
2.1 Die Ethik Lévinas’ in der Begegnung mit dem Fremden. 3
2.2 Das „Radikal Fremde“ bei Waldenfels 4
3. Die Anfänge der Ethnographie. 5
3.1 Kolonialismus - Kritische Betrachtung der Entstehungsweise ethnographischer
Berichte 5
4. Imaginäre Ethnographie 7
4.1 Die „Perserbriefe“ von Montesquieu 7
4.2 Zur Funktionalisierung des fremden Blicks 7
5. Reiseberichte außereuropäischer Besucher im 19. Jahrhundert. 8
5.1 Das „Schauspiel Europa“ 8
5.2 Beispiel Ham Mukasa aus Uganda. 9
5.3 Beispiele Selim bin Abakabari und Amur bin Nasur aus Sansibar. 10
6. Inverse Ethnographie im 20. Jahrhundert 11
6.1 Afrikanische Europabilder nach der kolonialen Unabhängigkeit 11
6.2 Die Krise der Ethnologie. 12
6.3 Spezieller Blick auf die Deutschland Ethnographie. 13
6.3.1 Geschichtliche Hintergründe ethnographischer Berichte über
Deutschland. 13
6.3.2 Tendenzen der internationalen Deutschland Ethnographie der
Gegenwart 13
7. Fazit. 15
8. Literaturverzeichnis. 17
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1. Einleitung
Ethnographie, als der beschreibende Teil der Ethnologie, ist aus einer anfangs vornehmlich europäischen Wissenschaft entstanden, und wurde somit lange Zeit nur von europäischen Wissenschaftlern praktiziert. Eine Beschreibung und kritische Betrachtung der „fortschrittlichen“ europäischen Gesellschaften aus außereuropäischer Sicht existierte nicht. Erst im 20. Jahrhundert hat sich dies langsam geändert.
In Anbetracht der Tatsache, dass Ethnographien über Europa erst spät aufkamen und deren Entstehen in direktem Zusammenhang mit der Geschichte ethnographischer Literatur über außereuropäische Völker steht, soll die Entwicklung der Ethnographie skizziert werden. Beginnend mit den Entdeckungsreisen und der Kolonialzeit, über das Genre der imaginären Ethnographie und der ersten wirklich von Nichteuropäern verfassten Schriften über Europa, wird im letzten Kapitel auf die zeitgenössische ethnographische Literatur eingegangen. Anhand ausgewählter Ausschnitte aus afrikanischer Prosa und aktueller Deutschlandethnographien soll verdeutlicht werden, welche Tendenzen in der Europaethnographie des 20. Jahrhundert zu verzeichnen sind und wie diese im Zusammenhang mit der historischpolitischen Entwicklung stehen.
Um dem Anspruch der interdisziplinären philosophischen und ethnologischen Betrachtung der Entwicklung von der klassischen Ethnographie der „Neuen Welt“ aus europäischer Sicht, hin zu einer inversen Ethnographie über Europa gerecht zu werden, müssen zunächst die philosophischen Grundlagen dargelegt werden. Da der Beschreibung fremder Kulturen, also dem Entstehen der Ethnographie, immer die Begegnung von Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund vorausgeht, dient als Grundlage für die philosophische Analyse der Text „Die Spur des Anderen“ des französisch-jüdischen Philosophen Emmanuel Lévinas, in dem das absolut Andere das Wesentliche in der Begegnung mit dem Fremden ist, aus dem sich eine bestimmte Handlungsethik ableitet. Bei Bernhard Waldenfels taucht ein ähnlicher Begriff auf, der des radikal Fremden, auf den ebenfalls eingegangen wird. Im Vordergrund steht die Frage, inwiefern es ein allgemein menschliches Phänomen ist, das Fremde in der Begegnung und in der Beschreibung auf eigene Kategorien zurückzuführen, zu vergleichen und zu bewerten. Anhand der historischen und aktuellen Beispiele soll kritisch erörtert werden, ob Lévinas’ Ethik im Umgang mit dem Fremden in der Realität umsetzbar ist, oder ob es nicht vielmehr einer utopischen Forderung entspricht, Fremdes absolut fremd zu belassen und keine Bezugspunkte, ob positiver oder negativer Art, im eigenen Kontext zu suchen. Besonders in der heutigen Funktion der Ethnographie als beschreibende und theoretisch einbettende Darstellung von Kulturen, stellt sich mehr denn je die Frage, ob der
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Ethnologe als Wissenschaftler frei sein muss, von jeglicher Parallelziehung zum ihm vertrauten Kontext, ob dies möglich und wünschenswert wäre, und was sich daraus für Kompetenzen und Aufgaben ableiten.
2. Philosophische Grundlagen zur kritischen Auseinandersetzung mit
inverser Ethnographie
2.1 Die Ethik Lévinas’ in der Begegnung mit dem Fremden
Lévinas entwickelt in „Die Spur des Anderen“ den Grundanspruch seines Denkens, der darin besteht, die Bedeutung des Anderen zu würdigen.
Für Lévinas ist das Ich die Identifikation schlechthin, die Identität und Selbstheit konstituiert. Nur durch diese Selbstheit sind wir in der Lage, „ein jegliches Objekt, einen jeden Charakterzug und jegliches Seiendes zu identifizieren“ (Lévinas 1992: 209). Erst die Beziehung zum Anderen, die Begegnung mit dem Fremden als erfahrbare Differenz, macht mich also zu einem Ich. Diese Andersheit muss dementsprechend unter allen Umständen bewahrt bleiben, sie muss an sich fremd bleiben. Lévinas führt den Begriff des „absolut Anderen“ ein, das als Seinsverständnis die fundamentale Struktur des Menschen ist (ebd.: 211).
Das „absolut Andere“ im Wesen eines jeden ist das Unoffenbare, das in der Begegnung mit dem Fremden in keiner Weise enthüllt werden darf, sondern als absolut anders respektiert werden muss. Eine Annäherung darf nur ohne Berührung stattfinden, das heißt, ich darf mich mit Geduld und Güte dem Fremden nähern, muss es aber als solches stehen lassen und darf es niemals in meinen eigenen Kategorien denken oder bewerten, also auf mich zurückführen. Diese vorsichtige Annäherung bezeichnet Lévinas als Werk, als „eine Beziehung zum Anderen, der erreicht wird, ohne sich als berührt zu erweisen“, ohne einen Triumph oder Lohn zu erwarten (ebd.: 216).
Nach Lévinas kann ich in der Begegnung mit dem Anderen lediglich ein abstraktes Antlitz der fremden Identität wahrnehmen, das ich mir nicht aneignen darf. „Der Andere kommt her vom unbedingt Abwesenden. Aber seine Verbindung mit dem absolut Abwesenden, von dem er herkommt, bezeichnet dieses Abwesende nicht, enthüllt es nicht; und dennoch hat das Abwesende im Antlitz eine Bedeutung“ (ebd.: 227). Das Jenseits, von dem das Antlitz kommt, bedeutet als Spur (ebd.: 228).
Ich darf mir demzufolge nicht anmaßen, fremde Eigenheiten verstehen oder beurteilen zu können, da ich nie so nah an das Wesen des Fremden komme, dass mir ein solches Verhalten zustünde. Würde dies passieren, hätte ich das Andere enthüllt und mir angeeignet, was aber
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niemals passieren darf. Auch muss ich frei von jeglichem Egoismus in der Beziehung zum Anderen sein, denn die Annäherung an das Fremde, also das Werk, muss frei von einer Erfolgserwartung sein (ebd.: 217).
Im radikalen Denken Lévinas’ ist diese Analyse eine Gesetzmäßigkeit, die dem Gefüge menschlicher Interaktion zugrunde liegt. Gleichwohl erhebt er den Vorwurf an die abendländische Philosophie, das Andere enthüllt zu haben, womit das Sein des Anderen seine Andersheit verliert (ebd.: 211).
2.2 Das „Radikal Fremde“ bei Waldenfels
Der Lévinassche Ethikbegriff des unantastbaren „absolut Anderen“ erlaubt eine Parallele zum „radikal Fremden“ von Waldenfels. Als radikal bezeichnet Waldenfels eine Fremdheit, die in keiner Weise auf eigenes zurück geführt werden kann, die sich jeglicher Aneignung entzieht. Wenngleich Waldenfels in seiner Analyse des radikal Fremden nicht direkt eine für das konkrete Handeln ableitbare und unbedingt verbindliche Ethik fordert, hebt er jedoch ebenso wie Lévinas hervor, dass Aneignung einhergeht mit einer Verkennung und Vergewaltigung der Fremderfahrung, von der jede Bemächtigung ausgeht. Aneignung kann sich nach Waldenfels auf politischem, religiösem, philosophischem oder allgemein kulturellem Wege vollziehen. Daraus ergibt sich die Möglichkeit der Wiederkehr des Fremden, das sich gegen seine Aneignung auflehnt und das Eigene notfalls mit Mitteln der Gegengewalt verteidigt (Waldenfels 2006: 116f).
Eine Enthüllung des Anderen bei interkulturellen Begegnungen oder „Fremdbegegnungen“ ist also ein gewalttätiger Vorgang. Dies ist zunächst eine einseitige Bewegung, wobei sich die Richtung der Aneignung aus einem hierarchischen Gefälle ergibt, also einen Hinweis auf ungleich verteilte Machtpositionen gibt. Europäer sprechen über Europäer und Nichteuropäer, Männer sprechen über Männer und Frauen, Erwachsene über Erwachsene und Kinder. Eine Seite der Differenz ist in all diesen Fällen deutlich markiert, die andere nicht, wie Waldenfels betont (ebd.: 113).
Die Grundvoraussetzung in jeder Begegnung mit dem Fremden ist die Abgrenzung, da „etwas nur ein Selbes ist, indem es sich zugleich als etwas Anderes von Anderem unterscheidet“ (ebd.: 113). Fremdes und Eigenes stehen also in Relation zueinander, ohne die sie sich nicht konstituieren ließen. Damit unterstützt Waldenfels die Theorie Fredrick Barths, demzufolge Identität im permanenten Aushandeln von Grenzen entsteht und ohne das Fremde, gegen das es sich abzugrenzen und verteidigen zu gilt, nicht existieren würde.
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Arbeit zitieren:
Yvonne Troll, 2007, Inverse Ethnographie: Europa aus der Sicht von Fremden, München, GRIN Verlag GmbH
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