Inhalt
I. Einleitung
1 Die Wandelbarkeit der Sprache 4
2 Benjamin von Stuckrad-Barre 5
3 Gegenstand und Ziel 6
II. Theoretische Grundlagen
1 Neue Wörter 8
1.1 Neologismen 9
1.1.1 Neuheit 9
1.1.2 Übergang in den allgemeinen Sprachgebrauch 14
1.1.3 Neubedeutung 15
1.1.4 Der fehlende Wörterbucheintrag 15
1.2 Okkasionalismen 18
1.3 Wortneubildungen 20
2 Funktionen von Wort(neu)bildungen: Forschungsüberblick 22
2.1 Benennungs- und Symbolfunktion 22
2.2 Textuelle Funktion 23
2.3 Stilistische Funktion 25
2.4 Schlussbemerkung 25
III. Wortneubildungen im Roman Soloalbum
1 Autor und Werk 27
1.1 Lebenslauf des Autors 27
1.2 Romaninhalt 27
2 Methodik 28
2.1 Bestimmung der Wortneubildungen 28
2.2 Leserbefragungen 30
2.3 Empirische Umfrage 30
2.3.1 Zeitraum der Befragung und Testpersonen 30
2.3.2 Die verwendete Skala 31
2.3.3 Darstellung der Ergebnisse 31
2.3.4 Auswahl der Romanausschnitte 32
2.3.5 Auswahl der Fragen 32
2
3 Die Untersuchung 35
3.1 Möglichkeiten der Wortschatzerweiterung in Soloalbum 35
3.2 Funktionen der Wortneubildungen in Soloalbum 36
3.2.1 Rezeptionssteuerung 37
3.2.2 Dynamischer Lesefluss 48
3.2.3 Das emotionale Netz 57
3.2.4 Gesteigerter Unterhaltungswert 64
3.2.4.1 Ergebnisse der Rezipientenbefragung 64
3.2.4.2 Zusammenfassung 75
IV. Resümee 78
V. Literatur
1 Belegquelle 80
2 Forschungsliteratur und Nachschlagewerke 80
3 Internetquellen 82
VI. Anhang
1 Fragebogen 83
2 Fachliche Ausrichtung befragter Akademiker und Studenten 89
3 Zum Roman befragte Leser 90
4 Tabellenverzeichnis 91
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I. Einleitung
„Neuwörter umlauern uns. Alles Wissen um das Neuwort beginnt mit dieser
1 Die Wandelbarkeit der Sprache
Unsere Sprache wird häufig als statisches Gebilde betrachtet. Wir erwerben sie als Kind, in der Schule lernen wir, wie sie in Schrift umgesetzt wird und welche Regeln dabei zu beachten sind. Wir werden immer wieder verbessert und aufgefordert, „richtig“ zu sprechen und zu schreiben, Anglizismen und Umgangssprache zu vermeiden. Besonders Sprachpfleger sehen in der Erhaltung der derzeitigen Sprachstufe, des „richtigen Deutschen“, eine besonders wertvolle Aufgabe.
Aber unsere Sprache und mit ihr das Lexikon ändern sich. Der Mensch als wandelbares Lebewesen erschafft seine Sprache - schon aus diesem Grund unterliegt sie ebenso wie er selbst einer stets fortschreitenden Entwicklung. Wir brauchen neue Wörter und Ausdrucksweisen, um Änderungen, die uns umgeben, Rechnung zu tragen, sie zu bewältigen und zu kommentieren. Wir passen uns immer wieder neuen Gegebenheiten an - und passen so auch unsere Sprache den neuen Bedürfnissen an. Daraus ergibt sich, dass Sprachen kein unveränderbares Regelwerk an Ausdrucksweisen sind, sondern eine ihnen „innewohnende schöpferische Kraft“ aufweisen (Humboldt in Helfrich, 1993, S. 1). Gerade die Wandelbarkeit ist das besondere an Sprachen - sonst hätte der Mensch dieses Werkzeug der Kommunikation, die das Leben, wie wir es kennen, erst ermöglicht, wohl längst aufgegeben. Ein Werkzeug, das nicht passt, wird nicht verwendet.
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Besonders schnell zeigen sich sprachliche Veränderungen im Lexikon. Und gerade durch die Verwendung neuer Wörter wird die Möglichkeit zum kreativen und dynamischen Umgang mit Sprache besonders deutlich (Helfrich 1993, S. 1 und Heusinger 2004, S. 32). Egal ob Jugendsprache, Werbung, Presse oder Literatur: Wir begegnen täglich neuen Wörtern und es wird deutlich, wie die Freiheit der eigenen Wortgestaltung und -wahl ausgelebt wird. Betrachten wir den Wandel des Lexikons und die Art, wie neue Wörter gebildet werden, genauer, können Schlüsse über kulturelle, wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen gezogen werden. Neue Lexeme wie Altersvollversorgung, Stammzellenspender oder Singlechat (Eintrag der Wortwarte vom 10. Mai 2008) zeugen von solchen Veränderungen. Ein Blick in den Bereich der Wortbildung, der Morphologie, kann somit Einblick in den Wandel einer Gesellschaft vermitteln.
Doch besteht nicht nur ein Bedarf an Wörtern, die neue Gegenstände oder Tatsachen benennen. Vielmehr bringen gesellschaftliche Veränderungen das Bedürfnis mit sich, Emotionen Ausdruck zu geben, die genau diesen Veränderungen Rechnung tragen.
2 Benjamin von Stuckrad-Barre
In der Literatur von Benjamin von Stuckrad-Barre zeigt sich eine deutliche Tendenz, sich anders ausdrücken zu wollen: Gefühle der veränderten Lebensumstände, individuelle Probleme mit sich selbst und der Gesellschaft wollen treffend benannt werden. Neben syntaktischen Änderungen zeigen sich in der Wortbildung starke Variationsmöglichkeiten - besonders durch Neubildungen, die sich vor allem in seinem Roman Soloalbum vielfach finden.
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3 Gegenstand und Ziel
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wortneubildungen des Romans Soloalbum von Benjamin von Stuckrad-Barre. Zunächst werden theoretische Grundlagen besprochen und ein Forschungsüberblick zum Thema neue Wörter gegeben. Ein zentraler Punkt hierbei beschäftigt sich mit der Frage nach dem Bestimmen und Auffinden „echter“ Neubildungen. In diesem Zusammenhang werden die Vorgehensweise und die damit verbundenen Probleme vieler Definitionen vorgestellt. Im Anschluss wird ein Lösungsvorschlag dargelegt, der die Möglichkeit gibt, Neubildungen in aktueller Literatur zu bestimmen. Der darauf folgende Literaturüberblick zeigt, welche Funktionen komplexe Wörterbesonders innerhalb von Texten - erfüllen können.
Der Hauptteil der Arbeit widmet sich den Neubildungen des Romans Soloalbum. Das Methodik-Kapitel stellt die Vorgehensweise beim Ermitteln der neuen Wörter des Romans vor und zeigt, wie Leserbefragungen und die empirische Untersuchung, mit der sich Kapitel 4.4.1 beschäftigt, durchgeführt wurden. Im Anschluss wird kurz auf den Autor und sein Werk eingegangen, bevor eine Übersicht darüber zu finden ist, welche Möglichkeiten der
Wortschatzerweiterung von Stuckrad-Barre in Soloalbum einsetzt.
Danach werden - zusätzlich zu den in Teil II aufgeführten Aufgaben - die besonderen Funktionen der Neubildungen besprochen. Die zentralen Thesen in diesem Zusammenhang sind:
1. Wortneubildungen bei Benjamin von Stuckrad-Barre lenken die Rezeptionshaltung der Leser. 2. Sie erzeugen einen dynamischen Lesefluss. 3. Sie dienen der Vermittlung von Emotionen und spannen so ein emotionales Netz über den Text. 4. Sie steigern den Unterhaltungswert des Romans.
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Für die Thesen 1 bis 3 wurden textinterne Analysen vorgenommen sowie zusätzlich einzelne Leser befragt. So ist sichergestellt, dass die eigene Meinung kein ausschließliches Gewicht hat.
Hinsichtlich des gesteigerten Unterhaltungswerts wurde anhand eines Fragebogens eine empirische Untersuchung vorgenommen. Sie ist Grundlage für die Unterstützung bzw. Widerlegung der These und ermöglicht es, Vermutungen nach dem Unterhaltungswert der Neubildungen objektiv zu bestätigen bzw. zu entkräften. So ist gewährleistet, dass die subjektive Meinung nicht ausschlaggebend ist.
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II. Theoretische Grundlagen
1 Neue Wörter
Neue Wörter bilden ein interessantes Forschungsgebiet. Sie geben uns Einblicke in eine sich ändernde Sprache und verraten uns viel über eine Welt im Wandel. Doch wie wird herausgefunden, ob ein Wort wirklich neu ist? Und wie lange ist es neu?
Bevor die Funktionen der neuen Wörter des Romans Soloalbum besprochen werden können, muss zunächst geklärt werden, wie diese neuen Wörter genau zu bestimmen sind. Bei Betrachtung der einschlägigen Literatur wird schnell klar, dass dies nicht so einfach ist, wie es anfangs scheint. Abschließende und endgültige Definitionen der Begriffe Wortneubildung, Neologismus und Okkasionalismus sind nicht zu finden und die Bestimmungen variieren stark. Der Leser ist mit einer Vielzahl verschiedener Ansätze konfrontiert, die sich teilweise grundsätzlich und oft nur in Feinheiten unterscheiden.
Im Folgenden wird ein Überblick der zu diesem Thema vorhandenen Literatur gegeben und die auftretenden Definitions- und Abgrenzungsprobleme besprochen. Anschließend wird eine Definition des Begriffs Wortneubildung vorgestellt, die den Vorarbeiten der linguistischen Wissenschaft Rechnung trägt, es aber dennoch erlaubt, effektiv mit ihr zu arbeiten. Ziel ist es also, eine Definition zu finden, die theoretische Richtigkeit mit praktischer Anwendbarkeit verbindet und welche anhand genauer Selektionskriterien erläutert, wie neue Wörter in unserer Sprache zu finden sind. Denn das bildet die Grundlage für die Analyse der neuen Wörter im Roman Soloalbum.
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1.1 Neologismen
Das Metzler Lexikon Sprache bezeichnet Neologismen als Neubildungen oder Entlehnungen, die noch nicht Eingang in das Lexikon der betreffenden Sprache gefunden haben und bisweilen auch nicht finden (Metzler Lexikon Sprache 2000, S. 468 - 469).
Doch bereits 1933 beschäftigt sich Henrik Becker mit dem Neuwort. Neuwörter nennt er alle Wörter, die in Form oder Bedeutung in einem bestimmten Sprachverband noch nicht üblich sind (Becker 1933, S. 5). Obwohl diese oder ähnliche Definitionen immer wieder verwendet werden, um Neologismen zu charakterisieren, zeichnen sich bereits erste Probleme ab: Ab wann hat ein Wort Eingang in das Lexikon gefunden? Mit welchen Mitteln kann Unüblichkeit bestimmt werden?
Schon hier wird deutlich, dass es sich beim Thema Neologismen um ein schwer zu definierendes Gebiet handelt. Im Folgenden werden weitere Definitionsvorschläge sowie ihre Probleme diskutiert. In diesem Zusammenhang wird eine Gliederung in die Kriterien Neuheit, Übergang ins Lexikon, Neubedeutung und fehlender Wörterbucheintrag vorgenommen, da diese Unterteilung zentrale Punkte der wichtigsten Definitionen widergespiegelt.
1.1.1 Neuheit
Alle für diese Arbeit untersuchten Definitionen charakterisieren Neologismen als neue Wörter.
Helfrich bezeichnet in ihrem Werk Neologismen auf dem Prüfstand zusammenfassend ein Wort als Neologismus hinsichtlich „seiner Neuheit in Bezug auf das bestehende Lexikon einer Sprache“ (Helfrich 1993, S. 19). Zwei zentrale Fragen bleiben jedoch offen:
Diese Fragen beantworten auch andere Definitionsvorschläge nicht.
Wolfgang Teubert legt eine Reihe verschiedener Kriterien vor, welche die Identifikation von Neologismen ermöglichen sollen. Unter anderem führt er die Belegdauer an: Neologismen müssen mindestens ein Jahr alt sein - sonst würde es sich um einen sogenannten Okkasionalismus (Gelegenheitsbildung) handeln. Hier wird zwar mit einer genauen Mindestzeitangabe gearbeitet, wie lange ein Neologismus als solcher gelten kann, bleibt jedoch unklar. Daneben geht Teubert auf die Beleghäufigkeit ein und betont deren Wichtigkeit. Weitere Ausführungen, z. B. quantitative Angaben über die Beleghäufigkeit, sind nicht zu finden. Wie häufig ein Neologismus dokumentiert sein muss bzw. kann, um (noch) als solcher zu gelten, wird nicht beantwortet. Teubert erwähnt lediglich, dass die Distribution über verschiedene Texte, Textsorten und Genres wichtig sei (Teubert 1998, S. 134 - 135). Zudem wendet er sich ausdrücklich gegen die Verwendung von Wörterbüchern als Mittel zur Feststellung der Wortneuheit. Seiner Meinung nach können Wörterbücher nur einen Bruchteil des Allgemeinwortschatzes erfassen und somit würde ein Abgleich zu keinem befriedigenden Ergebnis führen (Teubert 1998, S. 132). Wie lange ein Wort neu ist und wie das festzustellen ist, beantwortet Teuber nicht. Doch gerade das ist für eine praktische Forschung an Neologismen ebenso wichtig, wie die Frage, ob ein Wort überhaupt neu ist.
Auch Kalverkämper geht nicht auf genaue Selektionskriterien ein. Sprachliche Neuheit richte sich hier nach „der sprachlichen Üblichkeit, dem Normalen und Gewohnten, dem sprachlich Bekannten und von allen Sprechern Gebrauchten“ (Kalverkämper 1987, S. 318). Wie aber die sprachliche Üblichkeit objektiv überprüft oder gemessen werden kann, bleibt wieder offen, genau wie die Frage nach der Dauer von Neuheit.
Dieser Problematik entzieht sich auch Guilbert: „[…] daß der Neologismus nur für einen - näher zu definierenden - begrenzten Zeitraum als solcher
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empfunden werde“ (Guilbert in Helfrich 1993, S. 13).
Es zeigt sich, dass sich Definitionen oft auf ein theoretisches Konstrukt beziehen und von der Praxis abgrenzen. Sollen sie praktisch umgesetzt werden, spielt die subjektive Meinung eine übergeordnete Rolle. Ansonsten wäre es ohne weitere Begriffsbestimmungen kaum möglich, mit Begriffen wie „üblich“ oder „normal“ zu arbeiten. Stepanova und Fleischer bestätigen: „So bleibt das Urteil über eine im Text auftretende WBK als „neu“ in vielen Fällen bis zu einem gewissen Grad intuitiv - gemessen an der Kompetenz des Beurteilers“. (Stepanova/Fleischer 1985, S. 172.)
Praxisorientiert dagegen ist die Verwendung des Begriffs Neologismus im Deutschen Neologismenwörterbuch (2007) bei Quasthoff. Ein Wort wird dann in das Wörterbuch aufgenommen, wenn die Häufigkeit seiner Verwendung im Jahr 2000 oder später im Vergleich zum Zeitraum 1995 bis 1999 stark zugenommen hat. Für dieses Projekt wurde mit einem Softwareprogramm gearbeitet, das die Verwendungshäufigkeit für die Jahre 1995 bis 2006 errechnet. So kann zwar nicht ausgeschlossen werden, dass ein Wort, das in den Jahren vor 1995 häufig gebraucht wurde, in das Wörterbuch aufgenommen wird, es zeigt sich aber dennoch die Praxisnähe dieser Begriffsbestimmung. Quasthoff untersucht jedoch vor allem die Tagesspresse, Prosa bleibt unberücksichtigt. Daneben wird nicht offengelegt, wie hoch der Schwellenwert für die Wörter angesetzt wurde, um in das Wörterbuch aufgenommen zu werden. Aus diesen Gründen wird das Deutsche Neologismenwörterbuch für die Untersuchung der neuen Wörter in Soloalbum nicht herangezogen.
Viele Definitionen gehen beim Thema Neuheit auf das Empfinden der Sprechergemeinschaft ein. Barz hat sich mit dieser Thematik näher beschäftigt und unterscheidet zwischen objektiver Neuheit und dem Neuheitseffekt, also der Wirkung auf den Rezipienten. Die objektive Neuheit kann laut Barz relativ sicher
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ermittelt werden, z. B. durch Erstbelege und Vorkommensanalysen - auch wenn sie anmerkt, dass dies wohl mit einem erheblichen Aufwand verbunden wäre (Barz 1998, S. 13). Es muss jedoch erwähnt werden, dass es angesichts der Menge an Texten - das Internet darf hier als sehr schneller und direkter Weg der schriftlichen Kommunikation nicht vergessen werden - unmöglich scheint, wirklich festzustellen, wann ein Wort das erste Mal verwendet wurde.
Möglichkeiten, herauszufinden, ob ein Wort von Sprechern als neu empfunden wird, also den Neuheitseffekt zu untersuchen, wären entweder Untersuchungen über das subjektive Empfinden Einzelner oder größere Umfragen innerhalb der Sprachgemeinschaft. Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass es wohl keine zwei Personen mit einem identischen Wortschatz gibt. Einzelbefragungen führen demnach zu keinem zufriedenstellenden Resultat. In Umfragen, selbst mit einer repräsentativen Menge an Personen, können ebenso irreführende Ergebnissen ermittelt werden: Stellt man Teilnehmern Wörter mit der Frage vor, ob diese ihnen bekannt sind, ist es möglich, dass sie ein Wort eventuell verstehen und nur daher als bekannt einordnen, gleichzeitig ein Fremdwort nicht verstehen und somit als unbekannt einstufen. So könnten beispielsweise neue, sehr transparent und regelkonform gebildete Komposita als bekannt bzw. als nicht neu eingeordnet werden. Daneben wird die Neuheit eines Wortes von Menschen verschiedener sozialer Schichten oder verschiedenen Alters wohl auch unterschiedlich bewertet. Ältere Personen würden das Verb googeln häufig als neu, also als Neologismus einstufen. Tatsächlich ist es jedoch bereits im Duden - Die deutsche Rechtschreibung (2006) verzeichnet und kann somit nicht mehr als Neologismus gelten. Alte, archaische Wörter dagegen hätten bei Jugendlichen wohl oft den Status eines neuen Lexems. Es zeigt sich also, dass je nach Alter, Bildung oder Interessen die Meinungen über die Neuheit eines Wortes stark variieren. Somit ist bei Sprecherbefragungen dieser Art die Fehlerquelle besonders groß und es muss auf ein klares Forschungsdesign geachtet werden, das diese Fehler von Vornherein ausschließt. Daneben wären
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lediglich sehr groß angelegte Sprecherbefragungen interessant, um das Empfinden der gesamten Sprechergemeinschaft herauszufinden. Personen jeden Alters, jeder sozialen Schicht müssten befragt werden. Dies ist jedoch für einzelne Untersuchungen an neuen Wörtern kaum möglich.
Neben der allgemeinen Sprachgemeinschaft führen auch das subjektive Empfinden und die Sprachkompetenz Einzelner im Hinblick auf das Auffinden von Neologismen nicht immer zum richtigen Ergebnis, auch wenn nicht nur der Neuheitseffekt untersucht wird. Dies wurde bei der Erstellung der Arbeit Neuer Wortschatz - Neologismen der 90er Jahre im Deutschen deutlich. Hier wurde zur Objektivierung der Ergebnisse ein Abgleich mit Wörterbüchern vorgenommen, da beispielsweise Wörter, die bereits in den 1980ern belegt waren, von einzelnen wissenschaftlichen Mitarbeitern als neu empfunden wurden (Herberg et al., 2004 S. XIII). Daneben muss angemerkt werden, dass der aktive Wortschatz auf maximal 100 000 Wörter geschätzt wird, von der deutschen Sprache jedoch vermutet wird, sie verfüge über einen Wortschatz von etwa einer halben Million (Teubert 1998, S. 130). So wird deutlich, dass die Analyse von Einzelmeinungen kein geeignetes Mittel darstellt, um Wörter als Neologismen zu klassifizieren.
Auch die Untersuchung von Barz zeigt, dass Wörter die eindeutig neu sind, als usuell eingestuft werden können - was unter anderem an der Serialität der Wortbildung liegt (Barz 1998, S. 18-27).
In dieser Arbeit wird auf den Neuheitseffekt als Kriterium aus zwei Gründen verzichtet: Erstens sind in den Texten von Benjamin von Stuckrad-Barre sehr viele durchsichtig gebildete, neue Wörter zu finden, so dass davon auszugehen ist, dass bereits aufgrund dieser Tatsache viele als bekannt eingestuft werden würden. Zweitens ist es nicht möglich, für einzelne Untersuchungen mit einem umfangreichen Korpus sehr große Sprecherbefragungen durchzuführen, um das Empfinden der allgemeinen Sprechergemeinschaft zu ermitteln. Daher erscheint
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es als sinnvoll, nicht den Neuheitseffekt, sondern die objektive Neuheit der Wörter zu untersuchen.
1.1.2 Übergang in den allgemeinen Sprachgebrauch
Neben der Neuheit eines Wortes ist der zu erwartende Übergang in den allgemeinen Sprachgebrauch ein häufig genanntes Charakteristikum um Neologismen von sogenannten Einmalbildungen abzugrenzen. Im Eintrag des Metzler Lexikon Sprache wird der Übergang ins Lexikon offen gelassen. Anders bei Bußmann: Im Lexikon der Sprachwissenschaft wird die Tendenz zu einer späteren Aufnahme in den Wortschatz voraus gesetzt (Bußmann 1990, S. 520). Auch Peschel zu Folge ist bei Neologismen ein späteres Übertreten in den usuellen Sprachgebrauch zu erwarten (Peschel 2002, S. 5). Kinne betrachtet Neologismen als lexikalische Einheiten, die bestimmte Phasen durchlaufen: „Entstehung → Usualisierung → Akzeptierung →
Lexikalisierung/Integration (Speicherung als Bestandteil des allgemeinen Wortschatzes)“ (Kinne 1998, S. 86). Können diese Phasen neuer Wörter nicht vorausgesetzt werden, handelt es sich laut Kinne entweder um Okkasionalismen oder „diverse Neuerungen“, zu denen unter anderem Valenzwandel und Bedeutungsdominanz gehören (Kinne 1998, S. 86-87). Es bleibt jedoch stets unklar, aufgrund welcher Tatsachen davon ausgegangen werden kann, dass ein aktuelles neues Wort in den allgemeinen Sprachgebrauch übergehen wird. So ist es möglich, dass häufig zwei oder mehrere Wörter konkurrieren, um eine Benennungslücke zu schließen - vgl. Laptop vs. Notebook. Welches sich letztendlich durchsetzt oder ob beide bzw. mehrere parallel bestehen, kann meist nicht vorhergesagt werden. Ob sich ein Neologismus zu einem usuellen Wort weiterentwickelt und Bestandteil des Lexikons wird, kann bei der Untersuchung aktueller neuer Wörter also nicht bestimmt werden - lediglich subjektive Vermutungen sind hier möglich. Somit schließe ich mich der Meinung von Matoré an, der zufolge die
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zukünftige Verbreitung von Neologismen nicht vorherzusagen ist (Matoré 1952, S.88) und ziehe das Kriterium „Übergang ins Lexikon“ zur Charakterisierung von Neologismen nicht heran.
1.1.3 Neubedeutung
Nicht immer tauchen Wörter auf, die ihrer Form nach neu sind. Häufig tragen sie eine neue Bedeutung. In diesen Fällen wird von einer Neubedeutung gesprochen. Diese Bedeutungsveränderung ist ein oft zu findendes Merkmal sprachlichen Wandels. Egal ob Marschall oder Wagen, eine Vielzahl heute gebrauchter Wörter hat ihre Bedeutung im Laufe der Zeit geändert bzw. neue hinzugewonnen.
Können Wörter mit einer Neubedeutung aber auch als Neologismus bezeichnet werden? Und was konstituiert eine Neubedeutung? Kinne definiert Neubedeutung als „eine ganz neue (zum Vorhandenen dazugekommene) Bedeutung einer etablierten lexikalischen Einheit“, die von der Mehrheit der Sprachbenutzer zeitweise als neu empfunden wird (Kinne 1998, S. 82-83). Teubert geht davon aus, dass eine neue Bedeutung erst dann als Neologismus eingeordnet werden kann, wenn sie nicht erschließbar ist oder ihre Auswahl aus einer Vielzahl von Bedeutungen möglich ist (Teubert 1998, S. 136).
Auch hier bleiben die Autoren die Antwort schuldig, wie festgestellt werden soll, ob und vor allem wie lang eine Bedeutung neu ist. So ergeben sich bei der Neubedeutung dieselben Probleme, wie bei Neologismen der Form nach: objektive Mitte zur Überprüfung bleiben ungenannt.
1.1.4 Der fehlende Wörterbucheintrag
Um die Neuheit von Wörtern zu bestimmen, ist es wichtig, überprüfbare und objektive Merkmale in einer Definition festzuhalten. Gleichzeitig muss eine
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praktische Anwendung gewährleistet sein. Um dies zu ermöglichen hat, Elsen den fehlenden Wörterbucheintrag als Definitionskriterium herangezogen und bezeichnet Neologismen als „neue Fremdwörter, Schöpfungen und auf Wortbildungen und Wortgruppenlexeme, die in Form oder Bedeutung oder beidem neu sind, das heißt, sie sind noch nicht in den aktuellen Wörterbüchern der Standardsprache verzeichnet.“ Orthographische Varianten schließt sie hierbei aus (Elsen 2004, S. 23).
Mit dieser Definition wird sowohl eine objektive Überprüfung, als auch eine praktische Umsetzung ermöglicht. Durch den Abgleich mit Wörterbüchern fallen subjektive Eindrücke nicht ins Gewicht.
Daneben werden die unter Punkt 1.1.1 gestellten Fragen, wie festzustellen ist, ob und wie lange ein Wort neu ist, beantwortet: Ein Wort ist neu, wenn es nicht in den aktuellen Standardwörterbüchern verzeichnet ist und ist solang neu, bis es dort verzeichnet ist.
Wie oben erwähnt, schließt auch Herberg die Überprüfung anhand von Wörterbüchern in seine Arbeit ein (Herberg et al., 2004, S. XI). Es zeigt sich also, sobald praktische Forschung betrieben wird, weisen auch die Definitionen praxisbezogene Elemente auf.
Da in dieser Arbeit neben der praktischen Umsetzung auch die Objektivität bei der Bestimmung neuer Wörter im Vordergrund stehen soll, wird auf die Definition von Elsen Bezug genommen, das heißt, ein Wort wird dann als neu bezeichnet, wenn es noch nicht in den aktuellen Wörterbüchern der Standardsprache verzeichnet ist.
Die unter dem Punkt Neuheit erwähnten Probleme zeigen zwar deutlich, dass ohne die Überprüfung anhand von Wörterbüchern keine wirklichen Aussagen
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über die Neuheit eines Wortes getroffen werden können bzw. in der Praxis keine Kontrollen durchführbar sind. Dennoch darf auch Kritik am Definitionsmerkmal des fehlenden Wörterbucheintrages nicht unerwähnt bleiben: Wörterbücher können nicht mit der Produktivität unserer Sprache Schritt halten. Jedoch muss für diese Arbeit eine Vorgehensweise gefunden werden, die subjektive und nicht überprüfbare Eindrücke auf ein Minimum reduziert. Die eigene Meinung über die Neuheit eines Wortes soll keine Rolle spielen und lediglich nachweisbare Selektionskriterien sollen von Belang sein.
Daneben gibt es sicherlich Wörter, die keine Neologismen sind, jedoch nicht in den gängigen Wörterbüchern verzeichnet sind. Im Gegensatz dazu können auch Wörter verzeichnet sein, die der Allgemeinheit eher unbekannt sind 1 . Fehlerquellen sind auch hier vorhanden und es darf keine 100prozentige Richtigkeit vorausgesetzt werden.
Der fehlende Wörterbucheintrag ist meines Erachtens jedoch bislang das beste Mittel, um objektiv zu arbeiten, auch wenn er nicht jede Unsicherheit nehmen kann. Die Kritik an dieser Methode unter anderem von Matussek (Matussek 1994, S. 33-34) und Teubert (Teubert 1998, S. 132 und 135) kann nicht standhalten, vor allem da sie keine andere, in der Praxis durchführbare Alternative vorschlagen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der fehlende Wörterbucheintrag das wohl einzige objektive und praktisch anwendbare Kriterium zur Bestimmung der Neuheit von Wörtern ist. Alle anderen, wie die Neuheit im Urteil der Sprecher, sind zwar nicht falsch, können allerdings für einzelne Untersuchungen und große Korpora nicht überprüft werden.
1 Das Verb voipen ist im Duden - Die deutsche Rechtschreibung (2006) verzeichnet, war jedoch allen Teilnehmern (bis auf zwei Ausnahmen, darunter ein US-Amerikaner) des Seminars Einführung in die Lexikologie im Wintersemester 2007/2008 an der LMU München unter Leitung von PD Dr. Wanzeck unbekannt. Es handelt sich hierbei selbstverständlich um keine repräsentative Umfrage, lediglich die Tatsache, dass Studenten der Germanistischen Linguistik ein Wort, das im Rechtsschreib-Duden verzeichnet ist, nicht kennen und sich nicht erschließen können, scheint mir hierbei von Interesse zu sein.
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1.2 Okkasionalismen
Okkasionalismen (auch Einmal- oder Ad-hoc-Bildungen) sind wie Neologismen neue Wörter, haben jedoch eine wesentlich geringere Verbreitung. Sie füllen oftmals lexikalische Lücken, haben sprachökonomische Funktion oder sind stilprägend. Sie sind häufig nur aus dem Kontext verständlich und finden keinen Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch (Elsen 2004, S. 21). So finden sich Okkasionalismen besonders häufig in konkreten Sprechakten, wobei der Sprecher das Bedürfnis hat, ein neues Wort zu bilden, um etwas auszudrücken, dass durch den vorhandenen Wortschatz nicht prägnant genug ausgedrückt werden kann.
Über das Fortbestehen der Einmalbildung kann zunächst keine definitive Aussage getroffen werden. Sie kann sich weiter zum Neologismus entwickeln und anschließend eventuell in die Allgemeinsprache eingehen - oder aber sie verklingt nach dem ersten Gebrauch und wird nicht weiter verwendet (Elsen 2004, S. 21). Wird der Begriff in einem sehr engen Sinn verwendet, tauchen schnell Probleme auf: Kein Wissenschaftler hat die Möglichkeit, alle Texte zu lesen und in seine Forschung aufzunehmen. So ist es möglich, dass ein Autor einen Okkasionalismus verwendet, ein anderer Autor diesen aufgreift und weiterverwendet, ohne dass dies in einer Untersuchung berücksichtigt wird. Der Okkasionalismus kann eigentlich nicht mehr als solcher bezeichnet werden und wird somit falsch klassifiziert.
Wie im Bereich der Neologismen finden sich auch hier verschiedene Definitionsversuche:
Peschel charakterisiert Okkasionalismen - in Abgrenzung zu Neologismen - als Wörter, die „nur für den sie umgebenden Text gebildet und in manchen Fällen auch nur in diesem verständlich sind“ (Peschel 2002, S. 5). Hohenhaus hat dagegen eine skalare Definition erarbeitet, die die Merkmale Abweichung, Kontextabhängigkeit, Nicht-Lexikalisierbarkeit und das Minimal-Kriterium
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Sandra Drlje, 2008, Wortneubildungen bei Benjamin von Stuckrad-Barre, München, GRIN Verlag GmbH
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