RESPEKT IN DER SCHÜLER-LEHRER BEZIEHUNG BEGRIFF ENTSTEHUNG UND KONSEQUENZEN
INHALT
1. EINLEITUNG 6
2. DER BEGRIFF RESPEKT DEFINITION BEDEUTUNG
UND VERSTÄNDNISWEISEN 12
2.1. DER FORSCHUNGSSTAN:D RESPEKT IN DER PÄDAGOGISCHEN
FACHLITERATUR 12
2.1.1. GORDON: Die Lehrer-Schüler Konferenz 12
2.1.2. Exkurs: Respekt und Macht 13
2.1.3. DICHANZ: Autorität Ansehen und Respekt 15
2.1.4. SCHWEER: Gegenseitiges Vertrauen 16
2.1.5. KOWALCZYK und OTTICH: Respektvoller Umgang
miteinander 17
2.2 EINE KRITISCHE GESAMTBETRACHTUNG 19
2.3. DER BEGRIFF 20
2.3.1. FEINBERG: Respekt Observantia und Referentia 21
2.3.2. HUDSON: Evaluative Obstacle Directive und
Institutional Respect 23
2.3.3. DARWALL: Appraisal und Recognition Respect 25
2.3.4. GLESER: Respekt in der Lehrer-Schüler Beziehung 27
2.3.5. Exkurs: Etikettenschwindel Was Respekt nicht ist 30
3
INHALT
2.4. RESPEKT UND AUTORITÄT 32
2.4.1. Persönliche Autorität 33
2.4.2. Sachliche Autorität 34
2.4.3. Institutionelle Autorität 34
2.5. EIGENE DEFINITION: UNTERRICHTSRESPEKT 36
2.5.1. Persönlicher Unterrichtsrespekt 37
2.5.2. Sachlicher Unterrichtsrespekt 40
2.5.3. Institutioneller Unterrichtsrespekt 41
2.6. ZUSAMMENFASSUNG 45
3. UNTERRICHTSBEOBACHTUNG UND
KLASSENGESPRÄCHE 47
3.1. HINTERGRÜNDE UND DURCHFÜHRUNG 47
3.1.1. Gewinnung der Stichprobe 47
3.1.2. Vertretungsunterricht und Unterrichtsrespekt 48
3.1.3. Durchführung und Instrumentarium 48
3.2. DARSTELLUNG UND INTERPRETATION DER ERGEBNISSE 51
3.2.1. Der richtige Lehrer bewertet 51
3.2.2. Auswertung 53
3.2.3. Keine Information und keine Zeit 58
3.2.4. Auswertung 58
4
INHALT
3.2.5. Der Ausflug wird gestrichen 59
3.2.6. Auswertung 60
3.2.7. Die Offenbarung 61
3.2.8. Auswertung 62
3.2.9. Überzeugende Kompetenz 63
3.2.10. Auswertung 64
4. SCHLUSSBETRACHTUNG UND AUSBLICK 66
LITERATUR UND QUELLENVERZEICHNIS 70
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RESPEKT IN DER SCHÜLER-LEHRER-BEZIEHUNG – BEGRIFF, ENTSTEHUNG UND KONSEQUENZEN
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1. EINLEITUNG
(ARETHA FRANKLIN zitiert nach DOBKIN 2004, S. 169)
Respekt ist ein äußerst vielschichtiger und facettenreicher Begriff, der im Laufe der Zeit immer wieder einflussreiche Wandlungsprozesse durchlief und in der Folge unterschiedlichste Verständnisweisen mit sich brachte. Diese Vielschichtigkeit zeigt sich besonders dann, wenn man den Begriff und seine Verwendung im schulischen Kontext betrachtet. So hieß es zu Beginn des letzten Jahrhunderts in einem Ratgeber zum Thema Respekt noch: 1
»Der Schüler sehe dem Lehrer manchen Wunsch von den Augen ab. Er hebe ihm heruntergefallene Gegenstände auf, sei ihm behilflich beim Anziehen des Überrocks, reiche ihm Hut, Stock oder Schirm dar. Er öffne ihm bei passender Gelegenheit, auch außerhalb des Unterrichts, die Türe. Treffen beide an einer Türe zusammen, so lasse der Schüler dem Lehrer den Vortritt und gehe dann hinter ihm her.« (zitiert nach KOWALCZYK und
OTTICH 2003, S. 51)
Dass dieses Verständnis von Respekt nicht mehr zeitgemäß und fern jeder Realität erscheint, steht außer Frage, wobei ohnehin äußerst fraglich ist, ob sich das obige Zitat wirklich auf Respekt bezieht, oder ob damit nicht vielmehr allgemeine Regeln der Höflichkeit, beziehungsweise des Anstandes gemeint sind.
In der Folge solcher Vorstellungen und ihrer Pervertierung in Gestalt der immer stärkeren Gleichsetzung von Respekt mit absolutem Gehorsam und Unter-ordnung bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges (SCARBATH 1984, S. 326),
1 Die in dieser Arbeit verwendeten Zitate wurden an die Regeln der Neuen Deutschen Rechtschreibung angeglichen. Formatierungen innerhalb von Quellen, wie Fettschrift oder Unterstreichungen, wurden nicht übernommen.
6
EINLEITUNG
_______________________________________________________________________________________________________________________________ kam es schließlich dazu, dass der Begriff nahezu völlig aus dem pädagogischen Sprachgebrauch verschwand:
»Respekt war ein Wort, das die antiautoritäre Generation hinter
sich gelassen zu haben glaubte. Förmlich, ziemlich steif und ei-
gentlich lächerlich. Respekt verlangen Erwachsene von denen,
die sie unmündig halten wollten.« (KAHL 2002, S. 42) In der schulischen Realität kommt dem Begriff dagegen nach wie vor eine große Bedeutung zu: Nach HONNETH erwartet der Mensch von seiner sozialen Umwelt neben der allgemeinen Respektierung seiner Rechte gleichzeitig auch die Respektierung seiner jeweiligen spezifischen Bemühungen und Leistungen (HONNETH 1994, S. 217). Im Umkehrschluss entstehen dementsprechend Frustrationen und Probleme, wenn jene Anstrengungen nicht die jeweils als angemessen erachtete positive Beachtung finden (HONNETH 1994, S. 217). Dies gilt in besonderem Maße für die Schule und die Schüler-Lehrer-Beziehung: Denn dort befinden sich die Akteure in einer Zwangsgemeinschaft, in der sich in der Regel keiner der Beteiligten – ganz gleich, ob es sich um Schüler 2 oder Lehrer handelt – aussuchen kann, ob er mit dem jeweiligen Gegenüber in Kontakt treten möchte (SCHWEER 2000, S. 130-131), weshalb der Respekt vor diesem Gegenüber ein wichtiges Fundament einer funktionierenden Schüler-Lehrer-Beziehung darstellt.
Die tiefgreifenden Veränderungen in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen, die in jüngerer Vergangenheit zu beobachten waren, stellen nun gänzlich neue Herausforderungen (NICKEL 1985, S. 257), die wiederum unmittelbare Auswirkungen auf den Respekt haben: Zunächst hat der Anspruch auf Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer mehr an Gewicht gewonnen (GIESECKE 2005, S. 44). Dieser Anspruch stößt in der aktuell bestehenden Schule jedoch an deutliche Grenzen, die etwa aus der Begrenztheit materieller Ressourcen (FREI 2003, S. 18), oder auch schlicht aus mangelnder Handlungskompetenz der Lehrkräfte bestehen können, mit solchen Ansprüchen in angemessener Art und Weise umzugehen 2 Im Sinne der besseren Lesbarkeit wird bei der Bezeichnung von Personengruppen im Folgen-
den in der Regel nur die maskuline Form genannt. Sie schließt weibliche Personen ein.
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EINLEITUNG
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(BAUER 2001, S. 16). Eine weitere Schwierigkeit erwächst dadurch, dass Schule eine »Sonderwelt« darstellt, die nicht identisch mit jener sozialen Umgebung ist, auf die sie schließlich vorbereiten soll (HURRELMANN 1985, S. 213). Somit stehen Schulen und Lehrer in immer stärkerem Maße vor der Aufgabe, die Schüler auf das Leben in einer Welt vorzubereiten, die man in weiten Teilen noch nicht kennt (SPITZER 2002, S. 421). Insbesondere die Medien und die Kompetenzen zu deren Nutzung verstärken diese Tendenz (VON HENTIG 2003, S. 39): Vielfach weiß die junge Generation auf diesem Gebiet mehr als die Erwachsenen, beziehungsweise die Schüler mehr als ihre Lehrer (BENNACK 2006, S. 40). Durch diese Veränderungen in der Lebenswelt ist eine generelle Angleichungstendenz zwischen Lehrperson und Lernenden zu beobachten, die dazu führt, dass der einst gesicherte Glaube an die Autorität des Wissenden abgelöst wird (MEAD 1971, S. 14). Damit ist auch das jeweilige Verständnis von Respekt tangiert.
Weiterhin ist eine wertebezogene Pluralisierung, eine von den Autoren der 13.
SHELL JUGENDSTUDIE so genannte »Inflation am Wertehimmel« (DEUTSCHE
SHELL 2000, S. 93), zu beobachten, die sich aus der Vielfalt von Lebenswelten
und Lebensweisen ergibt. Dadurch erleben sie eine Vielzahl von Alltagen und Lebensmodellen (LEMPER-PYCHLAU 2007, S. 88), die nicht mehr eindeutig hierarchisierbar sind (FREI 2003, S. 20): Das funktional Dringlichste wie etwa die Schule für den Schüler, ist für ihn nicht unbedingt dasjenige, dem er auch die meiste Bedeutsamkeit zuspricht (ZIEHE 1996, S. 143). Dass dies deutliche Konsequenzen für den Respekt in der Schüler-Lehrer-Beziehung hat, ist unbestreitbar: Die Schule – und damit auch der Lehrer – sehen sich einer zunehmenden Konkurrenz mit anderen Bereichen ausgesetzt und müssen um ihren Stellenwert in der Lebenswelt des Jugendlichen kämpfen (BENNACK 2006, S. 44), da er die Schule wie gesehen nicht mehr ohne Weiteres als bedeutsam ansieht. Damit ist auch die Frage nach der Legitimität und dem Sinn der Unterrichtsinhalte und des Lehrerhandelns an sich stets präsent (ZIEHE 1996, S. 89).
Mit diesem Begründungsbedürfnis und den aus der Konfrontation von individuellem Anspruch und schulischer Wirklichkeit resultierenden Spannun-
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EINLEITUNG _______________________________________________________________________________________________________________________________
gen und Reaktionen der Schüler, sehen sich Lehrer nun in immer stärkerem Ausmaß konfrontiert (FREI 2003, S. 18). Die Lehrperson wird nicht mehr als selbstverständlich und a priori zu respektierende Autoritätsperson wahrgenommen (ZIEHE 1983, S. 318), sondern es findet ein ständiges Hinterfragen, Beurteilen und Einschätzen statt.
All diese Veränderungen, die den Kern der individuellen Identität und des beruflichen Selbstverständnisses heutiger und zukünftiger Lehrer berühren (HEYMANN 2006 a, S. 32), bedingen Fragen wie die folgenden, aus denen sich enorme Unsicherheiten herauslesen lassen, die wiederum in besonderem Maße mit Respekt zu tun haben: »Werden mich die Schüler überhaupt ernst nehmen? Werden sie mich respektieren? Werde ich mich, wenn es sein muss, durchsetzen können?« (HEYMANN 2006 a, S. 32)
Daneben existieren weitere, zum Teil sehr drastische Beispiele, die zeigen, dass das Thema im schulischen Kontext in der Tat von großer Relevanz ist: So schrieb die BERLINER ZEITUNG am 31. März des Jahres 2006 – unmittelbar nach den Geschehnissen an der Berliner RÜTLI-SCHULE – unter der Überschrift »Das randalierende Klassenzimmer«: »Die Autorität der Lehrer sinkt, die Jugendgewalt steigt, und der gegenseitige Respekt nimmt ab.« (MÖSKEN 2006) Insbesondere die Lehrer würden »nicht mehr respektiert« (MILLER, THOMSEN und MÖSKEN 2006). Auch neueste Phänomene wie das sogenannte »Cyberbullying« stehen unbestreitbar mit Respekt, beziehungsweise mit seinem Fehlen in Verbindung:
»Der Pauker ist der Trottel: Nach diesem Muster laufen all die Filme ab, die zuhauf auf Internetseiten stehen wie youtube.com oder myvideo.de. In der Hauptrolle der Lehrer, der es nicht weiß, weil er heimlich mit dem Handy aufgenommen wird. In den Nebenrollen Schüler, die ihn gnadenlos provozieren und seinen Wutausbruch oder seine Hilflosigkeit ebenso gnadenlos ins Netz stellen.« (VON WRANGEL 2007)
Im Rahmen von Vorfällen dieser Art, werden in der Regel die immergleichen Forderungen und Appelle nach Disziplin, einem offenen Ohr für die Stimmen
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EINLEITUNG
_______________________________________________________________________________________________________________________________ der Kinder und Jugendlichen oder eben nach mehr Respekt erhoben (FREI 2003, S. 14).
Auch der Bundespräsident schlägt, ebenfalls unter dem Eindruck der Ereignisse an der RÜTLI-SCHULE, in seiner BERLINER REDE aus dem Jahre 2006 in die gleiche Kerbe und sieht Respekt als entscheidenden Faktor auf dem Weg zu einer »Bildung für alle« (KÖHLER 2006, S. 1-2):
»Bildung braucht Anerkennung! Wer jungen Menschen Bildung vermittelt, hat Achtung und Unterstützung verdient. Und wer mit Freude lernt und sich mit Eifer neues Wissen aneignet, hat Anspruch auf Wertschätzung und Respekt.« (KÖHLER 2006, S. 5) Hier zeigt sich jedoch in besonderem Maße die Gefahr, dass der Begriff zu einem bloßen Schlagwort verkommt, welches bei mehr oder minder passender Gelegenheit als Allheilmittel in die bildungspolitischen Diskurse eingeworfen wird, ohne dass ein wirklich klares und allgemeingültiges Verständnis darüber bestünde.
Diese Uneindeutigkeit vergrößert sich nochmals, wenn auch die alltagssprachliche Verwendung einbezogen wird: So geht etwa die von HORST KÖHLER angesprochene junge Generation selbst äußerst unbefangen mit dem Begriff um und hat Respekt längst in ihren Sprachschatz übernommen:
»Respect! Wie ein Refrain zieht sich das Wort durch den Sprechgesang der aus nordamerikanischen Ghettos kommenden HipHop-Musik. Auch hier zu Lande ist es zu einem Schlüsselwort der Jugendkultur geworden.« (KAHL 2002, S. 42) Und dies in dem Sinne, dass damit Aufmerksamkeit, Resonanz und ein Mindestmaß an Anerkennung eingefordert werden (KAHL 2002, S. 42). Daneben gibt es ein weiteres, häufig anzutreffendes Verständnis von Respekt, das sich im folgenden Zitat exemplarisch ausdrückt: So attestierte etwa der Kommen-tator des DFB-Pokalspiels zwischen Holstein Kiel und dem Hamburger Sportverein in der ersten Runde am 5. August 2007 den viertklassigen Gastgebern, dass »aus Respekt vor dem Erstligisten langsam Mut« würde.
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EINLEITUNG
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Die angeführten Beispiele bestätigen auf der einen Seite, dass Respekt ein diskursiver Begriff ist, dessen Bedeutung je nach Zeit und Kontext seiner Verwendung deutlich variiert. Auf der anderen Seite machen sie eine Antwort auf die Frage, was Respekt denn nun sei, umso schwieriger. Ist er ein repressives Mittel, um andere »unmündig« zu halten, das es abzustreifen gilt, wenn man, wie der unterklassige Fußballverein gegen einen unbezwingbar erscheinenden Gegner erfolgreich sein will, bloßer Ausdruck eines Mindestmaßes an Um-gangsformen, oder doch notwendiges Rüstzeug auf dem Weg zu einer »Bil- dungfür alle« beziehungsweise ein auch und gerade von Jugendlichen eingefordertes Phänomen?
Es ist Skepsis angebracht: Wie gesehen, erklärt der Begriff allein zunächst einmal nichts. Er ist ein vielschichtiger und schillernder Begriff, der je nach einschlägigem Kontext unterschiedlich verstanden und verwendet wird. Damit geht jedoch die Gefahr einher, dass Respekt als bloße Worthülse für etwas eingesetzt wird, was man nicht wirklich versteht. In diesem Sinne soll das folgende Kapitel versuchen, diese Lücke mit Inhalt zu füllen und – im Sinne des Zitates zu Beginn dieser Einleitung – einen abgrenzbaren und klar definierten Respektbegriff aufzustellen.
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RESPEKT IN DER SCHÜLER-LEHRER-BEZIEHUNG – BEGRIFF, ENTSTEHUNG UND KONSEQUENZEN
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2. DER BEGRIFF RESPEKT – DEFINITION, BEDEUTUNG
UND VERSTÄNDNISWEISEN
2.1. DER FORSCHUNGSSTAND: RESPEKT IN DER PÄDAGOGISCHEN
FACHLITERATUR
In der jüngeren pädagogischen Fachliteratur fand eine Auseinandersetzung mit dem Begriff des Respekts im Allgemeinen und in der Schüler-Lehrer-Beziehung im Besonderen bisher allenfalls rudimentär statt (GLESER 2003). In den Indizes einschlägiger Veröffentlichungen finden sich jedenfalls keine Hinweise auf den Begriff (vgl. etwa BENNER und OELKERS 2004; SCHAUB und ZENKE 1997). Dies mag Folge der bereits erwähnten negativen Prägung des Begriffes durch die damit bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges assoziierte Forderung nach absolutem Gehorsam und Unterordnung sein (SCARBATH 1984, S. 326). Die einzigen Ausnahmen bilden eine Theorie zur Konfliktlösung ohne Niederlagen zwischen Schülern und Lehrern von GORDON, ein Aufsatz von
DICHANZ zum Ansehen und Respekt gegenüber amerikanischen Lehrern, eine
Abhandlung von SCHWEER zum Vertrauen in der pädagogischen Beziehung sowie ein Methodenkompendium von KOWALCZYK und OTTICH zum respektvollen Umgang miteinander im Schulalltag.
Auf diese vier Ansätze, die sich sowohl in ihrer Zielsetzung, als auch in ihrem jeweiligen Verständnis von Respekt zum Teil stark unterscheiden, soll im Folgenden ein kritischer Blick geworfen und zugleich nach möglichen Schnittstellen mit dem Thema dieser Arbeit gesucht werden.
2.1.1. GORDON: DIE LEHRER-SCHÜLER-KONFERENZ
Bei der von GORDON vorgeschlagenen sehr praxisnahen Methode zur Konfliktlösung ohne Niederlagen, wird dem gegenseitigen Respekt zwischen
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DER BEGRIFF RESPEKT – DEFINITION, BEDEUTUNG UND VERSTÄNDNISWEISEN
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Schülern und Lehrern eine besondere Bedeutung zuerkannt. GORDON spricht davon, dass anstelle von gegenseitigen Ressentiments zwischen den beiden genannten Gruppen der gegenseitige Respekt voreinander treten solle, so dass eine Interaktion im Konfliktfalle ohne Niederlagen möglich werde (GORDON 1977, S. 195). Ausgangspunkt ist hierbei, dass die Schüler-Lehrer-Beziehung von einem Machtgefälle zugunsten des Lehrers geprägt ist, was sich jedoch viele Lehrer nicht bewusst machen und Konfliktfälle dementsprechend nach dem Prinzip von Sieg und Niederlage gelöst werden, welches langfristig nur zu immer neuen Machtkämpfen und Frustrationserfahrungen auf allen Seiten führt (GORDON 1977, S. 190). Stattdessen geht diese Methode eine Konfliktsituation auf die Weise an, dass sich die beteiligten Personen auf der Suche nach einer für alle Seiten akzeptablen Lösung zusammenschließen und in einen gleichberechtigten Interaktionsprozess begeben sollen (GORDON 1977, S. 197-204).
GORDON versteht Respekt also als ein auf Gegenseitigkeit beruhendes Phäno-
men, welches das beschriebene Machtgefälle überwinden und stattdessen eine symmetrische Beziehung herstellen soll, wie sie auch von anderen Autoren als charakteristisch für Respekt angesehen wird (vgl. HEYMANN 2006 b, S. 8). Mit dem Machtgefälle und seiner Überwindung spricht GORDON zwei wichtige Aspekte an, die eines Seitenblickes würdig sind, da sie sowohl für den Respekt, als auch für die Schüler-Lehrer-Beziehung von großer Bedeutung sind.
2.1.2. EXKURS: RESPEKT UND MACHT
Es spricht zunächst vieles dafür, dass dort, wo Respekt verlangt oder empfunden wird, immer auch Macht im Spiel ist (SIMON 2007, S. 59), die mit MAX
WEBER wiederum als jene Chance innerhalb einer sozialen Beziehung definiert
werden kann, den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen (WEBER 1976, S. 28). In besonderem Maße gilt dies für die Schüler-Lehrer-Beziehung: In ihr kommt dem Lehrer zunächst die Führungsrolle zu (HOCKE und STÖCKEL 1978, S. 37), die in Gestalt der gesellschaftlichen Institution Schule und der damit verbundenen Vorschriften und Regelungen institutionell
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DER BEGRIFF RESPEKT – DEFINITION, BEDEUTUNG UND VERSTÄNDNISWEISEN
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abgesichert und begründet ist (BRUNNER 1981, S. 154). Dies führt wiederum zu einer Machtungleichheit zugunsten des Lehrers (BACKMAN und SECORD 1972, S. 111). So ist etwa die Macht eines Lehrers, Regeln festzulegen und ihre Einhaltung durchzusetzen, ungleich größer als die eines Schülers (MEYER 2003 a, S. 53).
Diese Macht kann nun grundsätzlich in zwei Formen ausgeübt werden: Ein Lehrer kann über einen Schüler Macht haben und diesem damit bestimmte Beschränkungen und Restriktionen auferlegen. Dies stellt die eher destruktive beziehungsweise repressive Seite von Macht dar. Auf der anderen Seite kann Macht auch produktiv sein (SIMON 2007, S. 51): Ihre Aufgabe besteht dann darin, Produzentin einer Effizienz oder einer Fähigkeit zu sein (FOUCAULT 1999, S. 178). In diesem Sinne ist sie eine produktive Kraft, durch die sozialen Beziehungen und Institutionen Richtung gegeben wird (BARBALET 1985, S. 538). Diese Doppelförmigkeit gilt auch für die Schüler-Lehrer-Beziehung: Ein Lehrer kann seine Macht entweder produktiv nutzen, um den Schüler für bestimmte Leistungen zu loben, ihn zu noch besseren Leistungen anzuspornen und zu motivieren, oder er kann den Schüler im Falle weniger guter Leistungen bloßstellen, bestrafen und frustrieren, also repressive Macht ausüben (DÖRING 1980, S. 71 ff.).
Da es sich bei der Schüler-Lehrer-Beziehung per se um eine asymmetrische Beziehung handelt, ist hier die Gefahr der repressiven Machtausübung allerdings besonders groß. Der von GORDON vorgeschlagene gleichberechtigte Interaktionsprozess kann nun als ein Verzicht auf die Anwendung dieser repressiven Macht und die gleichzeitige Anerkennung der Respektansprüche der Schüler gedeutet werden, denn auch der im Machtgefälle Untergeordnete fordert Respekt ein, da es ein elementares menschliches Bedürfnis darstellt, von seiner Umgebung und seinen Mitmenschen respektiert zu werden (SENNETT 2004, S. 49). Darauf, dass ein solcher freiwilliger Machtverzicht des Lehrers in Gestalt des gleichberechtigten Interaktionsprozesses Sinn macht und langfristig sogar notwendig ist, weist auch TAYLOR hin, der feststellt, dass in asymmetrischen Beziehungen langfristig auch die Respektansprüche der Mächtigen nicht
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DER BEGRIFF RESPEKT – DEFINITION, BEDEUTUNG UND VERSTÄNDNISWEISEN
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befriedigt werden, da die Respektbekundung der weniger Mächtigen nicht wirklich wertvoll ist, da diese keine freien, selbstständigen Subjekte auf dem gleichen Niveau wie die Mächtigen sind (TAYLOR 1992, S. 50). In der Schüler-Lehrer-Beziehung ist allerdings eher wahrscheinlich, dass diese Respektbekundung der weniger Mächtigen, namentlich der Schüler, gänzlich ausbleibt, wenn der Lehrer das zu seinen Gunsten bestehende Machtgefälle nicht auszugleichen versucht. Die Schüler erkennen quasi die Gegenmacht, die in ihrem Verhalten liegt (SIMON 2007, S. 61): Disziplinlosigkeiten und andere Phänomene destruktiven Verhaltens begrenzen die Macht des Lehrers. Hier besteht nun die Gefahr, dass ein Zirkel von Pression und Repression entsteht (CASTNER 1969, S. 7). Denn der Lehrer besitzt wiederum die Deutungshoheit über dieses Schülerverhalten und wird im schlimmsten Fall dergestalt darauf reagieren, dass er seine repressive Machtausübung noch forciert. Die einzig zufriedenstellende Lösung sei nach TAYLOR deshalb ein System gegenseitiger Anerkennung unter Gleichen (TAYLOR 1992, S. 50), wie es auch von GORDON vorgeschlagen wird.
2.1.3. DICHANZ: AUTORITÄT, ANSEHEN UND RESPEKT
DICHANZ berichtet in seinem Beitrag über das amerikanische Bildungssystem
in den frühen achtziger Jahren und die damals vorherrschenden Schwierigkeiten und Herausforderungen für die Lehrer und die Schule im Allgemeinen. Die Öffentlichkeit sei aufgebracht über einen Mangel an Respekt, mit dem sich die Lehrer konfrontiert sähen und er stellt fest, dass sowohl die Reputation der Schule, als auch das Ansehen der Lehrer schwer angeschlagen seien (DICHANZ 1984, S. 348). Auch eine neuere Befragung von Lehrern aus dem Jahre 1996 kommt zu dem Ergebnis, dass viele Lehrer erheblich unter Disziplinproblemen leiden, die durch mangelnden Respekt seitens der Schüler mitverursacht seien (SALZ 1996, S. 18-20).
Hier wird also der Grad des gesellschaftlichen Ansehens als entscheidender Faktor für die Bezeugung oder Versagung von Respekt im schulischen Alltag ausgemacht. Zentral ist jener Respekt, den Schüler dem Lehrer aufgrund seiner
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DER BEGRIFF RESPEKT – DEFINITION, BEDEUTUNG UND VERSTÄNDNISWEISEN
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Position entgegenbringen, beziehungsweise nicht entgegenbringen: »Every adult is to be respected because he will teach you something« (DICHANZ 1984, S. 346), so ein von DICHANZ zitierter Lehrer. Hinsichtlich der Ursachen für die Erbringung oder Versagung von Respekt wird angeführt, dass die soziale Herkunft, neben anderen Faktoren, die außerhalb des Einflussbereiches des Lehrers lägen, einen deutlichen Einfluss ausübten (DICHANZ 1984, S. 350): Vor allem Mittelschichtkinder, die zu den sogenannten Aufsteigergruppen gehörten, erwarteten nahezu alles von der Schule und seien dementsprechend eher bereit, einen Lehrer zu respektieren, während Kinder aus der Oberschicht im Lehrer eine Person sähen, die es zu nichts gebracht und somit keinen Respekt verdient habe und Kinder der Unterschicht aufgrund ihrer Desillusionierung und Chancenlosigkeit den Lehrer ebenfalls nicht respektierten (DICHANZ 1984, S. 350). Diese provokative Einschätzung wird durch eine ältere Untersuchung
GOLDBERGS bekräftigt: Sie konnte zeigen, dass Schüler ihre Lehrer besser be-
urteilen und ihnen eher Respekt entgegenbringen, wenn sie stark erfolgsmotiviert sind und ein ausgeprägtes Bestreben nach schulischem Erfolg besitzen (GOLDBERG 1968, S. 2).
Welche konkrete Rolle dem Lehrer bei der Entstehung von Respekt zukommen kann, bleibt von DICHANZ konsequenterweise unbeantwortet, da es nach seiner Ansicht allein der soziale Status der Schüler ist, der über den jeweiligen Grad an Respekt entscheidet und dem Lehrer nahezu keinerlei Einflussmöglichkeiten verbleiben.
2.1.4. SCHWEER: GEGENSEITIGES VERTRAUEN
Von SCHWEER hingegen wird der Begriff des Respekts mit dem der Akzeptanz der Schüler durch den Lehrenden gleichgesetzt und als maßgebliches Kriterium des zwischenmenschlichen Vertrauens angeführt (SCHWEER 1996, S. 102). Er konstatiert, dass Freiwilligkeit und Machtverteilung für die Frage des Vertrauens zwischen den Interaktionspartnern wiederum eine entscheidende Rolle spielen: Da es sich bei der Schüler-Lehrer-Beziehung – wie im obigen Exkurs
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DER BEGRIFF RESPEKT – DEFINITION, BEDEUTUNG UND VERSTÄNDNISWEISEN
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ersichtlich – um eine Zwangsgemeinschaft mit bestehender Machtungleichheit handelt, da sich sowohl Schüler als auch Lehrer nicht aussuchen können, ob sie miteinander in Kontakt treten wollen, sei das Risiko zu vertrauen, für den Schüler als rangniedrigere Person größer (SCHWEER 2000, S. 130-131). Aus dieser Konstellation wird die Forderung an den Lehrer als ranghöhere Person abgeleitet, mittels einseitiger Vertrauensvorleistungen den Vertrauensprozess in Gang zu bringen (SCHWEER 2000, S. 131). Seitens der Schüler werden Unterstützung, Zugänglichkeit, Respekt und Aufrichtigkeit als relevante Eigenschaften eines solchen vertrauenswürdigen Lehrers genannt (SCHWEER 2000, S. 134). Die Schüler erwarten von einem Lehrer fachliche Hilfe sowie persönliche Zuwendung (SCHWEER 2000, S. 134). Und vor allem wollen sie vom Lehrer als Person akzeptiert und ernst genommen werden (SCHWEER 2000, S. 134). Dass diese Eigenschaften einer funktionierenden und von gegenseitigem Respekt geprägten Schüler-Lehrer-Beziehung besonders zuträglich sind, bestätigt unter anderem eine Untersuchung von CORRELL. Danach sind Aufgeschlossenheit und Interessiertheit für die Schüler, sowie Einfallsreichtum im unterrichtlichen Handeln von besonderer Relevanz (CORRELL 1966, S. 315). Außerdem besagt eine Darstellung von Schülerurteilen von GERSTENMAIER, dass ein Lehrer aus der Sicht der Schüler einerseits unterstützend und freundlich sein, und andererseits einen planvollen und anregenden Unterricht vermitteln sollte (GERSTENMAIER 1975, S. 152).
Hier wird Respekt also vorrangig als Prozess der Ausgleichung von Rangunterschieden verstanden, den zunächst der Lehrer als ranghöherer Interaktionspartner in Gang bringen und von diesem ausgehen müsse, damit auf Seiten der Schüler Vertrauen und somit Respekt entstehen könne.
2.1.5. KOWALCZYK UND OTTICH: RESPEKTVOLLER UMGANG MITEINANDER
Am Beginn der Abhandlung steht die Feststellung, dass es im schulischen Alltag an gegenseitiger Anerkennung und Achtsamkeit fehle, was wiederum dazu führe, dass das gesamte Zusammenleben Schaden nähme (KOWALCZYK und
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Sven Köhler, 2008, Respekt in der Schüler-Lehrer-Beziehung - Begriff, Entstehung und Konsequenzen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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