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Einleitung
Ein Tagebuch kann man ganz allgemein als Medium für die Beschäftigung des Menschen mit sich selbst definieren. Gedanken, Gefühle, Ereignisse und Verhalten werden täglich oder zumindest regelmäßig schriftlich fixiert, so „dass dem Tagebuchschreiber die Zeit als Element bewusst wird.“ 1 Das alltägliche Geschehen bildet den notwendigen Bezugsrahmen für die Auseinandersetzung des Individuums mit sich selbst und seiner Umgebung und steht im Mittelpunkt der meisten Tagebücher. Sie gehören eindeutig zu den autobiographischen Gattungen und sind als „Figurationen von Zeiterfahrung“ 2 zu verstehen. Ein Tagebuch kann neben der Funktion der Ich-Analyse auch eine Funktion als Chronik seiner Zeit erfüllen. Obwohl Tagebücher so unterschiedlich sind, wie die Menschen, die sie schreiben, erweist sich die Zeit, in der sie verfasst wurden, als eine ausschlaggebende Grundlage. Gegenstand der Untersuchung dieser Arbeit sind einige Tagebücher aus der Holocaustzeit als schriftliche Dokumente und historische Hinterlassenschaft für die heutige Erinnerungsliteratur. Das sind einerseits zwei „Klassiker“ - die Tagebücher von Anne Frank und Viktor Klemperer und andererseits zwei andere, relativ unbekannte Tagebücher - von Leon Guz und Etty Hillesum.
Im ersten Kapitel werde ich mich damit befassen, wie Tagebücher in der Literaturwissenschaft einzuordnen sind und welche Hauptmerkmale diese Gattung aufweist. Im Folgenden werde ich kurz über den Forschungsstand referieren. Anhand der sekundären Literatur möchte ich in den nächsten Kapiteln die Primärtexte theoretisch untersuchen und in Bezug auf ihren Wert als Quelle historischer Ereignisse vergleichen. Es werden verschiedene Funktionen der Tagebücher analysiert - Umgang mit der Zeitdimension, das Tagebuch als Überlebenshilfe und innerer Widerstand. Die vier angesprochenen Texte weisen typische Merkmale für die Gattung Tagebuch auf. Sie sind von Menschen unterschiedlichen Alters, Staatsangehörigkeit und Bildung geschrieben worden und versuchen den Holocaust aus der Sicht der Opfer zu erklären. Es sind in den vier Tagebüchern sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede zu erkennen.
Den Schwerpunkt meiner Arbeit werde ich auf die ausführlichere Analyse des Tagebuchs von Etty Hillesum setzen.
1 Görner: Das Tagebuch, S. 9.
2 Dusini: Tagebuch, S. 9.
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1. Das Tagebuch
1.1 Tagebücher als literarische Gattung
Die Auseinandersetzung mit dem Thema bedarf zunächst einer Definitionsklärung. Nach dem Duden ist das Tagebuch ein „Buch, Heft für tägliche Eintragungen persönlicher Erlebnisse und Gedanken“. Auch wenn unvollständig, beinhaltet sogar diese Definition die zwei wichtigsten Aspekte des Begriffs - täglich wird etwas schriftlich eingetragen. Allein das Kompositum „Tagebuch“ an sich verrät schon manches über das Wesen des Tagebuchs. Es ist also ein Buch, in dem die Ereignisse eines Tages schriftlich festgehalten werden. Damit ist es, wie Manfred Jurgensen es treffend formuliert hat, ein außergewöhnliches Geschichtsbuch, aus dem Buch des Tages wird das Buch der Zeit. 3 Es legt nicht nur eine autobiographische Geschichte ab, es ist immer auch ein zeitgeschichtliches Zeugnis. Alles, was der Tag an Tagebuchmaterial biete, sei ein Anlass, der zu subjektiven Darstellungen und Reflexionen führe. Die Freiheit der Auswahl liegt aber bei dem Schreiber. Er fixiert schriftlich tägliche Anregungen, die er einerseits als privates Individuum und andererseits als gesellschaftlicher Zeitgenosse erlebt. Somit haben wir, wenn nicht eine eindeutige Definition für Tagebuch, dann wenigstens seine wesentlichen Merkmale, die ich im Folgenden, auf Grund der Forschungsliteratur, zu erläutern versuche. Es gibt verschiedene Tagebücher, die aber nach Gönner nicht unbedingt als „Gattung in der Gattung“ zu bezeichnen sind. Das sind Reisetagebücher oder Tagebücher, die nicht das eigene Ich zum Inhalt haben oder sich an eine bestimmte Person richten. Die Kategorisierung nach „literarischen“ und „nichtliterarischen“ Tagebüchern wird des Weiteren näher erklärt.
Nach Görner muss man, um ein Tagebuch zu führen, die Tage bewusst leben. Man lernt so, mit der Zeit umzugehen. Genauso wie man Briefe schreibt, kann jeder auch ein Tagebuch führen. Briefe wie Tagebücher haben Kommunikationsfunktion. Das Tagebuch ist adressatenfrei, es ist bestimmt zur Kommunikation mit sich selbst und stellt einen Raum dar, in dem man ungestört diese Kommunikation ausführt. Es wird über innere und äußere Konflikte berichtet. Ein Tagebuch zu führen, kann vor allem in extremen Lebenssituationen zur Überlebenshilfe werden. 4
3 Jurgensen: Das fiktionale Ich, S. 11.
4 Görner: Ebd., S. 23.
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Als literarische Gattung werden in der Forschung vor allem die Tagebücher berühmter Personen, meistens Schriftstellern behandelt. Ein Tagebuch erfüllt unter anderem auch die Funktion von Selbsterforschung und stellt einen reflektierenden Umgang mit sich selbst dar. Viele Charaktere, Orte und Ereignisse werden in ihren Werken verflochtet und tragen so zu einem hohen Grade Authentizität bei. Andere Tagebücher sind nur zum Selbstzweck geschrieben. Eine wichtige Frage ist, ob sie in Hinsicht auf einen potenziellen Leser geschrieben sind oder nicht. Dann wird ihre wesentliche Funktion als Kommunikation mit sich selbst anders verstanden und interpretiert. Viele Schriftsteller veröffentlichen ihre Tagebücher bereits zu Lebzeiten. Ob anerkannter Schriftsteller oder nicht erkennt jeder Tagebuchschreiber den Zusammenhang von Zeit-und Selbstverwirklichung und erfährt, wie das Subjektive und das Objektive des sozialen Geschehens ineinander übergehen. Der kritischreflektierende Umgang mit dem Ich erlaubt dem Tagebuchschreiber, ein Verhältnis zu der Dimension Zeit aufzubauen, was zur Persönlichkeitsbildung beiträgt.
Dusini, ein weiterer Literaturwissenschaftler, der sich mit dem Thema Tagebuch auseinander gesetzt hat, definiert es als einen auf Zeit geschlossener Kontrakt mit sich selbst. Ob es sich um eine Autobiographie handelt, um persönliche Briefe oder Tagebuch, sind das seiner Ansicht nach, alle Gattungen des autobiographischen Diskurses, die Instrumente der Zeitwahrnehmung bilden und „ in ihrer Spezifik Alternativen temporaler Erfahrung [eröffnen]“. 5 Die Zeit wird greifbar gemacht allein wegen der Tatsache, dass die Materialität der Schriftträger Zeit verkörpert. Weiter vertritt Dusini die These, dass die Gattung „Tagebuch“ seit Jahrhunderten eine Stabilität von spezifischen Merkmalen aufzeigt, die ihre Attraktivität bewahren. Literaturkategorien wie Kontinuität und Ästhetik sind nicht immer vorhanden, laufen manchmal sogar der Literatur zuwider, es sei aus linguistischer oder literarischer Sicht. Inhalt und Bedeutung des Inhalts sollen aus hermeneutischer Sicht analysiert werden. Dusini beschreibt drei Bestimmungen des Tagebuchs, die aus gattungs-historischer Sicht wichtig sind. Das ist erstens die pragmatische Bestimmung: Was tut man, was ist man gezwungen zu tun, was kann man tun - indem man Tagebuch schreibt? Die zweite, hermeneutische Bestimmung setzt voraus, dass der Inhalt durch kulturwissenschaftliche, gendertheoretische und historische Problemstellungen
5 Dusini: Ebd., S. 9.
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vorgearbeitet sein soll. Die letzte Bestimmung ist die unvergängliche Attraktivität der Gattung, die auf die Intensität der subjektiven Darstellung beruht. In einer weiteren Studie untersucht Manfred Jurgensen das fiktionale Ich im Tagebuch. Er behandelt das Tagebucher als „Ich-Literatur“, eine Intimform des sozialen Ichs, indem man sich so zu sagen selbst Gesellschaft leistet. Dabei erfüllt die Literatur ihre Funktion als Form der Selbsterkenntnis. Als Grundlage für seine Untersuchung gilt die Annahme, dass der Tagebuchschreiber in zwei Rollen auftrittals Schreiber und als Leser. Genauso wie bei der Lektüre eines literarischen Werkes, wo Autor und Leser in ein partnerhaftes Ich-Verhältnis treten. Die Gegenüberstellung von Ich-Autor und Ich-Leser stellt das Literarische in einem Tagebuch dar. „ Wo immer sich das Individuum sprachlich reflektiert, entfaltet sich ein Prozeß der Fiktionalisierung. Die ichgeschichtliche Dokumentation gestaltet einen literarischen Charakter, der sich biographisch darstellende Autor projiziert ein fiktionales Ich.“ 6 Es ist ein Verwandlungsprozess zu beobachten, denn laut Jurgensen kann literarische Kommunikation nur von einem zum anderen Ich erfolgen nach seiner Meinung. Er versteht die diarische Selbstaussage als Bestandteil einer umfassenderen literarischen Genese. Die gleiche Annahme ist auch bei Dusini zu finden. Im Tagebuch sei der Schreiber in einem Dialog mit seinem Schreiben verwickelt und illustriert dieses Sachverhalt mit den Tagebuchaufzeichnungen von Anne Frank. 7 Weiter vertritt Jurgensen die Meinung, dass es nicht möglich sei, Tagebücher in literarische und nichtliterarische zu unterscheiden. Unterschiede sind nur in der literarischen Qualität zu konstatieren, wobei dem Schreiber selbst seine literarische Möglichkeiten immer deutlicher werden. Für einen Schriftsteller zum Beispiel „ist der Schritt von diarischer Selbstdarstellung zur formfiktionalen Übertragung des Tagebuches auf eine andere literarische Gattung (beispielsweise den Roman) nicht groß.“ 8 Als allerdeutlichstes Beispiel nennt er Max Frischs Tagebuch-Romane. Durch seine Funktion Informationen und Berichte zu liefern, sieht Jurgensen Ähnlichkeiten zwischen dem Tagebuch und einer Tageszeitung. Charakteristisches Merkmal des Tagebuchs ist seine Parteilichkeit. Indem es Partei nimmt für das diarische Ich, identifiziert es sich nur mit Ansichten, für die sich dieses Ich einsetzt.
6 Jurgensen: Ebd., S. 7.
7 Dusini: Ebd., S. 69.
8 Jurgensen: Ebd., S. 8
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1.2 Forschungssituation
Im Gegenteil zur Autobiographie und Briefliteratur sind Tagebücher trotz ihrer Beliebtheit immer noch nicht genug erforscht in der Literaturwissenschaft. Als einzige Ausnahme ist der Reisetagebuch zu nennen, das als Gattung gründlich erforscht ist. Tagebücher finden selten Beachtung. Als ein Grund dafür sieht Susanne zur Nieden die bis heute ungeklärte „Statusfrage“ dieser Textsorte - ob ein Tagebuch überhaupt als literarische Gattung anzusehen sei. Die wenigen Untersuchungen zu Tagebücher gelten anerkannter Schriftsteller. Sie werden immer als Maßstab für die Textsorte verallgemeinert und sind bis heute noch nicht von den „gewöhnlichen“ Tagebüchern abzugrenzen. Tagebücher von Laien geraten meistens aus dem Blickfeld der Forschung, da ihre literarische Werthaltigkeit immer noch in Frage gestellt wird. Ein Argumentationsmuster dominiert aber trotz unterschiedlicher theoretischer Ansätze in der Sekundärliteratur: „Durch die Profilierung des ästhetischen Wertes versuchen die Verfasser, das Tagebuch als Gattung an anderen literarischen Gattungen zu messen, um dann durch die Benennung der Differenz zwischen der Tagebuchform und fiktionaler Literatur ersterer die Weihe größerer Authentizität zuzuschreiben. Ausgehend von Literatentagebüchern wird das Tagebuch als Kunstform ausgewiesen, um es letztlich aber zum Gegenpol fiktionaler Literatur zu erklären.“ 9 Die meisten literaturwissenschaftliche Untersuchungen gehen von einzelnen kanonisierten Literatentagebüchern aus und versuchen sie anderen literarischen Gattungen gleichzustellen. Die Kunst des Tagebuches bestehe in seiner Kunstlosigkeit und seine charakteristische Form sei die Formlosigkeit. Dagegen setzt Susanne zur Nieden das Argument, dass das Tagebuch im Rahmen der kulturellen Überlieferung eine nicht ursprünglich der literarischen Gestaltung verpflichtete Textsorte ist und habe seine exakt umrissene Rolle im System literarischer Schreibwesen.
Die Tagebücher, die die Verfolgten in den Jahren des Holocaust geschrieben haben, sind Gegenstand der Untersuchungen von Renata Laqueur. Es gibt nur wenige Tagebücher aus dieser Zeit, die überliefert worden sind. Sie betont ihre Funktion als Überlebenshilfe und Selbstschutz und die große Bedeutung des Schreibens, um sich den Rest menschlicher Würde zu bewahren.
Auch Schriftsteller, die sich zur Inneren Emigration zählten, erklärten ihre Tagebücher als eine Form des inneren Widerstandes. In der Debatte um die Veröffentlichung des
9 Susanne zur Nieden: Alltag im Ausnahmezustand, S. 23.
Arbeit zitieren:
Genka Yankova-Brust, 2008, Die Opfer schreiben - Tagebücher aus der Holocaustzeit, München, GRIN Verlag GmbH
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