Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Institut für Soziologie
Seminar: ,,Soziologie und Philosophie der Mode"
Wintersemester 2008
Moderne Mode StudiVZ
Die Popularität des sozialen Online-Netzwerks
als modisches Phänomen
vorgelegt von:Tilman Scheipers
Hauptfach:Politikwissenschaft (9. Fachsemester)
1. Nebenfach:Soziologie (7. Fachsemester)
2. Nebenfach:Romanistik/Französisch (9. Fachsemester)
Abgabetermin: 20. März 2008
INHALTSVERZEICHNIS
1. Einleitung 2
2. Theorie 3
2.1. Definition der Mode 3
2.2. Die klassische Theorie der Mode 4
2.3. Die Theorie der modernen Mode 6
3. Praxis 9
3.1. Definition und Arten sozialer Online-Netzwerke 9
3.2. Das soziale Online-Netzwerk StudiVZ 10
3.2.1. Der Aufstieg von StudiVZ 12
3.2.2. Das Erfolgsmoment von StudiVZ 12
3.2.3. Der Abfall von StudiVZ 13
4. Synthese: StudiVZ als Phänomen Moderner Mode 14
5. Résumée & Ausblick 16
6. Quellen 18
1
1. Einleitung
,,′Ich kenne niemanden, der nicht dabei ist′, sagt Benjamin Roth, 25. ,Hundertmal amTag gehe ich da rein, ganz schlimm′, sagt Carolin Thiele, 25. ,Fast hätte ich hier eineFreundin gefunden′, sagt Christian Vogt, 27; demnächst trifft er sich mit der nächstenKandidatin."1
Das ist möglich, da sie alle eines gemeinsam haben: Sie sind wie mittlerweile 4,7Millionen andere User auch Mitglied bei StudiVZ2, Deutschlands Marktführer aufseinem Gebiet:3 Während bis Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. JahrhundertsInternet-Communities eher eine mit Computer-Nerds4 assoziierte Parallelwelt darstellten, ist es heute für junge Menschen vom Teenager-Alter bis Ende Zwanzigfast schon selbstverständlich, in sozialen Online-Netzwerken mit einander verbunden zu sein und sich anderen zu präsentieren sei es bei Myspace, Lokalisten, Wer-Kennt-Wen, campusfriends oder eben vor allem bei StudiVZ. Dieses Phänomen beschreibt mindestens zwei soziologisch interessante Entwicklungen: Zum einen ist es Teil einer Entwicklung hin zur immer allumfassenderen medialen Ubiquität, für deren Kommunikation mehrfache Gleichzeitigkeit, lokale Unwichtigkeit und Multimedialität charakteristisch sind.5 Zum anderen zeigt es die Geschwindigkeit, mit der Moden in der Moderne aufeinander folgen und sich gegenseitig ablösen.
Um die für die moderne Mode charakteristischen Merkmale und Zyklen aufzuzeigen, ist StudiVZ ein sehr passendes Beispiel und Beweisstück. So sollen im Folgenden klassische Theorien der Mode sowie Theorien der Mode inder Moderne vorgestellt werden. Daraufhin wird es nötig sein, das Phänomen StudiVZ genauer unter die Lupe zu nehmen sowie seinen angewachsenen Erfolg und
1 Dworschak, Manfred: Wer mit Wem?, DER SPIEGEL, Nr. 52/2007, S. 132
2 Der Name generiert sich als Abkürzung für Studierenden-Verzeichnis in
Anlehnung an Vorlesungsverzeichnis oder Studierendensekretariat
3 vgl.: Winckler, Lars: Studenten sabotieren StudiVZ, in: WeltOnline,
20.01.2008 (http://www.welt.de/wams_print/article1575401/Studenten_sabotieren_StudiVZ.html)
4 Mit dem Terminus ,,Computer-Nerd" werden im Allgemeinen computerinteressierte
und -fixierte, meist junge Männer beschrieben. Laut einem Artikel der
Süddeutschen Zeitung ist ,,Nerd" ein Akronym für ,,Non Emotional Responding Dude"
(vgl. Casati, Rebecca: Geist und Klick, in: sueddeutsche.de, 30.04.2006
(http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/852/74778/))
5 vgl.: Thimm, Caja: Mediale Ubiquität und soziale Kommunikation, in:
Thiedeke, Udo (Hg.): Soziologie des Cyberspace. Medien, Strukturen und
Semantiken. Wiesbaden 2004, S. 52f.
2
seine ersten Anzeichen des Abstiegs zu beschreiben. Hiernach soll die Synthesegezogen werden, in der StudiVZ als ein Phänomen der modernen Mode identifiziert wird. Im abschließenden Résumée soll nicht nur die erfahrene Erkenntnis zusammengefasst, sondern darüber hinaus auch ein Ausblick gewagt werden: Was kommt nach StudiVZ, wohin entwickeln sich soziale Online-Netzwerke?
Diese Hausarbeit konzentriert sich also gänzlich auf die Dimension der Modeerscheinung und lässt die Aspekte des freiwillig gläsernen Menschen und die damit entstehenden sozialen Implikationen vollkommen außen vor.
2. Theorie
2.1. Definition der Mode
Der Begriff
Mode
ist ein Lehnwort aus dem Französischen, bedeutet
Art und Weise
und leitet sich von dem lateinischen Wort
modus
ab, ebenfalls
Art und Weise
. Im französischen Sinne beschreibt es die zum Beispiel für einen bestimmten Landstrich oder für ein bestimmtes soziales Milieu besondere Art, beispielsweise zu kochen oder sich zu kleiden.6 Im Deutschen erweitert sich die Lesart um die temporale Dimension: Eine Mode bezeichnet eine als zeitgemäß geltende Art und Weise des Handelns und Denkens Sitten und Gebräuche, die für eine bestimmte Zeit einem gerade herrschenden Geschmack entsprechen.7 Mode ist ein zyklisches Muster des Wandels in wiederkehrender und sich immer selbst wieder ersetzender Form mit sich jedoch verändernden Inhalten.
Festzuhalten ist, dass es sich bei Mode nicht nur um Kleidungsmode handelt. Mode kann sich auf alle Bereiche des menschlichen Handelns und Denkens beziehen. Die die Mode beschreibenden Gesetzmäßigkeiten und die davon ausgehenden Einflüsse auf die Gesellschaft haben neben Persönlichkeiten anderer Disziplinen
6 vgl.: o.V.: Hachette Dictionaire. Édtion illustrée, Paris 2003, S.
1051
7 vgl.: o.V.: Duden. 21. Auflage, Mannheim 1996, S.499
3
auch viele namhafte Soziologen versucht zu ergründen.8 Doch wird im folgenden Punkt ausschließlich auf die Theorie der Mode Bezug genommen werden, die Georg Simmel 1923 in seinem Band gesammelter Essays,
Die philosophische Kultur
, veröffentlichte; im darauf folgenden Punkt steht Elena Espositos
Die Verbindlichkeit
des Vorübergehenden: Die Paradoxien der Mode
im Vordergrund, ein Buch, in dem sie die verschiedensten Gedanken und Theorien zur Mode in der Moderne zusammengetragen hat.
2.2. Die klassische Theorie der Mode
Ein Phänomen, das sich durch alle Seiten des menschlichen Lebens, des Handelns, Denkens, Fühlens und Erfahrens zieht, und so also das menschliche Dasein grundlegend prägt, ist Dualismus. Es entspricht der Natur des Menschen, sich zwischen zwei gegensätzlichen Polen hin- und hergerissen zu fühlen, und zum Überleben eine Balance zwischen ihnen finden zu müssen: etwa zwischen Schaffensdrang und Rezeptivität, zwischen Bewegung und Ruhe oder zwischen Spontaneität und Planbarkeit. Auf gleiche Art und Weise ist der Mensch in seiner Selbstverortung getrieben zwischen dem Verlangen nach Anpassung, Verschmelzung mit der Gesellschaft sowie dem Wunsch nach individuellem Hervortreten. Ebenso verhält es sich mit dem Drang nach Veränderung, der gleichzeitig einhergeht mit der Sehnsucht nach Beständigkeit. Der Funktion der Mode liegen auf ähnliche Weise zwei Strömungen zu Grunde, die zur Existenz von Mode in einer Gesellschaft wesentlich sind. Zum einen möchte sie Inklusion schaffen, zum anderen Exklusivität. Auf der einen Seite manifestiert sie die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, der das Folgen der Mode durch den Mitgliedern gegebene Ressourcen möglich ist. Auf diesem Wege grenzt sie auf der anderen Seite so auch diejenigen aus, die der Mode nicht folgen sei es aus Unwissenheit, aus Überzeugung oder aus Mangel an Ressourcen. Das jeweilige Objekt der Mode erfüllt jedoch keinen eigenen Zweck; warum ein Objekt modisch wird und ein anderes nicht, lässt sich rational nicht ergründen, denn das Objekt an
8 Hier sind v. a. zu nennen: Pierre Bordieu mit Die neuen Kleider der Bourgeoisie von 1975 und Theodor W. Adorno mit der Dialektik der Aufklärung von 1947, die der Mode ein eigenes Kapitel widmet.
4
Arbeit zitieren:
Tilman Scheipers, 2008, Moderne Mode StudiVZ, München, GRIN Verlag GmbH
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