Markus Mehlig
Eben diese beiden, der wirtschaftswissenschaftlichen Betrachtungsweise fehlenden Kapitalformen erläutert Bourdieu nun in den folgenden zwei Sinnabschnitten. Mit dem kulturellen Kapital beginnend, beschreibt er dessen drei Erscheinungsformen: Das inkorporierte, objektivierte und institutionalisierte Kapital. Des weiteren begründet Bourdieu die besondere Rolle des Begriffes des kulturellen Kapitals, da dieser „es gestatte, die Ungleichheit der schulischen Leistungen von Kindern aus verschiedenen sozialen Klassen zu begreifen.“ (ebd., S.185). Außerdem setzt er sich mit dem Begriff des Humankapitals auseinander und kritisiert die Denkweise, Fähigkeiten und Begabungen bestünden einfach und wären nicht Produkt der Investition kulturellen Kapitals. Bourdieu nennt diesen Investitionsvorgang „Transmission kulturellen Kapitals in der Familie“ (ebd., S.186).
Nun folgt die Abhandlung des ersten Untergliederungspunktes, nämlich des inkorporierten kulturellen Kapitals: Bourdieu legt hier besonderen Wert auf die Tatsache, dass alles Wissen und jegliche Bildung die sich ein Mensch aneignet nur innerhalb eines selbst ausgeübten oder erlebten Prozesses gewonnen werden kann. Dieser Verinnerlichungsprozess - die sog. Inkorporation - koste Zeit, die man investieren müsse. Das aus eben diesem Prozess gewonnene Kapital sei „ein Besitztum, das [...] zum Habitus geworden ist; aus ,Haben ist ,Sein geworden.“ (ebd., S. 187). Schlussfolgernd stellt er fest, dass inkorporiertes Kapital somit nicht kurzfristig weitergegeben werden kann.
Weiterhin ist es möglich, dass sich die Inkorporation „ohne ausdrücklich geplante Erziehungsmaßnahmen, also völlig unbewusst“ vollzieht (ebd., S.187). Auch bleibt inkorporiertes Kapital stets von den Umständen geprägt, die zu seiner ersten Aneignung herrschten. Außerdem bestimmt das Ausmaß des im Elternhaus vorhandenen kulturellen Kapitals den Zeitpunkt des Inkorporationsbeginns und legt fest, inwiefern die Fähigkeit zur dauerhaften Aneignung ausgeprägt werden kann.
Im nun folgenden Abschnitt erörtert Bourdieu die objektivierte Erscheinungsform des kulturellen Kapitals. So stellt Bourdieu fest, dass kulturelles Kapital mit Hilfe seiner materiellen Träger („z.B. Schriften, Gemälde, Denkmäler, Instrumente, usw.“) (ebd., S.188) übertragbar ist, jede Übertragung allerdings gewisse Kulturfertigkeiten, d.h. inkorporiertes Kapital voraussetzt. Bourdieu macht gleichzeitig darauf aufmerksam, dass materielle Träger kulturellen Kapitals zwar auch auf ökonomischem Wege ent- und angeeignet werden können, dass sie dem Besitzer aber ohne dem zu deren Rezeption erforderlichen inkorporierten Kapital nichts nutzen würden. So erklärt er am Beispiel eines Industriearbeiters und der Maschine an der dieser arbeitet, sie jedoch nicht besitzt, „daß die kollektive Macht der Inhaber von Kulturkapital [...] zunimmt“ (ebd., S.189), da der Leiter des Betriebs ohne die kulturellen Fähigkeiten seiner Arbeiter keinerlei Nutzen aus den in seinem Besitz stehenden Maschinen ziehen könnte.
Bourdieu merkt des weiteren an, dass objektiviertes Kapital „als materiell und symbolisch aktives und handelndes Kapital nur fortbesteht, sofern es von Handelnden angeeignet und [im Feld der kulturellen Produktion] verwendet wird“ (ebd., S.189).
Im dritten und letzten Unterpunkt des kulturellen Kapitalbegriffes beschreibt der Autor nun dessen institutionalisierte Form:
Institutionalisiertes Kapital ist laut Bourdieu nichts anderes als das Produkt der „Objektivierung von inkorporiertem Kulturkapital in Form von Titeln“ (ebd., S.189). Diese Titel ermöglichen es, die Notwendigkeit des - normalerweise ständig andauernden - Akkumulationsprozesses von Wissen für dessen Träger auf längere Zeit zu unterlaufen. D.h., dass der Träger eines institutionalisierten Titels gesellschaftlich anerkannt wird, obwohl er seinem Titel geistig eventuell gar nicht mehr gerecht wird oder werden kann. Bourdieu beschreibt die Absurdität dieser Form des kulturellen Kapitals als „institutionalisierte Macht [...] Menschen zu veranlassen, etwas zu sehen und zu glauben oder, mit einem Wort, etwas anzuerkennen“ (ebd., S.190).
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Markus Mehlig
Der nun anschließende - meinem 4-teiligen Gliederungsvorschlag folgend - dritte Komplex befasst sich mit dem sozialen Kapital, welches Bourdieu gleich eingangs als „die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens und Anerkennens verbunden sind“ - oder kürzer - als „Ressourcen, die auf die Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen“ (ebd., S.190) definiert.
Um die Höhe des sozialen Kapitals eines Einzelnen bestimmen zu können, sollte man laut Bourdieu die „Ausdehnung des Netzes von Beziehungen, die er tatsächlich mobilisieren kann, als auch [den] Umfang des Kapitals, das diejenigen besitzen, mit denen er in Beziehung steht“ betrachten (ebd., S.191). Dieses „Beziehungsnetz“ sei dabei „Produkt einer fortlaufenden Institutionalisierungsarbeit“ (ebd., S.192), die ohne den Aufwand von kulturellem und ökonomischem Kapital kaum erfolgreich sein kann, womit Bourdieu an dieser Stelle den notwendigen Zusammenhang der drei Kapitalformen beweist. Anders als die im vorangegangenen Abschnitt beschriebenen institutionalisierten Titel benötigen soziale Verbindungen die ständige Reproduktion, d.h. Aktionen zur Aufrechterhaltung der Beziehung die später einen Nutzen erbringen soll, wie z.B. der Austausch von Geschenken. Da in einer Beziehung oft beide Seiten einen Nutzen ziehen wollen, stellen „gegenseitiges Kennen und Anerkennen [..] zugleich Voraussetzung und Ergebnis dieses Austausches“ dar (ebd., S.192).
Weiterhin macht Bourdieu auf das sog. „Delegationsprinzip“ aufmerksam, welches zeigt, dass Gruppen meist einen Repräsentanten nach außen, einen Delegierten benennen, der beauftragt wird „die Gruppe zu vertreten, in ihrem Namen zu handeln“ (ebd., S. 193). Dieser Vorgang ermöglicht es der Gruppe, „die Folgen individueller Verfehlungen zu begrenzen“ (ebd., S.194). Nun folgt der finale, alle vorangegangenen Abschnitte verbindende und kontextualisierende Teil des Textes: Die Betrachtung der möglichen Kapitalumwandlungen.
Eingangs erklärt Bourdieu deutlich, dass zwar alle aufgeführten Kapitalformen mit Hilfe von ökonomischem Kapital erwerbbar sind, dieser Erwerb aber an den Aufwand von „Transformationsarbeit“ geknüpft ist. So seien bspw. einige Güter oder Dienstleistungen kurzfristig und direkt zu kaufen, andere hingegen bedürfen hinsichtlich ihres Erwerbs aber der Berufung auf Beziehungen, die nur längerfristig erwerbbar sind. Bourdieu spricht hier von der „doppelten Annahme“, dass ökonomisches Kapital einerseits Basis aller anderen Kapitalarten sei, andererseits aber dessen transformierte Formen nie alleinig und vollständig auf ökonomische Aufwendungen zurückzuführen seien (vgl. ebd., S.196). Bourdieu kritisiert hiermit gleich zwei Betrachtungsweisen dieses Sachverhalts, nämlich einerseits die des „Ökonomismus“, „der alle Kapitalformen für letztlich auf ökonomische Kapital reduzierbar hält und deshalb die spezifische Wirksamkeit der anderen Kapitalarten ignoriert“ (ebd., S.196) und andererseits die des „Semiologismus“, der „die sozialen Austauschbeziehungen auf Kommunikationsphänomene [reduziert] und [..] die brutale Tatsache der universellen Reduzierbarkeit auf die Ökonomie [ignoriert]“ (ebd., S.196). Angelehnt an den Energieerhaltungssatz des Physikers Hermann von Helmholtz formuliert Bourdieu als Fazit all dieser Umwandlungstheorien sein „Prinzip der Erhaltung sozialer Energie“ mit der Begründung, „daß Gewinne auf einem Gebiet notwendigerweise mit Kosten auf einem anderen Gebiet bezahlt werden“ (ebd., S.196).
Natürlich können soziale und kulturelle Austauschprozesse aber nicht gänzlich wie physikalische Größen behandelt werden, da gewisse Schwundrisiken und Verschleierungskosten auftreten können. Deshalb macht Bourdieu darauf aufmerksam, dass bspw. im Rahmen sozialer Beziehungen das Risiko der Undankbarkeit besteht, da jegliche Investition in Form von Geschenken, Besuchen u.ä. keinerlei Garantie auf eine Erwiderung der selbigen bietet.
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Auch im Verlauf der - laut Bourdieu - „diffusen“ Übertragung von Kulturkapital innerhalb der Familie, besteht ein sehr hohes Schwundrisiko an Kapitalaufwand, da sich viele Übertragungen unbewusst und heimlich abspielen.
Bourdieu schließt seinen Aufsatz mit der Feststellung, dass die offizielle Übertragung ökonomischen Kapitals heute so stark vermieden und gebremst wird, dass die Bedeutung der kulturellen Kapitalformen zur Verschleierung stetig ansteigt und somit „die Reproduktion der gesellschaftlichen Struktur“ (ebd., S.198) immer stärker bestimmt. Um den finalen Schluss hin zur Bedeutung der sozialen Ungleichheiten unter Schülern zu schaffen, bezeichnet Bourdieu das Unterrichtssystem als „Reproduktionsinstrument mit besonderer Fähigkeit zur Verschleierung der eigenen Funktion“ (ebd., S.198) und spricht von einer Vereinheitlichung des Marktes für soziale Titel. 3. Kontextualisierung
Um Bourdieu angemessen verstehen zu können, sollte man sich auf jeden Fall mit seinem Selbstverständnis auseinandersetzen. Er verstand sich selbst als Theoretiker des konstruktivistischen Strukturalismus und strukturalistischen Konstruktivismus (BOURDIEU/WACQUANT, S. 29). Betrachtet man nun den Forschungskontext, in dem Bourdieus Aufsatz steht, so beschreibt Max Miller - der sich besonders mit der „Habitustheorie“ Bourdieus befasst - diesen wohl am treffendsten:
„Bourdieus Lebensstilanalysen setzen eine Tradition der Kultursoziologie und Kulturkritik fort, deren Anfänge ins 19. Jahrhundert zurückreichen, und führen doch weit über diese Tradition hinaus.“ (MILLER, S.193) Cornelia Bohn beschreibt seine Soziologie als „nicht traditionslos, obgleich sie sich jeder Affiliation radikal verweigert.“ (BOHN, S.17) Auch wenn es vor ihm bereits soziologische Studien gab, die Bourdieu in seinem Werk natürlich aufgreift, so wurden laut Miller „erst bei Bourdieu [..] Lebensstilanalysen in eine groß angelegte Gesellschaftsanalyse und Gesellschaftstheorie integriert und [so] der Zusammenhang zwischen Lebensstilen und sozialer Herrschaft und Ungleichheit umfassend zu rekonstruieren versucht.“ (ebd., S.193). Bourdieu habe die entscheidende Einsicht, dass „Kompetenzen [keine] bloße Auflistung von einzelnen Verhaltensweisen, sondern [..] ein dem Verhalten zugrundeliegendes [..] Regelsystem“ (ebd., S.197) seien, sowohl der strukturellen Linguistik und der generativen Grammatiktheorie Chomskys als auch der Ästhetiktheorie Panoskys übernommen (vgl. ebd., S.196/197). Weiterhin schließt Bourdieu mit seiner Habitustheorie an das an, was „Sombart und Weber als ›Gesinnung‹, ›Geist‹ [...] und ebenfalls als ›Habitus‹“ bezeichneten (ebd., S.197). Besonders die bildungs- und kultursoziologischen Analysen Max Webers findet man bei Bourdieu unmittelbar wieder.
Handelns stehen muss und stellt fest, dass laut Marx' ausschließlich dipolarer Definition jede Beziehung die nicht vollständig eigennützig ist keine Beziehung darstellt oder komplett auf Uneigennützigkeit basieren müsste.
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Arbeit zitieren:
Markus Mehlig, 2008, Rezension zum Text: Pierre Bourdieu „Ökonomische Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital“ , München, GRIN Verlag GmbH
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