sie getan hat, sterben muss. Daher will sie Faust nun klarmachen, dass sie ihn aufgrund ihres „bösen Gewissens“ nicht folgen kann und fürchtet dann für immer verfolgt zu werden (Vgl. V. 4545ff.). Auch spricht sie davon, dass sie sich nun an Fausts Seite „zwingen“ (V. 4533) müsste, was noch einmal verdeutlicht, wie sich die beiden innerlich von einander entfernt haben. Faust beschwört sie mehr und mehr, ihm zu folgen, aber umso mehr plagt Gretchen auch ihr Schuldgefühl. Als er erklärt, er wolle bei ihr bleiben, wird sie wieder von Wahnvorstellungen gequält: "Rette dein armes Kind! [...] Fass es nur gleich! Es will sich heben, es zappelt noch!" (V.4551ff). Weiter denkt sie an ihre Mutter: "Da sitzt meine Mutter auf einem Stein und wackelt mit dem Kopfe" (V.4568). „Sie winkt nicht, sie nickt nicht, der Kopf ist ihr schwer, sie schlief so lange, sie wacht nicht mehr" (V.4570-4571). Gretchen zeigt hier, dass sie sich zwar darüber bewusst ist, dass ihre Mutter tot ist, sie aber von ihrer toten Mutter verfolgt wird. Gretchen ist so in ihren Gedanken an ihre Schuld vertieft, dass sogar Faust sie mit seinen Imperativen „Besinne dich doch! Nur einen Schritt so bist du frei!" (Z.4563-4564) sie nicht mehr zu Flucht bewegen kann. Dass Faust mit solchen Appellen reagiert, macht deutlich, dass er nun selbst Angst bekommt und bereit ist Gretchen „hinweg zu tragen“ (V. 4575). Daraufhin ist Gretchens Reaktion sehr heftig: „ Lass mich! […] Fasse mich nicht so mörderisch an!“ (V. 4576-4577). Gretchen wehrt sich gegen Faust und ist nicht bereit seiner Bitte nach Flucht nachzukommen. Darüber hinaus scheint sie es zu bereuen, dass sie ihm in der Vergangenheit jeden Wunsch erfüllt und dadurch Schuld auf sich geladen hat (Vgl. V. 4578). Der Ausruf Fausts „Der Tag graut!“ (V. 4579), der Gretchen eigentlich zur Eile ermahnen soll, bewirkt genau das Gegenteil bei ihr. Sie denkt sofort an ihre nahende Hinrichtung: „Zum Blutstuhl bin ich schon entrückt.“ (V. 4592) und sieht ihren kommenden Tod vor Augen. Das Auftreten Mephistopheles bringt schließlich die letzte Entscheidung. In ihrer Verzweiflung wird für Gretchen die Kerkerzelle zum „heiligen Ort“ (V. 4602) und es wird klar, dass sie Faust nun endgültig aufgibt um ihr eigenes Seelenheil zu retten. Sie ruft: „Gericht Gottes! Dir hab ich mich übergeben!“ (V. 4605) um ihren Entschluss zu verdeutlichen und um sich gegen die Anwesenheit Mephistopheles zu wehren, den sie schon zu Beginn ihrer Begegnung mit Faust als Satan wahrgenommen hat. Auch von Faust hat sie sich innerlich nun endgültig abgewendet (Vgl. V. 4610). In den letzten Versen bittet Gretchen also um eine Errettung und wird auch wie eine „Stimme von oben“ verkündet „gerettet“ (V. 4613). Während Mephistopheles mit Faust flüchtet, ruft er noch: „Sie ist gerichtet!“ (V. 4611). Somit
wird Gretchen zwar von den Menschen hingerichtet, aber auf höherer Ebene von Gott gerettet. Diese Begnadigung Gottes war aber erst durch die Anerkennung der eigenen Schuld und durch die Entscheidung als Strafe das eigene Leben aufzugeben möglich. Somit behielt Gott auch Recht, als er im Prolog sagte: „Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst.“ (V. 328-329). Mit ihrem Handeln macht Gretchen deutlich, dass sie es geschafft hat in ihrem gestärkten Glauben ihre und Fausts Schuld anzuerkennen und die Verantwortung für ihr Tun zu tragen. Mit der letztendlichen Rettung Gretchens macht Goethe auch deutlich, dass sein Drama nicht nur auf irdisches Handeln beschränkt ist, sondern auch höhere Mächte mitwirken. Mit den letzten Worten Mephistopheles bereitet Goethe den Leser bereits auf den zweiten Teil seines Dramas „Faust II“ vor, denn die Worte „Her zu mir!“ (V. 4613) lassen auf weitere Geschehnisse schließen.
Quellen
- Johann Wolfgang von Goethe, Einfach Deutsch Faust Der Tragödie erster Teil, Paderborn 1999
Arbeit zitieren:
Johannes Richter, 2009, Szenenanalyse der Kerkerszene aus "Faust" von Johann Wolfgang von Goethe, München, GRIN Verlag GmbH
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