INHALTSVERZEICHNIS
1 PROBLEMSTELLUNG UND THEORETISCHE HINTERGRÜNDE 3
1.1 Problemstellung. 3
1.2 Die Soziologie der Jugend. 5
1.3 Jugend in der Gender-Mainstreaming-Debatte 8
1.4 Geschichte und Epidemiologie des Rauchens mit speziellem Augenmerk auf das
Rauchen von Mädchen. 10
1.4.1 Aktuelle Daten 10
1.4.2 Inhaltsstoffe 16
1.4.3 Folgen. 16
1.5 Zigaretten und ihre Eroberungsgeschichte. 18
1.6 Rauchen und Emanzipation 21
1.7 Gesetzeslage. 28
2 FORSCHUNGSFRAGE UND FORSCHUNGSDESIGN 33
2.1 Erklärungsmodelle zum Rauchverhalten 33
2.2 GAT-Studie 35
2.3 Das Modell der Raucherkarriere als Ergebnis der GAT-Studie 37
2.4 Soziale Kontexte. 41
2.4.1 Familie als Einflussfaktor 41
2.4.2 Schule als Einflussfaktor 44
2.4.3 Peers als Einflussfaktor. 48
2.4.4 Medien und Stars als Einflussfaktoren 51
2.5 Fragestellung. 53
2.6 Ergebniszusammenfassung 54
2.7 Methodische Vorgangsweisen. 56
2.7.1 Daten und Methoden der EC-Studie. 56
2.7.1.1 Daten 56
2.7.1.2 Rekrutierung 56
2.7.1.3 Interviewdurchführung 57
2.7.1.4 Sample. 58
2.7.1.5 Weiteres Verfahren mit den Interviews 58
2.7.1.6 Kodierung und Analyse. 58
2.7.2 Spezielle Analysen des Projekts zum Einfluss der sozialen Kontexte auf das
Rauchverhalten der 14 - 16-jährigen Jugendlichen in Österreich 59
3 ERGEBNISSE 61
3.1 Familie 61
3.1.1 Einfluss des Raucherstatus der Eltern. 61
3.1.2 Rauchen der Minderjährigen im Beisein der Eltern. 64
3.1.3 Umgang der Familie mit den rauchenden Jugendlichen. 67
3.1.3.1 Geschwister 67
3.1.3.2 Eltern 68
3.2 Schule/ Lehrer 82
3.2.1 Reaktionsmuster der Lehrer und Lehrerinnen. 87
3.3 Peers 93
3.3.1 "Liebespartner" 95
3.4 Medien und die Rolle der Stars 102
4 SCHLUSSFOLGERUNGEN. 109
5 LITERATUR. 113
5.1 Internetrecherchen 116
2
1 PROBLEMSTELLUNG UND THEORETISCHE HINTERGRÜNDE
1.1 Problemstellung
Rauchen und seine Gefahren. Ein Thema das regelmäßig durch die Medien geistert. Dennoch oder gerade deshalb beginnen tagtäglich Kinder und Jugendliche damit, das Rauchen zu probieren. Einige belassen es beim Probieren, andere wiederum probieren weiter und erlernen krampfhaft das Rauchen - aus welchen Gründen auch immer.
Durch meine wissenschaftliche Mitarbeit am Ludwig Boltzmann-Institut für Medizin und Gesundheitssoziologie bin ich mit dem Thema "Gender and Smoking“ erstmals in Kontakt gekommen. Anfangs war es ein internationales Projekt, später wurde es um ein nationales Projekt erweitert, bei denen ich an der Forschung mitwirkte. Die beiden Arbeiten wurden veröffentlicht unter den Titeln:
-"Gender Differences in Smoking in Young people” (Lambert et al. 2002) und
-"Geschlechtsunterschiede im Rauchverhalten bei Adoleszenten. Sekundäranalysen zum EC-Projekt ‚Gender Differences in Smoking in Young people’ für 14-16-jährige Mädchen in Österreich“ (Dür et al. 2003)
Das Hauptergebnis dieser Forschungen war eine neue Erkenntnis über den Beginn des Rauchens bei Jugendlichen. Mittels Fokusgruppeninterviews konnte ein Weg rekonstruiert werden, der einer Prozesslogik folgt, wodurch sich ein mehrstufiges Karrieremodel mit lern-theoretischen Ansätzen ableiten ließ. Die jungen Erwachsenen durchschreiten auf ihrem Weg zum süchtigen Raucher folgende 6 Stufen: 1. Wirkungen Beobachten 2. Erstes Probieren 3. Wiederholtes Probieren 4. Problemrauchen 5. Genussrauchen und Rauchen als Lebensstil 6. Gewahrwerden der Sucht
3
Da sich diese Erkenntnis sehr stark an der Prozesslogik orientiert, Sozialisation jedoch nicht in einem sozialen Vakuum stattfindet, kam diese Arbeit zustande. Darin wird untersucht in welchen Umwelten die Karriere des Rauchers stattfindet und inwieweit diese Umwelten die Raucherkarriere, das Rauchverhalten beeinflussen. Welche "Bedeutung“ kommt dabei der Familie, der Schule, den Peers und auch den Medien zu? Fakt ist: all diese sozialen Kontexte, in denen die Jugendlichen eingebettet sind, beeinflussen ihr Rauchverhalten.
In mehreren Schritten wird an das Thema herangeführt: Ausgehend von der Erörterung des Begriffs der Jugend und der Soziologie der Jugend als vorrangigen theoretischen Hintergrund folgt die Gender-Mainstreaming-Debatte, die in Zeiten der Emanzipation und des Stärkerwerdens der Frauen und Mädchen, auch schon in der Jugend eine große Rolle spielt.
Nationale und internationale Daten und Fakten zur Verbreitung der Zigarette und die Geschichte des Rauchens werden in weiteren Kapiteln behandelt.
Da diese Arbeit ein spezielles Augenmerk auf Mädchen legt, darf das Thema Rauchen und Emanzipation nicht fehlen.
Auch der rechtliche Hintergrund soll beleuchtet werden, da im Laufe der Zeit von der Legislative ein umfangreiches Gesetz geschaffen wurde, das das Rauchen und die Bewerbung von Tabakprodukten regelt.
All diese Hintergründe sollen helfen, den ganzen Umfang der Thematik des Rauchens besser zu verstehen. Sie sollen die theoretische Grundlage bilden.
4
1.2 Die Soziologie der Jugend
"Die Jugend von heute…“ - so beginnen oft Beschwerden älterer Menschen über die jüngere Generation.
Doch wie ist die Jugend von heute? Hat sich das Bild in den letzten Jahren gewandelt oder gelten die Zuschreibungen von früher auch noch für die heutigen jungen Erwachsenen?
Zuallererst muss der Begriff der Jugend näher definiert werden. Weder in der Alltagssprache noch in der Fachsprache der Soziologie, der Psychologie und der Pädagogik gibt es einen eindeutigen Bedeutungsinhalt des Begriffs "Jugend“. Aus dem soziologischen Blickwinkel sind für die Gegenwartsgesellschaft diverse Elemente für eine Definition von "Jugend" zu nennen (vgl. Schäfer 2001):
-Jugend ist eine Lebensphase im Lebenszyklus eines jeden Individuums, die mit dem Einsetzen der Pubertät um das 13. Lebensjahr beginnt; der Jugend als Altersphase geht die Kindheit voraus; es folgen das Erwachsenensein und das Alter (so war bereits die Einteilung in der Antike);
-Jugend ist die Altersgruppe der etwa 13- bis etwa 25-jährigen, die in soziologischer Hinsicht deshalb besonders hervorgehoben werden kann, weil sie typische, als "jugendlich“ bezeichnete Verhaltensweisen und Einstellungen besitzt;
-Jugend ist eine biologisch mitbestimmte, aber sozial und kulturell "überformte“ Lebensphase, in der das Individuum die Voraussetzungen für ein selbständiges Handeln in allen gesellschaftlichen Bereichen erwirbt;
-Jugend ist eine Subkultur, eine gesellschaftliche Teilkultur;
-Jugend ist weiterhin ein "idealer Wertbegriff“ der auf ein in vielen Völkern und Kulturen hoch geschätztes "Gut“ verweist: auf Jugendlichkeit.
Während sich die Experten beim Beginn der Jugendphase mit dem Einsetzen der Geschlechtsreife einig sind, gibt es über das Ende der Lebensphase "Jugend“ unterschiedliche Meinungen. Laut Schäfer (2001) bestand bisher immer Einigkeit darüber, dass die Jugendphase dann als abgeschlossen gelten kann, wenn ein Individuum seine persönliche und soziale Identität gefunden hat.
Indikatoren für diese Identität sind ökonomische Selbständigkeit durch Berufsausübung und eigenes Einkommen und die soziale Verselbständigung z.B. durch Gründung eines eigenen Haushaltes und/oder einer eigenen Familie. Dieses klare Erscheinungsbild verschwindet jedoch in der heutigen Zeit mehr und mehr und wird durch ein neues ersetzt. Heute gehört
5
der ökonomisch unselbständige Vater oder die studierende Mutter zum Gesellschaftsbild. In diesen Fällen geht das Jugendalter in die Post-Adoleszenz über. Dieser Begriff der Post-Adoleszenz setzte sich in der Wissenschaft für die 18- bis 25-jährigen durch. Das Ende dieser Phase lässt sich jedoch nur schwer bei 25 Jahren festlegen, wie unterschiedliche Meinungen auch bei Experten zeigen. Hackauf/Winzen (1999 in Dür et al. 2002) zum Beispiel weiten die Jugendphase bis zum 30. Lebensjahr aus, je nach Grad der erreichten Unabhängigkeit. Gillis hat in seiner "Geschichte der Jugend“ diese Jugendlichen mit der Kategorie "Mündigkeit ohne wirtschaftliche Grundlage“ charakterisiert (Schäfer 2001).
Diese Pluralisierung der Lebensphase Jugend bringt auch jede Menge Probleme im Alltag mit sich. Im Gegensatz zu heute wusste man in der Gesellschaft des 19. und frühen 20. Jahrhunderts noch genau, was ein guter (angepasster) Bürger ist und wie sich Jugendliche zu entwickeln haben. Auch waren die Lebens- und Karrieremöglichkeiten viel eingeschränkter und lange nicht so vielfältig wie heute. Somit stehen den Jugendlichen heute mehr Entscheidungsmöglichkeiten offen, was aber den entscheidenden Nachteil mit sich bringt, dass, im Gegensatz zu früher, kein einfacher und klarer Orientierungsrahmen mehr gegeben ist. So liegt es heute an der Kreativität, Aktivität und (Eigen-)Initiative jedes einzelnen Jugendlichen, seinen Weg aus der Vielzahl von Möglichkeiten zu finden. Als Folge dieser Situation sind Vorbilder rar geworden oder haben zumindest an Wirkung eingebüßt. Es ist nicht mehr in demselben Ausmaß möglich, einen Lebensentwurf zu repräsentieren, wie früher. Das ist das Verhängnis und gleichzeitig die Chance der Jugendlichen von heute.
Das Hauptproblem der Pubertät hat sich damit auch verändert: Die Jugendlichen von heute haben Entwicklungsaufgaben zu bewältigen, deren Lösungswege noch nicht feststehen oder vorgegeben sind. Ihr Problem ist weniger die Anpassung an vorgegebene Standards als das Finden neuer Möglichkeiten. Für das Erwachsenwerden der heutigen Jugendlichen bestehen daher keine fertigen Entwürfe mehr, es existieren dafür unendlich viele Möglichkeiten. (Dür et al. 2003, Hurrelmann 1995)
Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, muss man feststellen, dass auch ein Kultur-wandel stattgefunden hat. Initiationsrituale verschwinden mehr und mehr, Ritterschlag, Mensurschlagen oder ähnliches haben in modernen Gesellschaften weitestgehend ausgedient und auch Riten der diversen Stammesvölker finden in unseren Breiten keine Anwendung. Auch dieser Wandel bedingt, dass die Jugendlichen beim Erwachsenwerden heute weitgehend auf sich selbst gestellt sind. (Schäfer 2001)
6
Die Pluralisierung der Lebensmöglichkeiten bringt für die Jugendlichen zwar vielfältige Möglichkeiten und Chancen, andererseits sind aber auch die Gefahren des Scheiterns angewachsen. Dies erschwert den Jugendlichen den Statusübergang, die so genannte Statuspassage, umso mehr, da es zu Schwierigkeiten bei der Entwicklung der Erwachsenenidentität kommen kann, wenn Jugendliche nicht wissen, welchen Weg sie gehen sollen. Vor Augen geführt wird diese Lage der Jugendlichen auch den vielen Lesern von J. K. Rowlings Romanserie "Harry Potter und ...“. Dür (2003 - Vortrag) findet Parallelen zwischen den Aufgaben für den jungen Harry Potter in Band 4 und der momentanen Situation der Jugendlichen allgemein. Harry Potter muss in diesem Band am trimagischen Turnier teilnehmen, das aus 3 Aufgaben besteht. Die schier unlösbare zweite Aufgabe scheint bezeichnend für die Situation von Jugendlichen im Allgemeinen: sie besteht darin, herauszufinden worin die Aufgabe besteht. Genau diese beinahe ausweglose Situation des jungen Helden ist mit der oben beschriebenen Situation der Jugendlichen vergleichbar. Unterstützt wird der junge Harry dabei von einem Mitschüler, was wiederum bezeichnend für die Bedeutung der Peers ist (vgl. Kapitel 2.4.3).
Verstärkt kommt in der letzten Zeit auch die Diskussion um die Gleichberechtigung von Frauen und Männern oder die Bevorzugung des weiblichen Geschlechts hinzu. Auch die Gendermainstreamdebatte, die im folgenden Kapitel umrissen wird, beeinflusst den Weg der jugendlichen Mädchen und Burschen.
Junge Frauen müssen sich nicht mehr hinter ihren Männern und im Haushalt verstecken, Mädchen wagen sich immer mehr in "männlich dominierte" Ausbildungsstätten und Berufe. Ob Höhere technische Lehranstalten oder Bundesheer, Gesetze regeln die fairen Bedingungen bzw. die bevorzugte Behandlung von Frauen. Für Burschen verschärft sich dadurch die Konkurrenzsituation. Will man wissenschaftliches Licht in diese Entwicklung bringen, kommt man an der Gendermainstreamdebatte keinesfalls vorbei.
7
1.3 Jugend in der Gender-Mainstreaming-Debatte
"Sämtliche Studien, Forschungsprojekte und Erhebungen müssen nach dem Geschlecht aufgeschlüsselte Daten enthalten." Diese und weitere 24 Leitlinien für einen Beitrag zur Förderung der Chancengleichheit von Frauen und Männern, Mädchen und Jungen wurden in einem Leitfaden für Projekt- und Programmverantwortliche im Rahmen des "Leonardo da Vinci"-Programms erstellt um die Qualität von Projekten zu erhöhen. Das Schlagwort dazu heißt "Gender Mainstreaming" (BMBWK 2003).
Das Konzept des Gender Mainstreaming geht weg von den primär frauenfördernden Maßnahmen der Vergangenheit, da es nicht ausreicht spezifische Fördermaßnahmen für Mädchen und Frauen einzuführen. Anstatt dieses Konzepts soll gleichzeitig und zusätzlich zu den frauenfördernden Maßnahmen Gender Mainstreaming angewandt werden. Das bedeutet, dass eine umfassende Politik zur Gleichstellung vorherrschen muss. Frauen- und Geschlechterfragen - eine geschlechtsbezogene Perspektive - muss in alle Politikbereiche, in alle Konzepte und Maßnahmen integriert werden, fordert das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur in seiner veröffentlichten Broschüre. Gender Mainstreaming wird durch eine im Auftrag des Europarates eingesetzte ExpertInnenkommission 1998 erarbeitete Definition des oft sehr vage verwendeten Begriffs definiert: es ist demnach die (Re)organsiation, Verbesserung, Entwicklung und Evaluierung grundsatzpolitischer Prozesse, mit dem Ziel, eine geschlechterbezogene Sichtweise in alle politischen Konzepte auf allen Ebenen und Phasen durch alle an politischen Entscheidungsprozessen Beteiligten einzubringen. 1
Eine Geschlechterpolitik, die nicht den Begriff der Frau strapaziert, sondern den Gender-Begriff (= aus dem englischen; soziale und kulturelle Geschlechterrolle) heranzieht, betont damit, dass es um beide Geschlechter und die Verhältnisse zwischen ihnen geht. Es wird darauf hingewiesen, dass das männliche Geschlecht nicht die allgemein gültige menschliche Norm bildet.
Es geht um Differenzen, um grundsätzlich als veränderbar angesehene Verhältnisse zwischen den Geschlechtern. Die biologischen Geschlechterdifferenzen werden nicht mehr als Legitimation für gesellschaftliche Differenzen zwischen den Geschlechtern akzeptiert.
1 www.wien.gv.at/ma57/mainstreaming.htm
8
Soziale und kulturelle Geschlechterrollen für Männer und Frauen werden als historisch gewachsen und politisch gestaltbar gesehen. 2
In der theoretischen Diskussion um die Kategorie Geschlecht, in der Fragen nach der Identität, der gesellschaftlichen Bedingtheit und der gesellschaftlichen Funktion des Geschlechts diskutiert werden, gibt es unterschiedliche Richtungen. Diese verschiedenen geschlechtertheoretischen Ansätze können helfen, das jeweilige Grundverständnis der Geschlechterpolitik zu klären.
Differenztheorien begründen eine autonome, von Männern und Männlichem abgegrenzte Politik und unterstützen die Zielsetzung der Frauen, die Entwicklung des originär Weiblichen zu ermöglichen. Sie zeichnen das Bild von zwei unterschiedlichen Kulturen und Daseinsformen der Geschlechter und wollen den Frauen die Mittel verschaffen, ihre eigenen Lebensräume zu gestalten.
Die dekonstruktivistischen Geschlechtertheorien legitimieren jede Art von Politik, die geschlechtliche Identitäten nicht ausgrenzt oder diskriminiert, sondern eine Vielzahl von Männlichkeit und Weiblichkeit zulässt. Geschlecht wird als soziales Konstrukt angesehen und ist ein wirksames Instrument, um Differenzen zwischen Individuen zu produzieren. 3 Diese theoretischen Ansätze nehmen die realen Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern ernst, analysieren ihre Ausprägungen, ohne sie jedoch festschreiben zu wollen.
Was bedeutet dieses neue Konzept für die hier vorliegende Studie? Die Fokusgruppeninterviews wurden geschlechtspezifisch durchgeführt, schon deshalb, weil Fokusgruppen, methodisch gesehen, möglichst homogen sein sollen. Zusätzlich gab es die Vermutung, dass Mädchen und Burschen aus unterschiedlichen Gründen zu rauchen beginnen (vgl. Kapitel Epidemiologie 1.4).
Da Studien zeigen, dass das Rauchen tief in der Persönlichkeit und im Lebenszusammenhang der RaucherInnen verankert ist (Dür et al. 2003) und da die Lebenszusammenhänge von Mädchen und Burschen tatsächlich verschieden sind, scheint es notwendig, die Rauchmotive geschlechtsspezifisch zu erforschen.
2 www.fes.de/fulltext/asfo/00802001.htm
3 www.fes.de/fulltext/asfo/00802001.htm
9
1.4 Geschichte und Epidemiologie des Rauchens mit speziellem
Augenmerk auf das Rauchen von Mädchen
1.4.1 Aktuelle Daten
Rauchen ist zum gesundheitlichen Risikofaktor Nummer eins der Bevölkerung geworden. Trotzdem steigt, wie uns zahlreiche Studien der letzten Jahre vor Augen führen, der Tabakkonsum unter Jugendlichen immer weiter an, während das Einstiegsalter sinkt. (vgl. Dür, Grossmann, Mravlag, 2002).
Die Daten des HBSC Surveys (Dür et al. 1998) belegen, dass von den jungen Burschen und Mädchen mit 11 Jahren so gut wie niemand täglich raucht, lediglich ein sehr geringer Prozentsatz von 0,2 % geben an, täglich zu rauchen (Fellöcker 2004 4 ). Mit 13 Jahren sind es bereits 5 % der Burschen und 3 % der Mädchen, während es bei den 15-jährigen Burschen 20 % und bei den Mädchen gar 26 % sind, die angeben, täglich zu rauchen (Dür et al. 1998). Zählt man auch diejenigen hinzu, die angeben, zumindest 1 mal wöchentlich zu rauchen, erhöht sich die Zahl auf 30 % bei den Burschen und sogar 36 % bei den Mädchen 5 .
Grafik 1: Jugendliche, die täglich rauchen, nach Geschlecht und Altersgruppen Quelle: Dür/Mravlag 2002
30%
25%
20%
15%
10%
5%
0%
4 http://www.noel.gv.at/service/f/f3/jugend/download/studien_Jugend%20-%20Alkohol&Nikotin.doc
5 http://science.orf.at/science/news/102297
10
Diese Ergebnisse lassen darauf schließen, dass das Einstiegsalter derzeit bei 14 Jahren anzusiedeln ist. Innerhalb der folgenden zwei Jahre in der Pubertät der Jugendlichen steigt bei den Mädchen der Raucherinnenanteil um 23 % an, während es bei den Burschen "nur“ 15 % sind, die in dieser Zeitspanne zu rauchen beginnen. Das Experimentieren mit dem Rauchen beginnt meist bereits in der Kindheit. In einer WHO-Untersuchung der meisten EU-Länder von 1997/1998 zeigte sich, dass 50 - 80 % der 15-Jährigen schon das Rauchen probiert hatten. 6
Von Bedeutung ist dieses Ergebnis besonders im Hinblick auf Interventionen, die notwendigerweise schon vor dem Start der Raucherkarriere erfolgen sollten, um bessere Wirkungen zu erzielen.
Aktuell übersteigt innerhalb der Zeitspanne vom 13. zum 15. Lebensjahr die Anzahl der rauchenden Mädchen die der rauchenden Burschen. Bei den 15-Jährigen rauchen schon um 6 % mehr Mädchen, während es bei den 13-Jährigen noch 3 % weniger Raucherinnen als Raucher waren. Der Trend hat sich jedoch erst in den letzten Jahren gewandelt. Wie die nachstehende Graphik zeigt, war die Anzahl der rauchenden jungen Burschen bis 1994 höher, als die rauchender 15-jähriger Mädchen. Während jedoch in den folgenden Jahren bei den Burschen eine Stagnation festzustellen war, hat der Aufwärtstrend bei den Mädchen angehalten. Dank verschiedenster politischer Maßnahmen (vgl. Dür 2001) konnte der Anstieg 1998 bei beiden Geschlechtern großteils gestoppt werden.
Grafik 2: Rauchen im Trend
30%
25%
20%
15%
10%
5%
0%
6 www.infoline.at/pulmologie/foukus_okt2003/rauchen-frauen.htm
11
Vergleicht man nun Österreich mit anderen EU-Ländern, hält Österreich mit 26 % rauchender 15-jähriger Mädchen den Negativ-Rekord, gefolgt von Deutschland, Schottland, Wales, Finnland, Dänemark und Norwegen (in ebendieser Reihenfolge). Auch bei den Burschen wird Österreich lediglich von Deutschland überholt. In allen anderen Ländern liegt die Quote der rauchenden 15-Jährigen unter 20 %. Die wenigsten Burschen rauchen in Dänemark, die wenigsten Mädchen in Finnland.
Grafik 3: Anteil der täglich-RaucherInnen unter den 15-Jährigen in 7 Ländern
s t e r r e i c h D Ö
Die Entwicklung des Anteils von 15-jährigen täglichen Rauchern im Ländervergleich zeigt, dass Finnland sich vom ursprünglich schlechtesten Platz 1990 (ca. 27 % tägliche Raucher) mit wirksamer Anti-Raucher-Politik (vgl. Dür 2001) und einem hervorragenden Schulsystem - dem wohl besten europaweit ("Pisa-Test 2000“ 7 ) - 1998 auf 19 % heruntergearbeitet hat. Auch Dänemark kann einen Abwärtstrend verzeichnen und liegt an letzter Stelle mit der niedrigsten Raucherquote. In allen anderen Ländern ist die Zahl der jungen Raucher in den letzten Jahren gestiegen.
7 http://www.pisa-austria.at/pisa2000/international/kap2/index.htm
12
Grafik 4: Entwicklung des Anteils täglicher Raucher bei 15-jährigen Knaben Quelle: Dür et al. 2001
25%
20%
15%
10%
5%
0% 1990 1994 1998
Bei den Mädchen verläuft der Trend ähnlich wie bei den Burschen. Auch bei ihnen konnte sich Finnland vom ursprünglich schlechtesten Platz auf den nunmehr besten hinunterarbeiten. Auch bei der weiblichen Bevölkerung konnte Dänemark 1994 den niedrigsten Prozentsatz vorweisen. Zu dieser Zeit rauchten nur 11 % der 15-jährigen dänischen Mädchen. Diese Zahl hat sich jedoch bis 1998 wieder auf 21 % erhöht, also beinahe verdoppelt. Österreich musste kontinuierlich den stärksten Anstieg verzeichenen und ist aktuell negativer Spitzenreiter mit einer Quote von 26 % täglich rauchender 15-jähriger Mädchen.
Grafik 5: Entwicklung des Anteils täglicher Raucherinnen bei 15-jährigen
25%
20%
15%
10%
5%
0%
Die Dramatik dieser Anzahl wird erst bewusst, wenn man die Zahlen in Relation zum allgemeinen Anteil der rauchenden Frauen setzt. Schätzungen der WHO zufolge rauchen 24 % der Frauen in Industrieländern und 7 % der Frauen in den Entwicklungsländern. Die geschätzte Raucherprävalenz für das Jahr 2025 beträgt 20 % bei den Frauen in den Industrie- sowie in den Entwicklungsländern. 8
Die vorangegangen Graphiken zeigen die Trends nach dem strengen Indikator des täglichen Rauchens. 72 % der 15-Jährigen beantworten jedoch die Frage "Hast du jemals Tabak geraucht?“ mit "Ja“. Zählt man also die Zahl derer dazu, die eine oder mehrere Zigaretten pro Woche rauchen, steigt die Anzahl der 15-jährigen rauchenden Jugendlichen um je 10 % an. Immerhin 52 % der Mädchen und 60 % der Burschen mit 15 Jahren geben an nie zu rauchen. 10 % der Burschen und 11 % der Mädchen in diesem Alter rauchen weniger als 1 Zigarette wöchentlich.
Grafik 6: Das Rauchverhalten der 15-jährigen Jugendlichen in Österreich in
50
40
30
20
10
0
Im Erwachsenenalter haben 90 % der RaucherInnen vor ihrem 18. Lebensjahr zu rauchen begonnen (Drogeninfo). Das Rauchen verfestigt sich bei den Jugendlichen scheinbar sehr schnell, denn schon die Adoleszenten denken zu einem beträchtlichen Teil ans Aufhören. 24 % der Knaben und 15 % der Mädchen wollen mit dem Rauchen in einem Monat aufhören. Etwas mehr Zeit wollen sich 22 % der Mädchen und 19 % der Burschen geben, und denken daran in 6 Monaten ihre Angewohnheit zu beenden. 50 % der 17-jährigen RaucherInnen haben schon zumindest einmal (vergeblich) versucht aufzuhören, 40 % wünschen sich sogar
8 www.infoline.at/pulmologie/foukus_okt2003/rauchen-frauen.htm
14
schon professionelle Hilfe dabei. Bei den 15-Jährigen denken jedoch über 60 % der Mädchen und knapp 58 % der Burschen nicht ans Aufhören. Sie sind mit ihrem Status als RaucherInnen sehr zufrieden und wollen (noch) nicht aufhören.
Grafik 7: Anteil der täglich rauchenden Jugendlichen, die mit dem Rauchen
Zu den Jugendlichen, die nicht ans Aufhören denken, sind offensichtlich weder Aufklärung über Gesundheitsschäden noch politische Maßnahmen, wie z.B. die Beschriftung der Zigarettenpackungen mit Warnhinweisen, durchgedrungen.
15
1.4.2 Inhaltsstoffe
Hier einige wichtige Eckdaten zu den Inhaltsstoffen des Zigarettenrauchs (Dür, 2002):
-Zigarettenrauch enthält 1.000 mal mehr Staubteilchen als der dichteste je gemessene Smog.
10 gerauchte Zigaretten in einem 30 m² großen Zimmer erhöhen den Formaldehyd 9 -Gehalt der Luft auf das 3-fache des erlaubten Grenzwertes.
-Zigarettenrauch enthält ca. 5.000 chemische Substanzen, darunter solche mit psychopharmakologischen Wirkungen und
-die hochwertigsten Gifte wie Blausäure oder Benzpyren, das stärkste bekannte Karzinogen.
-Nikotin hat ein höheres Suchtpotenzial als Opiate.
Bis heute ist das volle Ausmaß an Inhaltsstoffen und deren exakte Wirkungen noch nicht erforscht. Jedoch sind sich Experten einig, dass Zigaretten mehr als "nur" schädlich sind. Das beweisen auch die Folgen, die das Rauchen mit sich bringt.
1.4.3 Folgen
Zu den Folgen gibt es eine Vielzahl von Studien. Die Ergebnisse sind erschreckend: Ca. 1,4 Millionen EuropäerInnen sind 2001 an den Folgen des Rauchens gestorben (Schätzung der WHO). Ausgehend vom heutigen Tabakkonsum werden bis 2050 weltweit 450 Millionen Menschen an den Folgen des Rauchens vorzeitig sterben (Peto 1998, Lancaster et al. 2000). Tabakkonsum ist die bedeutendste einzelne Todes- und Krankheitsursache in den USA und Europa, darum wird sie auch "Killer Nr. 1“ genannt (WHO). (Dür 2002)
Jede Zigarette verkürzt das Leben eines Rauchers statistisch um 15 Minuten (Dahlke&Dahlke 1989) und das Rauchen verursacht:
-90 % aller Lungenkrebserkrankungen (und ein 10-mal höheres Risiko an Lungenkrebs zu sterben als NichtraucherInnen)
-25 - 30 % aller Krebserkrankungen
-~ 33 % aller Herz-Kreislauferkrankungen mit Todesfolge (drei Viertel aller Menschen sterben an Krebs und Herz-Kreislauferkrankungen, ein Drittel davon verursacht durch das Rauchen). Das Risiko einen Herzinfarkt zu erleiden ist bei einem Raucher um das 7-fache höher als bei einem Nichtraucher.
9 Formaldehyd ist ein gesundheitsschädlicher Arbeitsstoff; es besteht der Verdacht, dass er ein karzinogenes Potential besitzt. (Großes modernes Lexikon)
16
-Mehr als die Hälfte aller Krebserkrankungen des Kehlkopfes, der Speiseröhre und des Mundes sind dem Rauchen zuzuschreiben; auch die Risiken für Lippen-, Rachenraum-, Magen-, Gebärmutterhals- und Harnblasenkrebs sind bei Rauchern bzw. Raucherinnen erhöht.
-Weiters führt das Rauchen zu Osteoporose, Magengeschwüren, Hautalterung, Zahnverlust, Haarverlust, deformierten Spermien und birgt spezielle Risiken für Frauen wie reduzierte Fruchtbarkeit, häufigere Schwangerschaftskomplikationen, vermehrte Früh- oder Totgeburten sowie früherer Eintritt der Menopause.
-Rauchende haben im Vergleich zu Nichtrauchenden ein bis zu 30-fach höheres Risiko an Bronchitis, Lungenemphysem, Lungenentzündung oder Grippe zu erkranken.
-Gewebe und Organe werden geschädigt. In den Nieren und im Darmkanal können tabakbedingte Gefäßkrankheiten auftreten. Beim "Raucherbein“ erkranken die Schlagadern der Beine; sie verengen sich durch Entzündungen oder Ablagerungen, die Durchblutung wird dadurch gestört.
Rauchen wirkt sich besonders auf die Lungenfunktionswerte aus: Studien zeigen, dass Jugendliche, die mit 15 Jahren zu rauchen beginnen, bereits mit 20 Jahren eine im Vergleich zu Nichtrauchern um 10 % niedrigere Lungenkapazität haben. Diese Folge haben auch unsere Probanden bereits zu spüren bekommen.
50 % der LangzeitraucherInnen (die zumindest seit 20 Jahren rauchen) sterben an den gesundheitsschädlichen Folgen des Rauchens - 25 % davon vor dem 70. Geburtstag. Als Faustregel gilt, dass ihnen das Rauchen 20 Lebensjahre nimmt.
Sind Light-Zigaretten, Pfeifen und Zigarren gesünder? Nein! Das Rauchen von Light-Zigaretten, Pfeifen und Zigarren bewirkt praktisch dieselben gesundheitlichen Schäden wie das Zigarettenrauchen. Auch das Krebsrisiko bleibt gleich.
Der Umstieg auf leichtere Zigaretten verhindert die Entwicklung von Lungenkrebs nicht, sondern hat das Auftreten spezieller Erkrankungsformen zur Folge. Insbesondere steigt durch die tiefere Inhalation beim Konsum leichterer Zigaretten die Häufigkeit von Lungenkrebs (wie das Adenokarzinom) in Randregionen der Lunge.
17
1.5 Zigaretten und ihre Eroberungsgeschichte
Wie kam der Tabak nach Österreich und wie verlief seine Verbreitung?
Nach der Entdeckung Amerikas im 15. Jahrhundert wurde der Tabak von den Spaniern schnell übernommen, im 16.Jahrhundert verbreitete sich die Tabakpflanze in ganz Europa. Früher wurde Tabak als euphorisierendes und schmerzstillendes Heilmittel in der Medizin verwendet und auch gegen parasitäre Hautkrankheiten eingesetzt. Die Indianer verwendeten "Tobago“ gegen Hungergefühle und Müdigkeit. Mit der Zeit wird Tabak aufgrund seiner psychopharmakologischen Wirkung Teil von Ritualen und der animistischen Medizin. Die Medizin des 16. Jahrhunderts erklärte Tabak zur "herba sancta“ und "herba panacea“ (Allheilkraut). 1636 bei der Pestepidemie in Holland war, laut eines dortigen Arztes (Diemerbrook), der Rauch das wirksamste Mittel gegen die Pest (Sandgruber 1996). Weiter geht die Lobpreisung der Zigarette durch den Leibarzt Kaiser Friedrich Wilhelms von Preußen (1685): "Nichts ist dem Leben und der Gesundheit so dienlich als der Rauch des Tabaks“ (Sandgruber 1996).
Die Verbreitung von Tabak und somit auch von Zigaretten in Europa korreliert sehr stark mit der Geschichte der Kriege:
Der Siegeszug des Pfeiferauchens (und in Deutschland des Kau- und Schnupftabaks) findet während des 30-jährigen Krieges statt, der Siegeszug der Zigarre während der napoleonischen Kriege. Die Zigarette zog im Krimkrieg an die vorderste Tabakfront. Im ersten Weltkrieg wird die Zigarette als Beruhigungsmittel im "Stahlgewitter“ eingesetzt, im 2. Weltkrieg ist sie Massenkonsumgut bei Männern.
Einen möglichen Erklärungsansatz dafür, dass die Verbreitung der Tabakwaren mit der Kriegsgeschichte einhergeht, liefern Dahlke&Dahlke 1989: Tabak lindert Angst und bietet ein Ventil für aufgestaute Aggressionen.
Der Siegeszug der Zigaretten begann während des Ersten Weltkriegs, nach dem Zweiten Weltkrieg war ihre Dominanz unübersehbar geworden. Die Zigarette war, wie die Zigarre, zuerst ein Produkt für die Stadt und die Oberschicht. Für die Arbeiter war sie zunächst kaum erreichbar, Zigaretten wurden aber sehr rasch billiger, besonders durch die maschinelle Herstellung (Sandgruber 1996).
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hat sich der Tabak weitgehend als Genussmittel, wenn auch oft gegen den Willen der Obrigkeit, durchgesetzt. Er fand - unabhängig von Schicht und Geschlecht - immer größeren Zuspruch.
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Das Rauchen im Allgemeinen wurde in die Alltagskultur eingebettet. Dies lässt sich am besten mit einem Zitat aus "Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“ (HdA) belegen: "Im volkstümlichen Leben ist es geradezu ein Sinnbild des geregelten Ablaufs der Werktagsarbeit und der Beschaulichkeit des Feierabends geworden.“ (Hengartner 1996) Zu dieser Zeit begann nun auch eine Segregation nach Geschlechtern einzusetzen, denn die Zigarre blieb doch vorzugsweise Männern vorbehalten. Schon bald galt es in den Städten als unschicklich, im Freien bzw. auf der Strasse zu rauchen. Das führte dazu, dass das Rauchen weitgehend in die privaten Räume verlagert wurde. Zum Thema "Rauchen in der Öffentlichkeit" fanden rege Diskussionen um das Passivrauchen und das "Geräuchertwerden" statt, was infolge zur Einführung von Nichtraucherzonen (z.B. 1881 in den Wagen der Eisenbahn) führte. Während Tabakkonsum im öffentlichen Raum bei den Männern schon relativ lange selbstverständlich geworden war, wurden Zigarettenrauchende Frauen noch bis in die 70er Jahre unseres Jahrhunderts eher missbilligend betrachtet. (Hengartner 1996).
Besonders in den Stadtzentren, vor Kasernen und Polizeiwachen, in Parkanlagen etc. wurde das Rauchen verboten. Hohe Strafen wurden ausgesetzt und auch tatsächlich exekutiert. Rauchen an öffentlichen Orten lag zu Beginn des 19. Jahrhunderts an der Spitze der vorgenommenen Polizeiarretierungen, gefolgt von Landstreicherei, Prostitution, Diebstahl und Betrug. Da auch von Seiten der Behörden kein Versuch gemacht wurde, eine logische Begründung für die Verbote und harten Strafen zu geben, erschienen diese bald als Ausdruck der geistigen Bevormundung durch den vormärzlichen Staat, die auf so vielen Gebieten zu verspüren war.
Sowohl nach dem Abzug der napoleonischen Besatzung Wiens, die das öffentliche Rauchverbot aufgehoben hatte, als auch 1830 und 1848 kam es um das Rauchen in der Öffentlichkeit zu erheblichen Auseinandersetzungen und Krawallen; vor allem zwischen den liberalen Studenten und der Polizei. Raucher wurden als gefährliche Revolutionäre betrachtet, Rauchen in der Öffentlichkeit wurde als Aufwiegelung verstanden. Die der adeligen Oberschicht zugehörige Art des Tabakkonsums war traditionell das Tabakschnupfen, was nicht als negativ zur Diskussion stand.
1848 wurden die Rauchverbote in der Öffentlichkeit als eine der ersten Errungenschaften der Revolution aufgehoben und nach dem Sieg der Gegenrevolution nur mehr kurzzeitig wieder eingeführt (Sandgruber 1996). Nur der gute Ton gebot es in Folge, auf der Strasse nicht zu rauchen. Das galt vor allem für Frauen.
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Im 19. Jahrhundert wurde das Rauchen von Militärs und auch Wirtschaftsleuten als förderlich eingestuft, um die Kampf- und die Arbeitsmoral zu verstärken. An Spitalsinsassen, Bergarbeiter, Polizeiorgane und Militär wurde Tabak sogar verbilligt abgegeben. Die Schädlichkeit des Rauchens wurde bis in die 1940er Jahre hinein - gerade im Vergleich zu "Kaffee, Tee oder Alkoholika" - eher zurückhaltend bewertet. Die Untersuchungen zur toxischen Wirkung des Nervengifts Nikotin und der kardiologischen Folgen endeten meist nur in einer Aufforderung zur Mäßigung, selten zur Abstinenz (Hengartner 1996).
Die Motive, die eine schon damals existierende Antiraucherbewegung antrieben, waren laut Sandgruber (1996), einerseits feuerpolizeiliche Motive, andererseits Aspekte der Anstandskonvention. Tabak war als Medizin, als Aufputschmittel, als Droge der Intellektuellen sowie der Arbeiter angesehen und eingesetzt. Ursprünglich galt das Rauchverbot der Vermeidung von Bränden. Die sachliche Rechtfertigung verlor mit dem Rückgang und Verschwinden der feuergefährlichen Holzbauten ihre Rechtfertigung. Rauchen in der Öffentlichkeit galt immer mehr als Zeichen politischer Aufmüpfigkeit, die Verbote als Symbol politischer Unterdrückung.
Knapp vor dem Ersten Weltkrieg wurden erstmals gesundheitliche Argumente laut. Ausschlaggebend dafür waren u.a. Wiener Nerven- und Lungenärzte wie Leo Frankl und Alfred Fröhlich sowie Wiener Sozialmediziner wie Ludwig Teleky. Allerdings wurde die Bewegung erst nach dem Zweiten Weltkrieg stärker, und ab Mitte der 70er Jahre leitete der Staat erste Schritte ein, um auf die Gesundheitsgefährdung aufmerksam zu machen. Dies geschah zumindest durch Schadstoffdeklarationen, Warnung vor gesundheitlichen Folgen, Aufklärungskampagnen und Verbot der Fernsehwerbung. (Sandgruber 1996) In weiterer Folge wurden Gesetze geschaffen, die die Handhabung des Rauchens regeln, den Nichtraucherschutz beachten und die Tabakwerbung einschränken. Gesundheitsaspekte werden erforscht, auf Zigarettenpackungen muss auf Wirkungen und Folgen hingewiesen werden und in den Medien wird auf die negativen Folgen aufmerksam gemacht. Diskutiert werden Sanktionen gegen werdende Mütter, die Einschränkung des Rauchens am Arbeitsplatz und ein verstärkter Schutz der Passivraucher, nicht zuletzt auch ein gänzliches Verbot der Tabakwerbung und spürbare Preiserhöhungen.
In allen öffentlichen Gebäuden, vom Parlament über die Ministerien, Universitäten, Schulen bis hin zu Flughäfen und Bahnhöfen wurden Rauchverbote eingeführt. Einen wichtigen Stellenwert hat dabei auch die Verankerung im österreichischen Gesetz.
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1.6 Rauchen und Emanzipation
Geschlechtsspezifische Unterschiede haben schon immer das Rauchen mitgeprägt 10 . In der Epoche des Rokoko schnupfte die Dame genauso wie ihr Kavalier Tabak; auch Bauersfrauen des 18. Jahrhunderts schmauchten ihr Pfeifchen, während für die bürgerlichen Frauen das Rauchen laut Anstandskonvention als unweiblich verboten war (Sandgruber 1996).
Ein markantes Merkmal der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts stellte die "Polarisierung der Geschlechtscharaktere" der bürgerlichen Ideologie dar. Diese Vorstellungswelt der polarisierten Geschlechterrollen beherrschte den bürgerlichen Diskurs. In Konversations-und Staatslexika gerann das polarisierte Geschlechtermodell zur höheren Wahrheit. 1848 erklärte beispielsweise das Staatslexikon für das Volk die natürliche Ungleichheit der Geschlechter und mokierte sich über jene "Närrinnen", die "Hosen tragen oder Cigarren rauchen wollten". Die "Naturaufgabe" binde die Frauen an Heim und Herd. Körper und Geist sei bei Mann und Frau "unendlich verschieden", daher sei "hinsichtlich der Geschlechterverhältnisse das Verlangen der gleichen Stellung von Mann und Weib unvernünftig und unnatürlich." (Volkstümliches Handbuch der Staatswissenschaften und Politik, 1848; in: Brändli 1996)
Diese Polarisierung hatte Auswirkungen auf die verschiedensten Bereiche des Lebens, natürlich auch auf den Tabakkonsum. Im bürgerlichen 19. Jahrhundert beherrschte der Mann Politik, Wissenschaft, Erwerbsleben und Sport. Auch das Rauchen war selbstverständlich männlich konnotiert. Die Lebensbereiche der Frau waren auf Haus und Privatleben beschränkt.
Neben den Damen war es den Männern mit Anstand untersagt, Tabak zu konsumieren, was sogar in Anstandsbüchern zu finden war. So zogen sich die bürgerlichen Herren nach dem Diner ins so genannte Herrenzimmer zurück, wo sie unter weniger strengen Etikettevorschriften als beim Essen unter sich sein konnten. Sie rauchten und sprachen über "männliche" Themen wie Politik und Militär. Hier war auch der Ort für so genannte Herrenwitze, die mit ihrem zweideutigen Inhalt Frauen zum Erröten hätten bringen müssen. Das Raucher- oder Herrenzimmer war wie der Club ein exklusives Männerterritorium. Der spezielle Charakter der Männerzone des Rauchzimmers wurde rituell betont, wenn die
10 Laut Hengartner (1996) kann Tabakkonsum von Frauen ein geeignetes Medium darstellen, um ein Stück Geschlechtergeschichte, aber auch Möglichkeiten volkskundlicher Frauenforschung aufzuzeigen.
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Herren in eine Rauchjacke schlüpften. Wenn sie zu den Frauen in den Salon zurückkehrten, so wechselten sie erneut zur unverrauchten Jacke. Zudem empfahlen Anstandsbücher den Männern nach dem Rauchen den Mund zu spülen, bevor sie wieder zu Frauen stießen. (Brändli 1996)
Es ging nicht nur darum, dass der Rauch den Damen nicht zugemutet werden durfte. Das Rauchen wurde als eine Nachlässigkeit, als eine Ungezwungenheit, betrachtet, die sich mit der gespannten Aufmerksamkeit gegenüber Respektspersonen und gegenüber Damen, das heißt so genannten "anständigen" Frauen, nicht vereinbaren ließ. Bis zum Ersten Weltkrieg schickte sich das Rauchen für Damen nicht. (Brändli 1996)
Vor allem im ländlichen Bereich wurde das Rauchen bei Frauen im Verlauf des 19. Jahrhunderts immer mehr auf Randgruppen wie Zigeunerinnen, Bettelweiber und Hausiererinnen reduziert. Im bürgerlichen Bereich waren rauchende Frauen auf die Halbwelt, auf Künstlermilieus und auf radikal feministische Kreise beschränkt. Dadurch wurde Rauchen für Frauen im 19. Jahrhundert zu einer Frage der Emanzipation. (Sandgruber 1996)
Als klassisches Zeichen dafür sind wohl die zur damaligen Zeit verbreiteten (Volks-)Kalender zu betrachten. Während Alkohol- bzw. Schnapsthemen genug Kalenderstoff lieferten, reichte das Rauchen nur zu Ausführungen über die Unschicklichkeit weiblichen Tabakkonsums oder Hinweise auf die fatalen Folgen für Jugendliche. (Hengartner 1996)
Obwohl die Zigarette von der Kirche, vom Nationalsozialismus, von Teilen der bürgerlichen und sozialistischen Lebensreform bekämpft wurde, war eine neue Phase des Frauenrauchens nicht mehr aufzuhalten.
Kampfmaßnahme dagegen war das Verbot des Verkaufs von Zigaretten an Frauen. Raucherkarten, die für den Erwerb von Zigaretten notwendig waren, galten nur für männliche Raucher über 17 Jahre. Trotzdem war es gerade der Krieg, der das Rauchen bei den Frauen förderte. In der Zwischenkriegszeit war das Rauchen der Frauen heiß diskutiert. "Die deutsche Frau raucht nicht“, lautete eine nationalsozialistische Parole. Im und nach dem Ersten Weltkrieg wurden zwar auch an Frauen Raucherkarten ausgegeben, allerdings erst ab dem Alter von 25 Jahren, während für Männer die untere Altersgrenze bei 18 Jahren lag. Nach oben begrenzt war das Rauchen auch nur für Frauen. Während Männern Raucherkarten uneingeschränkt gewährt wurden, hatten Frauen ab 55 Jahren keinen Anspruch mehr. Zusätzlich variierte die Menge der Zigaretten. Den Frauen wurde nur die Hälfte des Quantums der Männer zugesprochen. Der in dieser Sache angerufene Verfassungsgerichtshof konnte darin in einer Erkenntnis vom 11. Februar 1947 keine
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Diskriminierung feststellen. Die unterschiedliche Zuteilung von Raucherwaren an Männer und Frauen wurde aufgrund der "weiblichen Natur" für gerechtfertigt erkannt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg vollzog sich Schritt für Schritt eine Angleichung des geschlechtsspezifischen Raucherverhaltens. Dieser Umschichtungs- und Angleichungsprozess beschleunigte sich in den siebziger und achtziger Jahren. Während der Anteil männlicher Raucher an der männlichen Gesamtbevölkerung leicht abgenommen hat, ist der Anteil der Raucherinnen stark gestiegen.
Im Jahre 1972 rauchte fast die Hälfte der österreichischen Männer, während sich von den Frauen nur 13 % als Raucherinnen deklarierten. Bis 1986 ergab sich bei den Frauen eine Zunahme der Raucherinnen auf 21 %, was in absoluten Zahlen bedeutet, dass die Anzahl von 380.000 auf 648.000 rauchende Frauen anstiegen ist, während der Anteil der männlichen Raucher von 1972 bis 1986 leicht abgenommen hat. Hier gab es eine Regression von 45 % auf 40 %, in absoluten Zahlen ausgedrückt, ein Rückgang rauchender Männer von 1.091.000 auf 1.072.000.
Die rasche Zunahme des weiblichen Raucheranteils schlug sich vor allem in der Altersstruktur der Raucher nieder. Schon bei den 30 - 34-jährigen, vor allem aber in der Altersklasse der 35 - 39-jährigen unterschieden sich 1972 die Anteile der Raucher nach Geschlecht deutlich.
Frauen sind weniger starke Raucher als Männer. So wurden 1972 von 21,6 % der männlichen und 7,8 % der weiblichen Raucher täglich 21 bis 40 Zigaretten konsumiert. Bei der Gruppe, die eine halbe Packung pro Tag (also bis 10 Stück) rauchte, war dafür der Anteil der Frauen doppelt so hoch wie der der Männer.
Während bei Männern der Raucheranteil mit höherer Schulbildung abnahm, war es bei Frauen umgekehrt: mit höherer Schulbildung stieg der Raucheranteil. Diese Strukturen haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten eher noch verstärkt. 20 % der Frauen mit Pflichtschulabschluss sowie 34 % der Frauen mit Hochschuldiplom rauchen. Verdeutlicht werden diese Zahlen in der folgenden Tabelle (aus: Sandgruber 1996):
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Arbeit zitieren:
MMag. Nina Aichholzer, 2006, Der Einfluss der sozialen Kontexte auf das Rauchverhalten der 14 bis 16 jährigen österreichischen Jugendlichen mit besonderem Augenmerk auf die Mädchen, München, GRIN Verlag GmbH
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Nina Aichholzer's Text Der Einfluss der sozialen Kontexte auf das Rauchverhalten der 14 bis 16 jährigen österreichischen Jugendlichen mit besonderem Augenmerk auf die Mädchen ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
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