A Inhaltsverzeichnis i
A Inhaltsverzeichnis
A Inhaltsverzeichnis i
B Abkürzungsverzeichnis iv
1. Einleitung 1
2. Die Dystopie im Kontext der utopischen Tradition 6
2.1. Die Quintessenz der Utopie 6
2.2. Die Fortschrittsskepsis als Motiv der Dystopie 7
2.3. Die Science Fiction als technologiebetonte Abenteuergeschichte 9
3. Herbert George Wells: The Time Machine (1895) 11
3.1. Synopsis von The Time Machine 12
3.2. Der Forschungsstand zu Kontrolle und Sexualität
in The Time Machine 13
3.3. Kontrolle und Überwachung der Eloi durch die Morlocks 16
3.3.1. Konträre Hegemonie Die Rache der Morlocks 16
3.3.2. Die Sphinx und die Antinomien als
Überwachungssymbole 23
3.4. Liebe und Sexualität als Abbild der Kontrollstrategien
in The Time Machine 31
4. Aldous Huxley: Brave New World (1932) 37
4.1. Synopsis von Brave New World 38
4.2. Der Forschungsstand zu Kontrolle und Sexualität
4.3. Kontrolle und Überwachung durch Hypnopädie
4.4. Liebe und Sexualität in Brave New World 58
5. George Orwell: Nineteen Eighty-Four (1949) 67
5.1. Synopsis von Nineteen Eighty-Four 68
5.2. Der Forschungsstand zu Überwachung und Sexualität
in Nineteen Eighty-Four
5.3. Kontrolle und Überwachung in Nineteen Eighty-Four - Leben
5.4. Liebe und Sexualität in Nineteen Eighty-Four 87
6. Synopse 97
7. Fazit 103
8. Anhang 105
8.1. Graphische Darstellung der Kastenhierarchie
in Brave New World
8.2. Geographische Übersicht über die drei Superstaaten
in Nineteen Eighty-Four
8.3. Schematische Darstellung der Sozialstruktur und
Kontrollstrategien in Nineteen Eighty-Four 107
9. Bibliographie 108
B Abkürzungsverzeichnis
1984 Nineteen Eighty-Four
A.D. anno domini
BB Big Brother
Bd. Band
BNW Brave New World
BNW Rev. Brave New World Revisited
Bzw. beziehungsweise
ca. circa
Co. Company
d.h. das heißt
Ebd. ebenda
Ed., eds. Editor
Et al. Und andere
GB Großbritannien
Gestapo Geheime Staatspolizei
Hg., Hrsg. Herausgeber
Ingsoc English Socialism
IP Inner Party
Jh. Jahrhundert
Kap. Kapitel
Kap. I.1 Part Eins, Kapitel 1 (dies gilt für 1984)
Kap. 4.2. Kapitel Vier, Abschnitt Zwei (dies gilt für BNW)
KZ Konzentrationslager
L.A. Los Angeles
Nr. Nummer
NS Nationalsozialismus
N.Y. New York
o.J. ohne Jahr
o.O. ohne Ort
OP Outer Party
P Press
Proles Proletariat
R&J Romeo and Juliet
s. siehe
S. Seite
SF Science Fiction
Sic lat. so, ebenso; wirklich so
SU Sowjetunion
TM The Time Machine
TP Thought Police
u.a. unter anderem
Übers. Übersetzt
UP University Press
USA United States of America
v. Chr. vor Christus
Vgl. Vergleiche
z.B. zum Beispiel
1. Einleitung
In dieser Arbeit werden Strategien der Kontrolle und Überwachung in drei klassischen Dystopien der englischen Literatur erforscht. Die Überwachungsthematik reicht bis in die griechische Mythologie zurück, in der Übeltäter von dem mehräugigen Argus beobachtet werden, und entwickelt sich im christlichen Weltbild des omnipotenten Gottes fort. Im einundzwanzigsten Jahrhundert ist die Furcht vor dem Überwachungsstaat berechtigt. Allein in Großbritannien (GB) wird das Ausmaß der Videoüberwachung auf vier Millionen Videokameras geschätzt, demzufolge die Tendenz alarmierend ist. Zudem sind Real-Fernseh-Projekte wie “Big Brother” längst kein Novum mehr. Auch der Lidl-Skandal, bei welchem Mitarbeiter bespitzelt und in ihrer Privatsphäre verletzt wurden, sowie die geplante Einführung des elektronischen Personalausweises verdeutlichen, dass die Überwachung tendenziell alle Lebensbereiche affektiert und aktueller ist als je zuvor. 1 Am ergiebigsten wird die Überwachung in den modernen englischen Dystopien thematisiert. Der Erforschung der Kontrollstrategien in dieser Arbeit liegen Herbert George Wells’ (1866-1946) The Time Machine (1895) (TM), Aldous Leonard Huxleys (1894-1963) Brave New World (1932) (BNW) und George Orwells (Eric Blair) (1903-1950) Nineteen Eighty-Four (1949) (1984) zugrunde, 2 da sie die bekanntesten “erstmalig in deutlich negativer Form in Erscheinung tretende[n] literarische[n] Utopie[n]” sind, 3 welche die Überwachungsthematik besonders prägnant illustrieren und sich von der utopischen Tradition abgrenzen. BNW kann aufgrund der Parodierung von Wells’ Fortschrittsoptimismus als Reaktion auf Wells’ Men Like Gods (1923) gedeutet werden, was anhand von Huxleys Wortspiel “All ends well that ends Wells” evident wird. 4 Auch wenn 1984 aufgrund von Orwells angeblichem Pessimismus als “flawed” kritisiert wurde, ist 1984 eine der renommiertesten Dystopien, die zum Überwachungssymbol wurde. 5
1 Vgl. Markus Grill et al., “Die Lidl-Stasi”, Stern, ed. Andreas Petzold, Nr. 14. ([o. A.], 27.03.2008) 44-56. 2 Der Originaltitel lautet The Time Machine: An Invention (vgl. The H. G. Wells Society, H. G. Wells, A Comprehensive Bibliography, London: Lowe and Brydone, 1966 [2 nd ed. 1968], 2). Der deutsche Titel von BNW lautete zunächst “Welt – wohin?” und “Wackere neue Welt” (1950), bis er 1953 in “Schöne neue Welt” übersetzt wurde (vgl. Hans Joachim Alpers, Werner Fuchs, und Ronald M. Hahn, eds., Reclams Science Fiction Führer, Stuttgart: Reclam, 1982, 215).
3 Frank Veddermann, Von der ambivalenten Utopie zur utopischen Ambivalenz, Auf dem Wege zur ‘kritischkonstruktiven Dystopie’, Diss. (Bochum: Ruhr-Universität Bochum, 1998) 9.
4 Theo Schumacher, Aldous Huxley mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (Reinbek: Rowohlt, 1987) 49. 5 Erika Gottlieb, The Orwell Conundrum, A Cry of Despair or Faith in the Spirit of Man? (Ottawa: Carleton UP, 1992) 1-3. Vgl. Brian Ash, Who’s Who in Science Fiction (London: Elm Tree Books, 1976) 122.
Meine These lautet, dass die ausgewählten Dystopien als Archetypen der Dystopie bezeichnet werden können, da sie gattungshistorisch bedeutsam sind. Bezüglich der Überwachung wird die These untersucht, dass BNW eine sublime und latente Kontrolle thematisiert, mittels derer der Weltstaat eine bessere Welt vortäuscht, die faktisch die Bürger versklavt, wohingegen die Partei in 1984 eine terroristische und sichtbare Überwachung illustriert und Macht zum Selbstzweck ausübt. 1984 hat aufgrund der diktaturreichen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts sowie der derzeitigen terroristischen Bedrohungen nichts an Relevanz verloren, wohingegen BNW die gegenwärtige latente Manipulation wie z.B. mittels Werbetrends reflektiert. Bezüglich TM wird die These diskutiert, dass TM keine vorsätzliche Kontrolle wie in BNW und 1984, sondern eine auf evolutionärer Basis fußende Überwachung veranschaulicht, demzufolge der Mensch nicht die Krone der Schöpfung bleiben muss. Bezüglich der Sexualität wird die These untersucht, dass in BNW und 1984 Sexualität als Unterdrückungsmittel beansprucht wird, wohingegen Sexualität in TM nicht als Kontrollinstanz, sondern der natürlichen Selektion dient.
Die Utopieforschung tangiert aufgrund der Interdisziplinarität der Utopie viele Wissenschaftszweige, wobei sich die Literaturwissenschaft erst seit den 1980er Jahren zunehmend mit der Utopie beschäftigt. Trotz der flexiblen Deutung des Utopiebegriffs, ist die literarische Utopie von philosophischen Modellen und Alltagsverwendungen zu differenzieren. Suvins (1979) Kategorisierung der Utopie als Subgattung der Science Fiction (SF) erklärt, dass die Utopie häufig synonym mit der SF verwendet wird. 6 Im zweiten Kapitel dieser Arbeit wird die Utopie als Gattung in 2.1. definiert und die Dystopie
Kathleen Ellenrieder, Lektüreschlüssel, George Orwell 1984 (Suttgart: Reclam, 2005) 61. Willi Erzgräber, Utopie und Antiutopie in der englischen Literature, Bd. 1 (München: Wilhelm Fink, 1980) 134. Hiltrud Gnüg, Utopie und utopischer Roman (Stuttgart: Reclam, 1999) 10. Francisco Reto Klauser, Die Videoüberwachung öffentlicher Räume, Zur Ambivalenz eines Instruments sozialer Kontrolle (Frankfurt, N.Y.: Campus, 2006) 14, 87. Bernd-Peter Lange, George Orwell: “1984” (München: Fink, 1982) 20, 25, 95, 100. Wulf Randhahn, Polizeiliche Videoüberwachung: Mittel der Kriminalprävention für die staatliche Sicherheitsgewähr auf öffentlichen Straßen und Plätzen, Diss., (Hennef: Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, 2006) 4, 6, 243. Michael Sherborne, York Notes Advanced, Nineteen Eighty-Four, George Orwell, rev. ed. (London: York Press, 2005 [2001]) 6, 8. Ronald T. Sion, Aldous Huxley: Literary Prophet, A study of six of his novels (S.I.: XLibris, 2000) 85.
6 Vgl. Sonja Fielitz, Roman: Text & Kontext (Berlin: Cornelsen, 2001) 162. Gnüg 10. Richard Saage, Utopieforschung, Eine Bilanz, Erträge der Forschung, Bd. 289 (Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1997) 2, 5, 37. Hans Ulrich Seeber, Walter Bachem, “Aspekte und Probleme der neueren Utopiediskussion in der Anglistik”, Utopieforschung, Interdisziplinäre Studien zur neuzeitlichen Utopie 1, ed. Wilhelm Voßkamp, et al. (Stuttgart: Metzler, 1982) 143, 148, 149, 179. Bernd Schulte-Middelich, “Möglichkeiten Utopischen Denkens – Das Erbe Platons”, Alternative Welten, ed. Manfred Pfister, et al. (München: Fink, 1982) 42. Wolfgang Weiß, “Verkehrte Welt, Schlaraffenland und Tausendjähriges Reich. Utopische Entwürfe in der englischen Literatur des Mittelalters”, ed. Pfister 81.
in 2.2. als auch die SF in 2.3. von der Utopie abgegrenzt, wobei erklärt wird, warum BNW und 1984 als Dystopien und TM dagegen sowohl als SF als auch als Dystopie gelten kann. Das dritte Kapitel, das die Kontrollstrategien in TM diskutiert, beginnt in 3.1. mit einer Synopsis von TM, gefolgt vom Forschungsstand zur Überwachungsthematik in TM in 3.2. 7 TM fiktionalisiert Sujets wie Entropie 8 und Zeitreisen, die nebst gattungsspezifischen Attributen ausgiebig in der Forschungsliteratur diskutiert wurden. Bezüglich der Überwachungsstrategien sind Wells’ Radikalisierung von Charles Darwins (1809-1882) Evolutionstheorie, Thomas Henry Huxleys (1825-1895) Auslegung dieser Theorie sowie der Marxismus relevant. 9 Ferner wird die Forschung bezüglich der Überwachungsthematik am Beispiel der Beziehung zwischen dem Zeitreisenden und der Eloi-Dame Weena reflektiert. 10 In 3.3.1. werden die Kontrollstrategien der Morlocks bezüglich der Eloi untersucht, wobei die in dieser Arbeit aufgestellte These verifiziert wird, dass die Überwachung der Eloi auf einer konträren Hegemonie basiert, die aus darwinistischen und marxistischen Tendenzen hervorgeht. Wells’ Abkehr vom Fortschrittsoptimismus des neunzehnten Jahrhunderts evoziert die Möglichkeit der Evolution des neuen Menschen. Ferner wird in 3.3.2. die These diskutiert, dass die Sphinx und die Antinomien, welche das Verhältnis zwischen den Morlocks und Eloi definieren, die Überwachung der Eloi begünstigen. Populäre in TM entrierte SF-Sujets wie Zeitreisen können nicht diskutiert werden, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. In 3.4. wird die These diskutiert, dass die Beziehung zwischen dem Zeitreisenden und Weena die Überwachungsstrategien reflektiert.
Im vierten Kapitel werden die Kontrollstrategien in BNW erörtert. BNW fiktionalisiert Thematiken wie Fordismus 11 und Eugenik, die aufgrund des gesetzten
7 1960 wurde die “H. G. Wells Society” gegründet, die sich jährlich versammelt und seitdem Beiträge zum aktuellen Forschungsstand liefert (vgl. The H. G. Wells Society 70).
8 Die Entropie bezeichnet den Wärme- bzw. Kältetod der Erde und das zweite Gesetz der Thermodynamik (vgl. Peter Freese, Hg., Vom apokalyptischen zum entropischen Ende: Thermodynamik, Informatik und Literatur, Paderborner Universitätsreden, Paderborn: Universität Paderborn, 2006, 10, 27; André Thess, Das Entropieprinzip, Thermodynamik für Unzufriedene, München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2007, 63). 9 Wells gilt als einer der ersten, der den Darwinismus in die Literatur einführte und wurde durch T. H. Huxley, dem Verfechter der Evolutionstheorie, beeinflusst (vgl. Robert Scholes, Eric S. Rabkin, eds., Science Fiction, History, Science, Vision, N.Y., Oxford UP, 1977, 17, 20).
10 Die Eloi werden in Kapitel 3.1., der Synopse von TM, definiert (S. 12).
11 Der “Fordismus,” standardisierte Massenproduktion, geht auf Henry Ford (1863-1947) zurück, der 1908 das T-Modell und 1914 das automatische Fließband einführte (vgl. Robert Southwick, ed., introduction, Brave New World, von Aldous Huxley, 11 th ed., Harlow: Longman, 1998 [1991], viii-ix; “Fordism”, David Macey, The Penguin Dictionary of Critical Theory, London: Penguin Books, 2000, 132-133).
Rahmens dieser Arbeit nicht berücksichtigt werden können. Nach einer Synopsis in 4.1. wird in 4.2.1. der Forschungsstand bezüglich der Überwachung mittels Verhaltenskonditionierung und Manipulationsmethoden in BNW. 12 Da der Weltstaat Sexualität als Kontrollmittel einsetzt, wird in 4.2.2. der Forschungsstand zu Liebe und Sexualität in BNW reflektiert, wobei die Kontrolle von Sexualität ein zentraler Aspekt vieler Dystopien ist. 13 Huxley illustriert anhand von Hypnopädie, welche in 4.3.1. im Kontext des Weltstaates analysiert wird, dass “man is […] psychologically conditionable”. 14 Im Anschluss daran wird in 4.3.2. die These untersucht, dass Hypnopädie ein effizientes Kontrollinstrument ist, welches jedoch alleine nicht ausreicht, um die Staatsstabilität zu garantieren. Diesbezüglich soll anhand von Lenina Crowne nachgewiesen werden, dass diese als systemkonforme Bürgerin die Manipulation mittels Hypnopädie veranschaulicht. Ferner wird anhand von Bernard Marx und Helmholtz Watson erforscht, dass Alpha-Kasten das Potential zur Revolte aufweisen, jedoch in ihrem konformen Verhalten gefangen bleiben. In 4.3.3. wird untersucht, inwiefern John durch das Lesen von William Shakespeare (1564-1616), so wie die Kasten mittels Hypnopädie, konditioniert ist. Zudem wird Johns Rebellion gegen den Staat analysiert, da diese das Scheitern des Individuums am Staat und die Unterdrückung der Kasten belegt. BNW thematisiert die “euphemistische Erotik” der Moderne, 15 weshalb in 4.4.1. erläutert wird, dass der Weltstaat Promiskuität zwecks Manipulation vorschreibt. Diesbezüglich wird in 4.4.2. verifiziert, dass Lenina aufgrund ihrer Vorliebe für lange Bindungen und Bernard bedingt durch seine Romantik vom Staat abweichen, jedoch in ihrer Konformität gefangen bleiben. Ebenso wird gezeigt, dass Johns Liebe zu Lenina die Hypnopädie-Kontrolle reflektiert.
Im fünften Kapitel werden die Kontrollstrategien in 1984 erörtert. Nach einer Synopse in 5.1. wird in 5.2. der Forschungsstand zu Überwachung und Sexualität in 1984
12 Vgl. Ludwig Borinski, Meister des modernen englischen Romans (Heidelberg: Meyer, 1963) 255. 13 Vgl. Schulte-Middelich, ed. Pfister 40. Dieter Hamblock, Hg., “Nachwort”, The Time Machine, von H. G. Wells (Stuttgart: Reclam, 1984) 158. Ferdinand Seibt, Utopica, Modelle Totaler Sozialplanung, 1. Aufl. (Düsseldorf: Schwann, 1972) 296.
14 Peter Edgerly Firchow, The End of Utopia, A Study of Aldous Huxley’s Brave New World (London, Toronto: Associated UP, 1984) 39.
15 Borinski 230. Vgl. E. F. Bleiler, ed., Science Fiction Writers, Critical Studies of the Major Authors from the Early Nineteenth Century to the Present Day (New York: Charles Scribner’s Sons, 1982) 104. Hannelore Ploog, Im Netz der Manipulierung, Aldous Huxley und seine “Brave New World”., ed. Manfred Buhr (Frankfurt [Main]: Marxistische Blätter, 1979) 91.
konturiert. Da 1984 vor dem totalitären Überwachungsstaat warnt, 16 wird auch der Totalitarismus erläutert. In “Literature and Totalitarianism” (1941) bezeichnet Orwell das zwanzigste Jahrhundert als “age of the totalitarian state”, 17 demzufolge Orwell in “Why I Write” (1946) annonciert, “every line […] that I have written since 1936 has been written […] against totalitarianism” (Emphase des Autors), 18 woran die politische Relevanz von Orwells Position als Autor deutlich wird. 19 Vor allem wird der Forschungsstand zu Big Brother (BB), den Telescreens und der Thought Police (TP) skizziert, den prägnantesten Überwachungsmitteln, gefolgt von der Sexualitätsthematik.
1984 behandelt Sujets wie die Pervertierung der Realität und permanente Kriegsführung als Kontrollstrategien. 20 Meine Untersuchung stützt sich aufgrund des gesetzten Rahmens dieser Arbeit auf die Erforschung von BB als Überwachungssymbol in 5.3.1. und den Telescreens und der TP als Kontrollinstanzen in 5.3.2. und 5.3.3., demzufolge die These diskutiert wird, dass die Telescreens die Privatsphäre annullieren und die TP die Bürger gezielt auf Devianzen kontrolliert, wobei die Familie als Extension der TP fungiert. In 5.4.1. wird die Sexualität als Kontrollinstanz analysiert, woraufhin in 5.4.2. anhand der Liebesaffäre zwischen Winston und Julia veranschaulicht wird, dass diese die Überwachung verdeutlicht und Winston Sexualität als Rebellionsakt verfolgt, wohingegen Julia diese für ihr persönliches Wohl anstrebt.
In der Forschungsliteratur sind vor allem BNW und 1984, aber auch Wells’ Werke, bedingt durch ihre Analogien oft Gegenstand eines Vergleichs. 21 Im sechsten Kapitel werden die Resultate bezüglich der Untersuchung der Kontrollstrategien und der Sexualitätsthematik kontrastiert. Abschließend werden im siebenten Kapitel die Ergebnisse dieser Arbeit kritisch rekapituliert, gefolgt von einer persönlichen Evaluation.
16 Vgl. Gottlieb 11. Lange 8. Roger Fowler, The Language of George Orwell, (Houndmills et al.: MacMillan Press, 1995) 185. Peter Davison, George Orwell, A Literary Life (Houndmills et al.: MacMillan, 1996) 138. 17 George Orwell, “Literature and Totalitarianism”, The Collected Essays, Journalism and Letters of George Orwell, eds. Sonia Orwell and Ian Angus, Vol. II., 1940-1943, (London: Secker & Warburg, 1968) 135. 18 J. R. Hammond, A George Orwell Companion, A guide to the novels, documentaries and essays (London: MacMillan P, 1982) 75. Maria-Felicitas Herforth, Königs Erläuterungen und Materialien zu George Orwell 1984, Bd. 108, 3. Aufl. (Hollfeld: Bange, 2007) 21.
19 Vgl. Stephen Greenblatt, ed., et al., The Norton Anthology of English Literature, 8 th ed., 2 vols. (New York, London: Norton & Company, 2006) 2: 1840. Lange 31, 34, 92. Ansgar Nünning, Der englische Roman des 20. Jahrhunderts, 1. Aufl. (Stuttgart et al.: Klett, 1998) 69-71. Hans Ulrich Seeber, ed., Die englische Literatur in Text und Darstellung, 20. Jahrhundert I, Bd. 9 (Stuttgart: Reclam, 1984) 412.
20 Vgl. Ellenrieder 48. Hans-Joachim Lang, George Orwell Eine Einführung (München: Artemis, 1983) 118. 21 Vgl. Ronald Carter, John McRae, The Routledge History of Literature in English, Britain and Ireland (London and N.Y.: Routledge, 1997) 433. Herforth 109. Michael Sherborne, York Notes Advanced, Brave New World, Aldous Huxley, rev. ed. (London: York Press, 2005 [2000]) 6.
2. Die Dystopie im Kontext der utopischen Tradition
2.1. Die Quintessenz der Utopie
Die Dystopie entstand als Gegenmodell zur Utopie, weshalb zunächst die Quintessenz der Utopie erläutert wird. Zwar gilt Platons (ca. 427-347 v. Chr.) Dialog Politeia (4. Jh. v. Chr.) als Prototyp der Utopie, doch es war Sir Thomas Morus (1478-1535), der die Gattung 1516 mit seinem Werk Utopia taufte, das auf einer Insel angesiedelt ist und ein ideales Gemeinwesen beschreibt, in der es keine Privatsphäre gibt, dafür jedoch Bildung betont wird. 22 Der Terminus “Utopie” ist ein Wortspiel auf zwei griechische Wörter, nämlich “eu-topos” und “ou-topos”. Demzufolge konstituiert sich der Terminus “Utopia” aus den griechischen Silben “eu”, d.h. “gut”, “ou”, d.h. “nicht”, und dem Substantiv “topos”, nämlich “Ort”. Daher bedeutet “Utopia” einerseits “guter Ort” und andererseits “Nicht-Ort” und “Nirgendwo”. So wie der “gute Ort” den Idealzustand der utopischen Gesellschaft verdeutlicht, spielt der “Nicht-Ort” auf die Isolation dieser Bevölkerung an. 23 Morus prägte die Gattung der Utopie nebst der räumlichen Isolation und der Annullierung des Privateigentums durch Motive wie die Manipulation der Bevölkerung, die hierarchische Segmentierung der Gesellschaft sowie die Akzentuierung des Staates, weshalb die Utopie auch als Staatsroman verstanden wird. Vor allem hat die Utopie Analogien zur Satire 24 und zum Ideenroman, da sie kritisch zu gesellschaftlichen Phänomenen ihrer Entstehungszeit Stellung nimmt und weltanschauliche Ideale thematisiert. 25
22 Thomas Morus’ Familienname “More” wurde in “Morus” latinisiert (vgl. Isabella Ackerl, Die
bedeutendsten Staatsmänner, Wiesbaden: Marix, 2006, 177). Der latinisierte Originaltitel lautet De optimo reipublicae statu, deque nova insula Utopia (vgl. Gnüg 29). Das Suffix “ia” von “U-top-ia” erfolgte als Angleichung an die damaligen Ländernamen, die oft mit “ia” endeten (vgl. Hubertus Schulte Herbrüggen, Utopie und Anti-Utopie, Von der Strukturanalyse zur Strukturtypologie, Bochum-Langendreer: Pöppinghaus, 1960, 4).
23 Herbrüggen erklärt, dass die Prinzipien der Utopie vor allem “Isolation, Selektion und Idealität” sind (114). 24 Die Bezeichnung “Satire” kommt aus dem Lateinischen, “satira”, beginnt mit Aristophanes (ca. 448-380 v. Chr.), “ridicules the follies of society” (“satire”, J. A. Cuddon, Dictionary of Literary Terms and Literary Theory, London: Penguin Books, 1999, 780), und florierte mit Jonathan Swift (1667-1745) im achtzehnten Jahrhundert (vgl. Fielitz 162). Sie wird auch “Zwillingsschwester” der Utopie genannt (Gnüg 12).
25 Vgl. “Utopia”, Cuddon, 957. Fielitz 161-163. Gnüg 8, 10-12, 20-28. Karl Mannheim, “Utopie”, Utopie, Begriff und Phönomen des Utopischen, ed. Arnhelm Neusüss et al., 3. Aufl. (Frankfurt [M.], N.Y.: Campus Verlag, 1986) 113. Dunja M. Mohr, “Worlds Apart? Dualism and Transgression in Contemporary Female Dystopias”, Critical Explorations in Science Fiction and Fantasy, Bd 1., eds. Donald Palumbo and C. W. Sullivan III (Jefferson and London: McFarland, 2005) 11. Peter Plener, “Wider das Nichts des Spießerglücks, Zu Begriffen, Theorien und Kennzeichen (nicht nur) literarischer Utopien”, Vom Zweck des Systems,
Die Morus’sche Raumutopie wurde durch Louis-Sébastien Merciers (1740-1814) L’an deux mille quatre cent quarante (1770), der ersten Zeitutopie, die in der Zukunft angesiedelt ist und das Zeitreisemotiv in Form des Schlafes verwendet, abgelöst. Während TM zu den populärsten Zeitutopien zählt, dürfen auch BNW und 1984 als Zeitutopien bezeichnet werden, da sie die Handlung in die Zukunft verlegen. 26 Wells’ “scientific romances”, zu denen TM zählt, die dystopische Züge mit denen der SF vereinen und daher auch als “dystopian SF” etikettiert werden, gelten nicht nur als Initiator der SF, sondern auch als Vorläufer der Dystopien, da sie die Dystopien des zwanzigsten Jahrhunderts wie Jewgenij Samjatins (1884-1937) We (My) (1920), BNW und 1984 beeinflussten, wobei We als eine der ersten prägnanten Dystopien BNW und 1984 prägte. Im Folgenden wird das Wesen der Dystopie skizziert. 27
2.2. Die Fortschrittsskepsis als Motiv der Dystopie
Die Dystopie kann als Kritik der Utopietradition seit Morus gedeutet werden, jedoch extrapoliert sie vordergründig negative Tendenzen der Gegenwart in die Zukunft und beleuchtet diese kritisch. Die Dystopie ist die Antithese der Utopie und wird daher auch als Anti-Utopie oder negative Utopie etikettiert. 28 Der Terminus “Dystopie” indiziert den “schlechten Ort”, abgeleitet vom aus dem Griechischen stammenden Präfix “dys”, zu Deutsch “schlecht”. Demzufolge illustriert die Dystopie einen negativen Gesellschaftsentwurf, vor dem sie warnt. Mohr definiert den Terminus “Dystopie” als “non-existing bad place”, der erstmals 1868 von John Stuart Mill (1806-1873) in einer Parlamentsrede verwandt wurde: “they ought rather to be called dys-top-ian, or caco-
Beiträgezur Geschichte literarischer Utopien, eds. Árpád Bernáth, Endre Hárs and Peter Plener et al.
(Tübingen: Narr Francke Verlag, 2006) 208-211. Burghart Schmidt, “Utopie ist keine Literaturgattung”, Literatur ist Utopie, ed. Gert Uedinger, et al., 1. Aufl. (Frankfurt [Main]: Suhrkamp, 1978) 17, 19, 20. Schulte-Middelich, ed. Pfister 40, 43, 44, 50-51. Sherborne BNW 105. “Utopie”, Gero von Wilpert, Sachwörterbuch der Literatur, 7 th ed. (Stuttgart: Kröner, 1989) 986.
26 Für 1984 gilt dies, sofern das Jahr 1984 vom Standpunkt der Entstehung von 1984 (1948) betrachtet wird. 27 Vgl. Robert S. Baker, Brave New World, History, Science, and Dystopia (Boston: Twayne Publishers, 1990) 25. E. A. Bennett, “Wells and His Work”, Arnold Bennett and H. G. Wells, A Record of a Personal and a Literary Friendship, ed. Harris Wilson (Urbana: U of Illinois P, 1960) 260. Gnüg 118-126, 182-186. Mark R. Hillegas, The Future As Nightmare, H. G. Wells and the Anti-utopians (N.Y.: Oxford UP, 1967) 5, 10, 12. Gertrud Lehnert-Rodiek, Zeitreisen, Untersuchungen zu einem Motiv der erzählenden Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, ed. Erwin Koppen, Bd. 3 (Rheinbach-Merzbach: CMZ-Verlag, 1987) 35. Ulrike Mühlheim, ”Utopie, Anti-Utopie und Science Fiction”, ed. Pfister 320. Vera Nünning, Der englische Roman des 19. Jahrhunderts, 1. Aufl. (Stuttgart et al.: Ernst Klett Verlag, 2000 [2004]) 150.
28 Ferner kann die Dystopie auch als “Kakotopie”, “Gegen-Utopie”, “Mätopie”, “schwarze Schreckutopie” oder “inverted utopia” tituliert werden (vgl. Mohr 28; Mühlheim, ed. Pfister 315; Veddermann 13).
topians”. 29 Negley spekuliert, dass der Begriff zuerst 1952 in J. Max Patricks The Quest for Utopia geprägt wurde. 30 Zwar wird Joseph Halls (Mercurius Britannicuse) (1574-1656) Mundus Alter et Idem (ca. 1605) als eine der ersten Dystopien betrachtet, doch wird meist Samjatins We als die erste klassische Dystopie bezeichnet, 31 da dieses erstmals einen totalitären Unterdrückungsstaat entwirft. 32 Bis zum zwanzigsten Jahrhundert blieb die Utopie aufgrund ihrer Parallelen zu Morus’ Utopia eine verhältnismäßig eigenständige Gattung. Ende des neunzehnten Jahrhunderts thematisierten Utopien insbesondere den technologischen Fortschrittseifer. In den 1920er Jahren gab die zunehmende Skepsis gegenüber Wissenschaft und Technik, die fortan als potentielle, den Menschen versklavende Unterdrückungsinstrumentarien betrachtet wurden, Anlass zur Geburt der Dystopie, die gegen die positive Darstellung der Technologie und Forschung in der Utopie reagierte. Norbert Elias betont, dass Wells aufgrund seines Fortschrittspessimismus und seiner Warnung vor negativen Auswirkungen der Naturwissenschaft auf den Menschen den Umbruch in der utopischen Tradition entrierte, 33 welcher sich am essentiellsten in TM, BNW und 1984 manifestiert hat. BNW und 1984 wurden zum Inbegriff der Gattung, da sie gattungstypische Attribute wie z.B. die Versklavung des Menschen durch die Wissenschaft und den Staat aufzeigen, weshalb sie zu den einflussreichsten Dystopien des zwanzigsten Jahrhunderts zählen. Repräsentative Charakteristika der Dystopie sind vor allem autoritäre Staatsentwürfe, der Anti-Individualismus, die Statik der Gesellschaft und die negative Idealität. Da BNW und 1984 kritisch zu ihrer Entstehungszeit Stellung nehmen, werden sie oft als satirische Dystopien bezeichnet. Das Florieren der Dystopien im zwanzigsten Jahrhundert ist in der Destruktion begründet, die mit den beiden Weltkriegen einherging, wohingegen nach dem Zweiten Weltkrieg auch die Utopie in Form feministischer und ökologischer Utopien wieder in den Vordergrund trat. 34
29 Mohr 28.
30 Glenn Negley, introduction, Utopian Literature, A Bibliography (Kansas: Regents P, 1977) xiii. 31 Schulte-Middelich behauptet, dass Aristophanes’ Komödie Ekklesiazusen (Weibervolksversammlung) (392 v. Chr.), welche die Staatsübernahme durch Frauen thematisiert, als die erste Dystopie bezeichnet werden könnte (vgl. ed. Pfister 46). Herbrüggen betont, dass Ignatius Donnelly (1831-1901) der eigentliche Schöpfer der angelsächsischen Dystopie sei, da er den ausschlaggebenden Umbruch in der utopischen Tradition erzielte (vgl. Herbrüggen 122, 123, 125).
32 Vgl. Cuddon 959. Gnüg 182-186. Herbrüggen 119-120, 199. Richard Saage, Politische Utopien der Neuzeit (Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1991) 270, 297, 335, 337. von Wilpert 986-988. 33 Vgl. Saage Bilanz 89.
34 Vgl. Heinz Arnold, Lektüreschlüssel, Aldous Huxley Brave New World, (Stuttgart: Reclam, 2005) 5. Cuddon 796, 959. Erzgräber 15. Fielitz 164. Guinevera A. Nance, “Creating the Plot”, Readings on Brave
So wie die Utopie den technologischen Fortschritt preist, demonstriert die Dystopie vor allem die Gefahren, welche von der Technik und der uneingeschränkten Staatsgewalt ausgehen und das Leben unmenschlicher machen könnten. Die Dystopie projiziert wie die Utopie zeitgenössische Tendenzen in die Zukunft und beleuchtet diese kritisch, sie entwirft jedoch im Gegensatz zur Utopie eine negative Gesellschaftsform. Im Folgenden gilt es, zu skizzieren, worin sich die SF von der Dystopie unterscheidet.
2.3. Die Science Fiction als technologiebetonte Abenteuergeschichte
Ähnlich wie die Dystopie entwirft die SF eine negative Zukunftswelt. Der Terminus “Science Fiction” (SF) tauchte erstmals 1851 in William Wilson’s A Little Earnest Book upon a Great Old Subject auf. Gattungsspezifisch entstand er jedoch 1926 durch Hugo Gernsbacks (1894-1967) Begriffsprägung “scientifiction” bzw. “scientification”, die John W. Campbell, Jr. (1910-1971) in den gängigen Begriff der SF änderte. Die SF leitet sich von der “Gothic Romance” ab, die phantastische und übernatürliche Elemente akzentuiert, wohingegen die SF das Rationelle hervorhebt. Die Auswirkungen der Destruktivität der Wissenschaft auf den Menschen werden bereits in Mary Shelleys (1797-1851) Frankenstein, or the Modern Prometheus (1818) thematisiert, welches daher als das erste SF-Werk betrachtet werden kann. 35
Auch wenn die SF ihre Ursprünge bereits im achtzehnten Jahrhundert hat, gelten Jules Gabriel Verne (1828-1905) und Wells als Väter der SF. 36 Daher wird Wells auch als
New World, eds. Katie de Koster, Bruno Leone and Bonnie Szumski (San Diego: Greenhaven P, 1999) 97. Harry Levin, “Science and Fiction”, Bridges to Science Fiction, eds. George E. Slusser, George R. Guffey and Mark Rose, et al. (Carbondale and Edwardsville: Illinois UP, 1980) 16-17. Saage Bilanz 77, 158. Saage, Utopie heute I, Zur aktuellen Bedeutung, Funktion und Kritik des utopischen Denkens und Vorstellens, eds. Beat Sitter-Liver und Thomas Hiltbrunner (Freiburg, Stuttgart: Academic P Fribourg / Kohlhammer Stuttgart, 2007) 8. Scholes und Rabkin 28, 34. Martin Schwonke, “Die Bedeutung von Naturwissenschaft und Technik für die Entwicklung der Utopie vom ‘Idealstaat’ zum Leitbild des Handelns’”, Der Utopische Roman, eds. Rudolf Villgradter und Friedrich Krey, et al. (Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1973) 202, 209.
35 Vgl. Hans Joachim Alpers , “Verne und Wells – Zwei Pioniere der Science Fiction?”, Science Fiction, Theorie und Geschichte, ed. Eike Barmeyer, et al. (München: Fink, 1972) 244. Brian W. Aldiss, David Wingrove, Trillion Year Spree, The History of Science Fiction (London: Victor Gollancz, 1986) 16, 18. Eva Nicoleta Burduşel, Aldous Huxley’s Cultural Context (Sibiu: LBUS P, 2005) 77. “SF”, Cuddon 791. Mohr 38, 40. Scholes 6. Peter O. Stummer, “Science Fiction zwischen Wissenschaftsgläubigkeit und Gesellschaftskritik”, ed. Pfister 333, 334;
36 Salewski behauptet dagegen, dass aufgrund der Gentechnologie, welche zu einem der größten Sujets der modernen SF wurde, weniger Wells als Huxley der Vater der modernen SF sei (vgl. Michael Salewski, Zeitgeist und Zeitmaschine, Science Fiction und Geschichte, München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1986, 143).
“the Shakespeare of Science Fiction” und “the English Jules Verne” etikettiert. 37 Dies ist darin begründet, dass Wells’ Thematiken zu Standardthemen der modernen SF wurden, was insbesondere anhand von TM evident wird, da Wells in TM die erste Zeitmaschine der Literatur erfand, wohingegen es üblich war, via den Schlaf durch die Zeit zu reisen. Wells initiierte mit TM SF-Sujets wie den dystopischen Weltentwurf, das Vorkommen von Ungeheuern, kosmische Katastrophen und die Akzentuierung der Wissenschaft, weshalb Suvin TM als Angelpunkt der SF-Tradition betrachtet. 38 Obwohl sich die SF mit der Dystopie gattungsspezifisch überschneidet, z.B. in der zeitlichen Isolation der Gesellschaft, gibt es essentielle Differenzen. Im Gegensatz zur Dystopie akzentuiert die SF nicht den Staat, sondern eine Vielfalt an Thematiken, wie z.B. extraterristische Lebensformen oder kosmische Naturkatastrophen. Während in der Dystopie die Idee dominiert, steht in der SF die Handlung im Vordergrund. Eine weitere signifikante Differenz besteht in der Thematisierung der Auswirkung der Technik auf die Gesellschaft in der Dystopie, welcher der Fokus auf die Technik als solche in der SF gegenübersteht. Deshalb kann die SF auch als technologiebetonte Abenteuergeschichte etikettiert werden. TM ist eigentlich der SF einzuordnen, da TM SF-Merkmale wie die vordergründige Handlung und die Technik als solche akzentuiert, enthält jedoch auch dystopische Attribute wie die zeitliche Isolation und die kritische Extrapolation zeitgenössischer Phänomene. 39 Nachdem die Unterschiede der drei Gattungstypen der Utopie, Dystopie und SF festgestellt wurden, werden diese anhand von Romanbeispielen in den folgenden Kapiteln weiter ausgeführt, in denen auf die drei dieser Arbeit zugrunde liegenden Dystopien eingegangen wird.
37 Aldiss and Wingrove 133. Ash 204. Bennett, ed. Wilson 261. Norman and Jeanne MacKenzie, The Life of H. G. Wells, The Time Traveller, rev. ed. (London: The Hogarth P, 1987) 117.
38 Vgl. Alpers 446. Alpers, ed. Barmeyer 244-245. Lehnert-Rodiek 93, 94, 105. Paul J. Nahin, Time Machines, Time Travel in Physics, Metaphysics, and Science Fiction (N.Y: American Institute of Physics, 1993) 98. Elmar Schenkel, “Maschine und Droge”, Raum- und Zeitreisen, Studien zur Literatur und Kultur des 19. und 20. Jahrhunderts, eds. Hans Ulrich Seeber und Julika Griem, et al. (Tübingen: Niemeyer, 2003) 89. Scholes and Rabkin 200. Darko Suvin, Poetik der Science Fiction, Zur Theorie und Geschichte einer literarischen Gattung, Bd. 31., 1. Aufl. (Frankfurt [Main]: Suhrkamp, 1979) 278, 279. Thomas T. Tabbert, Menschmaschinengötter, Künstliche Menschen in Literatur und Technik, Fallstudien einer Artifizialanthroplogie (Hamburg: Artislife P, 2004) 623. Donald H. Tuck, The Encyclopedia of Science Fiction, 3 Vols. (Chicago: Advent Publishers, I: 1974, II: 1978) 449.
39 Vgl. Broich, ed. Pfister 353. Cuddon 791, 792. Herbrüggen 10. Hartmut Heuermann, Bernd-Peter Lange, eds., et al., Die Utopie in der angloamerikanischen Literatur, Interpretationen, 1. Aufl. (Düsseldorf: Schwann-Bagel, 1984) 7. Hillegas 12. Mohr 21, 39. Mühlheim, ed. Pfister 320, 326. Saage Bilanz 38, 40. Seeber und Bachem, ed. Voßkamp 144, 149.
3.1. Synopsis von The Time Machine
The Time Machine (TM) beginnt im viktorianischen London mit einer Rahmenhandlung. Nachdem der Ich-Erzähler, der anonyme Dinnergast, die Theorie reflektiert, welche der Zeitreisende über die Zeit als vierte Dimension darlegt, nach welcher es möglich sei, sich wie durch den Raum auch durch die Zeit zu bewegen, wird die vom Protagonisten erfundene fahrradähnliche Zeitmaschine demonstriert. Als der Zeitreisende von einem achttägigen Zukunftsabenteuer zurückkehrt, referiert dieser seine Erlebnisse, und die eigentliche Erzählung beginnt.
Der Zeitreisende begibt sich in das Jahr 802,701, in welchem er eine pastorale Wildnis des Flusstales der Themse vorfindet. Er erblickt eine alles überwachende Sphinx und lernt die erste der zwei Arten kennen, zu welcher sich die Menschheit entwickelt hat. Die grazilen und intellektuell degenerierten Eloi leben auf der Erdoberfläche und fürchten die Nacht. Als die Zeitmaschine verschwunden ist, gerät der Protagonist in Panik und ahnt, dass die Sphinx diesbezüglich etwas verberge. Als der Zeitreisende die Eloi-Dame Weena vor dem Ertrinken rettet, entsteht eine erotisch-familiäre Beziehung zwischen ihnen. Bei der Entdeckung des Protagonisten eines unterirdischen Ventilatorensystems stellt er die Theorie auf, dass die wohlhabenden Eloi die zweite Menschenrasse der Zukunft, die unterirdisch lebenden, affenähnlichen Morlocks als Arbeitssklaven halten. Er verdächtigt die Morlocks, seine Zeitmaschine gestohlen zu haben und erkundet ihr Unterreich. Unter Zuhilfenahme des von den Morlocks gefürchteten Feuers entkommt der Zeitreisende den nach ihm trachtenden Morlocks und beschließt, Weena mit in seine Zeit zu nehmen. Als der Zeitabenteurer nachts am Lagerfeuer eines Waldrandes Attacken der Morlocks pariert, verliert er Weena. Schließlich versteht er die Welt der Zukunft. Die Eloi werden von den Morlocks als Mastvieh gehalten, welches sie nachts jagen und erlegen. Als der Zeitreisende zur Sphinx zurückkehrt, ist diese geöffnet, und in ihrem Inneren entdeckt er seine von den Morlocks geölte Zeitmaschine.
Der Zeitreisende entkommt dem Hinterhalt der Morlocks und reist dreißig Millionen Jahre in die Zukunft, in welcher die Erde bar jeglichen Lebens aufgehört hat zu rotieren. Entgeistert kehrt er zurück in das viktorianische London und liefert seinen Gästen nebulöse Blumen aus der Zukunft als Indiz seines Abenteuers. Schließlich verschwindet der Zeitreisende in das Unergründliche ohne zurückzukehren.
3.2. Der Forschungsstand zu Kontrolle und Sexualität in The Time
Machine
Die Erforschung der Kontroll- und Überwachungsstrategien, wie sie in TM auftauchen, kann nicht auf einen Gesichtspunkt reduziert werden, da sie aus evolutionären und marxistischen Dispositionen hervorgehen, die zunächst erörtert werden müssen. Bezüglich der Sphinx besteht die Theorie, dass diese den Existenzkampf zwischen den Morlocks und Eloi akzentuiere, da erstere ihr Nahrungsbedürfnis nicht mehr befriedigen können. 40 Wie unter 3.3.2. erläutert wird, kann die Sphinx vor allem als Überwachungssymbol gedeutet werden. Ebenso sind die Antinomien essentiell, welche das Verhältnis der Eloi und Morlocks definieren, da diese es den Morlocks ermöglichen, die Schwächen der Eloi zu ihrem Vorteil auszunutzen, wobei die Morlocks die Eloi u.a. durch das Nutzen von Technologie und Dunkelheit kontrollieren. Hamblock bezeichnet das Verhältnis der Eloi und Morlocks auch als “schaurig[e] Symbiose”. 41 Bezüglich der Präferenz der Morlocks für die Dunkelheit, die in der Lichtaversion der Morlocks begründet ist, kritisierte der Spectator, dass die Morlocks sicherlich eine “lichtabweisende Brille” erfunden hätten, um die Eloi auch tagsüber zu jagen. 42 Bezüglich der Zeitreisethematik, die aufgrund des gesetzten Rahmens dieser Arbeit nicht diskutiert wird, bleibt hinter dem Aspekt der Kontrolle in TM erwähnenswert, dass der Zeitraffer während des Fluges der Zeitmaschine die Auswirkungen der Evolution visualisiere. Das Entschwinden und Wiederauftauchen der Silhouetten von Behausungen während der Zeitreise seien demnach die Evolutionsvorgänge: “I saw huge buildings rise up faint and fair, and pass like dreams”. 43 Favorisierte Forschungstheorien besagen, dass das Verhältnis des Zeitreisenden zu den Morlocks die Angst der Kapitalisten vor dem Proletariat artikuliere, und dass die bürgerlichen Eloi die proletarischen Morlocks ausbeuten, woraufhin die Morlocks revoltieren, um das Machtverhältnis umzukehren, 44 was an den Marxismus erinnert, der,
40 Helmut Jansing, Die Darstellung und Konzeption von Naturwissenschaft und Technik in H. G. Wells’ “scientific romances” (Frankfurt [Main], Bern: Lang, 1977) 68.
41 Hamblock 157.
42 Ebd. 153.
43 H. G. Wells, The Time Machine (N.Y.: Signet Classic, 2002) 21; Kap. 3.
44 Vgl. Bernard Bergonzi, The Early H. G. Wells, A Study of the Scientific Romances (Manchester: UP, 1961) 53, 56. Hamblock 158. Jansing 67.
begründet von Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895), ein System politischer, ökonomischer und sozialer Theorien darstellt, das die Emanzipation des Menschen debütiert. Marx ging davon aus, dass der Kapitalismus durch ungerechte Distribution der Produktionsverhältnisse heterogene Lebenschancen evoziere. Die marxistische Analyse ist demnach eine soziologische Betrachtungsweise zur Analyse sozialer Differenzen. Dabei entstehe die Diskrepanz zwischen der Bourgeoisie, die allein das Kapital besitze, und dem Proletariat, das nach Marx als unterprivilegierte Klasse zu ihrer Benachteiligung den Reichtum der Kapitalisten produziere. 45 Auch Darwins On the Origin of Species by Means of Natural Selection (1859) beeinflusste die spätviktorianischen Dystopien, da Darwins Theorie als Erklärung der Entstehung der Vielfalt des Lebens neue Perspektiven für die Entwicklung der Gesellschaft einleitete. Darwins Theorie fokussiert die Neuentstehung der Arten durch Vererbung, natürliche Selektion und Mutation. 46 Stehen bei traditionellen Utopien staatliche Idealbilder im Vordergrund, wird dies bei Wells anhand der “unaufhaltsam vorwärts stürmenden Evolution” novelliert. 47 T. H. Huxley, 48 Darwins “Bulldogge”, 49 gilt als bedeutendster Advokat von Darwins Evolutionstheorie. Im Gegensatz zu Darwin evoziert Huxley die Eventualität der Rückentwicklung der Menschheit zu primitiveren Lebensformen, welche in TM radikalisiert wird. Auch Huxleys Dogma, dass der Mensch keine Zukunft haben werde, da es ihn aufgrund der Evolution nicht mehr geben werde, wird in TM fiktionalisiert. Wells’ Artikel “The Extinction of Man” (1895) attackiert das Ideal des Menschen als ultimatives
45 Vgl. Manfred Buhr, András Gedö, Über die historische Notwendigkeit des ideologischen Klassenkampfes, Von der bürgerlichen Philosophie zum Marxismus, Zur Kritik der bürgerlichen Ideologie 75 (Berlin: Akademie-Verlag, 1976) 5-6, 9-11. Wolfgang Kaschuba, Einführung in die Europäische Ethnologie (München: Beck, 1999) 148-150, 152. “Marxism”, Macey 240-242.
46 Vgl. Günter Altner, ed., et al., Der Darwinismus, Die Geschichte einer Theorie (Darmstadt:
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1981) 95-99. Richard Morris, Darwins Erbe, Der Kampf um die Evolution (Hamburg, Wien: Europa Verlag, 2002) 55-66. Vera Nünning, Der englische Roman des 19. Jahrhunderts, 1. Aufl. (Stuttgart, Düsseldorf, Leipzig: Ernst Klett Verlag, 2000 [2004]) 148. Wolfgang Schaumann, Charles Darwin, Leben und Werk, Würdigung eines großen Naturforschers und kritische Betrachtung seiner Lehre (Landsberg / Lech: ecomed-Verl.-Ges., 2002) 61-62, 79.
47 Herbrüggen 127.
48 Im gesamten dritten Kapitel dieser Arbeit bezieht sich der Name “Huxley” auf T. H. Huxley. Ansonsten wird der Name verwendet, um auf Aldous Huxley zu verweisen.
49 Vgl. Gavin de Beer, ed., Charles Darwin, Thomas Henry Huxley, Autobiographies (Oxford, N.Y: Oxford UP, 1983) xiii. Gerhard Herber, Einleitung, Zeugnisse für die Stellung des Menschen in der Natur, ed. T. H. Huxley, übers. Gerhard Heber (Stuttgart: Fischer, 1963) 3. MacKenzie 53. H. G. Wells, Julian S. Huxley und G. P. Wells, The Science of Life (N.Y.: The Literary Guild, 1934) 430.
Wesen der Schöpfung, 50 demzufolge der Mensch die Erde nicht ewig beherrsche. Dies wird in TM anhand der in zwei atavistische Rassen mutierten Menschheit veranschaulicht. Wells’ Reversion des biologisch Vorherrschenden zum Beherrschten definiert daher seinen Evolutionsgedanken. Darauf baut Suvins (1979) These auf, dass in TM aus einer Klasseneine Rassenseparation entstanden sei. Dies lässt sich anhand des Sozialdarwinismus explizieren, der Darwins Deszendenztheorie auf den Gesellschaftsprozess projiziert und den biologischen mit dem sozialen Daseinskampf gleichsetzt. 51 Auch wenn die Beziehung zwischen dem Zeitreisenden und der Eloi-Dame Weena als redundant und abträglich kritisiert wurde, hat sie diverse Funktionen in TM. Bergonzi kritisiert dieses Verhältnis als “biggest flaw in the narrative”, da es nicht überzeuge und den Leser indigniere. 52 Weena wurde als “stupid, child-like Eloi” charakterisiert, demzufolge ihre Sexualität durch “personal affection, a thoughtless, nearly canine, barely sexual fidelity” definiert werde. 53 Jedoch betont Hamblock, dass Erotik in der Dystopie ein in TM erstmals auftauchendes Element sei, und beschreibt die Beziehung zwischen dem Zeitreisenden und Weena als solche, die zwischen Sinnlichkeit und liebevollem Beistand oszilliere. Demzufolge gebe es in Wells’ Romanen überall “meisterhafte kleine Lustspielszenen”. 54 Zwar dominiert Liebe in Zeitreisegeschichten das Geschehen, doch fungiert sie in TM eher als Katalysator der Handlung. Insbesondere helfe sie dem Zeitreisenden, sich in der neuen Welt zu orientieren und seinen Hass gegenüber den Morlocks zu motivieren. Ob intensivere Erotik aufgrund der Artendifferenz zwischen dem Zeitreisenden und Weena möglich wäre, bleibt unberücksichtigt. Hamblock und Jansing beleuchten Weenas Tod sowie den Aspekt, dass der Zeitreisende die Geliebte nicht, wie in der Romanze, gewinnen könne. 55 Im Folgenden werden nebst der Überwachungs- und Sexualitätsaspekte die für die Kontrollthematik relevanten marxistischen und darwinistischen Tendenzen diskutiert.
50 Vgl. Hamblock 159. MacKenzie 121.
51 Vgl. Alpers 446. Hamblock, 146, 147. Jansing 65. Salewski 136, 151. Seeber und Bachem, ed. Voßkamp 182. Suvin 300.
52 Bergonzi 50.
53 Scholes and Rabkin 201.
54 Borinski 114.
55 Vgl. Hamblock 158. Jansing 76. Lehnert-Rodiek 202.
3.3. Kontrolle und Überwachung der Eloi durch die Morlocks
3.3.1. Konträre Hegemonie – Die Rache der Morlocks
In TM bauen Kontrolle und Überwachung auf einer durch evolutionäre und marxistische Tendenzen verursachten, Herrschaftsverhältnis. Daher gilt es, dieses Verhältnis zu diskutieren, um anschließend auf die Überwachungssymbole einzugehen. Die Eloi, die Kinder der Menschheit und erste der zwei Rassen, in welche die Menschheit mutierte, versklavten die Morlocks, die zweite Rasse des Menschentums, in einem zum Vorteil der Eloi kapitalistischen System als Arbeitstiere. 56 Diese Gesellschaftsstruktur wurde jedoch durch Mutation und Revolte der Morlocks gestürzt.
Der Zeitreisende stellt das kapitalistische Verhältnis zwischen den Eloi und Morlocks wie folgt dar: “above ground you must have the Haves, pursuing pleasure and comfort, and beauty, and below the Have-nots, the Workers getting continually adapted to the conditions of their labour”. 57 Demnach vermutet der Zeitreisende, dass die Morlocks für den Wohlstand der Eloi arbeiten: “[…] to assume that it was in this artificial Under-world that such work as was necessary to the comfort of the daylight race was done?” (Wells TM 55). Der Protagonist sieht die Ursache dieser ökonomischen Ausbeutung in seiner eigenen Zeit begründet: “[…] the gradual widening of the present merely temporary and social difference between the Capitalist and the Labourer was the key to the whole position” (56). Die soziale Diskrepanz zwischen den Eloi und Morlocks könnte als Wells’ Kritik an der Ausbeutung der Proletarier durch die Kapitalisten gedeutet werden. Ebenso gibt das Biotop der Eloi Aufschluss über den elitären Status der Eloi. Die Umwelt der Eloi vermittelt das Bild eines urwaldartigen Paradieses: “My general impression of the world I saw over their heads was of […] a long-neglected and yet weedless garden” (28; Kap. 4). Hamblock sieht in Englands “klassische[r] Pastorallandschaft” im Viktorianismus die “Spielwiese der Reichen”, und definiert die Eloi daher als “Konkretisierungen eines ästhetisch bestimmten Antiindustrialismus”. 58 Die üppige Wildnis des Flusstals der Themse des Jahres 802,701, Lebensraum der Eloi, ist
56 Vgl. Hamblock 156. Scholes and Rabkin 201.
57 H. G. Wells, The Time Machine (N.Y.: Signet Classic, 2002) 56-57; Kap. 5.
58 Hamblock 156.
daher das Abbild ihres privilegierten und pastoralen Lebensstandards, welcher sich von industrieller und kommerzieller Urbanität distanziert.
Zur Ankunft des Zeitreisenden im Jahre 802,701 herrschen die Morlocks über die Eloi. Suvin erklärt, dass das Verhältnis der Eloi zu den Morlocks die Inversion des viktorianischen Klassenverhältnisses spiegelt, in welchem nun die Unter- über die Oberklasse walte. 59 Das Herausbilden dieses neuen Herrschaftsverhältnisses liegt eingangs in dem Überschreiten eines Idealzustandes: “[…] the balanced civilization that was at last attained must have long since past its zenith, and was now far fallen into decay” (TM 57; Kap. 5). Metaphorisch wird dies vom Zeitreisenden als “sunset of mankind” abgebildet, welcher in folgender Entwicklung gipfelte: “the true civilizing process […] had gone steadily on to a climax” (34-35; Kap. 4). Daher revidiert der Zeitreisende seine Theorie über die Morlocks als Sklaven der Eloi:
The Upper-world people might once have been the favoured aristocracy, and the Morlocks their mechanical servants; but that had long since passed away. The two species that had resulted from the evolution of man were sliding down towards […] an altogether new relationship. (67; Kap. 7).
Das Verhältnis hat sich infolgedessen durch die Revolte der Morlocks und aufgrund der Evolution gewandelt: “Ages ago […] man had thrust his brother man out of the ease and sunshine. And now that brother was coming back – changed!” (sic, eigene Emphase, 67). Die Eruierung, dass die Morlocks “changed” zurückkommen, betont die animalische Entartung der Morlocks.
Die Klassenspaltung wird von Wells radikalisiert, indem er die Klassen in unterschiedliche Rassen entarten lässt. Alpers behauptet, dass aus den “Klassen der Reichen […] und der Arbeiter […] die Eloi und Morlocken […], zwei eher tierartige Rassen”, entstanden seien. 60 Dies wird direkt bei Ankunft des Zeitreisenden in der Zukunftswelt antizipiert: “What if in this interval the race had lost its manliness, and had developed into something inhuman […]?” (TM 24; Kap. 3). Diese Prolepse wird realisiert als der Zeitreisende bemerkt, dass er und die Eloi nicht alleine sind: “There were other signs of removal about, with queer narrow footprints like those I could imagine by a sloth” (43; Kap. 5). 61 Da Evolution das Entstehen einer neuen Art impliziert, 62 bestünde
59 Vgl. Suvin 298.
60 Alpers, ed. Barmeyer 255.
61 Die Technik des Entdeckens von Fußabdrücken erinnert an Daniel Defoe’s (ca. 1660-1731) Robinson Crusoe (1719).
62 Vgl. Wells The Science of Life 426.
theoretisch die Eventualität, dass die Menschheit in zwei unterschiedliche Rassen mutiert. Folglich würde der Mensch der Zukunft nicht mehr homo sapiens, sondern “homo eloii” und “homo morlockius” getauft werden. 63 MacKenzie akzentuiert, dass Wells Darwins Evolutionsprozess umkehre, indem Wells Huxleys Gedanken der rückläufigen Evolution anwende, nämlich “Huxley’s belief that evolution was just as likely to result in regression as in progression”. 64 Daher kann Evolution in TM als regressive Progression verstanden werden, welche die umgekehrte Hegemonierelation indiziert. Jansing weist darauf hin, dass die “Nachfahren des Menschen in den Naturzustand des Primitiven zurückgesunken” seien. 65 Das prähistorische Panorama der Zukunft suggeriert eine anarchistische Gesellschaftsform, welche die aristokratische Klassengesellschaft substituierte. Es herrscht das Gesetz der Natur, in welcher das Diktat des Stärkeren gilt. Durch die zu Gunsten der Morlocks entschiedene Evolution überstehen diese den degenerierten Eloi, demzufolge das Leben der Eloi durch die Morlocks beherrscht wird.
Bedingt durch die regressive Progression degenerierten die Eloi zu fragilen Wesen, da sich ihre Körper sowie ihr Intellekt aufgrund ihrer gefahrlosen Luxusgesellschaft zurückentwickelten: “The too-perfect security of the Upper-worlders had led them to a slow movement of degeneration, to a general dwindling in size, strength, and intelligence” (TM 57; Kap. 5). Auch Philmus teilt die Ansicht, dass die Eloi zu “physisch und geistig schwachen Geschöpfen” degenerierten, da sie “in der von ihnen geschaffenen” Umwelt keinen Gefahren mehr ausgeliefert waren. 66 Die Fragilität der Eloi wird vor allem durch ihre Größe visualisiert, denn sie sind “four feet high”, “slight”, “very beautiful […] but indescribably frail” (TM 25; Kap. 3). Daher stellen die Eloi als “this fragile thing out of futurity” leichte Beute für die Morlocks dar (26; Kap. 4).
Die Entartung der Morlocks kommt eher einer Mutation gleich. Im Gegensatz zu den fragilen Eloi wurden die Morlocks herkulischer und intelligenter, da sie den inhumanen Arbeitskonditionen ausgesetzt wurden. Hillegas (1961) akzentuiert dementsprechend, dass die Diskrepanz zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie, die sich im Zuge der Evolution zur “Rassenspaltung” manifestierte, “das Aufbegehren der
63 Suvin 297.
64 MacKenzie 123.
65 Jansing 69.
66 Ebd. 59.
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M.A. Oliver Baum, 2008, "Big Brother is Watching You": Strategien der Kontrolle und Überwachung in ausgewählten englischen Dystopien, Munich, GRIN Publishing GmbH
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