Gliederung zur Unterrichtseinheit:
Eine Epoche in ihrer Eigenart: „Sturm und Drang“ anhand der Lektüre
„Die Zwillinge“ von F.M. Klinger (Deutsch, Kurshalbjahr 11.2)
1. Bemerkungen zur Lerngruppe S.1-3
2. Sachanalyse 3-8
2.1 Das Werk 3-6
2.2 Die Epoche des „Sturm und Drang“ 6-7
2.3 Die Vorgängerepochen- ein Abriss 7-8
3. Didaktische Überlegungen S.8-15
4. Vorüberlegungen zur methodischen Gestaltung S.15-16
5. Anhang S.17-20
5.1 Skizzierung der Unterrichtseinheit S.17-19
5.2 Literaturverzeichnis S.20
1
1. Bemerkungen zur Lerngruppe
Die Lerngruppe besteht aus 25 Schülern, die sich aus 14 Mädchen und 11 Jungen zusammensetzt. Die Klasse ist recht leistungsstark und kann bereits auf methodische Vorerfahrung zurückgreifen.
Die Schüler des 11. Jahrganges befinden sich in der Phase der Adoleszenz, in einem Übergang von der kindlichen zur erwachsenen Identität. Körperlich, psychisch und mental bilden sie neue Strukturen heraus und beginnen ihre eigene Persönlichkeit auszuformen. Mental und emotional sind die Schüler in einer höchst empfindsamen Phase ihrer Entwicklung, die auch dazu führt, dass gewisse private Inhalte an Bedeutung gewinnen (außerschulische Aktivitäten, Freundschaften und erste Partnerschaften), wodurch die Bedeutung der Schule individuell abnehmen kann. Daher bedarf es bei jungen Erwachsenen besonderen Motivierungsstrategien, die ihnen Identifikationspotential bieten und die ihre junge Energie in gewisse schulische Inhalte zu kanalisieren hilft.
„Die Schülerinnen und Schüler lösen sich Schritt für Schritt aus der Familie und aus ihrer gewohnten Umgebung. Beziehungen zu anderen Menschen und Identifikationen mit Gruppen werden neu entwickelt und gestaltet. Damit werden neue Anforderungen an die Eigenverantwortung und Selbständigkeit der Schülerinnen und Schüler gestellt. Dies führt auch zu veränderten Anforderungen an die Schule.“ 1
Die Lebenswelt der Schüler ist geprägt von medialen Einflüssen, die zum Einen ihren Informationsstand und die Selbstständigkeit im Umgang und in der Beschaffung von Informationen begünstigt, zum anderen jedoch eigene Erlebnis- und Erfahrungsmöglichkeiten hemmt.
„Die Schülerinnen und Schüler lernen in einer Gesellschaft, die durch unterschiedliche Medien und vielfältige Informationsflüsse geprägt ist. Dies erweitert den Horizont ihrer Erfahrungen. Die Zunahme solcher Erfahrungen aus zweiter Hand beeinträchtigt aber auch die Fähigkeit, die Welt auf eigene Weise wahrzunehmen und der eigenen Erfahrung zu trauen.“ 2
1 Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein, Kiel 2002, Lehrplan Deutsch, Sekundarstufe II, S. 9
2 Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein, Kiel 2002, Lehrplan Deutsch, Sekundarstufe II, S. 9
2
Daher ist es wichtig den Schülern im Unterricht Handlungsspielraum zukommen zu lassen, um sie durch eigene Erfahrungen (individuell und in der Gruppe) in ihrer Selbst- und Handlungskompetenz zu bestärken und sie auf das selbstständige Bestehen innerhalb der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts vorzubereiten. Im Lehrplan Schleswig-Holsteins für den Deutschunterricht in der Sekundarstufe II wird folgendes zur Vermittlung wissenschaftspropädeutischer Arbeitsformen gefordert:
„In den Fächern werden die Grundlagen für wissenschaftspropädeutisches Arbeiten gelegt, zugleich werden Unterschiede in der fachlichen Vorbildung der Schülerinnen und Schüler berücksichtigt und, wenn möglich, ausgeglichen...“ 3
Unter „1.2 Wissenschaftspropädeutisches Arbeiten“ steht geschrieben, dass der Unterricht
„- zum Erwerb von Methoden der Gegenstandserschließung, zur selbständigen Anwendung dieser Methoden sowie zur Einhaltung rationaler Standards bei der Erkenntnisbegründung und -vermittlung
- zur Offenheit gegenüber dem Gegenstand, zur Reflexions- und Urteilsfähigkeit, zur Selbstkritik
- zu verlässlicher sach- und problembezogener Kooperation und Kommunikation“ 4
befähigen soll.
Diesen Forderungen versuche ich in meiner Unterrichtsplanung nachzukommen, indem ich den Unterricht vorwiegend mit der offenen Methode der „handlungsorientierten Lernschleife“ 5 konzipiere, die einen Wechsel von Lehrer- und Schülerzentrierung vorsieht und den Schülern somit sehr viel Raum für eigenverantwortliches, selbstständiges Erarbeiten bietet.
Unter „4.2 Lernen in vielfältigen Arbeitsformen“ des Lehrplanes lesen wir: „Die Formen des Unterrichts orientieren sich am kooperativen Lernen: Kooperative Arbeitsformen - von der Planung bis zur Präsentation von Ergebnissen - versetzen die Schülerinnen und Schüler in die Lage, eigene Annahmen und Ideen zu Problemlösungen in der Diskussion mit anderen zu Überprüfen und zu modifizieren oder auch im Team zu gemeinsam erarbeiteten Ergebnissen zu kommen.“ 6
3 Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein, Kiel 2002, Lehrplan Deutsch, Sekundarstufe II, S. 5
4 ibid. S. 4
5 W. Mattes, Routiniert planen-effizient unterrichten, (Schönigh) 2006, S.32
6 Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein, Kiel 2002, Lehrplan Deutsch, Sekundarstufe II S.17
3
In der vorliegenden Unterrichtseinheit soll daher die Annäherung und Erarbeitung des Textes auf vielfältige Art und Weise geschehen, die den Lernern Platz für ihre individuelle Erschließung und eigene Kreativität lässt. So kann sich der Lerner in einer Phase des Unterrichts selbst entscheiden, ob er sich literarisch gestalterisch in Form von Teilnahme an der Lyrikwerkstatt oder der Journalistengruppe betätigt, oder ob er sich lieber am szenischen Spiel, oder der Hörbuchgruppe beteiligen möchte. Alle Lerner müssen in ihren jeweiligen Gruppen Zusammenarbeit und Kritikfähigkeit üben und am Ende jeder Lernphase steht das gegenseitige Referieren und Präsentieren der Ergebnisse, bei welchen die Lerner ihre jeweilige Selbstkompetenz trainieren. Der Deutschunterricht soll dem Lerner durch Methodenpluralität eröffnen, die verschiedenen Gegenstands- und Handlungsfelder zu kombinieren. Hierbei sollen die Gegenstandsfelder (Sprache, Texte, Kontexte) mit den Handlungsfeldern (Wahrnehmen/Verstehen, Analysieren/Interpretieren, Darstellen/Gestalten) verbunden werden.
„Im Deutschunterricht werden die genannten Gegenstandsfelder und Handlungsfelder integrativ aufeinander bezogen und in thematischen Unterrichtseinheiten miteinander verbunden. Integration meint, dass Einzelaspekte des Faches Deutsch zu einem größeren Ganzen zusammengeschlossen werden: Lesen und Schreiben, Analyse und Produktion, Textsorten und Medien, kognitive und kreativ-produktive Verfahren usw.“ 7
Diese Arbeits- und Vortragsform bereitet die Lerner auf ihren zukünftigen Einstieg ins Studier- und Berufsleben vor.
2. Sachanalyse
Im Folgenden werde ich nun auf das Stück und die Epoche des „Sturm und Drang“ eingehen, um die sachliche Basis der Unterrichtseinheit zu skizzieren.
2.1 Das Werk
Friedrich Maximilian Klinger vollendete im Jahr 1776 "Die Zwillinge" als ein Trauerspiel in fünf Akten und gewann damit den 1775 vom Hamburger Theater ausgeschriebenen Dramenwettbewerb. Das Stück erfreute sich sehr großer Beliebtheit und galt schon damals als Inbegriff der Sturm- und Drangmentalität. Klinger spricht
7 Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein, Kiel 2002, Lehrplan Deutsch, Sekundarstufe II S. 31
4
sich durch dieses Stück gegen Strukturen (und damit auch begrenzende) und Autoritäten in Familie und Gesellschaft aus (Vaterfigur, feudale Erbfolge, das Recht des Erstgeborenen), die das Individuum in seiner natürlichen Bestimmung hemmen. Ganz im Sinne des „Sturm und Drang“ beschreibt Klinger das Motiv des Brudermordes in einer hochemotionalen Atmosphäre, die sich in der Auflehnung gegen rationale Denk- und Handlungsweisen und hierarchische Ordnungen zeigt. Das Individuum muss seiner natürlichen Bestimmung nachkommen können, das Genie braucht Raum sich zu entfalten, ansonsten entlädt es sich in destruktiver Manier. So macht das Stück das Scheitern des Genies an der Begrenzung der gesellschaftlichen Normen der Zeit am Beispiel des natürlichen Kraftkerls „Guelfo“ deutlich. Es geht in dem Stück um zwei rivalisierende Zwillingsbrüder, die charakterlich ungleicher nicht sein könnten. Guelfo, der vermeintlich jüngere der Zwillinge fühlt sich um seine Erbfolge betrogen, denn er vermutet der eigentlich erstgeborene zu sein. Seine Verbitterung über diesen Zustand entlädt sich zumeist in Kraftausbrüchen physischer und verbaler Art. Er ist kräftig, aufbrausend, ungezähmt- ein natürlicher Kraftmensch im Geiste des „Sturm und Drang“. Seine Kraft findet in seiner Umgebung keine Aufgabe, an welcher sie positiv zur Wirkung käme, denn Guelfo wird die Herrschaft über das Fürstentum und auch die Heirat mit Kamilla zu Gunsten seines Bruders Ferdinando verwehrt. Daher findet seine natürliche Energie Gestalt in negativen Empfindungen. Diese wiederum lassen Guelfo andersartig, krank, gar wie einen Fremdkörper wirken in der ansonsten so vernunftgeleiteten und intakten Adelsfamilie.
„Man geht nicht weit am Stück vorbei, wenn man sich für Guelfo interessiert, denn um seine Wut seine schreckliche Gewalttätigkeit und seinen elementaren Hass dreht sich das Stück. Es ist wie ein Lauschen auf die mächtigen Ausbrüche eines Mannes der knapp vor der Grenze zur Psychopathie steht...“ 8
Einzig Guelfos Freund Grimaldi scheint die tragische Lage des Guelfo zu begreifen, der dadurch, dass sein Potential nicht zur Geltung kommt innerlich verkümmert und deformiert.
„...ein Mensch mit diesem Sinn, dieser Festigkeit, mit dieser niederwerfenden Gewalt- Ich möchte rasend werden! Der Welt einen Mann zu stehlen, an dem sie sich geweidet hätte, wie an einer neuen Erscheinung! ...“ 9
8 W. Kließ, Sturm und Drang, Friedrich Verlag, Velber bei Hannover 1975, S.84
9 Klinger, Die Zwillinge, S.14
5
Arbeit zitieren:
Jana-Katharina Müftüoglu, 2007, Unterrichtseinheit zu „Eine Epoche in ihrer Eigenart: Sturm und Drang“ anhand der Lektüre „Die Zwillinge“ von F.M. Klinger, München, GRIN Verlag GmbH
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