2
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
0. Einleitung. 3
I. Ist Liebe Arbeit? 3
Entwicklung und Wachstum der Paarbeziehung. 4
II. Über den Sinn von Präventionsarbeit 7
III. Ein Partnerschaftliches Lernprogramm (EPL) - ein Beispiel für partnerschaftliche
Pr äventionsprogramme 10
Theoretischer Rahmen. 10
Die Module. 11
1. Sprecher- und Zuhörerfertigkeiten. 12
2. Äußern negativer Gefühle 12
3. Probleme lösen 13
4. Erwartungen an die Ehe/ Partnerschaft. 13
5. Sexualität. 14
6. Christliche Ehe 15
Effizienz 15
IV. Elemente gelingender Partnerschaft 16
Rituale in der Partnerschaft. 16
Sexualit ät in der Partnerschaft 19
V. Zusammenfassung. 23
Anhang 26
Literaturverzeichnis 29
0. Einleitung
Diese Seminararbeit beschäftigt sich mit der Beziehungskompetenz bei Paaren. Im ersten Kapitel geht es um die grundlegende Frage, ob man sich gelingende Liebesbeziehungen erarbeiten kann und wie sich Paarbeziehungen entwickeln. Als Grundlegung für die Beschäftigung mit dem Ehevorbereitungstraining „Ein Partnerschaftliches Lernprogramm“ (EPL), dessen Verlauf, Themen und Effizienz im dritten Kapitel abgehandelt werden, stellt sich die Frage im zweiten Kapitel nach dem Nutzen von Präventionsprogrammen im Allgemeinen. Eine Auswahl an weiteren Elementen, die eine gelingende Beziehung kennzeichnen, wird im Kapitel IV vorgestellt. Im Anschluss an das zusammenfassende Kapitel V soll der Anhang einige der im dritten Teil beschriebenen Lerneinheiten von präventiven Trainingsprogrammen verdeutlichen.
In dieser Seminararbeit geht es um Zweierbeziehungen. Wenn es aus dem Kontext nicht anders zu erschließen beziehungsweise wenn es nicht explizit vermerkt ist, kann unter Zweierbeziehungen sowohl die Ehe als auch eine (noch) nicht vor dem Standesamt bestätigte Beziehung verstanden sein. So kann es sein, dass Begriffe wie Partnerschaft, Paarbeziehung, Ehe und so weiter durchaus auch synonym gebraucht werden. Zudem umfasst der Begriff der Zweierbeziehung nicht nur die Gemeinschaft zwischen Mann und Frau, sondern durchaus auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften.
I. Ist Liebe Arbeit?
„Liebe ist Arbeit, Arbeit, Arbeit!“ Diesen Satz lässt der bekannte deutsche Komiker Hape Kerkeling in seiner Bühnenshow einen seiner von ihm gespielten Charaktere sagen. Spätestens seit dem Erscheinen seines Bestsellers „Ich bin dann mal weg“ hat Hape Kerkeling gezeigt, dass er nicht nur mit niveauvollen Witzen begeistern kann, sondern auch, quasi zwischen den Zeilen, durchaus auch Tiefgründiges zu präsentieren weiß. Stellt sich also die Frage, ob der Komiker mit seiner neuerlichen Aussage, dass Liebe Arbeit sei, recht behält.
Vielleicht ist die Antwort auf diese Frage eine Ansichtssache, eine Art Lebensphilosophie. Ich bin der Meinung, Liebe, besser gesagt: Beziehungen - übrigens ganz egal ob eine Liebesbeziehung oder ein freundschaftliches Miteinander - sind Arbeit.
Mit dieser Meinung stehe ich glücklicherweise nicht alleine da; viele bekannte Paartherapeuten äußern sich in dieser Frage ähnlich. Der Psychologe Fritz Riemann beispielsweise ist der Überzeugung, dass es entweder Schicksal oder Gnade ist, ob wir den Partner finden, der unserem inneren Suchbild entspricht; „uns für ihn zu entscheiden, uns zu ihm zu bekennen ist der Anteil, der in unserer Hand liegt.“ 1 Und weiter heißt es bei Riemann: „Wir vergessen zu leicht, dass Lieben ein Tun ist, kein Zustand, in dem wir uns befinden und der uns bleibt, ohne dass wir etwas dafür tun.“ 2 Die mittlerweile verstorbene Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim, Ehefrau des Münchner Soziologie-Professors Ulrich Beck, spricht von der Liebe gar als Kampf, der täglich neu gekämpft werden muss 3 .
Wenn Liebe und Beziehungen Arbeit sind, dann bedeutet dies, dass Beziehungen eben gepflegt werden müssen; gelingende Beziehungen fallen nicht einfach vom Himmel, sondern es muss etwas dafür getan und riskiert werden, sie machen Mühe. Dies bedeutet aber gleichzeitig, dass nicht alles vom Schicksal abhängig ist, das einem Menschen gut, genauso aber auch schlecht spielen kann. Als Menschen haben wir es ein gutes Stück in der Hand, aus unseren Beziehungen etwas zu machen; dafür haben wir Menschen die Freiheit und auch die Verantwortung.
Entwicklung und Wachstum der Paarbeziehung
Was passiert, wenn sich zwei Menschen ineinander verlieben und daraus eine Partnerschaft begründen, welche Aufgaben und Entwicklungsschritte daraus ergeben, ist in der folgenden Abbildung zusammengefasst 4 . Abbildungen haben in der Regel die Aufgabe, komplizierte Sachverhalte auf das Wesentliche zu reduzieren und übersichtlich anzuordnen. So auch in diesem Fall. Mit der Skizze sollen einige Faktoren und Entwicklungsschritte von Paarbeziehungen aufgezeigt werden. Dass damit nicht die Komplexität von Liebesbeziehungen erfasst werden kann, versteht sich von selbst; gleichwohl können einzelne Aspekte von Paarbeziehungen vielleicht einsichtiger werden.
1 Riemann, Fähigkeit, S. 113.
2 Riemann, Fähigkeit, S. 113.
3 Vgl. Beck, Chaos, S. 132f.
4 Die Abbildung ist entnommen aus: Hein, Spiritualität, S. 160.
Abb. 1: Vier-Faktoren-Modell der Paarentwicklung
Der erste an der Paarbildung beteiligte Faktor ist das Ich der Partner. Eine reife Liebesbeziehung ist gebunden an Ich-Identität. Nur zwei beziehungsfähige Subjekte können eine gelingende Partnerschaft eingehen; die Aufnahme einer Beziehung, nur um eigenen Problemen und Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, wäre eine denkbar ungünstige Ausgangslage einer Partnerschaft. Eine Partnerschaft, die man benötigt, um eigene Entwicklungsschritte zu vollziehen, ist zwar nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt. „Es ist jedoch von großer praktischer Bedeutung, ob die Erwartung besteht, mit der Unterstützung des Partners eine anstehende persönliche Entwicklung zu vollziehen, oder ob erwartet wird, dass der Partner für einen diese Entwicklung übernimmt, persönliche Defizite kompensiert und einem das bisher vermisste Glück beschert.“ 5
In die Partnerschaft bringen die beiden Partner jeweils ihre „eigenen Bindungsmuster, Ängste und Hoffnungen, bewältigte und unbewältigte Konflikte ein“ 6 . Ziel ist es, dieser Identität auch während einer Partnerschaft treu zu bleiben, einer Identität, die zwar geprägt ist von der Liebesbeziehung zu einem bestimmten Partner, die es aber ermöglicht, „dass jeder der Partner sich trotz seiner Bindung an den anderen als
5 Willi, Psychologie, S. 152.
6 Hein, Spiritualität, S. 160.
selbständig begreift.“ 7 Oder anders ausgedrückt: „Liebe will Entfaltung, Reifung des Ich und des Du, autonome statt abhängiger Liebe.“ 8
Dadurch, dass sich die beiden Partner nach außen hin abgrenzen und innerhalb ihrer Beziehung Kommunikationsmuster aufbauen, werden die beiden als Paar erkennbar 9 . In der Psychotherapie ist heute weitgehend die Vorstellung anerkannt, dass durch diese Paarbeziehung eine neue Wirklichkeit entsteht. Das heißt, diese Paarbeziehung besteht nun nicht mehr aus zwei Individuen, sondern formt als Paar ein drittes Element, einen ‚dritten Leib‘ (Schellenbaum) oder das ‚Paar-Selbst‘ (Jürg Willi) 10 . In dieser neuen Wirklichkeit des ‚Paar-Selbst‘ hebt sich die Autonomie der Partner keineswegs auf - vorausgesetzt, es ist eine gesunde Beziehung. Denn auflösen könnte sie sich auf zwei Arten. Erstens, indem einer der Partner ein Machtübergewicht hat und den anderen sozusagen in sich hineinzieht. Die Partnerschaft wäre damit charakterisiert durch ein Machtgefälle, das eindeutig pathogen wäre. Die andere Möglichkeit bestünde darin, dass die Ich-Identitäten der beiden Partner aufgrund einer intensiven langjährigen Liebesbeziehung zu einem einzigen Paar-Selbst zusammengeschmolzen wären. Da eine Person aber nie nur Teil eines Beziehungssystems sein kann 11 - und damit quasi ihr Selbst aufgäbe - ist dieses vollständige Zusammenschmelzen in der Realität nicht möglich. „Vollständige Verständigung unter Liebespartnern ist weder möglich noch zu wünschen. Sie wäre für eine Beziehung ebenso tödlich wie vollständige Unangepasstheit. Die Unerfüllbarkeit symbiotischer Sehnsüchte mag Schmerzen und Trauerarbeit erfordern, doch enthält sie auch die Chance, sich selbst und den bzw. die andere tiefer zu verstehen. Erst durch die Verschiedenheit kann sich schließlich die Spannung aufbauen, die erotische Anziehung so erregend macht.“ 12
„Es reicht nicht, sich immer in die Augen zu schauen. Man muss auch in dieselbe Richtung sehen.“ 13 Mit dieser Aussage meint der Paartherapeut Hans Jellouschek, dass im Leben eines Paares irgendwann der Moment gekommen ist, wo das romantische Ausblenden der restlichen Welt, das oftmals in der Verliebtheitsphase zu erkennen ist, beendet werden muss, sodass sich der Blick der Partner auch wieder auf Dinge, die außerhalb ihrer Paarbeziehung liegen, richten kann. Das Paar braucht
7 Sellner, Zusammenbleiben, S. 49, vgl. ebenfalls: Grau, Sozialpsychologie, S. 166f.
8 Hein, Spiritualität, S. 143.
9 Vgl. Hein, Spiritualität, S. 161.
10 Vgl. Hein, Spiritualität, S. 161; siehe auch: Willi, Koevolution, S. 128.
11 Vgl. Hein, Spiritualität, S. 162.
12 Hein, Spiritualität, S. 162.
13 Zitiert aus: Hein, Spiritualität, S. 162.
eine Aufgabe, die außerhalb ihrer Beziehung liegt. „Es gilt, Themen zu finden, an denen beide wachsen können.“ 14 Denn Aufgaben, denen man sich als Paar stellen kann, wirken verbindend.
Schon die Tatsache, dass sowohl kirchliche als auch standesamtliche Trauung auf eine größere Gemeinschaft bezogen sind - schließlich verändert sich mit der Heirat nicht nur die Paarbeziehung sondern auch die Rolle des Paares in der Gesellschaft bzw. Kirche - macht deutlich, dass ein Paar in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt steht. Dabei handelt es sich um eine Wechselbeziehung zwischen Paar und Gesellschaft. Diese ist für beide Seiten notwendig, um sich zu stabilisieren und weiterzuentwickeln 15 . Ein Paar benötigt die Gesellschaft vor allem in Bezug auf die Schaffung von Rahmenbedingungen, die Stabilität verleihen (z. B. gesetzlich geregelte Absicherung der beiden Ehepartner, gesetzliche Regelungen bezüglich der aus der Paarbeziehung entstehenden Kinder, etc.). Die Gesellschaft ist auf Paare vor allem zum Fortbestand angewiesen 16 .
II. Über den Sinn von Präventionsarbeit
Ehescheidungen sind eines der am meisten belastenden Ereignisse im menschlichen Leben 17 , die Folgen von Scheidungen sind vielfältig. Lässt sich ein Ehepaar scheiden, gehen dem Gang zum Scheidungsrichter in der Regel viele Streitereien voraus. Ein Paar erfährt so auf der persönlichen Ebene deutliche Einschränkungen der Beziehungsqualität sowie der Lebensqualität. Solche Beziehungsstreitigkeiten treffen die Partner oftmals allein deswegen schon hart, weil die Paarbeziehung (zu der mittlerweile vielleicht schon familiäre Verantwortung hinzugekommen ist) sozusagen in seinen Grundfesten erschüttert wird, da die Partnerschaft schließlich die Lebensform ist, für die die Partner sich entschieden haben. Zudem spielen sich derlei Streitigkeiten vor allem auf der persönlichen Ebene ab, sodass Verletzungen beider Seiten die Folge sein können. In Studien konnte festgestellt werden, dass Menschen, die in Trennung oder Scheidung leben, „einen schlechteren psychischen und physischen Gesundheitsstatus als vergleichbare Individuen [haben], die allein leben, ver-
14 Hein,Spiritualität, S. 163.
15 Vgl. Hein, Spiritualität, S. 164, und die Konstitutionen des 2. Vatikanischen Konzils „Lumen gentium“, Kap 35,
und „Gaudium et Spes“ Kapitel 48, zitiert aus: Rahner, Konzilskompendium, S. 165f. und S. 497ff.
16 Vgl. Schwiderski, Beziehungsweise, S. 20.
17 Vgl. Grau, Sozialpsychologie, S. 194 oder Kaluza, Gelassen, S. 57 (zitiert als Holmes und Rahe).
witwet oder verheiratet sind.“ 18 Geschiedene und Getrennt-Lebende sind auch häufiger psychiatrisch auffällig, und auch die Zunahme von chronischen körperlichen Erkrankungen ist in dieser Personengruppe auffallend. Partnerschaftskonflikte in Familien können zudem auch Auswirkungen auf die Kinder haben 19 . Die Reihe negativer und schädlicher Auswirkungen von zermürbenden Scheidungsprozessen könnte noch weiter fortgesetzt werden 20 . Als Fazit lässt sich aber festhalten, dass Beziehungsprobleme nicht nur Einfluss auf die körperliche und psychische Gesundheit des Einzelnen, sondern auch hohe Kosten für die Gesellschaft nach sich ziehen. „Diese Befunde legen nahe, Ehetherapie und präventive Trainingsprogramme nicht nur zur Verbesserung der Ehequalität einzusetzen, sondern auch, um psychische Störungen oder somatische Parameter wie immunologische oder psychophysiologische Variablen zu verändern.“ 21
Der Psychologe Guy Bodenmann benennt als die drei wichtigsten Gründe für Präventionsprogramme bei Paaren
a) die hohe Instabilität von Partnerschaften auf der einen Seite und der ungebrochene Wunsch nach einer glücklichen Zweierbeziehung auf der anderen Seite; b) die Tatsache, dass Paartherapie häufig zu einem relativ späten Zeitpunkt erfolgt und daher nicht mehr maximal effektiv sein kann und
c) die Tatsache, dass das Geschick einer Partnerschaft von Kompetenzen abhängt, die trainiert und ausgebildet werden können 22 .
Tatsächlich ist, der landläufigen Meinung zum Trotz, das Modell der Familie für viele die angestrebte Lebensform. Vor allem für Jugendliche ist die Familie - und zwar sowohl die Herkunftsfamilie sowie eine selbst gegründete Familie - sehr bedeutend für das persönliche Glück 23 , auch wenn diese Sehnsucht weder etwas über das Gelingen einer tatsächlichen Partnerschaft aussagt, noch darüber, dass sich die familiären Formen durchaus auch ändern können, also nicht unbedingt beim „Idealmodell“ Vater - Mutter - zwei Kinder bleiben müssen. Man kann sagen: „Der Wunsch nach
18 Grau, Sozialpsychologie, S. 194.
19 Vgl. Grau, Sozialpsychologie, S. 194 und Willi, Paare, S. 18.
20 Dabei ist natürlich zu beachten, dass manch eine Scheidung durchaus auch zum Wohle der Betroffenen bei-
tragen kann; Scheidungen sind zwar ein schwieriges Ereignis in einer Biografie, können aber in manchen Fällen
trotzdem das Mittel der Wahl sein nach dem Motto „Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne En-de“.
21 Grau, Sozialpsychologie, S. 199.
22 Bodenmann, Kompetenzen, S. 13.
23 Vgl. dazu die Shell-Jugendstudien, insbesondere auch die Shell-Jugendstudie von 2006, S. 50, oder Spiegel
Special 4/ 2007, S. 6ff.
Arbeit zitieren:
Timo Grünbacher, 2009, Beziehungskompetenz bei Paaren, München, GRIN Verlag GmbH
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