Inhaltsverzeichnis:
3
1. Einleitung
4
2. Von der Mitteilung zur vermittelten Mitteilung
2.1. Die Mitteilung 4
2.2. Prozesse der Kommunikationsrationalisierung: Auf dem Weg
zur vermittelten Mitteilung 6
8
3. Massenkommunikation als vermittelte Mitteilung
3.1. Der Massenkommunikationsprozess 8
3.2. Definition einzelner Parameter 10
3.3. Doppelpaarige Rollenstruktur und Rollenunionen 15
3.4. Abweichungen von der Realität: Vermittlungsketten 17
4. Theorie der Sozialen Zeit-Kommunikation und gängige
20
Vorstellungen der Massenkommunikation
23
5. Abschließende Bemerkungen und Ausblick
26
6. Literatur
2
1. Einleitung
Wenn wir uns bewusst überlegen, wie wir Massenmedien rezipieren und wie Aussagen in den Medien, die Mitteilungen der Massenkommunikation, entstehen, stoßen wir bei dieser Analyse mit den gängigen Vorstellungen der Massenkommunikation schnell an Grenzen. Die Modelle wie sie in der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft vorherrschen, basieren auf dem Grundprinzip der Rhetorik und gehen darauf aufbauend von einem einseitigen Prozess aus, in dem einer spricht (Kommunikator) und auf viele einredet (Publikum). Doch scheint diese Grundstruktur bei genauer Analyse massenmedialer Angebote nicht ausreichend. Wir müssen uns eigentlich bei jeder Nachricht, jedem Bericht fragen und bewusst überlegen, wessen Wissen, Meinen oder Denken wir rezipieren. Kommen die Aussagen vom Kommunikator? Referiert dieser nicht eher auf Themen oder Aussagen aus der Gesellschaft, in der wir uns als Rezipient befinden? Um dieser Frage nachzugehen und die hier angedeutete Lücke zu schließen, legt die Münchener Schule der Zeitungswissenschaft mit der Theorie der Sozialen Zeit-Kommunikation (SZK) eine alternative, „zeitungswissenschaftliche Theorie der Massenkommunikationen“ 1 vor, die über die gängigen Vorstellungen hinausgeht und Antworten auf diese von den Rhetorik-Modellen unbeantworteten Fragen geben kann. Diese Theorie steht im Mittelpunkt der Arbeit. Das Modell der Nachricht als vermittelter Mitteilung beschreibt Massenkommunikation als Form der Sozialen Zeit-Kommunikation, in der die öffentliche Kommunikation einem „Zeitgespräch der Gesellschaft“ (Bernd M. Aswerus) entspricht, dem Austausch der „Zeitgenossen zu den Themen der Zeit“ (Heinz Starkulla). Abkehrend von den gängigen Vorstellungen des einseitigen Massenkommunikationsprozesses lehnt die zeitungswissenschaftliche Theorie die Vorstellung ab, dass ein Kommunikator einseitig an ein passives Publikum kommuniziert, und nennt autonome Vermittler, die aktuelle Themen und Aussagen der Gesellschaft über Medien an gesellschaftliche Partner vermitteln. Das Gespräch einer Gesellschaft wird also mittels Massenkommunikation übertragen und damit zugleich aufrechterhalten und ermöglicht.
Unter dem Titel „Auf dem Weg zu einem tragfähigen Massenkommunikationsbegriff: Nachricht als vermittelte Mitteilung“ behandelt die vorliegende Arbeit die Frage nach der Massenkommunikation als vermittelter Mitteilung und geht dabei insbesondere auf den Massenkommunikationsprozess, beteiligte Akteure sowie manifeste Rollenstrukturen ein. Damit kann und soll aber nur ein Ausschnitt der
1 Hans Wagner 1974a, IX
3
SZK-Theorie zur Massenkommunikation beleuchtet und analysiert werden, so dass die Arbeit am Ende nicht über eine erste Teildefinition hinauskommen kann. Dazu soll zunächst geklärt werden, was die beiden Grundbegriffe ’Mitteilung’ und ’Vermittlung’ bedeuten und wie es von der Mitteilung bedingt durch kommunikationsgeschichtliche Entwicklungen zum Prozess der vermittelten Mitteilung gekommen ist (Kapitel 2). Im dritten Kapitel wird der Prozess der Massenkommunikation als vermittelter Mitteilung dargestellt, wobei nach der prozessualen Grundstruktur zunächst die Akteure und Rollen definiert werden (3.2), um dann die der Massenkommunikation inhärenten spezifischen Rollenstrukturen zu erläutern (3.3). Hiernach wird es nötig sein, die Vermittlungsketten, die sich als Abweichung des Modells in der Realität zeigen, zu problematisieren (3.4). Im Anschluss an das Modell soll die Theorie im Vergleich zu den gängigen Ansätzen zur Massenkommunikation diskutiert und Hintergründe der Zeitungswissenschaft der Münchner Schule verdeutlicht werden (Kapitel 4). Der Schluss wird eine kurze Zusammenfassung geben und offene Fragen aufzeigen.
Zur Darstellung der Befunde bezieht sich die Arbeit vor allem auf Werke Hans Wagners, insbesondere „Kommunikation und Gesellschaft“ und „Die Partner in der Massenkommunikation“, sowie auf Otto Groth und Bernd M. Aswerus. Alle Autoren sind Lehrbeauftragte am Münchner Institut gewesen und daher fachlich der Münchner Schule der Zeitungswissenschaft zuzurechnen.
2. Von der Mitteilung zur vermittelten Mitteilung
Bevor der Prozess der Massenkommunikation erklärt werden kann, scheint zunächst sinnvoll, die beiden Begriffe „Mitteilung“ und „Vermittlung“ zu klären, sowie kurz den kommunikationsgeschichtlichen Weg von der Mitteilung zur vermittelten Mitteilung zu erläutern. Daher soll eine Definition von Mitteilung erfolgen (2.1.), um dann den Prozess der Kommunikationsrationalisierung darzustellen und die Vermittlung zu erläutern (2.2.).
2.1. Die Mitteilung
Die Mitteilung kann grundlegend als „eine sehr komplexe Funktion der Sprache“ 2 klassifiziert werden. Dabei weisen alle Gesprächs- und Sprachpartikel, alle Mitteilungsakte sozialer zeitbezogener Kommunikation also, eine „trimodale Grundstruktur“ auf, die sich zusammensetzt aus der „Repräsentation des Ich“, einer „personale(n) Selbstdarstellung des sich Äußernden“, dem „Appell an das Du“,
2 Hans Wagner 1978a, S. 24
4
also einer „Hinwendung zum personalen Selbst“, der Person und dem Charakter des Gesprächspartners sowie „der Manifestation von >Welt<“, die die Aktualität umfasst, die Darstellung dessen, was in der Welt, die aktuell alle beteiligten Partner umgibt, „als >neu< bzw. >jetzt-seiend<“ 3 gilt. Diese Bedeutungselemente des Mitteilungsakts sind als Konstitutiva des Sprechakts Konsens in der Sprachphilophilosophie und -wissenschaft und erinnern an das sprachwissenschaftlich paradigmatische Organonmodell Karl Bühlers 4 . Dabei können je nach Mitteilungsge-genstand „andere[] Akzente[]“ gesetzt werden, doch sind die Konstitutiva immer „unaufhebbar ineinander verschränkt“ 5 vorhanden.
Anknüpfend an diese Erkenntnis definiert Starkulla die Mitteilung als „sachlich und persönlich wechselseitig aufeinander bezogenen Tatbestand der >Bewußtseins-Mit-Teilung< des Neuen“ 6 . Mitteilung bedeutet also, einen Bewusstseinsbesitz, ein Zeit-Bewusstsein, mit anderen, mit einem Partner zu teilen. Hierzu ist nötig, dass der Partner, der etwas mitteilen möchte, seinen Bewusstseinsinhalt „formuliert (...) in einer Aussage“ und mittels eines Mediums „vernehmbar“ 7 macht - im Falle des einfachen Mitteilungsprozesses durch das Medium Sprache. Durch dieses Teilen konstituiert sich eine besondere Art der Beziehung zwischen den Kommunikationspartnern, da der Bewusstseinsinhalt in den gemeinsamen Besitz übergeht, das Geteilte geht keinem der Partner verloren 8 . Die Mitteilung weist die „formale Grundstruktur“ aus „Reden“, „Hören“ und „Gemeinsamwissen“ 9 auf, so dass der Mitteilungsprozess als „Überführung eines individuellen Bewusstseins-Besitzes in den Gemein-Besitz aller beteiligten Partner“ mit dem Effekt des Gemeinsamwissens zusammengefasst werden kann 10 . Dies beschreiben Wagner und Aswerus mit dem „Kommunikativen Prinzip“ 11 . Kommunikative Intention ist es, „einen Zustand der Gemeinsamkeit herzustellen“ 12 , „Sinn aller sozialen Kommunikation“ ist, „ein gesellschaftliches Miteinander der Menschen zu suchen“ 13 , kurz: „Mitteilung konstituiert Gemeinschaft“ 14 . Mitteilung kann also mit und nach Wagner abschließend zusammengefasst werden als „jener zwischenmenschliche Vorgang, bei dem ein AP (Ausgangspartner,
3 Alle Zitate aus: Hans Wagner 1978a, S. 26 (dort zitiert nach Heinz Starkulla)
4 Karl Bühler unterscheidet in seinem Organonmodell, einem Modell von der Sprache als Werkzeug, drei Sprachfunktionen, die sich in jedem Sprechakt manifestieren: die Darstellung (Symbol), den Ausdruck (Symptom) und den Appell (Signal); Zu Karl Bühlers Organon-Modell vgl. z.B. Heidrun Pelz 2002, S. 46ff, 55
5 Vgl. Hans Wagner 1978a, S. 26
6 Alle Zitate aus: Hans Wagner 1978a, S. 26 (dort zitiert nach Heinz Starkulla)
7 Vgl. Hans Wagner 1974b, S. 425
8 Vgl. Hans Wagner 1974b, S. 425
9 Vgl. Hans Wagner 1978a, S. 31
10 Vgl. Hans Wagner 1974b, S. 429
11 Vgl. z.B. Bernd Maria Aswerus 1993, S. 154 oder Hans Wagner 1978a, S. 28
12 Zitiert nach Hans Wagner 1974b, S. 410
13 Bernd M. Aswerus 1993, S. 154
14 Hans Wagner 1978a, S. 28
5
I.K.) einen Bewußtseinsinhalt mit Hilfe eines Prozesses der Übermittlung mit einem anderen Partner teilt, indem er ihn äußert (Manifestation) und ihn so zum gemeinsamen Bewußtseinsbesitz macht“ 15 .
2.2. Prozesse der Kommunikationsrationalisierung: Auf dem Weg zur vermittelten Mitteilung
Zunächst kann man im Kontext der Versammlungskommunikation, in dem man sich persönlich begegnet, um miteinander zu kommunizieren, von einer recht einfachen Struktur des Mitteilungsvorgangs ausgehen: Ein Ausgangspartner macht einen Bewusstseinsinhalt (Aussage) mittels des Mediums Sprache einem Zielpartner zugänglich, teilt ihn mitteilt 16 . Dieser Mitteilungsvorgang wird dadurch als „wechselseitige Mitteilung“ konstituiert, dass es einen ständigen „Rollentausch“ gibt - aus dem etwas Mitteilen-Wollenden (AP) wird im nächsten Moment der etwas Wissen-Wollende (ZP) und umgekehrt 17 . Wichtig erscheint hier, dass „eben dieser Mitteilungsvorgang (immer) auch als ein Übermittlungsvorgang betrachtet werden kann“ 18 . Die Mitteilung steht dabei für die geistige Ebene, die Übermittlung für die stoffliche, dingliche Ebene 19 - ein geistiger Inhalt von Bewusstsein wird mittels eines Mediums wahrnehmbar gemacht, also vermittelt. Dabei sind die beiden Vorgänge „streng voneinander zu trennen“ 20 , was an alltäglichen Beispielen wie Sprachbarrieren erkennbar ist. Möchten wir mit jemandem kommunizieren, dessen Sprache wir nicht teilen, so ist der geistige Besitz (Mitteilung) stets vorhanden, jedoch gibt es kein Mittelstück, dass diese einander vernehmbar macht, mit dem der geistige Besitz stofflich vermittelt werden kann. Im Zuge kommunikationsgeschichtlicher Entwicklung gilt es mit der Zeit jedoch, immer größere räumliche, zeitliche und auch soziale Distanzen zu überwinden - Kommunikation über Distanz wird notwendig 21 . Mit der „generellen Aufhebung des Versammlungsprinzips“ durch wachsende Komplexität herrscht damit die „Dislokation der Kommunikationspartner“, die als „permanente(r) ’Störfall’ der Kommunikation bezeichnet werden kann. Die Gesellschaft steht vor dem Problem, „wie die notwendige partikulare und gesamtgesellschaftliche Kommunikation aufrechterhalten und gesichert werden kann, ohne dass körperliche Anwesenheit der Kommunikationspartner erforderlich ist“ 22 . „Mitteilung zwischen den
15 Hans Wagner 1978b, S. 202
16 Vgl. Hans Wagner 1978a, S. 31f. Hier ist dieser Vorgang modellhaft dargestellt als AP ZP, wobei AP für m(a)
Ausgangspartner, ZP für Zielpartner, m für das Medium und a für die mitzuteilende Aussage steht.
17 Vgl. Hans Wagner 1978a, S. 32
18 Hans Wagner 1978a, S. 35
19 Vgl. z.B. Hans Wagner 1995, S. 18
20 Hans Wagner 1995, S. 19
21 Vgl. z.B. Hans Wagner 1995, S. 19
22 Hans Wagner 1995, S. 19
6
Partnern“ scheint nur dann „weiterhin möglich, wenn sachlich/ dingliche Medien“ eingesetzt, ein persönlicher Mittler oder stoffliches Medium zwischengeschaltet werden 23 . Die Lösung des Problems in einer Situation, in der Versammlung nicht mehr möglich ist, erfolgt daher über Vermittlung, so dass Massenkommunikation „die Lösung des Problems einer ’Kommunikation über Distanz’“ 24 darstellt. Vermitteln bedeutet dabei nach Otto Groth „eine Person oder eine Sache als Mittelstück zwischen getrennten Personen oder Sachen einschieben, überhaupt durch Einschieben eines Mittelstücks Auseinanderliegendes einigen, zugänglich machen“ 25 . Notwendige Elemente des Vermittlungsprozesses sind dabei ein Vermittler sowie „das Mittelstück, das ein Werk oder eine Person sein kann“, die „Partner“, da man zum Vermitteln „mindestens zwei Beziehungspunkte (braucht), zwischen denen (...) eine Beziehung“ geknüpft wird. Diese nennt Groth „je nach Richtung, in der sich Vermittlung vollzieht“ „Ausgangspartner (oder) Zielpartner“. Darüber hinaus bedarf es in jedem Vermittlungsprozess eines Gegen-standes, der vermittelt wird. Und zuletzt ist für Groth eine gewisse „Distanz oder eine Spannung“ zwischen den Partnern bei einem gleichzeitigen Mindestmaß an „Verbindung und Übereinstimmung“ 26 essentiell, so dass es Anknüpfungspunkte für wechselseitiges Vermitteln, aber auch Freiräume für Kommunikationen gibt, etwa Informationsgefälle oder Meinungsunterschiede 27 . Unter diesen Problemen der Kommunikation über Distanz, denen nur mittels Massenkommunikation über Vermittlung entgegengewirkt werden kann, haben sich in „langwierigen Rationalisierungsprozessen“ 28 Teilfunktionen des Vermittelns (Vermittlungsleistungen) ausdifferenziert, die als Konzentrationsprozesse dafür sorgen, dass Soziale Zeit-Kommunikation auch unter komplexen gesellschaftlichen Bedingungen überhaupt möglich bleibt (zu den Vermittlungsleistungen: Kapitel 2.2). Dieser „Prozeß der Kommunikationsrationalisierung“ 29 ist gekennzeichnet durch „die schrittweise Loslösung der Vermittlung von der Mitteilung, die Verselbstständigung der ersteren (...), die allmähliche Professionalisierung der Träger von Vermittlungsrollen“ („primärer Prozess der Kommunikationsrationalisierung“), mit dem Ziel, „Kommunikation aller mit allen zu gewährleisten, ohne die Versammlung aller erforderlich zu machen“ 30 , also die gesellschaftliche, zeitbezogene Kommunikation auch dann zu ermöglichen, wenn man räumlich
23 Vgl. Hans Wagner 1978a, S. 37 (Hervorhebungen im Original)
24 Hans Wagner 1995, S. 14
25 Wolfgang R Langenbucher 1998, S. 96
26 Alle Zitate aus: Otto Groth 1998, S. 100f
27 Vgl. Hans Wagner 1974b, S. 401
28 Detlef Schröter 1988, S. 176
29 Hans Wagner 1978a, S. 47
30 Alle Zitate aus: Hans Wagner 1995, S. 27
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Arbeit zitieren:
Ines Kruspel, 2008, Auf dem Weg zu einem tragfähigen Massenkommunikationsbegriff: Nachricht als vermittelte Mitteilung , München, GRIN Verlag GmbH
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