Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Verkehrte Welt 4
2.1 Krieg und Wahrheit 4
2.2 Lügengeschichten aus dem Tausendjährigen Reich. 5
2.2.1 Ganz Deutschland hört den Führer 7
2.3 Der Jude als Sündenbock 8
3 Jakob der Lügner. 11
3.1 Der Dichter lügt. 11
3.2 Widerstand durch Worte 14
3.3 Die neue Ordnung 16
3.4 Der Dichter Jakob Heym. 18
3.5 Konsequenzen 21
3.5.1 Alles hat ein Ende 24
4 Schluss. 26
5 Bibliographie. 27
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1 Einleitung
Augustinus nennt den Teufel den „Vater der Lüge.“ 2 Seit dem Sündenfall im Paradies gehört sie zum menschlichen Zusammenleben, doch ihr Ursprung liegt noch wesentlich weiter zurück. Sie ist nicht nur Bestandteil des menschlichen Verhaltens, sondern zeigt sich auch in der Tierwelt. 3 Im täglichen Kampf ums Überleben ist Tarnen und Täuschen ein unverzichtbares Mittel 4 oder wie Nietzsche es formulierte: „Verstellung […] ist das Mittel, durch das die schwächeren, weniger robusten Individuen sich erhalten […].“ 5 Nun ist aber eine Täuschung noch keine Lüge, denn hierfür braucht es „Verstand und Wille, Fähigkeiten, die dem Menschen zugeordnet werden […].“ 6
Hier kommt nun der zweifelhafte Held aus Jurek Beckers Roman Jakob der Lügner ins Spiel. Der polnische Jude verstößt mit seinen Lügengeschichten gegen das in Stein gemeißelte achte Gebot, welches einst Moses auf dem Berg Sinai von Gott persönlich empfing - also von dem Mann, der, wie Johannes im Neuen Testament sagt, die Wahrheit ist. 7 Damit stellt der ehemalige Kartoffelpufferbäcker die Ordnung auf den Kopf. Doch in welcher Ordnung lebt Jakob? Seit Ausbruch des Krieges steht die Welt Kopf. Juden sind laut Verordnung keine Menschen mehr, sondern „Wanzen“ (21), die in einem Ghetto vor sich hinvegetieren. Ihr Schicksal lautet Vernichtung. Diese Bedrohung bringt Jakob dazu, ein einfaches aber folgenreiches Mittel zu benutzen, um in dieser unfreien Welt zu Freiheit zu gelangen: die Lüge. 8 „Was immer er sagt, ist nicht ein Sagen, sondern ein Handeln; denn er sagt, was nicht ist, weil er das, was ist, zu ändern wünscht.“ 9
Die Umstände scheinen demnach einen Pakt mit dem Teufel zu rechtfertigen. Doch die Frage wird sein, ob es sich tatsächlich um dreiste Lügen handelt und auf welche grundlegenden Probleme der fiktionalen Literatur der Text mit ihnen verweist.
2 Baruzzi, Arno: Philosophie der Lüge. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1996. S. 49.
3 Vgl. Ebd. S. 3.
4 Vgl. Ebd. S. 10.
5 Friedrich Nietzsche. Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Einzelbänden. Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. 2., durchgesehene Aufl. Bd. I: Die Geburt der Tragödie. Unzeitgemäße Betrachtungen I-IV. Nachgelassene Schriften 1870-1873. München: dtv 1988. S. 876.
6 Baruzzi 1996: 10.
7 Vgl. Ebd. S. 48.
8 Vgl. Arendt, Hannah: Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays. München: Piper 1972. S. 74.
9 Ebd.
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2 Verkehrte Welt
2.1 Krieg und Wahrheit
Heraklit sagte einst: Der Krieg ist der Vater aller Dinge. 10 Er scheint zum Alltag auf Mutter Erde zu gehören, denn die „Natur hat alle[n] Lebewesen den Krieg gelehrt.“ 11 „Wo der Krieg beginnt, sind die Menschen ‚nicht viel besser als losgelassne Raubtiere‘ […].“ 12 Er macht aus einfachen Menschen Soldaten, die im Staatsauftrag morden. Dies ist die traurige Wahrheit. Allerdings gerade in Bezug auf die Wahrheit erscheint der Krieg als etwas mehr oder minder Positives.
Schon Sigmund Freud ging in Warum Krieg? (1932) auf die angenehmen Nebenwirkungen ein. So kann ein Krieg u.a. dazuführen, dass sich mehrere schwache Parteien vereinigen, um ein großen stärkeren Gegner zu schlagen. 13 Durch den errungenen Sieg kann sich anschließend eine starke Einheit ergeben, welche weitere kriegerische Auseinandersetzungen unmöglich machen könnte. 14 Freud hofft dabei sogar auf den „‚ewigen‘ Frieden[…].“ 15
Der Krieg kann somit auch zu einem Neubeginn führen oder wie Cicero es ausmachte, ein „Verfahren [sein], die Wahrheit in Erfahrung zu bringen.“ 16 Zusätzlich wird ihm eine geradezu kathartische Wirkung nachgesagt 17 , denn „[d]er Sieger setzt die Gesetze in Kraft und hilft der Moral auf die Füße.“ 18
Der Zweite Weltkrieg ist für diese Aussagen eine deutliche Bestätigung. Das deutsche Volk wurde gerade bei seinen antisemitischen Vorurteilen Lügen gestraft. So wurden aus ehemaligen Wahrheiten Unwahrheiten, was beweist, dass „Wahrheiten […] Illusionen [sind], von denen man vergessen hat, dass sie welche sind.“ 19
10 Vgl. Held, Klaus: Heraklit, Parmenides und der Anfang von Philosophie und Wissenschaft. Eine phänomenologische Besinnung. Berlin: De Gruyter 1980. S. 449f.
11 Schneider, Manfred: Die Gabe des Krieges. Eine melliologische Studie. In: Kursbuch 147 (2002). S. 14.
12 Ebd. S. 15.
13 Vgl. Sigmund Freud. Das Lesebuch. Schriften aus vier Jahrzehnten. Hrsg. von Cordelia Schmidt-Hellerau. FaM: S. Fischer 2006. S. 440.
14 Vgl. Ebd. S. 443.
15 Ebd. S. 443.
16 Schneider 2002: 13.
17 Vgl. Ebd. S. 11.
18 Ebd. S. 17.
19 Nietzsche 1988: 880f.
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2.2 Lügengeschichten aus dem Tausendjährigen Reich
Der Zweite Weltkrieg begann und endete mit einer Lüge. Am Abend des 31. August 1939 überfielen sieben Angehörige der SS den polnischen Sender Gleiwitz nahe der deutschpolnischen Grenze. Nach Ausschaltung des Senderpersonals sendeten sie eine Mitteilung, die der Auslöser für den wenige Stunden später beginnenden Krieg wurde. Sie gaben sich als angebliche polnische Aufständische aus, die die Freiheit Polens herbeiführen wöllten. 20 Damit hatte das Dritte Reich das passende Alibi um Europa in den nächsten Weltkrieg zu stürzen. Hitler reagierte prompt. In seiner Reichstagsrede vom 1. September sagte er:
Polen hat heute nacht zum erstenmal auf unserem eigenen Territorium auch bereits durch reguläre Soldaten geschossen. Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen! […] Wer selbst sich von den Regeln einer humanen Kriegsführung entfernt, kann von uns nichts anderes erwarten, als daß wir den gleichen Schritt tun […]. 21
Ähnlich mörderisch euphorisch zeigte sich Reichspropagandaminister Joseph Goebbels in seinem Tagebucheintrag vom gleichen Tag: „Polnischer Angriff auf den Sender Gleiwitz. Das bringen wir ganz groß heraus.“ 22 Diese Sichtweise war typisch für ihn, sah er doch die Propaganda als etwas an, das „darauf hinzielt, Menschen zu gewinnen.“ 23 Diese Wortwahl ist allzu verräterisch, bedenkt man die Herkunft des Wortes Lüge. Im Lateinischen heißt sie lucrum, der Gewinn und im Altslawischen lovu, die Beute. 24 Natürlich war der Überfall auf den Radiosender nicht der Ausgangspunkt der Misere. Schon 1936 schrieb Heinrich Mann in einem Essay mit dem Titel Diese Deutschen von der „Ausrottung des Wissens und der Erkenntnis“ 25 und von der „Volksverbundenheit in der Lüge.“ 26 Nochmals drei Jahre zuvor schrieb Karl Kraus als Reaktion auf die Machtergreifung der Nazis folgende Verse nieder: „Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte.“ 27
Die Nationalsozialisten und ihre „Gefälligkeitsdiktatur“ 28 , wie Götz Aly sie nennt, hatte seit 1933 ganze Arbeit geleistet. Man schuf für das geschundene Deutschland eine „konkrete
20 Vgl. Runzheimer, Jürgen: Überfall auf den Sender Gleiwitz. In: Legenden, Lügen, Vorurteile. Ein Wörterbuch zur Zeitgeschichte. Hrsg. von Wolfgang Benz. 8. Aufl. München: dtv 1996. S. 190f.
21 Hein-Mooren, Klaus Dieter, Heinrich Hirschfelder u.a.: Von der Französischen Revolution bis zum Nationalsozialismus. Bamberg: C.C. Buchners Verlag 1996. S. 449.
22 Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Hrsg. von Elke Fröhlich. Teil I: Aufzeichnungen 1923-1941. Bd. 7: Juli 1939-März 1940. München: Saur 1998. S. 88.
23 Hein-Mooren 1996: 415.
24 Vgl. Baruzzi 1996: 6.
25 Deutschland! Deutschland? Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. FaM: Fischer Taschenbuch Verlag 2002. S. 353.
26 Ebd. S. 354.
27 Schneider 2002: 22.
28 Aly, Götz: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. FaM: S. Fischer 2006. S. 36.
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Utopie für jedermann“ 29 , die das Land, trotz Beginn des Krieges, in ein ungeahntes „Hochgefühl“ 30 versetzte. Dank zahlreicher sozialer und wirtschaftlicher Verbesserungen für das Volk verstummte schnell jegliche Kritik. U.a. führte man 1941 die verpflichtende Krankenversicherung ein. 31 Im selben Jahr wurden die Renten um durchschnittlich 15 Prozent erhöht. 32 Man verdoppelte außerdem die Anzahl der Urlaubstage 33 , senkte die Zahl der Arbeitslosen von sechs (1933) auf rund 1,6 Millionen (1937) 34 und unterstützte massiv die deutschen Familien. 35 Dies alles trug zur „gute[n] Laune der Deutschen“ 36 bei, von der Joseph Goebbels sagte, sie sei „ein Kriegsartikel, [der] unter Umständen […] nicht nur kriegswichtig, sondern kriegsentscheidend sein [kann].“ 37
Dabei unterschlug man dem Volk bewusst die finanziellen Probleme, die aus solchen Geschenken für den Fiskus entstanden.
Schon 1935 verbot Hitler die Bekanntgabe des Staatsetats, eben weil seine Politik ständig und seit 1936 zunehmend vom Vorgriff auf die Zukunft lebte. Daraus ergab sich der immanente Zwang zu Krieg und Raub. 38
Die Beute aus den eroberten Gebieten trug demnach zum Aufrechterhalten des Scheins in der Heimat bei. Gerade in Bezug auf die Judenverfolgung ist diese Finanzierungsstrategie als äußerst pervers anzusehen. So wurden deutsche Soldaten zu einem Anteil „mit den Hinterlassenschaften der enteigneten und ermordeten Juden bezahlt.“ 39 Doch es ging auch legaler. Die Treuhand-Verwertungs-GmbH hatte im Generalgouvernement in Polen u.a. die Aufgabe, „durch den Krieg herrenlos gewordenes Vermögen zu beschlagnahmen.“ 40 Vorteilhaft erwies sich bei dieser Methode die systematische Deportation und Vernichtung von Millionen Juden. 41
1945 endete schließlich dieser Alptraum. Doch selbst am Ende war man auf Seite der NS-Führung nicht bereit wahre Worte an das deutsche Volk zu richten, sondern man zog es vor, abzutreten wie man angefangen hat - mit einer Lüge. Am 1. April 1945 ließ man der Bevölkerung über das Radio die Botschaft zukommen, dass der Führer „‚in seinem
29 Ebd. S. 30.
30 Ebd. S. 26.
31 Vgl. Ebd. S. 72.
32 Vgl. Ebd. S. 71.
33 Vgl. Ebd. S. 19.
34 Vgl. Ebd. S. 49.
35 Vgl. Ebd. S. 20.
36 Ebd. S. 360.
37 Ebd.
38 Aly 2006: 353.
39 Ebd. S. 317.
40 Ebd. S. 210.
41 Vgl. Ebd. S. 211.
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Befehlstand in der Reichskanzlei, bis zum letzten Atemzug gegen den Bolschewismus kämpfend‘, den Tod im Kampf gefunden habe.“ 42 „Im Wehrmachtsbericht hieß es, er sei ‚an der Spitze der heldenmütigen Verteidiger der Reichshauptstadt‘ gefallen.“ 43
2.2.1 »Ganz Deutschland hört den Führer«
Ohne einen umfassenden Medieneinsatz hätte das Dritte Reich wohl kaum in relativ kurzer Zeit zu einem solchen Monstrum wachsen können. Propaganda war, wie oben beschrieben, ein entscheidendes Kriterium, um die Masse zu lenken. Besonders wichtig war hierfür ein Gerät, welches dieses Jahr 75 Jahre alt wird - der Volksempfänger. Am 18. August 1933 wurde der VE 301 auf der Berliner Funkausstellung vorgestellt. 44 Durch seinen niedrigen Preis von anfänglich 76 Reichsmark (ab 1937: 59 RM) war er auch für Geringverdiener erschwinglich. 45 1938 erschien dann der nochmals günstigere DKE 38 zum Preis von 35 RM. 46 Ungünstiger Weise hatten Radios aus dem Dritten Reich den Nachteil, dass nur offizielle Sender gehört werden konnten. Dieses Manko ließ sich zwar mit einigem technischen Geschick außer Kraft setzen, 47 trotzdem konnte der Volksempfänger nur Mittel- und Langwelle empfangen. Damit war es größtenteils unmöglich ausländische Sender einzustellen, da diese meist über Kurzwelle sendeten. 48 Zusätzlich stand dieses „Verbrechen gegen die nationale Sicherheit unseres Volkes“ 49 seit dem Ausbruch des Krieges unter Strafe. 50 Um solchen Verstößen vorzubeugen, fügte man dem Programm neben den „ermüdende[n] politische[n] Propagandareden“ 51 auch unterhaltende und kulturelle Sendungen hinzu. Allerdings waren diese ebenfalls indirekt Propaganda, wurden sie doch „nach den Vorstellungen der Nazis ‚gereinigt‘.“ 52
Somit ließ sich ein Großteil des eigenen Volkes durch ein kleines Gerät im quadratischen Bakelit-Gehäuse täuschen und in einen Krieg führen. Dieser Umstand war natürlich nur ein Faktor, der die Einstellung der Deutschen beeinflusste, doch in Bezug auf Jurek Beckers Jakob der Lügner ergibt sich eine kuriose Parallele.
42 Kershaw, Ian: Hitler. 1936-1945. Stuttgart: DVA 2000. S. 1070.
43 Ebd.
44 Vgl. Jonischkies, Andrea: 75 Jahre Volksempfänger. Hört, hört!
http://einestages.spiegel.de/static/authoralbumbackground/2546/hoert_hoert.html (30.10.2008).
45 Vgl. Keidel, Hannemor: Volksempfänger. In: Legenden, Lügen, Vorurteile. Ein Wörterbuch zur Zeitgeschichte. Hrsg. von Wolfgang Benz. 8. Aufl. München: dtv 1996. S. 203.
46 Vgl. Jonischkies 2008.
47 Vgl. Ebd.
48 Vgl. Keidel 1996: 203.
49 Ebd. S. 205.
50 Vgl. Ebd. S. 203, 205.
51 Ebd. S. 204.
52 Ebd.
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Ein Radio, das Lügen sendet, verleitet eine Volksgemeinschaft dazu, ganz Europa in den zweiten großen Krieg nacheinander zu stürzen und dabei rund sechs Millionen Juden zu vernichten; und ein anderes Radio hilft den jüdischen Opfern um Jakob Heym gerade jener Auslöschung zu entgehen. Ein wahrlich paradoxer Zufall, der in den späteren Kapiteln noch genauer zu betrachten sein wird.
2.3 Der Jude als Sündenbock
Bereits vor dem ersten Lesen stößt Jurek Becker mit dem Titel seines Erstlingswerkes die Leser vor den Kopf. Jakob der Lügner - hier wird bewusst mit den tradierten Vorurteilen gegenüber der jüdischen Gemeinschaft gespielt. Der Jude als Lügner 53 , als Weltverschwörer, der insgeheim nach der Weltherrschaft strebt, 54 und Jakob, dessen Name im Hebräischen u.a. für Betrug steht. 55 Dass der Text letztlich diese Klischees auflöst und sogar umdreht, zeigt sich erst nach dem Lesen. 56 Nichtsdestoweniger sind diese Anspielungen Verweise auf den immer noch aktuellen Antisemitismus in der Welt.
Ein exakter Beginn des Judenhasses ist schwer auszumachen. Der Auszug der Israeliten aus Ägypten wäre ein möglicher. Die Versklavten entkamen mit Hilfe ihres Erlösers Moses und den von Gott gesandten Plagen, ihren Unterdrückern. Auch der Vorwurf, den Sohn Gottes mit ermordet zu haben, wirkt bis heute bei vielen strengen Christen noch nach. Speziell im Mittelalter war es üblich „die Juden als Sündenböcke für alle möglichen Übel anzuprangern.“ 57 Dieser traurige Umstand beschäftigte auch Heinrich Heine in seinem Novellenfragment Der Rabbi von Bacherach, wo es u.a. heißt:
Die große Judenverfolgung begann mit den Kreuzzügen und wütete am grimmigsten um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, am Ende der großen Pest, die, wie jedes andre öffentliche Unglück, durch die Juden entstanden sein sollte [...]. 58
53 Vgl. Wiese, Lothar: Jurek Becker. Jakob der Lügner. Interpretation. München: Oldenbourg 1998. S. 29.
54 Vgl. Auerbach, Hellmuth: ‚Weltjudentum‘ und ‚jüdische Weltverschwörung‘. In: Legenden, Lügen, Vorurteile. Ein Wörterbuch zur Zeitgeschichte. Hrsg. von Wolfgang Benz. 8. Aufl. München: dtv 1996b. S. 218.
55 Vgl. Lukens, Nancy: Schelm im Ghetto - Jurek Beckers Roman Jakob der Lügner. In: Der moderne deutsche Schelmenroman. Interpretationen. Hrsg. von Gerhart Hoffmeister. Amsterdam: Rodopi 1986. S. 201.
56 Vgl. Schmidt, Thomas: ‚Unsere Geschichte’? Probleme der Holocaust-Darstellung unter DDR-Bedingungen: Peter Edel, Fred Wander, Jurek Becker (Teil I). In: Monatshefte 1 (2006). S. 100.
57 Vgl. Auerbach, Hellmuth: ‚Die Juden sind unser Unglück!‘. In: Legenden, Lügen, Vorurteile. Ein Wörterbuch zur Zeitgeschichte. Hrsg. von Wolfgang Benz. 8. Aufl. München: dtv 1996a. S. 107.
58 Heinrich Heine. Sämtliche Werke. Hrsg. von Hans Kaufmann. Bd. VII: Der Rabbi von Bacherach. Aus den
Memoiren des Herren von Schnabelewopski. Florentinische Na chte. Kleine Schriften (1820-1831). München:
Kindler 1964. S. 8.
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Jene stets negative Einstellung hielt sich über Jahrhunderte und das, obwohl z.B. im 19. Jahrhundert viele deutsche Juden sich zu Deutschland bekannten, indem „Familien ihre jüdischen Vornamen ablegten und dafür deutsche annahmen.“ 59 Selbst die Tatsache, dass 100.000 Juden, von denen rund 12.000 fielen, im Ersten Weltkrieg für ihre Heimat kämpften 60 , änderte wenig, da nur die wenigsten Deutschen solchen Gedanken nachgingen. 61 Für sie blieben die Juden „Fremdkörper“ 62 , die eine Teilschuld am Verlieren des Krieges hatten. Man empfand einen tiefen „Neid auf den Erfolg der Juden im Wirtschaftsleben“ 63 , vergaß dabei aber allzu gerne, dass den Juden per Gesetz schon vor der Machtergreifung der Nazis viele Berufe nicht zugänglich waren. 64 Somit blieb ihnen häufig nur der Weg durch freie, künstlerische bzw. akademische Tätigkeiten in Lohn und Brot zu kommen. 65 Und tatsächlich litten sie z.B. unter der sich 1929 ereignenden Wirtschaftskrise nicht minder schwer als Deutsche. 66
All diese vernünftigen Fakten blieben unbeachtet. Die Menschen gaben sich einfacheren Lösungen hin und die Nazis schafften es in wenigen Jahren jenen Antisemitismus in mörderischen Rassenwahn zu verwandeln. Dabei ist allein der Versuch die Menschheit in Rassen aufzuteilen äußerst zweifelhaft. Denn kann man eine Glaubensgemeinschaft wie die Juden, ein Wandervolk, das zum großen Teil in der Diaspora lebt, überhaupt als Rasse bezeichnen? Und waren die Germanen wirklich die „nordische Rasse[, welche] in einem eiszeitlichen ‚Isolat‘ entstanden [sein soll]?“ 67 Im Gegenteil:
Fremde wurden gastfreundlich aufgenommen, streng nationale Trennungen waren unbekannt, und Ehen mit Menschen aus anderen Sippen, Stämmen und Völkern galten nicht als ungewöhnlich. 68
Doch man muss nicht zwangsläufig auf die Erkenntnisse der Historiker zurückgreifen, um das Lügenkonstrukt zu entlarven. Dies schaffte schon die NS-Führung höchstpersönlich. Stellvertretend soll nur ein Beispiel genannt werden:
59 Schoeps, Julius H.: Zur Geschichte des deutsch-jüdischen Verhältnisses. In: Neues Lexikon des Judentums. Hrsg. von Julius H. Schoeps. Gütersloh: Bertelsmann Lexikon Verlag 1998. S. 203.
60 Vgl. Ebd..
61 Der Roman geht auf diesen wenig beachteten historischen Fakt anhand der Figur Leonard Schmidts kurz ein. (128f.)
62 Kißener, Michael: Das Dritte Reich. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2005. S. 40.
63 Schoeps 1998: 203.
64 Vgl. Selig, Wolfram: Juden in der deutschen Kultur und Gesellschaft. In: Legenden, Lügen, Vorurteile. Ein Wörterbuch zur Zeitgeschichte. Hrsg. von Wolfgang Benz. 8. Aufl. München: dtv 1996. S. 101.
65 Vgl. Ebd. S. 100f.
66 Vgl. Ebd. S. 103.
67 Laerum, Sabine: Der Wahn vom reinen Blut. In: P.M. Perspektive 4 (2005). S. 81.
68 Ebd. S. 83.
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Zum großen Erstaunen hatte nämlich ausgerechnet Adolf Hitlers Mutter Klara einen Juden als Hausarzt. 69 Dr. Eduard Bloch (1872-1945), „ein hervorragender Fachmann und ein herzensguter Mensch“ 70 , umsorgte Hitlers Mutter bis zu ihrem Tod am 21. Dezember 1907. 71 Während dieser Zeit „entwickelte sich eine herzliche Beziehung zwischen dem frommen Juden und dem 18-jährigen Adolf Hitler.“ 72 Der spätere Diktator „sorgte dafür, dass Bloch von der Linzer Gestapo ‚geschützt‘ wurde und 1940 mit seiner Frau in die USA emigrieren konnte.“ 73 Für Hitler war er der „Edeljude[…] Dr. Bloch.“ 74 Tatsächlich lag den Nationalsozialisten überhaupt nichts an den Leben der jüdischen Menschen, wie eine Rede des SS-Chefs Heinrich Himmler vom 4. Oktober 1943 mehr als deutlich macht. Er sprach u.a. Folgendes zu den anwesenden hohen SS-Führern:
Ich will hier vor Ihnen in aller Offenheit […] ein ganz schweres Kapitel erwähnen. […] Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. […] Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen. Dies durchgehalten zu haben und dabei anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht […]. 75
Joachim Fest spricht hier zu Recht von der „heillosen Konfusion aller Maßstäbe.“ 76 Doch gerade diese traurigen Umstände sind die Grundlage für Jurek Beckers Roman. Ohne die Umkehrung der Zustände wäre das Experiment mit dem Lügner, der Gutes tut, nicht durchführbar gewesen. Erst dadurch wird die Umpolung von negativ zu positiv möglich. Und dass die Verhältnisse tatsächlich auf dem Kopf standen, beweisen nicht nur die moralisch und ethischen Vergehen und der Kriegsausgang, sondern auch der scheinbar rasche Wandel, der sich im deutschen Volk nach 1945 vollzog. So sagte Konrad Adenauer am 16. Januar 1960 in einer Erklärung im Fernsehen, dass „das heutige Deutschland den Antisemitismus von Grund auf ablehnt.“ 77 Anlass für diese Ansprache war die Schändung der Kölner Synagoge. 78
69 Vgl. Kubizek, August: Adolf Hitler. Mein Jugendfreund. Ungekürzte Sonderausgabe. Graz: Leopold Stocker Verlag 2002. S. 136.
70 Ebd. S. 136.
71 Vgl. Ebd. S. 141.
72 Hamann, Brigitte: Hitlers Edeljude. Das Leben des Armenarztes Eduard Bloch. http://www.piper-verlag.de/sachbuch/buch.php?id=12963&page=suche&auswahl=a&pagenum=1&page=buchaz (20.11.2008).
73 Ebd.
74 Ebd.
75 Wiegrefe, Klaus: Das Dunkle im Menschen. In: Der Spiegel 45 (2008). S. 66.
76 Wiegrefe 2008: 65.
77 Arnold 2002: 380.
78 Vgl. Ebd. S. 379.
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3 Jakob der Lügner
3.1 Der Dichter lügt
Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht. So lautet ein bekanntes Sprichwort, welches besonders Kinder vor moralischen Fehltritten bewahren soll. Bezogen auf die Literatur ergeben sich ähnlich gravierende Konsequenzen, die zur ewigen Diskussion nach dem Wert der Fiktion führen. Jurek Beckers Jakob der Lügner ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie schwierig es ist eine klare Trennlinie zwischen Dichtung und Wahrheit zu ziehen. Verschärfend tritt hinzu, dass das Buch „die Frage nach der ethischen Rechtfertigung des Fiktionalen [...] stellt.“ 79 Denn allzu oft wird jenes Dichten, das Erfinden von Geschichten, mit Lügen gleichgesetzt. So geschehen beim Philosophen Platon in dessen Werk Der Staat. 80 Für Beckers Roman wäre dieses Urteil fatal, würde es doch das Leid, das den Juden in den Ghettos zugefügt wurde, negieren.
Die Ausgangssituation für den Dichter Becker hätte vermutlich nicht schlechter ausfallen können. Zwar wurde er vermutlich 1937 in Lodz geboren und lebte seit 1940 gut vier Jahre in den von den Deutschen errichteten Ghetto 81 , doch sagt er selbst auch, dass er sich „an nichts erinnern [kann].“ 82 Becker stellt zum Fehlen jeglicher Erinnerung weiter fest:
Die Tage im Lager werden in grauer Ereignislosigkeit vergangen sein, begleitet von Begebenheiten, die nur für Erwachsene aufregend gewesen sein mögen - weil nur sie die Lebensbedrohung hinter allem erkannt haben-, für Kinder aber öde und ununterscheidbar. 83
Verdrängung mag hier wohl auch eine Rolle gespielt haben 84 , sind wir doch, wie Ernst Jünger schreibt, „reine Vergessmaschinen.“ 85 Allerdings muss hier der Einwand erlaubt sein, zu bemerken, dass gerade besonders dramatische Erlebnisse dazu neigen, sich in das Gedächtnis eines Menschen einzubrennen. Von Jurek Becker hingegen wurde „diese Zeit eher [...] als normal und ereignislos“ 86 wahrgenommen. Lodz blieb für ihn, wie der Titel eines seiner Essays aus dem Jahre 1989 treffend festhält, die unsichtbare Stadt. Dort heißt es u.a., dass er
79 Wetzel, Heinz: ‚Unvergleichlich gelungener’ - aber ‚einfach zu schön’? Zur ethischen und ästhetischen Motivation des Erzählens in Jurek Beckers Roman ‚Jakob der Lügner’. In: Ethische contra ästhetische Legitimation von Literatur. Traditionalismus und Modernismus: Kontroversen um den Avantgardismus. Hrsg. von Walter Haug und Wilfried Barner. Tübingen: Niemeyer 1986. S. 108.
80 Vgl. Klüger, Ruth: Gelesene Wirklichkeit. Fakten und Fiktionen in der Literatur. Göttingen: Wallstein 2006. S. 147.
81 Vgl. Kutzmutz, Olaf: Jurek Becker. FaM: Suhrkamp 2008. S. 12.
82 Becker, Jurek: Ende des Größenwahns. Aufsätze, Vorträge. FaM: Suhrkamp 1996. S. 114
83 Ebd. S. 10.
84 Vgl. Becker 1996: 10.
85 Schneider 2002: 10.
86 Kutzmutz 2008: 13.
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das Ghetto eigentlich nur vom Hörensagen kenne. 87 „Dennoch habe ich [Becker] Geschichten über Ghettos geschrieben, als wäre ich ein Fachmann.“ 88 Doch er findet noch weitere Argumente, die an seiner Glaubwürdigkeit als Autor, der über die Shoa schreibt, zweifeln lassen. So sagt Becker zum einen, dass er „[v]ielleicht […] irgendwann […] angefangen [hat], manche […] [seiner] Erfindungen für Erinnerung zu halten“ 89 und zum anderen geht er sogar soweit zu behaupten, gar kein Jude zu sein. 90 „Meine Eltern waren Juden“ 91 , sagt der Autor in Mein Judentum (1977). In Anbetracht solcher Äußerungen überrascht es wenig, dass der Titel seiner Stasi-Akte Lügner lautete. 92 Doch auch wenn sein Leben eines „voller Leerstellen“ 93 blieb, wie Olaf Kutzmutz schreibt, hat Becker mit dem Lügner Jakob dennoch einen Zugang zum Ghettoleben gefunden. Doch wie glaubwürdig ist unter den genannten Vorbedingungen diese fiktive Geschichte, welche vor so einem ernsten historischen Hintergrund abläuft?
Ruth Klüger macht zu dieser Fragestellung zunächst eine generelle Vorbemerkung: „Fiktion ist keine Zeugenaussage, weder eine wahre noch eine falsche. Und doch will auch die Fiktion, besonders die historische, etwas Gültiges aussagen.“ 94 Erschwert wird dieser Anspruch schon durch den Erzähler, denn schon „der Gesichtspunkt selbst verfälscht die Tatsachen.“ 95 Wäre der Erzähler demnach ein deutscher Soldat gewesen, der im Ghetto stationiert war, hätte sich ein völlig anderer Blickwinkel ergeben. Dies führt zur oft gemachten Feststellung, dass Wahrheit eben nichts Fixiertes ist. 96 Sie ist Veränderungen unterworfen. Im hebräischen Sinn ist Wahrheit ebenfalls kein „zeitlos gültige[r] Sachverhalt.“ 97 Sie „muss sich in Zeit und Geschichte erweisen.“ 98 Auch der Begriff Wirklichkeit ist nicht einheitlich. Sie wird von unterschiedlichen Menschen unterschiedlich wahrgenommen 99 , woraus sich „Zweifel an ihrer ‚Realität‘“ 100 ergeben. Somit kann auch „[e]ine Lüge [...], wenn man an ihr festhält,
87 Vgl. Becker 1996: 114.
88 Ebd.
89 Ebd.
90 Vgl. Kutzmutz 2008: 8.
91 Becker 1996: 9.
92 Vgl. Kutzmutz 2008: 7.
93 Ebd. S. 8.
94 Klüger 2006: 148.
95 Ebd.
96 Vgl. Weidacher, Georg: Fiktionale Texte - Fiktive Welten. Fiktionalität aus textlinguistischer Sicht. Tübingen: Narr 2007. S. 24.
97 Calwer Bibellexikon. Hrsg. von Otto Betz, Beate Ego und Werner Grimm. Bd. II: L-Z. Stuttgart: Calwer Verlag 2003. S. 1435.
98 Ebd.
99 Vgl. Weidacher 2007: 25.
100 Ebd.
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Wirklichkeitswert erlangen.“ 101 Natürlich ist der Holocaust eine Realität, doch wenn man sich vorstellt, dass in der Zukunft sich wieder ein ähnlich totalitäres Regime etablieren könnte, wäre es auch denkbar, dass jener Abschnitt der deutschen Geschichte als Lüge deklariert wird. So gibt es schon heutzutage genügend Verschwörungstheoretiker, die gerade dies tun. Becker selbst sagte, er wolle mit dem Roman eine „Sensibilität für vergleichbare Gefahren in der Zukunft erzeugen.“ 102 So kann man Jakob der Lügner als eine Art präventives Mittel verstehen, obgleich die Erzählung kein absolut identisches Abbild der damaligen Wirklichkeit aufzeigt. Doch dies ist auch nicht der Anspruch der Kunst. Theodor W. Adorno spricht in seiner Ästhetischen Theorie genau diesen Punkt an, wenn er sagt, dass die Kunst „von den antagonistischen Gesellschaftprozessen [spricht] und [dabei] […] deren Wahrheit [aufdeckt].“ 103 „[E]ben darin besteht die Wahrheit des Kunstwerks.“ 104 Es soll einen „Zugang zu ‚eigentlichem Sinn‘ und ‚höherer Wahrheit‘“ 105 anbieten. Unterstützend erscheinen hier Aristoteles‘ These, die „Dichtung sei philosophischer als die Geschichtsschreibung“ 106 und Hölderlins Aussage: „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“ 107 Die in ihr dargestellte Welt, wie Wolfgang Iser sagt, hat „Verweischarakter.“ 108 Die Elemente Reales und Fiktives treten durch das Imaginäre, also das, was sich das Publikum hinzudenkt, miteinander in Verbindung. 109 Auf diese Triade und die damit eintretende höhere Wahrheit baute auch Jurek Becker, denn er habe „sein Buch nicht für die Zeugen, die schon Wissenden, geschrieben [...], sondern für die anderen.“ 110 Es ging ihm nicht um „die Rekonstruktion und Vergegenwärtigung des Vergangenen, [sondern] um ‚Holocaust-Literatur’.“ 111 Damit löst sein „Romandebüt [...] eine Betroffenheitsliteratur ab, die im sicheren Bereich von Gedenkritualen promeniert.“ 112
101 Kopka, Fritz-Jochen: Von der Unübertrefflichkeit des ersten Buches. Jurek Becker: ‚Jakob der Lügner’. In: Verrat an der Kunst? Rückblicke auf die DDR-Literatur. Hrsg. von Karl Deiritz und Hannes Krauss. Berlin: Aufbau 1993. S. 158.
102 Wetzel 1986: 112.
103 Petersen, Jürgen H.: Fiktionalität und Ästhetik. Eine Philosophie der Dichtung. Berlin: Erich Schmidt Verlag 1996. S. 284.
104 Ebd.
105 Landwehr, Jürgen: Fiktion oder Nichtfiktion. Zum zweifelhaften Ort der Literatur zwischen Lüge, Schein und Wahrheit. In: Literaturwissenschaft. Ein Grundkurs. Hrsg. von Helmut Brackert und Jörn Stückrath. Hamburg: Rowohlt 1994. S. 493.
106 Ebd.
107 Hage, Volker: Die Wahrheit über Jakob Heym. Über Meinungen, Lügen und das schwierige Geschäft des Erzählens. In: Jurek Becker. Hrsg. von Irene Heidelberger-Leonard. 2. Aufl. FaM: Suhrkamp 1997. S. 127.
108 Iser, Wolfgang: Akte des Fingierens. Oder: Was ist das Fiktive im fiktionalen Text? In: Funktionen des Fiktiven. Hrsg. von Dieter Henrich und Wolfgang Iser. München: Fink 1983. S. 141.
109 Vgl. Ebd. S. 121, 143.
110 Wetzel 1986: 112.
111 Ebd.
112 Kutzmutz 2008: 8.
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3.2 Widerstand durch Worte
Um zu einer solchen höheren Wahrheit zu gelangen, bedarf es der Sprache. Erst durch sie „gewinnen die Fiktionen den Realitätsanschein.“ 113 Nach Auschwitz, „dem modernen Zivilisationsbruch schlechthin“ 114 , und dem danach von Adorno ausgesprochenem „Darstellungsverbot, [sprich] der Verteufelung jeglicher Bilder- und Sprachproduktion“ 115 , fiel es lange schwer, Worte für das Unbegreifliche zu finden. Wenn man sich jedoch an das 1933 entschlafene Wort, wie Karl Kraus es nannte, erinnert, ist es geradezu lebensnotwendig die richtigen Worte über das Geschehene zu finden 116 und sie in Büchern niederzuschreiben, statt sie zu verbrennen, wie es die Nazis praktizierten. Erst so ist es möglich, dass die Erinnerungen der Opfer überleben und Mahnmale für spätere Generationen werden. „Der Überlebende kann schreiben, weil er überlebt hat.“ 117 Für Hannah Arendt ergibt sich hier jedoch ein Problem. Sie sagt, „gerade die überlebenden Opfer der KZs seien schlechte Zeugen.“ 118 Dies trifft, wie bereits erläutert, im besonderen Maße auf Jurek Becker zu. Allerdings handelt es sich hierbei um ein generelles Problem von Sprache. Sie ähnelt von vornherein der Lüge. 119
„Lügen sind sprachliche Handlungen“ 120 und gleichzeitig ein „Mißbrauch von Sprache.“ 121 Hinter ihnen steht stets eine Intention. Unabsichtliche Lügen gibt es nicht. 122 Sie führen dazu, dass durch die erzielte Täuschung ein Angriff auf die Freiheit des Getäuschten stattfindet. 123 Allerdings hängt die Schwere dieser Einschränkung auch „von der Beziehung zwischen Lügner[...] und Belogene[m]“ 124 ab. Daraus ergeben sich verschiedene Typen von Lügen: u.a.
113 Iser 1983: 134.
114 Köppen, Manuel und Klaus R. Scherpe: Zur Einführung: Der Streit um die Darstellbarkeit des Holocaust. In: Bilder des Holocaust. Literatur-Film-Bildende Kunst. Hrsg. von Manuel Köppen und Klaus R. Scherpe. Köln: Böhlau 1997. S. 5.
115 Ebd. S. 2.
116 Vgl. Schneider 2002: 22.
117 Gilman, Sander L.: Jurek Becker. Eine Holocaust-Trilogie aus Sicht eines jüdischen DDR-Deutschen. In: Shoah in der deutschsprachigen Literatur. Hrsg. von Norbert Otto Eke und Hartmut Steinecke. Berlin: Erich Schmidt Verlag 2006. S. 276.
118 Klüger 2006: 148.
119 Broschart, Jürgen: Was ist eigentlich ‚Sprache‘? In: Geo Wissen 40 (2007). S. 32.
120 Falkenberg, Gabriel: Lügen. Grundzüge einer Theorie sprachlicher Täuschung. Tübingen: Niemeyer 1982. S. 14.
121 Dietz, Simone: Der Wert der Lüge. Über das Verhältnis von Sprache und Moral. Paderborn: Mentis 2002. S. 16.
122 Vgl. Falkenberg 1982: 15.
123 Vgl. Dietz 2002: 222.
124 Ebd. S. 224.
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die Lüge aus Notwehr und die fürsorgliche Lüge. 125 Demnach gibt es auch „wohlmeinende Lügen, die der Absicht folgen, den Belogenen oder eine dritte Person zu schützen.“ 126 Dieser Typus trifft definitiv auf das Lügen Jakobs zu. Zwar lügt er auch wissentlich, doch u.a. aus dem verständlichen Drang zur Erhaltung seiner Gemeinschaft, die im Ghetto nur noch auf den Abtransport zu warten scheint. Die Lüge hat nämlich ihre „Ursprünge [...] in der Triebausstattung des Menschen.“ 127 Von Urzeiten an diente der Verstellungstrieb der Selbsterhaltung. 128 Die Sprache macht diesen Akt der Verstellung allerdings nochmals komplexer und komplizierter. „Das Lügen ist ein Sprachspiel, das gelernt sein will, wie jedes andere“ 129 , sagte Ludwig Wittgenstein. Dazu notwendig sind Verstand und Wille. 130 Beides hat Jakob Heym. Er hat die Gabe glaubwürdige Geschichten zu erzählen und den Mut, im Gegensatz zu den meisten Ghettobewohnern, aus dem Kreis des Gehorsam und der Ordnung auszubrechen. Mit seinen Lügen stellt er die wohlverordneten Regeln auf den Kopf. Er schafft Unordnung. Bedenkt man jedoch, dass die Umwelt um Jakob herum schon lange verkehrt ist, erscheint das Lügen in einem wesentlich positiveren Bild. Die Behauptung „[m]it der Lüge fällt [...] die Menschenwürde [...] [und] das Menschenrecht“ 131 wird demnach durch die Verhältnisse umgekehrt. Jakob holt sich und den Juden das von den Nazis genommene Recht zu leben, wieder zurück.
Jakob Heym leistet Widerstand. Dass diese wichtige Aufgabe ausgerechnet dem kleinen Kartoffelpufferbäcker zukommt, überrascht keineswegs, schaut man sich die Bedeutung seines Vor- und Nachnamens an. Vom biblischen Jakob leitet das Volk Israel seinen Namen ab 132 und „Heym kommt vom hebräischen chaijm und heißt Leben.“ 133 An selbigem liegt ihm auch viel. So erstreckt sich sein Widerstand nur auf Worte. Einen gewaltsamen Aufstand wie in Buchenwald oder Warschau 134 gab es in Jakobs Ghetto nicht. „Wir haben es nicht getan“ (99), sagt der Erzähler. Die Juden sind ihrem Messias nicht „ein Stückchen des Weges“ (99) entgegengegangen. Umso höher ist der Mut Jakobs zu beurteilen. Er macht das, wozu der wortgewandte, homodiegetische Erzähler, der ebenfalls Bewohner des Ghettos ist, eigentlich besser geeignet wäre.
125 Vgl. Ebd. S. 226.
126 Ebd. S. 200
127 Tarr Krüger, Irmtraud: Von der Unmöglichkeit, ohne Lügen zu leben. Zürich: Kreuz 1997. S. 16.
128 Vgl. Ebd.
129 Dietz 2002: 38.
130 Vgl. Baruzzi 1996: 10.
131 Ebd. S. 86.
132 Vgl. Bocian, Martin: Lexikon der biblischen Personen. 2., erweiterte Aufl. Stuttgart: Kröner 2004. S. 189.
133 Schmidt 2006: 100.
134 Vgl. Kane, Martin: Tales and the Telling: The Novels of Jurek Becker. In: Socialism and the Literary Imagination. Essays on East German Writers. Hrsg. von Martin Kane. New York: Berg 1991. S. 168.
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Zusätzlich verdient die Wahl der Sprache als Mittel zum Ausbrechen aus dem Kreislauf Anerkennung, denn so gibt Jakob eine gewaltlose Antwort auf die Unterdrückung und steht damit im Kontrast zum Vorgehen der Deutschen. Allerdings räumt er ein, auch nichts anderes zu haben (194). Damit steht er in enger Verbundenheit mit dem Erzähler und jedem anderen Dichter. Diese Verwandtschaft scheint es ihm zu erlauben, zu lügen, um implizit eine höhere Wahrheit auszusprechen; nämlich jene der Falschheit der Zustände und des Rechts auf Leben. „Die Lüge wird ihm zum Korrektor einer verbrecherischen Welt.“ 135
3.3 Die neue Ordnung
Die Grundlage für die umgekehrte Beurteilung der Lüge ist das Ghetto. Es ist in einer Welt platziert, die aus den Fugen geraten ist. Hier konzentriert sich die gesamte Absurdität des Dritten Reichs. Dieses „Zwischenlager des Todes“ 136 , wo sich auf den Straßen „Unrat“ (175) und „Verhungerte[...]“ (175) sammeln, ist Sinnbild für die „zur Norm gewordene[...] Unmenschlichkeit.“ 137 Durch die Nazis wird zwar „eine Welt des Normalen, des geordneten und geregelten Lebens vorgetäuscht [...]. In Wirklichkeit bedeutet Ghetto [jedoch] eine radikale Entmenschlichung und planmäßige Vernichtung.“ 138 Der „Ghettoalltag [...] [ist] aufs Erniedrigendste reduziert.“ 139
Ein gutes Beispiel hierfür ist das Fehlen von Bäumen innerhalb der Grenzen. Diese wurden „sorgsam abgesägt“ (223). Per Verordnung (8) sind sie genauso verboten wie Musik (14) und Uhren (10). Die Zeit im Ghetto scheint stillzustehen; wie die „Menschen, die ‚bis zur letzten Sekunde stillgehalten’ haben [...].“ 140 Dieser Tatsache gegenüber steht eine Ausgangssperre, die absolute Pünktlichkeit von den Juden fordert und somit als bloße Schikane und Entwürdigung verstanden werden kann.
Ein Übertreten ist lebensgefährlich, denn „[l]aut Verordnung bist du eine Laus, eine Wanze“ (21). Hier wird von den Herrenmenschen eine „Entindividualisierung“ 141 und Entmenschlichung erzeugt, die das tausendfache Morden deutlich erleichtert haben dürfte. Auf deutscher Seite wird hingegen für ein Leben das Äußerste getan. So wird für die Behandlung des Sturmbannführers Hardtloff, der, wie könnte es anders sein, an
135 Heidelberger-Leonard, Irene: Schreiben im Schatten der Shoah. Überlegungen zu Jurek Beckers ‚Jakob der Lügner‘, ‚Der Boxer‘ und ‚Bronsteins Kinder‘. In: Text+Kritik. Zeitschrift für Literatur 116 (1992). S. 22.
136 Karnick, Manfred: Die Geschichte von Jakob und Jakobs Geschichten. In: Jurek Becker. Hrsg. von Irene Heidelberger-Leonard. 2. Aufl. FaM: Suhrkamp 1997. S. 212.
137 Lukens 1986: 217.
138 Wiese 1998: 22.
139 Waniek, Erdmann: ‚Aber warum verbieten sie uns die Bäume?‘ Frage und Antwort in Jurek Beckers Jakob der Lügner. In: Seminar. A Journal of Germanic Studies 29 (1993). S. 287.
140 Kopka 1993: 159.
141 Karnick 1997: 208.
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Herzproblemen leidet (201), einer der verhassten Juden, der „Herzspezialist“ (80) Kirschbaum, um Hilfe gebeten. Dieser entgeht seinem zweifelhaften Schicksal allerdings vorzeitig durch Selbstmord (207). Stalin sagte einst passend zu diesem traurigen Paradoxon: „Ein Tod ist eine Tragödie, eine Million Tote sind nur Statistik.“ 142 Gegen dieses Auflisten von Opferzahlen in Tabellen kämpft der Ich-Erzähler.
Es gibt bei Becker keine Inflation des Todes und des Schreckens. An jedem Erschossenen, Erschlagenen, an jedem in den Tod gedrängten Menschen hängt der Erzähler [...]. 143
„Es menschelt“ 144 im Roman. Am Aufblühen dieser neuen Menschlichkeit haben die Lügen Jakobs entscheidenden Einfluss. „Indem er erzählt, leistet Jakob Heym Widerstand gegen die Hoffnungslosigkeit und die Verzweiflung [...]“ 145 , denn „ohne ein Schwätzchen ist alles so elend traurig“ (24), wie auch der Erzähler findet.
Jakob hat „angesichts der äußersten Not und der finstersten Perspektive nicht resigniert, sondern seine schöpferische Phantasie bis zum äußersten mobilisiert [...].“ 146 Für diese Mobilisierung oder anders gesagt, die Freiheit der Gedanken, ist das imaginäre Radio ein perfekt gewähltes Empfangsteil. Denn „[j]e enger die Welt eines Erzählers begrenzt ist, je ärmer, unwirklicher sie ist, desto mehr verlangt es ihn nach Weite.“ 147 Da den Juden ein Bescheidwissen über die Wahrheit allerdings durch Mauern versperrt wird, sind die unsichtbaren Wellen die einzige Möglichkeit, um Zugang zur Außenwelt, in der die Bäume noch gen Himmel wachsen (204), zu erhalten. Natürlich ist das Radio nicht existent, doch wie die Fiktion auch kein exaktes Abbild der Wirklichkeit ist, enthält sie dennoch eine höhere Wahrheit. Die Wirkungsweise des Radios entspricht der der Literatur. Sie dient ebenfalls oft dem Eskapismus aus der eigenen Welt.
Das Lügen ermöglicht letztendlich Jakob und seiner „Gemeinde“ (215), die Freiheit, die ihnen das Ghetto verwehrt. 148 Und das Nichtwissen über die realen Geschehnisse außerhalb der Vorhölle lassen zumindest offen, ob es sich bei den Lügen nicht tatsächlich um Wahrheiten handelt. 149 Darauf deutet auch der Erzähler hin, wenn er dem Leser das mögliche erste Ende vorträgt. Doch selbst wenn, wie der Erzähler zugibt, dieses bevorzugte Ende nicht eintritt,
142 Sengling, Bettina: Stalin. In: Stern Biografie 3 (2005). S. 89.
143 Kopka 1993: 157.
144 Karnick 1997: 209.
145 Schmidt 2006: 100.
146 Wetzel 1986: 107.
147 Kopka 1993: 158.
148 Vgl. Arendt 1972: 74.
149 Vgl. Ebd. S. 76.
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können die Lügen dennoch positiv gedeutet werden. Schließlich sind durch die allzeit präsente „mögliche[...] Vernichtung des ghettoisierten Individuums [...] logische Kategorien wie ‚wahr’ und ‚falsch’ faktisch aufgehoben.“ 150 So ist z.B. für Jakob in den vergangenen Jahren der „Anblick von Toten [...] alles andere als ungewohnt [...]“ (256) gewesen. Folglich kann man seine Lügen als Gegensatz zur anormalen, destruktiven Umwelt begreifen. Dadurch verliert sie ihre Negativeigenschaft und wirkt stattdessen konstruktiv. 151 Die Lüge wird somit zum „Positivum.“ 152
3.4 Der Dichter Jakob Heym
Am Anfang war die Wahrheit: Als Jakob angeblich während der Ausgangssperre von einem deutschen Wachposten erwischt wird, muss er sich im Revier melden, um „um eine gerechte Bestrafung“ (11) zu bitten. Der Soldat log. Es war erst „sechs Minuten nach halb acht“ (17). Im Revier angekommen, hört er dann die Radiomeldung, dass die Russen „gute vierhundert Kilometer“ (14) vor Bezanika stehen. Zwar ist die Botschaft von der Propaganda etwas euphemistisch ausgeschmückt, doch der geografische Bezugspunkt scheint real zu sein. Mit dieser hoffnungsspendenden Nachricht darf er das Revier wieder verlassen. Doch die scheinbar einfache Verbreitung des gerade Gehörten erscheint unmöglich, obwohl er weiß, dass „gute Nachrichten [...] dazu da [sind], weitergegeben zu werden“ (26). Allein die Glaubwürdigkeit seines nächtlichen Erlebnisses lässt zu wünschen übrig, denn kein Jude verlässt das Revier lebend, außer er ist ein „Spitzel“ (27) der Deutschen. Dieses Dilemma kann als eine Allegorie zum generellen Problem des literarischen Schreibens verstanden werden. Ein Dichter möchte eine Wahrheit loswerden, steht jedoch immer im Verdacht, ein Lügner zu sein. So passiert es auch Jakob, als er Mischa die frohe Botschaft mitteilen möchte. „Die Russen sind zwanzig Kilometer vor Bezanika“ (30), worauf Mischa reagiert, als wäre es ein gut gemeinter Scherz (30).
Der unbedingte Wunsch dennoch die Wahrheit zu erzählen, bringt Jakob dazu, eine Lüge 153 zu erfinden, die „ins Herz“ (32) trifft und fortan den Ghettobewohnern ganz neuen Lebensmut beschert. Zu dieser Handlung wird er durch Mischas gefährliches Vorhaben, Kartoffeln zu stehlen, genötigt. Um ihn zu schützen, wird er gezwungen „verantwortungslose Behauptungen in die Welt zu setzen“ (32). Die Situation erforderte eine „schnelle und
150 Jung, Thomas: ‚Widerstandskämpfer oder Schriftsteller sein…‘ Jurek Becker - Schreiben zwischen Sozialismus und Judentum. FaM: Lang 1998. S. 100.
151 Vgl. Ebd.
152 Ebd. S. 101.
153 „Ich habe ein Radio!“ (32)
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effiziente Reaktion[...]“ 154 - eine Lüge. Ihm die Wahrheit zu erklären, hätte vermutlich wesentlich länger gedauert. Somit kann man Jakob zwar definitiv eine wissentliche Absicht unterstellen 155 , doch eine „eigennützige[...] und übrigens Schaden bringende[...]“ 156 Art und Weise des Lügens, kann man ihm nicht unterstellen. Damit widerspricht seine „Lüge aus uneigennützigen Motiven [...] dem stereotypen Vorurteil vom lügenden Juden, denn er lügt, um Hoffnung und Lebensmut zu geben.“ 157 Demnach geht es Jakob nicht um Beute oder Gewinn 158 , schließlich „weist [er] jedes Lob zurück [...].“ 159 Für ihn wird die Lüge einfach zur „moralischen Verpflichtung“ 160 in einer Welt, wo ständig gegen jede Moral verstoßen wird. 161 Im konkreten Fall heißt das, Mischa vor der möglichen Erschießung zu bewahren. Es handelt sich also um eine Notlüge, die „[w]enn es um Leben und Tod geht“ 162 , erlaubt sein muss. Außerdem bleibt die Wahrheit von Bezanika weiterhin erhalten, nur das Mittel für ihre Übertragung wurde dazuerfunden. Erst später geht Jakob noch einen Schritt weiter, wenn er neue Nachrichten erdichtet. Dies ist aber vor allem der Neugier seiner Mitmenschen geschuldet und dem daraus folgenden Bedürfnis, deren Hoffnung nicht zu vernichten. Damit wäre der allgemeine Vorwurf an die Lüge, eine Gemeinschaft zu zerstören und den „Treuebruch gegenüber de[n] Nächsten“ 163 herbeizuführen, ad absurdum geführt. 164 „Wenn er nicht lügt, zerstört er.“ 165
Fortan verbreitet sich die gute Nachricht wie ein Lauffeuer. Diese Entwicklung verändert auch Jakob. Seine „exklusive Informationsquelle macht ihn [...] [wie einen Erzähler] zum Vermittler.“ 166 Dazu entwickelt er langsam weitere Fähigkeiten eines guten Erzählers. „[E]r beginnt zu beobachten“ (35) und die gierige Meute glaubt seinen Botschaften. Dagegen taugen andere bei weitem nicht so gut zum Lügner wie er: Nachdem Rosas Eltern deportiert worden sind, versucht ihr Freund Mischa, sie ebenfalls vor der grausamen Wahrheit zu schützen; doch er scheitert. Rosa entlarvt ihn: „‚Du lügst!’“ (231)
154 Tarr Krüger 1997: 22.
155 Vgl. Gabriel, Gottfried: Fiktion und Wahrheit. Eine semantische Theorie der Literatur. Stuttgart: Frommann-Holzboog 1975. S. 49.
156 Nietzsche 1988: 878.
157 Wiese 1998: 29.
158 Vgl. Baruzzi 1996: 12.
159 Wetzel 1986: 107.
160 Kopka 1993: 157.
161 Vgl. Ebd.
162 Tarr Krüger 1997: 109.
163 Calwer 2003: 847.
164 Vgl. Ebd.
165 Kopka 1993: 158.
166 Wetzel 1986: 108.
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Jakob hingegen ist sogar so gut, dass er seinen Zuhörern, welche wie ein Publikum unterhalten werden wollen, „den Mund schon wäßrig [macht], wie es [...] [ihm] mit Puffern nie gelungen ist“ (101). „Seit Bezanika war kein gemeinsamer Abend, an dem nicht von ihm die Rede gewesen wäre, von seinem Radio, von seinem Mut [...]“ (235). Doch sein „Erfindergeist“ (102) erschöpft sich und es kommt des Öfteren der Wunsch nach Ruhe auf. Aber ein guter Dichter darf nie verstummen, worauf Jakob beschließt, an den intimsten Ort des Feindes einzudringen, um aus „ein paar Gramm Nachrichten [aus der Zeitung] [...] eine Tonne Hoffnung“ (102) zu machen. Damit riskiert der Dichter Heym nicht nur sein Leben, sondern vergisst auch leichtfertig, dass ihm in einer deutschen Zeitung vermutlich eher ein „Informationsvakuum“ 167 erwartet. Der Großteil seiner Beute war logischerweise einfach „Tinnef“ (114). Und dennoch gelingt es Jakob, aus dem kargen Rest etwas Verwertbares zu machen: „Hab ich dir überhaupt schon erzählt, daß die Deutschen Riesenverluste haben?“ (111) Aus diesem fast gescheiterten Unterfangen lernt Jakob. So verzichtet er darauf deutsche Sender (214) als Informationsquelle zu nutzen, da diese wenig glaubwürdig sind.
Ihren erzählerischen Höhepunkt erfährt die Erzählung in Jakobs Keller, wo der Erzähler „seine Beschreibung [...] zu einer ebensolchen Virtuosität [wie Jakob] steigert [...]“ 168 , als er Lina sein Radio vorführt.
Er [Jakob] geht über das hinaus, was nötig wäre, um Linas fatale Neugier zu befriedigen, und steigert seine Imitation der Blaskapelle zu einem Grad der Vollkommenheit, der ihm selbst Freude und Erfüllung verschafft; Lina hat er dabei vergessen. Fast unmerklich geht hier die ethische Motivation in die ästhetische über: Die Freude am Hervorbringen des schönen Scheins um seiner selbst willen löst das Bedürfnis, Hoffnung zu verbreiten, als treibende Kraft ab. 169
Dass sich Jakob gerade in dieser Situation so anstrengt, mag auch daran liegen, dass er sich persönlich für Lina verantwortlich fühlt, seitdem deren Eltern deportiert worden sind. Als vermeintliche Gegenleistung ist es auch dieses kleine Mädchen, das sich für ihn immer wieder einsetzt. Für sie steht unumstößlich fest, dass ihr Jakob kein Lügner ist (131). Sie versteht es sich der Illusion, z.B. wenn ihr Jakob das Märchen von der kranken Prinzessin erzählt (171) oder er ein Interview mit Winston Churchill führt (165-167), hinzugeben. Sie hat, wie Nietzsche es für alle Menschen charakteristisch ansah, „einen unbesiegbaren Hang, sich täuschen zu lassen und ist wie bezaubert vor Glück, wenn der Rhapsode ihm epische Märchen wie wahr erzählt [...].“ 170 Durch ihre scheinbar naive Hingabe gibt Lina gleichzeitig mit ihrem Verhalten ein Urteil über den Wert von Fiktion ab. Sie ist überzeugt, dass das Erzählte bzw.
167 Kopka 1993: 158.
168 Wetzel 1986: 111.
169 Ebd. 110f.
170 Nietzsche 1988: 888.
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Vorgespielte wahr ist und verteidigt ihren „Märchenonkel“ (171) sogar „mit seinen eigenen Waffen“ (247). Lina tut dies, obwohl in der Philosophie die Illusion das Gegenteil der Wahrheit ist. 171
Doch selbst der schon erwachsene Jakob gibt sich seiner Illusion hin, plagen ihn doch die gleichen Hoffnungen (133). „Jakob [ist] genauso trostbedürftig [...] wie alle Armseligen um ihn herum“ (133). Hier ergibt sich zwischen dem Kind und dem Erwachsenen eine interessante Gemeinsamkeit, auf die Sigmund Freud 1908 in seinem Aufsatz Der Dichter und das Phantasieren einging. Was nämlich für das Kind das Spielen ist, ist für den Dichter das Phantasieren. Wie das Kind baut sich ein Dichter eine Phantasiewelt auf. Diese Beschäftigung ist für ihn der Ersatz des Spiels im Erwachsenenalter. 172
Die tatsächliche Wirklichkeit kann jedoch nicht mit den phantastischen Erzählungen des Kartoffelpufferbäckers mithalten. Je näher die Russen scheinbar kommen, desto größer wird der Druck auf ihn, so dass er dazu gezwungen wird, über „Rückzugsgefechte“ (247) nachzudenken. Am Ende kann der „Seelentröster“ (250) mit einer „Konstitution wie ein Pferd“ (248) nicht mehr. Er gesteht und Kowalski nimmt sich anschließend das Leben, ein Sinnbild für die Hoffnung, die damit gleichfalls stirbt. Die anfängliche Wahrheit über Bezanika interessiert nicht mehr. Der Dichter versinkt in Selbstvorwürfen, hat er doch vergessen, welche Verantwortung auf seinen Schultern lastet.
Abschließend lässt sich festhalten, dass Jakob zwar der Vater der Lüge ist, doch der Teufel ist er nicht. Durch die Umkehrung der Verhältnisse wird er eher zum menschgewordenen Gott, der die höhere Wahrheit verkündet. „Man ist seinen Mitbürgern kein Mensch mehr, man ist Besitzer eines Radios“ (192), mit dem man „eine direkte Leitung zum lieben Gott hat“ (69). Er wirkt wie der langersehnte Messias, der es wagte sein Radio aus dem Keller zu holen und das leidende Volk Israels aus der Unterdrückung zu befreien.
3.5 Konsequenzen
Durch die verkehrte Welt, in der die Ghettobewohner dahinvegetieren, haben auch die Lügen, die ursprünglich die Eigenschaft haben, zerstörerisch zu wirken, überraschend positive Folgen. So wird kurze Zeit nachdem die Neuigkeit im Umlauf ist, in einer Unterhaltung zwischen den Frankfurters und Mischa die Geburt eines Kindes im „zweiten Bezirk“ (50)also einem Symbol für Hoffnung, Leben und Zukunft - ausführlich beredet. Es werden sich
171 Vgl. Arendt 1972: 50.
172 Vgl. Freud 2006: 158f.
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mögliche Vornamen überlegt, und nur wenige Momente später bittet Mischa um die Hand von Rosa (51). Die Ereignisse überschlagen sich. Die allgemeine Trostlosigkeit wird durch Zuversicht abgelöst. Die Hoffnung auf die baldige Ankunft der Russen, die „in jedem Kopf“ (83) ist, ist für Mischa ein „Argument“ (53), das sein Anliegen vor Rosas Eltern unterstützt. Seine zukünftige Braut beginnt bereits die Wohnsituation zu planen (65-67) und man kommt sich auch endlich näher. Auch andere Frauen finden den Weg zurück in die Normalität und haben Affären (226).
Jakob malt Lina bereits die prächtige Zukunft aus: „Du wirst satt zu essen kriegen“ (119) und „schöne Kleider wirst du haben“ (119). „Das ist die reine Wahrheit“ (119). „So wird es sein“ (119). Von diesem Enthusiasmus lässt sich auch Herschel Schtamm anstecken, obwohl er vorher sehr deutlich auf die Gefahren des Radiohörens aufmerksam gemacht hat. Als er während der Arbeit am Bahnhof Stimmen aus einem Waggon hört, geht er hin und gibt die frohe Botschaft über Bezanika an die Insassen weiter. Er scheint in das Lager der Befürworter gewechselt zu sein, wenn er sagt: „Wir halten ein Radio versteckt“ (138). Damit verbreitet er die Botschaft Jakobs an die, die eigentlich keine Hoffnung mehr haben dürften. Für diesen Übertritt über die geltenden Regeln bezahlt er allerdings mit seinem Leben.
Auf den Schluß des Romans vorausdeutend, ist Herschel schließlich an dem Versuch, Hoffnung zu verbreiten, ‚gestorben’. [...] Daß seine Schläfenlocken jetzt frei im Wind wehen dürfen, ist ein Sieg, aber einer, der nur um diesen Preis zu haben ist. 173
Herschels Tod und der tatsächliche Schluss werfen die Frage auf, welchen Wert die Hoffnung und damit das Lügen hat. Es verbesserte zwar den Aufenthalt im Ghetto, änderte am Ausgang der Geschichte letztlich aber wenig. Diese Kritik bekommt auch Jakob zu spüren, wenn ihn Herschels Bruder Roman so ansieht, als habe er „seinen Bruder erschossen“ (141). Hier schlägt der Satz, die Feder sei mächtiger als das Schwert, auf brutalste Weise zu. Dennoch muss man festhalten, dass gemessen an den zahlreichen Selbstmorden, die vor Jakobs Erfindungen zum Alltag gehörten, dieses eine Opfer die Ausnahme bildet.
Deutlichster Indikator für eine Verbesserung im Lager sind tatsächlich die sinkenden Selbstmordziffern. Sie „sind der Maßstab, nach dem der Erfolg der Erfindungen gemessen werden kann.“ 174 Bereits kurz nach der Ausbreitung der Nachricht gehen sie gen „Null“ (83). Einige jedoch spielen trotzdem mit ihrem Leben. Kowalski zum Beispiel; er lenkt die deutschen Soldaten ab, damit Jakob vom Arierklo verschwinden kann. Für diesen Dienst
173 Wetzel 1986: 110.
174 Jung 1998: 120.
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steckt Kowalski, einer der Neugierigsten, einige Schläge vom Aufseher ein. Dies ist jedoch ein kleiner Preis im Vergleich zur großen Hoffnung.
Als dann die Stromsperre eintritt, entwickelt sich die Situation zu einem „unerträgliche[n] Zustand“ (88). Die „Wißbegierigen“ (89) erwarten sehnlichst eine baldige Fortsetzung, wohingegen Jakob froh ist „wieder die lautere Wahrheit sagen zu dürfen“ (89). Er wird „über Nacht [wieder] eine durchaus gewöhnliche Arbeitskraft“ (89). Als das zweite Mal das Radio ausfällt, macht Jakob Ähnliches durch. Doch sobald das Radio wieder ganz ist, „drehen sich viele [wieder] nach Jakob um und sehen besser aus als gestern“ (158). Man denkt wieder an „Geschäfte“ (158), die in Gedanken schon vorbereitet werden. Selbst der Erzähler schöpft Hoffnung. „Es wird wieder Bäume geben“ (69) und dass, obwohl gerade die für ihn mit so traurigen Erinnerungen verbunden sind. Aber er scheint die Vergangenheit hinter sich lassen zu wollen und sich ebenfalls auf die Zukunft zu freuen. So plant er, Lina zu adoptieren (82).
Allerdings gibt es auch deutliche Zweifler, die das Lager in „zwei Parteien“ (83) spalten. Sie sehen im Radio, der Lügenmaschine, eine große Gefahr. Felix Frankfurter ist einer der ersten Kritiker. Wenn sich die Nachricht so rasant herumspricht, meint er, wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis es auch die Gestapo erfährt (58). Diese Angst teilt auch Kirschbaum: „Was geschieht zum Beispiel, wenn diese Informationen der deutschen Gestapo zu Ohren kommen?“ (193) Dann wird es Hinrichtungen geben, schließlich ist der Besitz strafbar. Er selbst hat auch ein Radio, doch seine Angst ist zu groß, es einzuschalten. Umso höher ist Jakobs Leistung einzuschätzen, begeht er doch eine Straftat mit einer Sache, die gar nicht existiert. Dies erscheint mehr als leichtsinnig. Einen solchen sinnlosen Tod geht Frankfurter aus dem Weg, indem er sein Radio zerstört (60). Damit vernichtet er aber auch alle Hoffnung. Jedoch muss man die Einstellung der Skeptiker verstehen. Das „Ghetto [besitzt] [...] eine Schutzfunktion [...]; solange man darin lebt, befindet man sich immerhin noch nicht auf dem direkten Weg in die Konzentrationslager.“ 175
Zu dieser zweiten Partei gehört auch Herschel Schtamm, ein energischer Gegner Jakobs. Er plädiert dafür, still in der Ecke zu warten, denn wenn die Russen kommen, kommen sie (84). Die Nachrichten werden es nicht beschleunigen. Ein weises Argument, das weitreichende Folgen hat. Es greift nämlich gleichzeitig die Daseinsberechtigung von
175 Schmiedt, Helmut: Das unterhaltsame Ghetto. Die Dimension des Raumes in Jurek Beckers ‚Jakob der Lügner‘. In: Text+Kritik. Zeitschrift für Literatur 116 (1992). S. 32.
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Literatur an. Welchen Nutzen hat sie schon, wenn sie doch die Wirklichkeit meist kaum verändern kann?
Da die meisten Menschen allerdings ungeduldig sind, werden sie sich nicht mit der Aussicht auf eine erfreuliche Zukunft zufrieden geben. Zumal nicht sicher ist, das diese auch eintritt. Stattdessen wünscht man sich eine angenehmere Gegenwart, in der „die Leute [...] keine Medizin so sehr [brauchen] wie Hoffnung“ (193).
Die [dafür notwendigen] Lügen [...] greifen in die Ghettowirklichkeit sichtbar ein. Mit ihrer Wirkungskraft wird der Literatur eine solch lebensverändernde Potenz zugesprochen [...]. 176
„Die Menschen [...] hassen [...] im Grunde [auch] nicht die Täuschung, sondern die schlimmen, feindseligen Folgen [...].“ 177 Ruth Klüger liefert einen weiteren Grund, warum die Menschen Fiktionen lieben: „[W]ir wollen’s genauer, verständlicher, vor allem tröstlicher haben.“ 178
Dieser Trost wirkt solange, bis die Realität jegliche Träume von einer besseren Zukunft zerstört. Die Deportationen beginnen und z.B. Mischa glaubt fortan an kein „gutes Ende“ (232) mehr. Nach der „bedingungslose[n] Kapitulation“ (249f.) Jakobs kehrt dann endgültig das Elend zurück ins Ghetto. Kowalski erhängt sich (255); die vermeintliche Ordnung ist wieder hergestellt. Jakobs Lügen scheinen am Ende nichts gebracht zu haben. 179 Die Gemeinschaft der Juden wird durch die Lügen der Nationalsozialisten zerstört.
3.5.1 Alles hat ein Ende
Das tatsächliche, „häßliche“ (258) Ende versucht der Erzähler durch seines abzuwehren. „Der Erzähler tritt hier offenbar in die Fußstapfen seines Helden: Er fabuliert; [...] er ‚lügt’.“ 180
Jakob entzieht sich der Aufdeckung seines (in diesem fingierten Fall) vermeintlich verlorenen Spiels durch Flucht und kommt dabei ums Leben, eben weil er kein Radio besitzt und also über die unmittelbar bevorstehende Ankunft der Russen nicht informiert ist. 181
Damit rettet der Erzähler die Fiktion. Hätte Jakob weiter an die Illusion geglaubt, wäre seine Hoffnung eingelöst worden. Er wäre der Wahrheit leibhaftig begegnet. Letztlich muss allerdings auch der Ich-Erzähler vor der Realität kapitulieren. Er wird ebenfalls deportiert.
176 Heidelberger-Leonard 1992: 23.
177 Nietzsche 1988: 878.
178 Klüger 2006: 168.
179 Vgl. Ó Dochartaigh, Pól: Jewish Outsiders as Anti-Heroes in Jurek Becker’s Novels. In: Heroism and Passion in Literature. Studies in honour of Moya Longstaffe. Hrsg. von Graham Gargett. Amsterdam: Rodopi 2004. S. 272.
180 Krumbholz, Martin: Standorte, Standpunkte. Erzählerpositionen in den Romanen Jurek Beckers. In: Text+Kritik. Zeitschrift für Literatur 116 (1992). S. 44f.
181 Ebd. S. 45.
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Doch die Bäume (282), die er vom Waggon aus sehen kann, und die immer noch an die Illusion glaubende Lina (281) geben ihm Mut für die Zukunft. Er überlebt.
Das erste Ende, welches vom Erzähler für das bessere gehalten wird, ist eines der vielen Fiktionalitätssignale, die er dem Leser offenbart. Durch die Offenlegung kann man daher nicht von einer Täuschung des Publikums sprechen, da die Zeichen durchaus ersichtlich sind. Damit entgeht der Erzähler der Verurteilung, ein dreister Lügner zu sein. Stattdessen präsentiert er eine gut recherierte Geschichte, die er hier und da, wo es an Wissen mangelt, ausgeschmückt hat.
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4 Schluss
„Was bleibet aber, stiften die Dichter“ 182 , sagte Hölderlin. Als einer der wenigen Überlebenden der Deportationen fällt dem Erzähler diese schwierige Aufgabe zu. Er muss die Erinnerungen der Opfer am Leben erhalten. Doch anstatt einen Dokumentarroman mit einer Fülle an historischen Details zu erzählen, zeigt er uns die Menschen. Es ist sein Widerstand gegen die entmenschlichte Zeit; eine „Absage an tradierte Heldenbilder.“ 183 Dabei verzichtet er auf die sicher stattgefundenen Grausamkeiten 184 und zeigt stattdessen einen Alltag, der durch die Hoffnung spendenden Lügen ein geradezu schönes Bild der Ghettozeit zeichnet. 185 Das Lügen hat daran einen immensen Anteil. Die positive Darstellungsweise im Roman kann ohne weiteres auch als eine poetologische Betrachtung der alten Frage, welchen Status die Fiktion hat, gelesen werden. Wie viel Wahrheit steckt in ihr? Der Text gibt darauf einige wichtige Antworten. Letztlich hebt der Verlust der ethischen Maßstäbe während der NS-Zeit die ethische Fragwürdigkeit der Fiktion mit auf. 186
Jurek Beckers Buch ist demnach ein wirklich besonderes. Es ist eine „gottverdammte Geschichte“ (9), in der „Gott [...] nicht greifbar [wird] und [auch nicht eingreift] [...]“ 187 Diese Bürde nimmt stattdessen Jakob auf sich. Als Becker 1997 starb, schrieb Wolf Biermann:
Jurek Becker tot - das ist bitter. Von ihm gibt es zumindest einen Roman, der Weltliteratur ist. Das Buch 'Jakob der Lügner'. Das ist sehr viel. Gott hat auch nur ein Buch geschrieben. 188
In Bezug auf Wahrheit sagt dieses abschließende Urteil letztlich alles.
182 Hage 1997: 127.
183 Jung 1998: 116.
184 Vgl. Ebd.
185 Vgl. Wetzel 1986: 112.
186 Vgl. Ebd. S. 108.
187 Waniek 1993: 291.
188 Kutzmutz 2008: 123.
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Karsten Tischer, 2008, Über die Problematik des Lügens in Jurek Beckers „Jakob der Lügner“, München, GRIN Verlag GmbH
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