Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
1. Einführung in Thema, Ziele und Aufbau dieser Arbeit 2
2. Das Presseecho auf den Roman im deutschsprachigen RaumS
Der Sioterdijk-Skandal anläßlich der Elmauer Rede 6
3.
11. D/E THEMEN DES ROMANS "ELEMENTARTEILCHEN"
1. Der Individualismus der 68er als unreine Moral 9
2. Brunos pathologischer Libidinal-Hedonismus 10
3. Die Todesproblematik 11
4. Liebesunfähigkeit in Zeiten des medialen Konsumterrors 12
5. Der ORT als Symbol des Scheiterns kommunistischer Utopie 15
6. I ndividualismus führt in letzter Konsequenz zum Ritualmord 16
7. Am Ende: Wir klonen uns eine glückliche Gesellschaft 17
111 DER STIL DES ROMANS "ELEMENTARTEILCHEN"
1. Die wissenschaftlichen Passagen 19
Ist einfache Schreibweise Mangel künstlerischen Könnens? 20
2.
IV KONZEPTE FÜR E/NE DRAMATURG/SCHE ADAPTION
23
1. Der Schauplatz der Handlung
23
2. Die Figuren des Romans
3. Die Rolle des Chores 24
4. Konzepte für ein neues Ende 25
5. Beispielseequenz 26
32
V. VERSUCH EINES RESÜMEES
33
VI. LITERATURVERZEICHN I
1
Elementarteilchen - Chiffre unserer Gegenwart
1. Einführung in Thema, Ziele und Aufbau dieser Arbeit
Ein Skandal ist eine öffentliche Auseinandersetzung, inder es teilweise auch polemisch hergeht und in dem es mindestens zwei Parteien gibtden Auslöser und dessen Angreifer -, deren Meinung~n meist diametral entgegengesetzt an den verschiedenen Enden der Meinungsskala angelegt sind und die jeweils aufs Heftigste versuchen, die Öffentlichkeit von ihrer Version von Wahrheit zu überzeugen. Damit die Angreifer jedoch überhaupt den entschiedenen Handlungsbedarf bemessen, muß ihnen der Auslöser dafür schon einen derartigen meinungspolitischen Zündstoff in die Hand liefern, an dem sie sich unproblematisch entzünden und explodieren können, ohne dabei Gefahr zu laufen, allein mit ihrer Meinung dazustehen; kurz einem richtigen Skandalauslöser ist bereits die extreme Position inhärent; Mittelmaß vermag hingegen nicht, eine Öffentlichkeit derart vorausberechenbar und quasiautomatisch in zwei Lager zu spalten.
Als Michel Houellebecqs zweiter Roman unter dem französischen Originaltitel "Les particules elementaires" 1998 im Pariser Verlag Flammarion, und ein Jahr später in der deutschen Übersetzung unter dem Titel "Elementarteilchen" beim Kölner DuMont Buchverlag, erschien, brauchten die Leser nicht lange nach den skandalträchtigen Elementen zu suchen; bereits alle Träger des genetischen Y-Chromosoms konnten sich heftigst auf den Schlips und vielmehr noch sonstwohin getreten fühlen, denn was in dem Satz: "aber seit Jahrhunderten erfüllten die Männer offensichtlich so gut wie gar keinen Zweck mehr" 1 eine Hauptfigur des Romans, Michel, reflexiv zusammenfaßt, wird am Lebenslauf der zweiten Hauptfigur Bruno dahingehend konkretisiert, daß Männer zur wahrer liebe gänzlich unfähige, in ihrem pathologischen Libidinal-Hedonismus untherapierbar gefangene, Perverse sind, die die sinnvolle Fortentwicklung des Menschen nur bremsen und - da es keinerlei rettende Ausnahmen unter ihnen gibt - deswegen abgeschafft werden müssen. Derlei zynische Angriffe auf verschiedene Personengruppen finden sich mannigfaltige, so daß sich zugleich Chauvinisten, Feministinnen, Altachtundsechziger und vor allem Klon-Gegner düpiert fühlen durften' und de-
2
Elementarteilchen - Chiffre unserer Gegenwart Konzepte für eine dramaturgische Adaption mentsprechend vehement zum Angriff gegen den Autor bliesen. Den Anfang machte die Redaktion der Zeitschrift "Perpendiculaires", die nach einer Anhörung und Beratung einen Ausschluß über ihren Autor Houellebecq verhängte und damit das Startsignal für das mediale Turnierspektakel gab. Daß es sich hier nicht um einen reinen Marketinggag zur mediengerechten Plazierung von Autor und Werk im nationalen Feuilleton handelte, zeigte sich darin, daß auf die Aussch.luß-Aktion der Redaktion hin diese ihren bisherigen Verlag verlor, der nämlich dummerweise gleichzeitig der Herausgeber des geschaßten Redakteurs war, nun so seinerseits in aller Deutlichkeit Stellung nahm und sich schützend vor seinen Autor stellte. Später erhielt Houellebecq für "Elementarteilchen" den "Prix Novembre, der Schuldirektorenverband warnte dennoch offiziell und eindringlich vor dem Buch, das Nudistencamping "L'espace du Possible" strengte einen Prozeß an, in dem sie das Verbot des Romans lancierten, jedoch nur die Abänderung des Zeltplatznamens erreichten 2 . Mit zunehmenden Opfern auf allen Seiten rückte das Objekt des Glaubenskonfliktes mehr und mehr ins Zentrum der medial informierten Öffentlichkeit.
Zugleich stieg jedoch auch die Auflage des Buches in Frankreich bis in disem Jahr über die Marke von 400 000 verkauften Exemplaren, während die deutsche DuMont-Ausgabe in der 6. Auflage bei 66.000 verkauften Exemplaren lag 3 . Desweiteren beweist die Einrichtung von Houellebecq-Fan-Webseiten im Internet, daß seine Bücher nicht nur von Gegnern mit dem Ziel gekauft werden, sie schnellstmöglich zu verbrennen. Ein solch gewaltiger Erfolg in die eine wie auch die andere Richtung gilt meistens als Indiz dafür, daß hier dem Inhalt doch eine besondere Wahrheit inhärent sein könne, deren Neuigkeit die einen mit ihrer bisherigen Tabuisierungsstrategie scheitern läßt und der die anderen begeistert applaudieren, dankbar dafür, daß eine neue Wahrheit mehr - die sie selbst so bereits vorher kannten oder zumindest ahnten - nun öffentlich wahrgenommen sowie diskutiert werden muß und möglicherweise eine Veränderung, im Idealfalle sogar eine Verbesserung der Gesellschaft oder des gesellschaftlichen Bewußtseins herbeiführt, Ein Skandalobjekt ist für den aufgeklärten Gesellschaftsteil immer deswegen von zwingendem Interesse, da man sich selbst dem Druck aus- 2 Quelle:Die Presse vom 25.9.1999, Wien.
3 Quelle: Telefonische Auskunft des DuMont Buchverlages, Abt. Vertrieb, vom 10.9.2000
3
Elementarteilchen - Chiffre unserer Gegenwart Konzepte für eine dramaturgische Adaption
gesetzt sieht, sich über die artikulierten Extrempositionen eine eigene Meinung, möglichst ein differenziertes Urteil, zu bilden und diese entsprechend begründen bzw. verteidigen zu können, will man nicht den Anschluß am gesellschaftlichen Diskurs als Teil der Entwicklung von Gesellschaft an sich verpassen.
Fällt das Urteil - wie in unserem Fall für den hier zu behandelnden Skandalroman - teilweise für diesen positiv aus, so stellt sich im Bereich der angewandten Theaterwissenschaft schnell die Frage nach Möglichkeiten der spezifischen Weiterverwertung des Textes für das Theater; ist eine dramaturgische Adaption künstlerisch möglich und wünschenswert und wenn ja, kann damit möglicherweise der Erfolg der Vorlage wiederholt, oder gar übertroffen werden?
Diese Arbeit stellt sich genau diesen, in den beiden vorangegangenen Absätzen skizzierten Vorgehensweise und nimmt dabei Marianne van Kerkhovens "zehn Gebote der Dramaturgie"4 auf, lehnt sich explizit an ihr zehntes Gebot an, in dem es heißt:
Dramaturgie heißt unter anderem: das Ausstatten eines kreativen Prozesses mit weichem Material auch immer; das Assimilieren der ,ersten Ideen' zu einem Projekt ( ... ). Eines der wesentlichen Elemente dramaturgischer Praxis ist daher: das Anlegen eines Reservoirs an Material - auf allen Ebenen ,Wissen' ansammeln: ( ... ) Die permanente Beschäftigung mit dem Zusammenstellen eines Gepäcks, aus dem zu jeder Zeit geschöpft werden kann. 5
Daß dieses zusammengestellte ,Gepäck' jeweils kritisch am Roman diskutiert wird ergibt sich aus der Tatsache, daß diese Arbeit aus sich heraus den Diskurs klären muß, den sie führt, da es sich hier - im Gegensatz zur realen Theatersituation des Dramaturgen - um ein Situation der Einweg-Kommunikation handelt.
Sie wird dafür zunächst einen Überblick über wichtige Positionen aus dem deutschsprachigen Feuilleton geben und das Ausmaß dessen Beschäftigung mit den "Elementarteilchen zu skizzieren versuchen. Nach einem kurzen Exkurs auf die Sioterdijk-Debatte in Deutschland, die starke Parallelen zur Diskussion um Houellebecqs Roman - nicht nur was das Reizthema Klonen, sondern auch die Vehemenz und Polemik angeht, mit der beide Debatten geführt wurden - zeigt, wird sie im zweiten und dritten Teil die inhaltlichen Themen und den sprachlichen Stil des Romans analysieren. Dem differenzierten Urteil über den Roman soll
4 van Kerkhoven, Marianne: Zehn Gebote der Dramaturgie. In: Denkwelten und Wege der Dramaturgie.
5 Ebenda, Seite 7 f ..
4
Elementarteilchen - Chiffre unserer Gegenwart Konzepte für eine dramaturgische Adaption
eine Beurteilung über die Angemessenheit der feuilletonistischen Debatte um die "Elementarteilchen" nebenangestellt sein. Der fünfte Teil soll Konzepte für eine zeitgemäße dramaturgische Adaption entwickeln, die sich an den Ergebnissen aus Teil 11-111 orientieren. Zeitgemäß meint in diesem Fall, daß in unserer Zeit des postdramatischen Theaters keine 1: 1 Übertragung angestrebt wird, sondern daß der Text des Romans ein Material bereitstellt, aus de,m im Prozeß der dramaturgischen Arbeit etwas Neues entstehen kann. Dem Resümee, welches noch einmal die Ergebnisse der Teile li-IV zusammenfaßt, sind das Verzeichnis sämtlicher für diese Arbeit verwendeten Literatur sowie eine Urheberschaftserklärung über die alleinige und eigenständige Abfassung dieser Arbeit hintenangestellt. Die Kenntnis des Romaninhaltes "Elementarteilchen" wird als bekannt vorausgesetzt.
2. Das negative Presseecho im deutschsprachigen Raum
Dem folgenden Überblick liegt die Pressemappe des Verlagshauses DuMont, Köln, zugrunde, was bedeutet, daß sich der Autor sich zum einen der Fahrlässigkeit dessen bewußt ist, nicht selbst nach Material gesucht zu haben, sondern sich relativ unkritisch auf die Auswahl, die der Verlag mit der zumindest unterschwelligen Werbeintention herausgibt, zu verlassen. Da diese jedoch auch einige negative Artikel beinhaltet,
darf wohl davon ausgegangen werden, daß der Informationsschwerpunkt hier vom Verlag mehr auf den Skandalwert als Werbewert für das Buch gelegt wurde als auf die einseitig-lobende Berichterstattung. So schreibt beispielsweise die Berliner Zeitung:
Bis zu diesem glücklichen Ende im pathetischen Posaunenton ( ... ) muß aber noch in voller Breite vorgeführt werden, , warum der bisherige Zustand von Natur und Gesellschaft gleichermaßen von Übel ist. Dies kann man aus den schlichten aber ausführlichen Nacherzählungen der Lebensläufe der Haupt- und diverser Nebenfiguren lernen ( ... ) Sie alle sind nichts als didaktische Handpuppen, jede für sich ,symptomatisch' und ,charakteristisch für ihre Epoche', mit denen ein Erzähler seine
Thesen illustriert - und zwar zumeist in schlechtem, küchensoziologischen, philosophischen, bisweilen auch naturwissenschaftlichen Jargon.
Übler noch ging die Hannoversche Allgemeine Zeitung mit dem Roman
Elementarteilchen - Chiffre unserer Gegenwart Konzepte tür eine dramaturgische Adaption
an, daß er das Buch anscheinend nicht vollständig gelesen hat, wenn er schreibt, daß Houellebecqs Bewertung der 68er ,undifferenziert und oft schlichtweg falsch' sei, da sie ,offenbar zur gängigen Erklärung für alle grassierenden Mißstände der Jetztzeit herhalten müssen, ohne dass noch jemand genauer nach ihren Ursachen, Zielen und Folgen fragt . Ganze Teilbereiche des Romans - so z. B. die Entwicklungsgeschichte von David di Meola dienen genau dazu; nämlich die extremste bzw. pathologische Form der Individualisierungsprozesses bis hin zu tatsächlichen Ritualmorden seit dem Beginn der Liberalisierung darzustellen. Der rheinische Merkur untertitelt seine Besprechung mit dem Wort vom "öden Thesenroman" 8 , die F AZ ist da mit ihrer Wertung schon differenzierter: "Seine ,Particules elementaires' sind ein atemberaubend spannender Text und ein schlecht komponierter Roman."g Massive Kritik also, die in den Fällen, in denen Form und Inhalt gleichzeitig abverurteilt werden, reinweg gar nichts Positives an Resümee übrigläßt. Sprachen die Artikel kritisch über Houellebecqs utopisches Romanende, so wurde in vielen Fällen die Parallele zum Sioterdijk-Skandal gezogen, weswegen hier kurz darauf eingegangen werden soll; bietet der deutsche Skandal doch das besonders kritische Spektrum von Positionen innerhalb der Bevölkerung des Landes, das sich aufgrund seines nationalsozialistischen Erbes mitsamt Rassenlehre und daraus resultierendem Genozid in besonders permanenter und teilweise übertriebener Pflichtdistanz zum Gebiet der Eugenik selbstverortet.
3. Der Sioterdijk-Skandal anläßlich die Elmauer Rede
Nachdem Peter Sioterdijk in seiner Rede am auf Schloss Elmau die folgenden Absätze vorgetragen hatte:
Ob aber die langfristige Entwicklung auch zu einer genetischen Reform der Gattungseigenschaften führen wird - ob eine künftige Antrhropotechnologie bis zu einer expliziten Merkmalsplanung vordringt; ob die Menschheit gattungsweit eine Umstellung vom Geburtenfatalismus zur optionalen Geburt und zur pränatalen Selektion - zur Manipulation biologischer Risiken - wird vollziehen können - dies sind Fragen, in de-
Arbeit zitieren:
Magister Artium Daniel Kasselmann, 2000, Elementarteilchen - Chiffre unserer Gegenwart, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Daniel Kasselmann's Text Elementarteilchen - Chiffre unserer Gegenwart ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Daniel Kasselmann hat den Text Elementarteilchen - Chiffre unserer Gegenwart veröffentlicht
Daniel Kasselmann hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare