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1. Einleitung: Persönliche Motivation und Vorgehensweise 3
2. Definitionen 3
2.1 Gruppe 3
2.2 Gruppendynamik 3
2.3 Die T-Gruppe 4
3. Entstehung 4
4. Grundprinzipien 6
4.1 Relative Unstrukturiertheit 6
4.2 Hier und Jetzt 7
4.3 Auftauen Verändern Stabilisieren 8
5. Psychologische Phänomene 9
5.1 Sensitivity 9
5.2 Selbstexponierung und Lernbereitschaft 9
5.3 Der Umgang mit Widerstand und das Johari-Fenster 10
5.4 Kontraindikationen zur Teilnahme 11
6. Interventionstechniken 12
6.1 Feedback 12
6.2 Metakommunikation 13
6.3 Partnerzentrierte Kommunikation 14
6.3.1 Kontrollierter Dialog 14
6.3.2 Passiv aufmerksames Zuhören 15
6.3.3 Aktives Zuhören 15
6.3.4 Empathisches Kommunizieren 15
6.4 Prozessanalyse 16
6.5 Nonverbale Interventionen 17
7. Kritik 17
8. Persönliches Resümee 18
9. Literatur 19
2
1. Einleitung: Persönliche Motivation und Vorgehensweise Die vorliegende Arbeit behandelt das Thema „angewandte Gruppendynamik“, wie es sich für mich nach meiner Teilnahme an dem Kompaktseminar mit Selbsterfahrungscharakter bei Professor Jörg Fengler und nach der daran anschließenden Lektüre des Buches gleichen
Titels von Wolfgang Rechtien 1 darstellt. Für die Seminar-Arbeit in der Gruppe hatte ich keinerlei theoretisches Wissen mitgebracht und so bin ich ohne spezielle Erwartungen, wachsam und für neue Erfahrungen aufgeschlossen in die Situation hineingegangen. Diese schriftliche Arbeit soll dazu dienen, Erlebtes zu strukturieren und in die von den zitierten Autoren vorgeschlagenen Raster einzuordnen.
Ich gehe dabei so vor, dass ich wo möglich die theoretischen Ausführungen mit praktischen, tagebuchartigen Erlebnisberichten aus dem Seminar illustriere. Diese persönlichen Einschübe sind eingerückt und in anderer Schriftgröße und – insbesondere im Unterschied zu längeren Zitaten – in anderer Schriftart. Alle Namen der Seminarteilnehmern sind geändert worden, um ihre Privatsphäre zu wahren.
Der besseren Verständlichkeit halber habe ich durchweg die männliche Form verwendet – ich möchte den Leser (und damit auch die Leserin) darum bitten, anzunehmen, dass die weibliche Form stets impliziert ist.
2. Definitionen
.
2.1 Gruppe
Eine Gruppe zeichnet sich Rechtien zufolge durch die folgenden wesentlichen Strukturmerkmale aus: Sie besteht aus 3 bis ca. 35 Personen, die persönlichen Kontakt miteinander haben, auf gemeinsame Ziele und Werte ausgerichtet sind und aufeinander bezogene Rollen und Funktionen einnehmen; des Weiteren muss ein Bestehen der Gruppe über einen bestimmten Zeitraum, der nicht genau definiert ist, gegeben sein, wobei gilt: Je
länger die Gruppe besteht, desto deutlicher treten typische Gruppenphänomene auf. 2
2.2 Gruppendynamik
Wolfgang Rechtien unterscheidet zwischen drei häufig auftauchenden Definitionen des Begriffs Gruppendynamik: Erstens werden darunter ganz allgemein die ablaufenden Prozesse innerhalb menschlicher Kommunikation zusammengefasst oder genauer gesagt
1 Rechtien 1995 (2. Auflage)
2 vgl. Rechtien 1995, S. 13
3
„Kräfte, durch die [...] alle Arten psychologisch beschreibbarer Veränderungen hervorgerufen
werden.“ 3 Zweitens bezeichnet Gruppendynamik einen sozialpsychologischen Forschungsbereich, stellt also eine Beobachtungsmethode dar, die sich der Analyse, Beschreibung und Veränderung von dynamischen Prozessen widmet.
In der dritten und umgangsprachlich am häufigsten verwendeten Definition versteht man unter Gruppendynamik Techniken, die den Teilnehmern einer Gruppe das Gruppengeschehen bewusst machen und dadurch Einfluss auf den weiteren Verlauf nehmen. In dieser Bedeutung ist Gruppendynamik pragmatisch ausgerichtet, bezieht sich
also auf die praktische Anwendung von gruppendynamischen Methoden. 4
2.3 Die T-Gruppe
Die sogenannte T-Gruppe wird als das erste und eins der wichtigsten Verfahren der angewandten Gruppendynamik bezeichnet. Der Begriff ist eine Abkürzung für Trainingsgruppe. Diese soll aus ca. 8-15 Teilnehmern bestehen, also ggf. eine Kleingruppe innerhalb einer gruppendynamischen Veranstaltung darstellen. Die T-Gruppe soll ausschließlich die Geschehnisse im „Hier-und-Jetzt“ zum Thema haben, in ihr bekommen die Teilnehmer also Gelegenheit, „die augenblickliche Situation zu diagnostizieren, die laufenden Gruppenprozesse zu reflektieren und neue Verhaltensformen in sozialen
Situationen zu erproben.“ 5 Außerdem ist die T-Gruppe weitgehend unstrukturiert, d.h. der Leiter übernimmt nicht die Führung, verteilt keine Aufgaben, gibt keine oder möglichst wenig Regeln vor und so weiter.
3. Entstehung
Der Focus auf die Gruppe entstand in den USA in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg und ist im Wesentlichen von zwei Personen zu einem eigenständigen Forschungsbereich ausgebaut worden: Der Psychiater und Begründer der Gruppenpsychotherapie Jacov Levi Moreno und der Sozialpsychologe und in der Kleingruppenforschung tätige Kurt Lewin. Beide waren darum bemüht, die aus ihrer jeweiligen Sicht – zum einen der klinisch- therapeutischen, zum anderen der sozialwissenschaftlichen – gesammelten wissenschaftlichen Ergebnisse praktisch anzuwenden.
In einem 1945 – also zum Ende des 2. Weltkrieges – von Lewin verfassten Aufsatz begründet dieser, wie notwendig es ist, das menschliche Verhalten in Gruppen zu
3 Rechtien 1995, S. 14
4 vgl. Rechtien 1995, S. 14-15
5 Rechtien 1995, S. 16
4
untersuchen, mit der „Diskrepanz [...] zwischen unserer Fähigkeit, die physikalische Natur zu beherrschen, und unserer Unzulänglichkeit, mit den sozialen Kräften umzugehen“. Das derzeitige soziale Handeln krankt seinen Ausführungen zufolge daran, dass es „auf jeder Stufe auf einem starken Ausdruck von Meinung und Tradition“ gründet „und nicht auf dem rationalen Verständnis der möglichen Alternativen oder auf einer klaren Voraussicht
dessen, worin die Auswirkungen verschiedener sozialer Handlungen bestehen“ 6 .
Ungefähr zur gleichen Zeit entwickelte sich der Ansatz der Aktionsforschung (von Moreno 1937 beschrieben), dessen Forderungen dahin gingen, dass die Beforschten in den Prozess mit einbezogen wurden und dass der beobachtende Forscher am Prozess teilnahm, sowie dass situationsbezogen geforscht wurde, was bedeutet, dass das Vorgehen nicht im Voraus festgelegt, sondern situationsbedingt angepasst wurde. Indem alle Betroffenen mitbeteiligt werden, wird die Gefahr der Manipulation verringert. Ein weiteres Merkmal der Aktionsforschung ist die Forderung, dass der Forscher ein Spezialist sein muss, der entsprechende Veränderungsmethoden im Repertoire hat und den Teilnehmern des Prozesses sein ganzes Expertenwissen zur Verfügung stellt, so dass alle Beteiligten davon profitieren können und gleichgestellt sind.
Das Hauptziel der Aktionsforschung ist (Rechtien zufolge) für Moreno die „Förderung der
individuellen und kollektiven Kreativität und Spontaneität“ 7 .
Obwohl die Haltung der Aktionsforschung schon in den 30er Jahren niedergeschrieben wurden, war erst im Jahre 1946 ein „Aha“-Erlebnis in Connecticut entscheidend für die Entwicklung der angewandten Gruppendynamik verantwortlich: Im Laufe einer mehrtägigen Weiterbildungsveranstaltung nahmen einige Gruppenteilnehmer an der abendlichen Versammlung der Seminarleiter, in der die Prozesse des Tages besprochen wurden, teil. Als nun diese Teilnehmer hörten, wie über sie selbst geredet wurde, und sie die Möglichkeit hatten, die Dinge auch aus ihrer Sicht zu schildern, wurde den Experten klar, wie entscheidend direktes Feedback sich auf das Verhalten der Gruppe auswirken kann. Diese Erkenntnis führte zu Versuchen in weiteren Veranstaltungen, in denen Feedback gezielt eingesetzt wurde. Hieraus entwickelte sich unter anderen die Organisationsform „Gruppendynamisches Laboratorium“, abgekürzt GDL, sowie deren wichtigstes Element, die T-Gruppe.
Im Laufe des Forschens und Experimentierens mit Gruppen entstanden viele andere Formen, sowohl in den USA wie auch später in Europa; es würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen, diese vorzustellen.
6 Lewin 1978, laut Rechtien 1995, S. 28-29
7 Rechtien 1995, S. 41
5
4. Grundprinzipien
Die angewandte Gruppendynamik beinhaltet einige Grundprinzipien, die trotz ihrer
vielfältigen Trainings- und Organisationsformen immer zur Anwendung kommen.
4.1 Relative Unstrukturiertheit
Ein zentrales Prinzip ist die Relative Unstrukturiertheit. Dies bedeutet im Wesentlichen, dass
der Gruppenleiter möglichst keine leitende Rolle einnehmen, sondern die Gruppe sich selbst
überlassen soll. Dadurch enttäuscht er die Erwartungen der meisten Gruppenmitglieder –
zumindest derjenigen, die das erste Mal an einer solchen gruppendynamischen
Veranstaltung teilnehmen. Die Situation, die dadurch innerhalb der Gruppe entsteht,
beschreibt Rechtien als „eine Art soziales Vakuum (...), welches bei den Gruppenmitgliedern
Spannung und das Bedürfnis hervorruft, dieses Vakuum zu füllen“ 8 . Die fehlende Struktur
fordert jedes Gruppenmitglied dazu auf, für sich allein oder für die Gruppe Muster zu
entwerfen, in denen es sich wohlfühlt.
In einem solchen Setting – vom gleichen Autor auch sehr treffend als „Prototyp einer sozial
bedingten Stresssituation“ 9 bezeichnet – greift der Mensch der modernen Stressforschung
zufolge meistens auf Verhaltensweisen zurück, die ihm ohne großes Nachdenken und
Suchen spontan zur Verfügung stehen, die also „physiologisch verankert oder aber gut
eingeübt und weitgehend automatisiert“ 10 sind. In unserem Seminar erlebte ich das
folgendermaßen:
Die Teilnehmer sitzen im Stuhlkreis. Nach einigen einleitenden Worten, in denen wir lediglich instruiert
werden, dass wir diese Zeit innerhalb der Kreises, aber ohne Themenvorgabe verbringen sollen, überlässt
der Seminarleiter die Gruppe sich selbst. Von diesem Zeitpunkt an verfolgt er aufmerksam das Geschehen
in der Gruppe, ohne einzugreifen und die Führung zu übernehmen, obwohl dies den Blicken zufolge, die
immer wieder zu ihm hinüberwandern, viele Teilnehmer - einschließlich mir - erwarten.
Nachdem alle einige Minuten lang schweigend da sitzen, macht Sylvia den Vorschlag, dass jeder sich kurz
vorstellen könnte, und beginnt selbst. Ihrem Beispiel folgend nennt jeder seinen Namen, viele sagen, wie
alt sie sind und was sie studieren, einige, wie sie sich im Vorfeld gefühlt haben oder in welcher Verfassung
sie sich momentan befinden. Nach der Vorstellungsrunde kehrt erneut Stille ein. Weil ich schon oft die
Erfahrung gemacht habe, dass eine Gruppe fremder Menschen in Bewegung leichter zueinander findet und
ihr Umgang anschließend lockerer ist, (und getreu meines Studienschwerpunktes Bewegungstherapie)
schlage ich ein Bewegungs-/ Auflockerungsspiel vor. Martin erwidert, dass er sich so unstrukturiert sehr
wohl fühle und fragt mich, ob ich möchte, dass sich die Gruppe mir zuliebe anders verhält. Ich denke über
die Frage nach und komme beim Betrachten von Martin, der viel Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt, zu dem
8 Rechtien 1995, S. 16
9 Rechtien 1995, S. 98
10 Rechtien 1995, S. 99
6
Schluss, dass im Moment mein Aktionismus nicht benötigt wird. Es gelingt mir, mich innerhalb des
Kreises zu entspannen und das Gefühl loszulassen, etwas verändern bzw. die Verantwortung für die
Atmosphäre übernehmen zu müssen. Eine schöne Erfahrung, mich in einer Gruppe mit zum größten Teil
fremden Menschen entspannen zu können.
Dieses Gefühl stellt sich auch nach der Mittagspause wieder ein, zu Beginn des zweiten Treffens innerhalb
der T-Gruppe (wobei die T-Gruppe in unserem Seminar keine Kleingruppe darstellt, sondern aus allen 12
Teilnehmern besteht): Am Anfang bin ich unruhig und spüre das Bedürfnis nach Struktur, dann
vergewissere ich mich mit einem Blick hinüber, dass Martin ganz entspannt ist, und kann auch zur Ruhe
kommen: Ich konzentriere mich auf meinen Atem und die Gegenwart.
4.2 „Hier und Jetzt“
Eine Situation wie die oben beschriebene veranschaulicht zugleich ein anderes Grundprinzip
gruppendynamischen Arbeitens, nämlich das Arbeiten im und mit den Geschehnissen im
Augenblick, also im „Hier und Jetzt“.
Das ist für diejenigen, die eine gruppendynamische Veranstaltung das erste Mal besuchen,
zunächst ungewohnt, da der Mensch normalerweise ständig über Dinge nachdenkt, die
schon passiert sind oder in Zukunft geschehen könnten bzw. sollten. Für den Seminarleiter
besteht die Aufgabe darin, die Aufmerksamkeit der Gruppe auf die augenblickliche Situation
und darin enthalten die Gruppenstruktur und die Beziehungen der Teilnehmer untereinander
zu lenken, ohne dass er eine leitende Funktion einnimmt. Dies stellte sich in unserem
Seminar so dar:
Beginn des zweiten Tages, in der T-Gruppe: Die Gruppe fängt an zu plaudern, über Sternzeichen, Winter-
und Sommertypen etc., dann über Erlebnisse mit Chefs, die freundlich, unfreundlich etc. waren. Der
Seminarleiter fragt in die Runde: „Wer ist denn hier der Chef?“ Eine Diskussion über die Definition eines
Chefs dieser Gruppe beginnt. Innerhalb der Diskussionsbeiträge werden drei Situationen geschildert, wie
jeweils ein Chef erlebt wurde. Nach Sylvias Beitrag sagt Rieke in die Runde, dass ihr dafür die Zeit zu
schade sei und sie lieber sie als konkretes Thema das Hier und Jetzt behandle. Sie stelle sich zur Verfügung
und glaube, dass sie selbst eine derjenigen der Gruppe sei, die viel Einfluss auf die Gruppendynamik
nehmen.
Eine heiße Diskussion beginnt, mehrere Teilnehmer geben Rieke ein Feedback. Nach etwa 15 Minuten
Gesprächsbeiträgen, in deren Mittelpunkt zumeist Rieke und Martin stehen, sagt Astrid, dass sie es nicht
gut finde, wie Martin und Rieke sich in den Mittelpunkt gedrängt haben, sie selber sehe es gar nicht so,
dass diese Wortführer seien. (Astrid und Martin sind ein Paar und augenscheinlich beide befreundet mit
Rieke, daher auch Astrid´s : „Ich kenne das ja schon von Euch.“)
Rieke verwehrt sich gegen das „Euch“, möchte nicht in eine Schublade gepackt werden. Und: Sie habe das
Gefühl, manchmal mache sie die Arbeit für andere, indem sie sich selbst zu Verfügung stellt und die
Initiative übernimmt. An dieser Stelle interveniert der Seminarleiter und fragt Karin, eine der stilleren
Teilnehmerinnen, ob sie das Gefühl habe, dass Rieke ihr Arbeit abnimmt bzw. was sie von dieser Aussage
halte. Karin verbittet sich, dass andere für sie ungefragt „Arbeit übernehmen“.
7
4.3 Auftauen – Verändern – Stabilisieren
Mit dem Wissen über die oben genannten Prinzipien der Relativen Unstrukturiertheit und des Hier und Jetzt wird der erwartbare Lernprozess innerhalb einer gruppendynamischen Veranstaltung nachvollziehbar. Dieser lässt sich in drei Phasen einteilen: Auftauen (unfreezing), Veränderung (change) und Stabilisierung (refreezing).
Die Phase des Auftauens beinhaltet das Bewusstwerden von stereotypisiertem Verhalten. Wie oben (4.1) erläutert, schafft die Unstrukturiertheit eine ideale Voraussetzung dafür, dass solche gewohnheitsmäßigen und nicht mehr hinterfragten Verhaltensweisen von der Gruppe und von einem selber wahrgenommen werden können. Dabei ist wichtig, dass dieses Verhalten zunächst nur betrachtet wird, ohne es sofort ändern zu wollen. Diese Fokussierung ist oft mit Unsicherheit und Angst verbunden, da die meisten Menschen sich angegriffen fühlen und verteidigen wollen, wenn ein anderer – und noch dazu, wie in den meisten gruppendynamischen Settings vorgesehen, fremder – Mensch ihnen ihre Unzulänglichkeiten aufzeigt.
Die Lerntheorie erklärt die Funktionsweise der Auftauensphase damit, dass ein bestimmter Grad an Angst Lernprozesse förderlich sei, während die humanistische Psychologie eine Steigerung des Bewusstseins darüber, was in diesem Augenblick um einen herum und in einem passiert – von Rechtiens mit dem englischen Ausdruck awareness beschrieben, konstituiert. Diese Steigerung sei „das wesentliche agens von Entwicklung und
Veränderung“. 11 Der Gruppenleiter hat in diesem Prozess die Aufgabe, ein gutes Gleichgewicht herzustellen zwischen Verunsicherung der Teilnehmer, so dass stereotype Muster zum Vorschein kommen können, und genügend emotionaler Sicherheit, so dass sich die Teilnehmer gegenüber Kritik aus der Gruppe öffnen können.
Die zweite Phase des Lernprozesses, Veränderung, beginnt in dieser unstabilen Situation, die durch den Wegfall der gewohnten Verhaltensmuster entstanden ist, an deren Stelle nun neue Haltungen ausprobiert werden können. Dieses Experimentieren führt nicht immer sofort zu gelungener Anpassung. Das Feedback der Gruppe (eine Technik, die ich in Kapitel 6.1 beschreibe) ist hier sehr hilfreich und dient der Orientierung.
Stabilisieren ist die Bezeichnung der dritten Phase und beinhaltet die Auswertung der Erfahrungen in der Gruppe und das Lösen aus der Gruppe. Praktisch wird dieser Transfer in den Alltag versucht durch das Üben der neu erworbenen Haltungen in verschiedenen Situationen. Dieses Einüben erweckt manchmal den Anschein, dass nur neue Stereotype
11 Rechtien 1995, S. 166
8
entstehen; aber die Intention dieses Trainingsprinzips benennt Rechtien als „mehr innere
Elastizität und eine größere Rollenflexibilität“ 12 .
5. Psychologische Phänomene
5.1 Sensitivity
Um die innerhalb einer gruppendynamischen Veranstaltung auftretenden psychologischen Prozesse zu verstehen, ist es hilfreich, sich mit dem Begriff Sensivity auseinanderzusetzen, von Rechtien genannt im Zusammenhang mit der gruppendynamischen Trainingsform
„Sensitivity-Training“ 13 . Unser Seminarleiter hat zwar diese Begrifflichkeit nicht in das Seminar eingeführt, ich habe jedoch viele Aspekte aus meinem Erleben in der Gruppe wiedererkannt und finde die strukturellen Erläuterungen bei Rechtien wesentlich zum Verständnis von gruppendynamischen Prozessen.
Für Definition des Begriffes Sensitivity zitiert Rechtien Fengler, der in seinem Beitrag „Grenzen der Gruppendynamik“ sechs Teilbereiche von Sensitivity ausmacht: Demzufolge bezeichnet Sensitivity ein Gespür für das eigene Erleben, Einfühlung in das Empfinden eines Anderen, ein Gefühl für die eigene Wirkung auf Andere, für die Wirkung einer Person auf eine dritte Person und für die Wirkung der Gruppe auf einzelne Mitglieder sowie die
Fähigkeit, Gruppenstrukturen und Gruppenprozesse zu erfassen. 14 Je nach Akzentuierung wird das gruppendynamische Training mehr das Individuum und damit tiefenpsychologische Aspekte wie Widerstand, Triebsteuerung, etc. fokussieren oder Gruppenprozesse und damit sozialpsychologische Themen wie Interaktion, Rollen, Hierarchie etc. in den Vordergrund rücken. Wichtig ist jedoch, dass beide Disziplinen, Sozial- und Tiefenpsychologie, als Grundlage dienen und eine gute Balance zwischen beiden Aspekten gefunden werden sollte, wenn die Ziele des Sensitivity-Trainings erreicht werden möchten.
5.2 Selbstexponierung und Lernbereitschaft
Rechtien betont, wie wichtig es für die Teilnehmer ist, sich der Gruppe gegenüber zu öffnen, denn nur so kann es dem Einzelnen gelingen, positive Reaktionen zu bekommen und sich in die Gruppe zu integrieren.
Diese Selbstöffnung wird vor allem durch die oben beschriebenen Grundprinzipien unstrukturierte Anfangssituation und Fokussierung von stereotypen Verhaltensmustern begünstigt. Die Schutzmechanismen sind dabei umso stärker, je exponierter der Mensch
12 Rechtien 1995, S. 168
13 vgl. Rechtien 1995, S. 16 und S. 89
14 vgl. Fengler 1981, S. 150-152
9
sich im Alltag fühlt; und umso mehr empfindet dieser Mensch es als Risiko, den anderen
Teilnehmern offen und entspannt zu begegnen.
Zwei Beispiele aus dem Seminar:
1. Innerhalb der ersten Stunde des Seminars: Einige Teilnehmer äußern sich zum Thema „Nähe – Distanz“.
Sylvia erzählt, wie sie einmal einem Jungen zu nahe getreten ist, sie machte im Scherz eine Bemerkung
über seine Kleidung, aber er nahm sie ernst und fing an zu weinen. Martin gibt Sylvia ein Feedback, dass er
manchmal nicht wisse, wie er auf sie reagieren soll, weil sie sehr offen sei. Das finde er einesteils schön,
andererseits sei das manchmal zu viel für ihn. Rieke sagt, sie habe Schwierigkeiten damit, wenn jemand ihr
zu intime Dinge erzähle, weil sie das als Grenzüberschreitung empfinde und nicht wisse, wie sie sich
dagegen wehren soll. – Später, nach der Mittagspause, stellt sich heraus, dass Sylvia diese Feedbacks als
sehr persönlichen Angriff aufgefasst hat, besonders seitens Rieke. An das Thema wird auch am nächsten
Tag wieder angeknüpft und weiter gearbeitet: unter anderem treten alte Ungeklärtheiten zwischen Rieke
und Sylvia, die sich von einem früheren gemeinsam besuchten Gruppendynamikseminar kennen, zutage.
2. Beate bittet die Gruppe um Feedback, da sie bei sich selber bemerke, wie sie zwischen analytisch und
emotional schwanke. Der Seminarleiter interveniert, indem er Beate auffordert, die Gruppemitglieder nach
ihrem Empfinden auf einer Linie mit den Polen analytisch und emotional aufzustellen. Beate setzt die
Aufgabe so um, dass sie die Leute anordnet, je nachdem, wie sie diese bisher wahrgenommen und
eingeschätzt hat, ob sie analysierend vorgegangen ist oder gefühlsmäßig bewertet hat. Ihre Pole sind Sandra
für analytisch und Rieke für emotional. Sandra fühlt sich sehr schlecht dabei, in diese Ecke gestellt zu
werden. Hinterher merkt man ihr an, wie sehr sie das mitgenommen hat. Dabei hat sie verstandesmäßig
kapiert, dass es nicht um sie ging, aber es ist augenscheinlich für sie eine große Belastung, ihre Person mit
dem Wort analytisch in Verbindung gebracht zu sehen. Sie ist sehr verletzt und versucht, durch Ironie,
Sarkasmus und Rationalisieren ihre Verletztheit zu verstecken.
Ein Lernerfolg kann Rechtien zufolge nur dann bei den Teilnehmern einsetzen, wenn sie
trotz aller möglichen Verletzungen und Unsicherheiten bereit zur Selbstexponierung sind. 15
Die Lernbereitschaft ist von Teilnehmer zu Teilnehmer unterschiedlich. Einige Studien haben
einen Zusammenhang nachgewiesen zwischen Motivation der Teilnehmer und der Frage, ob
dieser die meist recht hohen Kosten selbst bezahlt. 16 Rechtien nennt dies aber „eine allzu
bequeme Rechtfertigung für hohe Teilnahmegebühren“ 17 und stellt fest, dass die meisten
Seminarleiter auf die Motivationskraft der gruppendynamischen Prozesse selbst vertrauen.
5.5 Das Johari-Fenster und Umgang mit Widerstand
Ein anschauliches Modell zur Erklärung, wie gruppendynamische Prozesse auf die Person
wirken können, bietet das Johari-Fenster: Dieses Modell – benannt nach den Vornamen ihrer
15 vgl. Rechtien 1995, S. 99
16 Manz 1987, laut Rechtien 1995, S. 101
17 Rechtien 1995, S. 101
10
Erfinder – unterteilt die Gesamtheit einer Person nach dem Kriterium der Wahrnehmung ihrer Persönlichkeitsaspekte durch Andere und durch sich selbst in vier Bereiche:
1. öffentliche Person: kenne ich und kennen Andere
2. blinder Fleck: kenne ich nicht, aber kennen Andere
3. Privatperson: kenne ich, aber kennen Andere nicht
4. Unbekanntes/ Unbewusstes: kenne ich nicht und kennen Andere nicht 18
Diese Bereiche sind unterschiedlich groß und ändern ihre Größe bei Interaktionen. In einem gruppendynamischen Prozess wird darauf hin gearbeitet, dass sich der Bereich der öffentlichen Person vergrößert, während die Bereiche zwei und drei kleiner werden sollen. Der Bereich des Unbekannten kann auch eine Größenänderung erfahren, aber wird nicht
explizit angestrebt, da diese Aspekte „in die Zuständigkeit der Psychotherapie“ 19 gehören.
Tauchen innerhalb des gruppendynamischen Prozesses Widerstände auf, so kann das ein Schutzmechanismus des Teilnehmers sein, mit denen er Bereiche seiner Person vor Anderen verbirgt und schützt. Dieser Widerstand, beispielsweise eine Weigerung des Teilnehmers, sich der Gruppe zu öffnen oder auf Forderungen anderer Teilnehmer einzugehen, kann also einerseits angesehen werden als Blockade, die den Teilnehmer davon abhält, am gruppendynamischen Prozess teilzunehmen und von ihm zu lernen, andererseits kann Widerstand aber auch ein wichtiger Schutz zur Stabilisierung der Persönlichkeit sein, besonders, wenn es sich hierbei um Bereich 4 des Johari-Fensters handelt. Wieder ist hier die Sensibilität und die Professionalität des Seminarleiters von großer Wichtigkeit.
5.4 Kontraindikationen zur Teilnahme
Wie im vorigen Kapitel bereits angesprochen, soll eine gruppendynamische Veranstaltung keine Bereiche abdecken, die in die Verantwortlichkeit der Psychotherapie fallen, sondern vielmehr sollte der Gruppenleiter Vorsorge treffen, dass die Teilnehmenden in einer ausreichend stabilen psychische Verfassung sind. Bei unserem Seminar hat der Leiter Professor Fengler jeden Teilnehmer in einem persönlichen Gespräch danach gefragt, ob dieser in psychologischer Behandlung sei bzw. an einer psychologischen Erkrankung leide. Rechtien führt einige Punkte auf, bei denen die Teilnahme an einer gruppendynamischen
Veranstaltung kontraindiziert ist, und zwar bei „Psychose- oder Suizid-Gefährdung“ 20 sowie bei neurotischen Störungen. Außerdem betont er, wie wichtig eine qualifizierte Leitung und dementsprechend der richtige Umgang beispielsweise mit Widerstand und Abwehr ist und
18 Luft / Ingham 1955, laut Rechtien 1995, S. 95
19 Rechtien 1995, S. 97
20 Rechtien 1995, S. 101
11
dass eine laienhafte Gruppenleitung sehr wohl Schaden anrichten kann, da die Teilnehmer
mit einer „geplanten Stresssituation“ 21 konfrontiert werden.
6. Interventionsmethoden
In einem anderen Seminar von Professor Fengler, welches das Thema Interventionen behandelte, lernte ich folgende nützliche Definition des Begriffes kennen: „Eine psychosoziale Intervention ist jede absichtsvolle Mitteilung verbaler oder nonverbaler Art, die
dazu dient, einen professionellen Einfluss auf das Geschehen in einem kontraktbegründeten Kontext
22
zu nehmen. [...]“
Die im Folgenden beschriebenen Techniken Feedback, Metakommunikation, partnerzentrierte Kommunikation und Prozessanalyse stuft Rechtien als „klassische und
nach wie vor zentrale Arbeitsmethoden der angewandten Gruppendynamik“ 23 ein.
6.1 Feedback
Feedback ist die Verbalisierung von Fremd-Wahrnehmung. Wenn ich also dem Gegenüber eine Rückmeldung darüber gebe, wie er auf mich wirkt, bin ich der Feedbackgeber, und wenn mir von Anderen geschildert wird, wie ich auf sie wirke, bin ich der Feedback- Empfänger. Am interessantesten und den Lernerfolg der Teilnehmer am meisten unterstützend kann hierbei die Beschreibung derjenigen Verhaltensaspekte sein, die Anderen, nicht aber dem Adressaten des Feedbacks selbst ersichtlich sind – im Johari- Fenster blinde Flecken genannt. Da dies ein empfindlicher Punkt ist, gibt es Regeln, die die Gefahr minimieren sollen, dass das Feedback zu verletzten Gefühlen, Unstimmigkeiten bzw. Streit führt. Rechtien führt sieben Regeln auf; denen zufolge soll Feedback:
1. möglichst erbeten werden
2. etwas beschreiben, ohne zu bewerten oder interpretieren
3. sich auf konkrete Situationen beziehen und nicht verallgemeinern
4. sich auf Veränderbares beziehen
5. gegenseitiges Verstehen sicherstellen
6. auch Positives erwähnen
7. zur Verbesserung von Kommunikation verwendet werden, nicht um sich selbst
hervorzutun oder andere zu verletzen. 24
21 ebd.
22 Fengler, Jörg: Handout im Seminar „9018 - Triffst Du nur das Zauberwort: Die Konstruktion wirksamer
psychosozialer Interventionen im Helferberuf“, Wintersemester 2006
23 Rechtien 1995, S. 221
24 vgl. Rechtien 1995, S. 204 f
12
Feedbackregeln werden inzwischen im Rahmen vieler Fort- und Weiterbildungsangebote vermittelt, oftmals aufgeteilt in Verhaltensregeln für den Feedbackgeber und für den Feedbacknehmer. Für den Feedback-Geber lässt sich noch ergänzen, dass er bewusst subjektiv fomulieren, also „ich“ und nicht „man“ oder „wir“ sagen soll und dass er seine Rückmeldung unmittelbar – also zeitlich aktuell – auf die entsprechende Situation, Kommunikation etc. folgen lassen soll.
Dem Feedback-Nehmer wird empfohlen, sich nicht zu verteidigen oder Dinge klarstellen zu wollen, und zwar mit dem Hinweis, dass es um Informationen über subjektives Erleben geht, über welches sich nicht streiten lässt. Verständnisfragen sind natürlich erlaubt. Weiterhin wird ihm angeraten, sich für das Feedback zu bedanken. Die Regelliste schließt mit der
Anmerkung: „Niemand ist auf der Welt, um so zu sein, wie andere ihn gerne hätten!“ 25 Wird dies von beiden Seiten erinnert, so ist die Gefahr verletzender Bemerkungen oder verletzter Gefühle zumindest ein gutes Stückt verringert.
Im gruppendynamischen Prozess gilt Feedback nach Rechtien als „wichtigste Möglichkeit,
die angestrebte Sensibilität und Verhaltensänderung zu erreichen“ 26 .
In unserem Seminar wird der Wert des Feedbacks im Laufe der Zeit den meisten Gruppen-Mitgliedern
immer deutlicher: So beschließt am letzten Tag in unserer 12-Personen-Gruppe eine Mehrheit von 10:2,
eine vom Seminarleiter geplante Kleingruppen-Übung zum Thema Teamarbeit auszulassen, um mehr Zeit
für die letzte T-Gruppe zu haben, in welcher einige Teilnehmer die letzte Gelegenheit ergreifen, sich ein
Feedback von der Gruppe einzuholen.
6.2 Metakommunikation
Im weiteren Sinne ist eine Metakommunikation jede Art von Kommunikation über Kommunikation, so wie es auch in dem grundlegenden Werk „Menschliche Kommunikation.
Formen, Störungen, Paradoxien“ von Watzlawick, Beavin und Jackson vermittelt wird. 27 Eine engere Definition des Begriffes benutzt Rechtien: „Metakommunikation besteht in expliziten und intentionalen Äußerungen über bestimmte Aspekte eines abgelaufenen
Kommunikationsprozesses oder über situationsübergreifende Kommunikationsstile.“ 28 In diesem Sinn geht es also um eine bewusst angewandte Technik zur Analyse abgelaufener Gesprächssituationen. Rechtien postuliert für diese Art der Metakommunikation vier Regelpunkte: Erstens soll vorher eine Zeitbegrenzung festgesetzt werden, innerhalb welcher die Metakommunikation stattfinden soll; zweitens soll innerhalb dieser Zeitspanne nicht mehr über Inhalte, sondern nur noch über den Ablauf der Kommunikation gesprochen werden;
25 http://www.meistersite.de/pdfs/methodenkoffer/Feedbackregeln.pdf
26 Rechtien 1995, S. 103
27 vgl. Watzlawick, Beavin, Jackson 1969, z.B. S. 41 ff
28 Rechtien 1995, S. 208
13
drittens sind keine Schuldzuweisungen gestattet und viertens soll eventuell ein Gesprächsleiter bestimmt werden, der auf die Einhaltung der Regeln achtet.
Die ersten zwei Punkte zielen auf eine strikte Trennung von Kommunikation über die Gruppe beschäftigende Themen und Kommunikation über Kommunikation. Schon Watzlawick und seine Kollegen betonen die Wichtigkeit dieser Trennung, da diese beiden Arten von Kommunikation auf verschiedenen Stufen stattfinden und eine Verwechslung dieser Stufen
viel Verwirrung erzeugen kann 29 – und obwohl die Autoren einen weiter gefassten Metakommunikationsbegriff verwenden, ist diese Warnung meines Erachtens auf Rechtien´s Definition übertragbar.
In der von Rechtien beschriebenen Anwendung als Methode soll Metakommunikation aus zwei Phasen bestehen: erstens aus einer Verlaufsanalyse, die untersucht, wie die Kommunikation ablief und welche Arten von positiven und störenden Elementen vorhanden waren. Zu diesem Themenkomplex soll jeder Teilnehmer mehrere diesbezügliche Fragen beantworten. In der zweiten Phase sollen dann Vereinbarungen für die zukünftigen Interaktionen gefunden werden, indem wiederum jeder Teilnehmer Fragen danach beantwortet, was gleich bleiben soll, was die Gruppenmitglieder als Kommunikatoren sowie als Zuhörer in Zukunft ändern möchten und woraus ein Gesprächsleiter, falls vorhanden,
zukünftig besonders achten soll. 30
6.3 Partnerzentrierte Kommunikation
Rechtien spricht hier nicht nur von einer Methode der Kommunikation, sondern von der
„partnerzentrierten Haltung“ 31 . Der Begriff erinnert an die „personzentrierte Haltung“, die der Psychotherapeut Carl Rogers in den 50er Jahren beschrieb, und in dem auch das empathische Kommunizieren als ein Aspekt der partnerzentrierten Haltung seine Wurzeln hat (siehe 6.3.4) Rechtien unterteilt die partnerzentrierte Kommunikation in drei Stufen mit steigendem Schwierigkeitsgrad sowie eine vorangehende Übung.
6.3.1 Kontrollierter Dialog
Der kontrollierte Dialog ist eine Vorübung zur Annäherung an die partnerzentrierte Haltung. Er zeichnet sich durch eine sehr genau vorgegebene Struktur aus, so dass er den Übenden meistens künstlich erscheint und nicht dazu geeignet, diese Methode in alltäglichen Gesprächssituationen zu verwenden. Diese Übung wird meistens mit drei Personen durchgeführt, von denen eine ein Beobachter ist, der auf Einhaltung der Regeln achtet; die anderen beiden Personen werden dazu aufgefordert, sich ein Thema zu überlegen, in dem die Beiden gegensätzliche Positionen vertreten sollen. Eine Person beginnt mit einer
29 vgl. Watzlawick, Weakland, Fisch 1974, S. 26 ff und Watzlawick, Beavin, Jackson 1969, S. 55 f
30 vgl. Rechtien 1995, S. 210 f
31 Rechtien 1995, S. 212
14
Aussage. Daraufhin muss die jeweils antwortende Person immer erst die gerade gemachte Aussage des Gegenübers dem Sinn nach wiederholen und fragen, ob sie das so richtig verstanden habe, bevor sie ihre eigene Meinung erwidern darf.
Meine Kleingruppe besteht aus Christa, der eher stillen Kinderkrankenschwester und Rieke: Wir führen die
Übung dreimal in wechselnden Rollen durch. Als die Reihe an mich kommt, mit einer kontroversen
Aussage zu beginnen, lege ich ein interessantes Thema vor, weil ich die Übung schon einmal während des
Seminars Kommunikation bei Herrn Fengler gemacht habe und es langweilig und etwas künstlich fand,
weil wir so eine abstrakte These gewählt hatten. Es folgt ein interessantes Gespräch über die Bedeutung der
stillen Menschen für die Dynamik in der Gruppe. Es gelingt uns, die Technik fast natürlich in das Gespräch
einfließen zu lassen. Beim anschließenden Austausch über die Erfahrungen in den verschiedenen
Kleingruppen ist zu hören, dass die meisten anderen Teilnehmer die Übung sehr abstrakt finden und für
kaum auf den Alltag übertragbar halten. Aber bei denjenigen, die diese Übung heute erst kennengelernt
haben, herrscht auch einhelliges Erstaunen darüber, wie gering die Menge an Informationen ist, die man
während eines Gespräches abspeichern und wiedergeben kann – und zwar so exakt wiedergeben, dass der
Gegenüber damit einverstanden ist.
6.3.2 Passiv aufmerksames Zuhören
Das passiv aufmerksame Zuhören ist Rechtien zufolge die erste Stufe der partnerzentrierten
Haltung 32 : Hier geht es darum, dem Anderen so konzentriert wie möglich zuzuhören und möglichst die ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Bewerkstelligt wird dies durch alle Aspekte nonverbaler Kommunikation wie Blickkontakt, Körperhaltung, Mimik und Gestik sowie durch einfache Lautäußerungen wie „Aha“, „Hmhm“ usw.
Diese Art der Kommunikation stößt schnell an ihre Grenzen, denn in ihr kann der Sprechende nicht sicher sein, ob seine Botschaft so angekommen ist, wie er sie gemeint hat. Das aktive Zuhören als zweite Stufe der partnerzentrierten Haltung ist eine zuverlässigere Methode gelingender Kommunikation.
6.3.3 Aktives Zuhören
Die Interventionsmethode aktives Zuhören hat die Funktion, das sachliche Verständnis einer Botschaft zu überprüfen. Dies geschieht durch die Anwendung der oben beschriebenen Methode kontrollierter Dialog, indem man diese in ein Gespräch einfließen lässt, aber nicht nach jeder Äußerung, sondern nach Gefühl an denjenigen Stellen eines Gesprächs, an denen genaues Verständnis wichtig erscheint. Rechtien betont hierbei, dass es nicht so sehr darauf ankommt, dass die eigene Paraphrasierung, also sinngemäße Wiedergabe des Gehörten, genau trifft, sondern darauf, dass der Gegenüber auf diese Weise die Chance bekommt, die noch nicht richtig angekommenen Aspekte seiner Botschaft zu wiederholen
32 Rechtien 1995, S. 213
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bzw. die Paraphrasierung zu korrigieren. Die Gefahr von sich einschleichenden sachlichen Missverständnissen wird so jedenfalls verkleinert.
6.3.4 Empathisches Kommunizieren
Die dritte und schwierigste Stufe der partnerzentrierten Haltung ist das emphatische Verstehen und Kommunizieren. (S.214) Hier wird denjenigen Aspekte der Kommunikation besondere Aufmerksamkeit geschenkt, die außerhalb der sachlichen Ebene bzw. des explizit Gesagten liegen. Es geht also sozusagen um das Lesen zwischen den Zeilen – und das ist ein weites Feld: Es kann sich dabei um vergangene, gegenwärtige und zukünftige Situationen, Gefühle, Wünsche, Werte, Erfahrungen, usw. handeln; etwas, das nur angedeutet wird oder nur mitschwingt, sei es, weil der Sprecher sich dieser Gefühle selbst nicht bewusst ist, oder weil er sich aus Angst vor Sanktionen oder der Missbilligung des Zuhörers oder aus anderen Gründen nicht zutraut, seine Meinungen bzw. Gefühle offen zu äußern. Diese verdeckte Kommunikation kann auch einen Appell an den Zuhörer enthalten oder eine Mitteilung auf der Beziehungsebene, so dass es für den Zuhörer besonders wichtig ist, diesen Teil der Botschaft zu entschlüsseln. Beim empathischen Verstehen und Kommunizieren ist es wichtig, dem Anderen möglichst aufrichtig, ohne Vorurteile und mit echtem Interesse zu begegnen. Wie bereits angedeutet, ist diese Haltung von der personzentrierten Haltung nach Rogers abgeleitet, welche drei hierzu analoge Bedingungen für die gewünschte Therapeuten-Klienten-Beziehung stellt,
nämlich Ehrlichkeit, warmherziger Respekt und Zuneigung. 33 In unserem Seminar haben wir diese Haltung innerhalb einer Kleingruppenübung kennengelernt, allerdings mit der Erweiterung, dass wir auch dem Gegenüber Ratschläge geben durften – getreu der Meinung Prof. Fenglers, dass nicht alle Ratschläge Schläge sind:
Der Auftrag an die Kleingruppe lautet: Hilfe suchen bzw. geben mit einem stillen Beobachter. Meine
Gesprächspartnerin ist Lisa, Astrid ist die stille Beobachterin. Ich erzähle von meiner Unsicherheit
gegenüber einem Mann, den ich kürzlich kennen gelernt habe, ob er mich genauso vermisst wie ich ihn, ob
ich verliebt bin... Lisa stellt erst viele Fragen, dann fasst sie zusammen: Einesteils hört sie meine Angst
heraus verletzt zu werden, andererseits kann sie nicht hören, wie er sich mir gegenüber verhält, ob er mir
genug Wertschätzung und Aufmerksamkeit entgegenbringt. Sie rät mir aber auch, gelassen zu bleiben,
frische Liebe kann so schön sein, man kann erst mal viel genießen...
Sie erzählt von ihrer Angst davor, zu viel allein zu sein, zu vereinsamen, obwohl sie gar nicht so oft allein
ist. Ich stelle viele Fragen, versuche das Problem einzuzingeln. Dann beende ich sozusagen den offiziellen
Teil und erzähle von mir, dass ich das von mir selber kenne, aber mittlerweile kein (oder kaum) schlechtes
Gewissen mehr habe, wenn ich mal eine Woche lang ein Buch lese oder ähnliches, sondern das als zu mir
gehörig betrachte.
33 Rogers, Carl 2004, S. 47 - 48
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Hinterher frage ich, ob meine eigene Meinung bzw. meine Erzählung aus meinem eigenen Erleben zu
diesem Thema hilfreich waren für Lisa: sie bejaht.
6.4 Prozessanalyse
Die vierte Interventionsmethode, die Rechtien beschreibt, ist die Prozessanalyse. Hierbei handelt es sich um eine Analyse des Befindens innerhalb der Gruppe an verschiedenen Zeitpunkten der gruppendynamischen Veranstaltung, um auf diese Weise eine Vorstellung des von den Gruppenmitgliedern empfundenen Verlaufs und Erfolgs der Veranstaltung zu bekommen. Die Analyse-Daten können unter Zuhilfenahme unterschiedlicher Mittel wie beispielsweise Fragebögen, Skalen, Soziogramme – also der räumlichen Aufstellung der Teilnehmer nach verschiedenen Kriterien – oder künstlerischer Medien wie dem Malen von Bildern, theaterpädagogischer Elemente etc. erhoben werden. Innerhalb unseres Seminars war wohl der Zeitraum zu begrenzt, als dass die Durchführung einer Verlaufsanalyse unseres gruppendynamischen Prozesses angemessen gewesen wäre.
6.5 Nonverbale Interventionen
Während Feedback, Metakommunikation und partnerzentrierte Kommunikation als klassische gruppendynamische Interventionen auf Sprache angewiesen sind, ist auch der Einsatz theaterpädagogischer, gestalterischer oder anderer künstlerischer Interventionstechniken denkbar, bei denen Sprache nicht immer nötig ist. Prof. Fengler brachte beispielsweise folgende zur Anwendung:
Lisa ergreift das Wort : Sie schätzt sich selbst so ein, dass sie zu wenig aus sich herauskommt, und bittet
die Runde darum, angesprochen zu werden, falls jemand ein Feedback von ihr möchte. Der Seminarleiter
interveniert: Wenn sie mehr herauskommen, aktiv werden möchte, habe sie sich jetzt eine Falle gestellt, da
sie nun weiterhin wartet, bis jemand auf sie zukommt. Ob sie sich ein Tier vorstellen kann, mit dem sie sich
in ihrer Situation identifizieren kann, und ein Tier, das sie gerne wäre? Ihre Antwort: Eine Schnecke und
eine Schnecke mit Flügeln.
Daraufhin gibt Professor Fengler der Gruppe eine Aufgabe: Alle sollen so sitzen bleiben, wie sie gerade
sitzen, und Lisa soll herum gehen und bei jedem eine kleine Veränderung an der Körperhaltung
vornehmen, nur durch Anfassen und ohne dabei zu sprechen. Sie nimmt sich viel Zeit und scheint sich sehr
wohl zu fühlen, da sie konzentriert und vollkommen bei der Sache und ohne Scheu die Aufgabe erfüllt.
7. Kritik
Rechtien erwähnt der angewandten Gruppendynamik gegenüber einige Kritikpunkte: Zum Beispiel werden einige Teilnehmer zu „Gruppenjunkies“, also Menschen, die von Gruppe zu Gruppe reisen und diese intensiven Erfahrungen im künstlichen Raum der Gruppe als Ersatz für ihr unbefriedigendes Alltagsleben nehmen. Weiterhin wurde dem gruppendynamischen
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Laboratorium mangelnder Gesellschaftsbezug vorgeworfen: soziale Probleme würden individualisiert, indem in den gruppendynamischen Übungen der Eindruck vermittelt werde, der Mensch könne nur aus sich heraus alle Konfliktsituationen meiden, indem er ihnen anders begegne. Hierarchien und Arbeitsstrukturen würden dabei außer Acht gelassen, so dass die gelernten Verhaltensweisen kaum auf das Arbeitsleben bzw. den Alltag zu
übertragen seien. 34 Die schwerwiegendste Kritik gilt der Tatsache, dass der potentielle Teilnehmer vorab kaum eine Möglichkeit besitzt, herauszufinden, wie professionell der Gruppenleiter arbeitet bzw. wie gut er ausgebildet ist, denn dies ist kein staatlich geschützter Beruf, sprich jedem ist es erlaubt, eine gruppendynamische Veranstaltung zu leiten.
Meines Erachtens treffen diese Kritikpunkte nicht die gruppendynamischen Verfahren an sich, sondern nur deren angemessene Ausführung bzw. sinnvolle Ergänzung durch Veränderungen auf anderen Ebenen – im sozialen Bereich, im Arbeitsleben usw.. Es ist also wichtig, auch in Zukunft kritische Entwicklungstendenzen ernst zu nehmen.
8. Persönliches Resümee
Aufgrund der relativ kurzen Zeitspanne sowie der Unterbrechung des Gruppengefüges dadurch, dass wir die Abende und Nächte nicht im Tagungshaus verbracht haben, erlebten wir nur ein Bruchteil der gruppendynamischen Entwicklungen, von denen Rechtien und seine Mitstreiter sowie Vorgänger berichten. Dennoch war es eine neue, sehr interessante und emotional dichte Erfahrung für mich, von der ich viel mitnehme. Mich hat überrascht, wie gut diese Gruppe so schnell zusammengewachsen ist, wie intensiv die Gespräche waren und wie nah man den Anderen kam über diese drei Tage. Besonders beeindruckt haben mich einige Interventionen des Seminarleiters, die immer wieder auf sehr kreative Weise einen Zugang fanden zum persönlichen Empfinden des Gruppenmitglieds, das im Mittelpunkt der jeweiligen Intervention stand. Einige Male hat der Seminarleiter auch dadurch für eine gute, entspannte Atmosphäre gesorgt, dass er sein Verständnis für Reaktionen oder Gefühle ausgedrückt hat – ich habe mich während dieser Art Intervention hin und wieder dabei erwischt, dass ich im Stillen ein strengeres Urteil über die Situation und das Verhalten des Einzelnen parat hatte, und erinnerte mich wieder daran, wie gut es der Gruppe und mir selber tut, wenn ich nicht (zu stark) bewerte.
Interessant waren für mich auch besonders die Gespräche mit den stilleren Teilnehmerinnen, die ich, wie mir klar wurde, viel weniger einschätzen konnte als die temperamentvollen, und bei denen ich am Anfang immer vermutete, dass diese sich nicht sehr wohl in der Gruppe fühlen und mit ihrer Schüchternheit kämpfen – das haben mir aber
34 vgl. Rechtien 1995, S. 79ff.
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zumindest zwei Teilnehmerinnen in Kleingruppenarbeiten nicht bestätigt, sondern in überzeugendem Ton erklärt, dass sie sich sehr wohl fühlten.
Zusammenfassend halte ich die angewandte Gruppendynamik für ein wichtiges Instrument, das dem Menschen Gelegenheit gibt, sein Handeln im sozialen Miteinander zu überprüfen und gegebenenfalls in einem geschützten Raum zu ändern. Die „Förderung der individuellen und kollektiven Kreativität und Spontaneität“, so nannte die Aktionsforschung (als ein Vorläufer der angewandten Gruppendynamik, siehe Kapitel 3) ihr Hauptziel – und dies ist eine gute Zusammenfassung meines persönlichen Eindrucks der erlebten gruppendynamischen Prozesse.
9. Literatur
• Fengler, Jörg: Grenzen der Gruppendynamik. In: Bachmann, C.H. (Hg.), Kritik der Gruppendynamik (S. 118-156). Frankfurt, 1981.
• http://www.meistersite.de/pdfs/methodenkoffer/Feedbackregeln.pdf, 16.05.2007, 18:00
• Fengler, Jörg: Handout im Seminar „9018 - Triffst Du nur das Zauberwort: Die Konstruktion wirksamer psychosozialer Interventionen im Helferberuf“. Universität zu Köln, Heilpädagogisches Institut, Wintersemester 2006.
• Rechtien, Wolfgang: Angewandte Gruppendynamik. Ein Lehrbuch für Studierende und Praktiker (2., durchgesehene Auflage). München, 1995.
• Rogers, Carl R.: Entwicklung der Persönlichkeit. Psychotherapie aus der Sicht eines Therapeuten (15. Auflage). Donauwörth, 2004.
• Watzlawick/ Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. Formen Störungen Paradoxien. Bern, 1969.
• Watzlawick/ Weakland/ Fisch: Lösungen. Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels. Bern, 1974.
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Arbeit zitieren:
Dajana Eisermann, 2006, Angewandte Gruppendynamik, München, GRIN Verlag GmbH
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