Inhalt
1. Einleitung 1
2. Bedeutung des Wetters für Fabers technische Welt 1
2.1 Wetter als das berechenbare „Übliche“ 2
2.2 Wetter als unberechenbarer Störfaktor der technischen Welt 3
2.3 Wetter als Bedrohung für Körper, Geist und Seele 4
3. Wetter als symbolischer Spiegel und Katalysator
von Fabers Entwicklungsprozeß 6
3.1 Die Fruchtbarkeitssymbolik 6
3.2 Motive von Vergänglichkeit und Tod 7
3.3 Blindheit und Sehen, Dunkelheit und Licht 10
4. Wetter als (strafende) Schicksalsmacht 14
5. Schluß 15
Literaturverzeichnis 16
1
1. Einleitung
Der von Max Frisch als Titel gewählte lateinische Terminus „homo faber“ definiert einen bestimmten Menschentypus, nämlich jenen Menschen, der „einen tätigen, die Welt technisch, durch Werkzeuge verändernden Bezug zum Dasein hat.“ 1 Offenkundig ist Frischs titelgebender Held Walter Faber der Prototyp eines solchen Menschenbildes, was dazu geführt hat, daß Interpretationen des Homo Faber sich vielfach mit den im Roman dargestellten Wechselbeziehungen zwischen Technik und Mensch befaßt haben. Dies ist sicherlich ein ergiebiger Topos und bietet, ebenso wie die gleichfalls häufig aufgegriffene Schuldproblematik und ihre mythologischen Hintergründe (Faber als Ödipus), geeignete Zugriffsmöglichkeiten auf das Werk. Dennoch soll hier ein anderer Ansatz gewählt werden, der die Darstellung des Wetters in Fabers Bericht in den Mittelpunkt der Analyse stellen will. Wettergeschehen bildet einen kaum wegzudenkenden Teil des Romans; es wird häufig und mit wechselnder Intensität geschildert und scheint eine Vielzahl von Funktionen zu erfüllen. Diese näher zu beleuchten, ist das Ziel der folgenden Arbeit. Dabei soll zum einen auf die Bedeutung eingegangen werden, die Wetter für die Gesellschaft hat, der Faber entstammt, zum anderen sollen aber auch eventuell bestehende Beziehungen zwischen Fabers Persönlichkeitsentwicklung und dem Wetter aufgedeckt werden. Ein solches Vorgehen könnte im Bestfall als ein Weg dienen, den Roman einmal aus anderer Perspektive aufzuschlüsseln und so vielleicht auch Aspekte in den Vordergrund zu rücken, die bislang weniger Beachtung gefunden haben.
2. Bedeutung des Wetters für Fabers technische Welt
Die Welt, in der Walter Faber lebt und deren Repräsentant er ist, ist die moderne Welt, geprägt von Oberflächlichkeit, Rationalismus, Fortschritts- und Technikgläubigkeit. Etwas derart Banales wie das Wetter scheint in einem solchen Weltbild auf den ersten Blick bestenfalls eine Randposition einnehmen zu können. Doch Wettergeschehen ist unweigerlich auch in Fabers Gesellschaft eine omnipräsente Größe, auf die in irgendeiner Form zu reagieren die Menschen gezwungen sind. Wie ihre Reaktionen im Einzelnen aussehen, soll Untersuchungsgegenstand des folgenden Kapitels sein.
1 Der große Brockhaus. Aktualisierte Auflage in 26 Bänden. Bd. 10. Wiesbaden: Brockhaus 1984. S. 46.
2
2.1 Wetter als das berechenbare „Übliche“
Die naheliegende und zugleich pragmatischste Reaktion besteht zunächst einmal darin, Wetter als feste und kalkulierbare Konstante in das alltägliche Geschehen zu integrieren. Dies geschieht in Fabers Gesellschaft vor allem dahingehend, dass man sich dank fortgeschrittener Zivilisationsprich Technik - dem Wetter überlegen fühlt. Wie alles andere auch können meteorologische Phänomene wissenschaftlich erklärt werden und sind somit beherrschbar. Es besteht keine Abhängigkeit mehr vom Wetter. Klimaanlagen schützen vor Hitze, Blitzableiter vor Gewittern, Flugzeuge vermögen sogar, in heftigem Schneefall zu starten 2 , und ermöglichen überdies, innerhalb kürzester Zeit die Klimazonen zu wechseln. Selbst kleine wetterbedingte Störungen der Alltagsroutine sind bereits eingeplant, wenn sie sich aus wissenschaftlichen Analysen ableiten lassen und der statistischen Wahrscheinlichkeit entsprechen. So kann Faber angesichts des holperigen Fluges über der Sierra Madre Oriental nur lapidar feststellen: „Böen wie üblich vor Gebirgen, die normale Thermik“ (19). Oder er kann in der Wüste von Tamaulipas konstatieren: „Ich schlottere, aber ich weiß: in sieben bis acht Stunden kommt wieder die Sonne“ (25). Wetter ist also zum vorhersagbaren Element, zum „Üblichen“ geworden. Es hat scheinbar jegliche Dimension des Geheimnisvollen eingebüßt, so daß selbst den bizarrsten Felsformationen nicht länger mystische Qualitäten zugeschrieben werden müssen, sondern sie mittels wetterbedingter Erosion rational erklärt werden können (24). Die einzig legitime Funktion, die Wetterphänomenen in diesem Rahmen überhaupt noch zukommen kann, ist die des allgegenwärtigen Hintergrunds, der mehr oder weniger dekorativen Kulisse, die mal als Allgemeinplatz der Konversation herhalten muß („[Herbert Hencke] redete über Wetter“ (8)), mal als Unterhaltungsmittel dient („Es wetterleuchtete jede Nacht, unsere einzige Abendunterhaltung“ (39)), oder einfach obligatorischer Bestandteil einer touristischen Bestandsaufnahme wird, wie Fabers ständiges Abfilmen von Sonnenuntergängen und wiederholte Äußerungen wie „Das Wetter war gut“ (76), „Wir hatten phantastisches Wetter“ (107), etc. beweisen. Wetter wird hier zum Konsumgut degradiert, das jederzeit verfügbar ist, bestenfalls als hübsches Beiwerk dient und schlimmstenfalls auf gelangweilte Gleichgültigkeit stößt („lauter kleine Wolken, [...] Farbspiel wie üblich, ich habe es schon oft genug gefilmt“ (15)), in jedem Fall jedoch unter Kontrolle ist. Wie so vieles in Fabers Gesellschaft zeugt auch dieses distanzierte Idealverhältnis zum Wettergeschehen von einer äußerst oberflächlichen Betrachtungsweise, die so nicht aufrechtzuerhalten sein wird.
2 Vgl. Max Frisch: Homo Faber. Ein Bericht. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1977 (= Suhrkamp Taschenbuch 354) S. 7. Im Folgenden werden Zitate der Primärliteratur in Klammern im laufenden Text durch Seitenzahl belegt.
3
2.2 Wetter als unberechenbarer Störfaktor der technischen Welt
Dies wird zunächst immer dann deutlich, wenn der vermeintlich so reibungslose Ablauf der technischen Maschinerie in Fabers Welt durch wetterbedingte Phänomene gestört wird und ins Stocken gerät. In solchen Fällen zeigt sich, wie wenig berechenbar Wetter in Wahrheit ist, und wie fragil sich sämtliche technischen Errungenschaften seiner elementaren Macht gegenüber ausnehmen. Das Motiv des Wetters als Hindernis der Technikwelt unterminiert jegliche Technikgläubigkeit vom allerersten Satz des Homo Faber an: „Wir starteten in La Guardia, New York, mit dreistündiger Verspätung infolge Schneestürmen“ (7). Selbst eine Super-Constellation, der Inbegriff des technischen Fortschritts, muß sich den Elementen unterordnen, und Faber bleibt nichts anderes übrig, als „einfach im Sessel [zu sitzen]“ (7) und zu warten. Da hilft es auch nicht, wenn er später dem „Düsseldorfer“ mit mathematischer Präzision vorrechnet: „Ohne unsere Verspätung wegen Schneesturm [...] wären wir jetzt in Mexico City gelandet“ (16). Die äußere Ordnung wurde unumkehrbar gestört. Auch die bereits angesprochenen Böen, so normal sie auch sein mögen, bringen doch das Wunder-Flugzeug aus dem Gleichgewicht. Und ebenso müssen dessen Reifen nach der Bruchlandung vor der Sonne geschützt werden (21). Faber bringt das wahre Verhältnis zwischen Wettergewalten und „Macht“ der Technik in einer seiner ersten Metaphern wohl eher unbewußt auf den Punkt: „Meine DC-4 nach Mexico City, sie flog gerade über uns hinweg, [...] wo sie im heißen Himmel sich sozusagen auflöste wie in einer blauen Säure“ (35). Beständiger sind die Erzeugnisse der modernen Welt nicht und können es auch nicht sein.
Am deutlichsten wird die unberechenbare Gefahr, die das Wetter für die äußere Ordnung der technischen Zivilisation darstellt, dann allerdings im Dschungel von Guatemala. Der anfängliche Pragmatismus, der Faber die Nutzbarmachung von Palenque mit der Floskel „alles nur eine Frage der Verbindungen“ (15) abtun läßt, entpuppt sich angesichts der dortigen klimatischen Bedingungen sehr bald als schiere Hybris. Gewitter und Regen drohen, die Weiterfahrt zu behindern, da sie die Fährte zerstören (56) und so, ebenso wie das fehlende Mondlicht (69), Orientierungslosigkeit verursachen. Elektrischen Strom gibt es nur bis 21.00 Uhr, danach ist man den weit mächtigeren Energien des Wetterleuchtens ausgeliefert. Das eindrucksvollste Bild von aufgrund des Wetters versagender Technik liefert schließlich der zerlegte Motor des Landrovers, dessen Bestandteile nach heftigen Regengüssen „im Schlamm bereits versunken waren, einfach verschluckt“ (168). Aus all dem ergibt sich, dass die oberflächliche Vorstellung eines durch technische Überlegenheit kontrollierten Wettergeschehens nichts weiter ist als ein Wunschbild. Ganz im Gegenteil stört das Wetter wiederholt das Ordnungssystem der technik- abhängigen Zivilisation und verlangsamt deren „übliche[s] Lebenstempo bis zur absoluten
Arbeit zitieren:
Antje Wulff, 2001, Die Bedeutung des Wetters in Max Frischs "Homo Faber", München, GRIN Verlag GmbH
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