I. Einleitung S. 3
II. Begriffsdefinition und Abgrenzung von antiken und christlichen „Wundern“ S. 3 1) Wunder und Wunderglaube in antiker Zeit S. 3
2) Unglaublichkeiten des neuen Glaubens S. 4
III. Epidauros S. 5
1) Geographische Lage und natürliche Ressourcen
2) Antike Ortsbeschreibung
3) Moderne Grabungen
IV. Quelleneditionen S. 8
V. Asklepios S. 9 1) Ursprung des Mythos S. 9
2) Die Kultentwicklung des Asklepios
3) Halbgott in weiß
VI. Die Wunderheiler und Wunderheilungen in Epidauros
1) Kindsnöte und Kindersegen 2) Chirurgie bei Eiterungen, Geschwüren u. ä. S. 33 3) Chirurgie bei Verwundungen S. 35 4) Augenleiden S. 37 5) Sprachstörungen S. 39 6) Lähmungen S. 40 7) Verschiedene Krankheiten
8) Mantik 9) Erziehungs- und Strafwunder S. 48 10) Weihegaben S. 48 VII. Kultexport und Translatio Asclepii S. 50 1) Filialgründungen S. 50 2) Aus Asklepios wird Aesculap S. 53
VIII. Schlußbetrachtung S. 57
Quellen- und Literaturverzeichnis S. 59
2
I. Einleitung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Inschriften aus Epidauros, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts bei Ausgrabungen entdeckt wurden und die Tempelanlage als eines der erfolgreichsten Zentren antiken Heilpraktikerwesens erscheinen lassen. Dort aufgefundene Steintafeln berichten von zahlreichen Heilwundern, welche vor Ort durch die göttlichen Kräfte des Heilgottes Asklepios gewirkt wurden und Kranke von ihren Gebrechen aller Art nachts im Traum erlösten.
Im folgenden wird nun geprüft, inwieweit zeitgenössische und spätere literarische Quellen Zeugnisse vom medizinischen und religiösen Selbstverständnis der damaligen Zeit liefern und welche Unterschiede, regional und weltanschaulich, das Denken der Menschen in der Antike geprägt haben.
II. Begriffsdefinition und Abgrenzung von antiken und christlichen „Wundern“
1) Wunder und Wunderglaube in antiker Zeit
Bei der Verwendung des Begriffes „Wunder“ muß streng zwischen antikem und christlichem Verständnis unterschieden werden. Denn wenn für uns heute ein Wunder ein Ereignis darstellt, welches nicht mit uns zugänglichem wissenschaftlich rationalen Denkhorizont erfaßbar ist, so begnügten sich die Alten mit einem meist geringeren Grad des Staunens, um ein Phänomen als göttliches Wunder einzustufen. Dieses Staunen als Ursprung allen Philosophierens 1 setzte sie in die Lage, alles Geschehen als Wunder zu begreifen, selbst wenn es in natürlichen Bahnen verlief, da am Ende aller Handlungen der alles bewegende unbewegte Beweger stehe. 2
Für die Iamata in den Tempelbezirken des Asklepios bedeutet dies, daß es für den Geheilten völlig unerheblich war, ob seine Genesung den Naturgesetzen und der Vernunft widersprach „oder nur als unerwartet (paradojon) oder gar als normale Heilung durch den Gott als Arzt aufgefaßt wird, grob ausgedrückt, ob das Wunder 100-, 75- oder 50 prozentig ist. Die
1 Vgl. Plato Theaitetos 155 d, ebenso Arist. Met. I 2, 982 b 12.
2 Vgl. Arist. Met. XII 7, 1072 b 23ff.
3
Feststellung des Grades ist (…) subjektiv.“ 3 Selbst die Hoffnung auf Heilung deuteten die Wundergläubigen unter den Griechen bereits als echtes göttlich gewirktes Wunder. 4
2) Unglaublichkeiten des neuen Glaubens
Die Genügsamkeit des antiken Götter- und Wunderglaubens bereitete dem neuen, christlichen Glauben mit Alleinvertretungsanspruch fruchtbaren Boden, denn „nach dem natürlichen Entwicklungsgesetz der Propaganda müssen mit der Zeit die Prozentsätze (des Wundergehalts) immer höher werden, besonders wenn die Konkurrenz dazukommt. Daher haben die christlichen Wunderheilungen die antiken, was Unmöglichkeit und Absurdität betrifft, weit hinter sich gelassen.“ 5
Bei näherer Betrachtung antiker Iamata und christlicher Epifãneiai fällt jedoch sofort auf, daß beiden der gleiche ursprüngliche Wunderglaube eigen ist, nur mit dem Unterschied, daß der gläubige Christ sich tatsächlich „wundern“, d.h. eine Erfahrung machen will, die außerhalb seines vernunftgeleiteten Erfahrungsschatzes liegt; der antike Sophist hingegen „wußte“, daß sowieso alles von etwas Übergeordnetem, ob man es nun „Gott“ oder sonstwie nennen wolle, ausgehe.
Darüber hinaus waren die Götter auch keine unnahbaren und unfehlbaren Wesen, sondern „durchaus menschlich und unterschieden sich vom Menschen nur durch ihre Unsterblichkeit (…) Moralisch gesehen läßt sich nichts zu ihren Gunsten anführen, und es ist kaum zu verstehen, warum sie eigentlich so verehrt wurden.“ 6 Für die Christen gestaltete sich die Sache da schon viel einfacher, denn deren Gott ist als Mensch zum Wohle der gesamten Menschheit nicht nur einfach gestorben, sondern hat als agnus dei auch noch die gesamte Schuld der Welt auf sich geladen, um die Menschheit zu erlösen. Christus ist ein Gott der Liebe und Vergebung 7 und wirkt deshalb unglaubliche Gnadenwunder. Wer es alttestamentarisch mag, der kennt ihn natürlich auch als Rachegott. Heil- und Strafwunder kannten sowohl Griechen als auch Christen, zentral für das Eintreten eines solchen war der Glaube. Um es mit Augustinus auf eine einfache Formel zu bringen:
3 Herzog, Rudolf: Die Wunderheilungen von Epidauros. Ein Beitrag zur Geschichte der Medizin und der Religion (Philologus, Supplementband XXII, Heft III), Leipzig 1931, S. 51.
4 Ebd. S. 68.
5 Ebd. S. 51.
6 Russell, Bertrand: Philosophie des Abendlandes. Ihr Zusammenhang mit der politischen und der sozialen Entwicklung, Köln 2007, S. 33.
7 Vgl. S.H. Benedikt XVI: Gott ist Liebe. Die Enzyklika: Deus caritas est, Freiburg 2006.
4
Errores interficite, diligite errantes! - Wer glaubt, der wird gerettet, wer nicht glaubt, dem sind die Qualen der ewigen Verdammnis gewiß. Den einzigen Unterschied zwischen christlichem Gott und antiken Göttern bezüglich ihrer Disziplinargewalt bildet ihr Verständnis für guten Humor. Unser Christengott wirkt doch häufig etwas altbacken und behauptet zudem wie „die Götter der meisten Völker (…), die Welt erschaffen zu haben. Diesen Anspruch erheben die Olympier nicht.“ 8 Statt dessen führen sie ein munteres Leben und „halten es für viel bequemer, von ihren Einkünften zu leben und Leute, die nicht zahlen, mit ihrem Blitzstrahl zu treffen. Es sind siegreiche Räuberhäuptlinge, königliche Freibeuter.“ 9 Dieser kleine Exkurs mag vielleicht etwas flapsig anmuten, wird aber im späteren Verlauf, insbesondere bei der Betrachtung der epidaurischen Wunderberichte und dem Ursprungsmythos sowie der Apotheose des Asklepios, hilfreich sein. Wichtig für die weitere Argumentation der hier angestellten Untersuchung bleibt in der Hauptsache die Feststellung, daß bei der Verwendung des Begriffes „Wunder“ das antike, nicht das christliche Verständnis maßgeblich ist, wir also zumeist von Iamata statt Epifãneiai sprechen, sofern nicht ausdrücklich auf andere Termini hingewiesen wird. 10
III. Epidauros
1) Geographische Lage und natürliche Ressourcen
Die Stadt Epidauros liegt auf der griechischen Halbinsel Peloponnes in der Landschaft Argolis. 11 Zahlreiche Weinberge und Ölbaumhaine säumen die Gegend am Fuße des Arachnaiongebirges, welches schon Aischylos in der Mitte des 5. Jahrhunderts in seinem Agamemnon zu preisen wußte. In der Argolis befinden sich zahlreiche heiße Quellen mit einem hohen Schwefel- und Chlornatriumgehalt, die bereits in der Antike für Heilbäder gegen Hautkrankheiten, Rheumatismus und Nervenleiden genutzt wurden.
8 Russell: Philosophie, S. 33.
9 Ebd.
10 Zur Begriffsbestimmung s.: Herzog: Wunderheilungen, S. 49ff.
11 S.: IG IV 2 , Tab. 1.
5
2) Antike Ortsbeschreibung
a) Pausanias in Epidauros
Als der griechische Schriftsteller und Historiker Pausanias, durch das Glück reicher Herkunft begünstigt, in seiner Jugend die weite griechische Welt bereiste, verschlug es ihn auch in die Gegend um Epidauros. Seine dort gewonnenen Eindrücke schildert er in seiner Beschreibung Griechenlands, deren zweites Buch, welches in seiner Gesamtheit die Sehenswürdigkeiten der Gegenden um Korinth, Argolis und der Insel Aigina thematisiert, um das Jahr 165 v. Chr. zu verorten ist.
Bei Lessa schließt das epidaurische Land an das von Argos an. Bevor man aber zur Stadt selbst kommt, gelangt man zum Heiligtum des Asklepios. (Paus. II 25,1)
Zu der Zeit, als das zehnbändige Werk des Pausanias entstand, hatte das Heiligtum des Asklepios seine Blüte schon drei Jahrhunderte hinter sich gelassen. Die einst stolzen und beeindruckenden Tempel waren bereits dem natürlichen Verfall durch Wind und Wetter preisgegeben. Dennoch machte Pausanias einige wichtige Beobachtungen, die Rückschlüsse auf die ursprüngliche Gestalt der gewaltigen Anlage zulassen.
Den heiligen Hain des Asklepios umgeben allerseits Grenzsteine. (…) Die Kultstatue ist halb so groß wie die des olympischen Zeus in Athen und aus Elfenbein und Gold gemacht. (…) Er sitzt auf einem Thron, einen Stab haltend, und die andere Hand hat er über dem Kopf der Schlange, und auch ein Hund ist neben ihm liegend dargestellt. An dem Thron sind die Taten von argivischen Heroen angebracht. (…) Dem Tempel gegenüber ist der Ort, wo die den Gott um Hilfe Bittenden schlafen. (Paus. II 26ff.)
Wir erfahren also, daß es sich bei den Überresten um einen klar umgrenzten Kultbezirk zur Verehrung des Asklepios handelt, dem zur damaligen Zeit ein hoher Stellenwert beigemessen wurde, da seine Statue aus edelsten Materialien gefertigt war und der des Göttervaters Zeus in der Hauptstadt Athen zur Hälfte entsprach. Setzt man Athen und Epidauros, welches im Vergleich zur athenischen Metropole nur Provinz war, einem Größenvergleich aus, so kann geschlußfolgert werden, daß unter diesen Umständen Asklepios in Epidauros eine deutlich höhere Verehrung als Zeus entgegengebracht wurde und es sich bei dem Asklepieion um ein Hauptheiligtum des Gottes handelte. Die Attribute Schlange, Stab und Hund weisen ihn als Naturgottheit aus, welche mit der Heilkraft der Erde die Hilfesuchenden empfängt. Zwar ist an dieser Stelle nicht explizit von Krankheit und Heilung die Rede, doch dürfte die Kenntnis um die Funktion der Anlage als allgemein bekannt vorausgesetzt werden. Auch den Heilvorgang selbst erwähnt Pausanias am Rande, indem er auf das Abaton, also den Ort, wo die Pilger schlafen, verweist.
6
b) Sechs erhaltene Stelai um 165
Wichtig für die Untersuchung der Quellen bezüglich angeblicher Wunderheilungen in Epidauros ist die Passage bei Pausanias, aus der hervorgeht, in welchem Umfang „buchgeführt“ wurde über den Tempelbetrieb, in welche Zeit diese gehören und wie man sich den Betrieb eines solchen antiken Sanatoriums vorzustellen habe.
Innerhalb des heiligen Bezirks standen vor alters viele Stelen, zu meiner Zeit noch sechs. Auf ihnen sind die Namen von Männern und Frauen verzeichnet, die von Asklepios geheilt wurden, und dazu die Krankheit, an der jeder litt, und wie er geheilt wurde. Geschrieben ist das in dorischer Sprache. (Paus. II 27,3)
Der Hinweis, daß die Inschriften innerhalb des heiligen Bezirks in dorischer Sprache abgefaßt sind, hilft bei deren Datierung. So wird im Allgemeinen angenommen, daß diese Stelai aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts stammen und nicht später als 300 terminiert werden können (Kavvadias; Fraenkel; Herzog), weil das Dorische als griechischer Dialekt nicht mehr für offizielle Inschriften verwendet wurde.
3) Moderne Grabungen
Erstmals wiederentdeckt wurden die Stelen bei Ausgrabungen im Jahr 1883, jedoch sollte es noch ein halbes Jahrhundert dauern, bis ein brauchbarer Grabungsbefund und vor allem eine verwertbare Quellenedition der epidaurischen Tafeln vorlag. Von den bezeugten sechs Stelai aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. fand der Archäologe P. Kavvadias bei seinen Grabungen am Ende des 19. Jahrhunderts drei vollständige Stelen und Fragmente einer vierten Platte. Alle Funde befanden sich in sehr schlechtem Zustand, sie waren teils zerbrochen und stark verrieben. 12
Von ihrer Beschaffenheit her läßt sich ein zeitlich begrenzter Entstehungszeitraum ablesen. Allesamt sind die Stelen 1,70 Meter hoch, 0,75 Meter breit und etwa 0,17 Meter stark. Ein einheitliches und durchgängiges Schriftbild unterstreicht die Vermutung, daß die Platten in einem einzigen Entstehungsprozeß ediert und gefertigt wurden. 13
12 Vgl.: Herzog: Wunderheilungen, S. 6.
13 Ebd., S. 2.
7
IV. Quelleneditionen
Der gesamte edierte Bestand des bei den Grabungen geborgenen Materials findet sich erstmals zusammengefaßt in den Inscriptiones Epidauri von Hiller von Gaertringen, die als Inscriptiones Graecae IV 2 1 alle bis zum Jahr 1929 katalogisierten und edierten Fundstücke berücksichtigen. 14
Darüber hinaus enthalten die IG IV 2 1 Kartenmaterial zur antiken Lage der Stadt, sowie Lagepläne der Tempelanlagen und Ausgrabungsorte. Photos, Faksimila der Fundstücke und Abklatschskizzen ermöglichen eine Überprüfung der Editionen „am Original“ und vermitteln einen bildhaften Eindruck der Funde. Aufgrund dieser Gesamtausgabe der epidaurischen Inschriften ist es gelungen, die siebzig Wunder auf den erhaltenen Stelen als geschlossenes Ganzes untersuchen zu können.
Bei der anschließenden Betrachtung der Heilwunder des Asklepios wird im Verlauf dieser Arbeit hauptsächlich die Ausgabe R. Herzogs (Wunderheilungen, 1931) herangezogen, welcher das erhaltene Material durchnumeriert (W 1 bis W 70 + weitere Wunder, die nicht auf den Stelai verzeichnet sind) und nach inhaltlichen Motiven geordnet mit einem ausführlichen Kommentar versehen hat.
Eine textkritische und ebenfalls reichbebilderte und faksimilierte Ausgabe jüngeren Datums liefert W. Peek in zwei Teilen. Teil I (Inschriften aus dem Asklepieion von Epidauros) kommentiert kritisch anhand zahlreicher Faksimila und Transkriptionen die bis dato (1969) vorliegenden Ausgaben von Hiller, Fraenkel, Klaffenbach u. a.; Teil II verzeichnet die neueren Funde bis ins Jahr 1972 in ähnlicher Aufmachung.
Für die Beurteilung der Fundstücke bezüglich ihres Quellenwertes ist also hinreichend Material und kommentierende Forschungsliteratur, die i. d. R. einheitliche Ergebnisse liefert, vorhanden, was eine Quellenkritik zu den Wunderheilungen in Epidauros zwar einerseits erleichtert - wenn nicht gar überflüssig macht -, andererseits jedoch dazu verleitet, durch mehr oder weniger geschicktes Paraphrasieren über den Mangel neuer Betrachtungswinkel hinwegzutäuschen.
Aus diesem Grund ruht der Schwerpunk dieser Arbeit, auf die Gefahr hin, dem geneigten Leser doch nur ein fassungsloses Kopfschütteln abzuringen, nicht auf den epidaurischen Zeugnissen selbst, sondern vielmehr auf dem durch sie Bezeugten.
14 Die IG IV 2 1 setzt ergänzend die Kenntnis der Ausgaben Fraenkels (IG IV, 1902), Dittenbergers/Weinreichs (Syll. IG, 1920) und Kavvadias (É Εϕηµερ¤wÉ ArxaiologikÆ, 1918) voraus.
8
V. Asklepios
1) Ursprung des Mythos
Die erste literarische Erwähnung des Arztes Asklepios findet sich indirekt in der Ilias Homers aus dem 8. Jahrhundert. An mehreren Stellen schildert der Dichter ärztliche Eingriffe bei Verwundeten während des Trojanischen Krieges. Homer beschreibt den Arzt als Fürsten von Trikka, Oichalia und Ithome 15 , also der nordwestthessalischen Teillandschaft Hestiaiotis, gemeinsam mit seinen beiden Söhnen Podaleirios und Machaon, 16 wobei letzterer die „entscheidende Rolle“ 17 innehat. Als Menelaos auf Initiative der Götter von einem trojanischen Pfeil leicht verwundet wird, befahl Agamemnon: Die Wunde aber soll der Arzt abtasten und Kräuter Auflegen, die stillen werden die schwarzen Schmerzen. …
Talthybios! eilends rufe den Machaon hierher, Den Mann, des Asklepios Sohn, des untadeligen Arztes, Daß er nach Menelaos sehe, dem streitbaren Sohn des Atreus, Den einer mit dem Pfeil traf, der sich gut versteht auf den Bogen, Von den Troern oder Lykiern, ihm zum Ruhm, uns aber zur Trauer. (Hom. Il. IV, 190ff.)
Die Stelle belegt, daß schon in archaischer Zeit ein Arzt namens Asklepios für seine Heilkunde bekannt gewesen sein muß und die Erwähnung Machaons als dessen Sohn eine Ärztedynastie vermuten läßt. Auch über die Heilmethoden der „untadeligen Ärzte“ bringt Homer einiges in Erfahrung:
Und alsbald zog er (sc. Machaon) aus dem gefügten Gürtel den Pfeil, Und wie er ihn herauszog, brachen rückwärts ab die scharfen Haken. …
Aber als er die Wunde sah, wo eingedrungen war der bittere Pfeil,
15 Homer: Ilias, übersetzt v. Hans Rupé, Bd. 2, Nördlingen 1948, S. 477.
16 Benedum (Asklepios und Demeter, S. 149.) verweist auch auf die Unterstützung seiner Töchter Demeter und Hygieia: „Es kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, wann Asklepios die weiblichen Mitglieder in seine Familie aufnahm, die seit dem frühen 4. Jahrhundert v. Chr. mit ihm genannt und dargestellt werden. Während Podaleiros und Machaon schon in der Ilias begegnen, kamen wahrscheinlich um die Mitte des 5. Jahrhunderts die Töchter Akeso, Iaso, Panakea und Aigle hinzu. Es handelte sich wohl um ursprünglich unabhängige Göttinnen des Heilens, die nun seinen Wirkungskreis erweiterten. Gegen Ende des Jahrhunderts folgte, wahrscheinlich in Titane, die Personifizierung der Gesundheit, Hygieia.“
17 Benedum, Christa: Asklepios - Der homerische Arzt und der Gott von Epidauros, in: Müller, Carl Werner (Hrsg.): Rheinisches Museum für Philologie. Neue Folge (Bd. 133), Frankfurt/Main 1990, S. 210.
9
Sog er aus das Blut und streute kundig darauf lindernde Kräuter, Die seinem Vater einst wohlgesonnen gegeben hatte Cheiron. (Hom. Il. IV, 213ff.)
Der Dichter erweckt den Eindruck, als sei die ärztliche Praxis weniger auf ein fundiertes empirisches Fachwissen denn auf göttliche Bestimmung zurückzuführen. Asklepios und seine Nachfolger sind demnach Auserwählte der Götter, denen eine Offenbarung zuteil wird, in diesem Falle durch den Zentauren Cheiron, Sohn des Kronos und Halbbruder des Zeus. Dieser ist ein Freund der Götter, gilt im allgemeinen als weise und heilkundig. Der Sage nach war er der Lehrmeister des Asklepios, der diesem das Wissen um die menschliche Physis und gleichzeitig die Kraft zu Heilungen aller Art vermittelte. Wollt´ ich doch, daß Cheiron, der Philyra Sohn -Wenn von uns dies Wort von der Zunge erschalln darf, was gemeinsam Aller Wunschnoch sei, der Geschiedene, da!
Herrschte der Sohn er des Uranossohnes, der weithinmächtige Waldkentaur, im Thalgrund Pelions noch,
freundlich stets uns Menschen gesinnt! wie er einst aufnährte den sanften Erbauer des Heils schmerzensfrei und gliederstark, Asklepios, ihn, den beschirmenden Hort für alle Krankheit. (Pind. P. 3, 1-7)
Auf die Asklepiosrezeption bei Pindar wird noch an späterer Stelle einzugehen sein. Vorläufig soll das Arztbild Homers im Vordergrund stehen.
Schon zur damaligen Zeit wurde dem Arztberuf ein hoher Stellenwert beigemessen, was die folgende Passage bei Homer verdeutlicht. Inzwischen beginnt der dritte Kampftag und Agamemnon verzeichnet beachtliche Erfolge, sodaß Furcht unter den Achaiern ausbricht, denen noch der Schrecken von Menelaos´ Verletzung in den Gliedern steckte, die ihm „Alexandros, der Gatte der schönhaarigen Helena“ beigebracht hatte. Idomeneus spricht zu Nestor:
Nestor, Neleus-Sohn! du großer Ruhm der Achaier! Auf! besteige deinen Wagen, und neben dir soll Machaon Aufsteigen, und lenke eiligst zu den Schiffen die einhufigen Pferde! Denn ein ärztlicher Mann wiegt viele andere auf, Pfeile herauszuschneiden und lindernde Kräuter aufzustreuen. (Hom. Il. XI, 510ff.)
Sicherlich wird sich die Tätigkeit eines Feldschers nicht im Pfeileherausziehen und Kräuteraufstreuen erschöpft haben, doch zeigt diese Stelle, daß wenigstens auf dem Schlachtfeld die Arbeit der Knochenflicker sehr gefragt gewesen ist. Über zivile Tätigkeiten der Ärzteschaft erfahren wir in der Ilias jedoch nichts. Der Wert eines Arztes, dessen Können der Dichter mehrfach als „untadelig“ (f«tÉ ÉAsklhpioË uflÚn ãmÊmonow fiht∞row) beschreibt, bemißt sich bei Homer anhand seiner Fähigkeit zur Wiederherstellung der Einsatzbereitschaft bei Ausfällen innerhalb der kämpfenden Truppe. „Der Homerische Arzt ist (…) Wundarzt,
10
dem das Versorgen der Schußwunden obliegt.“ 18 Allerdings fällt auf, daß Machaon nur die Menschen medizinisch versorgte, wohingegen der Götterarzt sowohl in Ilias als auch Odyssee Paian gewesen ist, 19 der erst später mit Apollon und dann Asklepios verbunden wurde, 20 wenngleich Heilmethoden und Verwundungen denen des Menschen identisch sind. Welche Rolle der homerische Asklepios tatsächlich spielte, ob er „eine untergeordnete, möglicherweise lokale Gottheit, eine heroische Königsgestalt oder einfach nur ein berühmter Arzt“ war, lassen die Zeugnisse Homers offen. 21 Riethmüller wähnt, daß die in der Ilias „geschilderten politischen Verhältnisse nicht die homerische, also spätgeometrische Realität widerspiegeln, sondern die mykenische Welt oder den Zustand in den Dark Ages, am ehesten den Zeitraum zwischen dem Niedergang der mykenischen Kultur in SH III C und der frühprotogeometrischen Zeit.“ 22
Spätestens seit Homer galten die Asklepiaden als Wanakes, d. h. Heroen oder Fürsten von Hestiaiotis, allerdings macht der Dichter keine Aussage dazu, ob die Söhne des Asklepios ihrem Vater in Trikka in der Königsherrschaft nachfolgten. Ärzte waren sie auf jeden Fall. „Mit hoher Wahrscheinlichkeit war der epische Asklepios also eine heroische, Agamemnon
18 Ebd.
19 Hom. Il. V, 398-404.: Eilends stieg er (sc. Hades) zum Hause des Zeus und dem hohen Olympos, Trauernd im Herzen, von Qualen gepeinigt; war doch der Pfeil ihm Tief in die mächtige Schulter gedrungen und ließ ihn verzagen. Doch Paieon legte ein linderndes Kraut auf die Wunde, Daß er genas; denn es war kein sterbliches Los ihm beschieden. Kühner, entsetzlicher Mann, der frech, nicht achtend des Frevels, Seinen Bogen auf Götter gespannt, des Olympos Bewohner!
- Hom. Il. V, 898-904.: Also Zeus. Er gebot dem Paieon, jenen (sc. Ares) zu heilen. Und Paieon tat auf die Wunde lindernde Kräuter, Daß er genas! denn nicht war sterbliches Los ihm beschieden. Schnell wie die weiße Milch von Feigenlabe sich eindickt, Flüssig zuvor, doch bald gerinnt sie unter dem Rühren: Also schloß sich die Wunde sofort dem tobenden Ares.
- Hom. Od. IV, 220-232.: Siehe sie warf in den Wein, wovon sie tranken, ein Mittel Gegen Kummer und Groll und aller Leiden Gedächtnis. Kostet einer des Weins, mit dieser Würze gemischet; Dann benetzet den Tag ihm keine Träne die Wangen, Wär´ ihm auch sein Vater und seine Mutter gestorben, Würde vor ihm sein Bruder, und sein geliebtester Sohn auch Mit dem Schwerte getötet, daß seine Augen es sähen. Siehe so heilsam war die künstlichbereitete Würze, Welche Helenen einst die Gemahlin Thons Polydamna In Aigyptos geschenkt. Dort bringt die fruchtbare Erde Mancherlei Säfte hervor, zu guter und schädlicher Mischung; Dort ist jeder ein Arzt, und übertrifft an Erfahrung Alle Menschen; denn wahrlich sie sind vom Geschlechte Paieons.
20 Vgl.: Riethmüller: Asklepios, S. 33.
21 Ebd.
22 Ebd., S. 35.
11
oder Menelaos vergleichbare Königsgestalt und zugleich ein in der Heilkräuterkunde versierter Arzt - kein Gott.“ 23
Als zeitnahe Quelle für den Asklepiosmythos während der Hochphase im 5. Jahrhundert in Epidauros können wir Platon bemühen, der das Wirken des Arztes aus Sicht eines Staatsmannes beschreibt. In seinen Meisterdialogen der Politeia erklärt er das Aufkommen des Ärzteberufes mit der Verrohung der Sitten, des allgemeinen Verfalls und der Notwendigkeit, diesen Übeln Einhalt zu gebieten. Krankheiten haben für ihn keine körperlichen Ursachen, sondern sie sind Ausdruck innerer Verderbtheit der menschlichen Seele. So wie Zügellosigkeit im Staatswesen das Entstehen vieler Gerichtsstätten nach sich ziehe, so beschleunige der Sittenverfall die Verbreitung von Krankheiten und somit eine stetig steigende Bedeutung der Heilkunde und Arzneiläden. 24 Der Meister findet deutliche Worte: Kann es aber einen schlagenden Beweis von der schlechten und schimpflichen Erziehung in einem Gemeinwesen geben, als daß vorzügliche Ärzte und Richter nötig sind nicht allein für die unteren Stände und Handwerker, sondern auch für solche, die dafür gelten wollen, daß sie auf eine eines Freien würdige Weise erzogen seien? (Plat. Pol. 405 B)
Offenbar schien auch zu Platons Zeiten der alte Adel degeneriert gewesen zu sein, und man suchte gesunde Geister in gesunden Körpern vergeblich. Daß auch schon vor über zwei Jahrtausenden früher alles besser gewesen sein müsse, belegt folgende Stelle, in der Platon auf den homerischen Arzt zu sprechen kommt:
Und dann, fuhr ich fort, der Heilkunde zu bedürfen, wenn nicht etwa wegen Wunden oder Krankheiten, wie sie jedes Jahr vorkommen, sondern infolge von Faulheit und einer Lebensweise, wie wir sie beschrieben haben, mit Flüssen und Winden wie ein See sich zu füllen, daß die feinen Jünger des Asklepios genötigt sind, die Namen B l ä h u n g e n und K a t a r r h e für die Krankheiten zu geben, - scheint dir das nicht schimpflich? Allerdings, versetzte er, sind das in der Tat neue und wunderliche Krankheitsbezeichnungen. Dergleichen es, sagte ich, zu Asklepios´ Zeiten wohl nicht gab. 25 (Plat. Pol. 405 B)
23 Ebd., S. 37.
24 Plat. Pol. 405 B.
25 Sicherlich mag Platon dieser Idealvorstellung angehangen haben, daß in ältester Zeit diese Krankheitsformen nicht existierten. Hippokrates dagegen kannte sie schon sehr genau und auch ihre Ursachen: Ein übermäßiges Unwohlsein befällt sie, wenn sie nur einen, ja nicht einmal einen ganzen Tag lang ihre Gewohnheit ändern - sei es die eine oder die andere. Falls sie nämlich entgegen der ihnen zuträglichen Gewohnheit frühstücken, fühlen sie sich sogleich matt und schlaff im Körper wie im Kopf, sie gähnen gern, sind schläfrig und durstig. Nehmen sie dazu noch die Hauptmahlzeit, entstehen Blähung, Bauchgrimmen und Durchfall. (Hippokr. vet. med. 10.)
12
Platons Asklepiosbild trägt klare Züge der homerischen Idealgestalt des trojanischen Feldarztes und grenzt sich von modernen Leiden einer von Völlerei geprägten Gesellschaft ab. Der römische Komödienkopist Plautus kennt in seinen heiteren Stücken um das Jahr 200 v. Chr. hierfür das sehr bezeichnende Wort pergraecari. 26 Auch Platon wird das Verhalten seiner Landsleute nicht unbedingt als vorbildlich bezeichnet haben. Wenn es heißt: Ein Zimmermann (…) wird, wenn er krank ist, von dem Arzte einen Trank begehren, um die Krankheit herauszubrechen, 27 so tritt der Unterschied zu einem Herausziehen des gegnerischen Pfeils aus der tapferen stählernen Heldenbrust vor den Mauern Trojas deutlich zutage. Benedum konstatiert treffend, daß die asklepische Medizin mit den „neuen, durch Verweichlichung entstandenen Krankheitserscheinungen (…) und der zeitgenössischen Medizin nichts zu tun hat. Denn diese Krankheiten sind nicht Verwundungen, sondern sie sind aus Faulheit oder einer falschen Lebensweise entstanden, aus eigenem Verschulden und gelten darum für Platon (…) für verwerflich.“ 28
Auf den Punkt gebracht lautet Platons Parole zur Wahrung der Volksgesundheit in seiner Utopie des idealen Staates: „Maß halten!“, was sich in der Behandlungsmethode diätischer Kuren bei Vertretern der Knidischen und Koischen Schule seinerzeit äußerte. Daß jedoch die Genügsamkeit - zur Tugend erhoben - nicht jedem Zeitgenossen ein probates Mittel war, wird in Platons Äußerungen deutlich. 29 Wie sehr dagegen mußte ein „tadelloser Arzt“, der imstande war, die siechen Leiber zu heilen, als Retter des Vaterlandes erscheinen, wenn nur seine Kunst allgemein praktiziert und dem Rat des Apothekers folgegeleistet würde. Als einen rechten Staatsmann beschreibst du da den Asklepios, bemerkte er. Offenbar, versetzte ich; und seine Söhne dürften beweisen, daß er ein solcher war. (Plat. Pol. 407 E)
Es folgt der Hinweis auf die Verwundung des Menelaos durch Pandaros und die Verarztung durch Machaon, der in den Augen Platons „ein sehr feiner Kopf“ 30 und überhaupt ein Mann mit Prinzipien gewesen sei, denn:
Daß ein Zügelloser am Leben bleibe, das (…) fromme weder diesem noch den übrigen, und für diese dürfe ihre Kunst nicht sein und sie nicht heilen, auch wenn sie reicher wären als Midas. (Plat. Pol. 408 C)
26 Büchner: Literaturgeschichte, S. 89.
27 Plat. Pol. 407 A.
28 Benedum: Arzt und Gott, S. 211.
29 Vgl. ebenso: Celsus, De medicina, Prooem.: Es ist auch wahrscheinlich, daß man, obschon es keine Mittel gegen die Krankheit (sc. den Zorn der unsterblichen Götter) gab, meistens die Gesundheit wiedererlangte dank einer zuchtvollen Lebensführung, welche weder durch Müßiggang noch durch Ausschweifung verdorben war. Denn diese beiden Laster haben den Menschlichen Leib zuerst in Griechenland, darauf bei uns (sc. Römern) entkräftet, und darum bringt unsere Medizin, die doch so vielseitig ist - aber weder früher notwendig war, noch bei anderen Völkern heute notwendig ist -, bei uns kaum einige wenige bis an die Schwelle des Alters.
30 Plat. Pol. 407 E.
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Sven Lachhein, 2008, Wunderheilungen in Epidauros, München, GRIN Verlag GmbH
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