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Inhaltsverzeichnis
I. Literarische Texte im Unterricht Deutsch als Fremdsprache (DaF)
1. Von der audiolingualen Methode zur interkulturellen Didaktik 4
2. Rezeption und (interkulturelles) Verstehen literarischer Texte 5
3. Verfahren des Umgangs mit literarischen Texten 10
4. Märchen als Textsorte 14
II. Der Fundevogel von Grimm und Härtling: Beispiel einer Didaktisierung
f ür die Mittelstufe/Oberstufe
1. Beschreibung der geplanten Unterrichtseinheit
1.1 Lernerinnengruppe und Zeitrahmen 16
1.2 Lernziele 18
1.3 Pre-reading activities 19
1.4 Brüder Grimm, Fundevogel 20
1.4.1 Reading activities 20
1.4.2 Post-reading activities 21
1.5 Peter Härtling, Fundevogel 22
1.5.1 Listening/Reading activities 22
1.5.2 Post-reading activities 26
2. Auswertung der Teile 1.3 und 1.4 der Unterrichtseinheit
2.1 Pre-reading activities 26
2.2 Reading activities 28
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III. Literaturverzeichnis
A1) Mindmap "Märchen" 34
A2) Textabschnitte Grimm, Fundevogel und Fortsetzung 36
A3) Arbeitsblätter "Märchenmotive" 41
A4) Arbeitsblatt Vergleich Inhalt /Struktur 43
A5) Gruppe 1, Mindmap Präsentation 45
A6) Gruppe 2, Mindmap Präsentation 46
A7) Zeichnerische Umsetzung einer Deutschlernerin aus Korea 47
I. Literarische Texte im Unterricht Deutsch als Fremdsprache (DaF)
1. Von der audiolingualen Methode zur interkulturellen Didaktik
In den 70er und 80er Jahren geriet die audiolinguale Methode, deren Anliegen in erster Linie darin besteht, bei den Fremdsprachenlernern mündliche Fertigkeiten auszubilden, in die Kritik. Als Folge fand - unter anderen Vorzeichen als bei der Grammatik-Übersetzungsmethode - eine erneute Hinwendung zum Lesen in der Fremdsprache statt. 2 Damit gewannen auch literarische Texte wieder eine größere Bedeutung, weil man in dieser Textsorte Möglichkeiten erkannte, neu ins Blickfeld geratene Ziele beim Fremdsprachenlernen besser umsetzen zu können. 3 Die audiolinguale Methode hatte mit ihrer Betonung des Sprachkönnens (pattern drills) und der primären Fähigkeiten Hören und Sprechen literarische Texte größtenteils vernachlässigt. 4 Autoren wie Piepho, Kast und Löschmann haben Kritik an diesem Konzept kommunikativer Kompetenz geübt, das die Fähigkeit des Sprechens in der Fremdsprache zum obersten Lernziel erklärt. Vielmehr fördere Literatur im Unterricht die Entwicklung der allgemeinen Lesefähigkeit, spreche die Lerner in persönlicherer Form an als dies Sachtexte tun und wirke motivierend auf das Erlernen einer Fremdsprache, da das Lesen von Literatur Vergnügen bereite. Der kommunikative Ansatz könne dadurch sogar besser realisiert werden. 5
Der literarische Text dient seit den 70er Jahren im DaF-Unterricht als Diskussionsgrundlage für eine sprachliche Beschäftigung mit den Problemen der Zielsprache. Vor diesem Hinter-grund wurden literarische Texte ausgewählt, die "Perspektiven des modernen Lebens aufzeigen und Kunde von den Erscheinungen und Hintergründen der Kultur und den wirtschaftlichen, technischen und sozialen Befindlichkeiten geben". 6 Der zu dieser Zeit dominierende kommunikative Ansatz mit seinem übergeordneten Lernziel der 'kommunikativen Kompetenz'
1 Bredella 1990, 582.
2 Ehlers 1998, 110.
3 Ehlers 2001, 1334.
4 Neuner/Hunfeld 1993, 45-61.
5 Ehlers 2001, 1334.
6 Beuers 1989, 125.
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stand ganz unter dem Zeichen des Pragmatismus, weshalb Literatur im Fremdsprachenunterricht nicht in ihrem ästhetischen Wert gewürdigt, sondern überwiegend zu Sprachlernzwecken herangezogen wurde. 7
In den 80er Jahren bestand schließlich wieder Einigkeit darüber, Literatur im Fremdsprachenunterricht einzusetzen. 8 Mit den Forschungszweigen der interkulturellen Germanistik und der damit einhergehenden Hermeneutik der Fremde erlangen literarische Texte unter dem Aspekt der Bedingungen fremdkultureller Rezeption einen neuen Stellenwert. 9 Der interkulturelle Ansatz konnte aufzeigen, dass das pragmatisch-funktionale Konzept den Anforderungen eines DaF-Unterrichts in zielsprachenfernen Ländern und kulturell unterschiedlich geprägten Regionen nicht genügt. Es gilt als besonders gewinnbringend, den Schülern fiktionale Texte nahezubringen, da diese in ihrem Bezug zur Welt 'offener' seien und subjektiv gedeutet werden könnten. Es findet beim Rezeptionsprozess eine Vermischung von eigenem Weltverständnis und der fremdkulturellen Welt des Textes statt. Dies ermöglicht dem Lerner einen direkteren emotionalen Bezug zum Gelesenen. 10
2. Rezeption und (interkulturelles) Verstehen literarischer Texte
Seit den 70er Jahren haben Überlegungen aus der Rezeptionsästhetik - die wiederum Bezüge zur Hermeneutik aufweist - eine nachhaltige Wirkung auf die Fremdsprachendidaktik ausgeübt. Der Grundgedanke der Rezeptionsästhetik besteht darin, dass der Text seine Bedeutung erst durch den Lesevorgang - die Interaktion zwischen Leser und Text - erhält. Unter dieser Voraussetzung nimmt der Leser den literarischen Text aus seiner persönlichen Perspektive wahr und konkretisiert dessen Sinnpotential auf dem Hintergrund seiner Erfahrungen und kulturellen Prägungen. Der Text dient als Anlass für die persönlichen Reaktionen des Lesers während des Leseprozesses. 11 Die Rezeptionsästhetik richtet das Hauptaugenmerk nicht länger auf das Produkt - den Text - sondern auf den Leser. Dem Leser erschließt sich die ästhetische Erfahrung beim Lesen (aesthetic reading) erst, nachdem er das informationsentnehmende Lesen (efferent reading) hinter sich gelassen hat. 12 Nach der Aufnahme der grundlegenden faktenbezogenen Aussagen des Textes kann er zu einem ästhetischen Lesen fortschreiten, bei dem die Beziehung zwischen Objekt und Rezipient ins Blickfeld gerät. Bredella spricht von der ästhetischen Distanz, die der Leser einnehmen muss, um die Wirkung des Gegenstandes zu erfahren und diesen nicht mehr als Mittel einzusetzen, ein unmittelbares Interesse zu befriedigen. Der Gegenstand wird nun um seiner selbst willen wahrgenommen. 13
Ästhetische Erfahrung lässt sich am besten im Umgang mit literarischen Texten üben. Beim informationsentnehmenden Lesen ist die Sprache das Medium, ihr selbst wird nur soviel
7 Ehlers 2001, 1334; Neuner/Hunfeld 1993, 84, 99.
8 Ehlers 2001, 1335, Huneke/Steinig 2002, 83 f.
9 Heyd 1997, 119.
10 Neuner/Hunfeld 1993, 117, 120.
11 Heyd 1997, 121 f.
12 Bredella 1996, 129.
13 Bredella 1996, 130.
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Aufmerksamkeit wie nötig entgegengebracht. 14 Um an Informationen zu gelangen, müssen wir nicht von intensivem Lesen Gebrauch machen. Damit unsere Aufmerksamkeit auf die Sprache gelenkt wird, setzt die Literatur ein Verfahren ein, dass Šklovskij 'Verfremdung' nennt. 15 Es geht in der Literatur nicht wie in der alltäglichen Wahrnehmung um Wiedererkennen, sondern um eine erschwerte Form der Wahrnehmung, die gewohnte Sehweisen und Zugänge unterläuft. Es ist die pädagogische Zielsetzung, den Leser zu neuen Sinnbildungen zu veranlassen. 16
In der Sichtweise der Rezeptionsästhetik zeichnen sich literarische Texte gegenüber Sachtexten durch ihre Offenheit aus. Sie weisen Unbestimmtheits- und Leerstellen auf, die der Leser ausfüllen muss, damit er dem Text überhaupt einen Sinn verleihen kann. 17 Literarische Texte lassen sich jedoch nach dem Grad ihrer Offenheit unterteilen: geschlossene Texte sind in der Regel für eine bestimmte Zielgruppe geschrieben und können aus unterschiedlicher Perspektive gelesen werden, wogegen offene Texte die Schemata des Lesers in stärkerem Maße irritieren, da sich ihre fiktionale Welt nicht beliebig auslegen lässt und der Leser ihren Strategien und Anweisungen folgen muss. 18
Das Aufnehmen und Verarbeiten neuer Informationen erfolgt in Interaktion mit unseren auf Vorwissen beruhenden Schemata. 19 Deshalb genügt es auch nicht, beim fremdsprachigen Leseprozess überwiegend bottom-up Prozesse zu fördern. Dies geschieht durch eine Vorgehensweise, die sich zunächst auf die sprachlichen Schwierigkeiten konzentriert und dann zu Fragen des Inhalts und der Interpretation fortschreitet. Das Verstehen soll sich mit Hilfe einzelner Module Schritt für Schritt von unten aufbauen. Bei zu starker Berücksichtigung der bottom-up Prozesse besteht die Gefahr, sich in sprachlichen Schwierigkeiten zu verlieren und darüber den Sinn des Textes zu vernachlässigen. 20
Hingegen kommt nach den Erkenntnissen der Schema-Theorie das Verstehen vom entgegengesetzten Pol - durch sogenannte top-down Prozesse - zustande. Der Verstehensprozess beginnt mit den Konzepten, den Schemata des Lesers und leitet daraus Erwartungen über künftige Inhalte und Strukturen ab. Stimmen diese mit den Informationen des Textes überein, hat das Verstehen zufolge. 21 Übungsformen, die top-down Prozesse initiieren, können während der Lektüre das wörtliche und inhaltliche Verstehen erleichtern. Top-down Prozesse sind besonders für fremdsprachliche Texte bedeutsam, da die Schemata des Lernenden einerseits die Vieldeutigkeit von Ausdrücken eingrenzen und ihn andererseits veranlassen, sein eigenes Wissen zu den Aussagen des Textes in Beziehung zu setzen. 22 Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass im Leseprozess von Anfang an die top-down Prozes- 14 Bredella1996, 132.
15 Šklovskij 1984, 13.
16 Bredella 1996, 132.
17 Heyd 1997, 122.
18 Bredella 1990, 570.
19 Bredellas Ansatz rekurriert auf die Schema-Theorie aus der kognitiven Psychologie und Psycholinguistik, um die Besonderheiten der Rezeption literarischer Texte zu erläutern. Mit 'Schema' wird unser Vorwissen bezeichnet, in das wir das Wahrgenommene einordnen, um es zu verstehen. Unsere verinnerlichten Schemata versetzen uns erst in die Lage, dem Gelesenen einen Sinn abzugewinnen (Bredella 1990, 563).
20 Bredella 1990, 571. Bottom-up Prozesse können auch als 'datengeleitet' bezeichnet werden.
21 Ehlers 1998,129.
22 Bredella 1990, 575. Top-down Prozesse sind 'konzeptgeleitet'.
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se im gleichen Maße aktiviert werden sollten wie die gegenläufigen bottom-up Prozesse, um einen dialektischen Verstehensprozess zu ermöglichen, in dem die eigenkulturellen Konzepte durchaus fragwürdig werden können. 23
Ehlers bezieht sich auf Publikationen von Hunefeld und Weinrich aus den 80er Jahren, die beide davon ausgehen, dass die besondere Lesestrategie des fremdsprachigen Lernendender Texte im Allgemeinen langsamer und mit größerem Aufwand als der Muttersprachler liest und entziffert - den Anforderungen entgegenkomme, die Literatur mit ihren Irritationen und Verfremdungen an den Rezipienten stelle. 24 In den erschwerten Rezeptionsbedingungen liegt auch eine Chance für das Verstehen, da der fremdkulturelle Leser gerade damit rechnet, auf Verstehenshemmnisse zu stoßen, die er als Teil des eigenen Lernprozesses zu überwinden trachtet. Es gelten bei dieser Begegnung mit Ungewohntem nicht länger dieselben Erwartungen, die er literarischen Texten in der Muttersprache gegenüber hat. 25 Auch für die Unterrichtspraxis beinhaltet die fremdkulturelle Leseposition positive Aspekte: das Einbringen der eigenen Sehweise kann vielfältige Kommunikationsanlässe bieten, z. B. durch das Vergleichen der eigenen mit alternativen Verstehenszugängen. 26 Das interkulturelle Konzept geht davon aus, dass der fremdsprachige Lernende bei der Beschäftigung mit literarischen Texten auch die damit verknüpften kulturellen Konzepte und Wissensinhalte aufnimmt. In einem wechselseitigen Prozess reflektiert er über die unbewusst erworbenen eigenkulturellen Vorstellungen und vergleicht sie mit fremdkulturellen Konzepten. Dadurch wird er in die Lage versetzt, das Eigene und das Fremde mit anderen Augen wahrzunehmen. Lehrwerke wie Sichtwechsel, die dem interkulturellen Ansatz folgen, haben zum Ziel, einen Dialog zwischen dem kulturellen Selbstverständnis des Lernenden und dem sich in den schriftlichen Inhalten und Übungsformen ausdrückenden Kulturverständnis in Gang zu setzen. 27 Bredella hebt hervor, dass fremdsprachliche Texte der fremden Kultur- wenn sie diese auch nicht objektiv abbilden können - in zweierlei Hinsicht zu interkulturellem Verstehen beitragen: zum einen nimmt der literarische Text zu den Aspekten der Wirklichkeit Stellung, auf die er sich bezieht, zum anderen verweist er auf die Welt des Lesers. Somit kommt literarischen Texten auch eine Bedeutung für das Verhältnis des fremdsprachigen Lesers zu seiner eigenen Kultur zu. 28 Die Interaktion zwischen Text und außerliterarischer Wirklichkeit sollte im Unterricht genutzt werden. 29 Ehlers thematisiert die besondere Rolle des kulturellen Umfeldes sowohl des Lernenden als auch der Lehrperson, das sich nachhaltig auf den Deutungs- und Verstehensprozess literarischer Texte im DaF-Unterricht auswirkt:
Der Lehr- und Lernzusammenhang, in dem ein literarischer Text steht, ist nicht homogen, sondern durch kulturelle Diversifikation gekennzeichnet. Mit den Kontexten ändert sich die didaktische Analyse ein und desselben literarischen Textes, da ein Text ja nach kulturellen Voraussetzungen und individueller Interessenslage der Zielgruppe verschiedene Anknüpfungsmöglichkeiten an Erfahrungen und Alltagswissen von Lernern bietet und andere Inhaltsaspekte eine Relevanz gewinnen, um
23 Bredella 1990, 571 f.
24 Ehlers 2001, 1335.
25 Heyd 1997, 119.
26 Heyd 1997, 123.
27 Heyd 1997, 119 f.
28 Bredella 1990, 569.
29 Bredella 1990, 582.
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Fremdheitserlebnisse auszulösen, zu vergleichen, und, im Wechsel zwischen Eigenem und Fremdem, Verstehensmöglichkeiten zu erweitern. 30
Die Rolle des Vorverständnisses bei der Rezeption wirkt sich besonders auf die Sinnkonstruktion des fremdsprachigen Lesers aus: hier ist die Gefahr, dass seine kulturellen Vorstellungen zu Missverständnissen führen, wahrscheinlicher als beim muttersprachigen Leser. Zum einen können beim fremdkulturellen Rezipienten sprachliche Schwierigkeiten das Verstehen erschweren, zum anderen fehlen ihm notwendige Schemata und Begriffe, um die intendierten Signale des Textes zu erkennen. Das Hintergrund- und Kontextwissen als auch die entsprechenden Deutungstechniken, ohne die eine Erschließung des Textes nicht gelingen kann, beruhen auf kulturellen Vorerfahrungen, die dem fremdsprachigen Leser wegen seiner kulturräumlichen Distanz nicht so ohne weiteres zur Verfügung stehen. 31 Ehlers und Bredella setzen sich kritisch mit der subjektiven Seite des fremdkulturellen Leseprozesses auseinander. Im Unterschied zu Hunfeld, Mummert und Kast hebt Ehlers hervor, dass es bei der Beschäftigung mit dem fremdsprachlichen Text notwendig sein kann, Gefühle und wertende Einstellungen der Leser zurückzustellen und erst im Verlauf des Leseprozesses Schritt für Schritt zu entwickeln. Die subjektiv-emotionale Aneignung und das Formulieren spontaner Fragen stehe bei Texten, mit denen der fremdkulturelle Leser nicht ausreichend vertraut ist, am Ende des Lernprozesses. Die Leerstellen dürften nicht durch das persönliche Weltverständnis des fremdsprachigen Lesers gefüllt werden. Der Leser müsse sich das Wissen über die fremdkulturellen Konventionen der Zielsprache aneignen, damit er Literatur vor dem Hintergrund des Fremden lesen könne. 32
Bredella führt Untersuchungen zu 'Kultur' und 'Verstehen' an und gelangt zu der ähnlichen Einsicht, dass die kulturellen Schemata des fremdsprachlichen Lesers den literarischen Text entstellen können. Da wir Texte auf dem Hintergrund unserer kulturellen Vorerfahrungen lesen, gleichen wir die Geschichten den vertrauten Vorstellungen unserer eigenen Kultur an. 33 Dies betrifft nicht zuletzt Inhalte, zu denen es Parallelen in der eigenen Kultur gibt. Eine Schlussfolgerung besteht darin, sich fremdkulturelles Wissen anzueignen, um den fremdsprachlichen Text zu verstehen und in seine historischen und kulturellen Zusammenhänge einzuordnen. 34 Es ist jedoch ein Irrtum anzunehmen, dass in literarischen Texten die Schemata von Leser und Text zwangsläufig übereinstimmen müssen. Der Verstehensprozess im Unterricht, die Verständigung über den Sinn des Textes, wird erst durch das Spannungsverhältnis zwischen Leser und literarischem Text ermöglicht. 35 Da das Durchbrechen gewohnter Konzepte konstitutives Merkmal von Literatur ist, gelingt es auch dem eigenkulturellen Leser
30 Ehlers 2001, 1337.
31 Heyd 1997, 122.
32 Heyd 1997, 146; Ehlers 1992, 39. Vgl. hierzu auch das Zwei-Phasen-Modell von M. Wilde-Stockmeyer. Es geht von der gegenläufigen Richtung aus: einer Phase der subjektiven Aneignung im Leseprozess schließt sich eine zweite Phase der Relativierung der stark subjektiven Interpretationen an. Diese Korrektur fremdkultureller Konzepte geschieht u. a. durch Kontextwissen, Informationen über den Autor, Gattungswissen, gesellschaftspolitische und geschichtliche Zusammenhänge (Wilde-Stockmeyer, unveröffentlichte Präsentation im Seminar "Interkulturelle Kommunikation", Wintersemester 2003, Universität Gesamthochschule Kassel, Fachbereich Germanistik DaF).
33 Mandler und Johnson sprechen von story grammars, in die der Leser das Erzählte einordnet und die ihm die Orientierung im Text erleichtern (Bredella 1990, 563).
34 Bredella 1990, 564.
35 Bredella 1990, 583.
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nur dann, sich die Welt des literarischen Textes zu erschließen, wenn er vertraute Schemata korrigiert und umstrukturiert. 36 Die fiktionale Welt ist somit etwas Drittes, das sich in der Interaktion zwischen den bekannten Schemata des eigenkulturellen oder den erworbenen fremdkulturellen Schemata des fremdsprachlichen Lesers und den deformierten Schemata des literarischen Textes herausbildet. 37
Im Gegensatz zur subjektivistischen Ästhetik "vermittelt das ästhetische Lesen zwischen dem Objektivismus, der unsere Erfahrungen entwertet, und dem Subjektivismus, der unsere Erfahrungen verabsolutiert". 38
Abschließend kann die rezeptionstheoretische Begründung für den Einsatz kreativer Verfahren im fremdsprachlichen Literaturunterricht nicht genug betont werden. Denn erst in einem verzögerten Leseprozess, in dem der Leser seine eigenen Hypothesen ständig überprüft und verändert, konstituiert sich der Sinn literarischer Texte. Der Leser kann erst verstehen, wenn er sich um das Verstehen des Unbekannten bemüht. 39 Die Fremdsprachendidaktik schlägt deshalb vor, den Lesevorgang durch Phasen der Reflexion zu unterbrechen, die unter anderem der Bildung von neuen Hypothesen und Vermutungen über den Fortgang der Handlung dienen sollen. Es wird als vorteilhaft angesehen, dem Lerner auf diese Weise den Leseprozess bewusst zu machen. 40 Die Unterbrechungen des Leseflusses sollen die Motivation und die kommunikativen Fertigkeiten fördern. Darüber hinaus kann der Leser seine Verstehens-und Wahrnehmungsfähigkeit durch kontinuierlichen Perspektivenwechsel während des Le-sevorgangs und Rückbezug auf sein eigenes Vorverständnis ausbilden. Er wird durch das Bewusstmachen des Leseprozesses dazu befähigt, die eigene Perspektive zeitweilig aufzugeben und sich die Sichtweise des fremdsprachigen Textes zu eigen zu machen. 41 Des Weiteren erhält der Lerner durch den transparenten Leseprozess Einblick in die stilistischen Mittel, die der Autor verwendet und mit denen er die Leseerwartungen steuert, was ihm den selbständigen Umgang mit literarischen Texten erleichtert. Das verzögerte Lesen befördert einen kreativen Umgang mit Literatur und Sprache ganz im Sinne des entdeckenden literarischen Lesens. 42
36 Bredella 1990, 565 f.
37 Bredella (1996) über die Rolle der Subjektivität beim ästhetischen Lesen: "Das ästhetische Lesen, wie ich es hier beschrieben habe, erkennt zwar die Subjektivität des Rezipienten als konstitutives Moment an, aber es läuft nicht auf eine Bestätigung der jeweiligen Subjektivität des Lesers hinaus und redet nicht einem unverbindlichen Relativismus das Wort. Im Gegenteil, es zeigt die Welt in einem neuen Licht und regt zur Reflexion auf die eigenen Sichtweisen an, so dass Erleben und Kritik aufeinander bezogen sind. Damit wird auch verhindert, dass man sich auf das eigene Subjekt zurückzieht." (136 f.)
38 Bredella 1996, 137.
39 Heyd 1997, 139.
40 Heyd 1997, 139.
41 Heyd 1997, 139; Ehlers 1992, 61 f.
42 Heyd 1997, 140, 121.
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M. A. Michael Röder, 2003, Literatur im Fremdsprachenunterricht (DaF) - Das Märchen "Fundevogel" von Grimm und Härtling, München, GRIN Verlag GmbH
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