4. Der Inkulturationsprozess als Schlüssel der Verbindung zwischen dem
Christentum und der afrikanische Spiritualität 40
4.1 Vorwort zur Inkulturation des Christentums in die afrikanische
Ahnenfrömmigkeit 41
4.2 Grundlinien der afrikanischen Ahnenfrömmigkeit 42
4.3 Der soziale Umgang im Klan und die Beziehung zum Ahnenkult 44
4.4 Das Christentum und der afrikanische Ahnenkult 45
4.5 Theologische Modelle der Inkulturation des Christentums in
Schwarzafrika 47
4.5.1 Bénézet Bujos „Christus als Proto-Ahn“ 47
4.5.2 Christologiemodell von Anselme Titianma Sanon in Bezug auf „Jesus
als Proto-Ahn“ 50
4.6 Die Lehre der Kirche in Verbindung mit der Ahnentheologie nach Bujo 53
4.7 Problematik der verschiedenen Eschatologie- Modelle 54
4.8 Die Bibel und das afrikanische Erbe nach John S. Mbiti 55
4.9 Die Pfingstbewegungen in Verbindung mit der Kirche 57
5. Schlusswort 61
Literaturverzeichnis 66
II
1. Einleitung
Bevor man zur heutigen Inkulturation des Christentums in Schwarzafrika kommen kann, müssen verschiedene Epochen des Kontinents näher betrachtet werden. Die Arbeit befasst sich mit dem historischen Kontext, um die religiöse Situation des Kontinents in der er sich heute befindet näher zu schildern und zu verstehen. Hierbei darf nicht vergessen werden, dass die Theologie in Afrika von dieser Historie geprägt ist und viele Elemente der Geschichte immer noch einen wesentlichen Bestandteil der Theologie ausmachen.
Die folgende Ausarbeitung wird sich in drei Hauptpunkte gliedern. Der erste Punkt befasst sich mit der Kolonialzeit und der Missionierung. Die Zeit der Kolonialherren und Missionare, die für die Gemeinschaft der Ethnien grundlegende Elemente aus dem Gleichgewicht brachten, legt den Grundstein für die befreiende Religion der negro-afrikanischen Tradition. 1 Der zweite Punkt geht näher auf das zweite vatikanische Konzil ein, welches den Weg für die heutige Sichtweise der Theologie in Afrika und der ganzen Welt ebnet. Vor allem das Dekret „Ad gentes“, ist in diesem Kontext besonders wichtig, da hier die missionarische Tätigkeit der Kirche behandelt wird. Der letzte Punkt erarbeitet die Inkulturation des Christentums am Bespiel des Ahnenkultes. Die Frage, die hier gestellt wird ist, ob der Afrikaner, um sich zum Evangelium zu bekehren, die Beziehung zu den Ahnen abbrechen muss? In diversen Unterpunkten wird die Wichtigkeit der Ahnen für die afrikanischen Völker südlich der Sahara behandelt. Außerdem soll die Schwierigkeit gezeigt werden, inwiefern sich die afrikanischen Christen in einer religiösen Zerrissenheit befinden. 2 Der christliche Glauben auf der einen Seite und die afrikanische Spiritualität auf der anderen.
Weiterhin werden Bezüge zu afrikanischen Theologen hergestellt, die sich mit der Inkulturation des Christentums in Afrika befassen, aber auch den Christen das Verständnis für die Ahnenfrömmigkeit zu vermitteln versuchen. Dieser Aspekt ist besonders wichtig, da die Inkulturation nicht nur als Monolog der euroamerikanischen Seite gesehen werden darf, sondern als Dialog zwischen verschiedenen Religionen betrachtet werden sollte.
1 Vgl. Bujo B., Afrikanische Theologie, S. 20.
2 Vgl. Bududuira, B.: Afrikanische Spiritualität und christlicher Glaube, S. 115.
1
2. Die Begegnung Schwarzafrikas mit dem Christentum
2.1 Vorbemerkung
Meine Überlegung diesen Punkt betreffend war, die Geschichte Schwarzafrikas als bleibende Belastung für den heutigen Inkulturationsprozess des Christentums herauszuarbeiten. Das Ziel der Arbeit ist es aber nicht, die Mission und die Erneuerung des Missionsbegriffs durch das Vatikanum II. explizit zu untersuchen. Der Focus dieser Arbeit richtet sich also vielmehr auf den Inkulturationsprozess und die damit zusammenhängenden Prozesse. Eine stellenweise auftretende Plakativität in den ersten beiden Punkten kann daher in Kauf genommen werden.
2.2 Exkurs in die Zeit der europäischen Endeckungsfahrten
Als Einführung in das Thema sollen hier zuerst die Geschichte Afrikas und die ersten Kontakte zwischen Europäern und Afrikanern dargestellt werden. Da in dieser Arbeit nur die letzten 200 Jahre der Geschichte Afrikas beleuchtet werden, muss die Epoche der See- und Enddeckungsfahrten vernachlässigt, wenn auch nicht ganz unbeachtet gelassen werden. Deshalb im Folgenden nur einige kurze Bemerkungen.
Der Pionierverdienst an der Entdeckung des Kontinents geht auf die Portugiesen und Spanier zurück. Die ersten Fahrten des Christoph Columbus und Heinrichs des Seefahrers führten 1492-1540 zu einem regen Aufschwung der Entdeckertätigkeit. Von Staat und Kirche gefördert, stand die Erweiterung der wirtschaftlichen, missionarischen und wissenschaftlichen Horizonte an erster Stelle. 3 Die ersten Kulturkontakte mit dem schwarzafrikanischen Volk verliefen meist friedlich. Berichte zeigen, dass die Friedensbereitschaft und die Ehrfurcht des Afrikaners vor dem weißen Mann den Europäer positiv beeindruckten. In einem Bericht von dem Venezianer Cadamosto, der 1454 nach Westafrika segelte, ist von einem solchen Zusammentreffen die Rede. „«Diese Neger», heißt es in seinem Reisebericht, »liefen zusammen, um mich zu sehen, als ob ich eine Wundererscheinung gewesen wäre. Es schien für sie eine neue Erfahrung zu sein, einen Christenmenschen zu sehen ... ; einige berührten meine Hände und
3 Vgl. Bitterli, U.: Die „wilden“ und die „Zivilisierten“, S. 19.
2
Gliedmaßen und rieben meine Haut mit Speichel, um herauszufinden, ob das Weiß natürlich oder gefärbt sei…«“ 4
Des Weiteren gibt es Belege, dass die Portugiesen zwischen den gutartigen „Schwarzafrikanern“ einerseits und beispielsweise den bösartigen Mauren andererseits unterschieden. 5 Doch obwohl sie als „gutartige Schwarzafrikaner“ beschrieben wurden, war die Angst vor dem Unbekannten groß. Diese Menschen,“ die sich aufgrund ihrer Lebensart (z. B. Fischesser und Höhlenbewohner) oder physischer Unnormalität (Giganten, Pygmäen) von anderen Völkern abhoben“ und am „Rande der bewohnten Welt“ siedelten, wurden beispielsweise beschrieben als „Hundsköpfe“, „Kopflose“, „Völker ohne Zungen“, „Menschenfresser“. 6 Afrika wurde also zunächst als animalischer, „monströser“ 7 , aber auch kannibalischer Ort begriffen. Da diese Entdeckungsfahrten durch die Kirche bewilligt und teilweise finanziert wurden, war der Anteil der Missionare auf den Schiffen hoch. Der damalige Missionsgedanke, den schwarzen Mann von seinem Heidenglauben zur göttlichen Erlösung zu bekehren, war allerdings schwer verständlich zu machen, da die Völker in der Verbreitung des Christenglaubens nicht mehr als eine Zerstörung ihrer Kultur sahen. Der weiße Mann zerstörte die Kultstätten und verdrängte die afrikanischen Traditionen immer mehr. Aus dieser Situation heraus entwickelte sich ein Misstrauen den Europäern gegenüber. Der Durchbruch der christlichen Idee, die sich um 1500 zu eröffnen schien, blieb völlig aus. 8 300 Jahre später, zur Zeit der Kolonialisierung durch die großen europäischen Kolonialmächte, waren auch die Missionare an der Verbreiterung ihres Glaubens in Afrika interessiert. Die Ausbreitung der Kolonien und der Missionstätigkeit ab Mitte des 19. Jahrhunderts führte zu einem grundlegenden Strukturwandel in Teilen des afrikanischen Kontinents.
4 Bitterli, U.: Die „wilden“ und die „Zivilisierten“, S. 82.
5 Vgl. a. a. O., S. 92.
6 Herkenhoff, M.: Der dunkle Kontinent, S. 145 ff.
7 A .a. O., S. 140.
8 Vgl. Bitterli, U.: Die „wilden“ und die „Zivilisierten“, S. 107.
3
2.3 Die Kolonialzeit als bleibende Belastung für die Inkulturation des Christentums in Schwarzafrika
2.3.1 Die Kolonialisierung Afrikas ab dem 19. Jahrhundert
Am Anfang des 19. Jahrhunderts war Afrika nur dünn von Europäern besiedelt. Der größte Teil der Weißen wohnte in einem Radius von 100 Kilometern um Kapstadt herum. Dieser Bereich galt als sehr fruchtbar, da der Niederschlag höher war als in den meisten anderen Regionen Afrikas. 9 Die Fremdherrschaft der Europäer beschränkte sich also auf Handelsniederlassungen und Stützpunkte an der Küste, was aber auch mit den klimatischen Bedingungen zu tun hatte. Die rasche Ausbreitung der Kolonien geht auf Forscher, Entdecker, Abenteurer und Missionare zurück. Sie lieferten sich einen regelrechten „Wettlauf“, um den unerforschten Kontinent, der direkt „vor der Haustür“ lag, zu erkunden. Das Forscherinteresse galt zu dieser Zeit vornehmlich den Quellgebieten der großen Flüsse wie dem Niger, dem Kongo und dem Nil. 10
Die aus diesem Entdeckungsgedanken entstandenen Ideen der Aufklärung hatten aber auch indirekt dem Missionsgedanken neuen Aufschwung gegeben. Während lange Zeit die schwarze Bevölkerung Afrikas vornehmlich als „gottlose Wilde“ betrachtet wurde, die deshalb nicht in den „Genuss“ der christlichen Heilsbotschaft kommen konnte, hatte die Aufklärung der Europäer das Bild der afrikanischen Urbevölkerung verändert und zumindest seine Menschlichkeit als unzweifelhaft festgestellt. Damit stand für die europäischen Kirchen die Verpflichtung außer Frage, ihre Missionstätigkeit auf dem afrikanischen Kontinent auszudehnen. 11
Einer der wichtigsten Merkmale der Kolonialisierung war der Handel. Einige Händler, die im 17. bis hin zum 19. Jahrhundert verstärkt mit Sklaven handelten, bildeten ihre Vorrechte gegenüber anderen konkurrierenden Kolonien immer weiter aus. Die Schutzabkommen für den Im- und Export vom afrikanischen Volk, die sie mit ihren Heimatstaaten bildeten, veranlassten den Wachstum des Wettbewerbs unter den Händlern. Der unmenschliche Sklavenhandel durch
9 Vgl. Schlumberger, J. A. / Segl, P. / Duchhardt, H.: Afrika, S. 149.
10 Vgl. Mair, S.: „Ausbreitung des Kolonialismus“, S. 13.
11 Vgl. ebd.
4
koloniale Mächte, war damals der wesentlichste Bestandteil der Ausbeutung des Kontinents. 12
Die erste Einsicht und Umkehr, weg von den menschenunwürdigen Lebensweisen der versklavten Afrikaner, kam nicht ganz uneigennützig aus Großbritannien. England war sich bewusst, dass sich der Zusammenschluss mit dem afrikanischen Volk positiv auf den britischen Handel auswirken würde. Durch das Verbot der Sklaverei, welches in Verträgen mit afrikanischen Herrschern besiegelt wurde, schufen sich die Briten Handelsfreiheit und Meistbegünstigungsrechte auf afrikanischem Boden. England sicherte nun zur „Überwachung“ des Sklavenhandels den Seeweg und hatte dadurch eine Monopolstellung gegenüber anderen Kolonialmächten.
Um dem entgegenzuwirken rüsteten die anderen Kolonialmächte auf. Ein enormer Aufschwung der kolonialen Eroberung begann Ende des 19. Jahrhunderts. Die Expeditionen nahmen zu und Südafrika wurde bald von den verschiedensten europäischen Bevölkerungsschichten besiedelt, die sich in Afrika niederließen. Am Anfang des 20. Jahrhunderts war Afrika, bis auf wenige Ausnahmen, unter den alten und neuen Kolonialmächten aufgeteilt. Die imperialistischen Mächte Frankreich, Großbritannien, Portugal, Spanien, Deutschland, Belgien und Italien hatten die Vorherrschaft. Der daraus entstandene Konkurrenzkampf um Rohstoffe und Absatzmärkte führte zur verstärkten kolonialen Expansion, woraus wiederum Kolonialkriege entstanden. 13
Der Abbau von mineralischen Bodenschätzen und die Ausbeutung der landwirtschaftlichen Güter wurden von den Afrikanern unter Aufsicht der Kolonialherren verrichtet. Für einen Mindestlohn mussten der Afrikaner meist mehr als nur einen Beruf ausüben, während seine Familie gezwungen war uneingeschränkt bei der Arbeit zu helfen, da diese sonst nicht zu bewältigen gewesen wäre. 14
12 Vgl. Loth H.: Geschichte Afrikas, S. 5.
13 Vgl. a. a. O., S. 7.
14 Vgl. Illy, Hans F., „Entwicklung durch Verwaltung?“, S. 15.
5
2.3.2 Auswirkung der Kolonialisierung auf die afrikanische Gesellschaft
Die einzelnen kolonialen Einrichtungen bestanden aus mehreren Ämtern, welche die Afrikaner in ihrem Lebensraum einschränkten. Man drängte die Afrikaner zur Unterwerfung und Ausbeutung ihres Landes, versuchte aber gleichzeitig, ihnen die Chance zu begrenzter Partizipation einzuräumen. So besetzte man die niedrigen, verantwortungsfreien Positionen, der einzelnen Ämter mit Afrikanern. Die Auswahl dieser Amtsträger wurde in Abhängigkeit der sozialen Stellung getroffen. Das kolonial geprägte Modernisierungsideal wurde durch die Afrikaner verkörpert, die dem Kolonialsystem am intensivsten verbunden waren (Beamte, Lehrer etc.). 15 Das Prestige, das man durch einen Arbeitsplatz in einem Amt bekam, war weitaus größer als das beispielsweise eines Bauers. Und das ist bis heute so. So schreibt Illy: „Die Vision der Schüler ist eingleisig: Wer die dörfliche Agrarstruktur hinter sich gelassen und die Schule bewältigt hat, hat ein Anrecht auf einen Platz in der Verwaltung. Gut bezahlte Arbeitsplätze in der Industrie erschienen daraufhin befragten Schülern weniger attraktiv als administrative Tätigkeiten auch auf niedrigstem Niveau.“ 16
2.3.3 Der Kolonialismus als Wandelbegriff
Der Begriff des Kolonialismus wurde über die Jahre unterschiedlich geprägt und dessen semantischer Inhalt verändert. Der nächste Abschnitt soll den Wandel des Begriffs Kolonialisierung und die daraus resultierenden unterschiedlichen Bedeutungen für die Kolonialisierung Afrikas bis hin zur Gegenwart beleuchten. Im Folgenden werden Auszüge aus verschiedenen Lexika zum Begriff „Kolonialismus“ dargestellt.
Die Religion in Geschichte und Gegenwart (1912):
„Unter Kolonialismus im eigentlichen Sinne des Wortes versteht man das Sichausbreiten einer Bevölkerung über außerhalb ihrer Grenzen gelegene Gebiete. In den Gebieten, die eine große Dichtigkeit der Eingeborenen ausweisen, oder wo klimatische Verhältnisse die Sesshaftmachung und Fortpflanzung der Europäer unmöglich machen, kann man nur von K. im weiteren Sinne des Wortes
15 Vgl. Illy Hans F., "Entwicklung durch Verwaltung?", S. 15.
16 Ebd.
6
sprechen. Die Ausbreitung des europäischen Volkstums in Kolonien mit eingeborener Bevölkerung erfolgt nur in einem übertragenen Sinne, indem Beamte, Missionare und Kaufleute den eingeborenen Bevölkerungen europäische Einrichtungen (Bahnen, Verwaltung) und europäische Vorstellung (Recht, Religion) übermitteln. Vom religiösen Standpunkt aus bieten die „Eingeborenenkolonien“ und die „Mischkolonien“ besonders wichtige eigenartige Probleme dar. Es sind die Gebiete, in denen die Heidenmission vor ihre größte Aufgabe gestellt wird.“ 17
Sacramentum Mundi (1969):
„Der Begriff des Kolonialismus ist am klarsten zu fassen, wenn man ihn auf den Vorgang der Inbesitznahme außereuropäischen Territoriums durch die sog. europäischen „Kolonialmächte“ einengt, ein Geschehen, das im Allgemeinen mit dem Rassenantagonismus verbunden war.“ 18
Theologische Realenzyklopädie (1990):
„Der Begriff Kolonialismus (der normalerweise im abwertenden Sinn gebraucht wird und die Beherrschung eines Volkes durch ein anderes bezeichnet) wurde erst in den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts im Zusammenhang des „De-Kolonialisierungsprozesses“ gebräuchlich. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist der Begriff nicht von dem des Imperialismus zu unterscheiden.“ 19
Religion in Geschichte und Gegenwart (2001):
„Kolonialismus ist eine Herrschaftsform, bei der Fremdherrschaft über unterworfene Völker ausgeübt und ihnen das Recht auf Selbstbestimmung abgesprochen wird.“ 20
Der Vergleich der genannten Lexikonartikel macht die Verschiebung der Wortsemantik über die Jahre 1912 bis 2001 deutlich. Er lässt Schlüsse über den Wandel der Auffassung des Kolonialisierungsbegriffs zu. Betrachtet man den Artikel aus dem Jahr 1912 wird die Kolonialisierung als Ausbreitung einer
17 Whygodzinski, Prof., Dr.: „Kolonisation im eigentlichen Sinne“, S. 1591f.
18 Schlette, R.: „Kolonialismus und Entkolonialisierung“, S. 1380.
19 Gruyter de, W.: „Kolonialismus“, S. 363.
20 Rothermund, D.: „Kolonialismus/Neokolonialismus“, S. 1492f.
7
Bevölkerung über die Grenzen ihres Landes angesehen. Die Heidenmission wird in diesen Gebieten als größte Aufgabe betrachtet. Kolonialisierung bedeutete die Vermittlung von europäischem Gedankengut und Glauben unter den „Eingeborenen“, was als besondere Herausforderung der Mission angesehen wurde. In den folgenden Artikeln wird der Wandel deutlich. So wird 1969 der Begriff der Kolonialisierung beispielsweise mit Rassenantagonismus in Verbindung gebracht. 1990 bezeichnet die Theologische Realenzyklopädie den Begriff der Kolonialisierung als abwertend und setzt ihn mit dem Imperialismus gleich. Imperialismus ist hier gleichbedeutend mit dem zielgerichteten Erweitern und systematischen Ausbauen der wirtschaftlichen, militärischen, politischen und kulturellen Macht eines Staates in der Welt zu sehen. 21 In der heutigen Zeit wird die Kolonialisierung als Fremdherrschaft eines Volkes über ein anderes definiert. Dabei wurde dem unterworfenen Volk jegliches Recht auf Selbstbestimmung und Eigenständigkeit aberkannt. Kolonialisierung steht im Zusammenhang mit unterdrückten Ländern und unterdrückenden Kolonialmächten. Die Grundidee der damaligen Kolonialherren war die Ausdehnung der Macht von den europäischen Ländern auf außereuropäische Gebiete mit dem Ziel der wirtschaftlichen Ausbeutung. Missionarische Gründe waren dabei nur von untergeordneter Bedeutung. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass nach der Auffassung des Kolonialisierungsbegriffs um 1912 Afrika von Europa geprägt wurde. Durch die Kolonialisierung wurden europäische Vorstellungen wie Recht und Religion, sowie europäische Einrichtungen wie Bahn und Verwaltungen nach Afrika gebracht. Bis zum heutigen Zeitpunkt hat sich die Bedeutung des Begriffs Kolonialisierung allerdings deutlich geändert. Nach der heutigen Auffassung wurde Afrika durch Europa unterdrückt, in dem Europa die Fremdherrschaft über Afrika erlangte und es somit wirtschaftlich ausbeutete sowie seiner Eigenständigkeit beraubte.
21 Vgl. Schubert, K./ Klein M.: Das Politiklexikon, S. 136.
8
2.4 Die Missionierung als bleibende Belastung für die Inkulturation des Christentums in Schwarzafrika
2.4.1 Definitionen des Missionsbegriffs
Da sich im Wandel der Zeit die Bedeutung des Wortes „Missionierung“ immer weiter entwickelte, wird im Folgenden ein Überblick über die verschiedenen Verständnisse gegeben. Um eine Definition des Begriffs zu erhalten, muss der Wandel des Missionsverständnisses im 20. Jahrhundert näher betrachtet werden. Dies geschieht anhand von drei Lexika, in denen der Begriff „Mission“ erklärt wird. Das Lexikon „die Religion in Geschichte und Gegenwart“ von 1930 wird verwendet, um das historische Verständnis des Begriffes Mission aufzuzeigen. Die anderen Lexika zeigen die Zeiten des Umbruchs durch das Zweite Vatikanische Konzil („Sacramentum Mundi“) und die Zeit der Gegenwart („Religion in Geschichte und Gegenwart“) auf. Die Semantik des Wortes „Mission“ verschiebt sich über die Jahre 1930 bis 2002 deutlich.
Die Religion in Geschichte und Gegenwart (1930):
„Das Wort M. (= Sendung) ist im Christentum gebildet worden. Aber was darunter verstanden wird, Ausbreitung der Religion durch Werbung neuer Anhänger, findet sich auch in anderen Religionen. M. erwächst aus der subjektiven Überzeugung der Religionen, dass in ihnen Werte liegen, die nicht nur für das Volk, in dem sie entstanden sind, sondern für die ganze Menschheit höchste Bedeutung haben, ja, dass gerade in dieser einen Religion das allein wahre Heil, die absolute Wahrheit gegeben, und dass es darum religiöse Pflicht sei, diese Rettung und Wahrheit aller Welt zu verkünden.“ 22
Sacramentum Mundi (1969):
„Der Begriff der M. bezeichnet a) den Akt der Aussendung; so sendet Christus seine Apostel (vgl. Jo 20,21), die Kirche ihr Missionare; b) den Auftrag, der den solchermaßen Gesandten anvertraut ist; c) die Durchführung dieses Auftrags...die
22 Richter, J.: „Mission“, S. 39f.
9
Ausbreitung der Kirche über ihre je faktische Präsenz in die Menschheit hinaus.“ 23
Religion in Geschichte und Gegenwart (2002):
„Mission. ist keine grundsätzlich universale Erscheinung der Religionsgesch., genauso wenig gilt jede Form der Weitergabe von Rel. bereits als M. Die „primären“, tribalen Rel. sind unmissionarisch. Allein die „sekundären“, durch Reformer oder spirituelle Führer gestifteten Rel. sind essentiell missionarisch. M. setzt deshalb Religionsfreiheit voraus und fordert sie. Eine dritte Form der Religionsweitergabe ist die polit. Expansion. Die unterliegenden Völker übernehmen die Rel. der Herrscher, bzw. ihre Rel. wird im Sinne des neuen polit. Systems uminterpretiert. Diese Form der Weitergabe sollte nicht als M. bezeichnet werden, hat aber oft die Missionsmethodik bestimmt und pervertiert und damit zur Beschränkung der Religionsfreiheit beigetragen.“ 24
Die verschiedenen Definitionen des Missionsbegriffs ermöglichen einen Rückschluss auf die unterschiedlichen Sichtweisen eines knappen Jahrhunderts. Ab dem Jahr 1930 wurde die Bedeutsamkeit der Methodik der Missionierung mit Worten wie „Ausbreitung der Religion“, „Werbung neuer Anhänger“ und „abso- luteWahrheit“ in den Vordergrund gestellt. Es wurde als Pflicht angesehen, ein religiöses Gedankengut unter der Menschheit zu verbreiten. Mission wurde allgemein als Ausbreitung der Religion aus Überzeugung des alleinigen „wahren Heils“ definiert. Die Definition, die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in „Sacramentum Mundi“ verfasst wurde, stellt den Begriff Mission einfach strukturiert, teilweise anhand von Bibelstellen, dar. Mission wurde hier definiert als Akt der Aussendung, als Auftrag, welcher den Gesandten anvertraut wird. Es wird zwar von der „Ausbreitung der Kirche“ gesprochen, allerdings erlaubt sich der Lexikonartikel von 1969 keinerlei Wertung des Begriffs Mission. In der Gegenwart befasst man sich kritischer mit dem Begriff. Heutzutage wird nur noch die Verbreitung der Religion durch Reformer und spirituelle Führer als Mission angesehen. Weiterhin wird der Missionsbegriff von politischer Expansion, in der die Religion der unterlegenen Völker durch die Religion des herrschenden Volkes ersetzt wird, abgegrenzt. Der Lexikonartikel von 2002 kritisiert die Verbreitung
23 Masson, J.: „Mission“, S.482f.
24 Frankemölle, H.: „Mission“, S.1272f.
10
einer Religion im Sinne der Expansion und spricht sich für die Religionsfreiheit aus.
Als Fazit kann festgestellt werden, dass die Vergangenheit mit dem Wort „Mission“ jegliche Verbreitung des Glaubens in die Welt verbindet, während im Postkolonialismus der Missionsgedanke kritischer betrachtet wird und nicht mehr von Weitergabe der Religion im Allgemeinen gesprochen werden kann. Mission ist nach heutiger Auffassung eng mit Religionsfreiheit verbunden und kann deshalb nicht im Zusammenhang mit politischer Expansion verwendet werden.
2.4.2 Exkurs in die evangelische Mission
Um nicht nur von der katholischen Mission zu sprechen und auch die Sichtweise der calvinistischen und lutherischen Theologien aufzuzeigen, soll an diesem Punkt ein Exkurs über die Ausbreitung des Evangeliums im protestantischen Sinne unternommen werden.
Luther, der die Mission anders interpretierte als die katholische Kirche es zu der Zeit tat, sprach sich für eine „weniger brutale“ Missionierung aus. 1522 hatte er verlauten lassen, dass die Türken, in der Verbreitung ihrer Glaubenslehre menschlicher vorgingen als der Papst dies tat.
Als Eroberer und Missionare straften sie ihre Untertanen nicht und ließen ihnen sogar ihren eigenen Glauben. 25 Calvins Sicht war ähnlich der Luthers, obgleich er sagte, dass die Weitergabe der Königsherrschaft Christi nicht Sache der Menschen sei, sonder die Aufgabe Gottes. Er könne den Einzelnen dazu berufen, aber dieses Amt der Evangelisten, ist ein Amt, welches so keinen Platz in der protestantischen Kirche hätte. 26
Die protestantischen Bewegungen hatten anfangs Schwierigkeiten in Übersee zu missionieren, da das Pensum an Predigern und liquiden Mitteln fehlte. Trotz alle dem kümmerte man sich in den eigenen Territorien verstärkt um die Mission. Um 1600 kam es dann durch die Holländer zu den ersten Überseefahrten und man versuchte den protestantischen Glauben in die Welt zu tragen. Daran hindern sollte sie die reformierte Heimatkirche, die ihre Unterstützung untersagte und die Arbeit der Missionare schwächte. Dennoch bildeten sie sich weiter aus und hatten bald kirchliche Missionen in Dänemark, Westindien, Ostindien, China und
25 Vgl. Rosenkranz, G.: Die christliche Mission, S. 147.
26 Vgl. ebd.
11
Nordamerika. 27 Am afrikanischen Kontinent hatten die Protestanten wenig Interesse, obwohl sie sehr interessiert an den Afrikanern als Arbeitskräfte waren. Zwar versuchten einige wenige, wie die Herrnhuter Brüdergemeinde ihre Missionen in Afrika aufzubauen, doch der Erfolg blieb aus. 28 Durch die vielen versklavten Arbeitskräfte, die durch Wirtschaftsbeziehungen nach England geholt wurden, entwickelten sich bald Ortsteile in London und Bristol mit einem beachtlichen schwarzen Bevölkerungsanteil. Aus diesen Gruppen entwickelten sich Gemeinden, die sich Evagelicals nannten. Unter ihnen waren nicht nur Schwarze, auch Weiße kamen immer öfter zu den Gemeindetreffen. Die „Erweckungsbewegung“ sprach sich deutlich gegen den Sklavenhandel aus, worauf später ein Verbot des Sklavenhandels innerhalb der britischen Inseln folgte. Dieser Kampf gegen den Sklavenhandel beförderte die Bewegung schnell in das Bewusstsein der protestantischen Welt. 29
Die Hauptmerkmale der evangelischen Mission waren und sind wie auch in der konziliaren Missionstheologie, die enge Beziehung zur Schrift, die sie inspiriert und maßgebend für das Leben ist, die Betonung des Erlösungswerks Christi, die Notwendigkeit der freien Glaubensentscheidung und Bekehrung und der Vorrang der Evangelisation und des Gemeindeaufbaus über alle anderen Tätigkeiten im Missionsbereich.
2.4.3 Mission als historischer Hintergrund der schwarzafrikanischen Bevölkerung
Wie schon beschrieben war die Macht der Kolonialmächte größer als die der „eingeborenen“ Stämme. So schreibt Bitterli, „Der Seefahrer, Händler und Kolonist war militärisch überlegen oder wusste es sich doch so einzurichten, dass er von einer Position der Stärke aus handeln konnte, genügt es doch in manchen Fällen die einschüchternde Wirkung eines ins Blaue gefeuerten Kanonenschusses, um die Botmäßigkeit der Eingeborenen zumindest für den Augenblick herbeizuführen.“ 30 Mit dieser Macht wurde der afrikanische Kontinent nach der Berliner Konferenz am 15. November 1884 von den alten Kolonialmächten (siehe
27 Vgl. Rosenkranz, G.: Die christliche Mission, S. 150.
28 Walls, A. F.: Afrika, S. 100.
29 Vgl. ebd.
30 Bitterli, U.: Die „wilden“ und die „Zivilisierten“, S. 84.
12
Punkt 2.3.1.) übernommen und untereinander aufgeteilt. Aber nicht nur wirtschaftliche Interessen sollten verbreitet werden, sondern auch religiöse Auffassungen wurden den Afrikanern „beigebracht“. Waren die Missionsgedanken anfänglich von gut gemeintem Interesse, bildeten sich schnell Massenbekehrungen unter der Vorherschafft der Kolonialmächte heraus. Im 19. Jahrhundert stießen die europäischen Kolonialmächte, wie England, Frankreich, Deutschland und Belgien, von allen Himmelsrichtungen ins Innere Afrikas vor. Die Missionare folgten ihnen oder waren, wie zuvor schon in Asien, die Wegbereiter kolonialer Expansion. Da die katholische Kirche den Missionsauftrag als integralen Bestandteil ihres Handelns ansah und die Kolonialmächte ihrerseits Interesse an der Missionsarbeit in den neu erworbenen Territorien entgegen brachte, kann man sagen, dass Kolonialherren und Missionare Hand in Hand die im europäischen Verständnis abweichende Kultur zurückdrängten und gleichzeitig die darin lebenden „Götzenanbeter“ bekehrten. Der Grund für die koloniale Motivation wurde schon geklärt. Die Motivation, die die Missionare antrieb, ist zum einen durch den biblischen Hintergrund zu verstehen. Sie beriefen sich in der Praxis ihrer Tätigkeit oft auf den Psalm 72 31 oder das Evangelium nach Matthäus 32 . 33 Zum anderen entstand die Motivation durch den Papst, da die Anweisungen zur Art des Missionierens ihm oblagen. Doch die päpstliche Kongregation war oft fälschlich zu verstehen. Aus der Enzyklika Leo´s XIII. vom 3.12.1880 „Sancta Dei Civitas“, die das Feld der Missionsarbeit zum Gegenstand hatte, konnte man zum Beispiel entnehmen, dass das eigentliche Hauptaugenmerk auf der Missionierung Afrikas lag. Baumgartner bedauert dies, weil sich die Kernaussagen auf die „Tätigkeit bei den Christen der Ostkirchen und den katholischen Einwanderern in Nordamerika“ bezog. Er sieht die offizielle päpstliche Äußerung zur Mission als „fälschlich eigentliches Missionsgrundschreiben“. 34 Durch diese Missverständnisse wurde Afrika zu einem Ort, an dem die „Heidenbekehrung“ weitaus stärker praktiziert wurde als in anderen Missionsgebieten.
31 Psalm 72: „Es wird herrschen von Meer zu Meer, vom Euphrat bis an die Enden der Erde. Vor ihm müssen sich beugen die Widersacher und seine Feinde den Staub lecken.“
32 Matthäus-Evangelium: „Mir ist Gewalt gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum gehet hin und machet alle Völker zu Jüngern und taufet sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie alles halten, was ich euch befohlen habe.“
33 Vgl. Bitterli, U.: Die „wilden“ und die „Zivilisierten“, S. 108.
34 Vgl. Baumgartner, J.: Die Ausweitung der katholischen Missionen , S. 550.
13
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Daniel Dittert, 2007, Afrikanischer Ahnenkult und christlicher Glaube, Munich, GRIN Publishing GmbH
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