Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis v
1 Einleitung und
Uberblick 1
1.1 Problemfeld 1
1.2 Forschungsstand und Erkenntnisinteresse 2
1.3 Fragestellungen und Aufbau 3
2 Der Strukturwandel der Arbeitsgesellschaft als Triebkraft der
Verunsicherung 6
2.1 Der Verlust von Grenze und Norm in der Arbeitsgesellschaft 6
2.1.1 Die Ungleichzeitigkeit der Globalisierung 6
2.1.2 Die Abw alzung der Unternehmensrisiken 7
2.1.3 Subjektivierung - der Zugriff auf die Innenwelt 10
2.1.4 Von der Arbeit zur permanenten Aktivit at 12
2.1.5 Arbeitslosigkeit, Unterbietungskonkurrenz, Tertiarisierung 14
2.2 Die Situation in Deutschland 17
2.2.1 Deutschland im Wohlfahrtsstaatsvergleich 17
2.2.2 Europ aische Arbeitsmarktpolitik 19
2.2.3 Nationale Reformprojekte 21
2.3 Lebensweltliche Aspekte 24
2.3.1 Neue Risiken, neue Unsicherheiten 24
2.3.2 Zeit und Zeitsouver anit at 26
2.3.3 Diversivizierung von Beziehungsstrukturen 26
2.3.4 Der arbeitende Konsument 30
iii
3 Prek are Besch aftigung 33
3.1 Genese und Ursachen 33
3.2 Begriffliche Vielfalt und Abgrenzung 35
3.3 Begriffsdefinitionen und deren Vor- und Nachteile 38
3.4 Neue Differenzierung- proletarisches und akademisches Prekariat 42
3.5 Der Lehrbeauftragte als Prototyp des akademischen Prekariats 45
3.5.1 Vorstellung der Studie 48
3.5.2 Die materielle Dimension 49
3.5.3 Die rechtliche Dimension 52
3.5.4 Die betriebliche Dimension 55
3.5.5 Die Anerkennungs- und Sinndimension 57
3.5.6 Die lebensweltliche Dimension 61
4 Ans atze f ur eine integrative Arbeits- und Sozialpolitik 64
4.1 Individualisierte und egalit are Sozialversicherung 64
4.2 Politik der Entprekarisierung 65
4.3 Entkopplung von Erwerbsarbeit und Einkommen 67
4.4 Modelle einer integrativen Arbeits- und Sozialpolitik 69
4.5 Grundsicherung und Grundeinkommen 70
4.6 Flexibilisierte und globalisierte Interessenvertretung 78
4.7 L osungsans atze f ur die Betroffenen 79
iv
Abbildungsverzeichnis
3.1 Atypische Arbeit als starkes Segment 34
3.2 Hochschulpersonal von 1997-2006 47
3.3 Verg utung der Lehrauftr age 49
3.4 Haupt- oder Nebenerwerb und Zeitaufwand 50
3.5 Anzahl der Lehrauftr age 50
3.6 Zusatzstunden 51
3.7 Pers onliches Nettoeinkommen und gesamter Zeitaufwand 52
3.8 Soziale Absicherung: Rentenversicherung 53
3.9 Soziale Absicherung: Krankenversicherung 54
3.10 Arbeitsbedingungen und Medienzugang 56
3.11 Einbindung in Gewerkschaft 57
3.12 Anerkennung durch Studierende 58
3.13 Anerkennung durch Kollegen 58
3.14 Anerkennung durch die Hochschule 59
3.15 Motive f ur die Lehrauftr age 59
3.16 Statusunsicherheit 60
3.17 Familienplanung 61
3.18 Soziale Beziehungen 62
3.19 Unterst utzung durch das soziale Umfeld 63
3.20 Ehrenamtliches Engagement 63
v
1 Einleitung und ¨
Uberblick
1.1 Problemfeld
Der Prozess der Entgrenzung von Zeit, Raum, Technik und Qualifikation ist nichts Neues und l¨ asst sich an vielf¨ altigen Ph¨ anomenen in der Geschichte wie der Urbanisierung und der Aufl¨ osung von Klassenschranken beobachten. Dennoch erscheint dieser Prozess eine Beschleunigung zu erfahren. Auf Grund versch¨ arfter Wettbewerbsbedingungen, Globalisierung, Tertiarisierung und Technisierung erfolgt ein Strukturwandel in einem Teil der Arbeitsgesellschaft, welcher noch immer von wichtigen gesellschaftlichen Akteuren untersch¨ atzt wird. All diese Aspekte treiben sich gegenseitig an, wodurch eine einfache Ursachenzuschreibung unm¨ oglich ist. Die gewaltigen Umstrukturierungen in Folge der internationalen ¨ Offnung der vormals nationalstaatlichen Waren-, Dienstleistung-, und Kapitalstr¨ ome f¨ uhren zu einer ver¨ anderten Arbeitswelt mit Entgrenzungs- und Subjektivierungsph¨ anomenen und gravierenden Auswirkungen auf die sozialen Sicherungssysteme. In der neoliberal gepr¨ agten arbeitsmarktpolitischen Debatte wird Mobilit¨ at und Flexibilit¨ at von den Arbeitnehmern, die Deregulierung des Arbeitsmarktes und der Abbau von Sozialtransfers gefordert. Auf der Mesoebene reorganisieren und flexibilisieren sich die Unternehmen und Institutionen durch die Vergr¨ oßerung ihrer Randbelegschaft in unsicheren Erwerbsverh¨ altnissen. Atypische Besch¨ aftigung hat sich an den R¨ andern des Arbeitsmarktes etabliert und entfaltet nun ihr prek¨ ares Potential. Soziale Bewegungen thematisieren die Zunahme sozialer Unsicherheit. Auf der Mikroebene sind Bildungs-, Erwerbs- und Beziehungsverl¨ aufe immer weniger genormt. Die Erwerbsverl¨ aufe werden im-
1
mer diskontinuierlicher und sind unterbrochen von Erwerbslosigkeit, Fortbildung, Auslandsaufenthalten, Pflege von Angeh¨ origen und einem sp¨ aten Berufseintritt. Die Verbetrieblichung der Lebensf¨ uhrung wirkt sich auf die famili¨ aren Beziehungen aus. Die aus dieser Situation resultierenden Diskontinuit¨ aten sind einerseits unzureichend sozial abgesichert, andererseits ist die Arbeits- und Sozialpolitik zu unflexibel um dieser Situation angemessen begegnen zu k¨ onnen. Die wohlfahrtsstaatlichen Regelungen sind zu unspezifisch und zu spezifisch zugleich. Der schnelle Wechsel zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit, sowie die Diversifizierung von Arbeitsverh¨ altnissen stellt die jetzige Verwaltungsb¨ urokratie vor immer schwieriger zu l¨ osende Aufgaben. Mit der Europ¨ aischen Besch¨ aftigungsstrategie (EBS) und dem damit verbundenen Ausbau Europas zum Wissenschaftsstandort mit einem hohen Anteil an Hochqualifizierten, dem B¨ undnis f¨ ur Arbeit und den Hartz“-Reformen gewinnt dieses Thema an aktuell-politischer Bedeutung.
”
1.2 Forschungsstand und Erkenntnisinteresse
Inspiriert durch Besuche verschiedener Foren und Workshops im Rahmen des Solidarische ¨ Kongresses ” Okonomie“ an der TU-Berlin vom 24. bis 26. Novem-
ber 2006, einer Podiumsdiskussion mit G¨ otz Werner und Prof. Wolfgang Engler am 15. Dezember 2006 an der HU-Berlin sowie verschiedener Veranstaltungen der Heinrich-B¨ oll-Stiftung, unter anderem am 17. Oktober 2007 mit Prof. Dr. Philippe Van Parijs zur ” Zukunft des Sozialen - Verteilung neu denken“, habe ich
mich n¨ aher mit alternativen Konzepten zum repressiven Sozialstaat besch¨ aftigt. Bei Prof. Dr. Ernst-H. Hoff und Hasko H¨ unig an der FU-Berlin sind einige Arbeiten zu den Auswirkungen des Wandels der Arbeit auf Organisationen, individuelles Handeln und Lebensf¨ uhrung im Alltag, insbesondere zur Subjektivierung von Arbeit, entstanden. Im Rahmen eines zweisemestrigen Forschungs- und Projektseminars im Wintersemester 2005/06 und Sommersemester 2006 zum Thema ” Prek¨ are Besch¨ aftigungsverh¨ altnisse von Lehrbeauftragten an Berliner Hochschulen“ am Institut f¨ ur Soziologie der Freien Universit¨ at Berlin wurde in Kooperation mit der Gewerkschaft f¨ ur Erziehung und Wissenschaft eine umfangreiche
2
Datenerhebung mittels Fragebogen durchgef¨ uhrt. Ein Teil dieser Daten wird in dieser Arbeit f¨ ur die spezifischen Forschungsfragen Verwendung finden. Einer der herausragendsten Sozialwissenschaftler, der sich mehrfach zum Thema ¨ außerte, ist Piere Bourdieu. Bourdieus großer Verdienst ist die Erweiterung des Kapitalbegriffs. Der Kapitalbestand und dessen Zusammensetzung ist wiederum bedeutsam f¨ ur die Position des Individuums im sozialen Feld. Er beeinflusst die Berufswahl, die berufliche Entwicklung und diese f¨ uhrt ihrerseits zu einer spezifischen Kapitalakkumulation. Angelehnt an den Beck‘schen Fahrstuhleffekt k¨ onnen auch untere Positionen von den umfangreicheren Kapitalerwerbsm¨ oglichkeiten, z.B. hinsichtlich Bildungs- und Berufsabschl¨ ussen, profitieren. Neben Ulrich Beck und dem k¨ urzlich verstorbenen Andre Gorz sind auch G¨ unter Voß, Hans-J¨ urgen Pongraz und Manfred Moldaschl zu erw¨ ahnen. Letztere besch¨ aftigen sich n¨ aher mit Entgrenzungs- und Subjektivierungsph¨ anomenen, sowie der Informalisierung des Marktes. F¨ ur die aktuell politischen Analysen des deutschen Wohlfahrtsstaates wird auf die Arbeiten von Manfred Schmidt zur¨ uckgegriffen. Als ¨ ahnliche Studien sind die, von Ulrich Brinkmann, Klaus D¨ orre und Silke R¨ obenack ” Prek¨ are
Arbeit- Ursachen, Ausmaß, soziale Folgen und subjektive Verarbeitungsformen unsicherer Besch¨ aftigungsverh¨ altnisse“ und Ernst-H. Hoff und Eyke Ewers ” Arbeit als Lebensinhalt? Neue Formen der Lebensgestaltung bei Besch¨ aftigten im IT- Bereich“ sowie Nicole Mayer-Ahuja ” Wieder dienen lernen?“ zu nennen. Dabei ber¨ ucksichtigen die ersten beiden st¨ arker gewerkschaftliche und psychologische Aspekte und letztere vor allem die spezifische Situation Niedrigqualifizierter.
1.3 Fragestellungen und Aufbau
Ausgehend von der These, dass sich die unterschiedlichen Definitionen von Prekarit¨ at in den Studien auf die Wahl der Untersuchungsgruppe zur¨ uckf¨ uhren lassen und dies auf eine neue Differenzierung der prek¨ ar Besch¨ aftigten hindeutet, m¨ ochte ich im Verlauf meiner Diplomarbeit anhand der Lebens- und Berufsbedingungen von Lehrbeauftragten als Prototyp des akademischen Prekariats zeigen,
3
mit welchen Problemen die gesellschaftlichen Akteure im Kontext eines politischen, ¨ okonomischen und gesellschaftlichen Umbruchs zuk¨ unftig in verst¨ arktem Maße konfrontiert sein werden. So ist das Prekariat einerseits atomisiert und (noch) nicht in der Lage die gemeinsame Situation als Kollektiverfahrung zu reflektieren, auf der anderen Seite gibt es neue Differenzierungen, die sich auf die unterschiedlichen Kapitalzusammensetzungen zur¨ uckf¨ uhren lassen. Dies wiederum f¨ uhrt zu unterschiedlichen Interessen und Bed¨ urfnissen die sich auch in einer Arbeits- und Sozialpolitik wieder finden m¨ ussen. Die Notwendigkeit einer neuen Arbeits- und Sozialpolitik erscheint vor diesem Hintergrund nicht nur als ein Projekt mit normativem Anspruch f¨ ur mehr Freiheit, Demokratie und Menschenw¨ urde, sondern zunehmend auch als gesellschaftliche Notwendigkeit und Antwort auf die dr¨ angenden Fragen unserer Zeit. Es stellt sich die Frage, ob die aktuell diskutierten B¨ urgergeld- und Grundeinkommenskonzepte als undifferenzierte, unspezifische Transferleistung die richtige Antwort auf die zunehmend individualisierten Erwerbsverl¨ aufe sind. Wie kann andererseits die autonome Sph¨ are ausgebaut, wie k¨ onnen vermehrt aktiv gew¨ ahlte und gestaltete Erfahrungen abgesichert werden? Nimmt die Abh¨ angigkeit von staatlichen Transferleistungen durch den Strukturwandel der Arbeit zu? F¨ ordert die derzeitige Arbeits- und Sozialpolitik eher die soziale Exklusion, als sie zu beseitigen? Wie l¨ asst sich das Auseinanderdriften von arbeitsrechtlichen und wohlfahrtsstaatlichen Rahmenbedingungen am Beispiel des akademischen Prekariats verhindern? Ist mit der Forderung nach Mobilit¨ at und Flexibilit¨ at zwangsl¨ aufig die Lockerung von Familiensolidarit¨ at verbunden und bildet gar der vollmobile Einzelne, welcher keine R¨ ucksicht auf soziale Bindungen nimmt, das zuk¨ unftige Ideal am Arbeitsmarkt? Welche Rolle spielt die Entlohnung bei Besch¨ aftigten mit einem hohen Anteil an sozialem und symbolischem Kapital? Dabei m¨ ochte der Text nicht bei der Beschreibung von gegenw¨ artigen Strukturen und deren Eigenlogik stehen bleiben, sondern bem¨ uht sich den Blick f¨ ur Gestaltungsspielr¨ aume zu sch¨ arfen. Ziel ist es, beginnend mit der Untersuchung der unterschiedlichen Aspekte des Wandels der Erwerbsgesellschaft, eine Auswertung ausgew¨ ahlter Daten vorzunehmen und gesellschaftliche Strategien des Umgangs mit prek¨ aren Er-
4
werbsformen zu diskutieren. Am Anfang steht ein Abschnitt, der sich mit der Darstellung theoretischer Ans¨ atze, der Kl¨ arung relevanter Begriffe und den wesentlichen Ph¨ anomenen, die als Triebkr¨ afte der Prekarisierung wirken, befasst. Dieser dient der Einordnung und Sensibilisierung. Es lohnt sich diese Elemente noch einmal zusammenfassend im Hinblick auf ihr Verunsicherungspotential zu betrachten. Im zweiten Teil wird die neue Differenzierung zwischen proletarischem und akademischem Prekariat thematisiert und es erfolgt die Auswertung ausgew¨ ahlter Daten. Abschließend werde ich die daraus gewonnenen Erkenntnisse und m¨ ogliche andere wohlfahrtsstaatliche Konzepte diskutieren. Auf ein allgemeines Fazit wird, zugunsten der Schlußfolgerungen und den Empfehlungen zu den einzelnen gesellschaftlichen Akteuren im letzten Kapitel, verzichtet. Es wird darauf eingegangen, welche gesellschaftlichen und individuellen Strategien des Umgangs mit Prekarit¨ at sich aus dieser Situation ergeben und welcherart die M¨ oglichkeiten der Politik, der Gewerkschaften und der Betroffenen sind auf diese Entwicklung Einfluss zu nehmen und sie aktiv zu gestalten.
5
2 Der Strukturwandel der
Arbeitsgesellschaft als
Triebkraft der Verunsicherung
2.1 Der Verlust von Grenze und Norm in der
Arbeitsgesellschaft
2.1.1 Die Ungleichzeitigkeit der Globalisierung
Die Reichweite des Globalisierungsbegriffs geht von den rein ¨ okonomischen Aspekten bis hin zur Beschreibung von Vereinheitlichungen in Politik, Lebensstilen und Bewußtseinsprozessen. Eine knappe Darstellung der Globalisierungskonzepte findet man bei Kurt H¨ ubner 1 . Auf der makro¨ okonomischen Ebene wird unter Globalisierung die internationale ¨ Offnung der vormals nationalstaatlichen Waren-,
Dienstleistung-, und Kapitalstr¨ ome bzw. die Internationalisierung und Flexibilisierung der Arbeits- und Absatzm¨ arkte verstanden. Die daraus resultierende Wettbewerbsversch¨ arfung f¨ uhrt zu einem Strukturwandel in der gesamten Welt mit weitreichenden Folgen f¨ ur Machtverteilung und Sozialsysteme. Die politische Vereinheitlichung und mit ihr die Etablierung arbeits- und sozialrechtlicher Standards und die Vernetzung sozialer Interessenvertretungen verl¨ auft weitaus langsamer als die im ¨ okonomisch verengten Globalisierungskonzept beschriebenen
1 Vgl. H¨ ubner, K., 1998: Der Globalisierungskomplex. Grenzenlose ¨ Okonomie - grenzenlose Politik? Berlin, S. 19
6
In der politischen ¨ Vorg¨ ange. ” Okonomie der Unsicherheit dr¨ uckt sich das neue
Machtspiel und Machtgef¨ alle aus zwischen territorial fixierten politischen Akteuren (Regierungen, Parlamente, Gewerkschaften) und nicht territorial gebundenen wirtschaftlichen Akteuren (Kapital-, Finanz- und Handelsm¨ achte).“ 2 Die immobilen Akteure z¨ ahlen zu den Verlierern. W¨ ahrend das Kapital global agiert, bleibt die Arbeits- und Sozialpolitik im nationalstaatlichem Kontext verankert und an die K¨ orper der Gesellschaftsmitglieder gebunden. Die gesamte Sozialstruktur einer Gesellschaft ver¨ andert sich mit der Folge, dass national gesch¨ utzte Freir¨ aume vor weltweiter Lohn- und Konditionenkonkurrenz abnehmen 3 . Die Folge dieser Entwicklung ist eine zunehmende Machtlosigkeit auf Seiten politischer Institutionen, Verb¨ ande und Gewerkschaften. Dieser Prozess ist jedoch nicht zwangsl¨ aufig. Man benutzt den Verweis auf Globalisierung um Handlungszw¨ ange zu postulie-
”
ren, unter denen man dann die politischen M¨ oglichkeitsbedingungen f¨ ur die Globalisierung schafft.“ 4 Es bleibt zu fragen, welche gesellschaftlichen Akteure mit welchen Zielen diese Entwicklung bestimmen. Mit der begrifflichen Engf¨ uhrung des Globalisierungskonzepts auf seine ¨ okonomischen Aspekte wird die Legitimation der Prekarisierung großer Bev¨ olkerungsteile erst m¨ oglich.
2.1.2 Die Abw¨ alzung der Unternehmensrisiken
Die Unternehmen reagieren auf die versch¨ arften Wettbewerbsbedingungen mit Dezentralisierungsstrategien und der Umgestaltung innerbetrieblicher Beziehungen. Die ver¨ anderte Situation f¨ uhrt auf Unternehmensebene zu Rationalisierungen, Mobilit¨ at bei der Standortwahl, Privatisierungen, Ausgliederungen von Organisations- und Produktionsbereichen. Zumindest die Spitzen der Unternehmen k¨ onnen auf dem Weltmarkt beliebig akquiriert werden und auch die Belegschaft und der Produktionsstandort sind variabel geworden. Hierarchische
2 Beck, U., 1999: Sch¨ one neue Arbeitswelt-Vision: Weltb¨ urgergesellschaft. Frankfurt/Main, S.9
3 Vgl. Ewers, E., Hoff, E.-H. & Schraps, U., 2004: Neue Formen arbeitszentrierter Lebensgestaltung von Mitarbeitern und Gr¨ undern kleiner IT-Unternehmen. Berlin
4 Bourdieu, P., 2001: Neue Wege der Regulierung. Vom Terror der ¨ Okonomie zum Primat der Politik. Hamburg, S. 22
7
Strukturen, Untergliederung der Arbeitsabl¨ aufe, Kontrolle und extrinsische Motivierung, wie f¨ ur die fordistisch-tayloristische Produktionsweise charakteristisch, werden als hinderlich begriffen. An Stelle dessen treten Auftragsbeziehungen. Hierarchische Kontrollmechanismen werden abgebaut und mit einer ¨ Offnung zum Markt verbunden. ” Mit der Internationalisierung der Produktion bieten sich also den Unternehmen mindestens zwei strategische Vorteile: Es wird eine globale Konkurrenz zwischen teuren und billigen Arbeitskr¨ aften hergestellt, und die Steuerkonditionen und Steuerkontrollen der Staaten k¨ onnen gegenein-ander ausgespielt werden.“ 5 Diese Entwicklung geht einher mit der Lockerung von K¨ undigungsfristen, der Ausdehnung von Probezeiten, der Aufweichung von Fl¨ achentarifvertr¨ agen, der Zunahme von Scheinselbst¨ andigkeit und Ausnahmeregelungen f¨ ur bestimmte Personengruppen, z.B. Neueingestellte, ¨ Altere. Vormals
unternehmerische Aufgaben werden verst¨ arkt den Arbeitnehmern ¨ uberantwortet.
Der Betrieb als sozialer Bezugsort geht verloren und eine institutionelle Integration wird durch wechselnde Arbeitskontexte und Teambesetzungen erschwert. ” Das
flexible Unternehmen beutet gewissermaßen ganz bewusst eine von Unsicherheit gepr¨ agte Situation aus, die von ihm noch versch¨ arft wird“ 6 . Der globale Markt konfrontiert die Unternehmen mit hohen Innovations- und Flexibilit¨ atszw¨ angen. Diese Unsicherheiten geben Unternehmen an ihre Belegschaften weiter mit der Folge einer zunehmenden Prekarisierung der Besch¨ aftigten. Die Umstrukturierungen im Unternehmensbereich f¨ uhren zu einer ver¨ anderten Arbeitswelt mit der Folge, dass die Segregation von Freizeit und Arbeit abnimmt. Durch die Entgrenzung werden Arbeitskraftpotentiale noch umfassender f¨ ur deren Verwertung nutzbar gemacht. Entgrenzung von Arbeit meint einen Rationalisierungs- und Entdifferenzierungsprozess, der gekennzeichnet ist durch die Aufl¨ osung sozialer Strukturen im Hinblick auf alle Aspekte der Produktion. Die ¨ Ara des Fordismus
mit seinem festen Normen- und Wertegef¨ uge, welches Sicherheit durch vielf¨ altige kollektive Regelungen zur sozialen Absicherung bereithielt, ist vorbei. Die Erwerbsverl¨ aufe werden immer diskontinuierlicher und sind unterbrochen von Er-
5 Beck,U., 1999, a.a.O., S. 33
6 Vgl. Bourdieu, P., 1998: Prekarit¨ at ist ¨ uberall. In: Gegenfeuer/ Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neo-liberale Invasion. Konstanz, S. 99
8
werbslosigkeit, Fortbildung, Auslandsaufenthalten, Pflege von Angeh¨ origen und einem sp¨ aten Berufseintritt. Die klassische Dreiteilung des Lebenslaufes mit Ausbildung, Beruf und Rente wandelt sich und ist nicht mehr deutlich segregiert. Die Normalbiographie wird zur Wahlbiographie. Beziehungen werden zur ” Beziehungsarbeit“ und der Konsum und die Bedienung der elektronischen Ger¨ ate verschluckt“ einen großen Teil der freien Zeit und wird von so manchem als Ar-
”
beit empfunden. Die Technisierung erm¨ oglicht es auch in entfernten Gegenden f¨ ur das Lebensumfeld und den Arbeitgeber erreichbar zu sein und am Arbeitsprozess teilzunehmen. Eine Telefonauskunft in Europa kann beispielsweise durchaus von einem ” Callcenter“ in Thailand abgewickelt werden. Die Arbeit und ihr Produkt wird zunehmend diffus und virtuell. In Internet-Spielen er¨ offnen Firmen ihre virtuellen Vertretungen und Teilnehmer k¨ onnen mit kreativen Ideen reale Eink¨ unfte erzielen. Einige hundert Arbeitnehmer in Billiglohnl¨ andern leben bereits davon und ” der Handel mit virtuellen Waren aus Online-Computerspielen hat sich zu einem millionenschweren Wirtschaftszweig entwickelt“ 7 . Bezahlte Arbeit ist von unbezahlter kaum mehr zu unterscheiden und findet sich immer ¨ ofter im selben Kontext. Die Teilnehmer einer Konferenz beispielsweise k¨ onnen den unterschiedlichsten Erwerbsstatus aufweisen und dieser ist f¨ ur einen Beobachter nicht mehr identifizierbar. Neben dem Verlust eines festen Arbeitsortes und eines geregelten Arbeitstages m¨ ussen die Besch¨ aftigten in immer k¨ urzeren Zeitabst¨ anden ihr Wissen erneuern. Dies ” hat zur Folge, dass Qualifikation immer weniger als standardisiertes beruflich fixiertes Arbeitsverm¨ ogen zu fassen ist.“ 8 In Verbindung mit dem Bedeutungszuwachs der sogenannten ” Softskills“ verliert die Kategorie
Beruf seine urspr¨ ungliche Bedeutung, denn die Standardisierung begrenzte auch die Nutung von Arbeitskraft und stellte in dieser Hinsicht einen Schutz f¨ ur den Arbeitnehmer dar. Die neue Situation setzt eine hohe Koordinationsf¨ ahigkeit und -bereitschaft im Hinblick auf Familie, Lebensumfeld und sozialen Aktivit¨ aten voraus. Der Verlust der Bindung an Arbeitsplatz, -geber und -ort f¨ uhrt dazu, dass
7 St¨ ocker, C., 2004: Tausend Dollar f¨ ur einen Pixel. S¨ uddeutsche Zeitung. Online im Internet.
8 Sauer, D.,2001: Unternehmensreorganisation und Entgrenzung von Arbeit- Thesen und Umbruch. In: Martens, H. (Hrsg.): Zwischen Selbstbestimmung und Selbstausbeutung. Gesellschaftlicher Umbruch und neue Arbeit. Frankfurt/Main, S. 33
9
sich der Arbeitnehmer immer weniger mit seiner beruflichen Rolle identifizieren kann. Er muss jederzeit mit Ver¨ anderungen im betrieblichen Kontext rechnen und sich ver¨ anderten Firmenzielen anpassen. Dieses Verunsicherungspotential f¨ uhrt jedoch nur dann zu einer h¨ oheren Rollendistanz und konstruktiven Bef¨ ahigungen, wenn es dem Individuum gelingt diese Erfahrungen aufgrund seiner individuellen Kapitalausstattung zu integrieren und es dar¨ uber hinaus in ausreichendem Maße sozial gesichert ist.
2.1.3 Subjektivierung - der Zugriff auf die Innenwelt
Da die Formulierung ” Subjektivierung von Arbeit“ unzureichend definiert ist
und unterschiedlich verwendet wird, ist einzugrenzen, was damit bezeichnet werden soll. Subjektivierung ist ¨ ahnlich wie der Entgrenzung formal ein Prozessbegriff. Sie nimmt also in Bezug auf bestimmte strukturelle Entwicklungen von Arbeit zu. Der Begriff zielt einerseits prim¨ ar auf die Selbstbestimmung und andererseits st¨ arker auf die Bestimmung durch die Gesellschaft ab. Bei der ersten Verwendung werden die konstitutiven Leistungen betont, jedoch die gesellschaftlich historische Bedingtheit des subjektiven Handelns, also die Umst¨ ande, vernachl¨ assigt. Die zweite Verwendung r¨ uckt die kulturellen und sozialen Pr¨ agungen in den Mittelpunkt. 9 Durch einen interaktionistischen Zugang wird deutlich wie sich Personen in Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt verorten und gleichzeitig durch sie verortet werden. Unter Subjektivierung von Arbeit wird der Bedeutungszuwachs personengebundener Eigenschaften f¨ ur die wirtschaftliche Verwertung verstanden. Einerseits werden subjektive Leistungen von den Unternehmen st¨ arker nachgefragt, andererseits tragen die Individuen subjektive Anspr¨ uche, wie z.B. den Wunsch nach Selbstverwirklichung, an den Arbeitsplatz heran. 10 Es kommt zu einer Intensivierung von individuellen Wechselverh¨ altnissen zwischen Person und Betrieb. Der technisch-organisatorische Wandel, gepaart mit
9 Vgl. Kleemann,F.,Matuschek & I.,Voß, G.G., 2002: Subjektivierung von Arbeit. In: Moldaschl, M. & Voß, G. G. (Hrsg.): Subjektivierung von Arbeit. M¨ unchen, S. 55 f.
10 Vgl. Egbringhof, J., Kleemann, F., Matuschek, I. & Voß, G. G., 2003: Bildungspolitische und bildungspraktische Konsequenzen der Subjektivierung von Arbeit. S. 11
10
vielf¨ altigen soziokulturellen Wandlungsprozessen, macht subjektive Eingriffe zur Aufrechterhaltung des Arbeitsablaufes vermehrt erforderlich. Die Ursachen liegen unter anderem in den Folgeproblemen der Technisierung, der Aufweichung von Sozialisationsmechanismen und der ver¨ anderten Bed¨ urfnislage der Individuen. Durch die Technisierung entstehen nicht intendierte Unbestimmtheiten, die durch Subjektivit¨ at der Arbeitenden wieder geschlossen werden m¨ ussen. Statt detaillierter Strukturvorgaben und Reglementierungen erfolgt nun vermehrt der Zugriff auf bislang kaum genutzte Potentiale der Arbeitskraft. Das Verh¨ altnis von Arbeit und Leben entgrenzt sich und handlungsstabilisierende Orientierungen des Alltags gehen verloren. Eine aktive Restrukturierung durch die Subjekte als Antwort auf die Entstrukturierung des Alltags sowie eine aktive Organisation des Alltags und Selbstdisziplinierung wird notwendig. Infolge unsicherer Erwerbsverl¨ aufe werden den Individuen subjektive Gestaltungsleistungen des individuellen Lebensverlaufs und der Berufsbiographie abverlangt. Als Folge zunehmender materieller Absicherung und in Verbindung mit Distanzerfahrungen z.B. durch Arbeitslosigkeit, kommt es zu einer Orientierung auf andere Lebensbereiche. 11 Generell haben es reiche Gesellschaften schwieriger den Arbeitsdruck aufrecht zu erhalten. Die Subjektivierung kann als eine Antwort auf dieses Problem verstanden werden. ”Die von verschiedenen Seiten unterst¨ utzte These der Subjektivierung von Arbeit impliziert, dass subjektive Potentiale der Erwerbst¨ atigen in neuer Qualit¨ at der betrieblichen Verwertung zug¨ anglich gemacht werden“. 12 Die erweiterten Verantwortlichkeiten, Handlungs- und Gestaltungsspielr¨ aume, die Abnahme von Zw¨ angen und Fremdbestimmung ist einerseits zu begr¨ ußen, andererseits werden diese Aspekte zur Profitmaximierung des Unternehmens instrumentalisiert. Die Ware Arbeitskraft wird nicht mehr passiv dem Betrieb zur Verf¨ ugung gestellt. Der vormalige R¨ uckzugsort der Gedanken- und Gef¨ uhlswelt wird ¨ okonomisiert. Der Arbeitgeber und die Arbeitssituation bestimmt, was gedacht, gef¨ uhlt und gezeigt werden darf. Die Arbeit wird affektiv besetzt und ihr Ausbeutungscharakter dadurch verschleiert. Freiheitsspielr¨ aume
11
Vgl. Kleemann,F.,Matuschek & I.,Voß, G.G., 2002, a.a.O., S. 60 ff.
12 Pongratz, H. J. & VOß, G. G., 2003: Arbeitskraftunternehmer. Erwerbsorientierungen in entgrenzten Arbeitsformen. Berlin, S. 13
11
verst¨ arken die affektive Besetzung und k¨ onnen zur Selbstausbeutung f¨ uhren. 13
2.1.4 Von der Arbeit zur permanenten Aktivit¨ at
In der biblischen Vorstellung ist die Arbeit eine Strafe f¨ ur den S¨ undenfall. Der Mensch treibt den Fortschritt voran um sich von der aufgeladenen Schuld zu befreien. 14 Die religi¨ ose Wurzel der Arbeit wird heute nicht thematisiert, verdr¨ angt, vergessen. W¨ ahrend in der athenischen Demokratie die Arbeit den Menschen als politisch-vollwertigen B¨ urger disqualifizierte, ist mit der Aufkl¨ arung ein neuer Arbeitsbegriff entstanden. Ulrich Beck macht drei Epochen des Verst¨ andnisses von Arbeit aus: ” Erstens die griechische Polis, zweitens die Arbeits-Demokratie der Ersten Moderne, deren Ideen lange zur¨ uckreichen, die aber letzten Endes erst nach dem zweiten Weltkrieg in Europa verwirklicht wurde; sowie drittens eben die Frage, wie Freiheit und Politik jenseits der Arbeitsgesellschaft m¨ oglich werden.“ 15 Im antiken Griechenland disqualifizierte die Arbeit den Menschen als vollwertigen B¨ urger. Heute gilt dagegen die Arbeit als notwendiges Vehikel zur gesellschaftlichen Teilhabe. Mit dem Aufkommen der protestantischen Arbeitsethik wird der Arbeitsbegriff einerseits auf Erwerbsarbeit verengt, andererseits zum vornehmlichen Bezugs- und Identifikationspunkt. Max Weber beschreibt in seiner Arbeit Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ die spezifischen Ur-
”
sachen, welche zu dieser Wirtschaftsform gef¨ uhrt haben. Sie ist nicht nur ein geschlossenes System, sondern auch ein kulturelles Ph¨ anomen, welches gepr¨ agt ist durch Asketismus, eine rationalisierte Lebensf¨ uhrung und ein leidenschaftliches Engagement in der Berufsarbeit als dem Zentrum des individuellen Lebens. In der Folge wird die sog. Berufsethik offensichtlich f¨ ur das Individuum in der
”
Verbindung von protestantischer Ethik und dem ” Geist“ des Kapitalismus zum
exklusiven Schl¨ ussel f¨ ur Anerkennung, Identit¨ at und der Hoffnung auf den Gna-
13 Bourdieu,P., 2001: Meditationen. Zur Kritik der scholastischen Vernunft. Frankfurt/Main, S. 259 ff.
14 Vgl. Treusch-Dieter, G., 2003: Das Arbeitsmannequin. Von der Produktion zum Dienst. In: Meschnig, A. & Stuhr, M. (Hgrs.): Arbeit als Lebensstil. Frankfurt/Main.
15 Beck, U., 1999, a.a.O., S. 17
12
denstand.“ 16 Gleichzeitig ver¨ andert sich die Berufsethik: ” W¨ ahrend sie auf der
ersten Entwicklungsstufe des Kapitalismus mit rationaler Askese verbunden war und Mitte des 20. Jahrhunderts dann mit Verantwortung und Wissen, wird sie nunmehr tendenziell von dem Begriff der Aktivit¨ at verdr¨ angt, ohne dass zwischen einer pers¨ onlichen oder gar spielerischen Aktivit¨ at und einer Berufst¨ atigkeit sorgsam unterschieden w¨ urde.“ 17 Die neoliberale Rhetorik verdr¨ angt die normativen und kulturellen Aspekte, die den Kapitalismus geformt und gepr¨ agt haben. Ebenso verkennt die Systemlogik der Wirtschaft, dass sie, wie Marx bemerkt hat, auf die Reproduktion des Arbeitenden in der Privatsph¨ are angewiesen ist, um Mehrwert zu erzeugen. Durch diesen ¨ Okonomismus wird jede Lebenst¨ atigkeit
auf seinen ¨ okonomischen Wert reduziert. Wertet man jedoch nach dieser Logik reproduktive Arbeit auf, wird alles zur Arbeit. 18 Dem verengten Begriff von Arbeit als Erwerbsarbeit und Schaffung materieller G¨ uter durch die Umwandlung der Natur, steht ein erweiterter Gesamtarbeitsbegriff gegen¨ uber, der alle menschlichen T¨ atigkeiten, die intentional die Reproduktion einer Gesellschaft gew¨ ahrleisten, als Arbeit definiert. 19 Der historische Prozess der Defragmentierung des Arbeitsbegriffs sowie die Frage nach dem Sinn der Erwerbsarbeit f¨ ur ein erf¨ ulltes Leben m¨ ussen Gegenstand einer breiten gesellschaftlichen Auseinandersetzung werden. Es erscheint eine Neudefinition aufgrund der Vervielf¨ altigung von Unsicherheitserfahrungen dringend notwendig. ” Es ist der Wunderglaube der
Arbeit, des Arbeitsb¨ urgers an sich selbst, an dem sich die Einsicht in die fortschreitende Erosion der Normalarbeit bricht.“ 20 Letztendlich kann man sich dem Begriff der Arbeit n¨ ahern, er unterscheidet sich jedoch zwangsl¨ aufig von dem t¨ atigen Erfahren der Arbeit. ” Gefragt ist daher ein ‘Aufkl¨ arungswissen‘, das es den Beherrschten erleichtert, ihre eigenen, diskrepanten Erfahrungen mit den laufenden Ver¨ anderungen und den sich abzeichnenden neuen Verh¨ altnissen f¨ ur
16 Schwinger, E., 2005: Der ”Geist des Kapitalismus¨ und die Zukunft der Arbeitsgesellschaft. W¨ urzburg, S. 11
17 Boltanski, L. & Chiapello, ` E., 2003: Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz, S. 209
18 Vgl. Schwinger, E., a.a.O., S. 13
19 Vgl. Wolf, F. O., 2005: Arbeitsgl¨ uck. Untersuchungen zur Politik der Arbeit. M¨ unster, S. 150 f.
20 Beck, U., 1999, a.a.O., S. 69
13
sich selbst koh¨ arent zu erfassen und mit anderen nachvollziehbar zu kommunizieren.“ 21 Die gesellschaftlichen Akteure folgen der neoliberalen Logik und den ¨ okonomisch verengten Begriffen. Das gesellschaftliche Ziel sich von der Arbeit zu befreien tritt aus vielf¨ altigen Gr¨ unden in den Hintergrund: einerseits aufgrund der protestantischen Arbeitsethik, dem Vergessen des Ursprungs der Arbeit, und weil die Befreiung von der Arbeit in Form von Massenarbeitslosigkeit und Prekarisierung stattfindet.
2.1.5 Arbeitslosigkeit, Unterbietungskonkurrenz,
Tertiarisierung
Anerkennung und Respekt kann man sich in Deutschland vor allem durch lange Arbeitszeiten sichern. Unentbehrlich zu sein st¨ arkt das Selbstwertgef¨ uhl, auch um den Preis die eigene Familie oder den eigenen K¨ orper zu vernachl¨ assigen. So ist der einzige gesellschaftlich legitime Grund f¨ ur das K¨ urzertreten die Krankheit. Anerkennung wird zuk¨ unftig nicht mehr f¨ ur alle in Form von bezahlter Arbeit zur Verf¨ ugung stehen. Mit immer weniger Arbeitskraft wird immer mehr erzeugt. ” Die steigende Arbeitslosigkeit l¨ asst sich also nicht l¨ anger auf zyklische Wirtschaftskrisen zur¨ uckf¨ uhren, sondern auf die Erfolge eines technologisch avancierten Kapitalismus.“ 22 Es kommt zu einer Ver¨ uberfl¨ ussigung von Arbeitskraft ohne eine Zur¨ uckgewinnung von Freizeit mit der Folge einer Ausgrenzungs- und Stressdynamik in der Arbeitslosigkeit. Nicht ablehnbare Angebote und ” Verfolgungsbetreuung“ sollen Eigenaktivit¨ at ausl¨ osen. Die Not der Erwerbslosen dient der Disziplinierung der Besch¨ aftigten. Auf dem Arbeitsmarkt herrschen Unterbietungskonkurrenz und versch¨ arfter Verwertungszwang. Prek¨ are Besch¨ aftigungsverh¨ altnisse und Massenarbeitslosigkeit stellen ein erhebliches Gefahrenpotential f¨ ur gesellschaftliche Konflikte aufgrund der damit verbundenen Polarisierung dar. 23 Die Betroffenen werden in einen l¨ ahmenden Zustand der Bereitschaft ge-
21 Wolf,F. O., a.a.O., S. 334
22 Beck, U., 1999, a.a.O., S. 9
23 Vgl. Mayer-Ahuja, N., 2003: Wieder dienen lernen? Vom westdeutschen ”Normalarbeitsverh¨ altnisßu prek¨ arer Besch¨ aftigung seit 1973. Berlin, S. 11
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Arbeit zitieren:
Dipl.-Soziologe Heiko Lorenz, 2008, Von der Atomisierung zur Differenzierung, München, GRIN Verlag GmbH
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