Humboldt-Universität zu Berlin
Nordeuropa Institut
GK Mediävistik: Skandinavische Runeninschriften
SS 2002
Der Missbrauch von Runen im Dritten Reich
eingereicht von:
Christiane Baltes
MA Geschichte / Skandinavistik
2. Fachsemester
Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Einleitung
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2. Grundlagen für die Entwicklung der Runensymbolik im Dritten Reich
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3. Die Entstehung des Runenalphabetes nach nationalsozialistischer Auffassung
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4. Die Bedeutung der Runen im Dritten Reich
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5. Institutionen zur Erforschung und Popularisierung der Runen
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5.1. Das Amt Rosenberg
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5.2. Das Ahnenerbe
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5.3. Die SS
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6. Abschließende Beurteilung zum Missbrauch der Runen
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Literaturverzeichnis
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1. Einleitung
Die hier vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Runenkunde im Dritten Reich und deren
Steuerung durch den Nationalsozialismus. Im zweiten Kapitel skizziere ich die Grundlagen für
die Entwicklung einer Runensymbolik, wobei ich dabei von der völkisch-esoterischen
Bewegung als richtungsweisend ausgehe. Im dritten Kapitel behandle ich die Unterschiede und
Ähnlichkeiten der Theorien einiger mir als repräsentativ für die damalige Forschung
erscheinenden NS-Runenkundler über die Entstehung des Runenalphabets. Im Folgenden
erläutert das vierte Kapitel die Bedeutung der Runen im Dritten Reich anhand ihrer
Verwendung als Sinnzeichen bei gesellschaftlichen Feiern und innerhalb politischer
Organisationen. Anschließend gehe ich im fünften Kapitel auf die Institutionen zur Erforschung
und Popularisierung der Runen näher ein, indem ich jeweils die Struktur, die Zielsetzung und
die Charakteristika des Amtes Rosenberg, des Ahnenerbes und der SS darzustellen versuche.
Abschließend gelange ich im fünften Kapitel zu einer eigenen Beurteilung zum Missbrauch der
Runen.
Als zentrale Informationsquellen dieser Arbeit zähle ich aufgrund ihrer umfassenden
Darstellung und der breiten Quellenlage, auf die sie sich stützen, die Arbeiten von Ulrich
Hunger und Karlheinz Weissmann. Zu Weissmann möchte ich noch anmerken, dass mir seine
rechtspolitische Einstellung bei der Lektüre seines Buches vor Augen war und ich mich um eine
kritische Auseinandersetzung bemüht habe. Ferner zog ich die Arbeit Katers über das
Ahnenerbe hinzu und benutzte das Buch von Fest in Bezug auf die SS und die Figur Heinrich
Himmler. Mit Guido Lists ,,Geheimnis der Runen" erhielt ich Einblick in die völkisch-okkulte
Lehre. Andersson und Enoksen beleuchten das Thema aus schwedischer Sicht und bieten
jeweils eine auf den Punkt gebrachte Zusammenstellung der wesentlichen Fakten das Thema
betreffend.
2. Grundlagen für die Entwicklung einer Runensymbolik
Die dem Nationalsozialismus zugrunde liegende Kernidee einer Völkerhierarchie mit den Ario-
Germanen als herrschende Rasse an der Spitze entwickelte sich aus der völkisch-okkultistischen
Bewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ihr wichtigster Vertreter war der erste
völkische Schriftsteller Guido List (auch ,,von List", wie er sich selbst nannte). Er lebte von
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1848 bis 1919 in Wien und Berlin und galt als Begründer der Runen-Esoterik und der
Ariossophie, die die Lehre von der höheren Rasse der aus Nordeuropa stammenden Arier
bezeichnete und die Verbindung zur nordischen Mythologie und Sagenwelt herstellte. Im
Mittelpunkt seiner Runenkunde stand das Armanen-Futhark, das er selbst entwarf und das 18
Zeichen enthielt. Die Zeichenzahl entsprach den 18 Strophen des Odin-Liedes der ,,Edda"-Saga,
in dem - nach Lists Auslegung - der germanische Gott Wuotan die Richtlinien für einen
völkisch-okkulten Glauben bestimmt hatte. Dieses okkultistische Runensystem wurde von
anderen Gruppen dieser Bewegung wie dem Germanenorden oder der Thule-Gesellschaft zu
Beginn des 20. Jahrhunderts übernommen
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.
Hitler trat zum ersten Mal in Wien in Kontakt mit antijudaistischer, völkischer Literatur und
verkehrte dort in den Kreisen der Vertreter dieser Ideologie, zu denen neben List auch Jörg
Lanz von Liebenfels gehörte. Nach der Machtergreifung verbat Hitler hingegen alle
Geheimgesellschaften (okkulte Gruppierungen gehörten aufgrund der Bedeutung des Wortes
okkult = verborgen zu dieser Kategorie) aus Angst vor Verschwörung und zugunsten der
Gleichschaltung des Volkes. Hitler übernahm dennoch einige völkische Runenzeichen, wobei er
die gesamte Symbolik vereinheitlichte und vereinfachte. Dadurch konnte er den zweifelhaften
Ursprung dieser Runenlehre verdecken und bot somit weniger Angriffsfläche für potentielle
Kritiker. Außerdem war dem Volk eine leichtere Orientierung durch eindeutige Zeichen und
deren simpler Bedeutung möglich. Die Runen sollten von nun an nicht mehr Elemente einer
Lehre für einen auserwählten Kreis sein, sondern die Identifizierung mit der ariosophischen Idee
für alle Deutschen gewährleisten
2
.
Die Forschungsrichtungen, die sich im ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum Beginn der NS-
Zeit mit der Runenkunde befassten, wie z. B. die vergleichende Sprachwissenschaft, die
Germanistik oder die Archäologie, wurden in den dreißiger Jahren einer dem
Nationalsozialismus entsprechenden Umwandlung unterworfen. Ohne die völkisch-okkulten
Lehren von List oder Liebenfels, die schon Jahre zuvor die Runen zur Erklärung einer
zweifelhaften Rassenphilosophie missbrauchten, wäre diese Veränderung in der deutschen
Forschungslandschaft schwer möglich gewesen
3
.
1 http: //www.idgr.de/lexikon(bio/1/list-guido/list-g.html, 16.06.2002
2 FEST, Joachim C.: Das Gesicht des Dritten Reiches. Profile einer totalitären Herrschaft, München 1993, S. 23 ff.
3 KATER, Michael H.: Das Ahnenerbe der SS, München 1997. S. 49.
3
3. Die Entstehung der Runen nach nationalsozialistischer Auffassung
Guido List ging von der Entstehung eines 16-reihigen Runenfutharks in der Urzeit aus. In dem
Lied der isländischen Saga Edda ,,Runatâls thattr Odhins" (Wuotans Runenkunde) seien diesen
sechzehn Runen noch zwei hinzugefügt und als Schriftzeichen gebraucht und erläutert worden.
Dahinter verberge sich aber ihre Funktion als ,,Heilszeichen" für magische Rituale, der List in
seiner Arbeit auf den Grund zu gehen versuchte
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.
Die Entwicklung des Futharks hin zu einer 30-teiligen Runenreihe erklärte List durch die
Entstehung neuer Laute (z.B. v, z oder p), die wiederum neue Runenzeichen erforderlich
gemacht hätten. Ferner hätte jede Rune - wie im griechischen Alphabet auch - einen bestimmten
Namen, der gleichzeitig die sogenannten Wurzel-, Keim- und Urworte, also die tiefere
Bedeutung der Rune, in sich trage. Diese Runennamen seien bis auf einige Ausnahmen
einsilbige Wörter, so dass sich daraus die Theorie ergebe, dass die Runen ursprünglich eine
Silbenschrift gebildet hätten, was in diesem Zusammenhang als gleichbedeutend mit einer
Wortschrift dargestellt wird. Erst später sei die Wortschrift zur Buchstabenschrift
zusammengeschrumpft.
Neben den 30 in Gebrauch getretenen Zeichen hätte es außerdem eine Fülle anderer
Runenzeichen gegeben, die eine regelrechte Hieroglyphik bis hin zur Ornamentik ausgemacht
hätten. Dadurch unterschied List zwischen ,,Buchstaben-Zeichen" und ,,Heilszeichen". Nach der
Unterscheidung in diese beiden Gattungen hätten die Heilszeichen eine besondere
Entwicklungsphase durchgemacht, wohingegen die Schriftzeichen, bzw. Buchstaben-Zeichen in
ihrer Entwicklung stehen geblieben seien
5
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Eine ähnliche sich an die skandinavische Mystik anlehnende Theorie vertrat der deutsche
Laienforscher Helmut Wirth in seiner ,,Ura Linda Chronik" über eine friesische Familie: Auf
der Waraburg seien drei sechsspeichige Räder geritzt worden, aus denen die ,,Ehrenmutter"
Festa die Runenschrift gemacht hätte
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. In Anbetracht seiner Stellung als Sonderling unter den
vermeintlichen Runenkundlern im Dritten Reich, gelangte diese Theorie allerdings zu keiner
weiteren Beachtung, demonstriert aber das sich wiederholende Zurückgreifen auf fragwürdige
Überlieferungen.
Scheinbar im Widerspruch dazu stützte Wirth die Theorie Guido Lists und führte die griechisch-
4 LIST, Guido: Das Geheimnis der Runen, Wien 1912, S. 1-4 ff.
5 Ebd., S. 1-4 ff.
6 HUNGER, Ulrich: Die Runenekunde im Dritten Reich, Frankfurt/Main u. a. 1984, S. 184/185.
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