Bei der im Folgenden zu analysierenden Quelle handelt es sich um das Protokoll der Sitzung des österr.-ungar. Ministerrats für gemeinsame Angelegenheiten vom 07.07.1914. 1 In dieser Sitzung ging es um mögliche Aktionen Österreich-Ungarns gegen Serbien und die innenpol. Lage in Bosnien. Bisherige Spitze des österr.-serb. Konflikts war die Ermordung des Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinands gewesen. Diesem Attentat waren allerdings bereits einige Ereignisse vorangegangen, die mit dieser Tat ihren Höhepunkt fanden. In Europa gibt es Ende des 19. Jhds. zwei Allianzen, die das pol. Bild prägen: den Dreibund zw. Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien und den Zweibund zw. Frankreich und Russland. Diese Bündnisse sind defensiv orientiert. England ist bis dahin nicht in dieses Bündnissystem integriert. Das änderte sich jedoch 1904, als sich England und Frankreich zur Beseitigung kolonialpol. Differenzen zur Entente Cordiale zusammenschließen. Ein weiterer Grund ist, dass England eine Art Brücke zur Annäherung an den Osten Europas, sprich Russland, wünscht und Frankreich als geeignet ansieht. In der dt. Politik konkurrieren zugleich zwei verschiedene machtpol. Tendenzen. Zum einen will man den Bund mit Österreich-Ungarn festigen. Die Donaumonarchie ist sich als Vielvölkerstaat bereits jetzt über innere Unruhen bewusst und betreibt eine expansive Politik auf dem Balkan. Das geht soweit, dass in der Balkankrise 1908 Österreich-Ungarn Bosnien und Herzegowina mit überwiegend serb. Bevölkerung annektiert. Damit werden serb. Großreichpläne durchkreuzt, die seit 1903 von Russland unterstützt in Serbien ihr Zentrum haben. Zum anderen beginnt Deutschland mit dem Aufbau einer Flotte, die der Unterstützung der Weltpolitik dienen soll, was zu Differenzen mit England führt, das die Seeherrschaft für sich beansprucht. Die Spannungen zwischen den Großmächten nehmen zu, als es 1912 und 1913 zum Ersten bzw. Zweiten Balkankrieg kommt. 1912 überfallen Serbien, Bulgarien, Montenegro und Griechenland das geschwächte Osmanische Reich. Nach dem Friedensschluss ist die Türkei fast vollständig aus Europa verdrängt und Bulgarien ist mit den territorialen Veränderungen unzufrieden. 1913 greift deshalb Bulgarien Serbien, Rumänien, Griechenland und die Türkei an. Bulgarien unterliegt und wird verkleinert. Dass Bulgarien von Österreich-Ungarn unterstützt worden war, verstärkt den österreichisch-ungarischen Gegensatz. Weil England auf Russland und Deutschland auf Österreich mäßigend einwirken, kann ein europ. Krieg verhindert werden. Die Kriegsbereitschaft allerdings ist in ganz Europa deutlich spürbar. Als der österr. Thronfolger und seine Frau durch den serbischen Nationalisten Gavrilo Princip am 28.06.1914 bei einem offiziellen Besuch in Sarajewo erschossen werden ist die Empörung europaweit groß. Der Mörder ist ein Mitglied der großserb. Geheimorganisation „Schwarze
1 Abdruck zu finden in: Quellen zur Entstehung des Ersten Weltkrieges (1995), 322. Anlage 1.
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Hand“. Österreich-Ungarn will nun eine Strafaktion gegen Serbien einleiten, benötigt dazu aber die Rückendeckung durch Deutschland, da Serbien durch Russland geschützt wird. Am 06.07.1914 erteilt die dt. Regierung den sog. „Blankoscheck“, eine Unterstützungsgarantie für alle Fälle. Führende pol. und milit. Kreise in Berlin drängen auf eine gewaltsame Lösung des Konflikts. Nachdem dies Österreich-Ungarn bekannt ist, wird die Ministerratssitzung, dessen Protokoll dieser Arbeit als Quelle zugrunde liegt, einberufen und am 07.07.1914 abgehalten. 2
Protokolle sind schriftliche Quellen, die im Bereich der Urkunden- und Aktenlehre dem Innenlauf zugeordnet werden und somit im aktenführenden Haus verbleiben. 3 Zu einem Protokoll, in dem mündl. Verhandlungen aufgezeichnet werden, gehören normalerweise die Angabe von Ort und Zeit der Verhandlung, Name des Verhandlungsorgans und häufig eine Liste der anwesenden Personen. Zu unterscheiden ist zwischen wörtlichen Mitschriften und Protokollen, in denen lediglich die Ergebnisse und Beschlüsse zusammengefasst sind. 4 Im vorliegenden Fall handelt es sich um die Abschrift eines Protokolls, bei dem die Sitte das Protokoll durch die Sitzungsteilnehmer unterzeichnen zu lassen, nicht mehr vorhanden ist. Der Abdruck ist einer Quellensammlung entnommen, bei der es sich um eine kritische Edition handelt. Zeugnisse hierfür sind die Anmerkungen zur Edition, die historische Einleitung in das dokumentierte Geschehen und z.B. das Regest, das auch vor dem zu untersuchenden Schriftstück zu finden ist. Das Protokoll selbst verfügt über die geforderten Normen: Ort und Zeit sind angegeben, ebenso die Anwesenden, der Protokollführer und der Gegenstand der Verhandlungen. Für die Interpretation dieser schriftlichen Quelle bedeutet dies, dass ein Überrest vorliegt, der unmittelbar von den Begebenheiten übrig geblieben und aus geschäftlichen Bedürfnissen der damaligen Gegenwart entstanden ist. Die Quelle ist also unabsichtlich und zu einer anderen Zwecksetzung entstanden als der historischen Unterrichtung. Deshalb ist das Protokoll als objektiv einstufbar und ermöglicht eine entsprechende Interpretation.
Als gegenwärtig aufgeführt bei der Sitzung des österr.-ungar. Ministerrats für gemeinsame Angelegenheiten vom 07.07.1914 in Wien sind im Protokoll die folgenden Personen:
„der k.k. Ministerpräsident Graf Stürgkh, der kgl. ung. Ministerpräsident Graf Tisza, der k.u.k. gemeinsame Finanzminister Dr. Ritter von Bilinski, der k.u.k. Kriegsminister
2 Vgl. Quellen zur Entstehung des Ersten Weltkrieges (1995), XIVff sowie Horizonte II (2003), 220ff.
3 Vgl. Werkzeug des Historiker (2003), 59, 104.
4 Vgl. Einführung in das Studium der Neueren Geschichte (2001), 102.
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Tanja Wagner, 2005, Quellenanalyse: Protokoll der Sitzung des österreichisch-ungarischen Ministerrats für gemeinsame Angelegenheiten vom 07.07.1914, München, GRIN Verlag GmbH
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