Gliederung
1. Der kunsthistorische Ausgangspunkt. 3
2. Die Ikonographie des Portalprogramms. 6
2.1. Der Fries. 7
2.2. Die Tympana. S.13
2.3. Die Apostel- und Engelsfiguren. S.17
3. Die Gesamtkomposition und ihre Bedeutung. S.21
4. Quellen- und Literaturverzeichnis. S.23
2
1. Der kunsthistorische Ausgangspunkt
Die Abteikirche Saint-Gilles-du-Gard beeindruckt durch ihre dreitorige Portalanlage mit dem hervorspringenden Mittelrisalit. Die große Treppe führt den Betrachter zu einem reichen skulpturalen Figurenprogramm, das sich über die gesamte, basilikale Front erstreckt. Die überlebensgroßen Figuren, die sich zwischen Nischen bildenden, kannelierten Pilastern befinden, beleben das Trägersystem. Nur der von den großen Säulen getragene Figurenfries überspielt die dreiteilige Gliederung. Die vorangestellten Doppelsäulen bewirken eine Vertiefung der Portalöffnung, so dass der Eingangsbereich betont wird. Außerdem markieren und verdecken sie zugleich den Treffpunkt der verschiedenen Höhenverhältnisse, die die Größenhierarchie der Einzelportale ausmachen. Die niedrigeren Seitenpartien verstärken damit das Streben der Aufmerksamkeit des Betrachters zum Zentrum hin.
„Pracht und Größe des Baues wird verständlich aus der Bedeutung der Kirche als Grab eines Heiligen, der einen großen Zustrom von Gläubigen anlockte“ 1 und im Hochmittelalter zu einem der größten Wallfahrtsziele der Christenheit auf dem Weg nach Santiago de Compostela wurde. Der Heilige Ägidius gründete 680 die Benediktinerabtei Saint-Gilles, der er bis zu seinem Tod als Abt vorstand. Er gilt als Schutzpatron der stillenden Mütter und als Beistand für eine gute Beichte und der damit verbundenen Vergebung. Außerdem ist er einer der 14 Nothelfer, der einzige Nichtmärtyrer unter ihnen. Seine Gebeine befinden sich heute allerdings in Toulouse.
Bei der Frage nach der Datierung der Fassade teilt sich die Forschung in eine hauptsächlich von deutschen und angelsächsischen Forschern vertretene Ansetzung vor und bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts und eine im wesentlichen französische Datierung in die zweite Hälfte bis zum Ende des Jahrhunderts. Nach reiflicher Prüfung der Quellen und logischer Abwägung aller Argumente durch Dorothea Diemer „ergibt sich für die Datierung der Fassadenskulptur von Saint-Gilles formal die reichlich weite Datenspanne 1116-1188.“ 2 Die Autorin erarbeitete in ihrer Dissertationsschrift eine detailierte Bestandaufnahme der Bausubstanz und eine kritisch reflektierte Bewertung der Sekundärliteratur, so dass ihr auf diesem Gebiet kaum noch etwas hinzu zu fügen bleibt. Lediglich die Ikonographie, die inhaltliche Bedeutung des Portalprogramms, betrachtet Diemer nur am Rande. Deshalb stellt sich nun innerhalb dieser Arbeit folgende Frage: Wie betrachtet der mittelalterliche Pilger die Fassade?
1 Haman, 1955. S.2.
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Haman bewertet die Architektur der Fassade als eine rein antike „Nachahmung eines römischen Triumphbogens unter Benutzung von Anregungen, die von der Bühnenwand des antiken Theaters aufgenommen waren.“ 3 Ferguson O’ Mearas ikonographische Hauptthesen besagen, die Fassade von Saint-Gilles sei von einem gelehrten, wohl aus Cluny stammenden Theologen der Zeit entworfen und richte ihre didaktisch-propagandistische Zielsetzung auf anti-islamische Polemik aus. Somit stelle das inhaltlich vielschichtige Programm eine ins Monumentale umgesetzte Kreuzzugspropaganda dar. 4 Letztendlich enthält das Portal in gedrängter Form alles Wesentliche, was die Kirche dem Gläubigen zu sagen hat, „denn hier, an der geöffneten oder geschlossenen Tür des Gotteshauses, ist nun die Grenze, die Jenseitiges vom Diesseitigen trennt. Damit gewinnt das Portal und was es umgibt seine außerordentlich tiefe Bedeutung.“ 5 Der wallfahrende Pilger ist hauptsächlich der Betrachter der Kirchenfassade, der den christlichen Lehren folgen möchte. Was also bedeutet das Figurenrepertoire des Portals von Saint-Gilles-du-Gard für den Einzelnen?
Abb.1: Portalanlage Saint-Gilles-du-Gard.
4 vgl. Ferguson O’ Meara, 1977. S.144ff.
5 Tetzlaff, 1977. S.10.
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Eine weitere, oft besprochene Theorie dreht sich um die Möglichkeit zweier Bauetappen und einer damit verbundenen Planänderung. „Vier explizite Vorschläge für die Rekonstruktion eines ‚ursprünglichen Planes’ liegen vor, die zu verschiedenen Ergebnissen führen: Haman 1934 (bzw. 1955), Horn 1937, Gouron 1950 und Stoddard 1973.“ 6 Nehmen wir an, dass es keine Planänderung oder Bauunterbrechung sowie keine Veränderung des ikonographischen Programms gegeben hat. Schließlich lässt sich nichts davon beweisen. Der heutige Zustand (siehe Abb.1) sei der ursprüngliche Aufbau der Portalanlage von Saint-Gilles aus dem 12. Jahrhundert.
6 Diemer, 1978. S.12.
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2. Die Ikonographie des Portalprogramms
Das Portalprogramm beginnt mit dem Nordtympanon, das die Anbetung der Könige, die thronende Mutter Gottes mit ihrem Kind Jesus auf dem Schoß und den schlafenden Josef mit einem Engel zeigt. Der Leserichtung folgend schwenkt der Blick des Betrachters zum Figurenfries, der mit dem Einzug Christi in Jerusalem einsetzt. Die weiteren Szenen beschreiben den Passionsweg Jesu von der Vertreibung aus dem Tempel, über das Abendmahl und die Gefangennahme bis hin zur Geißelung und Kreuztragung. Das Südtympanon hat die Kreuzigung zum Thema. Links neben Christus am Kreuz befinden sich zwei Soldaten, Maria und Ecclesia. Auf der rechten Seite steht Johannes neben der zu Boden stürzenden Synagoga. Auf dem Gesims werden anschließend der Salbenkauf beim Krämer, die drei Marien am Grabe und die Auferstehung Christi veranschaulicht. Die überlebensgroßen Fassadenskulpturen unter dem Fries verkörpern die 12 Apostel, die ständigen Begleiter des Herrn während der gesamten Passion. Der Erzengel Michael auf der linken Seite und die Erzengel-Gruppe ihm gegenüber rechts flankieren das Geschehen. Den Abschluss bildet das mittlere Tympanon, auf dem Christus in der Mandorla umgeben von den vier Evangelistensymbolen thront.
Warum gerade ein Christuszyklus ausgewählt wurde, lautet die grundlegende Deutungsfrage. Im Jahr 787 traf man im sogenannten 2. Konzil von Nicea Bestimmungen, die ikonographische Regeln zum Gegenstand der Fassadenskulptur festlegten: „Die Komposition der Bilder ist nicht der Initiative der Künstler überlassen. Sie verhilft den Prinzipien zu Ansehen, die durch die katholische Kirche und die religiöse Tradition festgesetzt sind. [...] Nur die Kunst kommt dem Künstler zu, die Anordnung und Disposition ist Sache der Väter.“ 7 Die Wahl der Themen des Skulpturenschmucks am Portal entsprach also keiner zufälligen oder gar dem Künstler überlassenen Entscheidung. Sie ist nicht von der Architektur her bestimmt worden, sondern die Architektur hatte sich, so weit das technisch möglich war, der inhaltlichen Komposition unterzuordnen.
Ein Christuszyklus drückt das benediktinische Ideal einfach und schlicht aus: „In allem muss Christus erkannt, gesehen und ihm gedient werden“ 8 . Die allgemein gültige Lebensaufgabe für jeden Christen beinhaltet das Ziel, Jesus Christus nachzufolgen und seiner tugendhaften Vollkommenheit in der eigenen Lebensführung so nahe wie möglich zu kommen.
7 Tetzlaff, 1977. S.76.
8 Tschudy, 1960. S.87.
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Arbeit zitieren:
M.A. Corinna Schultz, 2007, Saint-Gilles-du-Gard: Das Portalprogramm, München, GRIN Verlag GmbH
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