Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Hauptteil 3
2.1. Das Rhizom und seine sechs Prinzipien 3
2.2. Borges und das Rhizom 8
3. Schlussbemerkung 14
4. Spanischer Abstract 15
5. Bibliographie 17
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1. Einleitung
Im folgenden Beitrag werde ich das von Gilles Deleuze und Félix Guattari eingeführte Denkbild des Rhizoms erläutern und anhand der Kurzgeschichte „El Jardín De Senderos Que Se Bifurcan“ 1 von Jorge Luis Borges in einen literarischen Kontext einbetten. Der französische Philosoph Gilles Deleuze und sein Freund und Kollege Félix Guattari, der als Psychiater und Psychoanalytiker tätig war, gehören ohne Frage zu den bedeutendsten postmodernen Denkern des 20. Jahrhunderts. Der Begriff Postmoderne wird in diesem Zusammenhang im Sinne de Toro’s verstanden:
“La postmodernidad […] es la posibilidad de una nueva organización del pensamiento y del conocimiento en una forma realmente ‚abierta’ a causa de la relativización de los paradigmas totalitarios, de la descentración del gran DISCURSO, de la gran HISTORIA y de la VERDAD.” (de Toro 1997: 11) 2
In Zusammenhang mit ihrer Kritik am Rationalismus, Essentialismus und Kapitalismus haben Deleuze und Guattari in ihren zahlreichen Werken und Veröffentlichungen neue Ideen, Impulse und Konzepte geliefert, die unter anderem traditionelle Wissenskonzepte und -organisation in Frage stellen und auf eine neue Art und Weise zu beschreiben versuchen. Von Deleuze stehen umfangreiche Publikationen zu Themen wie Philosophie, Literatur, Film und Kunst zur Verfügung. Als herausragende Werke sind vor allem „Différence et répétition“, „Logique du sens“, „L'Anti-Oedipe“ und „Mille plateaux“ zu nennen, die letzten beiden entstanden in Zusammenarbeit mit Félix Guattari.
Im Rahmen des Seminars „Boom- Postboom: Crack!“ spielen die Postmoderne an sich und damit verbundene Begriffe wie Rhizom, différance und Dekonstruktion eine entscheidende Rolle bei der Untersuchung von literarischen Werken, die durch ihre neuen literarischen Verfahren paradigmenbildend waren. In Borges’ oevre sind ebendiese Bilder, Techniken und Ideen bereits Jahrzehnte vor den Veröffentlichungen von Deleuze und Guattari enthalten. Borges galt Deleuze und Guattari geradezu als Inspiration und Referenz für die Entwicklung ihrer Rhizom- Theorie. Das von ihnen entwickelte Modell des Rhizoms ist Teil eines neuen und geradezu revolutionären Verständnisses der Strukturen und Funktionsweisen unserer eigenen Gesellschaft, als auch der Organisation von Wissen und Macht. Die gewaltige Rezeption ihrer Werke bis zum heutigen Tage bestätigt die Universalität des Denkmodells „Rhizom“, welches sich unter anderem anwenden lässt auf soziale, gesellschaftliche, politische, biologische, psychologische Kontexte und Systeme, sowie auf wissenschaftliche Bereiche jeder Art. Dieses Konzept fand und findet dementsprechend auch weit über die
1 Borges, Jorge Luis 1941: El Jardín De Senderos Que Se Bifurcan. En: Borges, Jorge Luis/ Emecé Editores
1993: Obras Completas. 1923- 1972. Emecé (Buenos Aires)
2 De Toro, Alfonso 1997: Postmodernidad y Postcolonialidad: Breves reflexiones sobre Latinoamérica. Vervuert
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Philosophie hinaus Anklang, so z.B. in der Literaturwissenschaft, den Cultural Studies, den Gender Studies und der Medientheorie. Zur näheren Erläuterung des Rhizoms habe ich mich vor allem auf die 2002 erschienene deutsche Ausgabe 3 ihres Werkes „Capitalisme et Schizophrénie II. Mille Plateaux“ konzentriert und Sekundärliteratur unter anderem von de Toro (1997) ausgewertet. Das Rhizom- Modell soll nun im folgenden ausführlich beschrieben werden, um es dann im nächsten Schritt anhand eines Textbeispiels zu veranschaulichen.
2. Hauptteil
2.1 Das Rhizom und seine sechs Prinzipien
In diesem Kapitel beziehe ich mich vor allem auf das von Deleuze und Guattari gemeinsam verfasste Werk „Kapitalismus und Schizophrenie: Tausend Plateaus“, welches in der Einleitung das Modell des Rhizoms vorstellt und erläutert. Das Modell beschreibt zunächst einmal ein offenes, sich ständig veränderndes dynamisches Netzwerk aus vielen Linien, die sich an bestimmten Punkten in sogenannten Plateaus zusammenballen. „Es besteht nicht aus Einheiten, sondern aus Dimensionen, oder vielmehr aus beweglichen Richtungen. Es hat weder Anfang noch Ende, aber immer eine Mitte, von der aus es wächst und sich ausbreitet.“ (Deleuze/ Guattari 2002: 36) Mit diesem Denkbild geht die Einleitung eines Paradigmas einher, welches eine Perspektive beschreibt, die sich nicht mehr auf eine monarchische Wissenschaft, das Denken in binären Oppositionen und hierarchischen Systemen stützt, sondern eben das Vergängliche, Prozesshafte und Widersprüchliche betont und beinhaltet. Das Wort „Rhizom“ ist ursprünglich ein Begriff aus der Biologie, es leitet sich aus dem Griechischen ab und bezeichnet im Allgemeinen das Wurzelgeflecht einer Pflanze und im Speziellen z.B. das Geflecht einer Ingwerknolle oder einer Maniokpflanze. Bei Deleuze und Guattari dient das Rhizom als Modell zur Beschreibung von Wissensorganisation und Machtstrukturen, aber auch von sozialen, kulturellen, politischen oder anderen Systemen. Dieses Denkbild beinhaltet charakteristische zentrale Ideen der Postmoderne, wie z.B. fragile, sich ständig verändernde fragmentarische Zusammenhänge, die Feststellung, dass es keine absolute Wahrheit mehr gibt, das Aufgeben von Dichotomien und Denken in binären Oppositionen wie Zentrum- Peripherie, Okzident- Orient, Subjekt- Objekt, Autor- Leser und damit einhergehend das Propagieren von Heterogenität und Mannigfaltigkeit. Darüber hinaus ist das Rhizom ein System, dass sich selbst erfindet und generiert, a-hierarchisch organisiert und asignifikant ist. In Bezug auf die Literatur beschreibt Deleuze die zentrale Problematik in
3 Deleuze, Gilles und Guattari, Félix 2002: Kapitalismus und Schizophrenie: Tausend Plateaus. Berlin, Merve
Verlag
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einem Interview von 1965 mit Roland Barthes, André Breton und Raymond Federman folgendermaßen:
„Es gibt zwei Arten, ein Buch zu lesen: Entweder man betrachtet es als Schachtel, die auf ein Innen verweist, und man sucht also seine Signifikate und macht sich daran, wenn man noch perverser oder korrumpierter ist, auf die Suche nach dem Signifikanten. Auch das nächste Buch behandelt man wie eine Schachtel, die in der vorhergehenden enthalten ist oder sie ihrerseits enthält. Und man kommentiert, interpretiert, verlangt Erklärungen; man schreibt das Buch des Buches, bis ins Unendliche. Oder aber man liest auf die andere Art: Man nimmt das Buch als kleine asignifikante Maschine. Das einzige Problem ist, ob und wie sie funktioniert. Wie funktioniert sie für Euch? Wenn sie nicht funktioniert, wenn nichts passiert, muss man zu einem anderen Buch greifen. Jene andere Lektüre ist intensiv. Entweder kommt was rüber oder nicht, passiert etwas oder passiert nichts. Es gibt nichts zu erklären, zu verstehen, zu interpretieren. Wie bei elektrischen Schaltungen. „ (Deleuze 1965) 4 Um den Ursprung und die Bedeutung des Konzepts des Rhizoms zu verstehen muss man zunächst näher auf ein traditionelles abendländisches Denkmodell eingehen, welches bereits seit dem 6. Jahrhundert exisitiert und unter anderem auf Ideen von Aristoteles zurückgeht. Es handelt sich hierbei um den Baum des Wissens, ein Denkmodell, welches eine zentristische, hierarchische und zweigeteilte Struktur beschreibt und in seinem Aufbau dem Stamm und den Verzweigungen eines Baumes ähnelt. Im 13. Jahrhundert wurde dieses Modell zunächst von Petrus Hispanus in die Wissenschaftsgeschichte eingeführt bis dann Descartes im 17. Jahrhundert vom großen Buch der Welt spricht, in dem die Gesamtheit allen Wissens und der Wissenschaften enthalten sei. Während der Aufklärung benutzte man dieses Baum-Modell für die Encyclopédie, an deren Erschaffung der französische Schriftsteller Diderot maßgeblich beteiligt war und in der man ebenfalls das gesamte Wissen jener Zeit zusammenfassen wollte. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde dieses Modell dann zunehmend kritisiert und in Frage gestellt, da es unvereinbar schien mit postmodernen Ideen, Konzepten und Denkbildern. Kritik an diesem Modell übten unter anderem Wittgenstein, Foucault und eben Deleuze und Guattari aus. Der „Baum des Wissens“ ist eine hierarchische Struktur mit einem klaren Zentrum, aus dem sich alle weiteren binären Verzweigungen ergeben. Das System lässt kein gleichzeitiges Nebeneinander zu, in dem alle Elemente dieselbe Daseinsberechtigung haben, da jede Kategorie einer anderen untergeordnet wird und es so eine Hierarchie des Wissens beschreibt. Es handelt sich also um keine reale Vielheit, da alle Elemente in eine klare vorgegebene Struktur und Ordnung gefasst sind, so dass sie nur auf vorgezeichneten Wegen miteinander in eine bestimmte hierarchische Verbindung treten können. Mit dieser Idee geht auch ein monarchisches Wissenschaftsverständnis einher, welches dem Logos und der rationalen Wissenschaft den alleinigen Wahrheitsanspruch zuschreibt und ganz klare Grenzen
4 Aus: Interview mit Gilles Deleuze, Roland Barthes, André Breton und Raymond Federman. Auf:
http://www.lichtensteiger.de/methoden.html (Stand: 8.7.2008)
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Arbeit zitieren:
Nathalie Solis Pérez, 2009, El jardin de senderos que se bifurcan - Borges und das Rhizom nach Deleuze und Guattari, München, GRIN Verlag GmbH
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