Essay: Das Phänomen des Transnationalismus
1. Die Diskussion um „Transnationalismus“ bzw. „transnationale Migration“ Seit den 1990er Jahren wird Migration in der Forschung zunehmend als „transnationales“ Phänomen analysiert 1 . Von den bis dahin herrschenden „klassischen“ Sicht auf Migration 2 setzt sich dieser Ansatz ab, da es nicht mehr darum geht, die Gründe, die zu Migration führen und die (problematischen) Konsequenzen, die Wanderungsprozesse auf die betreffenden sozialen Kontexte und für die Individuen haben, zu beschreiben. Im Zentrum der Aufmerksamkeit der transnationalen Analyse steht stattdessen die Bedeutung der länderübergreifenden Praktiken von Migranten (vgl. Pries 1997, 2000).
Diese transnationale Perspektive basiert auf der Erkenntnis, dass Migration zunehmend nicht mehr als unidirektionaler und einmaliger Wechsel zwischen zwei Orten begriffen werden kann. Die technologische Entwicklung der letzten Jahrzehnte in Kommunikation und Trans-port hat, so die Argumentation, entscheidend dazu beigetragen, dass die Lebenswirklichkeit heutiger Migranten zunehmend durch eine Orientierung sowohl auf den Ankunfts- als auch den Herkunftskontext gekennzeichnet ist. Geschaffen werden dadurch plurilokale, verbindende Strukturen über die nationalstaatlichen Grenzen hinweg, die zunehmend bedeutender für die Lebenspraxis von Migranten werden. Pries zufolge werden „die nationalstaatlich verfassten Container-Gesellschaften als Sozialräume zunehmend ‚durchlöchert’ von transnationalen sozialen Praktiken, Symbolen und Artefakten, die sich als plurilokale Netzwerke stabilisieren“ (Pries 2000, 60).
Wie genau sehen jedoch transnationale Räume aus? Nach Luethi ist eine spezifische Bedingung, die erfüllt sein muss, um von einem transnationalen Phänomen sprechen zu können, die Regelmäßigkeit der sozialen Kontakte über einen längeren Zeitraum. Sie betont, dass neben der Dimension der Räumlichkeit auch die Dimension der Temporalität gegeben sein muss (vgl. Luethi 2005).
Im Folgenden werden nun anhand von drei Studien mit empirischen Fallbeispielen transnationale Räume vorgestellt. Es geht erstens darum aufzuzeigen, welche grenzüberschreitenden Aktivitäten sich zeigen (Aspekt der Räumlichkeit) und inwiefern man bei diesen Beispielen von einer Dauerhaftigkeit (Temporalität des Phänomens) ausgehen kann. Trifft es nur für die hier beschriebenen Angehörigen der 1. Generation zu? Oder bleibt das Phänomen der transna-
1 Eshandelt sich dabei um ein weites Forschungsfeld mit unterschiedlichen Ansätzen und Gewichtungen. In Deutschland vor allem von Ludger Pries und Thomas Faist vertreten und spezifiziert.
2 z. B. Hoffmann-Nowotny (1970), Esser (1980)
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tionalen Beziehungen auch für nachfolgende Generationen bzw. für die erste Generation über einen längeren Zeitraum im Lebensverlauf relevant? Der zweite Schwerpunkt dieses Essays liegt in der kritischen Betrachtung der Ungleichheitsformen, die im Zusammenhang mit transnationalen Räumen und deren Chancenpotential evident werden.
Der Analyse der Beispiele wird ein kurzer Überblick über die theoretische Konzeptualisierung des „Transmigranten“ und der „transnationalen Räume“ vorausgeschickt.
2. Der „Transmigrant“ im „transnationalen Raum“
Anhand des Verhältnisses zu Herkunfts- und Ankunftsregion, wie des Hauptmigrationsgrundes und des Zeithorizontes für die Migration unterscheidet Pries zwischen verschiedenen Idealtypen von Migranten: Immigranten (sehen Ankunftsland als neue Heimat; Abschied vom Herkunftsland), Remigranten (Ankunftsland als Gastland, Dauerbezug zum Herkunftskontext) und Transmigranten. Transmigranten entwickeln eine zwiespältige Mischung aus Inklusion und beständiger Andersartigkeit und Unterschieden - sowohl im Ankunfts- als auch im Her-kunftsland. Auf der identifikativen Ebene sind sie charakterisiert durch multiple Zugehörigkeit (Pries 2001, 39).
Bereits die Anthropologen Glick-Schiller et. al., die mit die ersten waren, die dieses Konzept entwickelten, sprechen davon, dass die Transmigranten mehrere Identitäten haben, die sie gleichzeitig an mehr als eine Nation binden. Die Autoren sehen diese Migranten als kulturell kreative Akteure, da sie sich durch die transnationale Orientierung verschiedene Optionen offen halten und diese nutzen können. Die transnationale Orientierung ist eine Ressource und Bewältigungsstrategie, beispielsweise gegenüber Diskriminierungserfahrungen in der Ankunftsgesellschaft (vgl. Glick-Schiller et al. 1995).
Während Pries das Pendeln als Charakteristikum des „Transmigranten“ im „transnationalen Raum“ darstellt betont Faist, dass Individuen nur in Ausnahmefällen hypermobil sind. „Wenige Migranten pendeln tatsächlich abwechselnd über längere Zeiträume zwischen zwei Orten hin und her“(Faist 2000, 20f.). Dieser Autor spricht in seinem Konzept von „transstaatlichen Räumen“ bzw. „transstaatlichen Familien“, die als Teil einer in den letzten drei Jahrzehnten zunehmenden Dichte an grenzüberschreitenden Bewegungen im Verlauf von Migrationsprozessen, aber auch als Folge von Güter- und Informationsaustausch entstanden sind.
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3. Empirische Fallbeispiele a. Pendelnde Rentner
Ein Paradebeispiel des Transmigranten, der zwischen dem ursprünglichen Ankunfts- und Herkunftsland zirkulär migriert, sind türkische Arbeitsmigranten der ersten Generation, von denen offenbar viele im Ruhestand zwischen der Türkei und Deutschland pendeln. Krumme (2004) zeigt anhand von qualitativ-biografischen Interviews, wie diese Menschen ein Leben lang eine Rückkehrorientierung beibehalten haben, sich aber zugleich in Deutschland ein zuhause geschaffen haben (Kinder leben hier) und nun im Ruhestand die neu gewonnenen Zeitressourcen nicht für eine Rückkehr, sondern für das Pendeln nutzen (Krumme 2004). Als Motive für einen Aufenthalt in der Türkei zeigen sich in den Interviews Herkunftsfamilie, Geschwister, Eigenheim und einfachere Kommunikationsmöglichkeit durch Sprachkenntnisse Für Deutschland hingegen sprechen Familie (meist Kinder und Enkelkinder) und ein besseres Gesundheitssystem. Durch das Pendeln können sie die jeweils „lokal gebundenen“ Ressourcen nutzen. Krumme spricht von einem doppelten Zugehörigkeitsgefühl, das sich entwickelt hat. Anstelle des „weder-noch“ ist ein „sowohl-als auch“ getreten. Einer der Interviewten, Herr Murat Bozay (67 Jahre), beschreibt beispielsweise wie sie sich zwei Heimaten geschaffen haben und dies nun auch im Pendeln Ausdruck findet (Krumme 2004, 143) Den Fallbeispielen ist zu entnehmen, dass oftmals dem Wunsch, in die Heimat zurückzukehren, letztlich ein faktischer Verbleib in Deutschland während ihres gesamten Arbeitslebens gegenüberstand, womit sie transnationale Räume und Identitäten während ihres Arbeitslebens entwickelten. Das Pendeln der Migranten im Rentenalter wird als eine Fortsetzung ihrer gelebten Transnationalität in ihrer gesamten Migrationsbiografie interpretiert (Krumme 2004, 142). Transnationalität spiegelt sich bei diesen Transmigranten in ihren veränderten Handlungskontexten und Ressourcen, durch Übernahmen von Handlungsnormen und Werten und multiplen nationalen identifikativen Zugehörigkeiten (ebd., 149). Das vorgestellte Fallbeispiel der pendelnden Migranten im Rentenalter zur Vorstellung grenzübergreifender Mobilität und ihrer Effekte könnte zu Recht als ein zu spezifisches und auf andere Kontexte nicht übertragbares Phänomen kritisiert werden. Hier stellt sich ganz besonders die Frage, wie dauerhaft diese Form von Migration sein kann. Die Pendelmigration im Alter ist wahrscheinlich ein außergewöhnliches Phänomen, das in dieser Form nur in der ersten Generation stattfindet, da hier der Herkunftsbezug am stärksten ausgeprägt ist. Den-
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Ioanna Gatzigianni, 2007, Das Phänomen des Transnationalismus: theoretische Diskussion und empirische Beispiele, München, GRIN Verlag GmbH
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