Vorstellung
Offenbarungsbegriff und Offenbarungskritik kennzeichnen eine über 2000jährige kirchliche Lehr- und Forschungstradition. Diese in ganz kurzen und überblickartigen Zügen nach zu skizzieren ist das Ansinnen dieses Essays. Den Überblick habe ich als Essay ausformuliert, da es die Verschriftlichung eines gleichnamigen Referats in einem Examens-Kolloquium darstellt.
2
Offenbarungsbegriff und Offenbarungskritik
In der systematischen Theologie gibt es auf die Frage nach der Möglichkeit Gott zu erkennen zwei unterschiedliche Antworten, die sich - und das ist prägend für das jeweilige Zeitverständnis - gegenseitig ausschließen oder ergänzen: Glaube und Vernunft. Der Beginn des Paradigmengegensatzes kann bis auf die Weisheitspsalme zurückgeführt werdensinnvoller aber ist es bei der Entstehung des Neuen Testaments anzusetzen. So weist Paulus jeden Versuch zurück, das Christusereignis der Weltweisheit anzupassen - ihm entgegen steht das Johannesevangelium, das den Christus mit dem Zentralbegriff der griechischen Philosophie belegt: Logos.
Paulus als Urheber der ältesten Schriften des Neuen Testaments und Johannes als das jüngste der Evangelien bilden also einen Gegensatz, der die künftige Theologiegeschichte paradigmatisch bestimmen sollte. Eine Balance zwischen den beiden Strömungen ist seltenvielmehr zeigt sich jeweils ein Übergewicht der einen oder anderen Seite bei der jeweiligen Schule oder dem jeweiligen Denker. Überwog in der paulinischen Richtung die fideistische Tradition, wurde durch Johannes die rationale Sicht betont und - im Laufe der weiteren Apologetik - beibehalten.
Dies kam daher, dass man sich in Verteidigung der heidnischen Streitschriften und Pamphlete (z.B. des Neuplatonismus durch Plotin oder Porphyrius) mit denselben Waffen eindeckte wie der Gegner: Durch Philosophie wurde die Wortoffenbarung im Zuge ihrer zunehmenden Verschriftlichung intellektualisiert und hellenisiert: Aus Christus wurde der Logos undbesonders durch Philo v. Alexandrien - eine Trennung von Geist und Körper propagiert - eine Dichotomie, die im Gegensatz zur ganzheitlichen Vorstellung des biblischen Menschen steht.
Der fließende Übergang zwischen Philosophie und Theologie lässt sich gerade bei Augustinus von Hippo beobachten, der in seiner „de doctrina christiana“ die Überzeugung vertritt, dass alle Wissenschaften der heidnischen Welt in einen christlichen Ausbildungsgang gehören. Diese Vorstellung wurde schließlich vom Aquinaten im Etagensystem systematisiert: auf der ersten Etage die Vernunft mit ihren religiösen (z.B. Existenz Gottes) und natürlichen (z.B. Philosophie) Wahrheiten als Basis der Artes Liberales und auf der zweiten Etage der Glaube mit seinen übernatürlichen Erkenntnissen wie die Trinität oder die Inkarnation. Nun ist die Frage, auf welcher der beiden Etagen der jeweilige Theologe oder Philosoph wohnt. Jaspers beispielsweise lehnt den Absolutheitsanspruch positiver Religionen ab, da man sich über
3
„absolute“ Wahrheiten nicht unterhalten kann. Dem pflichtet auch Rousellot bei, der auf „habitus infusus“ verweist und klar bezeugt, dass man sich über absolute Wahrheiten nicht unterhält, sondern sie mit den gnadenhaft verklärten „Augen des Glaubens“ anschaut. Es sind im Grunde genommen 2 Denkrichtungen, die - im generalisierten Kern den weiteren Verlauf der Offenbarungskritik bestimmen: die Scholastik und die Aufklärung.
Als Paradebeispiel scholastischer Denke kann Anselm von Canterbury aufgeführt werden, der ganz klar auf der Etage des Glaubens wohnt. Für ihn ist die Philosophie das Instrument, um die „Augen des Glaubens“ zu schärfen - nicht aber, um sie zu öffnen. Daher seine Gottesbeweise, die aber nie absoluten Charakter hatten, sondern stets dem Gläubigen assistieren sollten, um rational denkende Heiden zu missionieren. Im Zuge der Scholastik und der totalen Unterordnung der Wissenschaft unter die Religion wurde die Offenbarung zunehmend zum Instrument der kirchlichen Autorisierung und der Rechtfertigung der ständischen Gesellschaftsordnung. Die zweite starke Strömung war nun die Aufklärung, die sich als antikirchliche Strömung verstand, aber nicht allein aus den Enzyklopädisten und dem Aufschwung der Wissenschaften erklärbar ist - denn auch zur Scholastik gab es parallele Enzyklopädien, die das hohe Weltwissen des Mittelalters verdeutlichen: Man denke etwa an Isidor von Sevilla, Bartholomäus Anglicus, Rabamus Maurus oder Vinzenz von Beauvais.
Vielmehr hat die Kirche als Institution zwei Krisen erlitten, die dann im 18. Jahrhundert zum englischen Deismus und zur deutschen Aufklärung führten: Mit der Reformation verlor die Kirche das Heilsmonopol und mit der französischen Enzyklopädie das Bildungsmonopol. Denn im Mittelalter ging es eben nicht um die analysis scientiae, sondern Wissenschaft ist hier noch ein legitimer Beitrag zum Verständnis der Welt als Offenbarung Gottes an die Menschen. Hierzu sind die 3 Thesen von Max Seckler anzuführen: (1) Erst durch die Offenbarungskritik wurde die Offenbarung zum zentralen Thema der kirchlichen Selbstkritik, (2) die harte Kritik half der Theologie den Begriff „Offenbarung“ für sich selber zu klären und (3) der heutige Offenbarungsbegriff ist das Produkt der Auseinandersetzung mit der theologiefeindlichen Aufklärung.
Es ging also um die vernünftige Hinterfragung der Offenbarungsansprüche im Sinne einer Klärung des christlichen Glaubens durch eine Scheidung (Kritik) von authentischen und falschen Offenbarungsansprüchen: Offenbarungskritik ist also nicht atheistisch sondern antiklerikal. Will man chronologisch vorgehen, müsste man hierzu vom englischen Deismus des 17. Jahrhunderts zur deutschen Aufklärung des 18. Jahrhunderts bis zum Idealismus des 4
Arbeit zitieren:
David Liebelt, 2008, Offenbarung, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Edmund Husserl: Die Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins
Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts
Hausarbeit (Hauptseminar), 13 Seiten
Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)
Hausarbeit, 25 Seiten
Der Religionsaspekt in Gotthold Ephraim Lessings "Nathan der Weis...
Hausarbeit, 23 Seiten
Das Gottesverständnis bei Friedrich Schleiermacher und Karl Barth
Theologie - Religion als Schulfach
Referat (Ausarbeitung), 15 Seiten
Die Prädestinationsgedanken in der Theologie Martin Luthers
Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte
Seminararbeit, 24 Seiten
Die Erziehung bei G. E. Lessing und J. G. Herder
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 29 Seiten
Hilary Putnams Einwand gegen 'seinen' Funktionalismus in: Die ...
Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)
Studienarbeit, 20 Seiten
Einheit und Dreiheit in der Gotteslehre Karl Barths
Theologie - Systematische Theologie
Hausarbeit, 17 Seiten
Lessings "Nathan der Weise" - Eine Deutung über die Ringpara...
Theologie - Systematische Theologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Kantische Pflichtethik und der Utilitarismus
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Hausarbeit, 16 Seiten
Leidenschaften und Vernunft in Lessings 'Emilia Galotti' auf F...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 25 Seiten
Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte
Seminararbeit, 11 Seiten
Wie paulinisch ist Barths Systematik in "Evangelium und Gesetz&qu...
Theologie - Systematische Theologie
Seminararbeit, 25 Seiten
David Liebelt's Text Offenbarung ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
David Liebelt hat den Text Offenbarung veröffentlicht
David Liebelt hat einen neuen Text hochgeladen
Kritisch-exegetischer Kommenta...
Akira Satake, Thomas Witulksi
Neubearbeitung. Das Neue Testa...
Traugott Holtz, Karl-Wilhelm Niebuhr
Die Offenbarung innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft
Eine Studie zu Kants philosoph...
Thomas Hanke
0 Kommentare