Vom „Dasein für andere“ zum Anspruch auf ein Stück „Eigenes Leben“ - der Individualisierungsprozess in der weiblichen Biografie nach Elisabeth Beck-Gernsheim.
Beck-Gernsheim wendet die Individualiseierungsthese von Ullrich Beck und die daraus abgeleiteten Individualisierungsprozesse auf die weibliche Biografie an und postuliert die These, dass sich die gesellschaftliche Rolle der Frau vom „Dasein für andere“ zu einem „Eigenen Leben“ entwickele, wenngleich sie einschränkend formuliert: „ zum Anspruch auf ein Stück eigenes Leben“. Belege für ihre These sucht Beck-Gernsheim in Veränderungen in den Bereichen Bildung, Beruf und Partnerschaft. Die Bildungsexpansion der 1960er Jahre, die daraus resultierenden Berufswünsche der Mädchen und Frauen sowie die steigenden Scheidungszahlen gelten ihr als Beleg dafür, dass eine Individualisierung im Gange sei und vor allem, dass diese Individualisierung Frauen neue Lebenschancen eröffne. Neu ist Beck-Gernsheim zufolge eine Entwicklung vom „Dasein für andere“ zum „Anspruch auf ein Stück eigenes Leben“, der politische Sprengkraft besitze. Dem ist gegenüberzustellen, dass die Bildungsexpansion der 1960er Jahre zwar dazu geführt hat, dass Mädchen und Jungen heute in ihren Bildungschancen zwar weitestgehend gleichgestellt sind -Mädchen und Frauen sind häufiger sogar besser ausgebildet als Jungen und Männer- gleichwohl schlägt sich dies nicht auf dem Arbeitsmarkt in Form von gleichen Karrierechancen nieder. Auch mögen die gestiegenen Scheidungszahlen auf die verbesserten Selbstversorgungsmöglichkeiten von Frauen und damit einhergehend auf einen Wandel des Zwecks einer Ehe schließen lassen. Ob dies jedoch bedeutet, dass Frauen daher mehr Selbständigkeit und mehr Selbstverwirklichung offen steht, scheint fraglich, da eine Scheidung für Frauen in den meisten Fällen mit erheblichen wirtschaftlichen Einbußen einhergeht und sie zusätzlich zu ihrer traditionellen Verantwortung für eventuell vorhandene Kinder noch die ökonomische Verantwortung tragen müssen.
Der „Anspruch auf ein Stück eigenes Leben“ ist nichts weiter als ein „verdoppeltes Dasein für andere“ lautet die Gegenthese, die diesem Essay zu Grunde liegt. Ich werde zunächst versuchen, die Argumentation von Beck-Gernsheim nachzuzeichnen. In einem zweiten Schritt möchte ich diskutieren, ob die Thesen von Beck-Gernsheim von gesamtgesellschaftlicher Aussagekraft sind oder ob sie lediglich auf die Frau aus der bildungsbürgerlichen Mittelschicht zutreffen. In einem dritten
Schritt soll die Gegenthese formuliert werden.
Beck-Gernsheim (1983) nimmt einen sozialhistorischen Recours auf das Frauenbild des 19. Jahrhunderts und hält fest, dass es demgegenüber einen Wandel in den Ansprüchen der Frauen auf Selbstverwirklichung, Selbständigkeit und Selbstbestimmung gegeben habe. Schwerpunktmäßig führt sie das zurück auf Veränderungen im Bereich der Bildung, des Berufs und schließlich im Bereich der Sexualität und Partnerschaft (Beck-Gernsheim 1983: 310). Zum einen habe die Bildungsexpansion der 1960er Jahre die Sozialisationsbedinungen für Jungen wie Mädchen verändert, wobei der Umbruch für Mädchen bedeutender sei, da er zu „früher Erwachsenheit“ führe (Beck-Gernsheim 1983: 315). Die Bildungsexpansion habe aber auch ein „politisches und soziales Potential“ freigesetzt, dem ein „Bewusstwerdungsprozess“ folge, der ein „neues privates und politisches Selbstbewusstsein von Frauen“ generieren könne (Beck-Gernsheim 1983: 312, 313).
Mit verbesserten Bildungschancen steigt die Berufsmotivation, durch die gesetzliche Gleichstellung von Mann und Frau in der Ehe und nach der Ehe und durch die geplante lebenslange Berufstätigkeit der Frau hat sich die Frau aus den Grenzen des familialen Bereiches wegbewegt und wird nun als Einzelperson wahrgenommen (Beck-Gernsheim 1983: 317, 321). Die „Einzelperson Frau“ ist Beck-Gernsheim (1983) zu folge zwar nun aus dem ausschließlichen familialen Wirkungsfeld freigesetzt, sie muss sich jedoch nun auf dem Arbeitsmarkt bewähren, dessen geschlechtsspezifisch ungleich verteilten Chancen auf ökonomischen und beruflichen Erfolg eine eklatante Diskrepanz zwischen beruflichen Ansprüchen und deren Verwirklichung generieren, wie Beck-Gernsheim (1983: 324) durchaus sieht. Aus der Entwicklung der hormonellen Empfängnisverhütung und durch die gesetzliche Regelung von Schwangerschaftsabbrüchen resultiert mehr
Entscheidungsfreiheit für Frauen und die Freisetzung der Frau aus den Konflikten und Folgen einer ungewollten Schwangerschaft. Die Ambivalenz dieser Entwicklung erkennt Beck-Gernsheim (1983:329) durchaus an, leitet jedoch auch ab, dass dies zu mehr Selbstbestimmungsrechten der Frauen über ihren Körper, ihr Leben und Zukunftsperspektiven führe. Die neue Selbstbestimmung der Frau führe außerdem zu neuen Beziehungsmustern: von der ökonomischen Versorgungsehe zur emotionalen Versorgungsinstanz auf freiwilliger Basis (Beck-Gernsheim 1983: 330). Die gestiegenen Scheidungszahlen gelten entsprechend als Beleg für diese neue Selbständigkeit der Frau (Beck-Gernsheim 1983: 332,333).
Der Bewusstwerdungsprozess, seine politische Sprengkraft und seine Folgen Beck-Gernsheim (1983) recourriert auf die Bildungsexpansion der 1960er Jahre, wenn sie formuliert, dass die „objektiven Veränderungen im Bereich Bildung eine zentrale Voraussetzung“ sind, „um Bewusstwerdungsprozesse in Gang zu setzen, die einen bewussten Umgang mit der eigenen Lage erlauben“. Hieraus resultiere ein „neues privates und politisches Selbstbewusstsein von Frauen“, das zwar von der bildungsmäßig privilegierten Mittelschicht ausgehe, aber aufgrund seiner Praxis „Signalwirkung“ habe.
Die Praxis des neuen Selbstbewusstseins der Frauen schlägt sich Beck-Gernsheim (1983) zufolge in Arbeitsgruppen, Selbsterfahrungsgruppen über Frauenliteratur, Frauengruppen in Gewerkschaften und Parteien nieder (Beck-Gernsheim 1983: 313). Dies sind jedoch Praktiken, die ohne eine gymnasiale oder universitäre Bildung nicht oder eher schwer erschließbar sein dürften. Folglich bleibt die Autorin den Nachweis schuldig, dass sich das neue
Selbstbewusstsein der Frauen über die gebildete Mittelschicht hinaus bewegt. Da sie den Nachweis schuldig bleibt und die genannte Praxis die einer gebildeten Mittelschicht ist, kann zum einen nicht davon ausgegangen werden, dass das neue Selbstbewusstsein verallgemeinerbar ist und „die Frau“ repräsentiert. Zum anderen kann hieraus keine politische Sprengkraft entstehen, wenn das neue Selbstbewusstsein keine gesamtgesellschaftliche Entwicklung darstellt, in der auch Frauen außerhalb der bildungsbürgerlichen Mittelschicht erfasst wären. Auch unterlässt es die Autorin aufzuzeigen, welche direkten politischen Konsequenzen das neue Selbstbewusstsein gehabt haben soll. Viel mehr verweist sie darauf, dass das neue Selbstbewusstsein erst möglich wurde, nachdem es eine Bildungsexpansion gab und nachdem sich die Gleichstellung von Mann und Frau juristisch 1957/58 in der Bundesrepublik manifestierte. Daher ist es fraglich, ob ein neues Selbstbewusstsein tatsächlich zu Veränderungen führen kann und tatsächlich die politische Sprengkraft besitzt, wie Beck-Gernsheim (1983) nahe zu legen scheint.
Arbeit zitieren:
Michiyo Hoffmann, 2008, Vom "Dasein für andere" zum verdoppelten Dasein für andere, München, GRIN Verlag GmbH
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