Inhaltsverzeichnis
Einleitung 2
1) Die Kritik der Critical Medical Anthropology an der herkömmlichen Medi-
zinethnologie 3-5
2) Neue Ansätze, Ideen und Grundgedanken der Critical Medical Anthropology
5
2.1 Mikro- und Makrolevel: Das Zusammenspiel verschiedener Ebenen.
5-8
2.2 Der Kapitalismus: Kommerzialisierung und Industrialisierung der Medizin.
8-10
2.3 Die verschiedenen Ebenen des Gesundheitssystems: Biomedizin vs. Alterna-
tive Medizin 10-12
3. Kritik an der Critical Medical Anthropology 12-13
Schlussbetrachtung 13-14
Literaturverzeichnis 15
1
“That our work be dedicated to comforting the afflicted while afflicting the comfortable” (Singer 1990:182).
Einleitung
Die Länder südlich der Sahara gehören zu den ärmsten der Welt und sie werden wie keine andere Region geplagt von schweren infektiösen Krankheiten und Epidemien: HIV/AIDS, Cholera, Hepatitis, Malaria, Tuberkulose und Bilharziose. Woran aber liegt es, dass ausgerechnet diese Länder, die mit der Allgegenwärtigkeit von Hunger, Armut, Kriegen, undemokratischen Regimes und Wasserknappheit ohnehin schon ein schweres Schicksal zu tragen haben, zusätzlich von all diesen Krankheiten heimgesucht werden? Oder ist die Frage gar falsch gestellt und sind am Ende eben diese Faktoren Schuld an der erschreckenden gesundheitlichen Lage dieser und anderer Entwicklungsländer? Das glauben zumindest die Vertreter der Critical Medical Anthropology (kurz: CMA), eines medizinethnologischen Ansatzes, der zu Zeiten des Kalten Krieges in den USA entstanden ist und sich gegen das kapitalistische System und vor allem gegen die Biomedizin als kapitalistisch ausgerichtetes Gesundheitssystem richtet. Für sie sind in erster Linie wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Faktoren verant-wortlich für die geschilderte Lage. Das Schlüsselproblem im afrikanischen Kampf gegen HIV/AIDS sind somit in ihren Augen nicht kulturelle Faktoren, wie zum Beispiel das Verhalten der Betroffenen, sondern die mangelnde Aufklärung und vor allem der Mangel an bezahlbaren Medikamenten. Ähnlich verhält es sich mit Cholera und Tuberkulose. Beides sind Krankheiten, die in den Ländern reichen Gegenden der westlichen Welt erfolgreich bekämpft wurden 1 . Dass dies in den Entwicklungsländern bisher nicht gelungen ist, liegt wiederum an fehlenden finanziellen Mitteln, die in die Industrie fließen anstatt ins Gesundheitswesen und oft dazu aufgewendet werden, dass die Entwicklungsländer Schulden an industriell hochgerüstete Nationen zahlen.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Forschungsansatz, für den die Schule der CMA steht. Im ersten Teil geht es um die Kritik, welche die CMA-Vertreter an anderen medizinethnologischen Modellen üben. In einem zweiten Teil werden die neuen Ansätze, Grundgedanken und Ideen der CMA vorgestellt. Der dritte Teil befasst sich mit der Kritik, die bisher über die CMA geäußert wurde.
1 In armen europäischen Ländern, d.h. vor allem in Osteuropa, und in den Armenvierteln der USA gibt es sie immer noch (und sie sind dort sogar auf dem Vormarsch), was die Theorie der CMA wiederum bestätigt.
2
1) Die Kritik der Critical Medical Anthropology an der herkömmlichen Medizinethnologie
Was die Vertreter der CMA hauptsächlich an den Konzepten und Interpretationen der konventionellen Medizinethnologie bemängeln, ist deren einseitige und beschränkte Sichtweise, die sich lediglich mit Ereignissen befasst, die sich auf der Mikroebene, d.h. auf der Ebene der persönlichen Beziehungen zwischen Individuen (zum Beispiel zwischen dem Patient und seinem Arzt bzw. Heiler oder dem Kranken und der Gruppe), abspielen. Die Untersuchungen beschränken sich auf die lokalen Kulturen selbst, die als in sich geschlossen, autonom und nach außen klar abgegrenzt betrachtet werden. Krankheiten werden aus sich selbst heraus erklärt und untersucht. Diese interpretative und hermeneutische Vorgehensweise (Singer 1990:180) lässt externe Faktoren außer Acht. Die Krankheit wird als „symbolically rich text“ (ebda.: 180) gelesen, so wie es Clifford Geertz für die Kultur fordert. Die Schrift liest sich also selbst. Als Kontext, in den Krankheiten gebettet sind, wird lediglich die Kultur angeführt. Untersucht werden Lebensstil, Verhalten, Denkweise, Mentalität und Glauben eines Volkes als Bestandteile der Kultur. Der Schule der CMA fehlt bei diesem mikroskopischen und semiotischen Vorgehen jedoch die entscheidende Frage: Wer definiert und schafft die Bedingungen für diese Kultur?
Da externen Faktoren keine Bedeutung geschenkt wird und die Individuen oft selbst für ihre Gesundheit bzw. Krankheit verantwortlich gemacht werden, werfen die Anhänger der CMA der herkömmlichen Medizinethnologie mangelnden Weitblick und ein „narrow un-derstanding of social relations“ (Singer 1990:179) vor: was ihnen fehlt, ist eine holistische Analyse, die die Geschehnisse auf dem Mikrolevel der Individuen und der lokalen Kulturen im Kontext globaler Strukturen untersucht. Laut CMA kann die Verantwortung für Gesundheit nicht beim Einzelnen liegen und es reicht auch nicht, die „Kultur“ oder die Sozialstrukturen innerhalb verschiedener Gesellschaften zu erforschen. Die Ursachen für Krankheit müssen in einen größeren politischen, wirtschaftlichen und historischen Kontext gebettet werden. Dabei spielen Machtverhältnisse, die sich aus der Vorherrschaft des kapitalistischen Weltsystems ergeben, eine große Rolle, welche sich wiederum auf Bildung, Ernährung, Wohnverhältnisse, etc. auswirken, was dann wieder einen Effekt auf das Wohlbefinden und die Gesundheit vom Menschen hat. In Merrill Singers Worten:
„The organization and distribution of biomedical roles is in large measure a microcosm of the class, racial, social, and sexual stratifications of capitalist society, and thus national and global political economies must be the frame of reference for examining social relations relative to health and health care” (Singer 1990:180).
3
Eine Medizinethnologie, die diese krankmachenden Umstände nicht beachtet, ist in den Augen der CMA nicht tragbar, da sie indirekt das kapitalistische System unterstützt und so dazu beiträgt, dass die Armen dieser Welt auch immer die Kranken der Welt bleiben werden. Ein weiterer Vorwurf der CMA an die restlichen MedizinethnologInnen ist deren „ecological orientation“ (Singer 1990:180). Im Mittelpunkt vieler Untersuchungen zum Thema Gesundheit und Krankheit steht die Anpassung der Menschen an ihr natürliches Umfeld. Auch dieser Ansatz weist dem Individuum die Verantwortung für seine Gesundheit zu, ohne in Betracht zu ziehen, dass es weitere Faktoren gibt, die das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt beeinflussen. Laut Merrill Singer sind es vom Menschen konstruierte Sozialgefüge (also die Kultur, die der Mensch sich selbst geschaffen hat), die bestimmen, in wie weit sich dieser an die Natur anpassen kann und darf: „Humans do not adapt to nature so much as we engage it; that to say, we adapt natur to fit socially constructed designs“ (ebd.: 1990:180). Hier kommen wieder die politischen und wirtschaftlichen Vorraussetzungen für menschliches Handeln ins Spiel. Die CMA fordert in diesem Falle bei der Untersuchung von Krankheiten ein vermehrtes Augenmerk auf die Ökonomie anstelle einer bloßen Betrachtung der Ökologie.
Die bisher aufgeführten Kritikpunkte beziehen sich alle darauf, dass in der konventionellen Medizinethnologie der von der CMA geforderte Bezugsrahmen vernachlässigt wird. Mit der folgenden Kritik gehen die Vertreter der CMA sogar noch weiter und beschuldigen die anderen medizinethnologischen Theorien der Unterstützung des kapitalistischen Systems. Die CMA kritisiert den Umgang der übrigen MedizinethnologInnen mit Biomedizin und traditioneller Medizin. Während die westliche Medizin den Platz einer Wissenschaft einnimmt, werden alternative Heilpraktiken als kulturelle Elemente oder Traditionen betrachtet. Die Biomedizin, die als Wissenschaft der Kolonialherren in die Entwicklungsländer gelangte und ein Kind des Imperialismus und Kapitalismus ist, wird durch dieses Verhalten der MedizinethnologInnen weiterhin begünstigt. Auf diese Weise helfen die WissenschaftlerInnen der westlichen Medizin, ihre Hegemonialstellung aufrecht zu erhalten, was mit der Verdrängung traditioneller Heilverfahren einhergeht 2 . Offiziell existiert in den meisten Gesellschaften ein Medizinpluralismus, in dem weitere Heilverfahren als Alternativen zur Schulmedizin bestehen. Diese nimmt jedoch wirtschaftlich, rechtlich, politisch und sozial häufig eine herrschende Rolle ein, so dass lediglich von einem pluralistischen System, nicht aber von einem pluralen die Rede sein kann (Singer 1990:182). Da die Biomedizin von einer zunehmenden Kommerzialisierung und Industrialisierung gekennzeichnet ist, untermauert sie außerdem die Vor-
2 Baer,Singer und Susser weisen darauf hin, dass die Biomedizin trotz allem nie völlig über andere Verfahren dominieren kann, u. A. da sie bei Versagen der Allopathie zu Rate gezogen wird (Baer/Singer/Susser 2003:336).
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Arbeit zitieren:
Carolin Brugger, 2005, Die Schule der Critical Medical Anthropology, München, GRIN Verlag GmbH
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