I n h a l t s v e r z e i c h n i
L a n e g r a q u e l l a m a n h o n r a
T h e m a S e i t e
Vorwort 1
1 Die Ehre als Lebens- und Weltanschauung im spanischen Siglo de Oro 2
1.1 Die Ausbildung des nationalen Ehrgefühls 2
1.2 Die limpieza de sangre 3
1.3 Negocio vs. Ocio: Adelssucht im Siglo de Oro 4
2 Die Ehre im Lazarillo de Tormes 5
2.1 Die Figur des hidalgo 6
2.1.1 Vos sabéis qué cosa es hidalgo? 6
2.1.2 El escudero como hidalgo 7
2.2 Die Rolle des hidalgo 8
2.2.1 Sustentar la honra - das oberste Gebot des hidalgo 10
3 Die Ehre: ein mehrdeutiger Begriff 12
3.1 Honor y honra: eine Synonymie? 13
3.2 Die Ehre als anthropologische Konstante 15
4 Das Konzept der Anti-Ehre 16
Zusammenfassung und Ausblick 18
Bibliographie 20
V o r w o r t
Im Jahre 1554 wird in Burgos, Alcalá de Henares und Amberes ein Buch mit dem Titel Vida de Lazarillo de Tormes y de sus fortunas y adversidades gedruckt. Das Werk erfreut sich großer Beliebtheit und wird zum Pioniertext einer neuen Literaturgattung, genannt novela picaresca. Der spanische Schelmenroman liefert in den fiktiven autobiographischen Erzählungen eines Anti-Helden das Bild eines Volkes, das vor Adelssucht, Stolz und Eitelkeit strotzt und einem Ehrbegriff erliegt, der zum Charakteristikum des Siglo de Oro wird. Doch auf welche Säulen des spanischen Selbstverständnisses stützt sich dieses übersteigerte Ehrgefühl? Um dieser Frage nachzugehen, musste ich einen kurzen Abriss über geschichtliche und gesellschaftliche Entwicklungen im Goldenen Zeitalter einbeziehen - wird doch im Werk die extratextuelle Welt widergespiegelt, die das Ehrkonzept für das Kollektiv definiert.
Die Hauptfragestellung der vorliegenden Arbeit soll jedoch die folgende sein: Wie wird das Phänomen Ehre im Lazarillo de Tormes dargestellt? Im Zuge meiner Analyse habe ich mich auf das dritte Kapitel der novela beschränkt, da das Thema dort einen herausragenden Stellenwert einnimmt. Von der Figur des hidalgo ausgehend, die zuerst gesellschaftlich situiert und definiert werden musste, extrahierte ich die im Text enthaltenen Maßnahmen des escudero zur Aufrechterhaltung seiner Ehre.
Nachdem diese beiden ersten Teile bearbeitet waren, wurde mir klar, dass die vermeintliche Synonymie honor / honra noch einer genaueren Erwähnung bedarf und es noch an einer Erklärung der Termini fehlte. Diese eingehende Betrachtung führte mich auch zu der Überlegung, ob denn die Ehre nun ausschließlich ein Phänomen des Goldenen Zeitalters sei. Ist sie denn nicht gerade in den mediterranen Kulturen konstitutiv für den Charakter der Gesellschaft und bis heute von außerordentlicher Bedeutung? Oder wie Lazarillo sagen würde:
“¡Oh, Señor, y cuántos de aquestos debéis Vós tener por el mundo derramados, que
Die Ehre als Lebens- und Weltanschauung im spanischen Siglo de Oro 1
Das „Goldene Zeitalter“ erlangte seine Bezeichnung bekanntlich aufgrund der hohen schöpferischen Aktivität, die von den Kindern dieser Epoche ausging: Greco, Velázquez, Góngora, Cervantes, Quevedo, Lope oder Calderón - um nur ein paar wenige Namen zu nennen. Doch abgesehen von Kunst und Kultur erhielten auch Ehre und Ehrbegriff eine besondere Ausprägung, die es mit einem gezielten Blick auf die Gesellschaft hinter der Fassade der hoch gepriesenen kulturellen Produktion des Siglo de Oro zu analysieren gilt.
1.1 Die Ausbildung des nationalen Ehrgefühls
Der Beginn dieses Zeitalters lässt sich im Jahre 1517 festmachen, als Karl I. den Thron besteigt. Die Spanier beschäftigen sich gerade intensiv mit der Entdeckung der neuen Welteine Unternehmung, die riesige Summen verschlingt und das Reich nach und nach wirtschaftlich ruinieren wird. Betrachtet man den Ehrbegriff unter der Definition des Rufes, des aufgrund besonderer Heldentaten oder Auszeichnungen zugeschriebenen sozialen Wertes, so findet man in der Conquista einen möglichen Ursprung des spanischen Ehrgefühls. Denn welcher Spanier ist nicht stolz einer Nation von Eroberern anzugehören? Defourneaux verweist in seinem Werk auf den Ausspruch des Titelhelden Lope de Vegas in La contienda de García Paredes: Ich bin García de Paredes und . . .
Aber es genügt zu sagen: Spanier.
Diese fehlende Bescheidenheit ruft bei anderen Nationen nicht gerade Wohlgefallen hervor. Fanatismus, Arroganz und Heuchelei sind nur einige der Vorwürfe an die spanische Bevölkerung, die ausländische Reisende in ihren Berichten festhalten. Vor allem im religiösen Bereich, der die Basis einer weiteren Ausformung des spanischen Ehrgefühls bietet, sehen sie die völlige Irrationalität und die Widersprüchlichkeit dieses Konquistadorenvolkes. Gegen Ende der sieben Jahrhunderte währenden Reconquista der maurisch besetzten Gebiete auf der Iberischen Halbinsel hat sich Spanien zur Großmacht emporgearbeitet. Unter der Herrschaft der Reyes Católicos sieht sich die Nation als Vorkämpferin des Katholizismus und bestreitet so, der göttlichen Mission folgend, ihre Schlachten gegen die Reformationsbewegung Luthers. Doch die Ehre, einerseits den katholischen Glauben in die Neue Welt hinauszutragen und ihn andererseits im eigenen Gebiet zu verteidigen, bringt eine „sittliche Verwahrlosung“ (Defourneaux: 34) mit sich, die nur schwer mit den religiösen Tugenden
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vereinbar ist. Der Kampf im Dienste der Kirche soll den Kreislauf sündigen - Buße tunwieder sündigen rechtfertigen und ein Gnadenkapital im Himmelreich erwirken, das die Verfehlungen des sündigen Menschen unbedeutend macht. Wenn Religion zur reinen Formsache wird, ist auch die gewaltsam erwirkte Konversion von Juden und Moslems keine Sünde. Diese Thematik fördert einen weiteren Eckpfeiler kollektiven Ehrbewusstseins zu Tage, der in enger Verbindung mit dem katholischen Glauben steht: die Ehre, ein Christ reinen Blutes zu sein.
1.2 Die limpieza de sangre
Das friedliche und tolerante Miteinander der arabischen, jüdischen und christlichen Kultur und Religion beginnt mit der Herrschaft der Reyes Católicos zu zerbröckeln - eine Tendenz die sich durch die Vertreibung der Morisken unter Philipp III. fortsetzt. Juden und Muslime werden mittels schikanöser politischer Maßnahmen, die dem Motto „conversión o expulsión“ folgen, quasi gezwungen, den christlichen Glauben anzunehmen. Doch die Konversion alleine genügt nicht, den Makel des unreinen Blutes auszulöschen. Konvertierte Juden, so genannte marranes (Schweine) werden verdächtigt, ihren Glauben weiterhin auszuüben, die Namen der Verdammten werden in den Bischofskirchen veröffentlicht und allerorts beherrscht die Sorge um die reine Herkunft das gesellschaftliche Leben des Siglo de Oro. Und so genügt am Beginn des 17. Jahrhunderts eine verleumderische Anklage, um den Ruf eines Mannes zu zerstören und seine gesamte Familie zu entehren.
Die Frage „Altchrist oder Neuchrist?“ durchzieht alle gesellschaftlichen Schichten, vom Adeligen bis zum Bauern. Allerorts werden Reinheitsbeweise verlangt, so genannte linajudos, die den Besitz reinen Blutes bestätigen sollen. In den Zünften der Kaufleute und Handwerker ist man besonders argwöhnisch, da Schneider, Schmied und Schuhmacher typische Moriskenberufe sind, während der Großteil der Bauernschaft aus cristianos viejos besteht. Der Handel mit echten oder erfundenen Genealogien floriert, denn nach der langen Epoche des gemeinsamen Miteinanders, findet man selbst in alten spanischen Adelshäusern noch ein paar Tropfen unreinen Blutes, die es zu verwischen gilt. So wird die limpieza de sangre zu einem entscheidenden Kriterium für sozialen Aufstieg, Status und Ehre in einer Gesellschaft, in der die sozialen Unterschiede dadurch immer größer werden. Durch das Streben nach Höherem „entsteht der Gedanke, dass auch die «Reinheit des Blutes» eine Art von Adel schenkt“ (Defourneaux: 44). Dadurch kommt es zur Ausbildung eines Phänomens, das quer
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durch alle gesellschaftliche Schichten beobachtbar ist: die Nachahmung des distinguierten ehrenvollen Daseins der Adeligen.
1.3 Negocio vs. Ocio: Adelssucht im Siglo de Oro
Dem Begriff Adelssucht liegt das krankhaft übersteigerte Ehrgefühl einer ganzen Nation zugrunde, die sich im Laufe des Goldenen Zeitalters mehr mit der Aufrechterhaltung von Rolle, Status und Ehre beschäftigt als mit produktiver Tätigkeit. Eng mit dem Prinzip der limpieza de sangre verbunden, verabscheut der Besitzer eines - auch käuflich erwerbbaren -Adelsbriefes (ejecutoria de hidalguía) die handwerkliche Arbeit. Eine Tatsache, die damit zusammenhängen könnte, dass dieser Berufsgruppe, wie bereits erwähnt, mehrheitlich Morisken angehören. Im Gegensatz dazu steht die Akzeptanz der bäuerlichen Bevölkerung und der landwirtschaftlichen Tätigkeit, setzt sich dieser Stand doch zur Mehrheit aus Altchristen zusammen.
Die vorherrschende ständisch organisierte gesellschaftliche Struktur besteht aus einer dem König unterstellten differenzierten Adelsschicht, die sich aus hohem Adel (den grandes), mittlerem Adel (den caballeros) und niedrigem Adel (den hidalgos) zusammensetzt. Gleichgültig, ob dem hohen oder niederen Adel angehörig, verachtet der Edelsmann die oficios viles. In ihrer Imitation des vivir noble gehen aber auch die Handwerker selbst soweit, ihre Beschäftigung nur in dem gerade notwendigen Maße zu folgen. So zitiert Calvo den Reisenden Joly, der in Valladolid Folgendes beobachtete:
„La mayor parte del tiempo [los artesanos] están desdeñosamente sentados cerca de su tienda y desde las dos o las tres de la tarde se pasean espada al cinto; ya no hay razón para que hagan nada hasta que habiéndolo gastado todo, vuelvan a trabajar” (Calvo: 59).
Es werden sogar Stimmen laut, die das Prinzip sustentar la honra, das im Folgenden auch anhand des Textes genauer analysiert wird, für die Unproduktivität Spaniens im Siglo de Oro verantwortlich machen und in ihm sogar die Wurzel des wirtschaftlichen Niedergangs sehen. Denn der geringen Bedeutung des negocio steht die große Bedeutung des ocio gegenüber: Muße, Nichtstun und Freizeit dominieren den Tagesablauf. Der Historiker José Calvo schreibt über den Alltag im Goldenen Zeitalter:
„Los largos ratos de ocio se llenaban con distintas diversiones, bailes, juegos, paseos…“ (Calvo: 59). Religiöse Feierlichkeiten konnten über das Jahr verteilt fünfzig Tage in Anspruch nehmen und rechnet man die Montage weg, die zur Erholung von sonntäglichen Festakten benötigt wurden, bleibt für ernsthaft betriebene Geschäfte wahrlich wenig Zeit.
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Arbeit zitieren:
Nina Fanninger, 2007, La negra que llaman honra - Ehre und Ehrbegriff im "Lazarillo de Tormes", München, GRIN Verlag GmbH
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