Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Das literarische Genre des Conte de fée 3
2.1 Historische Entwicklung 3
2.2 Versuch einer Definition 5
3. Begründung für den Einsatz des Conte de fée im
Französischunterricht 7
4. Der Conte de fée in der Grundschule 11
4.1 Curriculare Vorgaben 11
4.2 Unterrichtvorschlag zum Einsatz von Märchen in der Grundschule 13
4.2.1 Das methodische Konzept 13
4.2.2 Die praktische Umsetzung 16
5. Der Conte de fée in der Sekundarstufe I 18
5.1 Curriculare Vorgaben 18
5.2 Unterrichtsvorschlag zum Einsatz von Märchen in der Sekundarstufe I 21
5.2.1 Das methodische Konzept 21
5.2.2 Die praktische Umsetzung 25
6. Fazit 35
7. Literatur 37
1
1. Einleitung
„Als elementare Literatur ist das volkstümliche Schrifttum (Märchen, Anekdote […]) und dergleichen anzusehen. Hier liegt ein didaktisch erst ansatzweise genutztes Potential.“ 1
Dieses Zitat verdeutlicht, dass die Beschäftigung mit dem „Conte de fée“ weder Alltag noch Routine an deutschen Schulen ist. Der Unterricht der ersten Lernjahre wird meist von der Lehrbucharbeit dominiert, wobei unter den wenigen Texten, die in modernen Lehrwerken wie beispielsweise „Découvertes“ 2 oder „Tous Ensemble“ 3 zu finden sind, der „Conte de fée“ völlig ausgespart bleibt. Später greifen Lehrer 4 für eine erste Lektüre dann eher auf althergebrachte Klassiker wie Camus oder Maupassant zurück 5 . Auch ein Blick in die fachdidaktischen Publikationen und Zeitschriftenaufsätze der letzten Jahre zeigt, dass der „Conte de fée“ selten als Unterrichtsgegenstand fungiert und wenn, dann beschränkt sich dies häufig auf den frühen Französischunterricht in der Grundschule.
Aus diesem Grund scheint es angebracht, der Frage nachzugehen, welchen Nutzen Märchen für den Französischunterricht darstellen können und wie sie aus unterrichtspraktischer Sicht in den Französischunterricht integriert werden können. Bevor ich allerdings in die unterrichtspraktische Beschäftigung mit Märchen einsteigen werde, möchte ich versuchen, den thematischen Gegenstand meiner Arbeit, also die literarische Gattung des „Conte de fée“, näher zu umreißen. Dazu werde ich die historische Entwicklung dieses Genres überblicksartig nachzeichnen und im Anschluss den Versuch einer Definition unternehmen.
Das darauf folgende Kapitel widmet sich dann der oben angerissenen Fragestellung, welchen Mehrwert Märchen zum Französischunterricht beisteuern können und inwiefern sie sich besonders gut für die unterrichtliche Beschäftigung eignen. Dabei soll zum einen die Auswahl dieses Themas als auch dessen Relevanz in allgemeiner Art und Weise begründet werden.
Im Hauptteil der Arbeit werde ich dann speziell auf die jeweiligen Schuletappen Grundschule und Sekundarstufe I bezogen erläutern, inwieweit die curricularen 1 Bausch, Karl-Richard / Christ, Herbert / Krumm, Hans-Jürgen (Hrsg.) (2003): Handbuch
Fremdsprachenunterricht. 4., vollständig neu bearbeitete Auflage. Tübingen: Francke. S. 136. 2 Alamargot, G. u.a. (2005): Découvertes für den schulischen Französischunterricht. Stuttgart: Klett. 3 Crismat, A. u.a (2004): Tous Ensemble für den schulischen Französischunterricht. Stuttgart: Klett. 4 Der Einfachheit halber werde ich bei geschlechtsbezogenen Formulierungen nur die jeweils männlichen Formen verwenden.
5 Vgl. Nieweler, Andreas (Hrsg.) (2006): Fachdidaktik Französisch. Tradition, Innovation, Praxis. Stuttgart: Klett. S. 208.
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Vorgaben des Landes Berlin für den Französischunterricht eine Beschäftigung mit Märchen rechtfertigen. Dabei sollen jeweils die Berührungspunkte, die zwischen den Rahmenplanvorgaben und dieser literarischen Gattung liegen, aufgezeigt werden. Die unterrichtspraktischen Vorschläge, welche dieser Analyse folgen, gliedern sich jeweils in zwei Teile. In einem ersten Schritt werde ich das methodische Konzept, welches meinem Unterrichtsvorschlag zugrunde liegt, erläutern. Hierbei habe ich aktuelle Tendenzen der Fremdsprachendidaktik einbezogen, indem ich moderne methodisch-didaktische Prinzipien wie Ganzheitlichkeit (für die Grundschule) und kreativitätsorientierte Verfahren (für die Sekundarstufe I) als Basiskonzepte für meine Unterrichtsvorschläge herangezogen habe.
In einem zweiten Schritt soll jeweils ein Unterrichtsvorschlag, der sich auf das vorher dargestellte Methodenkonzept stützt, Unterrichtsvorschläge verstehen sich per definitionem nur als Möglichkeiten einer unterrichtlichen Auseinandersetzung. Ziel ist es, aus dem Fundus von Optionen, welchen dieses literarische Genre für die schulische Umsetzung eröffnet, zwei auszuwählen und an ihnen aufzuzeigen, wie ertragreich die Beschäftigung mit dieser Gattung für den Französischunterricht sein kann.
2. Das literarische Genre des „Conte de fée"
2.1 Historische Entwicklung
„Die Märchenentstehung stellte man sich als Prozess vor: Aus gleichartig wirkenden Basiselementen, die den Menschen als Gattungswesen charakterisieren, hätten sich unabhängig voneinander an verschiedenen Orten der Erde Märchen herausgebildet, die daher übereinstimmende Merkmale tragen. Bei allen Völkern gefundene, gleiche oder parallele Märchenvarianten wurden auf diese allen Menschen gemeinsamen Eigenschaften zurückgeführt.“ 6
Die Ursprünge des „Conte de fée“ reichen demnach weit in die Menschheitsgeschichte zurück und finden sich in allen Kulturen wieder. Märchenhafte Elemente sind bereits in den Erzählungen „Conte du naufragé“ und „Conte des deux frères“ anzutreffen, die auf ägyptischen Papyrusrollen gefunden wurden und aus dem 8.Jahrhundert vor Christus stammen. Auch die griechische und römische Antike brachte mythische Erzählungen, Sagen und Legenden wie
6 Pöge-Alder, Kathrin (2007): Märchenforschung. Theorien, Methoden, Interpretationen. Tübingen: Narr. S. 98.
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beispielsweise die „Metamorphosen“ Ovids hervor, welche Erzählstrukturen und Motive beinhalten, die sich heute in vielen bekannten Märchen wiederfinden. „Ainsi l’histoire de ,Pyché et Cupidon’ traverse les siècles pour inspirer ,La Belle et la Bête’ des Lumières." 7 Die Themen und Handlungsabläufe, welche wir heute aus Märchen kennen, wurden in ihren Anfängen von Generation zu Generation mündlich tradiert. Bevor sie schriftlich fixiert wurden und später vor allem durch den Buchdruck Verbreitung fanden, waren sie meist an einen sozialen Akt der Geselligkeit gekoppelt: Häufig war es die Großmutter, die abends im Kreis der Familie Geschichten erzählte oder aber ein Märchenerzähler, der von Dorf zu Dorf reiste, und mit dem Geschichten erzählen sein Geld verdiente. Dieser mündlichen Tradition ist auch die Tatsache geschuldet, dass Märchen heute noch in zahlreichen und teilweise sehr unterschiedlichen Varianten auftauchen.
Die mittelalterliche Literatur integriert viele der bekannten Märchenstoffe, wandelt sie um und erweitert sie. Sei es die Legende von der Fee Melusine oder seien es die Artusromane, die voll von Feen, Drachen und anderen Märchenelementen sind, um nur zwei bekannte Beispiele zu nennen. Inspiriert durch bretonische Volksmärchen veröffentlicht Marie de France Anfang des 12. Jahrhunderts unter dem Titel „Lais“ zwölf in Versen geschriebene Novellen.
Doch erst in der Renaissance beginnt der „Conte de fée“ sich als eigenständige literarische Gattung zu entwickeln, in welche märchenhafte Elemente nicht nur eingebaut werden, sondern die vollständige Handlung in eine märchenhafte Welt außerhalb der Realität verlegt wird. Diese Entwicklung ist eng mit der Abgrenzung zur „Novelle“, wie wir sie in ihrer ursprünglichen Form in Bocaccios „Decamerone“ und später in Marguerite de Navarres „Héptameron“ finden, verbunden. So erscheinen Mitte des 16. Jahrhunderts die „Piacevoli Notti“ von Giovanni Straparola (1480-1558), einem venezianischen Literaten, welche neben anderen Erzählungen vierzehn „Conte de fée“ beinhalten, die ähnlich wie in Boccacios „Decamerone“ in eine der mündlichen Tradition folgende Rahmenhandlung integriert sind.
7 http://expositions.bnf.fr/contes/arret/ecrit/index.htm
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„L’originalité principale des „Piacevoli Notti“ réside dans le fait de livrer les premières transcriptions littéraires de contes populaires issus du folklore paysan venitien, jusqu’alors exclusivement transmis oralement." 8
In den im Jahre 1625 erschienenen 50 Erzählungen des « Pentamerone » von Giambattista Basile (1575-1632) finden wir schließlich alle Elemente, die wir heute mit dem „Conte de fée“ verbinden: „Princes et princesses, fées, ogres et magiciens, animaux parlants et objets magiques, désirs d’enfant, épreuves à surmonter et dénouements heureux." 9 Als Begründer der literarischen Gattung „Conte de fée“ gilt jedoch Charles Perrault (1628-1703) mit seinen 1695 erschienenen „Contes de ma mère l’Oye“, der diese zum einen während der „Querelle des Anciens et des modernes“ theoretisch fundierte und welchem zum anderen der Verdienst zukommt, das Märchen hof- und salonfähig gemacht zu haben. Bei Perrault finden sich unter anderem die noch heute zu den bekanntesten zählenden Märchen „Le petit chaperon rouge“, „Cendrillon“, „La belle au bois dormant“ oder „Blanche-neige et les sept nains“.
2.2 Versuch einer Definition
Auch wenn die Grenzen teilweise fließend sind und beide Erzählformen heutzutage manchmal synonym gebraucht werden, wird ab dem 18. Jahrhundert häufig zwischen dem „Conte de fée“ als eher literarisch orientierte und in der Tradition Perraults stehende Form und dem „Conte merveilleux“ oder „Conte populaire“ als eher dem Volksmärchen nahe und sich stärker an der mündlichen Tradition orientierende Form unterschieden. Während der „Conte de fée“ oder das „Kunstmärchen“ von dem Moment seines Niederschreibens eine feste Form besitzt, die durch einen Verfasser bewusst festgelegt wird, existiert der „Conte populaire“ oder das „Volksmärchen“ in unterschiedlichen Erzählversionen und –varianten, da es „de bouche à l’oreille“ weitergegeben wird und dabei immer wieder modifiziert wird. In erster Linie bestimmt der „Conte de fée“ sich durch die Tatsache, dass das Wunderbare oder Übernatürliche als etwas „Selbstverständliches“ 10 wahrgenommen
8 http://expositions.bnf.fr/contes/arret/ecrit/index.htm
9 Ebd.
10 Pöge-Alder (2007). S. 24.
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wird, so dass „Alltägliches“ und „Außerordentliches“ 11 sich überschneiden. Viele der handelnden Figuren innerhalb des „Conte de fée“ sind phantastischer Natur – dem Leser begegnen sprechende Tiere, Riesen, Zwerge, Feen, Hexen, Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten usw. Die Personen, denen wir im „Conte de fée“ begegnen, verkörpern meist Typen, welche nach den Gesetzmäßigkeiten der Polarisation und Entindividualisierung konstruiert sind. Dies führt zum einen dazu, dass ihre Charaktere wenig komplex sind 12 und sie zum anderen einen hohen Wiedererkennungswert besitzen. Anstöße für die Handlungen der Protagonisten sind meist weniger intellektueller als affektiver Natur 13 . In diesem Zusammenhang überrascht es auch nicht, dass im „Conte de fée“ selten die Reflexionen der Protagonisten wiedergegeben werden.
Die Handlung vollzieht sich außerhalb von Raum und Zeit, was sich unter anderem in den häufig anzutreffenden, unbestimmten Einleitungs- und Schlussformeln wie beispielsweise „Il était une fois…“ zeigt. „Insgesamt zeichnet sich die Darstellung durch formelhafte Wendungen und Einschübe aus […].“ 14 Innerhalb der Handlung finden sich oft Wiederholungsstrukturen, wie beispielsweise die böse Stiefmutter in „Blanche-Neige“, die dreimal erscheint. Diese Wiederholungsstrukturen stellen sowohl eine „Stilisierung“ als auch „Vereinfachung der Handlung“ 15 dar. In diesem Zusammenhang sei auch die Zahlensymbolik, und hier vor allem die Zahlen drei, sieben und dreizehn, genannt, die charakteristisch für den „Conte de fée“ ist. Die Handlungsführung wird sowohl inhaltlich als auch zeitlich überwiegend linear präsentiert - inhaltliche Exkurse, Vorausdeutungen oder Rückblenden tauchen im klassischen „Conte de fée“ selten auf 16 . Ausgespart werden im „Conte de fée“ auch detaillierte Beschreibungen „von Situationen und sozialem Milieu“ 17 . Im Mittelpunkt des Märchens steht meist ein Held, welcher in eine Notlage bzw. „Mangelsituation“ 18 gerät, und, um diese zu überwinden, ausziehen und verschiedene Abenteuer bestehen muss. Als typisches Märchenelement wird außerdem der häufig anzutreffende Gegensatz zwischen Gut und Böse genannt,
11 Spinner, Kaspar (2003): Märchenalter. Bemerkungen zu einem umstrittenen Begriff. In: Jesch, Tatjana (Hrsg.): Märchen in der Geschichte und Gegenwart des Deutschunterrichts. Frankfurt am Main: Peter Lang. S. 41.
12 Vgl. Spinner (2003), S. 41.
13 Vgl. Ebd., S. 42.
14 Pöge-Alder (2007), S. 25.
15 Spinner (2003), S. 42.
16 Vgl. Pöge-Alder (2007), S. 27.
17 Spinner (2003), S. 41.
18 Pöge-Alder (2007), S. 27.
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wobei das Gute in den meisten Märchen siegt. „Das glückliche Ende als Ziel des Geschehens für den Glücklichen und Begnadeten wird durch die vorher bewältigten Konfliktsituationen deutlich akzentuiert.“ 19 Stilistisch gesehen zeichnen sich Märchen durch einen sowohl bezogen auf die Lexik als auch auf die Syntax leicht verständlichen Erzählstil aus. Weiterhin fällt die bereits oben erwähnte Formelhaftigkeit auf, die sich in den Eingangs- und Schlussformeln äußert und die es den Zuhörern bzw. Lesern erleichtert, das Märchen als solches zu identifizieren.
3. Begründung für den Einsatz des „Conte de fée“ im
Französischunterricht
Im Folgenden möchte ich versuchen, die Auswahl und Relevanz des Themas „Der „Conte de fée“ im Französischunterricht“ zu begründen. Die grundlegende Fragestellung lautet hier demzufolge, welche Argumente dafür sprechen, Märchen in den Französischunterricht einzubeziehen. Die Beantwortung dieser Frage erfolgt in diesem Kapitel auf allgemeine Art und Weise, bevor sie in den nächsten Kapiteln bezüglich der rechtlichen, sprich curricularen, Vorgaben speziell für die jeweiligen Schulstufen erläutert wird.
"Gerade weil ihm sein Leben oft verwirrend erscheint, muß man dem Kind Möglichkeiten geben, sich selbst in dieser komplizierten Welt zu verstehen und dem Chaos seiner Gefühle einen Sinn abzugewinnen. Es braucht Anregungen, wie es in seinem Inneren und danach auch in seinem Leben Ordnung schaffen kann. Es braucht – und dies zu betonen ist in unserer Zeit kaum notwendig - eine moralische Erziehung, die ihm unterschwellig die Vorteile eines moralischen Verhaltens nahebringt, nicht aufgrund abstrakter ethischer Vorstellungen, sondern dadurch, daß ihm das Richtige greifbar vor Augen tritt und deshalb sinnvoll erscheint. Diesen Sinn findet das Kind im Märchen." 20
Diese Worte, die aus Bruno Bettelheims Klassiker „Kinder brauchen Märchen“ stammen, erscheinen heute mehr als 30 Jahre später aktueller denn je, wenn man beispielsweise die Diskussionen um Jugendgewalt und übermäßigen Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen einbezieht. Immer wieder begegnet man dabei der
19 Pöge-Alder (2007), S. 27.
20 Bettelheim, Bruno (1980): Kinder brauchen Märchen. 3. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag. S.11.
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Michaela Hartmann, 2007, Das "Conte de fée" im Französischunterricht, Munich, GRIN Publishing GmbH
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