INHALTSVERZEICHNIS
1 GLIEDERUNG NACH SOZIOLOGISCHEM ERKLÄRUNGSMODELL 5
2 STREIK: DEFINITION UND HINTERGRÜNDE 7
2.1 STREIK 7
2.2 GEWERKSCHAFTEN 9
3 SOZIOLOGISCHE HANDLUNGSTHEORIE: AKTEURSMODELLE. 11
3.1 HOMO OECONOMICUS 12
3.2 HOMO SOCIOLOGICUS 14
3.3 EMOTIONAL MAN. 16
3.4 IDENTITÄTSBEHAUPTER 17
3.5 FAZIT AKTEURSMODELLE 19
4 AKTEURSTHEORETISCHE ERKLÄRUNG VON STREIKVERLAUF 20
4.1 HANDLUNGSMOTIVE 20
4.2 SCHWELLENWERTMODELL 21
4.3 ANWENDUNG DES SCHWELLENWERTMODELLS 23
5 ILLUSTRIERENDE FALLBEISPIELE. 26
5.1 GATE GOURMET - MENSCHENWÜRDIGERE ARBEITSBEDINGUNGEN MEHR LOHN 26
5.2 OPEL - STANDORTVERTEIDIGUNG DEUTSCHLAND. 30
5.3 FAZIT FALLBEISPIELE. 33
6 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK. 34
6.1 ZUSAMMENFASSUNG. 34
6.2 AUSBLICK 34
7 LITERATURVERZEICHNIS 36
8 ANHANG 38
2
EINLEITUNG
Was aber geschieht, wenn, wie gerade in den letzten Monaten verstärkt zu beobachten, Tarif-verhandlungen nicht mehr „lautlos“ über die Bühne gehen und es eben doch, von heftigem Aufsehen in den Medien begleitet, zu Arbeitskämpfen kommt? Die Streikthematik scheint gerade in den letzten paar Jahren an Aktualität gewonnen zu haben, obwohl Deutschland im europäischen Vergleich nach wie vor als ein sehr streikarmes Land gilt, 1 was nach Analyse vieler Forscher sowohl auf Flächentarife als auf die „sozialpartnerschaftliche Einbindung“ durch die Mitbestimmung zurückzuführen ist. 2
Streik wird generell als ökonomisches Phänomen betrachtet. Es hat sich allerdings als schwierig erwiesen, gute theoretische wirtschaftliche Erklärungen für dieses Phänomen zu finden, da immer wieder auf die Irrationalität dieses Macht- und Durchsetzungsinstrumentes der Gewerkschaft hingewiesen wird. Eine passende Beschreibung für das Problem der Streikanalyse hat Hicks 1963 mit seinem sog. „Hicks Paradox“, auf den sich die traditionelle ökonomische Streiktheorie zumeist beruft 3 , bereits frühzeitig geliefert:„ If one has a theory which predicts when a strike will occur and what the outcome will be, the parties can agree to this outcome in advance, and so avoid the costs of a strike. If they do this, the theory ceases to hold.” 4
Wenn man nur, wie in ökonomischen Theorien üblich, von rational handelnden Menschen ausgeht, ist es schwierig zu erklären, wieso sie ihr pareto optimales 5 Ergebnis in einem Arbeitsverhältnis durch Streiks verschlechtern (durch die Streikkosten wird die Verteilungsmasse im Umfang kleiner), wenn es doch sinnvoller wäre sich ex ante zu einigen und den Streik zu vermeiden. Zur Analyse von Streiks werden in der Ökonomie hauptsächlich zwei Ansätze verwendet: die einfachen Verhandlungsmodelle (vgl. Ashenfelter und Johnson 1969) oder Modelle mit privaten Informationen (vgl. bspw. Hayes 1984), von denen im Großen und Ganzen aber bekannt ist, dass Streiks mit verschiedenen ökonomischen Variablen in Zusammenhang stehen, aber diese Zusammenhänge noch nicht genau verstanden werden können. 6
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es deshalb, die Erklärungslücke der Ökonomie durch Zuhilfenahme eines soziologischen Erklärungsmodells zu schließen und letztendlich zu (er-)klären versuchen, wie und warum Streik entsteht. Um dem Phänomen Streik analytisch gerecht zu werden - viele Menschen mit „unterschiedlichster Herkunft, Hintergründen, Temperamenten,
1 Vgl. Abbildungen 9 und 10 im Anhang
2 http://www.boeckler.de/pdf/pm_ta_2007_05_31_tabelle.pdf
3 Althammer, S. 198 und Goerke, S. 16
4 Hicks, S. 137
5 Pareto-optimal bedeutet hier, dass keiner der beiden Verhandlungspartner (Arbeitgeber und Arbeitnehmer ) mehr besser zu stellen ist, ohne den anderen schlechter zu stellen
6 Goerke, S. 19ff
3
Fähigkeiten, Wünschen, Abneigungen, mit den verschiedensten Meinungen“ 7 agieren im Kollektiv -, erscheint eine handlungstheoretische Erklärung durch Anwendung der Akteurstheorie sinnvoll: Streik ist demnach zu begreifen als Interaktion von ökonomischen (Homo Oeconomicus) und soziologischen (Homo Sociologicus, Emotional Man und Identitätsbehaupter) Akteursmodellen. 8
7 Flying Pickets, S. 28
8 Eine andere Herangehensweise der Streikerklärung liefern die Bielefelder Sozialpsychologen Mielke und Schreiber mit Hilfe des „Fishbein-Modells“, in dem auf Grundlage der Arbeitszufriedenheit Aussagen über die Vorhersagbarkeit von Streikverhalten getroffen werden (siehe Angaben im Literaturverzeichnis).
4
1 GLIEDERUNG NACH SOZIOLOGISCHEM ERKLÄRUNGSMODELL
Die Gliederung dieser Arbeit vollzieht sich nach dem soziologischen Erklärungsmodell von James S. Coleman, auch als Coleman`schen Badewanne bezeichnet. Das Modell erfordert auf Makro-Mikro-Makro-Ebene drei unterschiedliche Analyseschritte, denen jeweils eins der folgenden Kapitel gewidmet wird (vgl. untenstehende Abbildung 1).
Colemans soziologisches Erklärungsmodell soll die Wirkung von gesellschaftlichen Phänomenen (Kap. 2 - Makro), auf das Verhalten der Akteure (Kap. 3 - Mikro) und von dort aus wieder zurück auf die Gesellschaft (Kap. 4 - Makro) erklären. Im Zentrum des Interesses dieses Modells steht die Erklärung von Makrosachverhalten, also von überindividuellen sozialen Gegebenheiten, wie sozialen Strukturen bzw. Formen sozialen Zusammenhandelns, weshalb es hier zur Erklärung von Streik angewendet werden soll.
Das Modell wird in der Regel von einer auf Max Weber zurückgehende methodologischindividualistischen Position aus gedacht, d.h., dass zur Erklärung kollektiver Phänomene immer vom einzelnen Menschen, vom Individuum aus argumentiert wird und die Entstehung kollektiver Phänomene auf dessen individuellen Orientierungen und Handlungen zurückzuführen sind. 9 Diese, nach Weber anzuwendende Methode, ist die des „erklärenden Verstehens“. Dabei heißt Erklären nichts anderes als das Verstehen jener Motive, die den Handlungen zugrunde liegen, die auf Phänomene wirken. Balog erläutert diese Vorgehensweise mit einem Zitat Webers weiter: „Es gelte daher Motivationsabläufe zu rekonstruieren, die Glieder der Kausalkette bilden.“ 10,11
Harmut Esser unterscheidet, an Colemans Überlegungen anknüpfend, in seinem Grundmodell soziologischer Erklärung „in Anlehnung an die drei Elemente des deutenden Verstehens, des ursächlichen Erklärens des Ablaufs und des ursächlichen Erklärens der Wirkung sozialen Handelns“ 12 drei Logiken, deren Zusammenwirken Sozialität ausmacht. Seine vereinfachende Modellierung sozialer Prozesse beginnt auf der Makro-Ebene mit der „Logik der Situation“, deren Annahmen die „Beziehung zwischen Situation und Akteur über die beschreibende Brückenhypothese modellieren.“ 13 So beginnen die Ausführungen dieser Arbeit in Kapitel 2 mit einer Beschreibung der Rahmenbedingungen zur Streikentstehung über den Weg einer allgemeinen, hin zu einer konkreteren Streikdefinition im Sinne des hier betrachteten Arbeitskampfes. Zudem werden weitere Streikformen genannt und Hintergrundinformationen über das Deutsche Gewerkschaftssystem geliefert.
Gemäß Essers Modells schließt daraufhin die „Logik der Selektion“, deren Annahmen den „nomologischen Kern der soziologischen Erklärung betreffen“ an, so dass in Kapitel 3 durch eine Tiefenerklärung über die Mikro-Ebene und damit auf Basis von Handlungsentscheidung
9 Miebach, S. 397 10 Balog (2006), S. 202
11 Balog übt aber auch Kritik an dieser Auffassung des erklärenden Verstehens, da sie zu eng sind und die notwendige Bezugnahme auf umfassende Phänomene, in die Handlungen immer integriert sind, verdecken. Gemäß Balog bilden die Erklärungen der Handlungen für die zu erläuternden sozialen Phänomene nur einen Teil des Erklärungszusammenhanges, „der indirekt auch auf Faktoren und Mechanismen verweist, die den Akteuren nicht bekannt sind und die daher in ihren Motiven keine Rolle spielen.“
12 Esser (1993), S. 93
13 Esser (1993), S. 120
5
der Akteure eine Interaktion von Ökonomie, durch das eher ökonomische Akteursmodell des Homo Oeconomicus und Soziologie durch Home Sociologicus, Emotional Man und Identitätsbehaupter angestrebt wird, um die vorhandene Erklärungslücke wirtschaftlicher Theorien zu Streikentstehung zu schließen.
Abschließend findet in einem dritten Schritt (im Kapitel 4) durch die „Logik der Aggregation“ die „aggregierende Transformation der individuellen Effekte des Handelns der Akteure zu dem jeweiligen kollektiven Explanandum“ 14 statt. Dort, wieder auf der Makro-Ebene des soziologischen Erklärungsmodells angelangt, erfolgt eine Beschreibung der Entstehung von Streik durch das Zusammenwirken dieser vier Modelle bei kollektiver Mobilität mit Hilfe eines Schwellenwertmodells.
In Kapitel 5 soll eine praktische „Anwendung“ durch zwei illustrative Fallbeispiele bedeutender Streiks der letzten Jahre das Erklärungsvorgehen durch Rekonstruktion der Streikabläufe bestätigen. Abschließend erfolgen eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse und ein Fazit der Arbeit mit Ausblick.
14 Esser (1993), S. 96
6
2 STREIK: DEFINITION UND HINTERGRÜNDE
Im ersten Schritt einer soziologischen Erklärung soll gemäß der „Logik der Situation“ die soziale Situation der Streikenden rekonstruiert werden. Dazu beginnen diese Ausführungen mit einer Definition von Streik und Hintergrundinformationen über das deutsche Gewerkschaftssystem zur Beschreibung der Rahmenbedingungen, denen die Akteure ausgesetzt sind.
2.1 STREIK
Definition Unter Streik wird im weiteren Sinne „die zeitweilige Verweigerung eines geschuldeten oder üblichen Verhaltens als Mittel des zivilen Ungehorsams zur Durchsetzung einer Forderung oder als Ausdruck eines Protests“ 15 verstanden. 16 Im engeren Sinn des Arbeitsrechts, um das es im Rahmen der weiteren Ausführungen dieser Arbeit geht, ist Streik als Form des Arbeitskampfes die vorübergehende kollektive Arbeitsniederlegung (Ausstand) durch Arbeitnehmer zur Durchsetzung, der im Rahmen des Arbeitskampfes erhobenen Forderungen, die sich auf Entlohnung oder Arbeitsbedingungen beziehen, zu verstehen und ist gegenüber anderen Arbeitskampfmaßnahmen wie z. B. Sabotage abzugrenzen. 17
Merkmale Zentrale Merkmale des Streiks sind demnach zeitliche Befristung, Kollektivität und Ereignishaftigkeit. 18 Die Dauer eines Streiks hängt von der jeweiligen Streikform ab, zeichnet sich aber immer durch zeitliche Befristung aus. Das den Streik konstituierende Kriterium der Kollektivität, welches im dritten Kapitel dieser Arbeit einen zentralen Stellenwert einnimmt, wird üblicherweise als eine gemeinsame Verabredung und planmäßige Durchführung interpretiert. Das Moment der Ereignishaftigkeit verweist darauf, dass es sich beim Streik um Koalitionen handelt, die an bestimmte Forderungen und ihre konkrete fallbezogene Durchsetzung gebunden sind. Zudem betont es den Ausnahme- und „Eventcharakter“ einer Streiksituation für die Streikenden. Boll weist auch darauf hin, dass gemäß früheren Auffassungen die Freiwilligkeit der Teilnahme als entscheidendes Kriterium gesehen wurde, was allerdings heute aufgrund anderer Beobachtungen (vgl. Kapitel 3 zur Streikentstehung) nicht mehr so relevant erscheint. 19 Zwar enthält die allgemeine Praxis der Urabstimmung (im Folgenden erläutert) das Moment der demokratischen Entscheidung, jedoch sehen sich auch diejenigen, die gegen die Aufnahme des Streiks votiert haben, im Falle der kollektiven Arbeitsniederlegung zur Solidarität mit den Streikenden gedrängt (Gründe für dieses beobachtbare Phänomen werden in Kapitel 3 und 4 erörtert). Müller-Jentsch betrachtet Streiks zusammenfassen als systemkonformes „Hilfs- und Konfliktlösungsinstrument der Tarifautonomie.“ 20
Voraussetzungen Mit der Verankerung der Koalitionsfreiheit im Grundgesetz im Jahr 1949 wurde ein wichtiger Grundstein für eine freie und autonom von den Tarifvertragsparteien gestaltete Regelung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen auf Betriebs- bzw. Branchenebene
15 http://lexikon.meyerS. de/meyers/Streik
16 Bsp.: Hungerstreik/Essensverweigerung; Sitzstreik-untätiges Verbleiben am Arbeitsplatz; auch in Form von Straßenblockaden, um für politische Ziele zu demonstrieren; Verbraucherstreik-Form des Boykotts von Waren/Dienstleistungen; Steuerstreik-Revolte der Steuerzahler gegen Einnahmepolitik oder Schüler-/ Studentenstreik-Boykott von Lehrveranstaltungen,
17 Vgl. Müller-Jentsch bzw. Abbildung 11 im Anhang und http://www.sociologicuS. de/lexikon/
18 Boll, S. 478
19 Boll, S. 478
20 Müller-Jentsch (1997), S. 212
7
geschaffen. 21 Voraussetzung für die gesetzliche Zulässigkeit eines Streiks im arbeitsrechtlichen Sinne ist, dass er erstens von einer tariffähigen Vereinigung d.h. einer Gewerkschaft durchgeführt wird, zweitens ein durch Tarifvertrag regelbares Ziel verfolgt, drittens nicht gegen die Friedenspflicht verstößt und viertens den Gegner nicht unangemessen schädigt (vgl. dazu Abbildungen 12 und 13 im Anhang).
Ablauf Vor Beginn eines Streiks ist zunächst eine Urabstimmung der betroffenen Gewerkschaftsmitglieder vorgesehen, zu der erst aufgerufen werden darf, wenn die Möglichkeiten für eine gütliche Einigung ausgeschöpft und die Verhandlungen für gescheitert erklärt sind. Noch während der Laufzeit des Vertrages beziehungsweise während der Verhandlungen sind kurze (in der Regel bis zu zwei Stunden) Warnstreiks zulässig.
Formen Es werden folgende Streikformen, gestaffelt nach ihrer Beteiligung bzw. ihrer Motivlagen, unterschieden:
Auswirkungen für Arbeitnehmer Während des Streiks ruhen die Arbeitsverhältnisse der Streikteilnehmer. 22 Der Streikende hat keinen Anspruch auf Lohn oder Gehalt, auch nicht auf Arbeitslosengeld. Gewerkschaftsmitglieder erhalten Streikunterstützung von der Gewerkschaft. Auch enthalten die Satzungen der meisten Gewerkschaften die Regelung, dass nach der satzungsmäßigen Befragung (Urabstimmung) mindestens 75% der Mitglieder dem Streik zustimmen müssen. 23 Demnach sind ohne Gewerkschaft von Arbeitnehmen unmittelbar durchgeführte Arbeitsniederlegungen (sog. wilde Streiks oder auch nicht wertend als selbstständiger Streik betitelt) unzulässig, 24 weshalb es im Rahmen dieser Arbeit sinnvoll ist, eine kurze Betrachtung der deutschen Gewerkschaften vorzunehmen.
21 http://www.boeckler.de/cps/rde/xchg/SID-3D0AB75D-C33B0634/hbs/hS. xsl/564.html
22 http://de.wikipedia.org/wiki/Streik
23 Das Lexikon der Wirtschaft., S. 211
24 Siehe Fußnote 1
8
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Martina Jansen, 2008, Akteurstheoretische Erklärung von Streik - Illustriert an zwei Fallbeispielen, München, GRIN Verlag GmbH
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