Sonett
Zwei Reime heiß ich viermal kehren wieder, Und stelle sie, geteilt, in gleiche Reihen, Daß hier und dort zwei eingefasst von zweien Im Doppelchore schweben auf und nieder.
Dann schlingt des Gleichlauts Kette durch zwei Glieder Sich freier wechselnd, jegliches von dreien. In solcher Ordnung, solcher Zahl gedeihen Die zartesten und stolzesten der Lieder.
Den werd ich nie mit meinen Zeilen kränzen, Dem eitle Spielerei mein Wesen dünket, Und Eigensinn die künstlichen Gesetze.
Doch, wem in mir geheimer Zauber winket, Dem leih ich Hoheit, Füll’ in engen Grenzen, Und reines Ebenmaß der Gegensätze. 1
(August Wilhelm Schlegel)
1 Kremer, Detlef: Romantik, S. 270.
Inhaltsverzeichnis
1. Die missverstandene Epoche der Romantik 4
2. August Wilhelm Schlegel: Sonett 5
3. Der Einfluss August Wilhelm Schlegels auf die Romantik 12
Literaturverzeichnis 14
3
1. Die missverstandene Epoche der Romantik
Mit dem Begriff „Romantik“ verbinden die meisten von uns primär das, was im Brockhaus definiert wird: eine zum Gefühlvollen, zum Idealisieren, zum Wunderbaren, Märchenhaften und Fantastischen neigende Weltauffassung und -darstellung. Vielleicht ist auch das der Grund dafür, dass wir geneigt sind, auch die Epoche der Romantik auf wenige immer wiederkehrende Grundmotive zu reduzieren. Wir sehen vor allem die dichterische Behandlung der Natur durch die Romantiker, ihre Vorliebe für bildhafte Veränderung und unendliche Ferne, den geheimnisvollen Wald, die Einsamkeit, die Stille, die Nacht und das Mondlicht 2 . Dabei vergessen wir immer wieder, dass diese Literaturepoche weit mehr zu bieten hat. So widmete eine Anzahl Romantiker ihre Zeit dem Schreiben eines Romans, der ihnen hinsichtlich Struktur, Form und Technik freien Lauf ließ. Sie schufen dabei Werke, die gekennzeichnet sind durch die Lockerheit der Struktur, das Fehlen einer Einheit, Reichtum an Episoden und auf Wanderungen erlebten Abenteuern. In Novellen wurden bemerkenswerte Geschehnisse, Zustände oder Personen dargestellt, in Märchen bekam das Unwirkliche, Phantastische und Übernatürliche Gestalt. Die von Achim von Arnim und Clemens Brentano geschaffenen Volkslieder beeinflussten die deutsche Lyrik erheblich, indem sie zahlreiche Dichter dazu anregten, einfache, einheitliche und natürliche Texte zu verfassen. 3 Die Romantiker widmeten sich jedoch nicht nur zahlreichen literarischen Schöpfungen, sondern auch dem Bereich der Literaturtheorie und der Literaturkritik. Einer von ihnen war August Wilhelm Schlegel. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Friedrich veröffentlichte er seine Vorstellungen im „Athenäum“, einer von ihnen 1798-1800 in Berlin herausgegebenen literarischen Zeitschrift und dem Organ der deutschen Frühromantiker. 4 August Wilhelm Schlegel wurde zum Verbreiter der romantischen Ästhetik und gab seine Theorien in den 18011804 in Berlin gehaltenen „Vorlesungen über schöne Litteratur und Kunst“ weiter. Dabei sprach er sich in seiner „Vorlesung über das Sonett“ angesichts des in Rückbesinnung auf Petrarca wieder aufgekommenen Sonetts innerhalb des
2 Blankenagel, John C.: Die Hauptmerkmale der deutschen Romantik, in: Prang, Helmut: Begriffsbestimmung der Romantik, S. 332.
3 Blankenagel, John C.: Die Hauptmerkmale der deutschen Romantik, in: Prang, Helmut: Begriffsbestimmung der Romantik, S. 334-335.
4 Blankenagel, John C.: Die Hauptmerkmale der deutschen Romantik, in: Prang, Helmut: Begriffsbestimmung der Romantik, S. 326.
4
Sonettenkrieges für diese Lyrikform aus. 5 Seine Vorstellung über das Sonett hielt er darüber hinaus in dem in dieser Form geschriebenen Gedicht „Sonett“ fest.
Die nachfolgende Arbeit soll nun den in der romantischen Epoche von nur wenigen erwarteten Gebieten der Literaturtheorie und der Literaturkritik gewidmet werden. Dabei soll versucht werden, das von August Wilhelm Schlegel verfasste Gedicht „Sonett“ mit Hilfe seiner Vorlesungen zu interpretieren, seine Ideale von romantischer Lyrik zu erklären und seine Theorien nachzuvollziehen.
2. August Wilhelm Schlegel: „Sonett“
Mit dem Gedicht „Sonett“ ist es August Wilhelm Schlegel gelungen, viele seiner Vorstellungen hinsichtlich dieser Lyrikform auszudrücken und dabei gleichzeitig ein Sonett in der von ihm geforderten Form zu entwickeln.
Das Gedicht besteht aus insgesamt 14 Versen, welche in zwei Quartette und zwei Terzette gegliedert sind.
In den ersten acht der 14 Verse, und damit in einem Großteil des Gedichtes, widmet sich August Wilhelm Schlegel inhaltlich der Metrik und vermittelt damit klar und deutlich, welche Bedeutung diese in seinen Augen hat. In seinem ersten Brief über Poesie, Silbenmaß und Sprache verweist er darauf, dass der Dichter von jeher ein begünstigter Liebling der Natur sei, dessen Aufgabe es ist, Offenbarungen der Götter zu überbringen. Dabei kann ihm die irdische Sprache nicht genügen, auf seinen Lippen verwandelt das Wort in Gesang. Es ist jedoch wesentlich, die richtige Metrik zu finden.
Das schönste Gedicht besteht nur aus Versen; die Verse aus Wörtern;
die Wörter aus Silben; die Silben aus einzelnen Lauten. Diese müssen
nach ihrem Wohlklange oder Übelklänge geprüft, die Silben gezählt,
gemessen und gewogen, die Wörter gewählt, die Verse endlich zierlich
geordnet und aneinander gefügt werden. (…) 6
5 Fechner, Ulrich: Das deutsche Sonett, S. 27.
6 Schlegel, August Wilhelm: Kritische Schriften und Briefe I. Sprache und Poetik, S. 141.
5
Quote paper:
Heidi Nissl, 2007, August Wilhelm Schlegel: "Sonett" über das Sonett, Munich, GRIN Publishing GmbH
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