Vorwort
Während ich mich in das Thema der Diplomarbeit einarbeitete, stellte sich für mich die Frage, was ausschlaggebend dafür ist, dass Jugendliche in Situationen kommen, in denen sie erzieherische Maßnahmen wie erlebnispädagogische Projekte benötigen, was Aggression eigentlich ist und warum Jugendliche delinquent werden. Daher hielt ich es für sinnvoll und notwendig auf die Begriffe des abweichenden Verhaltens, welches Gewalt und Aggressionen beinhaltet, einzugehen. Da Aggressionen und Gewalt häufig in Verbindung mit delinquentem Verhalten stehen, weist das Kapitel der Jugendkriminalität viele juristische Bezüge auf, die aber aus dem Grunde unumgänglich sind, weil erlebnispädagogische Maßnahmen Inhalt einer richterlichen Anordnung sein können. Auch die Jugendlichen, die in der Jugendhilfeeinrichtung „Durchboxen“ leben, sind auf richterlicher Anordnung dort.
Ich habe mich für diese Jugendhilfeeinrichtung entschieden, weil sie durch eine Fernsehsoap in die Medien kam und bekannt wurde. Da dies eine Einrichtung für straffällige Jungen ist und auf ihrer Internetseite steht, dass sie mit der Erlebnispädagogik arbeiten, hielt ich sie für sehr geeignet, mich im Rahmen meiner Diplomarbeit näher damit zu beschäftigen.
Mir ist bewusst, dass die Aufmerksamkeit nicht nur auf die Täter, sondern insbesondere auch auf die Opfer gerichtet sein sollte. Da dies aber nicht Gegenstand meiner Diplomarbeit ist, werden die Opfer hier, ohne sie vergessen zu wollen, außer Acht gelassen.
2
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Abweichendes Verhalten 6
2.1 Gewalt und Aggressionen 10
2.2 Entstehung von Aggressionen 13
2.3 Umgang mit Aggression 15
3. Jugendkriminalität 18
3.1 Entwicklung der letzten Jahre 23
3.2 Strafrechtliche Sanktionen im Jugendstrafrecht 29
3.2.1 Erziehungsmaßregeln 30
3.2.1.1 Erteilung von Weisungen 31
3.2.1.2 Hilfe zur Erziehung 32
3.2.2 Zuchtmittel 33
3.2.2.1 Die Verwarnung 33
3.2.2.2 Auflagen 33
3.2.2.3 Jugendarrest 34
3.2.3 Die Jugendstrafe 36
4. Erlebnispädagogik 38
4.1 Begriffliche Annäherung 39
4.2 Die Geschichte der Erlebnispädagogik 42
4.3 Refelxionsmodelle der Erlebnispädagogik 49
4.3.1 The Mountains Speak for Themselves 51
4.3.2 Outward Bound 52
4.3.3 Das metaphorische Modell 53
4.3.4 Weitere Lernmodelle 57
4.3.5 Vergleich der Modelle 59
4.4 Wirksamkeit 61
4.5 Ziele der Erlebnispädagogik 64
4.6 Kritik an der Erlebnispädagogik 68
4.7 Erlebnispädagogik in der Jugend- und Straffälligenhilfe 70
4.8 Exkurs in den Strafvollzug 74
5. Schluss 76
6. Literaturverzeichnis/Internetquellen 78
3
1 Einleitung
Das Freizeitverhalten hat sich in den letzten Jahrhunderten insofern verändert, als dass eine Umkehrung der Arbeits- und Freizeit stattgefunden hat. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde noch 16 Stunden gearbeitet und die restlichen acht Stunden Freizeit als Regenerationszeit genutzt, um am nächsten Tag wieder arbeitsfähig zu sein. Seit dem 20. Jahrhundert werden nur noch acht Stunden gearbeitet und die Freizeit beträgt 16 Stunden. Da diese Zeit nicht nur zur Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit dient, muss ein hoher Anteil an freier Zeit gefüllt werden. 1 .
Viele Jugendliche, die heute anders als früher, bis zu zehn Jahre zur Schule gehen und frühestens erst dann mit der Ausbildung beginnen, müssen diese freie Zeit füllen und gestalten, was sich oft als schwierig erweist, besonders dann, wenn Langeweile auftritt. Junge Menschen benötigen Sicherheit, Kraft und abwechslungsreiche Gelegenheiten zu nützlicher Betätigung, um mit all diesen Gefahren, aber auch Chancen, die sich in den letzten Jahren aufgetan haben, zurechtzukommen.
Schulen und Jugendeinrichtungen versuchen durch verschiedene Angebote dem entgegenzuwirken, indem sie immer mehr erlebnispädagogische Inhalte wählen, denn „etwas zu erleben, d.h. auch Abenteuer zu erleben, ist schon immer ein Bedürfnis insbesondere junger Menschen“. 2 Auch die Justiz hat sich dieser Entwicklung angeschlossen und ordnet immer wieder erlebnispädagogische Programme an, um delinquenten Jugendlichen einen Weg in ein straffreies Leben zu ermöglichen. Die Jugendhilfeeinrichtung „Durchboxen durchs Leben“ ist solch eine Einrichtung, die vom Richter angeordnet werden kann. Ob ihre Aktionen tatsächlich erlebnispädagogische Merkmale besitzen, soll im Laufe der Arbeit geklärt werden.
Doch können Erlebnisse eine langfristige pädagogische Wirkung erzielen oder sind erlebnispädagogische Unternehmungen nur kurzfristige Impulse und Anstöße? Kann die Erlebnispädagogik in der Jugendhilfe und im Jugendstrafvollzug ein sinnvoller Beitrag sein? Was ist Erlebnispädagogik überhaupt? Wie ist sie entstanden und ist Erlebnispädagogik jede Pädagogik, die mit Erlebnissen arbeitet? Wie wirkt Erlebnispädagogik? Da die Erlebnispädagogik noch kein geschützter Begriff ist, kann sie jeder als diese deklarieren.
1 vgl. LSB, S. 2
2 Nickolai 1997, S. 4
4
Diese und andere Fragen sollen in dieser Arbeit geklärt werden. Dabei wird speziell das Gewalt- und Aggressionsverhalten männlicher Jugendlicher thematisiert. Aufgrund des höheren Testosteronspiegels und der damit verbundenen größeren Gewalt- und Aggressionsbereitschaft fallen sie deutlich mehr durch delinquentes Verhalten auf als weibliche Jugendliche. Bei den Untersuchungen zur Entwicklung der Jugendkriminalität wird eine Ausnahme gemacht, da hier keine Aufteilung in weibliche und männliche Jugendliche unternommen wurde.
Einleitend werden die Begriffe des abweichenden Verhaltens und der Aggression erläutert, um den Begriff der Jugendkriminalität besser verstehen zu können. Auf diese Begriffe wird deshalb eingegangen, weil die Entstehung aggressiver Verhaltensweisen von Jugendlichen für das Verständnis der Bewältigung von Gewalt und Aggressionen wichtig ist. Neben der Möglichkeit von erlebnispädagogischen Programmen sind auch andere juristischen Bestrafungen von Jugendlichen möglich. Daher ist zunächst die Frage zu klären, wer in Deutschland als Jugendlicher gilt und was Kriminalität bedeutet. Da es sich hier aber um keine kriminalwissenschaftliche Arbeit handelt, werden die verschiedenen Bereiche nur angerissen, um einen Überblick zu verschaffen.
Im Anschluss daran wird ein Überblick über die Erlebnispädagogik gegeben. Dabei wird u. a. auf die Geschichte, die Ziele und die Refelxionsmodelle eingegangen.
Im Verlauf dieser Arbeit wird immer wieder ein Bezug auf die Jugendhilfeeinrichtung „Durchboxen im Leben“ hergestellt werden, um das theoretisch Vorgestellte im Kontext anzuwenden.
Die einzelnen Kapitel stellen keinen Anspruch auf Vollständigkeit, trotz der vielen Literatur, die ich verwendet habe.
Aus schreibtechnischen Gründen wird in dieser Arbeit nur die männliche Sprachform benutzt (und die weibliche dabei einbezogen).
5
2 Abweichendes Verhalten
Alles, was nicht der Norm entspricht, ist abweichendes Verhalten. Doch was ist schon normal? Gerade in Bezug auf Verhaltensweisen ist dies schwierig zu sagen, da Normabweichungen einen großen Toleranzbereich umfassen. Ist die Norm das Durchschnittsverhalten oder die Idealvorstellung der Gesellschaft? Der Begriff des abweichenden Verhaltens wird zunächst durch negative Eigenschaften behaftetet sein d.h. Gewaltausübungen, Aggressionen, Diebstahl, also letztendlich Kriminalität. Aber Normabweichungen und Kriminalität sind nicht identisch. Folgt man beispielsweise der Überlegung, die Norm entspreche dem Verhalten der Durchschnittsgesellschaft, dann fallen unter diesen Begriff insbesondere auch positive Eigenschaften. Zusammenfassend heißt das, es sind auch Verhaltensweisen denkbar, die der Norm nicht entsprechen, deswegen aber nicht kriminell sind (z. B. bunte Haarfarben), sodass es sich bei abweichendem Verhalten nur in Ausnahmefällen um Kriminalität handelt. Aber abweichende Verhaltensweisen haben immer auch Sanktionen zur Folge. Ob es ein missbilligender Blick oder die Todesstrafe ist. Hinzu kommt, dass abweichendes Verhalten auch historisch und kulturell unterschiedlich ist. Das, was heute als normal gilt, kann früher noch als unnormal gegolten haben, und das, was in Deutschland als normal gilt, entspricht nicht überall dieser Norm. Vereinfacht gesehen bezieht sich abweichendes Verhalten, nach Albert Cohen immer „auf die Existenz einer Regel“ und ist mit dem „Auftreten einer Handlung“ 3 verbunden.
In folgender Abbildung (Abb. 1) ist dargestellt, welche unterschiedlichen Arten es von Devianz neben der Kriminalität gibt. Wie schon erwähnt, sind die Normabweichungen in einem großen Toleranzbereich zu sehen. Die bunt gefärbten Haare beispielsweise stehen noch an der Grenze zwischen angepasstem und abweichendem Verhalten und fallen somit in die „Konventionelle Devianz“, da sie den Status der Normalität erhalten könnten. Was eindeutig in den Bereich des abweichenden Verhaltens gehört, sind die „Provozierende Devianz“, die „Problematische Devianz“ und die „Kriminalität“.
Verhaltensweisen, die in den Bereich der provozierenden Devianz fallen (z.B. eine unfreundliche Bemerkung), sind nicht kriminell, verstoßen trotzdem gegen Normen
3 vgl. Böhnisch, S. 19, vgl. n. Cohen
6
und werden im Gegensatz zur konventionellen Devianz nicht den Status der Normalität erreichen. Provozierende, aber auch problematische Devianz sind Verhaltensweisen, die von der Gesellschaft nicht toleriert werden und gegen die vorgegangen wird, um sie zu regulieren oder zu beheben, wie beispielsweise der Konsum von harten Drogen.
Die Kriminalität ist eine problematische Devianz, die in der Form von Rechtsnormen festgeschrieben ist und somit, nicht wie die anderen Devianzarten, objektiv ist. Hier werden allerdings einige Arten der Kriminalität (Bagatellkriminalität) nicht in dem Maße als Problem angesehen, wie beispielsweise eine Sexualstraftat. 4
Abb. 1: Devianzarten und -felder 5
Im Folgenden wird das abweichende Verhalten in Bezug auf kriminalistische Handlungen betrachtet. Im Strafgesetzbuch sind kriminalistische Verhaltensweisen aufgeführt, die mit Strafe bedroht sind und daher Abweichungen darstellen. 6
In diesem Zusammenhang nehmen DOLLINGER et al. Bezug auf QUENSEL (1981), der sich die Frage stellte, wie Jugendliche kriminell werden. Er legte ein Modell vor,
4 vgl. Dollinger et al., S.12
5 Dollinger et al., S. 13
6 vgl. Dollinger et al., S.11
7
welches eine Entwicklung „einer delinquenten Identität“ 7 in acht Stufen darlegt. Der Absprung aus dem delinquenten Verhalten ist nach jeder Stufe möglich: 8
1. Zunächst begeht der Jugendliche, um ein alltägliches Problem zu lösen, eine geringfügige Straftat wie z.B. Diebstahl oder Haschischkonsum. Fährt er mit dieser Delinquenz auch nur in Ausnahmefällen fort, wächst die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden.
2. Fällt der Jugendliche auf, wird ihm entweder geholfen oder er wird bestraft.
3. Die Bestrafung verschärft das Problem: Entweder bestätigen die negativen Reaktionen seiner Umwelt sein schlechtes Gewissen oder er sucht Bestätigung in „delinquenten Subkulturen.“ 9 In dieser Stufe ist ein Ausstieg noch relativ einfach.
4. Bei erneutem Tatnachweis gilt der Jugendliche als „rückfällig“ und wird härter bestraft. Die negativen Reaktionen werden präsenter und seine Probleme damit größer.
5. Der Jugendliche wird offiziell als „Krimineller“ registriert und erfährt Misstrauen beispielsweise, indem er die Schule verlassen muss oder seine Arbeitsstelle verliert. Auch in dieser Stufe hat er die Möglichkeit noch auszusteigen, auch wenn er sich selber schon als „Verbrecher“ versteht.
6. In dieser Stufe ist der Jugendliche als Außenseiter abgestempelt, was das Aussteigen aus dem kriminellen Werdegang zunehmend erschwert. Erfolge und Anerkennung erfährt er immer mehr in delinquenten Gruppen, was zur Folge hat, dass sich das Rollenmuster der Delinquenz verfestigt.
7. Nun wird der Jugendliche in die Strafanstalt eingewiesen. Die Probleme werden verschärft, das Rollenmuster wird endgültig beschlossen und positive Entwicklungen sind kaum noch möglich.
8. Nach der Entlassung ist die Gefahr des Rückfalls und der erneuten Bestrafung groß. Er ist vorbestraft und erfährt in seinem sozialen Umfeld deutlich mehr negative Rückmeldung.
7 vgl. Dollinger et al., S.81
8 vgl. Dollinger et al., S. 82f., vgl. aus Quensel 1981, S. 48ff.
9 Dollinger et al., S. 82
8
Sollte ein Jugendlicher in diese „Karriere“, wie DOLLINGER et al. diesen Prozess auch nennen, hineingeraten, muss pädagogisch eingegriffen werden, um ihn davon zu überzeugen, dass er sich durch Devianz seine biografischen Perspektiven verbaut. Dabei sollte das Ziel sein, den Jugendlichen aus dieser Karriere zu befreien und ihn dabei in erster Linie als Menschen zu sehen, nicht als Täter. Dafür muss dem Jugendlichen deutlich gemacht werden, dass u.a. Respekt gegenüber anderen Menschen und ihrem Besitz, Vertrauen in sich selbst und in andere Personen, die Menschenwürde des Anderen und das Selbstwertgefühl wichtige Werte sind, um abweichendes Verhalten abzulegen. Oft steht hinter einer delinquenten Karriere bei Jugendlichen die Suche nach Aufmerksamkeit, Zuwendung und Selbstachtung, die sie in ihrem bisherigen Leben nicht erfahren haben. Sie hatten nicht die Möglichkeit, soziale und kommunikative Fähigkeiten der Empathie und Selbstkontrolle zu erlernen, um kritische Situationen zu lösen, da ihre „Ressourcen zur normkonformen Problemlösung nicht ausreichen oder blockiert sind“. 10 Kriminelle Jugendliche besitzen kaum ein Bewusstsein für Unrecht und sie über ihre Straftaten packen zu wollen, macht wenig Sinn. Sie müssen da gepackt werden, wo ihr abweichendes Verhalten seinen Ursprung hat: bei der fehlenden Bindung und dem erlittenen Selbstwertverlust. 11 Auf seiner Homepage ruft WEIDNER dazu auf: „Abweichendes Verhalten Verstehen [sic!], aber nicht einverstanden sein“ 12 So ist das auch bei den Jugendlichen in der Jugendhilfeeinrichtung „Durchboxen“. Diese oder eine ähnliche Karriere haben die meisten dieser Jugendlichen hinter sich. Sie haben allerdings noch die Möglichkeit den Aufenthalt in einer Strafanstalt zu umgehen, indem sie dort mindestens 1½ oder maximal 6 Monate pädagogische Hilfe bekommen. Sie werden dort als „Mensch“ gesehen und behandelt, nicht als ein Straffälliger. Tägliches Respekttraining und sportliches Training geben ihnen die Möglichkeit, die oben genannten Verhaltensweisen zu lernen.
Kriminelles Verhalten geschieht oft in Verbindung mit Aggressionen und Gewalt. Doch was ist Aggression eigentlich? Wie entsteht sie? Oder ist sie angeboren? Gibt es Unterschiede zwischen Aggression und Aggressivität und Aggression und Gewalt? Sind Aggressionen vielleicht sogar überlebensnotwendig?
10 Böhnisch, S. 180
11 Böhnisch, S. 14, 72, 179f., 123
12 Weidner, Deutsches Institut für Konfrontative Pädagogik
9
2.1 Gewalt und Aggressionen
Überall auf der Welt, in jedem Alter und in jeder Kultur begegnet uns das Phänomen der Gewalt und Aggression. Das beginnt schon bei den Säuglingen, die die Brustwarzen ihrer Mutter beim Stillen malträtieren, und geht „bis hin zum bettlägerigen Greis, der sein Umfeld tyrannisiert“. 13 Hier sprechen Wissenschaftler im ersten Fall von einer zufälligen und im zweiten Fall von einer feindseligen Aggression. Wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass Aggressionen in uns allen stecken. Sie stehen im direkten Kontakt mit Auseinandersetzungen, denen wir uns alle im Laufe des Lebens in den verschiedensten Situationen stellen müssen. In diesem Zusammenhang zitiert WEIDNER die Psychoanalytikerin Magarete Mitscherlich, die sagt, Aggressionen „gehören zur Grundausstattung des Menschen und führen nicht zur Destruktion, sondern haben auch eine Überlebensfunktion“. 13 Laut dieser Aussage scheint es sogar wichtig zu sein, dass jeder von uns Aggressionen in sich hat. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird das Thema Angst nochmal zur Sprache kommen, welches ebenfalls eine Überlebensfunktion ist, da uns das Gefühl der Angst vor Gefahren warnen kann. Inwiefern Angst im Zusammenhang mit Aggressionen steht, wird in Kapitel 3 erläutert. Zwar stecken Aggressionen in uns allen, was aber nicht heißt, dass wir alle aggressiv sind.
Vor ca. 100 Jahren wurde die Aggression Thema in der Psychologie. Dollard et al. waren diejenigen, die die Aggressionsforschung im Jahre 1939 mit ihrem Buch „Frustration and Aggression“ zu einem ersten Höhepunkt brachten. Darin definieren sie Aggression „als eine Handlung, deren Zielreaktion die Verletzung eines Organismus (oder Organismus-Ersatzes) ist.“ 14 Nach dieser Definition ist Aggression ein zielgerichtetes Verhalten, ein anderes Lebewesen verletzen zu wollen. Die Anwendung des Begriffes der Zielsetzung ist aus dem Grunde wichtig, als da es manchmal unerlässlich ist, jemandem Schmerzen zuzufügen (z.B. beim Arzt) ohne gleichzeitig aggressives Verhalten aufzuzeigen.
Neben der zufälligen und feindseligen Aggression gibt es auch noch weiter Aggressionsarten, die ich hier nur nennen und nicht weiter erläutern werde. SELG nennt die direkte und indirekte Aggression, die Einzel- und Gruppenaggression,
13 Weidner 2005, S.28
14 Selg, Aggression, zit. n. Dollard et al.
10
Selbst- und Fremdaggression, expressive, feindselige und instrumentelle Aggression. Sie können auch offen (körperlich, verbal) oder verdeckt (fantasiert), positiv (von der Gesellschaft gebilligt) oder negativ (missbilligt) sein. Dabei sind zufällige Verletzungen nicht als Aggression zu verstehen. Wie er in seinem Essay in Bezug auf DOLLARD et al. schreibt, ist Aggression kein Motiv, sondern ein Verhalten. Ebenso fallen weder Wut, Ärger noch Hass in die Definition der Aggression. Die Aggressivität kennzeichnet sich durch die relativ überdauernde Bereitschaft eines Individuums zu aggressivem Verhalten. 15
BOPPEL nennt zwei weitere Aggressionsformen: die „Selbsterhaltungsaggression“ und die „destruktive Aggression“. Im Laufe dieser Arbeit wird Bezug auf die sogenannte destruktive Aggression genommen, da die Selbsterhaltungsaggression im weiteren Sinne dazu dient, die Lebensressourcen zu erhalten und zu erweitern. Die destruktive Aggression beschreibt hingegen ein schädliches Verhalten, welches zum Ziel hat, innere Befriedigung oder Stimulation durch Leidzufügung, materiellen Gewinn, soziale Anerkennung und Macht zu erlangen. 16 Diese Aggression zeigt sich u.a. auch bei den Jugendlichen in der Jugendhilfeeinrichtung „Durchboxen“.
Was hat Gewalt nun mit Aggression zu tun? SELG beschreibt die Gewalt als „Teilmenge der Aggression.“ 17 Dabei sind in der Regel physische Aggressionen gemeint, die mit Kraft und Macht ausgeübt werden. Aber auch psychisch kann Gewalt ausgeübt werden (Drohungen, Mobbing). Auch BREAKWELL macht in seinen Definitionen deutlich, dass keine klare Trennung zwischen Gewalt und Aggression gezogen werden kann. So definiert er, ähnlich wie DOLLARD et al., Aggression als ein Verhalten, welches zum Ziel hat, eine andere Person gegen ihren Willen absichtlich zu verletzen oder zu schädigen. Auch bei der Definition von Gewalt geht BREAKWELL von einer Absicht aus, jemandem einen Schaden zuzufügen. 18
In den meisten Medien, ob im Fernsehen, im Film, in der Zeitung oder in Computerspielen finden wir Gewalt oder die Verherrlichung von Gewalt. Selbst an den Orten, wo eigentlich Vertrauen, Geborgenheit und Liebe Priorität haben sollten, macht Gewalt keinen Halt. Auch in Schulen erleben Kinder und Jugendliche eine Form der Gewalt: die strukturelle Gewalt. Vor Erfahrungen mit körperlicher Gewalt sind sie in Schulen aber ebenso wenig geschützt wie in der eigenen Familie.
15 Selg, Aggression
16 vgl. Boppel
17 Selg, Aggression
18 vgl. Breakewell, S. 19
11
Angenommen, aggressives Verhalten lernt man, dann kann davon ausgegangen werden, dass dies nicht ohne Folgen bleibt, vor allem für die jungen Menschen. Besonders dann, wenn Aggression in Form von Gewalt ausgeübt wird, besteht die Gefahr, dass sie dieses Verhalten übernehmen. Das Wachstum der Bevölkerung und die damit verbundene Arbeits- und Wohndichte tragen ihr Übriges dazu bei. Viele Jugendliche bleiben nach dem Schulabschluss arbeitslos und neben der existenziellen Gefährdung, die dadurch entsteht, wissen sie nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Die Gefahr, nach Alkohol und Drogen zu greifen, um Empfindungen des Versagens und Scheiterns auszuhalten und sich groß und mächtig zu fühlen, steigt dadurch enorm. Starker Alkohol- und Drogenkonsum führt jedoch zu Enthemmungen, zum Verlust der Selbstkontrolle und zu Aggressionen. Somit steigt auch gleichzeitig das Risiko zur Gewaltbereitschaft. 19 Aus diesem Grund ist jeglicher Alkohol- und Drogenkonsum in der Jugendhilfeeinrichtung „Durchboxen“ untersagt. Auf den Zusammenhang von Alkohol und Drogen wird in Kapitel 3.1 erneut eingegangen.
Auch das Elternhaus ist mit verantwortlich dafür, was aus seinen Sprösslingen wird. Oft stammen antisoziale und gewalttätige Jugendliche aus „psychotischaggressiven“ 20 Familienkonstellationen mit „Ich-schwachen Eltern“, 21 die Probleme mit ihrer Familienrolle haben, Bindungsschwächen aufweisen und Aggressionen in jeder Form zeigen. In der Regel sind Jugendliche aus solchen Familien unfähig, befriedigende und dauerhafte soziale Kontakte zu erleben, besitzen nicht die Möglichkeit ihre Handlungen adäquat anzupassen und fallen durch erhebliche, scheinbar ziellose Aggressivität auf, die sich häufig in gewalttätigen Delikten deutlich macht. 22 WEIDNER vertritt die Meinung „die Opfer von früher werden die Täter von heute“. 23 Viele der Jugendlichen von „Durchboxen“ kommen aus solchen Familienverhältnissen. Da sie dort aber geschätzt und als Menschen gesehen werden, finden viele von ihnen in den Pädagogen eine neue Bezugsperson. So können sie lernen, Vertrauen aufzubauen, welches im günstigsten Fall dabei helfen kann, die Beziehung zu ihren Eltern zu verbessern.
19 Das bedeutet nicht, dass arbeitslose Jugendliche öfter gewalttätig sind, als Jugendliche die
Arbeit haben.
20 Böhnisch, S. 121
21 Böhnisch, S. 122
22 vgl. Böhnisch, S. 121, vgl. n. Herriger, S. 92
23 Weidner, Symposium Jugendgewalt
12
Somit wird deutlich, dass aggressives Verhalten gelernt und demnach nicht nur oder primär durch Triebe, wie Freud ursprünglich glaubte, ausgelöst wird. So kommt dem Lernen am Modell besondere Bedeutung zu, wenn ungefestigte Personen die Aggressionen als Problemlösung erkennen. Wie oben bereits erwähnt, sind Gewalt und Aggression in vielen Lebensbereichen vertreten, sodass Kinder und Jugendliche - haben sie es nicht anders gelernt - kaum andere Möglichkeiten haben, als das Gesehene und Erlebte als Modell zu sehen. So lernen und übernehmen sie dieses Verhalten. Hinzu kommt das Lernen am Erfolg. Merken sie, dass sie Erfolg mit ihrem Verhalten haben, wird es beibehalten. 24
2.2 Entstehung von Aggressionen
DOLLARD et al. stellten 1939 folgende Theorie auf: Frustration führt immer zu einer Art von Aggression und Aggression sei immer eine Folge von Frustration. 25 Inzwischen ist diese Theorie jedoch so nicht mehr haltbar, da Frustration nur noch als eine unter vielen Bedingungen für die Entstehung von Aggressionen betrachtet wird. Auch nach BANDURA handelt es sich bei Aggressionen um Lernprozesse. 26 Eine große Rolle spielen dabei die klassischen Konditionierungskonzepte:
Positive Verstärkung: Durch Aggression wird ein Ziel erreicht (z.B. Anerkennung, Aufmerksamkeit)
Negative Verstärkung: Aggressives Verhalten kann dazu beitragen, ein Angst auslösendes Ereignis zu verringern oder zu beseitigen.
Selbstverstärkung: Wird aggressives Verhalten geduldet, wirkt die „stillschweigende Zustimmung“ verstärkend. 24
Neben diesem klassischen Ansatz des Modelllernens von Bandura, der sich am klassischen Konditionieren von Pawlow und dem operanten Konditionieren von Skinner orientiert, geht WEIDNER davon aus, dass Aggressionen dann freigesetzt
24 vgl. Stangl, Psychologische Erklärungsmodelle für aggressives Verhalten
25 vgl. Stangl, Frustrations-Aggressionstheorie (Dollard)
26 vgl. Stangl, Psychologische Erklärungsmodelle für aggressives Verhalten, vgl. n. Bandura
13
werden, wenn jemand seine Umwelt als ihm übel gesinnt wahrnimmt. Diese Reaktion dient dann als Selbstschutz. Folgende Reaktionskette läuft in solchen Fällen ab:
→ → körperliche Feindseligkeitswahrnehmung Gefahr
Stressreaktion → aggressive Gegenwehr (oder Flucht) 27
Es gibt aber auch andere Erklärungen über die Entstehung von Aggressionen. So zitiert BÖHNISCH in seinem Buch über abweichendes Verhalten O. RÜHLE:
„Die Natur hat es so eingerichtet, dass der Mensch als kleines Kind zur Welt
kommt [...]. Groß sind die Erwachsenen, die das kleine Kind in Empfang nehmen
[...]. Zwar ist ihnen dieser Gegensatz noch nicht bewusst [...]. Das Kind kommt mit
einem Erbgut mehr oder weniger differenzierter Triebe auf die Welt, die alle den
naturgegebenen Sinn haben, seine Existenz gegenüber den ihm drohenden
mannigfaltigen Gefahren zu sichern. Eine dieser Gefahren besteht darin, von der
Übermacht der Erwachsenen erdrückt zu werden. Auf sie reagiert der kindliche
Instinkt“. 28
Diese Situation lässt das spätere Selbstwertgefühl „zum entscheidenden Antrieb der seelischen Entwicklung des Kindes werden.“ 29 Wie sich das Individuum letztendlich entwickelt, hängt von seiner Umwelt ab. Solange sich der kindliche „Minderwertigkeitskomplex“ in einer Umwelt befindet, in der das „Geltungsgefühl nie unter ein gewisses erträgliches Maß herabgesetzt“ 30 wird, ist eine „Trieb-Umwelt-Balance“ 29 möglich. Wird das Geltungsgefühl jedoch zu sehr herabgesetzt, so RÜHLE weiter, „[...] erzeugen die unbefriedigten Minderwertigkeitsgefühle Anspruch auf übersteigerte Befriedigung aus der Logik des Lebens heraus und enden in Neurose“. 30 Diese Verhaltensanomalie kann sich unter anderem in aggressivem Verhalten äußern.
Dies ist eine einleuchtende Erklärung dafür, warum sich Kinder und Jugendliche in manchen Situationen aggressiv verhalten. Kinder und Jugendliche aus den oben beschriebenen psychotisch-aggressiven Familien werden immer wieder mit Ablehnung bestraft. Sie haben, genau wie die meisten Jugendlichen in „Durchboxen“, nie positive Erfahrungen mit ihren Eltern machen können, und sind daher scheinbar „unfähig zur Liebe und bleiben auf einer infatil-narzistischen Entwicklungsstufe stehen, weil sie in ihrer Umwelt nie erfahren haben, dass es ein
27 vgl. Weidner 2006, S. 29
28 Böhnisch, S. 120, zit. n. Rühle, S. 26
29 Böhnisch, S. 120
30 Böhnisch, S.120. zit. n. Rühle, S. 34
14
`Liebesobjekt` gibt, für das es sich lohnen würde, Triebverzicht und -hemmungen auf sich zu nehmen.“ 31
Aber auch die Pubertät ist Ursache von Aggressionen, da sie den Aggressions- und Selbstbehauptungstrieb freisetzt. Die Jugendzeit, und damit auch die Pubertät, ist eine Phase der Erprobung und des Austestens von Regeln und Grenzen. 32 Dies kann sich ganz harmlos zeigen, beispielsweise bei der Missachtung von Regeln, die in der Familie gelten, (z.B. zu einer bestimmten Uhrzeit wieder zu Hause sein zu müssen), aber auch dramatischer, wenn die Gesundheit oder das Eigentum anderer Personen angegriffen wird.
2.3 Umgang mit Aggressionen
Nachdem deutlich geworden ist, wann und wieso Aggressionen entstehen, geht es nun darum, diese in den Griff zu bekommen oder einen Weg zu finden, wie sich Menschen in solchen Situationen ablenken können. Ein Abreagieren durch verschieden Tätigkeiten ist laut NOLTING, der Bezug auf viele verschiedene Studien und Versuche nimmt, nicht möglich. Selbst die Annahme, dass Sport und starke körperliche Anstrengung helfen würden, Aggressionen abzubauen, widerlegt er in mehreren Beispielen. 33 Denn solche Aussagen wie „Lass deine Gefühle raus!“ sind insofern nicht umzusetzen, als dass Gefühle nicht rauszulassen sind. Wir können Gefühle zwar ausdrücken, aber nicht „wie Wasserdampf aus dem Ventil“ 34 rauslassen. Dennoch ist der Sport in der Jugendhilfeeinrichtung „Durchboxen“ ein großer Bestandteil des Tagesablaufs. Aber wichtig scheint, dass etwas getan wird, was ablenkt. Dabei spielt keine Rolle, was es ist, es sollte nur nichts mit dem Ärger zu tun haben, der die Aggression hervorgerufen hat. Allerdings kann diese Ablenkung nur vorübergehend helfen, da sie den Auslöser nicht aus der Welt schafft. Um das Problem zu beseitigen, welches die Aggressionen hervorruft, muss eine offene Kommunikation und Klärung des Problems stattfinden. So findet das auch bei
31 Böhnisch, S. 122
32 vgl. Böhnisch, S. 129f.
33 vgl. Nolting, S. 183
34 Nolting, S. 193
15
den Jugendlichen im Camp „Durchboxen“ statt, wenn sie sich beispielsweise untereinander geprügelt haben. Dies ist wichtig um den Ärger, der in einem steckt, nicht zu unterdrücken. Um mit seinen Aggressionen umgehen zu können, ohne andere Lebewesen oder Sachen zu verletzen bzw. zu beschädigen, ist es neben dem Wissen, wie Ablenkung verschafft werden kann, wichtig über Gefühle, Bedürfnisse und Problemlösungen nachzudenken und mit anderen darüber reden zu können. 35
Die Frustrationstheorie besagt, wie schon in Kapitel 2.2 erwähnt, dass Aggressionen durch die Vermeidung oder wenigstens die Reduzierung von Frustrationen zu beeinflussen sind. Dass diese Theorie heute nur noch bedingt so haltbar ist und weitere Faktoren für die Entstehung von Aggressionen verantwortlich sind, wurde ebenfalls erwähnt. Dennoch entstehen viele Aggressionen durch Frustrationen. Wenn ein Jugendlicher beispielsweise Misserfolge oder Überforderungen erlebt, ist er frustriert. In den sogenannten psychotisch-aggressiven Familien lernen die Jugendlichen nicht, mit ihrer Frustration umzugehen und fertig zu werden. Die Stärkung des Selbstwertgefühls kann in solchen Familien kaum stattfinden. Nur in einer Familie, in der es Wärme, Anerkennung, Lob und Rückhalt gibt, ist die Möglichkeit gegeben, auch mit negativen Botschaften über sich selbst zurechtzukommen. Dieses müssen Jugendliche, die aus schwierigeren Familienverhältnissen kommen oft erst lernen. Und das können sie in der Jugendhilfeeinrichtung, die in der Zeit, die sie dort verbringen, die Pädagogen und ihre jugendlichen Mitbewohner vorübergehend als ihre Familie ansehen und annehmen.
Was muss also getan werden, um Aggressionen bei Jugendlichen zu vermeiden und wie kann das erwünschte Verhalten hervorgerufen werden?
Der Begriff des Selbstwertgefühls scheint der Schlüssel zu sein. Durch ein ausgebildetes und gesundes Selbstwertgefühl wäre es den Jugendlichen möglich, in kritischen Situationen besonnener zu handeln. Das hängt mit der Fähigkeit zusammen, die persönlichen Kompetenzen zu erweitern und Selbstbestimmung zu erlangen. Dies geschieht indem gelernt wird, negative Kritik zu erfahren, Konfliktfähigkeit zu entwickeln, Misserfolge verarbeiten zu können, Lösungen für Probleme zu finden, Achtung vor sich selbst und seiner Umwelt zu haben, über seine
35 vgl. Nolting, S. 191f
16
Empfindungen und Ängste reden zu können, (Selbst-) Vertrauen zu schaffen, (Selbst-) Verantwortung zu übernehmen, Regeln zu akzeptieren, aber auch seine Stärken zu kennen und sie zu schätzen wissen.
Ob die Erlebnispädagogik dafür eine geeignete Methode ist, soll geklärt werden, nachdem ein Überblick über die Jugendkriminalität und ihre (juristischen) Folgen gegeben wurde.
17
Arbeit zitieren:
Imke Sievers, 2009, Erlebnispädagogische Maßnahmen als Beitrag zur Bewältigung von Gewalt und Aggressionen bei Jugendlichen?, München, GRIN Verlag GmbH
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