Fest steht: Fremdwörter sind wichtig und notwendig, ohne sie wäre unsere Sprache um einiges ärmer. Man denke nur an die Flut von Anglizismen, die besonders seit dem Aufkommen der Informations- und Kommunikationstechnologie ins Deutsche herüber- schwappt. Was wären wir ohne unsere Hobbys, den Babysitter, den Computer? Ganz abgesehen von der Vielzahl von Entlehnungen aus dem Französischen, die bereits im
17. Jahrhundert vorwiegend aus dem Militärjargon übernommen wurden (Appell, Bles-
sur, patrouillieren), und im 18. Jahrhundert kamen im Zuge der Aufklärung und der französischen Revolution viele politische (Bürokratie, Komitee) und geisteswissen- schaftliche Ausdrücke (Esprit, Genie) hinzu. Aus dem Griechischen und Lateinischen wurde zum Teil schon im Mittelalter Wortgut übernommen. 6 Doch wie soll nun mit diesen Wörtern umgegangen werden, die uns oftmals nicht nur in ihrer Schreibung, sondern auch in der Aussprache fremd sind? Wie viel Integration verträgt das Sprachge- fühl?
Es ist schon eine Maläse mit der Fremdwortorthographie – oder heißt es nun Ortho- grafie oder gar *Ortografie? Bleiben wir vorsichtshalber zunächst bei Rechtschreibung und schauen uns erst einmal an, was man überhaupt unter einem Fremdwort versteht, bevor wir uns seiner Schreibung zuwenden.
4 Schmidt 2004, 177.
5 Vgl. Wörter des Jahres, unter: http://www.gfds.de/woerter.html.
6 Vgl. Duden: Fremdwörterbuch 2001, 824f.
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Nach Heller ist ein Fremdwort ein „Wort fremder Herkunft, das – unter synchroni- schem Aspekt betrachtet – fremde Merkmale in seiner formalen Struktur aufweist.“ 7 Diese Definition steckt selbst voller Fremdwörter, also mal ganz der Reihe nach: Syn- chronisch meint hier, dass nach dem Verhalten eine bestimmten Gruppe von Wörtern im gegenwärtigen Sprachsystem – in diesem Fall also dem Deutschen – gefragt wird. 8 Aber was sind „fremde Merkmale in seiner formalen Struktur“? Damit sind erstens die Bestandteile eines Wortes gemeint, genauer gesagt bestimmte Vorsilben oder Endun- gen, die ein Wort als fremdsprachig kennzeichnen (Programm, hyperaktiv, Reform, Syndrom, intuitiv). Zweitens weichen viele Fremdwörter in ihrer Aussprache (Ingenieur, Bassin, Garage, Feature) oder Betonung (Büro, kolportieren) vom Deutschen ab, und
drittens in ihrer Schreibung: Viele Grapheme, Graphemverbindungen oder -positionen sind typisch fremdsprachig (Hobby,
Geograph, Cousin, Psychoanalyse).
Viertes und letztes Fremdwortmerkmal ist der seltene Gebrauch im Alltag. Wann benutzt man noch
immediat, trottieren
oder
quinkelieren,
9
und wer kennt schon
Feh,
das russische Eich- hörnchen, das – anders als das Känguru – sein
Damit wären wir beim Kern der Sache: Wonach richtet sich nun eigentlich, wie ein Fremdwort geschrieben wird? Das offizielle Regelwerk hat in den Vorbemerkungen zum Kapitel Laut-Buchstaben-Zuordnungen dazu Folgendes zu sagen:
„Fremdwörter unterliegen oft fremdsprachigen Schreibgewohnheiten […]. Ihre Schreibung kann jedoch – und Ähnliches gilt für die Aussprache – je nach Häufigkeit und Art der Verwendung integriert, das heißt dem Deutschen angeglichen werden.“ 11 So steht es im Regelwerk des „Duden“, dem Regelbereich, unter welchen die wesentlichen Fragen der Fremdwortschreibung fallen. Nun gut, dass Fremdwörter teils in ihrer ur- sprünglichen Schreibweise geschrieben werden und teils dem Deutschen angeglichen sind, dürfte bekannt sein. Aber wie häufig muss ein Fremdwort gebraucht werden, da- mit es als integriert gilt? Bedeutet das, Sympathie ist weniger geläufig als Sinfonie? Si- cherlich nicht, und überhaupt lässt sich dies für den Laien nur schwer beurteilen. Auch
7 Heller 1980, 169.
8 Vgl. von Polenz 1979, 17.
9 Vgl. Duden: Fremdwörterbuch 2001, 122f.
10 Vgl. Augst 1987, 104.
11 Duden 2004, 1113, (3.1.)
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die Reformer gestehen ein, dass sich für nicht oder nur teilweise integrierte Fremdwör- ter keine allgemein gültigen Regeln aufstellen lassen. Im Zweifel bleibt hier also nur der Griff zum Wörterverzeichnis.
Einen Schritt weiter hilft da schon die Einschränkung, dass Zitatwörter bzw. Wort- gruppen sowie Wörter in international gebräuchlicher (z.B.
City)
oder in fachsprachiger Schreibung (z.B.
Sykophant)
normalerweise nicht integriert werden. Dies ist zunächst einmal eine sinnvolle Regelung. Wie Heller anmerkt, gibt es eine unvorstellbar große Fülle von Fachwörtern
12
, und zudem würde sich wohl kaum ein Ornithologe das
Doch auch hier stellt sich die Frage, welche Wörter nun zum Fach- und welche zum Gemeinwortschatz gehören. Viele Ausdrücke, die ursprünglich nur unter Wissenschaft- lern gebraucht wurden, haben mittlerweile Einzug in den Alltagswortschatz gehalten, z.B.
Photovoltaik, Geographie
und eben auch
Orthographie.
An dieser Stelle schaltet sich nun auch Theodor Ickler ein, der wohl energischste Kritiker der Rechtschreibre- form, der an der Fremdwortschreibung ausnahmsweise recht wenig auszusetzen hat. Warum soll man nun als Hauptvariante
Bibliografie
schreiben, fragt Ickler, aber wie gewohnt
Geographie?
13
Dies ist eine Inkonsequenz, die Ickler zu Recht kritisiert. Bis hierhin ist klar geworden, vor welchen Problemen die Reformer standen, die sich mit dem Kapitel Fremdwortschreibung befassten. Einheitliche Regeln kann es nicht geben, dafür sind die fremdsprachigen Schreibgewohnheiten einfach zu vielfältig. Also wurde stückweise reformiert, jedes Wort kritisch geprüft, und zwar nach verschiedenen Kriterien. Grundsatz der Reform war, behutsame Änderungen vorzunehmen und an be- reits angebahnte Entwicklungen in der Schreibung anzuknüpfen, beispielsweise bei der Ersetzung von
Heraus kam schließlich eine Liste von neuen Schreibungen und Varianten, die wir uns im Folgenden einmal näher ansehen wollen. Dabei soll unterschieden werden zwi- schen Fremdwörtern aus den klassischen Sprachen (Griechisch, Latein), bei denen der
12 Vgl. Heller 1987, 178.
13 Ickler 1997, 36
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Julia Heinrich, 2005, Das Theater um die Orthographie - Kritische Auseinandersetzung mit der Neuregelung der Fremdwortschreibung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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