Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung. 3
II. Theorieteil. 5
1. Popliteratur. 5
1.1. Einführung. 5
1.2. Kriterien nach Jung und Ullmaier. 6
1.3. Pop in der Literaturgeschichte. 8
1.4. Kritik an der Popliteratur. 10
2. Körpertheorien. 14
2.1. Einführung. 14
2.2. Von der Trennung zur Unterdrückung. 15
2.3. Widersprüche der Gegenwart. 19
3. Körper in der Literatur. 24
4. Untersuchungsmethode und Begriffsklärung. 29
III. Lektüreteil. 32
1. Christian Kracht „Faserland“ 32
1.1. Autor und Inhalt. 32
1.2. Der unterdrückte Körper. 35
1.2.1. Die Missachtung des Körpers. 35
1.2.2. Die Sorge um die Oberfläche. 40
1.2.3. Der Körper meldet sich zurück. 44
1.3. Resümee. 49
2. Sibylle Berg „Amerika“ 51
2.1. Autorin und Inhalt. 51
2.2. Der bewertete Körper. 56
2.2.1. Der hässliche Körper. 56
2.2.2. Verschwinden im Schmerz. 59
2.2.3. Der schöne Körper. 61
2.2.4. Verschwinden im Glück. 65
2.3. Resümee. 68
3. Kai Damkowski „angst sucht hase“ 70
3.1. Autor und Inhalt. 70
3.2. Der transgressive Körper. 72
3.2.1. Körper als Innenwelt : Präsenz. 72
3.2.2. Körper und Außenwelt: Osmose. 76
3.2.3. Körper in der Synthese: Absenz. 80
3.3. Resümee. 83
IV. Schlussbetrachtung. 84
V. Bibliographie. 89
Danksagung. 98
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I. Einleitung
„Körper“ gilt als einer der wichtigsten kulturwissenschaftlichen Begriffe der Gegenwart. Die einen sprechen von seinem Verschwinden im Zuge von Digitalisierung, Virtualisierung und den Möglichkeiten zur Manipulation, die anderen von seiner Rückkehr als Garant für Authentizität und Unmittelbarkeit. Nach der „performativen Wende“ in den Geisteswissenschaften soll der Körper das Primat des Textes als gleichberechtigte Kategorie korrigieren und erweitern. 1 Eine besondere Rolle spielt er als Forschungsfeld im Rahmen der gender studies und in der Literaturwissenschaft. Im Hinblick auf die Literatur der Gegenwart ist von „somatischer Poesie“, auf dem Gebiet der Popliteratur gar von „Körpermanie“ die Rede 2 .
Während Popliteratur in den Neunzigern in aller Munde zu sein schien, ist es um dieses Genre mittlerweile in den Feuilletons wieder bedeutend ruhiger geworden. Die Wissenschaft hingegen widmet sich diesem Phänomen nach wie vor. 3
In dieser Arbeit sollen die beiden Diskurse „Körper“ und „Popliteratur“ zusammengeführt werden. Dazu wurden Texte ausgewählt, bei denen sich ein breites, repräsentatives Spektrum ergibt, da die Kategorie „Körper“ jeweils in unterschiedlichen, bisweilen völlig verschiedenen Spannungsfeldern auftaucht.
Die in Wissenschaft und Feuilleton häufig anzutreffende Generalisierung vom „Körperkult“ in der Popliteratur soll den Ausgangspunkt dieser Untersuchung bilden und in den Texten geprüft und gegebenenfalls nachgewie sen werden.
Die Beschäftigung mit dem Diskurs „Körper“ nimmt das ambivalente Nebeneinander von Diagnosen zum Körper in den Blick. Eingedenk des Postulats, dass Popliteratur als Archiv von Gegenwartskultur gedacht werden kann 4 , wird innerhalb der Texte zudem nach
1 Mit dieser Relation beschäftigt sich der Sonderforschungsbereich „Kulturen des Performativen“ an der Freien Universität Berlin. http://www.sfb-performativ.de/seiten/frame_gesa.html (Stand vom 18.01.2008).
2 Innerhalb der Einleitung sei auf diese Punkte in aller Kürze verwiesen. Sie werden an anderer Stelle noch einmal aufgegriffen und belegt.
3 Hierzu sei auf die 2006 im Verlag Peter Lang erschienene Dissertation von Ute Paulokat „Benjamin von Stuckrad-Barre: Literatur und Medien in der Popmoderne“ und auf eine für Herbst 2008 geplante Publikation der University of California, Irvine unter dem Titel „Closing Borders, Bridging Gaps? German Pop at the Millennium“ verwiesen.
4 Siehe hierzu: Baßler, Moritz: Der deutsche Pop-Roman. Die neuen Archivisten. C.H. Beck, München 2002.
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den Tendenzen des „Verschwindens“ gefragt. Zu diesem Zwecke wird ein entsprechendes Untersuchungsinstrumentarium aufgestellt, dessen Kern die Hauptachse aus „Aufladung“ und „Verschwinden“ bildet.
Dabei lässt die Untersuchung das Feld von „Körper und Geschlecht“ weitestgehend außer Acht, da die Perspektive eine andere ist und der Blick versucht übergeordneter zu sein. Die vorliegende Arbeit will in der Popliteratur die als „Aufladung“ verstandene Körpermanie, um die Kategorie des „Verschwindens“ ergänzen und erweitern. Am Ende soll verdeutlicht werden, dass sich die von kulturwissenschaftlicher Seite herausgearbeiteten, paradoxen Standpunkte zum Körper in der Gegenwart auch in den Texten widerspiegeln. „Verschwinden“ muss dabei nicht zwangsläufig im Kontext von Virtualisierung gesehen, sondern kann mit den Schlagwörtern Transzendenz, Unterdrückung und dem Wunsch nach Auflösung weiter gefasst werden. Tendenzen von „Aufladung“ des Körpers und solche des „Verschwindens“ finden sich innerhalb der Texte jeweils in völlig unterschiedlichen Zusammenhängen, die es darüber hinaus zu beschreiben gilt. Der Theorieteil wird mit einer Einführung in Form der Trias Definition - Geschichte -Kritik in die Popliteratur eröffnet und mit einer Annäherung an den Körper aus kulturwissenschaftlicher und philosophischer Perspektive fortgesetzt. Anschließend werden beide Theoriestränge im Abschnitt „Körper in der Literatur“ im Hinblick auf die Schwerpunktsetzung zusammengeführt. Die Vorstellung der Untersuchungsmethode mit der Einführung der damit verbundenen Termini „Aufladung“ bzw. „Verschwinden“ soll diesen Abschnitt beschließen.
Im Lektüreteil werden die drei Texte, jeweils nach einer kurzen Einführung in Bezug auf Autor und Inhalt, untersucht. Die Rückbindung an die Theorie erfolgt dabei unmittelbar im Verlauf der jeweiligen Untersuchung, sodass in der Schlussbetrachtung eine Verdichtung der Ergebnisse erfolgen kann.
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II. Theorieteil
1. Popliteratur
1.1. Einführung
Auf die Frage, wann Literatur „Pop“ sei, antwortet der Schriftsteller Georg M. Oswald: „Dann, wenn sie dafür gehalten wird.“ 5 Diese Aussage deutet auf zwei Dinge hin. Zum einen auf eine gewisse Willkür der kommerziellen Inszenierungs- und Promotionsformen, im Sinne von Pop als „Etikett der Unterhaltungsindustrie“ 6 oder als „PR-Gag“ 7 und zum anderen auf eine gewisse Schwierigkeit beim Versuch einer abschließenden Definition. Johannes G. Pankau bezeichnet Pop als universelles und ebenso flüchtiges, gesellschaftliches Phänomen, das sich eindeutigen Festschreibungen entziehen würde. 8 Trotzdem wurden in den letzten Jahren Versuche unternommen, dies eben doch zu tun. 9 Die Lektüre auf dem Gebiet der Popliteratur im Rahmen dieser Untersuchung bestätigte die von Johannes G. Pankau behauptete Heterogenität von Pop 10 sowohl in Bezug auf den Inhalt als auch hinsichtlich der Form. Ein schonungsloser Detailblick auf Schmutz und Hässliches kennzeichnet bspw. das ästhetische Programm von Sibylle Berg, das sie formal mittels der Collage und häufigen Perspektivenwechseln unter anderem in „Sex II“ umsetzt. Neben dem überwiegend linearen und chronologischen Erzählen, etwa eines Christian Krachts oder Benjamin von Stuckrad-Barres, stehen Thomas Meinecke und Rainald Goetz stärker für das formale Experiment (und werden aus diesem Grund seitens der Vertreter der „Hochkultur“ mindestens mit einem milderen Blick im Vergleich zu ersteren bedacht). Meinecke spielt in „Tomboy“ mit Universitätsdiskursen hinsichtlich der „gender studies“, verteilt sie auf Figuren, erzeugt Rhythmus durch Wiederholung und
5 Oswald, Georg M.: Wann ist Literatur Pop? Eine empirische Antwort. In: Freund, Wieland; Freund, Winfried (Hrsg.): Der deutsche Roman der Gegenwart. W. Fink, München 2001, S. 29-43, S. 30.
6 Thomas, Ernst: Popliteratur. Rotbuch 3000, Hamburg 2001, S. 9.
Schäfer, Jörgen: »Neue Mitteilungen aus der Wirklichkeit.« Zum Verhältnis von Pop und Literatur 7
in Deutschland seit 1968. In: Arnold, Heinz-Ludwig (Hrsg.): Pop-Literatur. Edition Text und Kritik, München 2003, S. 7-25, S. 9.
8 Vgl. Pankau, Johannes G.: Pop-Pop-Populär. In: Einblicke, Nr. 42/ Herbst 2005, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, S. 22-24. http://www.uni-oldenburg.de/presse/einblicke/42/pankau.pdf (Stand vom 11.12.2007).
9 An dieser Stelle sei auf die Einführungen von Thomas Ernst „Popliteratur“, Johannes Ullmaier „Von Acid nach Adlon. Eine Reise durch die deutschsprachige Popliteratur“, Moritz Baßler „Der deutsche Poproman. Die neuen Archivisten“ und die Aufsatzsammlungen von Thomas Jung (Hrsg.) „Alles nur Pop?“ und Heinz-Ludwig Arnold (Hrsg.) „Pop-Literatur“ verwiesen.
10 Vgl. Pankau, S. 23.
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montiert verschiedene Textarten ineinander. Goetz verzichtet in seinem, mitunter Kritik an der Psychiatrie übenden, Roman „Irre“ auf einen durchgängigen Plot und bedient sich überwiegend des „stream-of-consciousness“.
Hubert Winkels versucht dem heterogenen Gebiet der Popliteratur Herr zu werden, indem er eine „populäre Literatur, die mit Popversatzstücken umgeht“ 11 von einer „Pop-Literatur im eminenten Sinn“ 12 unterscheidet. Zu letzterer zählt er vor allem die „Masters of Ceremony“, das sogenannte „Suhrkamp-Trio“ um Thomas Meinecke, Rainald Goetz und Andreas Neumeister 13 . Im Hinblick auf diese drei Autoren spricht er von „herausragenden“ Beispielen einer hochreflektierten, formbewussten und durchaus experimentellen Gegenwartsliteratur“ 14 .
Im Folgenden soll es um eine nähere Beschäftigung mit dem Versuch der wissenschaftlich-diskursiven Festschreibung von Popliteratur gehen, die als Einführung verstanden werden kann. Dabei sei darauf verwiesen, dass innerhalb der Arbeit nicht der Frage nachgegangen werden soll, ob die gewählten Romane zum Genre Popliteratur zu zählen sind. Vielmehr bildet die Annahme, dass die unter anderem von Thomas Jung als charakteristisch zusammengetragenen Merkmale auf die drei ausgewählten Romane überwiegend zutreffen, die Grundlage der Untersuchung.
1.2. Kriterien nach Jung und Ullmaier
Thomas Jung betrachtet zunächst die gemeinsamen, generationsbildenden Sozialisationserfahrungen der Autoren und ihrer Figuren durch die Medien als thematisch-inhaltlichen Schwerpunkt. Kultur sei demnach nicht mehr Ziel einer Anklage, sondern diene als Ausgangspunkt für das Schreiben. 15 Themen wie Entfremdung, Einsamkeit, Verlust des Part-
11 Winkels, Hubert: Grenzgänger. Neue deutsche Pop-Literatur. Mit Thomas Meinecke, Andreas Neumeister, Rainald Goetz, Georg M. Oswald, Alexa Hennig von Lange, Benjamin von Stuckrad-Barre und anderen. In: Winkels, Hubert: Gute Zeichen. Deutsche Literatur 1995-2005. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005, S. 111-156, S. 118.
12 Winkels, S. 118.
13 Mit „Gut Laut“ (1998) ist Andreas Neumeister bekannt geworden. Innerhalb seiner Prosa bedient er sich der Collage, mit der er, einem DJ an den Plattentellern ähnlich, unterschiedliche Versatzstücke des Textes „mixt“.
14 Winkels, S. 145.
15 Vgl. Schäfer, S.15.
Gleicher Meinung ist auch Moritz Baßler, der die Popliteraten als intensive Sammler von Gegenwartskultur sieht. Die neuen Archivisten verstünden Kultur und Sprache immer schon als diskursiv vorgeformt, deshalb könne man nur mit bereits Gesagtem arbeiten und damit „eine Literatur der zweiten Worte“ schaffen. Vgl. Baßler, S. 184f.
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ners, Gewalt, Musik und Drogen würden häufige Leitmotive darstellen. 16 Diese lassen sich mit den von Johannes Ullmaier aufgestellten werklich-inhaltlichen Schwerpunkten ergänzen. Ullmaier zählt hierzu die Adoleszenzproblematik, die Antibürgerlichkeit, das Unterwegssein, Sex, Exzess und die jugendliche Subkultur. 17
Thomas Jung ist der Meinung, dass die in der Popliteratur thematisierte Entfremdungserfahrung ohne jegliche sozialkritische Dimension sei. Reaktionen darauf werden auf „emotionalisierte Entäußerungen“ 18 eines gelangweilten, im materiellen Wohlstand lebenden, „nicht selten zynischen Subjekts“ 19 reduziert.
Diese Feststellung ist im Hinblick auf das Werk von Sibylle Berg streitbar. Hier ist die Frage, ob nicht die gnadenlose Schilderung des bei ihr zumeist furchtbaren Ist-Zustandes auf ein „utopisches Soll“ 20 verweist und sie damit, ähnlich wie Bret Easton Ellis 21 und Michel Houellebecq 22 , als verdeckte Moralistin angesehen werden kann. Auf eine ähnliche Art der Rezeption von „Faserland“ macht Mathias Mertens aufmerksam. 23 Aber wie schon erwähnt, soll es um solche Detailfragen an dieser Stelle nicht gehen, sondern eher um eine Skizze von häufig auftretenden Charakteristika der Popliteratur. Zu den ästhetischen und stilistisch-formalen Merkmalen zählt Jung den minimalistischen, oft umgangssprachlichen Stil, die Verwendung von Anglizismen, musikspezifischen Begriffen und Comicsprache, sowie das visuelle, bisweilen „videographische“ Schreiben. Im Fokus stünde zumeist ein Ich-Erzähler, der nahezu pausenlos sein momentanes Befinden mittels der detaillierten Wiedergabe von Alltagsdingen und Nichtigkeiten thematisiere. 24 Nach Ullmaier sei die Stilistik von Pop unter anderem geprägt durch „Rasanz“, „Lautheit“ und „Plakativität“ 25 .
16 Vgl. Jung, Thomas: Vom Pop international zur Tristesse Royale. Die Popliteratur, der Kommerz und die postmoderne Beliebigkeit. In: Jung, Thomas (Hrsg.): Alles nur Pop?, S. 29-53, S. 40f.
17 Vgl. Ullmaier, S. 17.
18 Jung: Vom Pop international zur Tristesse Royale, S. 41.
19 Jung: Vom Pop international zur Tristesse Royale, S. 42.
20 Jung: Vom Pop international zur Tristesse Royale, S. 41.
21 Der amerikanische Schriftsteller kam 1991 durch seinen umstrittenen Roman „American Psycho“ ins Gespräch. Von 1995-2001 wurde das Buch in Deutschland aufgrund der schonungslosen und detaillierten Darstellung der Morde seitens des Protagonisten, indiziert. Gemeinsam mit dem 1995 erschienen „High Fidelity“ von Nick Hornby, gilt er als englischsprachiges Vorbild für die deutsche Popliteratur. Auf die Parallelen hat insbesondere Mathias Mertens verwiesen. Siehe hierzu: Mertens, Mathias: Robbery, assault and battery. Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad-Barre und ihre mutmaßlichen Vorbilder Bret Easton Ellis und Nick Hornby. In: Arnold (Hrsg.): Pop-Literatur, S. 201-217.
22 Der französische Schriftsteller ist vor allem durch „Ausweitung der Kampfzone“ (2000) und „Elementarteilchen“ (2001) bekannt geworden. Er provoziert durch schonungslose, nüchtern-kalte Darstellung seiner zumeist egozentrischen, in der Konsumgesellschaft verlorenen Protagonisten und deren zuweilen sexistisch, rassistisch oder religionsfeindlichen Ansichten.
23 Demnach würden unter „amazon.de“, die Prosa von Bret Easton Ellis in unmittelbare Nähe zu der von Christian Kracht gestellt werden, was aber nach Mertens differenziert betrachtet werden muss, da man sonst „die Oberfläche“ zu schnell verwechseln würde. Vgl. Mertens, S. 201 und 206.
24 Vgl. Jung: Vom Pop international zur Tristesse Royale, S. 42f.
25 Vgl. Ullmaier, S. 17.
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1.3. Pop in der Literaturgeschichte
Thomas Jung verweist im Hinblick auf die Genese des Begriffs „Popliteratur“ auf zwei Herkunftsbegriffe. Zum einen sei er auf „populare culture“ und zum anderen auf „to pop“, im Sinne von „knallen“ zurückzuführen. Letzterer würde auf den ursprünglich subversiven, rebellischen Charakter von Pop anspielen. 26
Den literaturhistorischen Forschungsstand zur Popliteratur systematisiert Jung in Form von zwei Ansätzen. Der Großteil betrachtet die Beatnikbewegung als Wurzel, die anderen (z.B. Thomas Ernst und Jost Hermand) setzen den Ausgangspunkt mit der Dada-Bewegung noch eher. 27 Demnach entwickelte sich Pop in der Zwischenkriegszeit aus der Subversion von bildungsbürgerlichen Konventionen, wie beispielsweise in Form einer Destruktion von Sprache und Literaturtraditionen, sowie der Proklamation von „Antikunst“, wie es unter anderem durch Hans Arp und Kurt Schwitters geschah. Die Beatnikbewegung in den fünfziger Jahren war eine Gegenbewegung von jungen Außenseitern gegenüber der konservativen, amerikanischen Nachkriegsgesellschaft. Als namhafte Vertreter gelten Allen Ginsberg, William S. Burroughs und Jack Kerouac. Die Autoren schrieben unter Nutzung von Formen der aufkommenden Massenkultur gegen den konservativen Mainstream und plädierten für individuelle Entfaltung. Wichtige Impulse bekam die Literatur von der New Yorker Pop-Art, mit der vor allem die Werke von Roy Lichtenstein und Andy Warhol in Verbindung gebracht werden. Alltagsgegenstände wurden in einen neuen Kontext gestellt und anschließend als Kunstwerk deklariert. Das „ready-made“ 28 aus der Dada-Bewegung wurde an dieser Stelle wieder aufgegriffen. In diesem Zusammenhang ist auch die legendäre Forderung von Leslie Fiedler „Cross the border, close the gap“ zu erwähnen. In seiner Ansprache 1968, die programmatisch im Playboy abgedruckt wurde, forderte er einen Zusammenschluss von E- und U-Kultur. Die alten Grenzen zwischen ernster und unterhaltender Literatur, bzw. Hoch- und Populärkultur, seien als sozial distinktiv überholt. Es gelte sich fröhlich aus dem großen Pool des Vorhandenen ohne Vorbehalte zu bedienen. 29
Jörgen Schäfer verweist in diesem Zusammenhang auf die „Janusköpfigkeit“ 30 von Pop. Er sei affirmativ und ironisch zugleich gewesen und habe sich nicht nur in dem einen (Kunstbetrieb) oder anderen Bereich (Populärkultur) rezipieren lassen, sondern beides
26 Jung: Vom Pop international zur Tristesse Royale, S. 36.
27 Vgl. Jung: Vom Pop international zur Tristesse Royale, S. 34f.
28 Der Begriff wurde 1913 von Marcel Duchamp eingeführt.
29 Vgl. Fiedler, Leslie A.: Überquert die Grenzen, schließt den Graben. In: Wittstock, Karl (Hrsg.): Roman oder Leben. Postmoderne in der deutschen Literatur. Reclam, Leipzig 1994, S. 14-39, S. 31.
30 Schäfer, S. 14.
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verbunden. Das verdeutliche gleichzeitig ein frühes Dilemma. Einerseits sei Pop Medium der gesellschaftlichen Emanzipation, andererseits von Anfang an in den Kapitalismus verstrickt gewesen. 31 An Letzteres schließen die Kritiker von Pop, auf die im nächsten Abschnitt noch expliziter verwiesen werden soll, unmittelbar an. In den sechziger Jahren bekam Pop neue Impulse von der Studentenbewegung in Form von Happening und Aktionskunst. Rolf Dieter Brinkmann gilt als der erste Popautor in Deutschland. Er brachte mit „Acid“ 1969 gemeinsam mit Ralf-Rainer Rygulla eine Sammlung von amerikanischer Underground-Lyrik nach Deutschland und schrieb selbst. 32 Damit war „Pop“ in den Literaturbetrieb in Deutschland, als US-Import etwas zeitversetzt, eingeführt. Autoren wie Hubert Fichte, Peter Handke (das Frühwerk), Elfriede Jelinek und Gerhard Hübsch gelten als Repräsentanten dieser Richtung. Diedrich Diederichsen bezeichnet Pop aus den sechziger und siebziger Jahren vereinfachend mit „Pop 1“. Das Phänomen aus der „zweiten Welle“ respektive aus den Neunzigern mit „Pop 2“. Nachfolgend soll diese Formel aufgenommen werden und ein Wechsel zum Phänomen in den neunziger Jahren erfolgen. Der damit verbundene Bruch ist offensichtlich, doch soll es im Rahmen dieser Untersuchung nicht um das Aufzeigen von Kontinuitäten zwischen beiden Zeitabschnitten gehen. 33
Auslöser der breiten öffentlichen Aufmerksamkeit für das Phänomen Popliteratur war der 1995 erschienene Roman „Faserland“ von Christian Kracht. Fortan galt er als Meilenstein und Initiator der Popliteraturschwemme, an die bspw. Benjamin von Stuckrad Barre mit „Soloalbum“ 1998 anschloss. Es folgten Veröffentlichungen von Alexa Hennig von Lange 34 , Benjamin Lebert 35 und auch den „Generationsautoren“ wie Florian Illies 36 und in
32 Hierbei sind besonders der Gedichtband „Westwärts 1&2“ (1975) und das posthum erschienene „Rom, Blicke“ (1979) zu erwähnen. Für Brinkmann sind flexible Formen und das tabulose Schreiben über Drogen, Sex und vor allem die Thematisierung des Alltags charakteristisch. Im Gegensatz zum Selbstverständnis der damaligen Studentenbewegung, begann die Revolution seiner Meinung nach im Alltag und nicht im Politischen.
33 Speziell dazu sei auf die von Heinz-Ludwig Arnold herausgegebene Aufsatzsammlung „Pop-Literatur“ verwiesen.
34 Alexa Hennig von Lange ist Autorin von „Relax“ (1997), „Ich bin's“ (1999) und einigen Kinder-und Jugendbüchern. Zuletzt erschien: „Risiko“ (2007).
35 Benjamin Lebert war Mitbegründer der Jugendbeilage „Jetzt“ der Süddeutschen Zeitung und debütierte mit seinem Roman „Crazy“ (1999), darauf folgte unter anderem „Der Vogel ist ein Rabe“ im Jahr 2003.
36 Florian Illies ist Mitarbeiter bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und veröffentlichte im Jahr 2000 das Buch „Generation Golf. Eine Introspektion“, womit gleichzeitig der Begriff „Generation Golf“ für die zwischen 1965-1975 Geborenen geprägt wurde. Charakteristisch ist der Wechsel zwischen Kindheits- und Jugenderinnerungen und daraus geschlossenen Verallgemeinerungen auf das Lebensgefühl[s] einer ganzen Generation. Wichtig ist hierbei, dass nicht länger ein historisches Ereignis, wie bspw. der Krieg oder die Zeit danach generationsbildend wirkt, sondern vielmehr gemeinsames Konsumverhalten, wie der Titel illustriert.
9
seiner Nachfolge Ric Graf 37 und Jakob Hein. 38 Nicht nur Einzelpublikationen wurden unter dem Etikett „Popliteratur“ verkauft, auch Verlage spezialisierten sich mitunter vollständig, wie der Mainzer Ventilverlag, auf dieses Genre. Im Jahr 1999 erschien mit „Tristesse Royale“ 39 ein popkulturelles Manifest. Joachim Bessing, Benjamin von Stuckrad-Barre, Eckhart Nickel und Alexander von Schönburg hatten sich zu diesem Zweck für mehrere Tage im Berliner Hotel Adlon getroffen, um über die gegenwärtige Gesellschaft zu räsonieren.
1.4. Kritik an der Popliteratur
„Knabenwindelprosa“ 40 , „Entliterarisierung“ 41 , „Abfall, Anstalt, Faschismus“ 42 . Eine kurze Einführung zur Popliteratur kommt an ihren Kritikern nicht vorbei. Diese knappen Schlagworte sollen die zum Teil heftigen Reaktionen auf die stark polarisierende Popliteratur illustrieren. Die Ablehnung ihr gegenüber lässt zwei grundlegende Motivationen erkennen. Einerseits generiert sich die Kritik aus politisch-moralischen Positionen, andererseits aus ästhetischen Vorbehalten, die auf die alte Trennung zwischen Hoch- und Populärkultur verweisen. Stellvertretend für die erste Richtung können die Literaten Feridun Zaimoglu und Maxim Biller und aus dem akademischen Kreis Thomas Jung genannt
37 Graf, Ric: icool. Wir sind so jung, so falsch, so umgetrieben. Rowohlt, Reinbek 2006.
38 Jakob Hein ist Sohn des Schriftstellers Christoph Hein und veröffentlichte mit „Mein erstes T-Shirt“ (2001) ein Generationsmanifest für die Kindheit und Jugend in der ehemaligen DDR.
39 Bessing, Joachim (Hrsg.): Tristesse Royale. Das popkulturelle Quintett mit Joachim Bessing, Christian Kracht, Eckhart Nickel, Alexander v. Schönburg und Benjamin v. Stuckrad-Barre. List Verlag, München 2002.
40 Das Wort stammt von Feridun Zaimoglu, der in diesem Zusammenhang mit der Prosa Krachts und Stuckrad-Barres „abrechnet“ und dabei die deutsche Popliteratur als „reaktionäres Kunsthandwerk“ bezeichnet. Vgl.: Zaimoglu, Feridun: Knabenwindelprosa. Überall wird von deutscher Popliteratur geschwärmt. Aber sie ist nur reaktionäres Kunsthandwerk. Eine Abrechnung. In: Die Zeit 1999, Nr. 47.
http://www.zeit.de/1999/47/199947.poplit_.xml?page=all (Stand vom 17.12.2007).
41 Diese Formulierung geht auf Iris Radisch zurück. Sie spricht im Zusammenhang mit den „traurigen Königskindern des bundesdeutschen Wohlstandswunders“, alias Kracht und Stuckrad-Barre, von einem ästhetischen Programm, das sich an der Avantgarde des letzten Jahrhundertbeginns orientieren und der es um „die Reduktion literarischer Komplexität“ gehen würde. Die damit ver-bundene „postmoderne Immanenz“ kontrastiere scharf mit der „gegenwartsanalytischen Perspektive der Post-DDR-Literatur“. In: Radisch, Iris: Zwei getrennte Literaturgebiete. Deutsche Literatur der neunziger Jahre in Ost und West. In: Arnold, Heinz-Ludwig (Hrsg.): DDR-Literatur der neunziger Jahre. Sonderband. Edition Text+Kritik. Richard Boorberg Verlag, München 2000, S. 13-26, S. 24.
42 Jörgen Schäfer betrachtet diese Formel als exemplarisch für die Reaktionen in den siebziger Jahren auf die damalige Popliteratur. In: Schäfer, S. 11.
10
werden , für die zweite lassen sich Namen wie Iris Radisch, ebenfalls Thomas Jung und
Hubert Winkels anführen. Teilweise vermischen sich beide und Urteile aus der einen
Sph äre werden mit der anderen begründet.
Inhaltliche und sprachliche Anspruchslosigkeit gelten als Hauptkritikpunkte 43 Hierbei
wird bemängelt, dass es entsprechend der Trennung zwischen ernster und unterhaltender
Literatur eine „echte“, „richtige“ und eine „unechte“, „falsche“ gäbe. Demnach fühlt sich
der Bildungsbürger vom „Trash“ nicht angesprochen, da unter anderem Anspielungen und
Verweise auf kanonisiertes Bildungsbürgerwissen fehlen würden. Dieses gilt es allerdings
im konkreten Fall zu prüfen. Katharina Rutschky hat in diesem Zusammenhang darauf
verwiesen, dass die Popliteratur als unterschätztes Genre anzusehen sei, das sich zwar von
einer „Kunstreligion“ verabschieden, dabei aber sehr wohl über das betreffende Wissen
verfügen würde. 44 Sie meint, es gehöre „zur nicht erklärten Programmatik des Popro-
mans , die Bereiche des allen Bekannten, ja Trivialen nicht zu verlassen“ 45
Dass der sprachliche Duktus als beabsichtigt betrachtet werden muss, darf seitens der Kri-
tik ebenfalls nicht außer Acht gelassen werden. 46 Diese Perspektive setzt allerdings, trotz
m öglicher und in manchen Fällen zahlreicher biographischer Parallelen, eine Unterschei-
dung von Autor und Ich-Erzähler voraus 47
Weitere populäre Kritikpunkte sind der reaktionäre, affirmative Gestus und der nihilis-
tische Snobismus. Thomas Jung meint in Bezug auf eine Aussage von Heiner Müller, dass
erstmals „Gewinner“, d.h. bürgerliche Trendautoren, Literatur produzieren würden. 48 Die
f ür die Popliteratur oft konstatierte Geschlossenheit des Medienkreislaufs steht damit in
engem Zusammenhang. 49 Der Kapitalismus sei demnach in der Kultur angekommen, in
der er nur zerstören könne. 50
43 Schäfer meint im Hinblick auf die „Trivialität“ von Popliteratur, dass es seitens der Kritik verbrei-
tet sei „Texte, die von Oberflächen handeln, als oberflächlich abzuwerten“ In: Schäfer, S. 10.
44 Katharina Rutschky bezeichnet in ihrem Aufsatz Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“
(1776) als das „Urbild des Popromans“ und zeigt Parallelen zu Stuckrad-Barres „Soloalbum“ auf.
Vgl. Rutschky, Katharina: Wertherzeit. Der Poproman - Merkmale eines unbekannten Genres. In:
Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. Heft 646, Nr. 02/2003, S. 106-117.
45 Rutschky, S. 107.
46 Katharina Rutschky spricht in Bezug auf Krachts „Faserland“ von der retardierenden Geste des
„Understatements“ in Bezug auf das explizite Reflektieren sprachlichen Unvermögens seitens des
Protagonisten. Damit rücke der sprachliche Duktus Krachts auch in die Nähe von Salingers „Der
F änger im Roggen“ Vgl. Rutschky, S. 115.
47 Schäfer bemerkt, dass diese Trennung seitens der Kritik „wie in einem germanistischen Prosemi-
nar “ häufig vernachlässigt werden würde. In: Schäfer, S. 10.
48 Vgl. Jung, Thomas: Trash, Cash oder Chaos? Populäre deutschsprachige Literatur seit der Wende
und die sogenannte Popliteratur. In: Jung (Hrsg.): Alles nur Pop?, S.15-27, S. 31.
49 Johannes Ullmaier verweist in diesem Zusammenhang besonders auf Benjamin von Stuckrad-
Barre , der als Journalist aus der Medienwelt kommt, darüber ein Buch schreibt, das dann in der
Medienwelt wiederum einen regelrechten „Hype“ verursacht. Stuckrad-Barre würde diesen wieder
aufgreifen und ein Buch darüber schreiben. Vgl. Ullmaier, S.24.
50 Norbert Niemann zitiert nach Ullmaier, S. 24.
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Diese Auffassung verdeutlicht einen speziellen Anspruch an die Rolle von Kunst. Diese habe als gesellschaftlicher Antagonist, wie etwa in der Tradition der „Kritischen Theorie“, als Sprachrohr für Unterdrücktes und Unterdrückte zu fungieren. Allerdings verlangt das einen differenzierten Blick auf die „Gewinner“. Unter anderem muss geklärt werden, ob mit dieser Zuschreibung Autoren oder deren Figuren gemeint sind. Entgegen besseren Wissens geschieht es im Fall von Popliteratur immer wieder, dass der Autor mit dem Erzähler in eins gesetzt wird. 51 Den Erzähler in „Faserland“ bezeichnet Katharina Rutschky als einen „tief unglücklichen Menschen“, dessen „reaktionäres Getue“ als „hilflose und verzeihliche Äußerung“ zu betrachten sei. 52
Der Verzicht auf Innerlichkeit und jegliche metaphysische Referenz kann auch im Zusammenhang mit der Einordnung in die Adoleszenzproblematik 53 betrachtet werden. In diesem Fall ist die überwiegend apolitische Erzählhaltung der Figuren 54 als Abgrenzungsreaktion gegenüber der Vorgängergeneration, den klassischen Vertretern der „Gegenkultur“ 55 zu werten. Da hinsichtlich eines Jugendprotestes die Distinktionsräume geschwunden sind, bleibt nur ein Spiel mit politisch unkorrekten Witzen und ein snobistischer Gestus, um die Hippie-Eltern mit ihren Betroffenheitsdiskursen und gescheiterten Weltverbesserungsphantasien zu provozieren. 56
Insofern kann man nicht von einem gänzlichen Verschwinden des Protestes sprechen, sondern muss den veränderten Bezugsrahmen beachten. „Pop 1“ war noch Bestandteil eben jener „Gegenkultur“ und richtete sich gegen die traditionelle Hochkultur einer überwiegend noch repressiven Disziplinargesellschaft. „Pop 2“ hingegen zeichnet sich allenfalls durch eine Gegnerschaft zur „Gegenkultur“ aus, speist sich dabei aus der Punk- und New Wave-Bewegung der achtziger Jahre und sieht sich weniger mit repressiven Formen von Herrschaft als vielmehr mit einer Totalvereinnahmung seitens der Ökonomie konfrontiert. 57
Da es in dieser Arbeit nicht um eine Rehabilitation von Popliteratur geht, beschränken sich die bislang erwähnten Kritikpunkte an der Popliteratur auf die populärsten unter ihnen in der breiten Diskussion. Vielmehr sollte deutlich werden, dass die Beschäftigung
51 Vgl. Schäfer, S.10.
52 Rutschky, S. 115.
53 An dieser Stelle sei auf Carsten Gansel und seinen Aufsatz „Adoleszenz, Ritual und Inszenierung in der Pop-Literatur“ verwiesen. In: Arnold (Hrsg.): Pop-Literatur, S. 234-257.
54 Vgl. Jung: Vom Pop international zur Tristesse Royale, S. 51.
55 Der Begriff wurde im Zusammenhang mit der Popliteratur erstmals von Diedrich Diederichsen verwendet. Vgl. Diederichsen, Diedrich: Die Gegenkultur. 68 war Revolte, 77 war Punk ― warum nur 68 zum Mythos wurde. In: Süddeutsche Zeitung vom 24.02.2001.
56 Dirk Frank geht auf diese Problematik in seinem Aufsatz „Die Nachfahren der ›Gegenkultur‹. Die Geburt der »Tristesse Royale« aus dem Geist der achtziger Jahre“ näher ein. In: Arnold (Hrsg.): Pop-Literatur, S. 218-233.
57 Vgl. Frank.
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mit Popliteratur einen differenzierten Blick verlangt. Johannes G. Pankau bemerkt hierzu, dass sich die Literaturwissenschaft dem Phänomen gegenüber weitaus zögerlicher, als bspw. die Sozial- und Medienwissenschaften geöffnet habe. Das läge an den noch immer anzutreffenden Ressentiments gegenüber der Populärkultur 58 . Diese würden nach Jörgen Schäfer neben einem allgemeinen bildungsbürgerlichen Kulturelitismus aus dem Erbe der Kulturindustrie durch Horkheimer und Adorno resultieren. 59 Mit „Abfall, Anstalt, Faschismus“, um die eingangs erwähnte Formel noch einmal aufzunehmen, habe man schon die Werke von Rolf Dieter Brinkmann und anderen vor 35 Jahren betitelt. 60 Die Ironie dabei ist, dass genau diese Subkulturenliteratur von damals heute zur offiziellen Hochkultur gerechnet wird und als Vergleichsreferenz für die Popliteratur der neunziger Jahre fungiert. So kontrastiert bspw. Cornelis Hähnel „Pop 1“ als den „mit Inhalt“ und „Pop 2“ als den „mit Profit“. 61 Der Antritt einer neuen Schriftstellergeneration scheint tatsächlich, wie auch Schäfer feststellt, zu einer Reaktivierung von Ressentiments zu führen.
58 Ein Vorbehalt ist bspw. die irrationale Macht, die Pop als Kultur des Populären und damit der Massen, zugeschrieben wird. Diese Position hat aus der Perspektive der Kulturkritik bereits eine längere Tradition und erinnert an die „Apokalyptiker“ von Umberto Eco. Siehe hierzu: Eco, Umberto: Apokalyptiker und Integrierte. Zur kritischen Kritik der Massenkultur. Fischer, Frankfurt am Main 1989.
59 Vgl. Schäfer, S.12.
60 Vgl. Schäfer, S. 11.
61 Hähnel, Cornelis: Ich sing ein deutsches Lied. In: Goon-Magazin, Nr. 11/2004, S. 54. http://www.goon-magazine.de/wp-content/pdf/goon11_100dpi.pdf (Stand vom 12.12.2007).
13
2. Körpertheorien
2.1. Einführung
Der Körper als „Nullpunkt der Erfahrung“ 62 , als „Garant des Authentischen“ 63 oder als „Ort der Festschreibung und Aushandlung von Identität“ 64 fungiert als wichtige kulturwissenschaftliche Kategorie der Gegenwart. 65 Die Theater- und Literaturwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte spricht in diesem Zusammenhang von der „performativen Wende“ in den Geisteswissenschaften. Demnach löse der Körper das Primat des Textes im Rahmen des „linguistic turns“ der siebziger Jahre allmählich ab. Mit dem „Begriff der Verkörperung“, der ursprünglich aus der Theaterwissenschaft stammt, würden Ereignishaftigkeit, Einmaligkeit und Materialität stärker in den Fokus der nunmehr interdisziplinär angelegten Untersuchungen rücken. 66 Trotzdem ginge es nicht um ein bloßes Ersetzen des Textes, sondern um das Einräumen einer vergleichsweise paradigmatischen Position des Körpers. 67
Als grenzenlos manipulierbar, im Verschwinden begriffen, unter der Überschrift einer „Ästhetik des Schmerzes“ 68 oder im Zusammenhang mit dem postmodernen fragmentierten Subjekt ist der Körper Gegenstand medienwissenschaftlicher, soziologischer, philosophischer und literaturwissenschaftlicher Untersuchungen. 69
62 List, Elisabeth: Vom Enigma des Leibes zum Simulakrum der Maschine. Das Verschwinden des Lebendigen aus der telematischen Kultur. In: List, Elisabeth; Fiala, Erwin (Hrsg.): Leib Maschine Bild. Körperdiskurse der Moderne und Postmoderne. Passagen Verlag, Wien 1997, S.121-137, S. 132.
63 Kamper, Dietmar; Wulf, Christoph: Lektüre einer Narbenschrift. Der menschliche Körper als Gegenstand und Gedächtnis von historischer Gewalt. In: Kamper, Dietmar; Wulf, Christoph (Hrsg.): Transfigurationen des Körpers. Spuren der Gewalt in der Geschichte. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1989, S. 1-7, S. 2.
64 Gelbin, Cathy S.: Plath, Hitchcock und die Metaphorik der Shoah. Zur Meditation von Geschichte und Identität in der Kunst Tanya Urys. In: Gilman, Sander L.; Steinecke, Hartmut (Hrsg.): Deutsch-Jüdische Literatur der Neunziger Jahre. Die Generation nach der Shoah. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2002, S.118-130, S. 118.
65 Vgl. List, Elisabeth: Einleitung. In: List; Fiala (Hrsg.), 11-16, S. 11 und Gelbin, S. 118.
66 Siehe hierzu: Fischer-Lichte, Erika: Ästhetik des Performativen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004.
Und speziell zum Thema Körper: Fischer-Lichte, Erika; Fleig, Anne (Hrsg.): Körperinszenierungen. Präsenz und kultureller Wandel. Attempo, Tübingen 2000.
Außerdem: Fischer-Lichte, Erika; Horn, Christian; Warstat, Matthias: Verkörperung. Theatralität Band 2. Francke, Tübingen 2001.
67 Fischer-Lichte: Verkörperung/ Embodiment. Zum Wandel einer alten theaterwissenschaftlichen in eine neue kulturwissenschaftliche Kategorie, In: Fischer-Lichte (und andere): Verkörperung, S. 11-25, S. 20.
68 Katschnig-Fasch, Elisabeth: Die Magie der Bilder: Kulturelle Veränderungen durch die Wiederkehr des Körpers. In: List; Fiala (Hrsg.), S. 103-120, S. 112.
69 An dieser Stelle sei auf die Untersuchungen von Claudia Benthien zum Thema Haut und Körper teile verwiesen: Benthien, Claudia: Haut. Literaturgeschichte - Körperbilder - Grenzdiskurse. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1999. Und: Benthien, Claudia; Wulf, Christoph (Hrsg.): Körperteile. Eine kulturelle Anatomie. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2001.
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Im Folgenden wird es nicht möglich sein eine vollständige Geschichte des Körpers zu rekonstruieren. Da er als anthropologische Grundbedingung, als „menschliches Primat“ 70 seit dem Bestehen der Menschheit im Bewusstsein ist, würde eine Geschichte des Körpers gleichzeitig eine Abhandlung über die Genese der Menschheit bedeuten. Stattdessen soll mit Descartes am Umbruch zur Neuzeit angesetzt und auf einige wichtige „Meilensteine“, die in diesem Zusammenhang als relevant gelten, verwiesen werden. Die aktuellen Problemstellungen im Anschluss sollen in eine theoretische Konsolidierung der eingangs formulierten These vom Nebeneinander gegensätzlicher Diagnosen zum Körper münden.
2.2. Von der Trennung zur Unterdrückung
Wenn von einem „Verschwinden“ oder einer „Entkörperung“ die Rede ist, setzt das eine Trennung von Geist und Körper voraus. 71 Der Ursprung der modernen Subjektphilosophie geht auf den französischen Philosophen René Descartes (1596-1650) zurück, welcher mit der Trennung von Geist und Materie als einer der ersten Verfechter dieses Dualismus gilt. 72 Das „Je pense, donc je suis“ hat zur Folge, dass der Geist sich fortan als über die Natur herrschend betrachtet. Den Körper denkt Descartes als Maschine 73 und nimmt damit die Entwicklung der Verobjektivierung und technischen Verfügbarkeit desselben vorweg.
70 Scheitler, Irmgard: Körpersprache. In: Scheitler, Irmgard: Deutschsprachige Gegenwartsprosa seit 1970. Francke, Tübingen und Basel 2001, S. 271-288, S. 272.
71 Siehe hierzu auch: Bast, Helmut: Der Körper als Maschine. Das Verhältnis von Descartes' Methode zu seinem Begriff des Körpers. In: List; Fiala (Hrsg.), S. 19-29, S. 19.
72 Die Grundlage für das Postulat bildet allerdings die im Abendland dominierende Vorstellung des Leib-Seele-Dualismus, an die Descartes anschließt. Diese Trennung lässt sich mit Platons „Phaidon“ bis in die Antike zurückverfolgen und wurde von der christlichen Lehre adaptiert und fortgesetzt. Siehe hierzu unter anderem: Platon: Phaidon. Reclam, Stuttgart 1987.
73 Siehe hierzu: „René Descartes“ bei Wikipedia. http://de.wikipedia.org/wiki/Ren%C3%A9_Descartes (Stand vom 07.12.2007).
Anmerkung: Im Rahmen dieser Arbeit habe ich mich dazu entschieden an einigen Stellen aus der Online-Enzyklopädie Wikipedia zu zitieren. Dabei ist mir bewusst, dass diese Präsentationsform von Fachwissen von akademischer Seite zum Teil umstritten ist. Jedoch glaube ich, dass Qualitätsmanagment auch öffentlich erfolgen und funktionieren kann. Zudem halte ich Wikipedia als Möglichkeit der gemeinschaftlichen Generierung von Wissen und dessen freier Nutzung für unterstützenswert. Siehe hierzu auch: „Wikipedia - Offene Inhalte im kollaborativen Paradigma“ von Rainer Kuhlen aus dem Jahr 2005 von der Universität Konstanz aus dem Fachbereich Informationswissenschaft.
http://www.inf-wiss.uni-konstanz.de/People/RK/publikationen.html (Stand vom 18.01.2008).
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Die Philosophie von Friedrich Nietzsche (1844-1900) kann als Demarkationslinie für eine „Wiederkehr“ gesehen werden. 74 Für ihn ist der Körper in Abgrenzung zur christlich-moralischen Verurteilung nunmehr Zugang und Leitfaden zur Welt. Der von ihm proklamierte „Tod Gottes“ geht mit dem „Tod des Subjektes“ einher .
Christoph Wulf meint, dass sich die Vorstellung des menschlichen an der Vorstellung eines „göttlichen“ Körpers orientiert habe. Nach dem Wegfall dieser „Komplementaritätsfolie“ 75 konzentriere man sich auf das Diesseits, reduziere den menschlichen Körper einerseits auf biologische Prozesse, um damit auf der anderen Seite „metaphysische Wünsche“, z.B. in Form von Lebensverlängerung in Richtung Unsterblichkeit, umzusetzen. 76
Der deutsche Philosoph Helmut Plessner (1892-1985), einer der Hauptbegründer der philosophischen Anthropologie, distanziert sich von einem mechanistischen Kartesianismus. Statt einer Verabsolutierung des einen oder anderen Primats versteht er Körper und Geist als ineinander verwoben. In diesem Kontext spricht er von der „paradoxen Grundverfasstheit“ 77 des Menschen. Letzterer existiere im Austausch mit der Umwelt in einem Verhältnis zu sich selbst als Leib und als Körper. Demnach hat der Mensch nicht nur einen Körper, sondern ist zugleich auch Leib. 78
Die Kategorie „Leib“ ist auch in der Philosophie des französischen Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty (1908-1961) eine leitende. Der „Leib“ wird als die vermittelnde Instanz zwischen Körper und Geist betrachtet und ist in dieser Hinsicht so fundamental, dass seine Gegenwart als „unhintergehbares Faktum“ 79 zu werten sei. Eine vollständige Objektivation der Welt müsse demnach misslingen. 80
74 Bei Irmgard Scheitler gehen die „Gewährsleute“ für die Wiederentdeckung des Körpers, mit Namen Foucault, Lacan, Butler und schließlich Kamper und Wulf, alle auf Nietzsche zurück. Vgl. Scheitler, S. 271.
Angelika Corbineau-Hoffmann und Pascal Nicklas meinen, dass das Philosophieren durch Nietzsche auf eine „andere, körperliche Basis gestellt“ worden sei.
Vgl. Corbineau-Hoffmann, Angelika; Nicklas, Pascal: Die Sprache des Körpers. Ausdrucksformen der Leiblichkeit in Wissenschaft und Kunst. In: Corbineau-Hoffmann, Angelika; Nicklas, Pascal (Hrsg.): Körper-Sprache: Ausdrucksformen der Leiblichkeit in Kunst und Wissenschaft. Echo. Literaturwissenschaft im interdisziplinären Dialog. Bd.1. Georg-Olms-Verlag, Hildesheim 2002, S. 7-31, S. 21.
75 Wulf, Christoph: Der Körper der Götter. In: Kamper, Dietmar; Wulf, Christoph (Hrsg.): Transfigurationen des Körpers. Spuren der Gewalt in der Geschichte. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1989, S. 11-22, S. 18.
76 Vgl. Wulf: Der Körper der Götter, S. 19.
77 „Helmuth Plessner“ bei Wikipedia. http://de.wikipedia.org/wiki/Helmuth_Plessner (Stand vom 11.12.2007).
78 Vgl. Herzog, Cordula: Der Mensch zwischen Distanz und Ausdruck. Zur Bedeutung der Leiblichkeit in der philosophischen Anthropologie Helmuth Plessners. In: List; Fiala (Hrsg.), S. 61-73, S. 66.
79 Mörth, Eveline: Der Leib als Subjekt der Wahrnehmung. Zur Philosophie der Leiblichkeit bei Merleau-Ponty. In: List; Fiala (Hrsg.), S. 75-87, S. 84.
80 Vgl. Mörth, S. 84.
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Mit Plessner und Merleau-Ponty wird das vormals Getrennte, die Dichotomie von Geist und Materie, wieder als untrennbare Einheit verstanden. Der Körper fungiert insofern als Schnittstelle zwischen Immanenz und Transzendenz. 81 An dieser Stelle zeichnet sich gleichzeitig eine Entwicklung zum postmodernen Subjekt ab, bei dem der Körper, im Gegensatz zur kartesianischen Vorstellung, als integraler Bestandteil von Identität gilt. 82 Angelika Corbineau-Hoffmann versteht die Geschichte des Abendlandes als Geschichte der Zurückdrängung und Tabuisierung des Körpers. Dies belegen für sie die Zivilisationskritik von Norbert Elias, die Überlegungen zur Kulturisation von Sigmund Freud und schließlich die Diskurstheorie von Michel Foucault. 83
Norbert Elias (1897-1990) gilt als einer der einflussreichsten Soziologen des 20. Jahrhunderts. Die Frage nach dem Leib-Seele-Dualismus beschäftigte ihn ein Leben lang. In seinem zweibändigen Hauptwerk „Über den Prozeß der Zivilisationen“ (1939) versteht er den Körper im Zuge von Rationalisierungsprozessen als Objekt. Der Leib-Seele-Dualismus kann somit als Voraussetzung für die Individualisierung gelten. 84 Die Geschichte des Abendlandes ist nach Elias vor allem durch Aufschub bzw. Verzicht der Triebe geprägt. 85 Gesellschaftliche Strukturen hätten sich immer weiter in den Körper der Individuen hineingearbeitet und aus Fremdzwängen wären zunehmend Eigenzwänge geworden. 86 Affekte, Emotionen und Bedürfnisse würden im Laufe der Entwicklung nach Innen wandern und in der Folge entstünden Unterdrückung, Abspaltung und Entfremdung. 87 Die These von der Unterdrückung, in diesem Falle der Sexualität, die auch bei ihm als Voraussetzung zur „Sublimation“ und zur Entstehung von Kultur gesehen werden kann, stammt ursprünglich vom Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud (1856-1939). In seinem Werk „Das Unbehagen in der Kultur“ (1930) betrachtet er Technik als Verlängerung des Körpers. 88
Der französische Philosoph und Medienkritiker Paul Virilio (*1932) erweitert in „Die Eroberung des Körpers. Vom Übermenschen zum überreizten Menschen“ Freuds Idee und betrachtet die Technik nicht mehr als außerhalb des Körpers befindlich, sondern spricht
81 Siehe hierzu: Corbineau-Hoffmann; Nicklas: Die Sprache des Körpers, S. 23.
82 Siehe hierzu: Eagleton, Terry: Die Illusion der Postmoderne. Ein Essay. Metzler, Stuttgart 1997, S. 92.
83 Corbineau-Hoffmann; Nicklas: Die Sprache des Körpers, S. 8.
84 Vgl. Kuzmics, Helmut: Individualisierung und Körpererfahrung in der Zivilisationstheorie von Norbert Elias. Die Entwicklung bürgerlicher Rationalität in der frühen Marktgesellschaft am Beispiel von D. Defoes „Moll Flanders“. In: List; Fiala (Hrsg.), S. 31-48, S. 32.
85 Vgl. Rittner, Volker: Affekte, Selbstkontrolle und Langsicht. Norbert Elias: Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. In: Kamper, Dietmar; Rittner, Volker (Hrsg.): Zur Geschichte des Körpers. Perspektiven der Anthropologie. Carl Hanser Verlag, München - Wien 1997, S. 204-207, S. 204.
86 Vgl. Rittner, S. 205.
87 Vgl. Kuzmics, S. 32.
88 Zitiert nach Corbineau-Hoffmann; Nicklas: Die Sprache des Körpers, S. 8f.
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vielmehr von „Kolonisation“, „Eindringen“ und der „Besetzung des menschlichen Körpers durch die Prothesen-Technologie“ 89 . Die „große Gesundheit“ sei nach diesem Wandel kein reibungsloses Zusammenarbeiten der Organe mehr, sondern eine Perspektive, ein Horizont, den es zu erreichen gelte. 90 Diese Vorstellung Virilios korreliert mit der von Christoph Wulf konstatierten Projektion von metaphysischen Wünschen auf den menschlichen Körper.
In der „Wille zum Wissen“, dem ersten Band der Reihe „Sexualität und Wahrheit“, untersucht der französische Philosoph Michel Foucault (1926-1984), wie sich die Machtdispositive an den Körper schalten. Insofern versteht er den Menschen nicht mehr als „homo cogitans“, sondern als „manipulierte Körperlichkeit“ 91 . Dieser Prozess dürfe nicht als bloßer Vorgang der Unterdrückung im Sinne einer negativen Form von Macht gedacht, sondern müsse als positiv generierend verstanden werden. 92 Insofern wendet sich Foucault gegen die dualistische „Repressionsthese“, vermag sich aber in seiner Machttheorie letztendlich nicht davon zu lösen. Die von Foucault konstatierte diskursive Ordnung von Macht unterdrücke nach Hinrich Fink-Eitel die prädiskursiv-anarchische Welt „der Körper und der Lüste“ 93 .
Im Anschluss an Foucault sei auch auf die radikale Konstruktivistin Judith Butler (*1956) verwiesen, die in ihren Arbeiten von einem natürlich gegebenen Geschlecht absieht und stattdessen von einer kulturellen und performativen Generierung desselben ausgeht. 94 Auch Dietmar Kamper und Christoph Wulf sind der Meinung, dass es den „natürlichen Körper“ weder gäbe, noch jemals gegeben hätte. 95 Mit ihrer Arbeit beleuchten sie das enge Wechselverhältnis von Natur und Kultur und stellen bspw. neben dem generierten, „sexuellen Körper“ auch den „Arbeitskörper“ heraus. Der Körper fungiere als Ort der gesellschaftlichen Einschreibung. 96 Auf diese Weise könne Körpererfahrung als dynamischer Prozess und Körperverständnis als stets mehrdeutig und kontinuierlich im Wandel begriffen verstanden werden. 97
89 Virilio, Paul: Die Eroberung des Körpers. Vom Übermenschen zum überreizten Menschen. Carl Hanser, München 1994, S. 125f.
90 Vgl. Virilio, S. 137.
91 Zima, Peter V.: Das literarische Subjekt. Zwischen Spätmoderne und Postmoderne. Francke, Tübingen 2001, S. 230.
92 Vgl. Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit. Erster Band. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983.
93 Vgl. Fink-Eitel, Hinrich: Michel Foucault. Zur Einführung. Junius, Hamburg 1992, S. 94.
94 Siehe hierzu: „Das Unbehagen der Geschlechter“ (1992) und „Körper von Gewicht“ (1997).
95 Vgl. Kamper; Wulf: Lektüre einer Narbenschrift, S. 2.
96 Vgl. Kamper; Wulf: Lektüre einer Narbenschrift, S. 2.
Eine beispielhafte Untersuchung zu diesem Thema hat Cathy Gelbin in Bezug auf die Kunst Tanya Urys vorgelegt. Die Künstlerin präsentiere demnach ihren Körper als Medium der historischen Erfahrung und würde dabei besonders auf die Verletzung des weiblichen Körpers als zentrale Metapher für die Opfer der Shoah verweisen. Vgl. Gelbin.
97 Vgl. Seifert, Anja: Leitmotive im 20. Jahrhundert: Körper, Maschine und Tod. Zur symbolischen
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2.3. Widersprüche der Gegenwart
Auf die gegenwärtigen Tendenzen des Körperdiskurses wurde bereits verwiesen. Die einen sprechen von der Wiederkehr, der Aufladung und Aufwertung des Körpers, die anderen von seiner Verdrängung, dem Verschwinden und der Marginalisierung. Wulf und Kamper stellen im Zusammenhang mit der „Parabel der Wiederkehr“ die Frage, ob es sich dabei um eine erfolgreiche Blockade des Zivilisationsprozesses handelt, die neue Möglichkeiten der Körpererfahrung eröffnet oder ob die Rückkehr des Körpers nur eine kurze Pause vor dessen endgültiger Eliminierung darstellt. 98 Beide unterscheiden in dieser Hinsicht ein optimistisches von einem eher pessimistischen Körperverständnis: Die Optimisten würden ihn als Garanten für Individualität und als Möglichkeit zur authentischen Expression betrachten, die Pessimisten verstünden ihn als Objekt gesellschaftlicher Kontrolle und Disziplinierung. 99 Elisabeth Katschnig-Fasch spricht von einem Kulturwandel, von einem neuen Verhältnis zur eigenen Leiblichkeit und einer neuen Wahrnehmung und Inszenierung des eigenen Selbst. Das „neue Körperbewusstsein“ sei nach Katschnig-Fasch nicht nur eine Beschäftigung mit der ästhetischen Oberfläche in seiner Funktion als Zeichenträger, wie in den achtziger Jahren, sondern im und am Körper würden auch Werte, Ethik und Visionen ver-handelt werden. Neben der Beseitigung aller Makel mithilfe von Technik gäbe es parallel eine Körperkultur des Schmerzes, bspw. in Form von Tattoos und Piercings, die eben jene Verletzbarkeit inszeniere. 100
Die Vorstellung vom Körper als möglichen Austragungsort für kulturelle Gegenbewegungen, findet sich auch bei Angelika Corbineau-Hoffmann und Pascal Nicklas, wenn sie konstatieren, dass er mit seiner „Realpräsenz“ eine Gegenmacht zu der medialen Bilderflut bilde. 101 Nach dem Verlust von Transzendenz sei es zwingender, dem Körper Bedeutung zu verleihen. 102 Insofern kann von „Aufladung“ gesprochen werden.
Artikulation in Kunst und Jugendkultur. Dissertation, Duisburg-Essen 2002, S. 22. http://deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=965604624 (Stand vom 11.12.2007).
98 Kamper, Dietmar; Wulf, Christoph: Die Parabel der Wiederkehr. Zur Einführung. In: Kamper, Dietmar; Wulf, Christoph: Die Wiederkehr des Körpers. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1982, S. 9-21, S. 9.
99 Vgl. Kamper; Wulf: Lektüre einer Narbenschrift, S. 2.
100 Katschnig-Fasch, S. 110.
101 Corbineau-Hoffmann; Nicklas: Die Sprache des Körpers, S. 10.
102 Corbineau-Hoffmann; Nicklas: Die Sprache des Körpers, S. 10.
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Terry Eagleton zufolge kann der Körper insofern auch als Konsequenz der postmodernen Skepsis gegenüber den Metaerzählungen gesehen und auf eine Bevorzugung des Konkreten durch den Pragmatismus zurückgeführt werden. 103 Eine Akzentverschiebung vom Wissen zur Erfahrung, vom Abstrakten zur Sinnlichkeit kompensiere den Verlust von Unmittelbarkeit. 104 Körper wird so zum „Fluchtpunkt“ 105 und zur „kontrollierbaren Realität“ 106 .
Auch Peter V. Zima spricht von einer Reduktion des kulturellen Subjektes auf das „Natürlich-Animalische“ und deutet dies als Reflex auf die postmoderne Fragmentierung des Subjektes. 107 Problematisch ist hierbei, dass die Fragmentierung auch den Körper betrifft 108 , dass Kategorien wie „Natur“, „Ursprünglichkeit“ und „Authentizität“ fragwürdig geworden sind 109 und sich bspw. mit der von Elisabeth Katschnig-Fasch konstatierten „Mach- und Gestaltbarkeit“ 110 auflösen.
Dem Postulat einer Wiederkehr des Körpers und seiner damit verbundenen „Aufladung“ steht das der Körper- und Subjektauflösung gegenüber. Letzteres habe nach Seifert die Theoriedebatten der letzten Jahrzehnte maßgeblich bestimmt. 111 Das Verschwinden des Körpers wird zum einen auf die neuen Medien zurückgeführt, die ihn zu digitalen Codes „entmaterialisieren“ würden und zum anderen auf die Medizin, die seine Selbstregulierungsprozesse substituiere und ihn mittels Implantationen mit der Welt des Künstlichen überschneide. 112
Nach Bernhard Vief emanzipiere sich die Nachrichtenübermittlung mit dem Aufkommen der Elektronik zunehmend von der Materie und würde zu reiner Energie. 113 Wenn nur noch die Information und nicht mehr der Körper zur Übermittlung bewegt werden müsse, führe die zunehmende Geschwindigkeit zu einer Lähmung und Erstarrung des Körpers,
103 Vgl. Eagleton, S. 93.
104 Vgl. Eagleton, S. 93.
105 Bette, Karl-Heinrich: Körperspuren. Zur Semantik und Paradoxie moderner Körperlichkeit. Walter de Gruyter. Berlin 1989, S. 31.
106 Bette, S. 31.
107 Zima: Das literarische Subjekt, S. 228.
108 Hierzu: Wenner, Stefanie: Ganzer oder zerstückelter Körper. Über die Reversibilität von Körperbildern. In: Benthien; Wulf (Hrsg.), S. 361-380.
109 In diesem Zusammenhang sei noch einmal auf die Judith Butler und ihre Annahme einer gänzlich verdiskursivierten Wahrnehmung von Materialität verwiesen und gleichermaßen auf das Postulat von Kamper und Wulf, dass es „den“ natürlichen Körper nie gegeben habe, sondern stets nur Bilder und Figurationen von diesem.
110 Katschnig-Fasch, S. 112f.
111 Vgl. Seifert, S. 15.
112 Vgl. Bast, S. 19.
113 Er beruft sich bei dieser Veränderung des „Aggregatzustandes“ auf Albert Einstein. Vgl. Vief, Bernhard: Vom Bild zum Bit. Das technische Auge und sein Körper. In: Kamper; Wulf (Hrsg.): Transfigurationen des Körpers, S. 265-292, S. 269.
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Arbeit zitieren:
M.A. Elisa Hempel, 2008, Körper in der Popliteratur am Beispiel von Christian Krachts "Faserland", Sibylle Bergs "Amerika" und Kai Damkowskis "angst sucht hase", München, GRIN Verlag GmbH
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