Das Verbot, das den Diskurs trifft, fundiert nicht in direkten und ausgesprochenen Gesetzen. Es ist vielmehr vorbewusst allgemein akzeptiert und sozial verankert. Es ist internalisiert. Für die Analyse von Texten bedeutet das, dass der Autor des Textes immer an die diskursiven Verbote seiner Gegenwart gebunden ist. Diese diskursive Befangenheit zu erkennen, ist allerdings ausschließlich im historischen Rückblick möglich. 8 Das Verbot bzw. das Tabu lässt sich im besonders deutlich in der Rede über Sexualität beobachten. Der Diskurs kontrolliert und selektiert die Aussagen über die Darstellung des Sexuellen. In Theodor Fontanes Roman „Irrungen und Wirrungen“ verschwindet der sexuelle Akt zwischen den Protagonisten Botho und Lene sogar zwischen einem Kapitelübergang. Der letzte Satz des zwölften Kapitels lautet: „Und sie schmiegte sich an ihn und blickte, während sie die Augen schloss, mit einem Ausdruck höchsten Glückes zu ihm auf.“ 9 Das Erzählen im nächsten Kapitel setzt erst wieder am nächsten Tag ein. Einerseits durch das Schließen der Augen Lenes und andererseits durch den Zeitsprung und die dadurch entstandene Lücke wird das Sexuelle „übersehen“ und zwischen den Kapiteln versteckt. Weiter bewahrt das Augenschließen Lenes und die damit verbundene Verschiebung des Sinnlich-Sexuellen ins Dunkel sie vor dem Ruf eines „leichten Mädchens“. Darin spiegelt sich das Tabu des sexuellen Diskurses im 19. Jahrhunderts im Text Fontanes wieder. Auch die Reise des Paares von der Stadt in die Natur, um alleine zu sein, ist als eine Flucht vor der „Diskriminierung des außerehelichen Geschlechtsverkehrs“ 10 zu verstehen. 11
Die Ausschließungsprozedur der Entgegensetzung von Vernunft und Wahnsinn lässt sich auf die Kennzeichnung der Opposition „vernünftig“ und „unvernünftig“, beziehungsweise „natürlich“ und „unnatürlich“ und in einigen Fällen auf „wahr“ und „falsch“ übertragen. Dabei ist vor allem die Verschiebung der Grenzziehung zwischen den beiden Oppositionen, die sich durchaus ändern kann, da sie nach Foucault „geschichtlich konstituiert“ 12 sind, für die literarische Analyse interessant. Angewendet auf den Roman Fontanes, lässt sich eine derartige Opposition im Sprachstil der Akteure nachweisen. Das einfache Sprechen der Lene gilt - im Gegensatz zu den Konversationen der höheren Schichten, die als „unnatürlich“ dargestellt werden - als „natürlich“. 13 Dazu schreibt Kafitz folgendes:
8 Vgl. Kafitz, Dieter: Literaturtheorien in der textanalytischen Praxis. S. 90.
9 Fontane, Theodor: Irrungen, Wirrungen. In: Walter Keitel (Hrsg.): Theodor Fontane. Sämtliche Werke. Band 2. Darmstadt 1962. S. 319 - 475. S. 387.
10 Kafitz, Dieter: Literaturtheorien in der textanalytischen Praxis. S. 91.
11 Vgl. Ebd. S. 90f.
12 Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses. S. 14.
13 Vgl. Kafitz, Dieter: Literaturtheorien in der textanalytischen Praxis. S. 94f.
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„Eine solche Einschätzung ergibt sich aufgrund der Ausschließungsmechanismen einer im 19. Jahrhundert als Diskurs fungierende Oppositionsstruktur, die festlegt, was als „natürlich“ zu gelten hat, und damit ältere Praktiken wie die höfische Konversation des 17./18. Jahrhunderts als „unnatürlich“ abqualifiziert.“ 14
Angenommen man analysiert daraufhin einen Text aus dem 17. oder 18. Jahrhundert, würden sich die Oppositionen verschieben, wenn nicht sogar vertauschen. Weiter können sich zwischen den einzelnen Ausschließungsprozeduren des Verbots (Tabus) und den Grenzziehungen durch Opposition durchaus Überschneidungen ergeben. 15 So erweist sich das sexuell Tabuisierte gleichzeitig auch als „unnatürlich“ und „falsch“. Im Gegensatz zu den externen Verknappungsprozeduren beziehen sich die internen Ausschließungsmechanismen nicht auf den Text als diskursive Aussage, sondern ermöglichen vielmehr eine kritische Reflexion der Perspektive des Interpreten und damit der Textinterpretation. 16
Der Kommentar ist eine dieser Ordnungsfunktionen, der die Zufälligkeit des Diskurses verhindert. Ausgehend von der Grundprämisse der Hermeneutik, dass in jedem Text ein tieferer Sinn verborgen ist, kann die Textinterpretation als Kommentar nichts Neues hervorbringen, sondern immer nur etwas, das eigentlich vorher schon gesagt wurde. Die Interpretation ist ausschließlich Wiederholung des bereits im Primärtext implizit Gesagten. 17
„[D]er Kommentar [hat], welche Methoden er auch anwenden mag, nur die Aufgabe, das schließlich zu sagen, was dort schon verschwiegen artikuliert war. Er muß […] zum ersten Mal das sagen was doch schon gesagt worden ist, und muss unablässig das wiederholen, was eigentlich niemals gesagt worden ist.“ 18
Neben dem Kommentar fungiert auch der Autor als diskursives Prinzip. Foucault meint hier nicht den Autor als sprechendes oder schreibendes Individuum, sondern als „Prinzip der Gruppierung von Diskursen, als Einheit und Ursprung ihrer Bedeutungen, als Mittelpunkt ihres Zusammenhalts“ 19 . Die Rolle des Autors ist im Rahmen der Diskursanalyse 20 damit eine andere als die, die ihm durch die konventionelle Vorstellung des Autors zukommt. Nicht als
14 Ebd. S. 95.
15 Vgl. Ebd. S. 95.
16 Vgl. Ebd. S. 95.
17 Vgl. Ebd. S. 96.
18 Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses. S. 19.
19 Ebd. S. 20.
20 Die Trennung zwischen Autor und Erzähler wird hier vermieden. Inwieweit eine Unterscheidung innerhalb der Diskursanalyse überhaupt sinnvoll ist, kann hier nicht diskutiert werden.
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Arbeit zitieren:
Frank Mages, 2008, Diskursanalyse - Ein Versuch, München, GRIN Verlag GmbH
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