1. Zentrale Fragestellung
Ist Korporatismus ist im Vergleich zu Pluralismus die politisch effektivere Organisationsform?
2. Geschichte des Korporatismus
- Der Korporatismus sieht sein Ideal, ein harmonisches Zusammenwirken aller organisierten gesellschaftlichen Kräfte, im mittelalterlichen Ständestaat verwirklicht.
- Der Faschismus diskreditierte den Begriff nachhaltig.
- In den 70er Jahren findet der Begriff als Neokorporatismus, der „die Formierung und Inkorporierung gesellschaftlicher Großgruppen und Interessenträger mit staatlicher Politik in liberal-demokratischen und kapitalistischen Industriestaaten” (von Alemann) bezeichnet, erneut Verwendung. Praktisches Beispiel für diesen neuen Korporatismus ist die „Konzertierte Aktion”.
3. Korporatismus
- Korporatismus bezeichnet die unterschiedlichen Formen der Beteiligung gesellschaftlicher Interessengruppen an politischen Entscheidungsprozessen – sowohl bei der Formulierung politischer Ziele und den Entscheidungen darüber als auch bei der Erfüllung staatlicher Aufgaben und Leistungen (z.B. „Konzertierte Aktion“).
- Die Arrangements werden zwischen Staat, Gewerkschaften und Unternehmerverbänden geschlossen.
Der Verbändebegriff in der Pluralismustheorie akzentuiert die Autonomie der Gruppen und ihren Einfluss auf Regierungsentscheidungen. Pluralistische „pressure groups“ sind souveräne, nur an die speziellen Interessen ihrer freiwilligen Mitglieder gebundene Handlungseinheiten. In der Realität sieht es meist so aus, dass Interessenverbände in weitläufige Beratungs- und Entscheidungsnetzwerke eingebunden sind, die oft von Regierungen geschaffen wurden oder von ihrer Unterstützung abhängen. D.h., dass erfolgreiche staatliche Einflussnahmen nicht mehr über „Hierarchie“ stattfinden. Die alleinige Teilhabe des Zentralstaates oder der Landesregierungen entwickelt sich hin zu einer Beteiligung kommunaler und regionaler Institutionen etc.
Pluralismus ist nämlich nichts anderes als eine implizite, wechselseitige Anpassung der Kontrahenten, also „negative Koordination“. Korporatismus dagegen setzt direkte Verhandlungen,
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also aktive Konsensmobilisierung, zwischen den Kontrahenten voraus. Dabei geht es nicht nur um
wechselseitige Rücksichtnahme, sondern um die Verwirklichung übergeordneter Ziele, für die sich
ein allgemeines, gleichwohl unterschiedlich ausgeprägtes Interesse der Beteiligten reklamieren
lässt. Damit verbunden ist die Förderung kooperativer Orientierungen und gemeinschaftliches
Handeln, die das pluralistische Kräftemessen gerade nicht voraussetzt.
4. Korporatismus versus Pluralismus
Korporatismus Pluralismus
• begrenzte Anzahl • Vielfalt Merkmale der
Verbände
• Mitgliedschaftszwang • Freiwilligkeit
• nichtkompetitiv • kompetitiv
• hierarchisch geordnet • nichthierarchisch
• funktional differenziert • fließende Grenzen und
• staatliche Anerkennung • keinerlei staatliche Begünstigung Merkmale der
Staat-Verbände-
• Repräsentationsmonopol im Austausch • keine staatliche Intervention in
Beziehungen
gegen Kontrolle der verbandlichen
Führungsauslese und Interessen-
artikulation
Schmitters (1974: 97) Idealtypus in der Übersicht (Czada 1994: S. 45)
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5. Spezifische Theorien zur Korporatismusdebatte
5.1. Schmitter (siehe ebenso 4. Korporatismus versus Pluralismus)
betont die strukturellen Elemente und charakterisiert Korporatismus:
1) Beteiligung einer begrenzten Anzahl von Verbänden an politischen Entscheidungen
2) interne hierarchische Strukturierung der Verbände
3) Zwangsmitgliedschaft
4) funktionale Differenzierung der Verbände
5) nicht kompetitives Verhalten gegenüber anderen Verbänden
6) staatliche Anerkennung
7) Ausstattung mit einem Repräsentationsmonopol im Austausch für die Kontrolle der verband- lichen Führungsauslese und Interessenartikulation (vgl. Nohlen 2001: S. 266)
Kritik des Konzeptes
Zwar betonen Schmitter und Crawson den gleichgerichteten Zusammenhang der Merkmale des korporatistischen Idealtyps: kleine Zahl, hierarchischer Aufbau, nichtkompetitive Beziehungen, funktionale Differenzierung der Verbände etc. Tatsächlich aber sind dies voneinander unabhängige Dimensionen der Interessenvermittlungsstruktur, die nicht unbedingt kovariieren. Wie diese Zusammenhänge in der Wirklichkeit aussehen, hängt in erster Linie von den Regierungs- und Verwaltungssystemen ab, auf die sich Interessenpolitik richtet. Verbände werden sich zu Dachverbänden zusammenschließen, wenn sie dadurch ihren Zugang zur Politik verbessern können. Ihre Organisations- und Wettbewerbsbedingungen sind durch staatliche Organisation und Gegenverbände beeinflusst.
Lehmbruch weißt darauf hin, dass hierarchische Organisationsstrukturen neokorporatistische Arrangements in dem Maß gefährden, in dem sie die zu ihrer Stabilität notwendige innerverbandliche Legitimation schmälern. Das von Schmitter betonte Element der Zwangsmitgliedschaft würde dieses Problem auch dann nicht lösen, wenn korporatistische Strukturen sich durch materielle Vorteile rechtfertigen könnten: auch diese, etwa Arbeitsplatz- sicherheit oder gewerkschaftliche Mitbestimmung auf Gewerkschaftsseite, müssen den Mitgliedern vermittelt werden. ... Hinzu kommt, dass die ... Beteiligung von Verbänden an der Ausführung korporatistisch ausgehandelter Politiken die Kooperation von Verbandsmitgliedern und Verband- apparaten zwingend erfordert. Eine hierarchische Organisationsstruktur ist insofern nicht nur Voraussetzung, sondern ebenso auch ein Handicap korporatistischer Verbändeeinbindung.
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Gero Birke, 2002, Korporatismus in der BRD - Von der Konzertierten Aktion zum Bündnis für Arbeit, Munich, GRIN Publishing GmbH
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