Inhaltsverzeichnis
Prolog 3
1. DasWasser 6
1.1 ElementderAmbiguität 6
1.1.1 VondenWasserndesLebens VondenWasserndesLebens
7
1.1.2 VondenWasserndesTodes VondenWasserndesTodes
10
1.2 DasElementpersonifizierterWeiblichkeit
14
1.3 SymbolderSeele 16
2. MythologischeUrsprünge 20
2.1 DieSirenen 20
2.2 VongöttlichenMischwesenunddämonisiertenFrauengestalten VongöttlichenMischwesenunddämonisiertenFrauengestalten
22
3. ÜberdieVielgestaltigkeitderWasserfrauen
27
3.1 WandelbareWasserfrau:
27
DieBedeutungderMetamorphosefürweiblicheWasserwesen
3.2 KonstruierteDoppelnatur:ExistenzzwischenFischleibundMenschenfrau
29
4. VomVerlustderStimme:DieerfolglosenSängerinnen VomVerlustderStimme:DieerfolglosenSängerinnen
31
5. SehnsuchtundSeele:EinfließendesIchaufderSuchenachIdentität
33
6. Undine odervonderKrafteinerNixenstimme
38
6.1 FriedrichdelaMotteHFouqué: Undine LiebeüberdenTodhinaus
38
6.1.1 Undine eineparacelsischeWassernymphe
38
6.1.2 VonderLiebederNaturundderSeeledesMenschen VonderLiebederNaturundderSeeledesMenschen
39
6.1.3 WederMenschenfraunochWasserwesen
42
6.1.4 LiebeüberdenTodhinaus
44
6.2 IngeborgBachmann: Undinegeht Liebesverrat:EinNixenmonolog IngeborgBachmann:„Undinegeht“,Liebesverrat:EinNixenmonolog
47
6.2.1 Undinegeht 47
6.2.2 MännermitNamenHans:ÜberdenIdentitätsverlust
49
6.2.3 Undinenliebe 52
6.2.4 VonSpracheundSprachlosigkeit VonSpracheundSprachlosigkeit
54
6.2.5 WeiblichkeitundTod:WasserexistenzjenseitsvonallemMenschlichen 56
6.3 VergleichendeBetrachtungen 58
Epilog 60
Bibliografie 61
2
Prolog
BisheutehatdiedurchausambivalenteGestaltdermythischenWasserfraunichtsanihrer Faszinationskraft eingebüßt. Mit regem Interesse verfolgen wir ihre Ursprünge in der Mythologie und in der Sagenwelt, bewundern sie als Ahnenfrau oder Männerfresserin, schöneSängerinodersprachlosleidendeSchöne.
MitdieserArbeitsolldiegeteilteFrau,inihrerSehnsuchtundErlösungsbedürftigkeitinden Vordergrund rücken, die uralte Geschichte um die Verbindung des Weiblichen mit dem Wasser und die Auswirkungen dieser Verbindungen auf Literatur, Kunst und Kultur. Das ewigesehnsüchtigeStreben,einerunbeseeltenelbischenNaturistprioritärfürdasheutige VerständniseinerweiblichenWassergestalt.DieBedeutungderSeelefürdasWeiblicheund insbesonderefürdieWasserfrausollinnerhalbmeinerAusführungenerörtertwerden.
DieLeidensfähigkeitderweiblichenWasserwesenscheintunendlich.
Ob sie Leiden bewirken oder selbst ertragen müssen, hängt stark von dem jeweiligen Kulturkreis und der Epoche, der sie entwachsen sind, ab. Doch immer wird man sie in VerbindungmitdemLeidsehen,demeigenenunddemfremden.
WasserfrauensindgeprägtvonderSuchenachIdentität.
Als Verkörperung liquider Dualität blieb ihnen diese (bis auf wenige Ausnahmen) oft verwehrt. Ihre Doppelnatur verdammte sie zu einer Existenz zwischen Menschenfrau und Fischleib, ein überirdisch lockender Leib, der viel versprach aber nur wenig Versprochenes einhaltenkonnte.
AlsunwirklicherBestandteilzweierWeltenerscheintmirdieWandlungsfähigkeitdernassen Schönheiten auf der Hand zu liegen. Ergründet man das feuchte Element, dem sie entstammensowirdnichtnurihrgeteilterLeib,sondernaucheinständigwankendesGemüt verständlich. Weshalb die Wandelbarkeit der Wasserfrauen ebenso Teil meiner Betrachtungenseinwird.
DenweiblichenMischwesenwirdvielnachgesagtundangehangen:
Gütiges, Verwunderliches, Abnormes, Monströses, Unbegreifliches, Göttliches und DämonH isches. Tatsächlich trifft beinahe alles auf sie zu: Sie sind göttlich und dämonisch gleichermaßen,dennistihreunbegreiflicheundgeteilteNaturnichtgeradedazuverdammt allesunddochnichtszusein?
ZuallenZeitenwusstemanvonWasserwesenzusprechen,derenNaturfastausschließlich weiblich war. Als Männerfantasie, ob gemalt oder schriftlich von Männern festgehalten, verwahrtdieschöneundunheimlicheWasserfrauauchheutenochdiegroßenGeheimnisse der Welt, hinH undH her gerissen zwischen den Elementen und Männern, Verführung und Verfluchung.
Sirenen, Nymphen, Najaden, Nereiden, Okeaniden, Wasserjungfern, Seejungfrauen, Brunnenmädchen, Nixen, Schwanenjungfern, Melusinen, Undinen, Rusalki, Meerminnen oder Meerjungfrauen; sie alle sind derselben liquiden Welt teilhaftig und streben danach ebendieserzuentkommen,verdammtdazuauchanderMenschenweltzuscheitern.
DieWasserfrauistdieFraudesZwiespaltes.
Einmal in der Menschenwelt angekommen kann sie auch in dieser nicht lange und ohne Einschränkungen verweilen. MenschenHund Wasserfrauenwelt weisen Grenzen auf, die selbst der Liebe gesetzt werden müssen. Oder gibt es eine grenzüberschreitende Liebe zwischenWasserfrauundMenschenmann?
Friedrich de la MotteHFouqués „Undine“ liebt über räumliche, zeitliche, geistigHundH seelische,jaselbstübernatürlicheGrenzenhinweg.SieverlässtihrElementundtauschtihre quirligHverspielte Art gegen eine Menschenseele und ein Leben mit Huldbrand. Doch schließlichmusssieinsWasserzurückkehren,HuldbrandsLiebesverratzwingtsiedazuund siehatkeineWahl.
IngeborgBachmannhatihrerUndinedieWahlgelassen.
AuchsiestehtaneinemScheideweg,dasSchicksalmitallihrenSchwesternteilend,hinHundH her gerissen zwischen zwei Welten. Auch sie wird gehen. Jedoch nicht wie Hans Christian Andersens „Kleine Seejungfrau“, die ihrem Menschenprinzen als sprachloses, um Erlösung
flehendesOpfer,entgegentaumelt.DieseUndinewirderhobenHauptesgehenundsiewird
AnklageerhebenmitdergefürchtetenStimmederWasserfrauen.
1. DasWasser
1.1 ElementderAmbiguität
„DasPrinzipallerDingeistdasWasser,denninsWasserkehrtalleszurück.“ 1
(ThalesvonMilet,BegründerderabendländischenPhilosophie,um625v.Chr.)
BeinahejedealteKulturundebensojedemythischeSchöpfungsdarstellungstelltdasWasser alsdenUrsprungderWeltunddenQuellallenLebensdar.DerNaturvorgangderSchöpfung als eine überhöhte göttliche Manifestation des Wassers, erzählt von der Erschaffung des Kosmos. 2
Das Leben ist abhängig von Wasser, das Wissen um diese Abhängigkeit ist uralte Menschheitserfahrung.AusdiesenuraltenMenschheitserfahrungenresultierenfastebenso alte Mythen. Der Mythos bot dem Menschen die Klärung existenzieller Fragen und Zusammenhänge.WasserwarundistUrstoffundavanciertevomeinstigbloßfunktionalen BildzumSymbolwert.EsbeinhaltetLebenundTodgleichermaßen,esschenktundnimmt, erschafft und zerstört. Kaum ein Symbol weist eine so zentrale, vielschichtige und dabei komplexeBedeutungaufwiedasWasser.
Wasser ist ein Archetypus. Und die menschliche Kultur entwickelte sich in ständiger Auseinandersetzung mit diesem ältesten dynamischen Archetyp. 3 Die duale Fähigkeit des
Wassers,LebenzuzeugenundLebenzuzerstörenistnichtnurimMythos,sondernauchim LegendenHundHSagenbereichsowieinFabelnundMärchenfestverankert.DieswirdinForm desLebensHundHTodeswassersüberdeutlich.
1.1.1 VondenWasserndesLebens
„DerhöchsteMenschwendetseinenGeistzurückzurEwigkeitundgenießtdieGeheimnisse desJenseits.EristwiedasWasser,dasfließt,ohneFormenanzunehmen.“ 4 (DschuangDsi:„DaswahreBuchvomsüdlichenBlütenland“)
Ich erwähnte bereits, dass das lebensspendende Wasser in allen Schöpfungsmythen und Kulturen fest verankert ist. Nach wie vor ist Leben von Wasser abhängig. Während ein großerLaubbaumandie100LiterWasserproTagbenötigt,brauchtdermenschlicheKörper im Vergleich sehr viel weniger Wasser um zu überleben, obwohl wir zu 60 Prozent aus Wasserbestehen.
WasseristkeinLebensmittelesistdasÜberlebensmittel.
Um es mit den Worten Sibylle Selbmanns zu formulieren: „Wasser heißt Leben.“ 5 Das feuchte Element ist die Voraussetzung für das Entstehen von Lebewesen sowie deren WachsenundGedeihen.
AlsstofflicheFormistWasser,greifbareMaterieunddochgestaltlosunddasobwohlesaktiv gestaltet im Kleinen wie im Großen. Betrachtet man die verschiedenen möglichen Aggregatzustände des Wassers so kann man das zwiespältige Geschöpf der Wasserfrau verstehen,welchessichimZustandständigerMetamorphosezubefindenscheint.
DaslebendigbewegteundakustischdurchRauschenwahrnehmbareWasserselbst,täuscht wahrhaftige Lebendigkeit vor, wie ein laut glucksendes lebhaft bewegtes Wesen von sprühender Vitalität. Dabei enthält es den Keim alle Keime, alle Anlagen und Kräfte um künftigesLebenzuerzeugen.
Ein weiterer Grund, warum zahllose Mythen Wasser als das LebensH oderH Wunderwasser preisen.SowirdesbereitsimindischenRigwedaalsherrlichesNassvonunverschmutzbarer
Reinheit gerühmt, welches Kraft und Leben schenkt. 6 Die meisten Völker verbinden das
WunderwassermitihrerVorstellungvomParadiesodergardemJenseits.Manerzähltsich vondreiGaben,dieesbesitzensoll;esheilt,verjüngtundermöglichtewigesLeben.
Früh wurden Utopien von idealen Gesellschaften aus dem nassen Reich erschaffen. Andererseits war es Grenze und gleichzeitig Übergang zwischen den Welten, der der LebendenundderderVerstorbenen.ImantikenÄgyptenverglichmandaseigeneLebenmit einemLebensstromähnlichdemlebensspendendenNil,derdasReichderTotendurchfloss und die Toten mit den Lebenden verbinden sollte. Eine ähnliche Vorstellung des Jenseits fandmanbeidenGriechen,dortschiedderStyx,alseinervonvielengöttlichenStrömen,die LebendenvondenToten. 7 AuchbeidenKeltenwurdedasLandderewigenJugenddurchein
großes Wasser von den Lebenden getrennt. Selbst die nordgermanische Weltenesche Yggdrasil schöpft ihre immergrüne Kraft aus dem niemals versiegenden Lebensbrunnen Urds. 8 Aus eben diesem schicksalhaften Brunnen schöpfen die Nornen Wasser, die als
ÄquivalentzudenSchicksalsweberinnenderGriechengelten.
In der Bibel steht der Baum des Lebens inmitten des paradiesischen Gartens. An diesem entspringt ein Strom der sichin vier weitere Ströme unterteilt: Geon,Phison, Euphrat und Tigris, die wiederum in alle vier Himmelsrichtungen fließen. Auf diese vier Ströme des ParadiesesbezogmaninfrühchristlicherZeitnichtnurdievierEvangeliensondernebenso dievierKardinalstugendenden. 9
Die enge Verbindung von dem Lebenswasser und dem Baum des Lebens wird offenbar, vergleichtmandiehieraufgeführtenSchöpfungsmythen.BeideLebenszeicheneinendiedrei o.g.Wundergaben.
Doch selbst dem Lebenswasser wohnen die zwei Seiten inne; ist es in seinen Oberflächen reinundungetrübt,sobirgtesinseinenTiefendenTod.
NichtminderwirddiewundervolleWirkungdesLebenswassersvondenDichterngerühmt. Im „Prolog im Himmel“ vergleicht Johann Wolfgang von Goethe die Verbindung des MenschenmitdemGutenundGöttlichenmitderNähezum„Urquell“. 10
ImMärchenistdaswunderbareWasserschwerzufindenundnurdurchschwerePrüfung, dieoftmalsmitLeideinhergeht,zuerlangen.NurdertugendhafteundtapfereHeldvermag es zu finden. In dem Märchen der Gebrüder Grimm „Das Wasser des Lebens“ muss der erkrankteKönigdurchdasWasserdesLebensvordemTodbewahrtwerden:
„EswareinmaleinKönig,derwurdekrank[…].ErhatteaberdreiSöhne,diewarendarüber betrübtundgingenhinunterindenSchloßgartenundweinten.Dabegegneteihneneinalter Mann[…].DerAltesprach:„IchweißeinMittel,dasistdasWasserdesLebens,wenner davontrinkt,sowirderwiedergesund.Esistaberschwerzufinden.““ 11
Ein weiteres Beispiel aus den Grimm´schen Märchen sind „JohannesH und CasparH Wassersprung“. Diese werden erst geboren, nachdem ihre königliche Mutter aus einer Quellemit„wunderbarenEigenschaften“getrunkenhatte. 12 DiebeidenJungenbesitzenseit ihrer Geburt sonderbare magische Eigenschaften und sehen identisch aus. Auch bei Frau HollefälltMariezuerstineinentiefenBrunnenumdannimHimmelzuerwachen.
DiehierangeführtenBeispielesindnureingeringerTeilderMythen,Sagen,Legendenund Märchen, ein unversiegbarer Strom von Geschichten, die sich um das Wasser des Lebens ranken.
Mir ist es sehr wichtig die Bedeutungsambivalenz des Wassers hervorzuheben, um diese später auf ein Weiblichkeitskonzept übertragen zu können. Dafür ist nicht nur das Wasser desLebensunentbehrlich,sondernebenfallsdasdesTodes.
1.1.2 VondenWasserndesTodes
„TiefeStilleherrschtimWasser,ohneRegungruhtdasMeer[…].
KeineLuftvonkeinerSeite!Todesstillefürchterlich! InderungeheurenWeiteregetkeineWellesich.“ 13
(JohannWolfgangvonGoethe:„Meeresstille“)
Die zerstörerische Kraft des Wassers ist uns ebenso bewusst, wie die lebensspendende. In uralten manifesten Menschheitsängsten begegnet sie uns immer wieder, ob im Traum, bildenderKunstoderLiteratur.WasseristeinedestruktiveElementargewalt.Wirwissenum diegroßenSchäden,dieWasserdurchWolkenbrüche,Gewitter,Hagelschläge,Hochwasser und Überschwemmungen, verursachen kann. Naturkatastrophen führen uns vor Augen zu welcherGewaltWasserfähigist.
HierwerdenmenschlicheUrängsteerneutheraufbeschworenundmobilisiert,sieresultieren aus vernichtenden Erfahrungen. Bereits im biblischen Mythos der Sintflut werden diese Ängste aufgegriffen, den Menschen bedrohend in Form eines Tod und Verderben bringendenWassers. 14
TrotzallemkannselbstderÜberschwemmungdiereinigendeWirkungnichtabgesprochen werden.DieSintflutreinigtvomBösenundbewahrtdasGute. 15 DasBildvonwunderbarer
ErrettungundNeubeginngehtHandinHandmitteuflischerZerstörungundErtrinken.
Das Wasser ist eine elementare, gewaltige und unbezwingbare Kraft, die ebenso fasziniert wie erschreckt. Denn nicht nur anhand von Sintfluten offenbart sich die Kehrseite des Wassers,bereitseineeinzigemächtigeWogeodereinStrudelgenügen,umeinenMenschen hinabindiedüsterenTiefendesMeereszuziehen.
DasTodeswasserscheintimkrassenKontrastzumheilendenWasserdesLebenszustehen und doch ist der Übergang fließend: Märchen, Mythen, Sagen und Legenden neigen zur
Polarisationundlassen dendualenAspektsehrdeutlichhervortreten.Alsverhängnisvolles Zauberwasser erscheint uns das Wasser des Todes. Eine lähmende, beklemmende, trübsinnige und bewegungslose Stille ist ihm zu Eigen, verbunden mit der Vorstellung von Dunkel,RuheundUnendlichkeit.
Im Gegensatz zum Wasser des Lebens ist es akustisch nicht wahrnehmbar. 16 Das Todeswasser lässt die Regungen unbewusster Tiefe erahnen. Es verschwimmt im Zwielicht derDämmerungzueinemabstrusenReichdestraumhaftenUnwirklichenunderscheintso offen,dasseigeneÄngste,AhnungenundAlpträumeGestaltannehmenkönnen.
Der Vorgang der Projektion setzt ein. Als Projektionen unserer eigenen Ängste und AlpträumetretenGestaltenausdenTiefendesdunklenWassershervorohnewirklichKontur anzunehmenundsiekönnenihrenSchöpferhinabzieheninBereiche,aufdiederklareund erhellendeTagkeinenZugriffmehrhat. 17
DasMotivdesdestruktivenWasserstauchtbereitsindenMenschheitsmythen,personifiziert in grausamen Wassergottheiten oder Seeungeheuern, auf. Deren archaische Mächte versuchte man durch Opfergaben zu besänftigen. So opferte man beispielsweise der blutrünstigen aztekischen Wassergottheit, Tlaloc, weinende Kinder um die Wasserreserven einergeheilgtenLagunezuregenerieren. 18
DieFurchtvorSeeHoderHMeeresungeheurenrührtzweifellosvonden,zurdamaligenZeit, undurchdringbar finsteren und mysteriösen Meerestiefen. Die intensive Erforschung der OzeanesetzteerstimvorangegangenenJahrhundertein,bisdahinbliebdemMenschendie Tiefsee mit all ihren Geheimnissen verschlossen. Wie alles Fremde, Geheimnisvolle und Unerklärliche erregte die Tiefsee im menschlichen Gemüt elementare Angst. Das SeeH ungeheueristAusdruckjenerÄngste,esversinnbildlichteinverschwommenes,trügerisches, fürdenMenschennichtgreifbaresGrauen,unterhalbderWasseroberfläche.
SchonzuZeitendesantikenDichtersOvidverliehmandiesemGrauenweiblicheAttribute,in derGestaltdesSeeungeheuersSkylla.EinsteineschöneNymphe,dievondereifersüchtigen CirceineinSeeungeheuerverwandeltwurde:
„ScyllaerschienundstiegbiszurMittedesLeibesinsWasser,
Alssiegewahr,wieihrSchoßentstelltvonbellenden,grausamenUngeheuern.“ 19
Von dieser Zeit an war Scylla dazu verdammt Schiffe ins Unglück zu stürzen. Tatsächlich spielt die Verwandlung der Scyllaeine gewisse Schlüsselrolle, die ich zu späterer Zeit noch genauerausführenmöchte,bisdahinseisiealsweiblichesMeeresungeheuererwähnt. EbensoberichtennordeuropäischeSagenvonschlangenähnlichenUngeheuern,derengiftige AusdünstungenmitVorliebegeheiligteWasserverdarben.
EinenbesonderenStellenwerthatdasTodeswasser,ebensowiedasWasserdesLebens,im Märchen. Oftmals verwandelte es in wilde Tiere oder ließ den Betroffenen in eine todesähnlicheStarreverfallen.ImGrimm´schenMärchen„BrüderchenundSchwesterchen“ trinktdasBrüderchenausübergroßenDurstausdem,voneinerHexeböseverwunschenen, Wasser:
„Damitlegtees(Brüderchen)sichnieder,beugtesichherabundtrank,undwiedererste TropfenaufseineLippengekommenwar,dalageinRehkälbchenandemBrünnlein.“ 20
DieVerwandlungineinwildesTierimplizierteinentriebhaftenKontrollverlust,denauchdas Brüderchen ereilen wird. Mehr und mehr wird der Junge zu einem wilden Reh, das seine menschliche Vergangenheit vergisst und der Schwester schließlich davon läuft. Hier verschwimmen die Grenzen erneut, das HervorHbrechen einer animalischen Triebnatur erschwertdieUnterscheidungvonMenschundTier.SobefindetsichauchdasBrüderchenin einemZwischenstadium,alsseinemenschlicheSeeleineinemRehkörpergefangenist,und erdemVerlangenseinesTierkörpersschließlichnachgebenmuss.
DiedunkleundgefährlicheSeitedesUnbewusstentritthervorundwirdfürdenMenschen unbeherrschbar. Der daraus resultierende Verlust des seelischen Gleichgewichts bedeutet nicht nur außerordentliche Gefahr für das Seelenheil selbst, sondern rückt sogar in Todesnähe. 21
Die Bedrohung lauert im Verborgenen und geht einher mit tödlicher Gefahr. So manchem Schwimmerwurdezuspätklar,dassdasElement,welchesinsoebennochtrug,nundabeiist ihnindieTiefezureißen.
Am gefährlichsten erscheint mir jedoch die verführerische Faszination, die vom Wasser ausgeht. Todbringende Tiefen, deren Echo in den brandenden Meereswellen als verlokH kenderGesangwiederzuhallenscheint.
So lässt auch William Shakespeare in der Tragödie des Hamlet, die an ihrem Unglück wahnsinniggewordene,Opheliaertrinken.EsisteineFormdesErtrinkens,diediedänische Prinzessin,beinaheinvölligerAbwesenheitdesSchreckens,einsmitderNaturwerdenlässt. Viel eher ein Hinübergleiten, ein Hinwegträumen, eingebettet in ein feuchtes Grab aus BlumenundglitzerndemSonnenlicht,welchessichimWasserbricht.Beinaheistesalsobsie ihrenTodsehnsuchtsvollträumenderwartet,alssichgegenihnzuWehrzusetzen.Ophelias Ertrinken ist die Auflösung im Wasser, ihre Leiden sind vorüber. Ihr einstiges Ich verschwimmt, wird konturlos, verbindet sich mit dem Wasser, dass die schöne Tote umfließt,eskehrtzurück.
Shakespeare verleiht dem Todeswasser Ophelias nicht nur eine verlockende, sondern vor allemeineerlösendeFunktion.MitdemTodwirdnunendlichdieSehnsuchtderleidenden Prinzessingestillt.
Die Kraft der Elemente, Sehnsucht, Verlockung, Leben und Tod vereinen sich in der Zwittergestalt der Wasserfrau. Doch zunächst will ich klären, wie die duale Bedeutsamkeit desWasserszurpersonifiziertenWeiblichkeitavanciert.
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Julia Kulewatz, 2009, „Von den Wasserfrauen – Weiblichkeit und Tod", Munich, GRIN Publishing GmbH
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Todos los colores del arco iris
Josu García Ugalde, Margarita Martín Jiménez, Inés Furlanetto
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