Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 3
II. Biographisches S. 4 - 5
III. Christenverfolger 6
IV. Missionsreisen S. 7 - 11
V. Römerbrief S. 12 - 14
VI. „Zweifrontenkrieg“ S. 15 - 17
VII. Resümee S. 18 - 19
VIII. Literaturverzeichnis S. 20 - 21
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I. Einleitung
Zwischen Judentum und Christentum liegt eine unüberbrückbare Scheidelinie - wo aber liegt sie genau? Bei den Judenpogromen des Mittelalters, im Holocaust - oder doch in der Antike bei Paulus, dem Völkerapostel und „ersten Christen“ 1 , der, um den Neuen Glauben vom Alten zu trennen, manch harsche Formulierung verwendete und möglicherweise das einleitete, was sich in der Synode von Jabne, der Enterbungslehre und dem „Oremus et pro perfidis Judaeis“ konsequent fortsetzte? Dabei sah Paulus sich selber als Judenchristen, Vollender des jüdischen Glaubens und keineswegs als Apostat, und er hat auch nicht - wie die evangelische Theologie ihn nach wie vor hauptsächlich deutet - durch den Gegensatz von „Gesetz“ und „Evangelium“ die Tora diskreditiert. Denn von vielen Gedankenkonstruktenetwa die Logos-Vorstellung oder das Menschensohn-Konzept - hat sich das rabbinische Judentum erst abgesondert, als das Christentum darauf souveräne Identität gründete. Vorher aber gab es mannigfache theologische und spirituelle Kontakte zwischen Juden und Christen. Nun muss natürlich die Frage lauten: Hat Paulus als ‚erster‘ Christ den Kontakt gefördert oder gehemmt? Von jüdischer Seite ist die Antwort eindeutig: Paulus hat mit seiner Polemik gegen die ‚Werke des Gesetzes‘, seiner Rechtfertigungslehre und seiner Öffnung der Heilsbotschaft für die ‚Heidenchristen‘ den jüdischen Grundkonsens verlassen. 2 Auf Christenseite dagegen spielt das Sprichwort vom Saulus zum Paulus eine große Rolle - und stimmt es denn nicht? Hat denn der ‚Hellenisator‘ nicht selbst mit dem Judentum biographisch gebrochen, indem er vom Verfolger des neuen Glaubens zu dessen Apostel unter den Völkern, zum eigentlichen Vorbereiter der Universalisierung des Christentums wurde? 3 Hat er nicht gegen die jüdische ‚Gesetzesreligion‘ polemisiert und die ‚Gnadenreligion‘ gelehrt? Schlägt man sich auf die Seite der Klassiker, müsste man jedenfalls so argumentieren. Ferdinand Christian Baur setzte Paulus als die ‚Antithese‘ zum Judentum und William Wrede nannte ihn gar den ‚zweiten Stifter‘ des Christentums, der mit seiner Rechtfertigungslehre als ‚Kampfeslehre‘ dem jüdischen Einfluss in der christlichen Lehre einen Riegel vorsetzte. 4 Die Frage ist nun, ist das eine nur um den Preis des anderen zu haben? Unter anderem sei es Aufgabe der Seminararbeit dies zu erörtern.
1 Siehe dazu Nietzsche, F.: Morgenröte. Gedanken über die moralischen Vorurteile. In: Gesammelte Werke. Hg. von Peter Pütz. Bd.4. F/M 1994. 68. Aphorismus: „Dies ist der erste Christ, der Erfinder der Christlichkeit! Bis dahin gab es nur einige jüdische Sektirer“ Allerdings hat nach Nietzsches' Ansicht Paulus die ‚Frohe Botschaft‘ der reinen Lebenspraxis in die allerschlimmste verkehrt und so den Erlöser wirklich ans Kreuz geschlagen.
2 Vgl. Ben-Chorin, S.: Paulus. Der Völkerapostel in jüdischer Sicht. Gütersloh 2006.
3 Vgl. Brown, R. E. The Church the Apostles left behind. Chapman 1984.
4 Der letzte große Versuch, die paulinische ‚Antithese‘ neu zu formulieren, war von Rudolf Bultmann.
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II. Biographisches
Jede Paulusbiographie muss stillschweigend davon ausgehen, dass es trotz des riesigen Zwischenraums von zwei Jahrtausenden angängig ist, sich Paulus in historisch-kritischer Rekonstruktion zu nähern. Paulus ist gewiss einer der einflussreichsten Theoretiker des Abendlandes und der tragende Pfeiler der christlichen Kirche - seine Person steht im Mittelpunkt eines knappen Drittels des gesamten Neuen Testaments. Folgerichtig wurden ganze Bibliotheken über ihn zusammengeschrieben, und dabei sind es vor allem zwei Quellen, die über Person, Wirken, Denken und Empfinden des Apostels Auskunft geben: die recht tendenzielle Apostelgeschichte und die paulinischen (nur zum Teil authentischen) Briefe an die Christengemeinden, die viel vom Wesen ihres Verfassers preisgeben, da sie zeit- und situationsbedingt sind, denn planmäßig-systematische Theologie wurde von ihm so gut wie nie betrieben. 5
Geboren wurde Paulus um 10 nach Christus in Tarsus 6 in Sizilien als Sohn wohlhabender, das Bürgerrecht innehabender Juden. 7 Er wuchs damit in zwei Welten auf: einerseits griechische Sprache, Theater, Philosophie 8 - andererseits Gamaliel, der den Glaubenseifer des Jung-Pharisäers (allerdings in Jerusalem) weckte.
Als im Jahre 32/33 nach Christus Stephanus den Märtyrertod erlitt, war Paulus mit
dabei; so jedenfalls berichtet es die Apostelgeschichte: „Alle miteinander stürzten sich auf ihn und schleppten ihn vor die Stadt, um ihn zu steinigen. Die Zeugen legten ihre Kleider vor zu Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß. So steinigten sie Stephanus [...] Saulus aber war völlig einverstanden mit dieser Hinrichtung”. 9 Dann kommt die Wende im sprichwörtlichen ‚Damaskuserlebnis‘ und aus dem emsigen Verfolger der Anhänger des Jesus von Nazareth wird ein glühender Verehrer und Verkünder des Auferstandenen, ein
5 Darüber lässt sich natürlich wiederum diskutieren - werden doch seine Briefe zunehmend als durchkomponierte Schriften im Stil antiker Reden verstanden. Allerdings lässt sich auch sagen, dass Äußerungen des Paulus, aus deren verzerrender Aneignung große Schuld gegenüber dem Judentum entstanden ist, häufig in bedrängter Lage geschrieben wurden, also in Situationen, in denen Paulus in gespanntem Zwist seine Berufung und seine persönliche Autorität gegen unbekannte Gegner verteidigen musste. In ihnen treten harsche Abgrenzung, Ermahnung und wortgewaltige Rechtfertigung an die Seite gepredigter Gotteserfahrung und Nächstenliebe.
6 So schreibt jedenfalls die Apg. - Paulus selbst schreibt nie von Tarsus.
7 Vgl. dazu Stegemann, W.: War der Apostel Paulus ein römischer Bürger? In: Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft 78 (1987). S. 200-229.
8 Zwar waren dem Kontakt zu Griechen gewisse Schranken auferlegt, und das Studium griechischer Klassiker fand im Umkreis des jungen Paulus (Zeltmacher!) sicherlich nicht statt. Doch empfing er eine durch das hellenistische Judentum vermittelte Grundschulbildung, die den Unterricht in der griechischen Sprache einschloss.
9 Siehe Apg 7,58 ff .. Im Auftrag der Sadduzäer soll Paulus seine Steinigung beaufsichtigt und danach eine „große Verfolgung“ der Jerusalemer Urchristen eingeleitet haben (vgl. Gal 1,13f/1. Kor 15,9).
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„Knecht Jesu Christi”. 10 Paulus also macht sich an die Aufgabe des Völkerapostels - der Glaubenseifer bleibt der gleiche, nur wirkt er jetzt für die andere Seite. Kurz nach der ersten Missionsreise werden aber noch klare Verhältnisse geschaffen, was die Missionierung angeht: In Jerusalem tagt das Apostelkonzil 11 , auf dem das Problem der Freiheit des neuen Glaubens gegenüber der Tradition vorchristlicher Offenbarung behandelt wird. Konkret heißt das: ‚Muss man als Heide zuerst Jude werden, die ganzen jüdischen Gesetze übernehmen, um dann Christ werden zu können, oder wird man doch durch Glaube und Taufe Christ.‘ 12 Die Entscheidung war eindeutig und die Beschneidung wurde als entbehrlich fallen gelassen - ein Schiedsspruch, der das weitere Wirken des Paulus erst ermöglichte 13 und dem Christentum eine unglaubliche Potentialität einräumte. 14 Der Jerusalemer Kompromiss jedoch hielt nicht lange. Schon 48/49 n. Chr. brach die Kontroverse zwischen den Gruppierungen in Antiochien erneut auf. Paulus konnte seine „gesetzesfreie“ Position nicht durchzusetzen, und über dem Konflikt bezüglich der Mahlgemeinschaft zerbrach nicht nur die Gemeinschaft zwischen Juden- und Heidenchristen, sondern auch die Partnerschaft zwischen Paulus und Barnabas. Paulus trennte sich von Antiochien und begann etwa 48/49 n. Chr. seine selbständige Mission unter den Heiden. 15
10 Siehe Röm. 1,1.
11 Berichte über das Konzil finden sich zum einen im Galaterbrief (2,1-10) und zum anderen in der Apostelgeschichte des Lukas (Kapitel 15), entstanden um 90. Beide Briefe widersprechen sich zuweilen, so dass die Theorie aufkam, dass es möglicherweise 2 Treffen gab. Vgl. dazu Zeigan, H.: Aposteltreffen in Jerusalem. Eine forschungsgeschichtliche Studie zu Galater 2,1-10 und den möglichen lukanischen Parallelen. Leipzig 2005.
12 Siehe dazu Bornkamm, G.: Paulus.Stuttgart 1993. S. 55: „Für die noch streng an das Gesetz gebundene Urgemeinde stand mit der Beschneidungsforderung nichts Geringeres als die leibhaftige Kontinuität der Heilsgeschichte auf dem Spiel und damit die Frage der Legitimation ihres Anspruchs, das wahre Israel zu sein im Gegensatz zu den Jude, die ihren eigenen verheißenen Messias-König verworfen hatte“. Siehe auch Jeremia 9,24 - der Prophet nennt Israel ein „unbeschnittenes Volk“ - d.h. es ist ein heidnisches Volk; dagegen ist das „Volk Gottes“ beschnitten!
13 In der Mission sollten die Jerusalemer für die Juden, Paulus und Barnabas aber für die Heiden zuständig sein. Wichtiger als diese auslegungsbedürftige Regelung war die Tatsache der Übereinkunft an sich. Denn damit war vorläufig die Einheit der Kirche gerettet, und um diese war es vor allem Paulus zu tun.
14 Vgl. Stemberger, G.: Pharisäer, Sadduzäer, Essener. Stuttgart 1991.
15 Vgl. Folker, S.: Das Judenchristentum in der Antike. Ein neuer Ansatz zu seiner Erforschung. In: Grenzgänge. (s.u. C: Münsteraner Studien, Bd. 11). 2002. S. 117-128.
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III. Christenverfolger
Eines vorweg - Paulus war kein Christenverfolger im römischen Sinn, sondern ist mit Maßnahmen körperlicher Gewalt im synagogalen Bereich gegen andere nicht
gesetzeskonforme jüdische Hellenisten vorgegangen, die ihn als „Eiferer für das Gesetz“ 16 mit einem bestimmten auf ihrem Glauben an Jesus gründenden Verhalten zu diesem Vorgehen reizten. 17 Seine Zielgruppe waren also jene hellenistischen Judenchristen, die in der jüdischen Diaspora missionierten und dabei neugetauften Heidenchristen die fernerhin nachdrückliche Befolgung der Tora erleichterten, indem sie z.B. auf die Beschneidung verzichteten. Auf diese Weise folgte Paulus einer energischen rabbinisch-pharisäischen Tradition, die dazu verpflichtet, sich unter Zuhilfenahme aller Mittel gegen Landsleute zu wenden, die durch Vermengung mit Fremden Eigenheiten der jüdischen Lebensart aufgeben und damit Jahwe freveln - sprich eine Verletzung jüdischer Integrität und die Aufgabe jüdischer Identität. Denn, da diese Eigenheiten unmittelbar auf göttlichen Geboten gründen, wurde ihre Aufgabe dementsprechend als willentlicher Abfall von Gott gewertet. So auch im Fall Stephanus, dem Paulus wohl im Auftrag des Sanhedrin zur ersten Märtyrerkrone überhaupt verhalf - wiewohl es von Forscherseite umstritten ist, ob der Hohe Rat innerhalb römischer Jurisdiktion so weitreichende Kompetenzen überhaupt hatte. 18
Paulus selbst äußert sich zu dem konkreten Fall nicht, betont aber, dass sein Operationsgebiet außerhalb Judäas lag. 19 Nachdem er durch die Erfahrung bei Damaskus zu der Überzeugung gekommen ist, dass die Dissidenten im Recht sind, propagiert er genau das, was er vorher bekämpft hat - aber nicht in einer geistigen 180 Grad-Wende als Christ 20 , sondern in einem quasi ‚korrigierten‘ Judentum - denn seinem eigenen Selbstverständnis nach bleibt er weiter Jude - jedoch nicht der pharisäischen Richtung, sondern der messianischen angehörend. 21
16 Siehe Gal 1,14. Vgl. auch Phi 3,6.
17 Er steht damit in einer Tradition, die sich auf Pinhas zurückführt, der nach 4. Mose 25 für Gott „eiferte“, indem er mit tödlicher Gewalt gegen einen Landsmann vorging, den er durch Verbindung mit einer Fremden zum Götzendienst abfallen sah. Diese Tradition bildete sich am Beginn des makkabäischen Freiheitskampfes im 2. Jahrhundert v. Chr., als traditionsbewusste Juden gewaltsam gegen ihre sich hellenisierenden Landsleute vorgingen (1. Makkabäer 2,15-28).
18 Normalerweise wurde die synagogale Prügelstrafe angewandt: „die Vierzig weniger einen“. Siehe dazu 2. Korinther 11,24.
19 Siehe Gal 1,18.22.
20 Prof. Oberlinner sprach jedoch im Rom-Jerusalem Vortrag von solch einer Wende.
21 Phi 3,5: „ (…) aus dem Volk Israel, vom Stamme Benjamin, ein Hebräer von Hebräern(…).“
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Arbeit zitieren:
David Liebelt, 2007, Paulus und das Judentum, München, GRIN Verlag GmbH
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